‚Wem gehört das Land?‛

Kolonisierungsnarrative in der deutschbaltischen Literatur
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Wurde Alt-Livland im 13. Jahrhundert „entdeckt“, besiedelt und zivilisiert – oder vielmehr erobert und versklavt? Der Artikel untersucht ausgehend von einem postkolonialen Ansatz, wie die Siedlungsgeschichte des heutigen Estlands und Lettlands in der deutschbaltischen Literatur dargestellt wird.
Kouflute waren gesezzen
Riche und vormezzen
An eren und an gute.
Den quam in ir gemute,
daz sie gewinnen wollten Gut,
als noch vil mancher tut.
Got der wisete sie dar an,
daz sie gewunnen einen man,
dem vremde lant waren kunt.
Der brachte sie zu einer stunt
Mit schiffen uf die Osterse.
Waz sal ich da von sagen me.
Dies sind Verse aus der „Livländischen Reimchronik“, einem der frühesten schriftlichen Texte aus 
Livland
est. Liivimaa, lav. Livonija, dan. Lyffland, swe. Livland, eng. Livland, deu. Vidzeme, lat. Livonia, rus. Lifliandiia, rus. Lifljandija, rus. Liflândiâ, rus. Лифляндия, rus. Livonija, rus. Livoniâ, rus. Ливония, rus. Vidzeme, rus. Видземе, pol. Liwlandia, lat. Terra Mariana, rus. Livoniia, rus. Livonya, rus. Liwonija, deu. Eifland, deu. Liefland, dan. Livland, eng. Livonia

Livland (lett. Livonija, estn. Liivimaa) ist eine historische Landschaft im Baltikum. Sie umfasst den südlichen Teil des heutigen Estlands und den nördlich des Flusses Düne gelegenen Teil des heutigen Lettlands. Benannt wurde die Landschaft nach der heute nur noch sehr kleine Bevölkerungsgruppe der Liven (auch: Livonen/Livonier).

Historisch kann sich der Name Livland auf weitere, unterschiedliche Zusammenhänge beziehen. Prägend für das heutige Verständnis der historischen Region ist vor allem das gleichnamige Gouvernement, das eines der drei Ostseegouvernements des Russländischen Reiches war. Es bestand seit Beginn des 18. Jahrhunderts und insgesamt bis 1918. Hauptstadt war das an der Dünamündung gelegene Riga.

Zuvor war Livland namensgebend für weitere Staaten und Staatenverbünde, allen voran für die Livländische Konföderation, die seit dem Hochmittelalter bestand. Zur Konföderation gehörten der livländische Teil des Deutschordensstaates sowie regionale geistliche Staaten. Die Konföderation umfasste dabei auch große weitere Teile der heutigen Staaten Lettland und Estland. Nach Auflösung der Konföderation wie auch des Deutschordensstaates im 16. Jahrhundert wechselte die Oberhoheit mehrfach. Ohne die südlichen und nördlichen Gebiete kam Livland zunächst unter polnisch-litauische Herrschaft, später auch unter schwedische Oberhoheit, bevor es im Zuge des Großen Nordischen Krieges (1700-1721) unter russische Herrschaft kam. Prägend für die soziale Binnenorganisation des ländlichen Raumes war bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts vor allem die zentrale Rolle des landbesitzenden deutschsprachigen Adels.

, dessen Territorium heute die Staaten 
Estland
eng. Republic of Estonia, eng. Estonia, est. Eesti Vabariik, est. Eesti, deu. Republik Estland

Estland ist ein Land in Nordosteuropas. Es wird von ungefähr 1,3 Millionen Menschen bewohnt und grenzt an Lettland, Russland und die Ostsee. Die bevölkerungsreichste Stadt und Hauptstadt zugleich ist Tallinn.

Der heutige estnische Staat erlangte seine politische Unabhängigkeit erst 1991 wieder, infolge der sog. „Singenden Revolution“ in den baltischen Staaten und vor dem Hintergrund des Zusammenbruchs der Sowjetunion. Erstmals war 1918 die Unabhängigkeit Estlands ausgerufen und durch den „Estnischen Freiheitskrieg“ (1918-1920) durchgesetzt worden. Bereits 1940 wurde dieser erste estnische Staat abgelöst durch die unter sowjetischer Besatzung gegründete „Estnische Sozialistische Sowjetrepublik“. Sie war, mit Unterbrechung durch die deutsche Besatzung im Zweiten Weltkrieg (1941–1944) und mit leicht abweichendem Grenzverlauf, bis 1991 eine Teilrepublik der Sowjetunion. Vor 1918 wiederum war das Gebiet des heutigen Estlands Teil des Russländischen Kaiserreiches, wobei sein nördlicher Teil das Ostseegouvernement Estland, sein südlicher Teil die nördliche Hälfte des Ostseegouvernements Livland bildete. Im Hoch- und Spätmittelalter und zu Beginn der Frühen Neuzeit hatten Teile des heutigen Landes auch unter schwedischer, dänischer und polnischer Herrschaft gestanden, der livländische Teil bis 1561 auch unter Hoheit des Deutschen Ordens.

Seit 2004 ist Estland Teil der Europäischen Union und der NATO.

 und 
Lettland
eng. Latvian Republic, eng. Latvia, lav. Latvija

Lettland ist ein baltischer Staat im Nordosten Europas und wird von ungefähr 1,9 Millionen Einwohner:innen bewohnt. Hauptstadt des Landes ist Riga. Der Staat grenzt im Westen an die Ostsee und an die Staaten Litauen, Estland, Russland und Weißrussland. Lettland ist seit dem 01.05.2004 Mitglied der EU und erlangte erst im 19. Jahrhundert Unabhängigkeit.

 umfasst. Geschrieben zwischen 1291 und 1298, werden darin in etwa 12.000 Verszeilen die „Entdeckung“ Livlands und seine Eroberung zu Beginn des 13. Jahrhunderts im Laufe des Kreuzzuges des Schwertbrüderordens (1198–1227) beschrieben, proklamiert von Papst Innozenz III. und initiiert vom Erzbischof von Hamburg-Bremen.
Die Kolonisierung Alt-Livlands im 13. Jahrhundert ist ein Schlüsselereignis des späteren deutschbaltischen sowie des estnischen und lettischen Geschichtsbewusstseins (und der Literatur). Sie wird unterschiedlich interpretiert und bezeichnet: Ist das Land „entdeckt“, besiedelt und zivilisiert oder erobert und versklavt worden? Die siegreiche Christianisierungsgeschichte der deutschbaltischen Literatur – der Triumph von Kultur, Religion und Moral, die Rettung des Landes vor Wildheit und Heidentum – wird in der estnischen Literatur als heroischer Freiheitskampf gegen ausländische Eroberer dargestellt.
Im Folgenden untersuche ich, wie sie in deutschbaltischen historischen Romanen um 1900 dargestellt wird. Meine Analyse stützt sich dabei auf einen postkolonialen Ansatz.

Baltische Geschichtsdarstellung aus postkolonialer Sicht

Die Geschichte des 
Baltikum
eng. Baltics, lat. Balticum, deu. Baltische Staaten, deu. Baltische Provinzen

Das Baltikum ist eine Region im Nordosten Europas und setzt sich aus den drei Staaten Estland, Lettland und Litauen zusammen. Das Baltikum wird von knapp 6 Millionen Menschen bewohnt.

 ist ein wesentlicher Bestandteil der europäischen Kolonialgeschichte – einer Geschichte, die mit der Eroberung Alt-Livlands zu Beginn des 13. Jahrhunderts begann.1 Wichtige Impulse für einen postkolonialistischen Blickwinkel auf die baltische Geschichte gab der Mittelalterhistoriker James Brundage, indem er die Eroberung Livlands mit der spanischen Kolonisierung Amerikas verglich. Nach Brundage lieferte die Kolonisierung Livlands das strukturelle Modell – sowohl die Argumente als auch die Techniken – für den zwei Jahrhunderte später einsetzenden europäischen Überseekolonialismus.2
Ein weiterer Grund, von einer Kolonialisierung des Baltikums zu sprechen, ist das koloniale Selbstbewusstsein der deutschbaltischen Kultur, die sich selbst als die erste Kolonialkultur Europas und Alt-Livland als „die einzige wirkliche Kolonie des alten römischen Reiches deutscher Nation“3 betrachtete. Im „Lesebuch für Ehst- und Livland“, verfasst von Friedrich Gotthilf Findeisen, kommt dieses Bewusstsein deutlich zum Ausdruck:

Ein Land finden, wo es Honig gab, den man gegen Kleinigkeiten tauschte, war zu der Zeit, da unsre Vorfahren nicht Zucker, Thee, Kaffe kannten […] eine Entdeckung, die mehr werth war als Martinike, Domingo und Jamaika mit allen ihren Kaffebäumen und Zuckerpflanzen.

Findeisen, Friedrich Gotthilf 1787. Lesebuch für Ehst- und Livland. Vol. I. Oberpahlen: Grenzius u. Kupzau, S. 14.
Das über Jahrhunderte währende Kolonialverhältnis veränderte im Laufe der Zeit seine Form entsprechend den politischen Herrschaftsverhältnissen und erwies sich letztlich, wie Ulrike Plath betont, im politischen Sinne eher als Wunschvorstellung als als Realität.4 
Unter den Merkmalen eines Kolonialverhältnisses unterstreicht Jürgen Osterhammel die kulturelle Andersartigkeit der Kolonialherren und Kolonisierten, das Fremdheits- und Überlegenheitsgefühl der Ersten sowie die sendungsideologische Rechtferigungsdoktrinen (etwa Beitrag zu einem göttlichen Heilsplan, einer Heidenmission oder zur Zivilisierung der Wilden), die auf der Überzeugung der Kolonialherren von ihrer eigenen kulturellen  Höherwertigkeit beruhen.5 Entsprechend bezeichnet Gero von Wilpert in seiner „Deutschbaltischen Literaturgeschichte“ (2005) die deutschbaltische Literatur als eine „an der Hochkultur des Mutterlandes orientierte Kolonialliteratur“6 mit typischen Zügen wie Egotismus (stark vorherrschendes autobiographisches Element, beständige Selbstbespiegelung der eigenen Gesellschaft, der persönlichen Bedeutung, Nabelschau des Ich) und Arroganz gegenüber den Kolonisierten (die immerhin 95% der Bevölkerung ausmachten), die sie als „undeutsch“ bezeichneten, während sie sich selbst als „deutsch“ verstanden. Andere gebräuchliche Bezeichnungen der Deutschbalten für Esten und Letten waren „Autochthone“ oder „unsere Nationalen“. Schon diese Wortwahl („deutsch“ und „undeutsch“) sowie die doppelte Bedeutung des estnischen Wortes „saksad“ (als „Deutsche“ und „Herren“ zugleich) verweisen auf ein Kolonialverhältnis.
Dazu kommt noch eine langfristige Trennung zwischen schriftlicher und mündlicher Kultur, die die gesellschaftliche Ungleichheit zusätzlich verstärkte. Die literarische Kultur des Baltikums entwickelte sich vorrangig in deutscher Sprache und vertrat die Sichtweise der Kolonisten. In schriftlichen Quellen fehlt die Perspektive der Kolonisierten (Esten und Letten) fast vollständig; deren Darstellung blieb eine Fremdbeschreibung. Zwar existierten bereits seit dem 16. Jahrhundert estnische und lettische Schriftsprachen, doch wurden sie von anderssprachigen Kolonisten geschaffen und dienten letztlich dazu, die bestehenden Unterordnungsverhältnisse zu festigen. Schriftsprache selbst wurde so zum Instrument kolonialer Machtausübung, die den mündlichen Sprechern dieser Sprache über Jahrhunderte hinweg fremd blieb.
Die „Stimme der Kolonisierten“ blieb marginalisiert – nicht nur wegen des fehlenden politischen Einflusses, sondern auch wegen der eingeschränkten Reichweite ihrer (undeutschen) Sprache. Das Paradigma der estnischen und lettischen Geschichtsschreibung, das die Rekonstruktion dieser Stimme als zentrale Aufgabe ansah, konnte sich erst mit der Gründung der estnischen und lettischen Staaten durchsetzen.
Ein postkolonialer Ansatz zur baltischen Literatur muss sich auch dafür interessieren, wie das baltische Kolonialverhältnis in der „undeutschen“ Volksüberlieferung dargestellt wurde. Eine der ersten Aufzeichnungen des estnischen Volksliedes, das Johann Gottfried Herder in seiner Sammlung „Volkslieder“ (1778/1779) abdruckte, trägt den bezeichnenden Titel „Klage über die Tyrannen der Leibeigenen“ und enthält die Zeilen „Vor dem bösen Deutschen flieh ich, / Vor dem schrecklich bösen Herren“.
Die von Mari-Ann Remmel 2008 zusammengestellte Sammlung der estnischen Gutslegenden aus Harjumaa erzählt von Stockschlägen im Gutshofstall, von Demütigung, unterdrücktem Zorn und Widerstand. Eindrucksvoll äußert sich das Kolonialverhältnis in einem rebellischen Volkslied, dessen Entstehung auf mehrere Jahrhunderte zurückgeführt wird und das seit 1848 schriftlich belegt ist: „Mõisad põlevad, saksad surevad, mets ja maa jäävad meitele“ („Gutshöfe brennen, die Deutschen/Herren sterben, Wald und Land werden unser“). Das Lied verbreitete sich erneut während der Revolution von 1905 und des Krieges gegen die baltische Landeswehr von 1919. In der 
Sowjetunion
eng. Soviet Union, deu. Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, rus. Sovetskiy Soyuz, rus. Советский Союз, und. Совет Ушем, und. Советонь Соткс, rus. Sovetskij Soûz, und. Советий Союз, yid. ראַטן־פֿאַרבאַנד, yid. סאוועטן פארבאנד, yid. sovətn farband, yid. sovʿtn-farband, yid. sovətn-farband, und. Советтер Союзу, und. Совет Союзы, und. Советон Цæдис, und. Совет Эвилели

Die Sowjetunion (SU oder UdSSR) war ein von 1922 bis 1991 bestehender Staat in Osteuropa, Zentral- und Nordasien. Sie ist aus dem sog. Sowjetrussland hervorgegangen, dem Nachfolgestaat des Russländischen Kaiserreichs. Den Kern der Union und zugleich ihren größten Teil bildete die Russische Sowjetrepublik, hinzu kamen weitere Teilrepubliken. Ihre Zahl variiert über die Zeit hinweg und steht im Zusammenhang mit der Besatzung anderer Länder (Estland, Lettland, Litauen), nur kurzzeitig bestehenden Sowjetrepubliken (Karelo-Finnland) oder mit der Teilung bzw. Zusammenlegung von Sowjetrepubliken. Zusätzlich gab es zahlreiche autonome Republiken oder sonstige Gebietseinheiten mit einem Autonomiestatus, der sich im Wesentlichen auf eine sprachliche Autonomie der Minderheiten beschränkte.

Die UdSSR bestand vor ihrer formellen Auflösung aus 15 Sowjetrepubliken mit einer Bevölkerung von ungefähr 290 Millionen Menschen. Mit ca. 22,4 Millionen km² bildete sie den damals größten Flächenstaat der Welt. Die Sowjetunion war eine sozialistische Räterepublik mit einem Einparteiensystem und einer fehlenden Gewaltenteilung.

 erlebte es – in der Fassung von Paul-Erik Rummo und Uno Naissoo (1966) – erneut große Popularität und wurde zum Ausdruck des Widerstands gegen das Sowjetregime.
Folgerichtig entwickelte sich in Estland und Lettland nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit die Folkloristik als wissenschaftliche Disziplin, mit dem Bemühen, die Stimme der Subalternen  über die Volksüberlieferung zu rekonstruieren. Das ist ein postkoloniales Anliegen an sich. Die Literaturwissenschaft, die sich mit schriftlichen Texten beschäftigt, muss eine Methode auf der Grundlage der Literatur entwickeln, mit der sie die Texte der Kolonialliteratur, die den Machtdiskurs vermitteln, „gegen den Strich“ liest, um die Spuren einer kolonisierten Stimme zu entdecken.
Das Kolonialverhältnis war ein Beziehungsgeflecht gegenseitiger Abhängigkeit, mit einem weiten Feld von Interaktionen dazwischen. Es lohnt sich, im Lichte postkolonialer Theorien in allen baltischen Literaturen genauer hinzusehen, um auf Wechselverhältnisse zwischen schriftlicher und mündlicher Kultur, auf Dynamiken von Dominanz und Unterordnung, auf Strategien des Widerstands, auf Prozesse der Aneignung, Ablehnung, Mimikry und Transformation aufmerksam zu werden. Alle baltischen Literaturen sowie die Volksüberlieferung spiegeln diesen komplexen kulturellen Austausch wider.

‚Wem gehört das Land?‛

Die Kolonisierung Alt-Livlands bildete den Grundstein der deutschbaltischen Identität und wurde in historischen Romanen gerechtfertigt – durch Missionierung, Zivilisierung und „Kulturierung“ des Landes, durch den Kampf um „unsere siebenhundertjährige Geschichte, unsere deutsche Kultur“7. Die Frage ‚Wem gehört das Land?‘ steht im Zentrum der deutschbaltischen Selbstverortung: „Und sie sollen mein sein und meinen Nachkommen erhalten bleiben, diese Wälder“, träumt der kurländische Gutsbesitzer Ernst Kasimir von Dohlen im Roman „Elkesragge“ von Max Alexander von der Ropp (S. 4).
Es gibt historische Romane, die die Eroberung Livlands zum Hauptthema haben und daher als Siedlungsromane bezeichnet werden können. Lotta Girgensohns Werk „Ylo, Kaupos Sohn und Hans von Tiesenhusen. Erzählungen aus der Zeit von Rigas Gründung“ (1901) bezieht sich auf Heinrichs Livländische Chronik und stellt den zum Christentum übergetretenen Ältesten der Liven, Kaupo, seinem heidnischen Sohn Ylo gegenüber. In einer entscheidenden Schlacht treffen beide aufeinander; Vater und Sohn fallen, und der Roman endet mit der Taufe von Ylos Sohn. Damit wird die Frage nach dem Recht auf das Land symbolisch durch die Christianisierung entschieden, wie die Erzählerin schlussfolgert:

Sehe ein, Ylo, zu den Schatten Deiner heidnischen Vorfahren! Du hast vergeblich gekämpft. /---/ Immer neue Scharen deutscher Christen ziehen herbei, sie füllen Gotteshäuser, sie bewohnen die Schlösser, ihnen gehört das Land.

Girgensohn, Lotta 1901. Ylo, Kaupos Sohn, und Hans von Tiesenhausen. Erzählung aus der Zeit der Gründung Rigas. Riga: Jonck&Poliewsky, S. 166–167.
Girgensohn schrieb den Roman anlässlich des 700-jährigen Jubiläums der Gründung 
Rīga
deu. Riga, lat. Riga, lit. Ryga, dan. Riga, swe. Riga, yid. rygʿ, yid. ryga, yid. ריגע, pol. Ryga, rus. Riga, rus. Рига, est. Riia

Riga ist die Hauptstadt Lettlands (Bevölkerungszahl 2025: 588.911) und zugleich die mit Abstand größte Stadt des Landes. Sie liegt im Südwesten der historischen Landschaft Livland nahe der Mündung des Flusses Düna (lett. Daugava) in den Rigaischen Meerbusen. Riga war eine bedeutende Handels- und Hansestadt mit einer über Jahrhunderte hinweg einer multiethnischen, doch größtenteils deutschsprachigen Bevölkerung, deren politische Oberherrschaft wiederholt wechselte. Waren es bis zum Ende des Mittelalters vor allem geistliche Herrscher (Erzbistum Riga, Deutscher Orden), die Stadt und Umland für sich beanspruchten, kam die Stadt nach kurzer polnisch-litauischer Herrschaft 1621 zu Schweden. Bereits ein Jahrhundert später wurde Riga Teil des Russländischen Reiches und hier zur Hauptstadt des Ostseegouvernements Livland.

1918 wurde Riga Hauptstadt eines unabhängigen lettischen Staates. Nach der deutschen Besetzung im Zweiten Weltkrieg 1941 wurde die jüdische Bevölkerung Rigas (8% der Gesamtbevölkerung) vor allem im Ghetto eingesperrt, in das auch zahlreiche jüdische Menschen aus dem damaligen Gebiet des Deutschen Reichs deportiert wurden. Noch im selben Jahr organisierte die Wehrmacht Massenerschießungen der jüdischen Bevölkerung auf dem Gebiet der heutigen Stadt. Nach dem Zweiten Weltkrieg änderte sich die ethnische Struktur von Riga – die jüdische, deutsche und polnische Bevölkerung verschwand, und an ihre Stelle traten die russische, weißrussische und ukrainische Bevölkerungsgruppen. Die lettische Bevölkerung verlor ihre Mehrheit in der Stadt, und sank bis zum Zerfall der Sowjetunion auf fast ein Drittel. Inzwischen beträgt ihr Anteil 47% der Gesamtbevölkerung.

 (1201), die als „ein Bollwerk für deutsche Sitten, Religion und unsern Handel“8 gegründet worden sei. Diese Mission gelte es fortzuführen: „Im Kampfe mit den wilden Einwohnern und der rauhen Natur des Livlandes sollten meine Kinder sich ihres Deutschtums froh bewusst sein und unsere Art und Weise fortpflanzen“9.

Die Geschichte des Freiheitskampfes

Liest man die Livländische Chronik „gegen den Strich“, wie die postkolonialen Theorien dies empfehlen, um nach einer Stimme der Subalternen10  zu fragen, so lässt sich zwischen den Zeilen ein etwas anderer Standpunkt entdecken, etwa wenn Heinrich in seiner Chronik die Liven auffordert: „Seid tapfer, ihr Liven, und kämpfet, auf dass ihr nicht Knechte der Deutschen werdet“11, oder wenn er die Esten aus Sakala sagen hört, sie würden niemals den christlichen Glauben annehmen, „solange noch ein Knabe ein Jahr alt oder eine Elle hoch im Lande übrig wäre.“12: So eröffnet die Chronik eine Möglichkeit, die Eroberung Livlands auch aus der Perspektive der Besiegten zu deuten – als Kampf der einheimischen Bevölkerung um ihre Freiheit. Die Legitimität der Ostkolonisation wurde von Johann Gottfried Herder in Frage gestellt: „Keiner der geistlichen Ritterorden hat Aufklärung nach Europa gebracht oder dieselbe befördert“, erklärte Herder in seinen „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“ (1792: 382). So behauptete er im Kapitel über „Finnen, Letten und Preußen“:

Die Menschheit schaudert vor dem Blut, das hier vergossen ward in langen wilden Kriegen, bis die alten Preußen fast gänzlich ausgerottet, Kuren und Letten hingegen in eine Knechtschaft gebracht wurden, unter deren Joch sie noch jetzt schmachten.

Herder, Johann Gottfried 1792. Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit. Bd. 3. Riga, Leipzig: Hartknoch, S. 25.
Die Herdersche Kritik an der christlichen Kolonisierung fand im Baltikum ein Echo bei Garlieb Merkel, der mit seinem Buch „Die Letten, vorzüglich in Liefland, am Ende des philosophischen Jahrhunderts“ (1797) eine neue Epoche eröffnete, indem er die Geschichte erstmals aus der Perspektive der Letten und Esten darstellte. Auf Merkel geht der Topos der „600-jährigen Sklaverei“ dieser Völker zurück, der zum Grundgedanken der späteren estnischen und lettischen Literatur und Geschichtsauffassung wird. Merkel lobt die glorreiche Vergangenheit der Esten und Liven vor der Ankunft der deutschen Kreuzritter, ihren Kampf um Freiheit und ihren tapferen Widerstand gegen die erzwungene Christianisierung. In seiner Darstellung werden die Kreuzritter zu „den fanatischen Horden des Auslandes“,13 die den Ureinwohnern ihr Land und ihre Freiheit raubten. Merkels Haltung gegenüber der Kolonisierung Alt-Livlands wird in der kühnen metaphorischen Sprache seiner historischen Erzählung „Wannem Ymanta“ (1802) deutlich, die den Beginn des baltischen historischen Romans markiert:

Eiserne Ungeheuer sind dem Meere entstiegen: uns schienen sie fremdliche Gäste. Wie ein giftiger Nebel, der alles verderbet und tödtet, lagern sie sich über das Land. Durch schändliche Gleissnerei bethörten sie uns, und schlichten sich ein in unsre Burgen und Dörfer. [W]ie Raubthiere aus dem Lager, brechen sie nun hervor aus denselben, stürzen unsre Altäre um, reissen die Frucht unsrer Aecker an sich, schänden unsre Weiber und Töchter, schleppen unsre Kinder übers Meer. […] Wie das Feuer, aus einem kleinen Funken entsprungen, zum Flämmchen emporwächst […], bis ein Flammenmeer den Wald durchwogt und die letzte Eiche des Forstes, versengt und ertödtet, ein Jammerbild, dasteht: so wütet das Schwerdt der Fremdlinge um sich her und entwürdigt die Besiegten zu Sklaven“

Merkel, Garlieb 1802. Wannem Ymanta, eine lettische Sage. Leipzig: Hartknoch, S. 25–27.
Es handelt sich um eine Heldensage, die vom Feldzug der Latgaller und Liven gegen die deutschen Ritter unter der Führung der Ältesten Ymanta und Aazo berichtet. Während der Belagerung Rigas geraten Ymanta und sein Bruder Kaupo, der zu den Deutschen übergelaufen ist, durch einen listigen Plan der Ritter in einen Zweikampf. Beide finden den Tod, und ihr Land sowie ihr Volk geraten für Jahrhunderte in Knechtschaft.
Literarische Spiegelungen der Merkelschen Geschichtskonzeption lassen sich in der späteren deutschbaltischen Literatur nachweisen, etwa in Ludmilla von Rehrens Erzählung „Aazo und Linda. Eine Geschichte aus Livlands Vergangenheit“ (1902), in der Kaupos Bruder Aazo als Hauptfigur auftritt und den Widerstand gegen die Kreuzritter organisiert. Die Esten und Liven werden als protodemokratische Naturvölker dargestellt.
Noch entschiedener schlossen sich die estnische und lettische Literatur der Merkelschen Geschichtsauffassung an, die zu einem Grundstein ihrer politischen Selbstbehauptung wurde. Das estnische Nationalepos „Kalevipoeg“ (Kalews Sohn, 1857–1861) von Friedrich Reinhold Kreutzwald schildert die mythische Ära der Freiheit der Esten und Kalevipoegs Kämpfe gegen die „eisernen Männer“, die ins Land kamen, um es zu erobern. Das lettische Nationalepos „Lāčplēsis“ (Bärentöter, 1888) von Andrejs Pumpurs, die Gedichte von Miķelis Krogzemis sowie die historischen Romane von Eduard Bornhöhe, Andres Saal, Anton Rupainis, Mait Metsanurk oder Enn Kippel führen die Erzählung vom einstigen Freiheitskampf fort. Aussagen wie „Wir wollen keine fremden Herrscher, sondern wählen unsere Führer aus unseren Reihen“ oder „Ein freier Mann wird niemals seinen Hals beugen wollen!“14) lesen sich wie Zitate aus Heinrichs Chronik. Im Lichte der modernen Idee des demokratischen Nationalstaates sind es nicht die einheimischen Heiden, die als wild und brutal gelten, sondern die Kreuzritter, die eine protodemokratische Gesellschaftsordnung zerstören. Die unter dem Kreuz vereinten Priester und Krieger verkörpern keine höheren moralischen oder kulturellen Werte, sondern: „Die Rüstung des Kriegers und die Roben des Priesters verbergen den Geist einer wilden Bestie.“)15 Bezeichnenderweise wurden in den 1980er Jahren Nachdrucke dieser Werke aus den 1930er Jahren veröffentlicht, die den Freiheitskampf vor der Unabhängigkeit versinnbildlichen.
Merkel hätte kaum zu träumen gewagt, dass seine Interpretation der baltischen Geschichte jemals in estnischer und lettischer Sprache weitergeschrieben würde. Aber so geschah es: Die estnische bzw. lettische Geschichtsdarstellung baute auf der häretischen Ausrichtung der deutschbaltischen Geschichtsdarstellung auf. In postkolonialer Perspektive allerdings ist der Mythos des alten Freiheitskampfes Teil desselben kolonialen Diskurses. Danach ermöglichte dieser es den Kolonisierten, die bislang nur als Objekte der Geschichtsschreibung galten, ihre historische Subjektivität sowohl politisch als auch kulturell zu konstruieren. Die Kolonisierten nutzten die Möglichkeiten des Kolonialdiskurses, um sich zunächst eine Stimme und damit auch ein Recht auf Geschichte zu verschaffen. Der Merkelsche Geschichtsmythos bereitete so den Boden für eine alternative Geschichtsdarstellung und eröffnete die Möglichkeit einer Selbstbeschreibung als unabhängige Nation: Esten bzw. Letten zu werden, statt „Undeutsche“ zu bleiben.
------------------- Dieser Beitrag ist Teil einer Beitragsserie, die auf dem Panel „Die Grenzen des Dialogs. Kulturkonflikte als Thema der Literaturen des Baltikums“ basiert. Das Panel fand im Rahmen des Germanistentages in Braunschweig am 16. September 2025 statt. Die Veranstalterinnen: Dr. Antje Johanning (Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung), Dr. Silke Pasewalck (Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa).

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