Lehrmodul
Die Ukraine im Ersten Weltkrieg – eine Nation kommt auf die Landkarte
Chronologie
28. Juni 1914 – Attentat auf Erzherzog Franz Ferdinand in Sarajevo
28. Juli 1914 – Österreich-Ungarns Kriegserklärung gegen Serbien; Verkündung der vollständigen Mobilisierung im Russländischen Reich.
1. August 1914 – Das Deutsche Reich erklärt dem Russländischen Reich den Krieg.1
6. August 1914 – Gründung der Ukrajins’ki sičovi stril’ci (Ukrajinische Sič-Schützen), die als Ukrainische Freiwilligenlegion Teil der k.u.k. Armee wurde.
26.-30. August 1914 – Schlacht bei Tannenberg; Sieg der deutschen Truppen über die russländische Armee
23. August – 11. September 1914 – Schlacht um Galizien; Niederlage der österreichisch-ungarischen Armee gegen die russländische.
September 1914 – Besatzung Lembergs durch die russländische Armee
Mai 1915 – Schlacht bei Gorlice und Tarnów; infolge des Sieges gegen die russländische Armee konnten die Mittelmächte besetzte Teile Galiziens wiedereinnehmen und weite Teile des russländischen Territoriums besatzen.
Juni 1915 – Rückeroberung Lembergs durch die k.u.k.-Armee
Sommer 1915 – Besetzung westlicher Gebiete des Russländischen Reiches, einschließlich des westlichen Volyn‘
4. Juni bis 20. September 1916 – Brusilov-Offensive mit großen Erfolgen der russländischen Armee in Volyn‘, Galizien und der Bukowina.
21. November 1916 – Tod des österreichisch-ungarischen Kaisers und Königs Franz Joseph I.; sein Nachfolger wird Kaiser Karl I.
8. März 1917 (23. Februar nach dem julianischen Kalender) Beginn der Februarrevolution in Russland
15. (2., JL) März 1917 Abdankung des Zaren Nikolaj II.
1. (14., JL) September 1917 – Ausrufung der Russischen Republik
7. November (25. Oktober, JL) 1917 – Beginn der Oktoberrevolution im Russländischen Reich2
15. (2., JL) November 1917 – Deklaration der Rechte und Völker Russlands
20. (7., JL) November 1917 – Verkündung der Autonomie der Ukrainischen Volksrepublik (Ukrajins’ka Narodna Respublika) innerhalb der Russischen Republik
23. Dezember 1917 – Besatzung Charkivs durch die Rote Armee; dort Ausrufung der Ukrainischen Räte-Volksrepublik (Ukrajins’ka Narodna Respublika Rad) als Teil der RSFSR
22. Januar 1918 – Ausrufung der staatlichen Unabhängigkeit und Souveränität der Ukrainischen Volksrepublik
3. März 1918 – Unterzeichnung des Friedensvertrags von Brest-Litowsk (Beginn der Verhandlungen am 9. Dezember 1917)
29. April 1918 – Putsch des “Het’mans” Pavlo Skoropads’kyj mit Unterstützung der Mittelmächte; mit dem Gesetz zum einstweiligen Staatsaufbau der Ukraine wird der Staatsname in „Ukrainischer Staat“ [Ukrajins’ka deržava] geändert.
16. Oktober 1918 – Schreiben Kaiser Karls I. „An Meine getreuen österreichischen Völker!“
11. November 1918 – Unterzeichnung des Waffenstillstandsabkommens durch das Deutsche Reich3
1. November 1918 – Ausrufung der Westukrainischen Volksrepublik
November-Dezember 1918 – „Aufstand gegen den Het’man“: Bürgerkriegsepisode im Ukrainischen Staat, bei denen die Truppen des „Direktoriums“, die Sičovi stril’ci (Sič-Schützen)4, Skoropads’kyj und seine Anhänger ins Exil vertrieben und die Macht übernahmen.
9. Januar 1919 – Ausrufung der Ukrainischen Sowjetischen Sozialistischen Republik (Ukrajins’ka Radjans’ka Socialistyčna Respublika) in Charkiv
18. Januar 1919 – 21. Januar 1920 – Pariser Friedenskonferenz
22. Januar 1919 – Vereinigung der Westukrainischen Volksrepublik mit der Ukrainischen Volksrepublik („Akt Zluky“)[Link zum Dokument im Modul]
14. Februar 1919 – Ausbruch des polnisch-sowjetischen Krieges
7.–28. Juni 1919 – Čortkiv-Offensive der Ukrainischen Galizischen Armee – nach anfänglichen Erfolgen wird die Ukrainische Galizische Armee zurückgeschlagen und erleidet Verluste.
Juni 1919 - Entscheidung des Allierten Rates der Außenminister über den politischen Status Galiziens; infolgedessen durfte die polnische Armee bis zum Fluss Zbruč Operationen gegen die Ukrainische Galizische Armee führen.
Mitte Juli 1919 – Die Ukrainische Galizische Armee überquert den Zbruč; obgleich sie ihre eigene Struktur beibehält, operiert sie im engen Einklang mit der Armee der Ukrainischen Volksrepublik im ukrainisch-sowjetischen Krieg.
8. Dezember 1919 – Festlegung der Curzon-Line und damit auch die vorläufige Definition der polnischen Ostgrenze.
12. Februar 1920 – Einheiten der Ukrainischen Galizien Armee auf dem Territorium der UNR wurden von der Roten Armee als „Rote Ukrainische Galizische Armee“ zwangsrekrutiert und beim sowjetischen Angriff auf Polen eingesetzt.
21. April 1920 – Vertrag von Warschau – Anerkennung der UNR und ihrer Grenzen durch Polen; Symon Petljura verpflichtet sich im Abkommen mit Józef Piłsudski, Polen Militärhilfe im polnisch-sowjetischen Krieg zu leisten.
15. August 1920 – Die Rote Armee wird von der polnischen Armee unter ukrainischer Beteiligung vor Warschau bezwungen und in der Folge entscheidend zurückgedrängt.
18. März 1921 – Der Friedensvertrag von Riga beendete den polnisch-sowjetischen Krieg, verstetigte die polnische Annexion von Teilen Wolhyniens; Polen erkannte die Ukrainische Sowjetische Sozialistische Republik sowie die Belarussische Sowjetische Sozialistische Republik in den vereinbarten Grenzen an.
30. Dezember 1922 – Die Ukrainische Sowjetische Sozialistische Republik wird in die Sowjetunion aufgenommen5 und verliert damit ihre zuvor immerhin nominell bestehende Souveränität.
15. März 1923 – Mit Beschluss der Pariser Botschafterkonferenz in Versailles wird Ostgalizien formell Polen zugesprochen.
Fußnoten
2.
3.
4.
Informations-Bereich
Fußnoten
1.
Auf dem Gebiet der Habsburgermonarchie formierte sich nicht nur die Westukrainische Volksrepublik, die Ansprüche auf alle ukrainisch besiedelten Gebiete der Habsburgermonarchie, im mindesten aber Galizien und die Bukowina erhob. Dazu kamen gleich drei Versuche, Mikrostaaten zu bilden: zwei lemkische – davon einen in Ost- und einen in Westgalizien – und einen huzulischen, den letzteren im ungarischen Teil des Huzulenlandes. Bogdan Horbal, Działalność polityczna Łemków na Łemkowszczyźnie 1918-1921, Wrocław 1997; Romana Mondryk, Hlavní projevy etnické identity ukrajinských Huculů/ Main manifestations of the ethnic identity of the Ukrainian Huculs, in: Kulturní Studia 1 (2017), 39-61. https://kulturnistudia.cz/2017-1/2017-1-mondryk.pdf Allgemein zur nicht unproblematischen Geschichtsschreibung einer russinischen Nationalbewegung vgl. Paul Robert Magocsi, With Their Backs to the Mountains. A History of Carpathian Rus’ and Carpatho-Rusyns, Budapest 2022; ders., The Shaping of a National Identity. Subcarpathian Rus'. 1848-1948, Harvard 1978.
2.
3.
Schon unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg begannen ukrainische Intellektuelle, diese vyzvol’ni zmahannja in eine Tradition mit dem versuchten Staatsaufbau Bohdan Chmel’nyc’kyjs und seinem Kampf gegen Polen, 1648–1657. Darüber hinaus werden auch die ukrainischen Staatsbildungsversuche und Widerstandskämpfe im Zweiten Weltkrieg sowie die Verteidigung der unabhängigen Ukraine gegen die russische Aggression seit 2014 als vyzvol’ni zmahannja gefasst. Für eine moderne Interpretation der ukrainischen Geschichte als Gewaltgeschichte vgl. Anna Veronika Wendland, Befreiungskrieg. Nationsbildung und Gewalt in der Ukraine, Frankfurt a.M. 2023.
5.
6.
7.
8.
9.
10.
Maciej Górny, Science Embattled. Eastern European Intellectuals and the Great War, Paderborn 2019; Martin Rohde, Nationale Wissenschaft zwischen zwei Imperien. Die Ševčenko-Gesellschaft der Wissenschaften, 1892–1918. Göttingen 2022. Open access via https://www.vr-elibrary.de/doi/book/10.14220/9783737013901.
11.
Oksana Dudko, Rifleman Art. Visualizing the Ukrainian War, in: Lidia Głuchowska, Vojtěch Lahoda (eds.): Nationalism and Cosmopolitanism in the Avant-Garde and Modernism, Prague 2022, 114–145. Gleichfalls produzierten die Propagandaaktivisten der russländischen Armee bei der Besatzung von Galizien eigene Dokumentationen, mit denen sie ihre Narrative vom rückständigen Galizien zu unterfüttern suchten. Vgl. Likhacheva, Alexandra, Galician Landscapes through the Camera Lens: Visualizing Combat Spaces of the First World War, in: Jobst/Nagornaia/von Lingen (Hg.), The Great War, 241–262.
12.
13.

