Das alte Dorpat 1889

Tartu in Fotografien des Ateliers Carl Schulz
Aus der Mappe „Erinnerung an Dorpat 1889“ zeigt die Ausstellung Originale und vergrößerte Repliken. Die visuellen Zeugnisse lassen die gemeinsame deutsch-estnische Vergangenheit lebendig werden.
Im Jahr 1889 wurde zur Erinnerung an das Dorpater Lehrerseminar eine einmalige Mappe zusammengestellt. Sie enthält 61 Fotografien, die in Sepia-Tönen Aufnahmen der Stadt Dorpat/Tartu zeigen. Es sind Ansichten von Straßen, Menschen, Häusern, Kirchen, Brücken und Denkmälern. Sie zeigen den Fluß Embach/Emajögi, der das Stadtbild prägt, den Domberg und das „Heidelberg des Nordens“ – die zu diesem Zeitpunkt noch deutschsprachige Universität Dorpat. Als herausragende Bildungseinrichtung zwischen West und Ost wurde sie 1893 zur „Kaiserlichen Universität Jurjew“ und ist zugleich Geburtsort der estnischen und lettischen Nationalbewegung im russischen Zarenreich, zu dem Dorpat als Teil des Ostseegouvernements Livland damals gehörte. Die Stadt hatte zur Zeit der Aufnahmen ca. 36.000 Einwohner. 1881 machte der Anteil der Esten schon um die 55 Prozent aus, der der Deutschen 35 Prozent, Tendenz fallend. Die Bilder dokumentieren also auch eine Stadt im Umbruch. Die frühen Aufnahmen der Stadt Dorpat wurden vom Fotoatelier Carl Schulz gefertigt. Der gleichnamige Gründer brachte sein Geschäft durch innovative Fototechniken in den 1870er Jahren voran. Insbesondere seine Hinwendung zur Architektur- und Landschaftsfotografie machte sein Atelier über seinen Tod 1884 hinaus zum führenden Anbieter von Stadtansichten in Dorpat.
Unter seinem Sohn Arthur, der 1886 erneut in Dorpat eine Filiale des mittlerweile nach Riga verlegten Firmensitzes eröffnete, erfolgte eine fotografische Erneuerung des Ansichten-Sortiments. Es darf vermutet werden, dass er der Fotograf vieler Aufnahmen aus der hier gezeigten Mappe „Erinnerung an Dorpat 1889“ ist, selbst wenn einige der darin enthaltenen Motive schon 1871 in den Werbeanzeigen des Ateliers angeboten wurden und somit von seinem Vater sein könnten. Das Atelier spielte für die Geschichte der Fotografie Estlands eine herausragende Rolle. Von allen Fotogeschäften des Landes wurde es am längsten unter einem Namen geführt. Es existierte von 1857 bis 1935 und erlebte den offiziellen Wechsel der Städtenamen von Dorpat zu Jurjew und schließlich zu Tartu mit.

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