Interkultureller Dialog
Lettische Volkslieder auf Deutsch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts
Wie wurden lettische Volkslieder in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf Deutsch gelesen und verstanden? Der Beitrag zeigt, wie Übersetzungen von Deutschbaltinnen – besonders von Elly von Fircks – zu einem Medium des kulturellen Dialogs wurden und zugleich im Spannungsfeld von Modernismus und nationalen Identitätsdiskursen standen.
Kulturhistorischer Kontext
Das gesteigerte Interesse im Baltikum an der lettischen
Folklore
Folklore
Unter Folklore werden alle Zeugnisse der Volkskultur verstanden, also beispielsweise Volkslieder, Märchen und Sagen, Volkskunst und -musik oder Tänze und Bräuche.
begann mit Johann Gottfried Herder, der nach seinem Weggang aus Riga 1769 die Sammlung „Volkslieder“ 1778/79 veröffentlichte. Darin finden sich auch elf lettische Volkslieder in deutscher Übersetzung, die ihm von deutschbaltischen Pastoren zugesandt worden waren.1 Dies war der Auftakt der Sammlung und Vermittlung von lettischen Volksliedern durch Deutschbalten.
Nach der Aufhebung der Leibeigenschaft zu Beginn des 19. Jahrhunderts rückte die lettische Volkskunst stärker in den Fokus der deutschbaltischen Öffentlichkeit. Die deutsche Oberschicht ging davon aus, dass sich die Letten (und Esten) durch Bildung in deutschen Schulen allmählich germanisieren würden. Zugleich befürchtete man, dass deren Sprache und Kultur langfristig verschwinden könnten. Deshalb riefen Deutschbalten dazu auf, Materialien zur lettischen Sprache und Volkskultur systematisch zu sammeln und wissenschaftlich zu erforschen.2
Mit der lettischen nationalen Erweckungsbewegung in der Mitte des 19. Jahrhunderts übernahmen zunehmend Letten selbst die Sammlung und Erforschung folkloristischer Materialien. Gleichzeitig verschärften sich im Baltikum soziale und nationale Spannungen, die ihren Höhepunkt in der Revolution von 1905 fanden. Diese Ereignisse trafen die deutschbaltische Gesellschaft weitgehend unvorbereitet.
Die politischen Veränderungen führten zu grundlegenden Verschiebungen der gesellschaftlichen Ordnung. Die ständische Struktur zerfiel, und 1918 entstand ein unabhängiger lettischer Staat. Die frühere deutsche Oberschicht wurde damit zu einer nationalen Minderheit.
Mit der lettischen nationalen Erweckungsbewegung in der Mitte des 19. Jahrhunderts übernahmen zunehmend Letten selbst die Sammlung und Erforschung folkloristischer Materialien. Gleichzeitig verschärften sich im Baltikum soziale und nationale Spannungen, die ihren Höhepunkt in der Revolution von 1905 fanden. Diese Ereignisse trafen die deutschbaltische Gesellschaft weitgehend unvorbereitet.
Die politischen Veränderungen führten zu grundlegenden Verschiebungen der gesellschaftlichen Ordnung. Die ständische Struktur zerfiel, und 1918 entstand ein unabhängiger lettischer Staat. Die frühere deutsche Oberschicht wurde damit zu einer nationalen Minderheit.
Deutschbaltische Übersetzerinnen und lettische Volkslieder
Auch im frühen 20. Jahrhundert setzten Deutschbalten ihre Tätigkeit fort, lettische Volkslieder zu sammeln, zu erforschen und zu veröffentlichen. Diese Arbeit erhielt jedoch eine neue Bedeutung: Sie bot die Möglichkeit, sich auf eine als geordnet erinnerte Vergangenheit vor der Revolution von 1905 zu beziehen. Gleichzeitig machten deutsche Übersetzungen lettischer Volkslieder diese Texte einem europäischen Publikum zugänglich und förderten das Interesse an der Kultur des Baltikums.
Um die Jahrhundertwende beteiligten sich zunehmend auch Deutschbaltinnen an dieser Bewegung. Ihre Übersetzungen stellen ein bisher wenig erforschtes Feld dar, das sowohl für die Übersetzungsforschung als auch für kulturhistorische Fragestellungen relevant ist. Zu den Übersetzerinnen zählen Elise von Keyserling (1842–1915), eine Schwester des bekannten Schriftstellers Eduard von Keyserling3, Lisette Harmsen (1835–1914)4, Inga Bielenstein (1889–1980)5 und Elly von Fircks, geboren von Medem (1888–1975). Die Übersetzungen der letztgenannten Autorin bilden den Schwerpunkt des vorliegenden Beitrags.
Um die Jahrhundertwende beteiligten sich zunehmend auch Deutschbaltinnen an dieser Bewegung. Ihre Übersetzungen stellen ein bisher wenig erforschtes Feld dar, das sowohl für die Übersetzungsforschung als auch für kulturhistorische Fragestellungen relevant ist. Zu den Übersetzerinnen zählen Elise von Keyserling (1842–1915), eine Schwester des bekannten Schriftstellers Eduard von Keyserling3, Lisette Harmsen (1835–1914)4, Inga Bielenstein (1889–1980)5 und Elly von Fircks, geboren von Medem (1888–1975). Die Übersetzungen der letztgenannten Autorin bilden den Schwerpunkt des vorliegenden Beitrags.
Elly von Fircks lebte in einer Zeit tiefgreifender politischer und gesellschaftlicher Umbrüche: Revolution, zwei Weltkriege, die Periode des unabhängigen Lettlands und schließlich der Verlust der baltischen Heimat. Während diese Erfahrungen von Brüchen geprägt waren, erschien ihr die Zeit vor 1905 oft als eine verlorene, harmonische Welt. Fircks akzeptierte offenbar die historischen Veränderungen und integrierte die Übersetzungen lettischer Volkslieder in einen breiteren kulturellen Kontext des europäischen Modernismus.
Elly von Fircks: Lebenslauf, Tätigkeit und geistiger Hintergrund
Elly von Fircks stammte aus einer deutschbaltischen Familie in Kurland. Nach der Bodenreform von 1920 verlor die Familie ihren Besitz und zog nach Deutschland. 1927 heiratete sie, wurde jedoch bereits vier Jahre später Witwe. Danach lebte sie mit ihrer Schwester und deren Kindern zusammen. Nach dem Zweiten Weltkrieg ließ sich die Familie in Bad Tölz nieder. Fircks widmete sich vor allem der Malerei und literarischen Arbeit. Sie starb im Alter von 87 Jahren in Landshut.
Ihre künstlerische Ausbildung erhielt sie teilweise in Münchner Kunstsalons. Seit 1913 nahm sie an Ausstellungen teil, und ihre Werke wurden im Umfeld des Expressionismus wahrgenommen6. In den 1920er Jahren arbeitete sie mit dem Berliner Verlag von Erich Reiss zusammen. Dort erschien 1920 eine Ausgabe von Maurice Maeterlincks Schauspiel „Der blaue Vogel. Ein Märchenspiel in zwölf Bildern“ mit vielen handkolorierten Illustrationen aus ihrer Feder. Im selben Verlag veröffentlichte sie 1923 auch die Sammlung „Das Pferdchen. Lettische Volksgedichte“, in der sie lettische Volkslieder ins Deutsche übertrug und selbst illustrierte. Diese beiden Werke sind die einzigen bekannten Publikationen unter ihrem Namen.
Ihre künstlerische Ausbildung erhielt sie teilweise in Münchner Kunstsalons. Seit 1913 nahm sie an Ausstellungen teil, und ihre Werke wurden im Umfeld des Expressionismus wahrgenommen6. In den 1920er Jahren arbeitete sie mit dem Berliner Verlag von Erich Reiss zusammen. Dort erschien 1920 eine Ausgabe von Maurice Maeterlincks Schauspiel „Der blaue Vogel. Ein Märchenspiel in zwölf Bildern“ mit vielen handkolorierten Illustrationen aus ihrer Feder. Im selben Verlag veröffentlichte sie 1923 auch die Sammlung „Das Pferdchen. Lettische Volksgedichte“, in der sie lettische Volkslieder ins Deutsche übertrug und selbst illustrierte. Diese beiden Werke sind die einzigen bekannten Publikationen unter ihrem Namen.
Biographische Hinweise deuten außerdem auf eine Verbindung Fircks’ zur Oxford-Gruppe hin7, die später unter dem Namen Moral Re-Armament (MRA) bekannt wurde. Diese Bewegung propagierte eine moralische und geistige Erneuerung und orientierte sich an vier ethischen Prinzipien: Ehrlichkeit, Reinheit, Uneigennützigkeit und Liebe8. Ähnliche Werte erscheinen auch in Fircks’ literarischem Werk, insbesondere im unvollendeten Roman „Im Zeichen der Zeiten“ (um 1946-1950)9. Dieses teilweise autobiographische Werk schildert Ereignisse in Kurland vom späten 19. Jahrhundert bis zum Zweiten Weltkrieg und thematisiert das Zusammenleben von Letten und Deutschbalten. Lettische Volkslieder erscheinen darin als wichtiger Bestandteil der Kindheitswelt der Hauptfiguren.
Übersetzungen lettischer Volkslieder
Die Sammlung „Das Pferdchen. Lettische Volksgedichte“ (1923) zeigt das Bemühen der Künstlerin, die historisch belasteten Beziehungen zwischen Letten und Deutschbalten zu überwinden. Möglicherweise hängt diese Haltung auch mit ihrer Orientierung an der Oxford-Gruppe zusammen, die eine moralische Neuorientierung nach persönlichen und gesellschaftlichen Krisen anstrebte. Der Band umfasst vierzig thematisch geordnete Liedgruppen. Aufgrund dieser Struktur gewinnt die Ausgabe den Charakter einer Gedichtsammlung und entfernt sich von der klassischen Form lettischer Volksliedersammlungen, die üblicherweise aus einzelnen Vierzeilern bestehen. Die Titel beziehen sich auf Figuren oder Themen wie „Der Jäger“, „Das goldne Krönlein“ oder „Der faule Knabe“. Durch die Zusammenführung mehrerer Texte zu größeren Einheiten nähert sich die Darstellung der Form literarischer Gedichte.
Die Sammlung besteht aus zwei Teilen: „Gesänge der Mädchen und Jünglinge“ mit dreißig Liedern sowie „Hochzeitsgesänge“ mit zehn Gedichten. Ein Vorwort oder Quellenangaben fehlen. Ein Vergleich mit der großen Sammlung Latvju Dainas (Lettische Volkslieder, 1894– 1915, 6 Bände) zeigt, dass für einige Texte keine direkten Entsprechungen gefunden werden können, was besonders bei Hochzeitsliedern nicht ungewöhnlich ist, da diese traditionell eine große Variantenvielfalt aufweisen.
Die Gedichte des ersten Teils behandeln unterschiedliche emotionale und soziale Erfahrungen: Liebe, Hoffnung, Eifersucht oder familiäre Konflikte. Viele Texte verwenden Naturmotive und symbolische Bilder, etwa Pferde oder kleines Waisenmädchen. Zwei Liedfolgen – „Der Soldat“ und „Brandstifter“ – verweisen auf gesellschaftliche Veränderungen. Während das Soldatenlied im Kontext der Kriegszeit gelesen werden kann, bezieht sich das Motiv des Brandstifters auf traditionelle landwirtschaftliche Praktiken.
Die Hochzeitsgedichte zeigen eine genaue Kenntnis lettischer Hochzeitsrituale. Die Texte begleiten verschiedene Phasen der Feier – vom Abschied der Braut bis zu humorvollen Szenen während des Festmahls. Der Zyklus endet mit einem melancholischen Gedicht über den Abschied der Braut von ihrer Mutter.
Der Titel „Das Pferdchen“ verweist einerseits auf das bäuerliche Leben, andererseits auf die symbolische Bedeutung des Pferdes im Modernismus als Zeichen von Vitalität und Energie10. Die Illustrationen ergänzen die Texte durch eine stilisierte Darstellung bäuerlicher Lebenswelten und tragen zur ästhetischen Einheit des Bandes bei.
Die Gedichte des ersten Teils behandeln unterschiedliche emotionale und soziale Erfahrungen: Liebe, Hoffnung, Eifersucht oder familiäre Konflikte. Viele Texte verwenden Naturmotive und symbolische Bilder, etwa Pferde oder kleines Waisenmädchen. Zwei Liedfolgen – „Der Soldat“ und „Brandstifter“ – verweisen auf gesellschaftliche Veränderungen. Während das Soldatenlied im Kontext der Kriegszeit gelesen werden kann, bezieht sich das Motiv des Brandstifters auf traditionelle landwirtschaftliche Praktiken.
Die Hochzeitsgedichte zeigen eine genaue Kenntnis lettischer Hochzeitsrituale. Die Texte begleiten verschiedene Phasen der Feier – vom Abschied der Braut bis zu humorvollen Szenen während des Festmahls. Der Zyklus endet mit einem melancholischen Gedicht über den Abschied der Braut von ihrer Mutter.
Der Titel „Das Pferdchen“ verweist einerseits auf das bäuerliche Leben, andererseits auf die symbolische Bedeutung des Pferdes im Modernismus als Zeichen von Vitalität und Energie10. Die Illustrationen ergänzen die Texte durch eine stilisierte Darstellung bäuerlicher Lebenswelten und tragen zur ästhetischen Einheit des Bandes bei.
Rezeption der Übersetzungen lettischer Volkslieder
Die Reaktionen auf die Sammlung fielen sehr unterschiedlich aus. In der lettischen Presse wurde vor allem kritisiert, dass die Illustrationen keine authentischen lettischen Motive zeigten11. Einige Rezensenten interpretierten dies sogar als Ausdruck von Vorurteilen gegenüber der lettischen Bevölkerung12. Die deutschbaltische Presse hingegen bewertete sowohl die Übersetzungen als auch die Illustrationen positiv und sah darin einen wichtigen Beitrag zum Bekanntwerden und zur Vermittlung lettischer Volksdichtung im deutschsprachigen Raum13. Für eine breitere Öffentlichkeit blieb die Publikation jedoch weitgehend unbekannt. Aufgrund der Auswahl der Texte, der freien Übersetzungsweise und der expressiven Illustrationen lässt sich das Werk im Kontext des europäischen Modernismus verorten. In dieser Perspektive werden die lettischen Volkslieder nicht primär ethnographisch verstanden, sondern als ästhetische Quelle für moderne künstlerische Ausdrucksformen.
Schlussfolgerungen
Die Beteiligung deutschbaltischer Frauen an der Übersetzung lettischer Volkslieder stellt ein bislang wenig untersuchtes kulturhistorisches Phänomen dar. Ihre Arbeiten eröffnen neue Perspektiven auf kulturelle Vermittlungsprozesse und auf die Rolle von Übersetzung bei der Weitergabe von Volkskultur. Die Sammlung „Das Pferdchen“ zeigt zugleich eine deutliche ästhetische Transformation der traditionellen lettischen Volkslieder. Durch thematische Ordnung, poetische Titel und expressionistische Illustrationen werden die kurzen Volkslieder in eine literarische Form überführt, die sich an den Prinzipien des europäischen Modernismus orientiert. Die unterschiedlichen zeitgenössischen Reaktionen verdeutlichen schließlich, dass die Rezeption solcher Übersetzungen stark von den historischen Beziehungen zwischen Letten und Deutschbalten geprägt war. Bewertungen spiegeln daher nicht nur ästhetische Kriterien wider, sondern auch konkurrierende nationale Perspektiven und Erinnerungskulturen.
------------------- Dieser Beitrag ist Teil einer Beitragsserie, die auf dem Panel „Die Grenzen des Dialogs. Kulturkonflikte als Thema der Literaturen des Baltikums“ basiert. Das Panel fand im Rahmen des Germanistentages in Braunschweig am 16. September 2025 statt. Die Veranstalterinnen: Dr. Antje Johanning (Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung), Dr. Silke Pasewalck (Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa).
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Fußnoten
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![Buchcover von „Das Pferdchen. Lettische Volksgedichte. Ins Deutsche übertragen und mit Handzeichnungen versehen von E. v. Medem“. Berlin: Erich Reiss, [1923]](/sites/default/files/styles/content_p/public/externals/e9f02e3337fd6835682a46fdd526e957.jpg?itok=pEvh-dlU)
![Buchcover von „Das Pferdchen. Lettische Volksgedichte. Ins Deutsche übertragen und mit Handzeichnungen versehen von E. v. Medem“. Berlin: Erich Reiss, [1923]](/sites/default/files/styles/full_p/public/externals/e9f02e3337fd6835682a46fdd526e957.jpg?itok=n0YwCtFp)










