Die Ukraine im Ersten Weltkrieg – eine Nation kommt auf die Landkarte

Bearbeitet von:
,

Einführung

Die Ukraine war eines der zentralen Schlachtfelder des Ersten Weltkrieges; durch die Teilung der ukrainischen Länder zwischen den Imperien traten österreichische gegen russländische Ukrainer in den Krieg. Die Verwüstung ukrainischer Landschaften und Dörfer, der Zusammenbruch vorherrschender sozialer Ordnungen, Deportationen und die Massenmobilisierung von Soldaten sind nur einige der gewaltsamen Auswirkungen des Krieges. Gleichzeitig beschleunigte der Erste Weltkrieg – nicht zuletzt durch genau diese Herausforderungen und Erfahrungen – die ukrainische Nationsbildung und mündete in diversen Staatsbildungsversuchen.
Das Modul bietet vielfältige Quellen, die zwischen zwei Polen rangieren: 1) die Ukraine als Schlachtfeld, als Spielball und als „Brotkorb“ der Imperien; 2) die ukrainische Suche nach Selbstbestimmung. Trotz partiell geteilter Ideologien, Ziele und Erfahrungen der Nationalbewegung in den ukrainischen Ländern waren Ukrainer doch Teil getrennter administrativer Entitäten, die zunächst auf unterschiedlichen Seiten der Front standen. Deshalb berücksichtigt die Quellensammlung sowohl die westukrainischen Länder der 
Österreich-Ungarn
deu. Donaumonarchie, deu. Doppelmonarchie, deu. Habsburgerreich, deu. Habsburgisches Reich, deu. Habsburgermonarchie, hun. Osztrák-Magyar Birodalom, eng. Austria-Hungary, eng. Austrian-Hungarian Monarchy, eng. Austrian-Hungarian Empire

Österreich-Ungarn (ung. Osztrák-Magyar Monarchia), auch als k. u. k. Monarchie bekannt, war ein historischer Staat in Mittel- und Südosteuropa, der von 1867 bis 1918 bestand.

 als auch diejenigen in der 
Russländisches Kaiserreich
rus. Российская империя, rus. Rossijskaja imperija, eng. Russian Empire, deu. Russisches Zarenreich, rus. Всероссийская империя, rus. Wserossijskaja imperija, deu. Kaiserreich Russland, deu. Russisches Kaiserreich, deu. Russisches Reich, deu. Russländisches Reich

Das Russländische Kaiserreich (auch Russisches Reich, Russisches Kaiserreich oder Kaiserreich Russland) war ein von 1721 bis 1917 existierender Staat in Osteuropa, Zentralasien und Nordamerika. Das Land war Mitte des 19. Jahrhunderts das größte zusammenhängende Reich der Neuzeit. Es wurde nach der Februarrevolution im Jahr 1917 aufgelöst. Der Staat galt als autokratisch regiert und wurde von ungefähr 181 Millionen Menschen bewohnt.

 beherrschten Zentral-, Süd- und Ostukraine. Angesichts der regionalen Heterogenität dieser Geschichte(n) kann das allerdings nur exemplarisch erfolgen. Aus pragmatischen Gründen der Aufteilung werden die Gründung der 
Westukrainische Volksrepublik

Westukrainische Volksrepublik war ein kurzlebiger Staat etwa im Südwesten der heutigen Ukraine. Er beanspruchte Gebiete die Gebiete der im Zerfall begriffenen Habsburgermonarchie mit einem hohen Anteil an ukrainischen bzw. russinischen Bevölkerung wie Galizien, Bukowina und Transkarpatien. Die Westukrainische Volksrepublik wurde am 1. November 1918 in Lemberg gegründet, doch schon am 22. November musste die Regierung wegen der einrückenden polnischen Truppen die Hauptstadt verlassen. Am längsten diente Stanislau als Regierungssitz. Bukowina wurde bald von den rumänischen und Transkarpatien, von den tschechoslowakischen Truppen besetzt. Am 22. Januar 1922 schloss sich die Westukrainische Volksrepublik der Ukrainischen Volksrepublik an.

 und der ihr folgende polnisch-ukrainische Krieg im Modul „Ukrainerinnen und Ukrainer im Polen der Zwischenkriegszeit“ behandelt. Demgegenüber werden einige Quellen zur Geschichte der 
Ukrainische Volksrepublik
rus. Украинская Народная Республика, ukr. Українська Народна Республіка, eng. Ukrainian People's Republic, deu. Volksrepublik Ukraine, rus. Ukrainskaâ Narodnaâ Respublika, ukr. Ukraїnsʹka Narodna Respublіka

Die Ukrainische Volksrepublik wurde 1918 gegründet und stand in Opposition zur bolschewistischen UdSSR. Nach der Eroberung durch die UdSSR 1920 wurde die Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik gegründet.

 (Ukrajins’ka Narodnja Respublika), ihren Unabhängigkeitsbestrebungen und ihrer deutschen Besatzung in das Modul aufgenommen.
Die Zäsuren des Ersten Weltkriegs sind in der jüngsten Forschungsdiskussion gerade für das östliche Europa vielfach neu konzipiert worden, ließe er sich doch von den Balkankriegen bis zum Ende der „ Pygmäenkriege Pygmäenkriege Abschätzige Bezeichnung Winston Churchills für die Staatsbildungs- und Befreiungskriege Ostmitteleuropas. “ (Böhler), d.h. von 1912 bis 1923, denken. Im Fall der ukrainischen Geschichte ist das Etablieren einer klaren Zäsur sowohl aus räumlichen als auch zeitlichen Gründen eine besondere Herausforderung. Einerseits waren die Geschichten der geteilten ukrainischen Länder vielfältig; sie waren auf unterschiedliche Weise in das Geschehen ihres ost- und ostmitteleuropäischen Umfelds integriert. Zahlreiche Akteure versuchten aber auch, ihre Geschichte selbstständig zu schreiben und eigene Staaten zu bilden. Dabei wurden sie von unterschiedlichen politischen und territorialen Vorstellungen geleitet.1 Andererseits steht der Begriff des Ersten Weltkriegs in der ukrainischen Geschichte im engen Zusammenhang mit der Periode der „Ukrainischen Revolution“. Diese Periode soll die ukrainischen Unabhängigkeitsbestrebungen seit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs fassen, variierende Definitionen operieren allerdings mit völlig unterschiedlichen Definitionen. Im engen Sinne und mit Blick auf die Zentral- und Ostukraine können wir darunter die Zeit von der Errichtung der Zentralrada im März 1917 bis zur Niederlage der ukrainischen Armee im Polnisch-Sowjetischen Krieg im November 1920 verstehen. Abweichende Perspektiven schlagen etwa vor, die Periode mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs beginnen oder erst mit der formellen Abtretung Ostgaliziens 1923 enden zu lassen.2 Ein weiteres relevantes Konzept des ukrainischen historiographischen Diskurses, das sich klarer definieren lässt, sind die Befreiungskämpfe (vyzvol’ni zmahannja), die im engeren Sinne mit dem versuchten Staatsaufbau zu Kriegszeiten bis zur militärischen Niederlage der UNR, d.h. von 1917 bis 1921 gedacht werden.3
Nur drei Wochen nach der Kriegserklärung Österreich-Ungarns gegen Serbien am 28. Juli 1914 begann das Russländische Reich mit seiner Offensive gegen Ostgalizien, die vom 18. August bis zum 21. September dauerte. Sie führte zu enormen Flüchtlingsbewegungen aus L’viv/L’wów/Lemberg und Umgebung in die Alpenländer; die ukrainische Intelligenz begab sich nach 
Wien
eng. Vienna

Wien ist die Bundeshauptstadt und politisches, kulturelles und wirtschaftliches Zentrum Österreichs. Allein im Stadtgebiet leben rund 1,9 Millionen Einwohner:innen und damit ein Fünftel der Landesbevölkerung, im Großraum insgesamt sogar ein Drittel aller Österreicher:innen. Historisch bedeutend ist Wien insbesondere als Hauptstadt und mit Abstand wichtigste Residenzstadt der ehemaligen Habsburgermonarchie.

Historische Orte
Österreich
  (
eng. Federal State of Austria, eng. Austria, deu. Österreich, deu. Bundesstaat Österreich
)
Österreich
  (
eng. Republic of Austria, eng. Austria, deu. Österreich, deu. Republic of German-Austria, deu. Deutschösterreich, deu. Deutsch-Österreich
)
, um dort ihre politischen Bestrebungen zu organisieren. Gleichzeitig erlebte Ostgalizien seine erste Phase eines repressiven russischen Besatzungsregimes; eine zweite folgte auf die Brusilov-Offensive 1916. Mit der Besatzung von Teilen der russländischen Ukraine durch die Mittelmächte begannen ukrainische Aktivisten dagegen, von der Erweiterung ihres nationalen Sendungsbewusstseins auf die Zentralukraine zu träumen und legten u.a. dem k.u.k. Außenminister einschlägige Pläne zur eigenständigen Verwaltung des wolhynischen Schulwesens vor. Dagegen beginnt die regionale und lokale Geschichtsschreibung des Ersten Weltkrieges in weiten Teilen der russländischen Ukraine erst mit dem Jahr 1917 durch die Auswirkungen der Februar- und Oktoberrevolutionen.4 Dies ist zwar kein Zufall, waren doch gerade die Provinzen abseits der Fronten nicht derart im Zentrum des Geschehens wie das gleich zweimal von der russländischen Armee besetzte L’viv,5 dennoch gilt es in diesem Bereich nach wie vor Forschungslücken zu schließen. Darüber hinaus ist zu berücksichtigen, dass der Erste Weltkrieg auch im Russländischen Reich enorme Flüchtlingsbewegungen auslöste, die auch Räume weit abseits der Front betrafen, wie Ljubov Žvanko thematisiert.6
 
Der Erste Weltkrieg war auch eine Schule des ukrainischen Nationalismus und führte zu dessen schrittweiser Radikalisierung. Diese erfolgte nicht nur innerhalb der Intelligenz, sondern auch im Militär. Ukrainische Aktivisten gründeten Freiwilligeneinheiten, betrieben intensive Propaganda in Wort, Bild und Musik und engagierten sich bei der ‚nationalen Aufklärung‘ in Kriegsgefangenenlagern. Die Ukrajins’ki Sičovi Stril’ci (USS) waren eine Freiwilligenlegion innerhalb der Habsburgermonarchie, die sich kurz nach dem Beginn des Ersten Weltkrieges bildete und der k.k. Landwehr zugeordnet wurde. Die Rekruten stammten aus Galizien und basierten – ähnlich dem polnischen Pendant – auf dem gleichnamigen, 1913 gegründeten Schützenverband. Später wurde ihnen auch die ruthenische bzw. huzulische Freiwilligeneinheit aus der Bukowina zugeteilt. Diese Einheiten entstanden jedoch nicht in hurrapatriotischer Aufwallung, wie dies aus Zentraleuropa bekannt ist; häufig handelte es sich um rasch mobilisierte junge Männer (und vereinzelt auch Frauen), die vor allem ihre Heimatregion verteidigen wollten und sich gegen einen auswärtigen Einsatz zu wehren suchten. Mit einer Truppenstärke zwischen ca. 2.000–5.000 Soldaten war ihre Kampfstärke mit Blick auf das gesamte Imperium eher unbedeutend. Im Sinne der Außenwirkung wie auch der nationalen Selbstorganisation waren die USS allerdings nicht zu unterschätzen. Zunächst gelang es durch sie, trotz der weiterhin bestehenden russophilen Tendenzen unter den Ruthenen der Habsburgermonarchie, das Image der reichstreuen Ukrainer zu vertiefen; so wurde es auch auf der Kriegsausstellung 1916 propagiert.7 Darüber hinaus gelang es der ukrainischen politischen Führung, für die Verwaltung der USS und den Dienst in ihrer Propagandaabteilung wichtige Intellektuelle und Propagandisten abstellen zu lassen.8 Diese wollten sie zur Politikberatung, aber auch zur Generierung internationaler Aufmerksamkeit für das ukrainische Projekt einsetzen. Dafür sollten sie vom Kriegsdienst an der Front befreit werden. Nach dem Zerfall der Habsburgermonarchie wurden die USS zu einem wichtigen Faktor im ukrainischen Staatsbildungskampf. Ende 1918 waren sie eine geübte Einheit mit Organisations- und Führungserfahrung, die die Basis für die spätere Ukrainische Galizische Armee (Ukraïns’ka Halyc’ka Armija, UHA) darstellte. Diese wurde nach Ausbruch des polnisch-ukrainischen Kriegs in kürzester Zeit rekrutiert und organisiert.9 
Der Erste Weltkrieg bedeutete nicht nur die Mobilisierung von Soldaten, sondern auch die Mobilisierung von intellektuellen ‚Kämpfern‘ im „Krieg der Geister“. Der polnische Historiker Maciej Górny hat mit diesem Begriff die Propagandaarbeit von Wissenschaftlern für die unterschiedlichen Nationalbewegungen umschrieben. Man kann hier auch die Propaganda unter ukrainischen Kriegsgefangenen der russländischen Armee einbeziehen, die der Sojuz Vyzvolennja Ukrajiny (Bund zur Befreiung der Ukraine; SVU) in den Kriegsgefangenenlagern Österreich-Ungarns und des Deutschlands betrieb.10 Auch die mediale Berichterstattung über den Krieg diente der nationalen Mobilisierung. So wurden Kunst, Postkarten und Fotografien massenhaft genutzt, um auf ukrainischer Seite ein eigenes Narrativ des Kriegs abzubilden. Daran beteiligten sich Angehörige des k.u.k. Pressekorps („Ukrainische Künstlerschar“) ebenso wie der SVU und andere Aktivisten.11 Ebenso produzierten die Einheiten der Mittelmächte massenhaft Bildgut, mit dem diese ihre Vorstellung des „Kriegslands im Osten“12 einfingen. Das Modul stellt visuelle Quellen sowohl aus dem Kreis der ukrainischen Künstlerschar als auch aus österreichischen Archiven zur Verfügung, die für solch eine Betrachtung herangezogen werden können.
Auch wenn die Periode von Ende 1918 bis 1923 im vorliegenden Modul nur angerissen werden kann, legt es einige Quellen vor, die die anhaltende Gewalt auf dem Gebiet der Ukrainischen Volksrepublik thematisieren. Dies betrifft sowohl die kriegerischen Auseinandersetzungen ukrainischer Truppen mit der russisch dominierten Roten Armee als auch die militärischen Aktionen und Gewaltakte regionaler „Warlords“ und bäuerlicher Aufständischer.13 in den Staatsbildungsversuchen bereiteten den turn to the right14 der zuvor relativ links ausgerichteten Nationalbewegung in der Zwischenkriegszeit vor. Die vielfältige regionale Erinnerungskultur, die sich auch jenseits der diskutierten Zäsuren bewegen kann, wird nur mit zwei Fotografien angedeutet. Das Modul versucht mit ca. 60 ausgewählten Quellen, dieser Multiperspektivität Rechnung zu tragen und dabei auch die transnationale Geschichte mit deutschen, russischen, polnischen und jüdischen Verflechtungen der ukrainischen Geschichte zu berücksichtigen.

Informations-Bereich