Aus der Fremde borgen, was auf der heimischen Flur noch nicht wächst

Literarische Übersetzung und Konkurrenz um die estnischen Leser im 19. Jahrhundert
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Im 19. Jahrhundert galt die estnische Unabhängigkeit als illusorisch. Doch gerade im scheinbar unpolitischen Feld der literarischen Übersetzung entbrannte ein Streit um kulturelle Selbstbestimmung. Zwischen deutschbaltischem Einfluss und estnischem Aufbruch entstand eine neue Lesekultur.
In der Mitte des 19. Jahrhunderts schien eine estnische Unabhängigkeit in den damaligen Ostseeprovinzen des 
Russländisches Kaiserreich
rus. Российская империя, rus. Rossijskaja imperija, eng. Russian Empire, deu. Russisches Zarenreich, rus. Всероссийская империя, rus. Wserossijskaja imperija, deu. Kaiserreich Russland, deu. Russisches Kaiserreich, deu. Russisches Reich, deu. Russländisches Reich

Das Russländische Kaiserreich (auch Russisches Reich, Russisches Kaiserreich oder Kaiserreich Russland) war ein von 1721 bis 1917 existierender Staat in Osteuropa, Zentralasien und Nordamerika. Das Land war Mitte des 19. Jahrhunderts das größte zusammenhängende Reich der Neuzeit. Es wurde nach der Februarrevolution im Jahr 1917 aufgelöst. Der Staat galt als autokratisch regiert und wurde von ungefähr 181 Millionen Menschen bewohnt.

 absolut unrealistisch. Das gesellschaftliche Leben war politisch durch den deutschbaltischen Landadel und intellektuell durch den deutschbaltischen Literatenstand geprägt. Die Spielregeln des gesellschaftlichen Miteinanders wurden von der russischen Zentralmacht vorgegeben. Die estnische gebildete Elite umfasste zu dieser Zeit etwa 30 bis 40 Personen. Von ihnen war aber nur etwa die Hälfte an den Anfängen des estnischen Emanzipationsprojekts beteiligt. Aus der Sicht der frühen estnischen Intellektuellen war die Lage so trist, dass sie befürchteten, in 100 Jahren werde es lediglich Halb-Esten geben, die in der russischen und deutschen Kultur aufgegangen seien, wie der Autor des estnischen Nationalepos „Kalevipoeg“ Friedrich Reinhold Kreutzwald Friedrich Reinhold Kreutzwald Friedrich Reinhold Kreutzwald (1803–1882) war ein estnischer Arzt, Schriftsteller und Volkskundler. Er gilt als Begründer der estnischen Nationalliteratur. Nach seinem Medizinstudium in Dorpat (heute Tartu) arbeitete er über vier Jahrzehnte als Stadtarzt in Võru. Berühmt wurde er vor allem als Verfasser des estnischen Nationalepos „Kalevipoeg“, das auf Volkssagen und Liedern basiert. Mit seinen Märchen, Gedichten und kulturpolitischen Aktivitäten prägte er die estnische Nationalbewegung des 19. Jahrhunderts nachhaltig. (1803–1882) im Jahr 1863 an seinen deutschbaltischen Zeitgenossen, den Estophilen Georg Julius von Schulz (1808–1875), schrieb. 
 
Und doch wurde gerade in dieser Zeit ein entscheidender Streit um die Zukunft der estnischen Emanzipation ausgefochten, und zwar auf dem Feld der literarischen Übersetzung. Diese scheinbar so unpolitische und harmlose Tätigkeit wurde zu einem Politikum. Die heute so zentrale Frage der Aufmerksamkeit des Publikums war auch in dieser Phase, als sich eine Leserschaft estnischsprachiger Texte herausbildete, wichtig. Um die Position der Influencer bewarben sich damals deutschbaltische Pastoren und die ersten estnischen Muttersprachler, die mit literarischen Übersetzungen vor die Leser traten.

Volksaufklärung wird zur Contra-Aufklärung

Zu dieser Zeit wandelte sich die Volksaufklärung, sowohl in deutschen Ländern wie auch in den russischen Ostseeprovinzen in ihr Gegenteil. Grund hierfür war, dass die bäuerliche Zielgruppe leichtere Unterhaltung suchte und weniger die moralisch-sittliche Lektüre. Deutschbaltische Übersetzer, deren Hauptmotivation die Erziehung des Publikums war, nahmen die Position der Torhüter ein. Sie versuchten, mit Hilfe erzieherischer Fabeln, Kalendergeschichten und Adaptationen deutscher Volksliteratur eine estnische Leserschaft heranzubilden. Die unter der deutschsprachigen Leserschaft beliebten Räubergeschichten wurden in dieser Phase von den Esten noch ferngehalten. Unter diesen Akteuren gab es durchaus unterschiedliche Figuren. Übersetzer wie Franz Heinrich Wilberg (1814–1866), Heinrich Nieländer (1815–1905) oder Carl Körber (1802–1883) mögen ihre Rolle selbst durchaus als fortschrittlich gesehen haben, richtig angenommen wurden ihre Texte jedoch nicht.

Die erste estnische Zeitung und die Leserevolution

Eine wirkliche Leserevolution bewirkte erst der estnische Autodidakt Johann Voldemar Jannsen Johann Voldemar Jannsen Johann Voldemar Jannsen (1819–1890) war ein estnischer Journalist, Lehrer, Schriftsteller und eine Schlüsselfigur des estnischen Nationalen Erwachens. Mit der von ihm gegründeten Zeitung „Perno Postimees“ schuf er die erste regelmäßig erscheinende estnischsprachige Zeitung und stärkte das nationale Selbstbewusstsein der Esten. Er initiierte 1869 das erste estnische Sängerfest und verfasste den Text des Liedes „Mu isamaa, mu õnn ja rõõm“, das später zur Nationalhymne Estlands wurde. Seine Arbeit prägte die estnische Kultur und Identität nachhaltig. (1819–1890), der Gründer der ersten estnischen Zeitung „Perno Postimees“ (dt. Pernauer Postbote, seit 1857). Seine ersten Übersetzungen waren ebenfalls moralisch-erzieherischen Inhalts, doch durch eine sehr starke Adaptationstechnik und volkstümliche Sprache gewann er bereits mit seinen ersten Texten die Herzen der estnischen Leser. Später folgten etliche andere Textsammlungen mit weltlichen wie geistlichen Geschichten, die vom Publikum sehr gern angenommen wurden. Und mit der Geburtsstunde seiner Zeitung wurde eine Lesekultur geschaffen, die eine der entscheidenden Vorstufen einer imagined community bildete. Nun wusste ein Zeitungleser, dass er etwas tat, was andere ihm Gleichgesinnte ebenfalls taten. Und dies schuf ein Gefühl der Gemeinsamkeit. Die Zeitung „Perno Postimees“ bezog ihre Texte aus den im 
Baltikum
eng. Baltics, lat. Balticum, deu. Baltische Staaten, deu. Baltische Provinzen

Das Baltikum ist eine Region im Nordosten Europas und setzt sich aus den drei Staaten Estland, Lettland und Litauen zusammen. Das Baltikum wird von knapp 6 Millionen Menschen bewohnt.

 erscheinenden deutschsprachigen Zeitungen, adaptierte, kürzte und ergänzte sie aber stark. Auch die Illustration auf dem Titelblatt der estnischen Zeitung hatte eine deutsche Vorlage und verjüngte den auf dem Titelblatt des „Schwarzwälder Boten“ abgebildeten Postboten.

Der Autor des estnischen Nationalepos „Kalevipoeg“ Friedrich Reinhold Kreutzwald als Übersetzer

In dieser Zeit war auch der intellektuellere und gebildetere grand old man der estnischen Literatur tätig, der oben bereits erwähnte Friedrich Reinhold Kreutzwald. Er wurde als Sohn leibeigener estnischer Bauern geboren, schaffte es aber, an der Universität 
Tartu
deu. Dorpat, rus. Дерпт, rus. Derpt, rus. Юрьев, deu. Dörpt, rus. Ûrʹev, lat. Tharbete, lat. Darbete, lat. Tharbatum, lat. Tharbatas, rus. Gurʹev, rus. Гурьев, est. Tarto, est. Tardo, deu. Tarto, deu. Darbt, lat. Tarbato, lat. Tharbatense, rus. Тарту, rus. Tartu, lat. Tarbatu

Tartu (Bevölkerungszahl 2025: 96.506) ist die zweitgrößte Stadt Estlands. Sie liegt im Südosten des Landes und damit im Norden der historischen Landschaft Livland. Tartu liegt nahezu mittig zwischen den beiden größten Seen des Landes, dem Võrtsjärv (Wirzsee) und dem Peipussee, den sich Estland mit der Russischen Föderation teilt.

Tartu ist seit Jahrhunderten ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt und ein traditionsreiches Bildungszentrum. Berühmt ist sie für ihre 1632 und damit noch unter schwedischer Herrschaft gegründete Universität. Sie ist bis heute die größte Universität Estlands und Mitglied der Coimbra-Gruppe, einem Netzwerk besonders traditionsreicher und international herausragender europäischer Universitäten. Gleichzeitig ist Tartu auch Standort zahlreicher Museen, darunter des Estnischen Nationalmuseums und des Estnischen Literaturmuseums.

 ein Medizinstudium abzuschließen. Nach dem Studium war Kreutzwald im südestnischen  als Arzt tätig und beschäftigte sich in seiner Freizeit mit literarischer Übersetzung und mit estnischer Volkslyrik. Seine übersetzerische Tätigkeit zielte auf den Publikumserfolg, aber auch darauf, Estnisch als anspruchsvolle Bildungssprache weiterzuentwickeln. Die Qualität seines literarischen Ausdrucks brachte ihm eine Sonderrolle unter den Übersetzern der Zeit ein. Kreutzwald übersetzte Volksbücher wie die rührende „Geschichte von der heiligen Pfalzgräfin Genoveva“ von Gotthard Oswald Marbach (1838), dessen Original auch in Deutschland eine große Popularität erlangt hatte. Doch verminderte Kreutzwald die darin geschilderte Hexerei und rationalisierte die Handlung durch Kürzungen, Fußnoten und Übersetzerkommentare. Eine weitere frühe Übersetzung von Kreutzwald war Gottfried August Bürgers Ballade „Lenore“ (1774), die 1851 als textnahe estnische „Lenora“ erschien und eine neue Stufe der literarischen Übersetzung erreichte.

Die Dominanz der deutschen Sprache

Bei den übersetzten literarischen Texten dominierte Deutsch als Ausgangssprache klar über alle anderen Sprachen in der Region (siehe Grafik). Gegen Ende des 19. Jahrhunderts hatten sich die Literaturübersetzungen ins Estnische vervielfältigt und die Palette der Ausgangssprachen hatte sich erweitert. In der Mitte des Jahrhunderts hat die aufkommende estnische Bildungselite jedoch primär auf Deutsch gelesen und geschrieben. Friedrich Reinhold Kreutzwalds deutschsprachige Briefe und Johann Voldemar Jannsens deutschsprachiges Diarium sind Beispiele dieser bilingualen Kultur. 
Bei dem Vorhaben, eine kritische Masse an Lesetexten auf Estnisch zu schaffen, war es nur natürlich, dass auf deutsche Texte zugegriffen wurde. Es findet sich hier die häufig zitierte These des Kulturtheoretikers Itamar Even-Zohar bestätigt, dass Kulturen ihre Lücken mit Übersetzungen füllen1. Doch diese universale Kulturtechnik des Übersetzens rief unter den deutschbaltischen Zeitgenossen Kritik hervor. Da die Deutschbalten die Emanzipationsbestrebungen der Esten mit Misstrauen verfolgten, belächelten sie die mangelnde Originalität der estnischen Intellektuellen. Georg Julius von Schultz, der in den 1830er Jahren noch mit zündenden Reden zu einer Stärkung des Estentums aufgerufen hatte, veröffentlichte 1866 die kritische Textsammlung „Peegli-pildid“. Darin wirft er den Esten vor, alles was sie hätten, käme von den Deutschen; er belächelt die gebildeten Esten, die denken würden, mit ihrem bisschen Bildung wären sie nun wie Deutsche.
Kreutzwalds Antwort auf derlei Angriffe lautete: „Wo sollte ein rohes, ungebildetes Volk die Civilisationsmuster anders hernehmen als von einem Culturvolke? Und dürfen wir jenes darum verdammen, wenn es aus der Fremde dasjenige borgen geht, das auf der heimischen Flur noch nicht wächst? Schlimmer, ja tadelnswerth wäre die Sache, wenn ein kleines Völkchen unabhängig eine extravagante selbstständige Culturentwickelung versuchte.“ (1868)2
Diese Vorwürfe und Rechtfertigungen markieren das Ende eines Dialogs zwischen der deutschbaltischen und der estnischen intellektuellen Elite auf dem Feld der literarischen Übersetzungen.

Die neue Generation der estnischen Übersetzer

Ab den 1870er Jahren gab es kaum noch deutschbaltische Übersetzer ins Estnische. Die estnischen Muttersprachler hatten die Aufgabe nun vollends übernommen. Die Russifizierungspolitik des Zarenreichs und die besseren Sprachkenntnisse junger Esten hatten unter anderem zur Folge, dass mehr aus dem Russischen übersetzt wurde. Langsam, mit dem Aufkommen neuer Generationen, kamen aber auch neue Kulturkreise wie Finnland und Ungarn als Objekte des übersetzerischen Interesses hinzu. Damit hatte die deutsche Kultur und Sprache ihre wichtige Funktion als Geburtshelferin der modernen estnischen Kultur erfüllt. Die deutsche Literatur blieb sogar noch bis zur Umsiedlung der Deutschbalten eine bedeutende Ausgangsliteratur für estnische literarische Übersetzungen, aber nur noch als eine unter vielen anderen. 
Die Arbeit an diesem Artikel wurde unterstützt vom Estnischen Wissenschaftsfonds im Rahmen des Projekts Translation in History: Estonia 1850–2010: Texts, Agents, Institutions and Practices. PRG1206.

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