Dialoge des baltischen Adels in der Frühen Neuzeit

,
DOI:
Das nicht zuletzt von der Literatur beförderte Bild des baltischen Gutsherrn, der seine Bauern wie Sklaven behandelte, steht der Frage nach dem Gespräch des Adels mit Nicht-Adeligen deutlich im Weg. Geben die historischen Quellen ein anderes Bild?

Adel und Dialog

Der Dialog Dialog Ein ‚Dialog‘ kann entweder eine von zwei Personen abwechselnd geführte Rede und Gegenrede oder auch Wechselrede (im Gegensatz zum Monolog) sein oder ein Gespräch, das zwischen zwei Gruppierungen geführt wird, um sich und die gegenseitigen Standpunkte kennenzulernen. Diese „Grundform menschlichen Miteinanders“ ist eine kommunikative Verständigungshandlung, wie das Historische Wörterbuch der Rhetorik noch weitergehend definiert.  von einzelnen oder mehreren Personen als Rede und Gegenrede kann in der Frühen Neuzeit nicht ohne Beachtung der Gesellschaftsordnung jener Zeit betrachtet werden, denn jede einzelne Person war in ihrem Stand fest verankert. Die ständische Ordnung legte nicht nur den grundsätzlichen Rang jeder Person fest, sondern gab auch vor, wie man sich zu verhalten hatte, insbesondere in der Interaktion mit Personen aus anderen Ständen. Insofern ist der Dialog in der Frühen Neuzeit immer viel stärker reglementiert als es heute der Fall ist.
Der Adel besaß als privilegierter und höchster Stand insofern auch im Gespräch eine größere Macht, wenn er mit anderen Ständen sprach. Auf der ständischen Grundlage konnte ein Adeliger folglich einen solchen Dialog wesentlich bestimmen. Doch innerhalb der ständischen Vorgaben, die gewissermaßen den Rahmen bildeten, gab es viele weitere Faktoren, so dass letztlich die konkrete Situation entscheidend war, die natürlich auch zu Ungunsten eines Adeligen ausfallen konnte. So war es ja durchaus möglich, dass ein Adeliger oder sein Dialogpartner – wenn wir im Bild bleiben – „aus dem Rahmen fiel“, also die Vorgaben außer Acht ließ oder bewusst überschritt und verletzte.
Vor dem Hintergrund dieser ständischen Voraussetzung geht es darum, die Verständigungskonstellationen und die konkreten Formen von Dialogen des Adels zu finden, um die Rolle des Adels in der Literatur besser verstehen zu können. Wie also redete der Adelige, insbesondere mit Personen aus anderen Ständen?

Der literaturgeschichtliche Hintergrund

In den 
Baltikum
eng. Baltics, lat. Balticum, deu. Baltische Staaten, deu. Baltische Provinzen

Das Baltikum ist eine Region im Nordosten Europas und setzt sich aus den drei Staaten Estland, Lettland und Litauen zusammen. Das Baltikum wird von knapp 6 Millionen Menschen bewohnt.

 entwickelte sich im Laufe des 18. Jahrhunderts eine überaus starke Präsenz des Adels in der deutschsprachigen Literatur. Eine zunehmende Anzahl von Autoren und vor allem Autorinnen war adelig, was sich dann bis in das 20. Jahrhundert hinein tendenziell noch verstärkte. Doch in der späthumanistischen literarischen Kultur des 16. und 17. Jahrhunderts war dies offenbar noch anders, so dass von einem literarischen Wandel im Baltikum gesprochen werden muss.
Zu berücksichtigen ist dabei immer, dass die Mehrheit der Bevölkerung vor allem auf dem Lande nicht deutschsprachig war. Esten, Letten, Liven und Finnen, die zeitgenössisch als „Undeutsche“ bezeichnet wurden, stellten den größten Anteil der unteren Stände. Sie waren bis ins 18. Jahrhundert hinein ganz wesentlich illiterat, konnten also weder lesen noch schreiben. Dies war grundsätzlich kaum anders als in deutschen Landen, wobei auch dort auf große regionale Unterschiede zu achten ist.1
Erst am Ende des 17. Jahrhunderts wurde das Volksschulwesen in den baltischen Landen verbessert, so dass dann allmählich größere Teile der Landbevölkerung alphabetisiert wurden und Schulbildung erhielten, wohlgemerkt in ihrer Sprache. Währenddessen entwickelte sich innerhalb der deutschen Oberschicht und in enger Verbindung zu den Zentren in deutschen Landen ebenfalls die sogenannte „Leserevolution“.2
Dies betraf zunächst jedoch keineswegs den Adel als Stand. Es gibt berühmte Klagen über das mangelnde Interesse am Lesen; noch in den 1780er Jahren wurde über den kurländischen Landadel geschimpft, der das Lesen verabscheute und stattdessen der Jagd anhing.3 Diese aufklärerische Kritik darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass gerade in der Aufklärung eben einige namhafte Adelige sich durchaus der Literatur und auch der Kunst zuwandten. Und diese sind es offenbar dann, die mit ihren Familien dem literarischen Wandel zum Durchbruch verhelfen. Dabei spielen die adeligen Frauen und Töchter eine beachtliche Rolle. Geselligkeit, Salonkultur und Theater sind einige Stichworte jener neuen literarischen Kultur, wohlgemerkt in deutscher Sprache.
Für das 16. und 17. Jahrhundert gelten jedoch andere Rahmenbedingungen. Freilich sind aus dieser Zeit kaum baltische literarische Texte überliefert, die in größerem Ausmaß Dialoge bieten, so dass der Blick – wie für die Frühe Neuzeit üblich – auf das gesamte Schrifttum gerichtet werden muss. Auf diese Weise betrachten wir nicht nur die literarische Fiktion, sondern bekommen Informationen über das reale zeitgenössische Gespräch als deren Grundlage.

Adels-Dialoge der Aufklärung

Unser Bild von den Dialogen des Adels ist ganz wesentlich von der Literatur seit der Aufklärung bestimmt. Als besonders prägend kann eine Szene aus dem Hofmeister von Jakob Lenz herausgehoben werden. Der 
Livland
est. Liivimaa, lav. Livonija, dan. Lyffland, swe. Livland, eng. Livland, deu. Vidzeme, lat. Livonia, rus. Lifliandiia, rus. Lifljandija, rus. Liflândiâ, rus. Лифляндия, rus. Livonija, rus. Livoniâ, rus. Ливония, rus. Vidzeme, rus. Видземе, pol. Liwlandia, lat. Terra Mariana, rus. Livoniia, rus. Livonya, rus. Liwonija, deu. Eifland, deu. Liefland, dan. Livland, eng. Livonia

Livland (lett. Livonija, estn. Liivimaa) ist eine historische Landschaft im Baltikum. Sie umfasst den südlichen Teil des heutigen Estlands und den nördlich des Flusses Düne gelegenen Teil des heutigen Lettlands. Benannt wurde die Landschaft nach der heute nur noch sehr kleine Bevölkerungsgruppe der Liven (auch: Livonen/Livonier).

Historisch kann sich der Name Livland auf weitere, unterschiedliche Zusammenhänge beziehen. Prägend für das heutige Verständnis der historischen Region ist vor allem das gleichnamige Gouvernement, das eines der drei Ostseegouvernements des Russländischen Reiches war. Es bestand seit Beginn des 18. Jahrhunderts und insgesamt bis 1918. Hauptstadt war das an der Dünamündung gelegene Riga.

Zuvor war Livland namensgebend für weitere Staaten und Staatenverbünde, allen voran für die Livländische Konföderation, die seit dem Hochmittelalter bestand. Zur Konföderation gehörten der livländische Teil des Deutschordensstaates sowie regionale geistliche Staaten. Die Konföderation umfasste dabei auch große weitere Teile der heutigen Staaten Lettland und Estland. Nach Auflösung der Konföderation wie auch des Deutschordensstaates im 16. Jahrhundert wechselte die Oberhoheit mehrfach. Ohne die südlichen und nördlichen Gebiete kam Livland zunächst unter polnisch-litauische Herrschaft, später auch unter schwedische Oberhoheit, bevor es im Zuge des Großen Nordischen Krieges (1700-1721) unter russische Herrschaft kam. Prägend für die soziale Binnenorganisation des ländlichen Raumes war bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts vor allem die zentrale Rolle des landbesitzenden deutschsprachigen Adels.

 Dichter Lenz gehört zu den ersten, die das Bild des Adels in der baltischen Literaturgeschichte gerade in der Dramatik durch Dialoge geformt und damit wesentliche Eckpunkte bestimmt haben. Im ersten Akt, 3. Szene, sagt die Frau Majorin zum Hofmeister:

Merk‘ Er sich, mein Freund! daß Domestiken in Gesellschaften von Standespersonen nicht mitreden. Geh‘ Er auf sein Zimmer. Wer hat Ihn gefragt?4 

Der Hofmeister hatte beim Gespräch der Majorin mit dem Graf Wermuth seine eigene Meinung geäußert. Nur allzu deutlich lässt die Frau Majorin ihn – immerhin einen Universitätsabsolventen! – den Standesunterschied spüren, indem sie ihm als ihrem Untergebenen den Mund verbietet. Die Abhängigkeit des Hofmeisters in seiner Anstellung bewirkt seine Unfreiheit und Unterwürfigkeit bzw. das Herrische der Majorin.
Lenz zeichnet ein prägendes Bild vom ständischen Dünkel und der Überheblichkeit des Adels gegenüber den anderen. Die Frau Majorin ist eben als ein solcher snobistischer Charakter durchaus negativ erkennbar. Zugleich gibt es im Hofmeister auch das positive Gegenbild: der Dialog des Geheimen Rats mit Pastor Läuffer ist ein Gespräch auf Augenhöhe.5 Der adelige Gutsherr und der gelehrte Pastor reden miteinander und tauschen ihre Argumente aus, bleiben bezeichnender Weise aber getrennter Meinung, weil ihre Standpunkte kaum vereinbar sind. Der Geheime Rat steht jedoch hier (wie generell im Stück) für das positive Bild des adeligen Charakters.
Hier in der Aufklärungsliteratur wird der gelingende Dialog zwischen den Ständen zu einer Charakterfrage bzw. zu der Frage, wie weit ein Adeliger dem Aufklärungsideal folgt oder eben nicht folgt. Freilich handelt es sich in diesem Beispiel um Dialoge des Adels mit Angehörigen des sich entwickelnden Gelehrtenstandes. Beide gehören eigentlich zur deutschsprachigen Oberschicht. Aber die Frau Majorin behandelt sogar den Hofmeister wie einen Dienstboten. Ihren niederen Hausangestellten wird es folglich kaum besser, sondern eher schlechter ergehen, so dass kaum von Dialog die Rede sein kann, wo nur Befehle erteilt werden.
Aus dem Blickwinkel der Aufklärung folgt die Frau Majorin also gerade nicht dem neuen Standesideal, sondern bleibt im alten Standesdünkel verhaftet. Der alte „herrische“ Adel steht demzufolge für eine deutliche Abgrenzung unter den Ständen, die maßgeblich das Kommunikationsverhältnis bestimmt. Die sprachlich-ethnische Trennung im Lande ist auch weniger von Bedeutung, weil viele Adelige durchaus mindestens Grundlagen der estnischen oder lettischen Sprache beherrschten, sich also mit ihren Bauern und Bediensteten verständigen konnten – sofern sie dies überhaupt wollten oder mussten. Die entscheidende Grenze verläuft demnach nicht auf ethnischer Ebene, sondern trennt den Adel von allen anderen Ständen. Wenn man hier von einem Kulturkonflikt sprechen will, so besteht dieser in erster Linie unter den Ständen und wird maßgeblich auch durch das jeweilige Amt oder eine Position als Untergebener bestimmt.

Frühneuzeitliches Schrifttum im Überblick

Grundsätzlich besitzt das gesamte frühneuzeitliche Schrifttum einen stark kommunikativen Charakter: Die Gelegenheitsdichtung ist Adressatenbezogen, richtet sich also explizit an ein Gegenüber, und viele Bücher enthalten Gratulationsgedichte an den Autor oder Widmungen, in denen der Autor sich persönlich an einen Widmungsempfänger richtet. Briefe können als „Gespräch unter Abwesenden“ betrachtet werden.6
In der Dichtung können Dialoge benutzt werden, um Informationen oder Botschaften zu vermitteln, etwa im politischen Gedicht oder wenn Braut und Bräutigam im Hochzeitsgedicht oder der Verstorbene und die Hinterbliebenen im Trauergedicht sich gegenseitig ansprechen. Auch in der nicht-fiktionalen Literatur des 16. und 17. Jahrhunderts sind viele Textsorten zu nennen, die Aufschlüsse über adelige Dialoge liefern können: Titular- und Rhetorikbücher enthalten beispielsweise genaue Auflistungen, wie jemand korrekt anzusprechen ist. In den amtlichen Schriften mit Supplikationen (Bittschriften) und den verschiedenen Formen juristischer Eingaben und Ausgaben sind häufiger dialogische Anteile auszumachen, etwa in den zahlreichen Protokollen der verschiedensten Institutionen. Hier ist zum Beispiel an gerichtliche Befragungen zu denken oder an die Nacherzählung von Gesprächen.
Auch die Gesandtschaftsberichte aus Stadt und Land enthalten solche Dialoge, etwa wenn die Ritterschaft beim königlichen Hof in Stockholm mit den Reichsräten verhandelt. Dies ist von besonderem Interesse, weil die adeligen Landräte hier untergeordnet sind. Das wird im Gespräch zuweilen sehr deutlich, obwohl die Landräte manchmal überraschend selbstbewusst (in der Verantwortung gegenüber ihrem Amt) auftreten.
Das Predigtschrifttum ist als öffentlich gehaltene Rede an ein Publikum zu verstehen, die durch eine Veröffentlichung ein noch größeres Publikum erreicht. In der Sonderform der Leichenpredigt ist zusätzlich in der Lebensbeschreibung des verstorbenen Menschen eine Charakteristik enthalten, die aufschlussreich sein kann. Selbstverständlich unterliegt diese Darstellung den Gattungsgesetzen, so dass von einer tendentiell lobenden Vita mit Heraushebung besonderer Eigenschaften oder Tätigkeiten zu rechnen ist. Negatives bleibt außen vor. Gleichwohl enthalten die Aussagen wichtige Hinweise nicht nur zur Person, sondern auch zur Mentalität der Menschen jener Zeit, zu den Maßstäben, die an ihr Handeln gelegt wurden – gerade auch in der Interaktion mit den Mitmenschen.

Eine Leichenpredigt

In einer Leichenpredigt aus dem Jahr 1641 auf den Grafen Heinrich Matthias von Thurn-Valsasina (1567-1640), der im heutigen 
Tschechien
ces. Česko, eng. Czechia

Tschechien ist ein von ungefähr 10,5 Millionen Menschen bewohnter Staat in Mitteleuropa. Hauptstadt und größte Stadt des Landes ist Prag. In Tschechien liegen die historischen Landschaften Böhmen, Mähren und Teile Schlesiens. 1918 wurde der Staat Tschechoslowakei gegründet, die Tschechische Republik jedoch erst 1993. Das Land ist seit dem 01.05.2004 EU-Mitglied.

 geboren wurde, am sogenannten Prager Fenstersturz beteiligt war und ab 1635 seinen Lebensabend im livländischen 
Pärnu
deu. Pernau, rus. Pernov, rus. Пернов, rus. Pârnu, rus. Пярну, pol. Parnawa

Pärnu (Bevölkerungszahl 2025: 40.934) ist eine estnische Kreisstadt im Osten des Landes. Die Hafenstadt wurde 1241 durch den Livländischen Orden gegründet. Sie war Mitglied der Hanse. 1560-1617 gehörte Pärnu mit kurzen Unterbrechungen unter schwedischer und russischer Besatzung zu Polen. Die rechtliche Anerkennung der schwedischen Annexion erfolgte erst 1660. 1721 wurde Pärnu von Russland erobert. In der Stadt wurde am 23. Februar 1918 die Unabhängigkeitserklärung der Republik Estland ausgerufen, die nach der Zeit der sowjetischen (1939-41/1944-1991) und deutschen (1941-1944) Besatzung wieder die Eigenstaatlichkeit erlangte. Pärnu ist seit dem 19. Jahrhundert ein bedeutender Ostseekurort.

 verlebte, wird in der Vita des Verstorbenen hervorgehoben:

Insonderheit war der Herr Graff eines friedfertigen/ frölichen vnd freundlichen Gemüthes/ lebete mit jederman Hohes so wol/ alß Niedriges Standes in Lieb vnd Einigkeit; Schertzete nach gelegenheit höfflich/ discurrirte gern/ vnd hielt Sprache auch mit dem allergeringsten Bürger/ Diener/ vnd Bawren.7

Zweifellos ist das eine positive Darstellung, die das Ideal vor Augen führt: ein hoher Adeliger unterhält sich mit allen Menschen freundlich, sogar mit den niedrigsten Dienern und Bauern. Die Hervorhebung solcher Freundlichkeit zeigt indessen, dass es keine Selbstverständlichkeit war. Offenbar gab es durchaus Adelige, die sich nicht in dieser Weise mit den Dienern und Bauern unterhielten.

Eine Verteidigungsschrift

Dabei war die ständische Vorgabe für den Adel sehr klar, wie auch im Fall des Andreas Virginius (1596–1664) aus altem 
Pommern
eng. Pomerania, pol. Pomorze

Pommern ist eine Region im Nordosten Deutschlands (Vorpommern) und im Nordwesten Polens (Hinterpommern/Pomorze Tylne). Der Name leitet sich vom westslawischen 'am Meer' - 'po more/morze' ab. Nach dem Dreißigjährigen Krieg (Westfälischer Friede 1648) wurde Vorpommern zunächst schwedisch, Hinterpommern fiel an Brandenburg, das 1720 weitere Teile Vorpommerns erwerben konnte. Erst ab 1815 gehörte die gesamte Region als Provinz Pommern zum Königreich Preußen. Die Provinz hatte bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs Bestand, ihre Hauptstadt war Stettin (heute poln. Szczecin).

 Adel deutlich wurde. Dem gelehrten Theologen und Adeligen wurde vorgeworfen, sich den Adelstitel zu unrecht angemaßt und sich über andere Menschen erhoben zu haben. Er verteidigte sich:

[...] so wird auch keiner, wer der auch sey, mit Bestand der Wahrheit mir können nachreden, daß ich nach Art der Hoffärtigen die, so geringeres Standes seyn, jemahlen verachtet, oder denjenigen, so gleiches Standes seyn, mich fürgezogen, [...].8

Ein Adeliger, der sich den anderen Ständen gegenüber, zumal den niedrigen, überheblich zeigt, entspricht also auch hier, im Jahre 1636, in keiner Weise der sittlichen und ständischen Norm. Die genaue Positionierung und das konkrete Gespräch konnten auch deshalb schwierig sein, weil jenseits des Standes das jeweilige Amt ein wichtige Rolle spielte. Dem Doktor der Theologie und Universitätsprofessor kam selbstverständlich eine gewisse Ehrerbietung zu. Er durfte sich nicht über andere erheben; aber Untergebene durften sich auch nicht auf seine Stufe stellen. Nicht zufällig ist Virginius mehrfach bemüht, die schriftliche Verteidigung seines Adels von dem möglichen Vorwurf zu befreien, er habe diese nur aus Ehrgeiz und Hoffart geschrieben:

[...] schließe ich endlich, daß es eine falsche und nichtige Beschuldigung sey, nurten von hoffärtigen und mißgünstigen Leuthen und Verläumdern aus boßhaftigen Hertzen erdichtet, als hätte mich nichts, denn lauter Ehrgeitz und Hoffahrt zu dieser Defension-Schrifft angefrischet, daß ich mich aber meinem Ehren-Grad und Stande gemäß, ja wohl ein gut Theil geringer halte, und gleich wie ich einem jedweden seinen gebührlichen Respect gerne gönne und gebe, auch zu geben gantz geneigt, dergleichen auch von ihnen wiederum gewärtig sey, daran versündige ich mich keinesweges, weder an Gott noch Menschen.9

Es geht um das richtige Maß – auch und gerade in der Kommunikation. Jeder Mensch ist demzufolge gemäß Stand und Amt nicht nur ehrenhaft zu behandeln, sondern darf und muss auch darauf Anspruch erheben. Auf dieser Basis kann der Dialog im Sinne der Zeit gelingen, selbst wenn der Adelige mit dem Diener und Bauern redet.
------------------- Dieser Beitrag ist Teil einer Beitragsserie, die auf dem Panel „Die Grenzen des Dialogs. Kulturkonflikte als Thema der Literaturen des Baltikums“ basiert. Das Panel fand im Rahmen des Germanistentages in Braunschweig am 16. September 2025 statt. Die Veranstalterinnen: Dr. Antje Johanning (Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung), Dr. Silke Pasewalck (Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa). 

Informations-Bereich