Verlängert bis zum 9. Januar! Call for Contributions: Die Faszination des Mittelalters

Eine Spurensuche nach populären Medievalismen des östlichen Europas
  • Sven Jaros
  • Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
  • Igor Kąkolewski
  • Zentrum für Historische Forschung Berlin der Polnischen Akademie der Wissenschaften
  • Gleb Kazakov
  • Justus-Liebig-Universität Gießen
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„Überall ist Mittelalter“ – das von 1997 stammende Diktum Horst Fuhrmanns, des langjährigen Präsidenten der Monumenta Germaniae Historica, ist weiter aktuell. Aber welche Rolle spielt das östliche Europa in den modernen Rezeptionen der Epoche?
Ob in der Filmindustrie, in Videospielen oder den sozialen Medien: Exotisch wirkende Bilder von Rittern, Burgen, Königen, Kreuzzügen oder Klöstern sind allgegenwärtig. Die Grenzen zwischen populären Vermittlungsformaten von Wissen über die mittelalterliche Geschichte und eher fiktionalen Darstellungen, die stereotype Bilder aus „dem“ Mittelalter aufgreifen, sind dabei fließend. Doch lässt sich allgemein beobachten, dass sich diese Darstellungen zumeist an einem nur sehr spezifischen, überwiegend westeuropäisch geprägten Bild der Epoche orientieren. Das östliche Europa kommt darin – wenn überhaupt – nur als nebulöser, von Stereotypen der Rückständigkeit geprägter Raum vor. Aus diesem Anlass versteht sich der neue Themenschwerpunkt des Copernico-Portals als Spurensuche hinsichtlich der Darstellung und Rezeption der mittelalterlichen Geschichte des östlichen Europas.
Mittelalter-Rezeption und (Neo-)Medievalismus sind vergleichsweise junge Forschungsrichtungen, die sich zudem im anglophonen und deutschsprachigen Raum unterschiedlich entwickelt haben. Sie suchen bis heute ihren Platz innerhalb oder neben der etablierten literatur- oder geschichtswissenschaftlichen Mittelalterforschung. Trotz fließender Übergänge betrachten wir eine Trennung zwischen Medievalismus (älter: Mittelalter-Rezeption, bzw. englisch medievalism) und Neo-Medievalismus als zielführend. Ersterer Begriff orientiert sich an Leslie Workmans mittlerweile klassischer Definition eines „kontinuierlichen Prozesses der Erzeugung des Mittelalters“. Während hier die historische Epoche im Zentrum steht, zielt der Begriff des Neo-Medievalismus im Sinne Umberto Ecos eher auf das hybride Phantasma, das historische, mythische und fiktionale Elemente miteinander vereint.
Beispiele für Medievalismen reichen von Walter Scott und den englischen graphic novels über Bezüge auf das Mittelalter in Kunst und Architektur des 19. Jahrhunderts bis zu populären Mittelalterbildern der Gegenwart in Filmen, Computerspielen, sozialen Medien und „Re“-Reenactments. Unter Neo-Medievalismus ließen sich dann eher popkulturelle Phänomene wie die HBO-Serie „Game of Thrones“ fassen, die zwar mittelalterlich inspiriert, in ihrem Kern aber fantastisch ist. Gerade in diesen Formaten wird häufig ein sehr begrenztes und überwiegend westeuropäisch geprägtes Bild „des“ Mittelalters aufgegriffen – dies gilt selbst für das polnische Phänomen des Hexers Geralt aus der Feder von Andrzej Sapkowski.
Im Fokus des Themenschwerpunkts steht die möglichst breit gefasste Aneignung und Verarbeitung von mittelalterlichen Motiven, Ereignissen und historischen Personen in/aus dem östlichen Europa seit dem 19. Jahrhundert bis heute. Wie wird die Epoche des Mittelalters in unterschiedlichen Medien dargestellt und instrumentalisiert? Welche Ereignisse, historische Figuren und Themen werden bevorzugt? Welche Rolle spielen Exotisierungen, Stereotypisierungen oder Orientalismen? Es geht dabei sowohl um Medien- und Kulturproduktionen in/aus Ländern des östlichen Europas selbst als auch um die Wahrnehmung dieses Raumes in der westlichen und globalen Popkultur.
In jüngster Zeit hat zudem die politische Instrumentalisierung der mittelalterlichen Geschichte des östlichen Europas wieder verstärkt Konjunktur – sei es in der historischen Propaganda des Kremls zur Rechtfertigung der russischen Voll-Invasion der Ukraine oder in der Verklärung einer kulturell und religiös homogenen Vergangenheit Europas in rechten, illiberalen Kreisen.
Wir laden Beiträge ein, die sich mit folgenden möglichen Themen beschäftigen:
  • Mittelalterliche Geschichte des östlichen Europas in Literatur, Theater, Filmen und Serien
  • Darstellung des Mittelalters in Videospielen
  • Mittelalterprojektionen im öffentlichen Raum – in Architekturprojekten, Denkmälern, bei Reenactments
  • Mittelalterliche Geschichte des östlichen Europas auf YouTube und in sozialen Medien (insbesondere hinsichtlich der Nutzung von Memes und Gifs)
  • Exotisierung und Mystifizierung im Sinne eines Neo-Medievalismus
  • Instrumentalisierung der mittelalterlichen Geschichte des östlichen Europas in politischen Narrativen und öffentlichen Debatten
Aufgerufen wird zur Einreichung von Beitragsvorschlägen unterschiedlicher Formate und Inhaltsformen, von Fallstudien zu oder Vergleichen von einzelnen medialen Erzeugnissen bis hin zu vertiefenden Hintergrundartikeln zu spezifischen Fragestellungen. Die maximale Textlänge beträgt 12.000 Zeichen einschl. Leerzeichen. Textformen, die sich mit konkreten Wahrnehmungsbeispielen beschäftigen (beispielsweise mit bestimmten Filmen, sozialen Medien, historischen Persönlichkeiten, Ereignissen etc.), können auch deutlich kürzer ausfallen (4.000–6.000 Zeichen). Beiträge, die über zahlreiches einschlägiges illustratives Material (Bilder, Screenshots) verfügen, sind sehr willkommen.
Alle Beiträge werden mit einer DOI versehen. Darüber hinaus verfügen sie im Portal über eine Zitierempfehlung, Permalinks und Lizenzhinweise. Sämtliche Texte werden zweisprachig publiziert und ins Englische übersetzt (bei Bedarf können sie auch auf Englisch eingereicht und ins Deutsche übertragen werden). Benötigt wird für jeden Beitrag mindestens eine attraktive und hochaufgelöste Illustration mitsamt Bildunterschrift und erfolgter Rechteklärung. Die eingereichten Beiträge werden im Rahmen eines internen Begutachtungsverfahrens lektoriert. Alle Autor:innen behalten die Nutzungsrechte für ihre eigenen Texte. Weitere Hinweise für Beiträger:innen, zu Illustrationen und Schlagwörtern erhalten Sie im Portal selbst sowie auf Anfrage unter copernico@herder-institut.de.
Es gelten die Regeln guter wissenschaftlicher Praxis. 

Einsendeschluss und Termine

Bitte schicken Sie bis zum 09. Januar 2026 ein Abstract von max. 300 Wörtern mit einer kurzen Beschreibung des geplanten Beitrags an copernico@herder-institut.de. Sie erhalten Rückmeldung bis zum 30. Januar 2026, ob der Beitrag zum Themenschwerpunkt zugelassen ist. Einsendeschluss der fertigen Beiträge ist der 15. Mai 2026.

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