Felix Simmenauer, Werbeplakat für den Film "Makkabiah 1932", Berlin 1932, Fotografie. Inv.-Nr. FOT 90/19/3/002, Schenkung von Felix Simmenauer / Jüdisches Museum Berlin,
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Felix Simmenauer, Werbeplakat für den Film "Makkabiah 1932", Berlin 1932, Fotografie. Inv.-Nr. FOT 90/19/3/002, Schenkung von Felix Simmenauer / Jüdisches Museum Berlin,
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Einführung
In der Epoche zwischen den Weltkriegen erreichte der jüdische Sport in Europa und darüber hinaus seinen Zenit. Er gewann an Bedeutung im Alltag vieler Jüdinnen und Juden, sowohl als kollektive Praxis mit ideologischer Prägung als auch als Raum für neue gesellschaftliche Aushandlungsprozesse. Im Rahmen dieser Entwicklungen rückten nicht mehr nur ausschließlich konkurrierende kollektive (jüdische) Zugehörigkeitsaspekte in den Vordergrund, sondern vielmehr stand die Regulierung und Reflexion des Verhältnisses zwischen Individuum und Gemeinschaft im Fokus.
Die zwei Jahrzehnte der Zwischenkriegszeit des 20. Jahrhunderts waren in Europa und zunehmend auch darüber hinaus für den jüdischen Sport ein neuer und letzter Höhepunkt. Die Quantität und die Qualität der erhaltenen Quellen zeugen von dieser kontinuierlichen Ausbreitung: Der Sport drang in immer mehr Bereiche des Alltags vor und das bei zusehends mehr Jüdinnen und Juden. Er blieb als ideologisch überbaute kollektive Praxis präsent und gewann auch als Ort einer anderen Aushandlung an Bedeutung. Hierbei standen nicht mehr nur Konkurrenzen zwischen verschiedenen kollektiven (jüdischen) Zugehörigkeitsoptionen im Vordergrund, sondern zunehmend die Regulierung und Reflexion des Verhältnisses zwischen Individuum und Gemeinschaft.
Die ideologische Konstruktion von Kollektiven einerseits und anderseits die aus der Differenzierung und Pluralisierung resultierende Mehrdeutigkeit und Widersprüchlichkeit gingen Hand in Hand und nahmen so Grundprobleme des Menschen in der Moderne vorweg.
Die Ausgangslage für den Boom war ambivalent. Der Erste Weltkrieg hatte die Verbreitung des Sports extrem beschleunigt und weite Teile der männlichen Bevölkerung Europas als Militärangehörige damit in Berührung gebracht. Speziell für die jüdischen Gemeinschaften in Polen hatte ausgerechnet der Krieg die bisherigen Einschränkungen bei der vereinsmäßigen Organisation von Sport, die in den preußischen und russischen Teilungsgebieten als potentiell abweichend oder aufwieglerisch gegolten hatte, beendet und den Anstoß zur Gründung eines Verbandes gegeben.
Andererseits waren die Jüdinnen und Juden Mitteleuropas mit einem gewaltsamen Wiedererstarken des Antisemitismus als unmittelbarer Kriegsfolge konfrontiert. Als die imperiale Ordnung mit traditionell multiethnischen Bevölkerungsstrukturen zerbrach, entstand eine Vielzahl neuer Nationalstaaten. Der jeweiligen neuen Titularnation standen eine bzw. in der Regel mehrere Minderheiten gegenüber. Besonders die Judenheiten wurden länderübergreifend diskrimiert und gerieten zusätzlich zwischen die Fronten, wenn sich im langen Prozess des Kriegsendes revolutionäre Ereignisse Bahn brachen oder Angehörige zweier Nationen um die Vorherrschaft kämpften.1 Tatsächlich versank Ost(mittel)europa in bürgerkriegsähnlichen Konflikten,
die Angst vor der Pogromgewalt der Jahre 1917 bis 1921
die Angst vor der Pogromgewalt der Jahre 1917 bis 1921
Die Gewaltexzesse während des Russischen Bürgerkriegs (1917–1922) sind im Kontext der tiefgreifenden politischen und sozialen Umbrüche zu betrachten, die das ehemalige Zarenreich nach dem Zusammenbruch der Monarchie erschütterten. In diesem von extremer Brutalisierung geprägten Konflikt standen sich auf dem Territorium des ehemaligen Russischen Reiches vor allem die bolschewistischen Streitkräfte (Rote Armee) und die konterrevolutionären „Weißen Truppen” gegenüber. Im ideologischen Diskurs der konterrevolutionären Lager war Antisemitismus ein zentrales Element. Die bolschewistische Revolution wurde vielfach als Teil eines vermeintlich jüdisch-kommunistischen Komplotts zur Unterwanderung der christlich-russischen Gesellschaft interpretiert. Dies führte dazu, dass Jüdinnen und Juden unabhängig von ihrer tatsächlichen politischen Zugehörigkeit kollektiv mit dem Bolschewismus assoziiert und als Feindbilder konstruiert wurden. Diese antisemitisch aufgeladene Rhetorik bildete die ideologische Grundlage für eine Welle von Pogromen, die insbesondere in den umkämpften Regionen der heutigen Ukraine, Belarus und Südrusslands Realität wurden. Während des Bürgerkriegs ereigneten sich schätzungsweise rund 1.500 Pogrome, die Zehntausende Todesopfer unter der jüdischen Zivilbevölkerung forderten und zu einer massiven Vertreibung sowie tiefgreifenden Traumatisierungen führten.
reichte bis nach Berlin und Wien. Aus der jüdischen Sportbewegung kamen unabhängig von der jeweiligen politischen Ausrichtung immer wieder wirkungsvolle Reaktionen auf die antijüdische Gewaltandrohung und antisemitischen Maßnahmen. So spielte die Jüdische Turnerschaft eine aktive Rolle in der Pogromabwehr in Wien 1918, und in Deutschland stellte selbst der nationalistische
Reichsbund jüdischer Frontsoldaten
Reichsbund jüdischer Frontsoldaten
auch:
RjF
1919 wurde der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten (RjF) gegründet. Dies war eine Reaktion auf antisemitische Anfeindungen den aus dem Ersten Weltkrieg zurückkehrenden, jüdischen Soldaten gegenüber. Es waren ca. 85.000 jüdische Frontsoldaten, von denen im Verlaufe des Krieges 12.000 verstarben. Trotzdem wurde ihnen vorgeworfen, sie hätten sich vor dem Krieg gedrückt und so die Niederlage Deutschlands verursacht. Der RjF machte es sich zur Aufgabe über die Leistungen von jüdischen Soldaten zu informieren und ihnen zu helfen Anerkennung zu erlangen. An verschiedenen Orten organisierte der RjF Selbstschutzeinheiten, um die jüdische Bevölkerung vor antisemitischen Angriffen zu schützen. Der Reichsbund hatte eine eigene Zeitung namens „Schild“. Die politische Einstellung des RjF war deutsch-national. Ab 1936 wurde dem RjF verboten sich politisch zu engagieren. Zwei Jahre später wurde der RjF aufgelöst.
die Jugendsportförderung in den Dienst der Antisemitismusbekämpfung. Bei der Gründung des Makkabi-Weltverbandes (MWV) 1921 spielte die unmittelbare Gewalterfahrung eine entscheidende Rolle bei dem Beschluss, in allen Kreisen verpflichtend Wehrsport einzuführen. Die eingeübten Solidaritätsmuster zum Schutz jüdischer Körper wirkten noch Jahre später fort: Im Jahr 1938 führte Deutschland die sogenannte „Polenaktion“ durch. In diesem Zusammenhang stellte auch der Sportverband Morgnshtern seine Ressourcen bereit, um die jüdischen polnischen Staatsangehörigen aufzunehmen und zu versorgen, die zu tausenden in der Grenzstadt
pol. Zbąszyn, pol. Dzbanszyn, deu. Sbaschyn, lat. Sbansin, lat. Dzbansin, lat. Dzbansszin, lat. Zbansim, pol. Bąszyń
Zbąszyń (Bevölkerungszahl 2024: 7.006) ist eine Kleinstadt in der Woiwodschaft Großpolen im Westen Polens. Mit der zweiten Teilung Polens 1793 ging Zbąszyń an Preußen. Nach der Verabschiedung des Versailler Vertrags kam die Stadt an Russland. 1920 wurde sie wieder polnisch.
In Deutschland war der Antisemitismus schon lange vor der unmittelbar mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Frühjahr 1933 einsetzenden systematischen Ausgrenzung ein ernstzunehmendes Problem, das jüdische Sportler:innen individuell wie kollektiv betraf.3 Etwa weigerte sich der Westdeutsche Spiel-Verband mit der fadenscheinigen Ausrede eines Aufnahmestopps, dem 1923 gegründeten
Hakoah Essen
Hakoah Essen
Der Turn- und Sportclub Hakoah Essen entstand im Dezember 1923 aus der Turnabteilung des Jüdischen Jugendvereins Essen und gründete 1925 den VINTUS mit. Der Verein richtete sich hauptsächlich an bisher nicht sportlich aktive Juden und Jüdinnen, die aus Angst vor Antisemitismus keinem nichtjüdischen Verein beitreten wollten. Im Jahr 1928 erreichte der Verein 1000 aktive und passive Mitglieder. Zudem hatte der Verein eine gute Verbindung zur jüdischen Gemeinde in Essen und wurde von ihr unterstützt. Es wurden viele Sportarten angeboten. Diese waren Turnen, Leichtathletik, Fußball, Boxen, Schwimmen, Wandern, Jiu-Jitsu, Tennis, Faustball, Handball, Wintersport und Fechten. 1933 trat der Verein dem Makkabi-Weltverband bei. Der Sportbetrieb wurde durch die Nationalsozialisten gestört, fand jedoch weiter statt. Die Sportarten Wandern, Jiu-Jitsu, Faustball, Handball, Wintersport und Fechten fielen weg. Dafür wurde Kegeln aufgenommen. Ab Ende 1938 gibt es keine Dokumentation oder Nachweise mehr über Aktivitäten des Hakoah Essen.
die Wettbewerbsteilnahme im Fußball und in der Leichtathletik zu ermöglichen. Notgedrungen gründeten die Essener daraufhin mit acht weiteren betroffenen Klubs im April 1925 einen eigenen und zwar den Verband jüdisch-neutraler Turn- und Sportvereine Westdeutschlands („Vintus“). Anderswo waren Juden, die in exponierter Stellung in allgemeinen Sportvereinen in Erscheinung traten, Ziel antisemitischer Gängelung und Hetze. Der Journalist Felix Pinczower warf dem 1. FC Nürnberg vor, wegen der Verbalattacken des berüchtigten „Stürmer“ auf den Trainer Jenő Konrád dessen Vertrag aufgelöst zu haben – ein Vorgang, den heute sowohl der Klub als aber auch das Konrádsche Familiengedächtnis anders und zwar als eilige Flucht aus Deutschland erinnern.4
Gerade im Angesicht äußerer und innerer Herausforderungen fanden jüdische Gemeinschaften im Sport ein Mittel der Neubestimmung von als krisenhaft erlebter Zugehörigkeit. Die Praxis und Organisationsform des Sports zeigten sich hinreichend ambivalent, sodass sowohl ein Oszillieren zwischen den Optionen als auch deren Nebeneinander möglich war. Wie auch in der allgemeinen Sportbewegung, die das Wiederaufleben Olympischer Spiele in der Neuzeit, Arbeiterolympiaden und Weltmeisterschaften in immer mehr Disziplinen sah, wurden internationale und zunehmend globale Bezüge in der Zwischenkriegszeit ebenso im spezifisch jüdischen Sport immer stärker als Beschleunigung und Verdichtung erkenn- und erlebbar. Transterritorialität und Transnationalität gehörten bereits als konstitutive Merkmale zu den europäischen jüdischen Gemeinschaften, deren Expansion über den Kontinent hinaus nunmehr im Gefolge der Emigration nach Amerika oder durch das zionistische Projekt in Palästina Realität geworden war. Diese vergrößerte jüdische Welt rückte im Sport näher. Einen besonderen Nachhall hinterließen die zahlreichen Gastspielreisen des österreichischen Fußballmeisters Hakoah Wien in den 1920ern in vielen Ländern der Welt. Aus der Makkabi-Bewegung wiederum, deren Weltverband zusätzlich zu den Kongressen erstmals 1929 in Ostrava ein europäisches Sportgroßereignis abhielt, kam die Initiative zur Etablierung regelmäßiger herkunftslandübergreifender jüdischer Spiele im Mandatsgebiet Palästina, die 1932 in Tel Aviv Wirklichkeit wurden. Der Berliner Felix Simmenauer dokumentierte diese erste Makkabiade umfassend in einem hier erstmals vollständig edierten Reisetagebuch, das seine Filmaufnahmen vervollständigt. Das Filmprojekt verdeutlicht die entstehende und bedeutsame Medialität des Sports im Allgemeinen und sportlicher Großereignisse im Besonderen, die Jahre vor den Olympia-Filmen Leni Riefenstahls nach ersten Makkabi-Kurzfilmen von 1929 und 1930 ein längst nicht mehr ganz neues Experimentierfeld Simmenauers war.5 Sein Nachlass, den das Archiv des Jüdischen Museums Berlin verwahrt, enthält einen Entwurf für das Plakat zum Makkabiah-Film, der als Titelbild für dieses Kapitel dienen soll. Der Plakatentwurf lässt vielfältige Assoziationen zu und kann in verschiedene Richtungen hin be- und hinterfragt werden. Zudem ist er darauf ausgelegt, zu gefallen und Interesse zu wecken. Wichtiger aber ist, dass er einen historischen Moment der Offenheit festhält und eine Zukunftserwartung in sich trägt, die von dem, was dann tatsächlich geschehen sollte, gänzlich verschieden war.
Dass die Zeit unmittelbar vor dem Jahr 1939 aus heutiger Sicht notwendigerweise als Blütezeit aller Erscheinungsformen jüdischen Lebens in Europa, so auch der jüdischen Sportbewegung, erscheint, ist unweigerlich dem unauslöschlichen Wissen um die nachfolgende Katastrophe der Shoah geschuldet. Damit weicht die retrospektive Sicht in fundamentaler Weise von der Perspektive der Zeitgenoss:innen ab, welche unhinterfragt eine Zukunft für sich und ihre Gemeinschaften sahen, die es zu gestalten galt. Vor diesem Hintergrund benannten sie schonungslos Missstände und schreckten selbst vor einer Überzeichnung nicht zurück, denn umso besser ließ sich daraus ein argumentativer Impuls zur Verbesserung formulieren. Der Ton der Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, der dabei mitunter angeschlagen wurde, lässt heutige Lesende irritiert zurück, zumal er bisweilen auch jenen idealisierenden Schilderungen durch Überlebende des Holocaust zuwiderläuft, die aus Yizkor-Büchern, Memoiren oder Oral-History-Interviews bekannt sind.6 Dort verbieten Überlebensscham sowie die Trauer um die Ermordeten und die zerstörte Welt allzu deutliche Kritik. Christopher Browning hat zudem darauf hingewiesen, dass auch der Zielort von Exil und Emigration eine Rolle bei der Bewertung des zurückliegenden Lebens in Europa spielt: Nach Palästina bzw. Israel Gezogene beschrieben ihre europäische Erfahrung als besonders zionistisch, ins fortschrittliche Nordamerika Eingewanderte dahingegen als stark von der jüdischen Tradition geprägt, ja als rückständig. Neben der Schaffung einer kohärenten Erzählung würden damit, so die These, auch Erwartungshaltungen des Publikums antizipiert und internalisiert.
Vielfach betont wurde der hohe Politisierungsgrad jüdischer Vergemeinschaftungsprojekte der Zwischenkriegszeit, besonders in Polen, welcher naturgemäß vor den Sportvereinen nicht Halt machte.7 Im Gegenteil waren viele Klubs eindeutig politischen Bewegungen oder Parteien zuzuordnen und umgekehrt. Der Morgnshtern, auch Jutrznia genannt, war die Sportorganisation der jiddischsprachigen sozialistischen Partei Bund, die sich auf das Leben in der Diaspora ausrichtete. Aus seinem Jahresbericht von 1938 stammt die vorliegende Quelle über Frauen im Sport.8 Das Beispiel des Ha-Po’el wiederum, der als Verband der zionistischen sozialistischen Arbeiterbewegung seit Mitte der 1930er-Jahre in Polen nachweisbar war, verweist auf eine neue Dynamik der transnationalen Entwicklung des jüdischen Sports: Waren im Fall der Makkabi-Vereine (zionistische) Modelle aus der Diaspora in Palästina nachgebildet worden, fand hier erstmals eine Organisation aus Erez Israel ihren Weg nach Europa.9 In Palästina war die fortwährende und erbitterte Konkurrenz zwischen den Verbänden Makkabi und Ha-Po’el ein entscheidendes Hindernis bei der internationalen Anerkennung der jüdischen Sportbewegung im Mandatsgebiet. In Polen dahingegen waren diese antagonistische Konstellation nur eine der schier unübersichtlichen Konfliktbeziehungen, die beispielsweise zwischen zionistischen und nichtzionistischen sozialistischen Vereinen, zwischen verschiedenen Strömungen innerhalb des Zionismus und nicht zuletzt zwischen jüdischen und nichtjüdischen Arbeitersportvereinen bestanden, um nur einige Fälle herauszugreifen.
Andererseits war die politische Standortfrage der Vereine nicht immer eindeutig zu beantworten – oder überhaupt relevant. Jenseits der Vorstellung klar umrissener politischer Zugehörigkeit bildeten Teams, wie an einem Beispiel aus Lwów gezeigt wird, im Prozess der Vereinswerdung oder noch danach überhaupt eine politische Tendenz aus oder wechselten diese. Das konnte gegebenenfalls sogar mehrfach passieren und mehr durch Nützlichkeitserwägungen, denn durch ideologische Überzeugungen motiviert sein. Robert „Benio“ Adler schildert die politische Odyssee seiner zunächst losen Straßenfußballformation: Erst nahm man das Angebot an, gegen Ausstattung und Finanzierung zum Arbeitersportverein zu werden, was auf Dauer jedoch die Aufnahme in den Fußballverband und Punktspiele verunmöglichte. Als Ausweg bot sich der Anschluss an den lokalen Morgnshtern, in dessen folge jedoch die vielen revisionistischen, also zionistischen Mitglieder den Verein verließen. Der Kontakt zu glühenden Bundisten in den neuen Strukturen weckte bei Benio schließlich das Interesse an Politik, der gegenüber er bis dahin indifferent eingestellt gewesen war. Dieses sprechende Beispiel zeigt: Sport wurde in erster Linie aus individuellen Gründen betrieben und die Aussagekraft politischer Labels war grundsätzlich begrenzt. Gleichwohl konnte das Engagement im Sportverein zur Politisierung beitragen. Zugleich wirkten politische Zugehörigkeitsoptionen auf das sportliche Feld zurück und entfalteten dadurch gesellschaftliche Wirkmacht. Erkennbar wird aus Benios Bericht auch der Zusammenhang zwischen der Dynamik von Vereins(um)gründungen in den Großstädten und der teilweisen Kurzlebigkeit der Teams: Innerhalb kurzer Zeit war sein Klub inklusive Abspaltungen unter mindestens vier Namen bekannt. So ist auch zu erklären, dass Hobby-Sporthistoriker in Internetforen 108 Fußballvereine im polnischen Lwów zählen, wovon ein bedeutender Teil dem Namen nach auf jüdische Klubs verweist.10
Das Spannungsfeld zwischen vorgestellter und gelebter Praxis in den jüdischen Sportvereinen verdeutlicht der Fall der Leichtathletin Lea, die aus dem Proletariat stammt und in ihrer Heimatstadt
Białystok (Bevölkerungszahl 2024: 290.386) ist eine Stadt im Nordosten Polens und Sitz des gleichnamigen katholischen Erzbistums. Der Ort wurde etwa 1440 gegründet. Bis 1569 wechselte seine Zugehörigkeit zwischen dem Großherzogtum Litauen und dem Königreich Polen. Spätestens 1692 erhielt er das Stadtrecht. Ab 1795 gehörte Białystok zu Preußen und ab dem Frieden von Tilsit 1807 zum Russländischen Reich. Nach dem Ersten Weltkrieg gehörte die Stadt zur Polnischen Republik bis sie nach abwechselnder Okkupation durch deutsche und russische Truppen ab September 1939 schließlich am 29. November in die Sowjetunion eingegliedert wurde. 1941 wurde die Stadt an das Deutsche Reich angegliedert. Bis dahin stellten Juden oft die Bevölkerungsmehrheit in Białystok. 1944 wurde die Stadt von der Roten Armee eingenommen. Die offizielle Rückgabe an Polen erfolgte jedoch erst 1946. Heute ist sie die Hauptstadt der Woiwodschaft Podlachien und ein Zentrum der Elektro-, Metall- und Bierindustrie mit etlichen Hochschulen.
für den lokalen Makkabi gescoutet wurde. Obwohl sie dort herzliche Aufnahme fand und sportliche Erfolge feierte, fremdelten sie wie auch ihr Umfeld mit dem als bürgerlich wahrgenommenen Verein, der nicht mit ihrem eigenen sozialen und kulturellen Hintergrund in Einklang zu bringen war. Dabei versammelten die Vereine des Makkabi Polen, des größten Mitglieds innerhalb des MWV, mit ihren ca. 30.000 Mitgliedern die meisten Aktiven in der jüdischen Sportbewegung in Polen. Vielerorts boten sie das einzige jüdische Sportangebot. „Gebt mir einen Arbeitersportklub und ich verzichte sofort auf den Makkabi“, konterte Lea bei Vorwürfen und unterstrich damit die Alternativlosigkeit ihrer Vereinswahl.
Die divergierenden sozialen und politischen Kontexte jüdischer Gemeinschaften in Polen und im westlichen Europa führten zu grundsätzlichen Differenzen, die sich nicht zuletzt im Bereich des jüdischen Sports manifestierten. Besonders anschaulich wird dies bei der
Karlsbad ist eine Kurstadt im Westen von Tschechien und Verwaltungssitz der Region Karlsbad. Die Stadt hatte Anfang 2024 mehr als 49.000 Einwohner:innen und liegt im Tal der Tepla.
International bekannt ist die Stadt für ihre heilenden Thermalquellen, die seit dem 14. Jahrhundert genutzt werden. Ab dem 18. Jahrhundert entwickelte sich Karlsbad zu einem der bedeutsamsten Kurorte Europas und zog viele Persönlichkeiten an, darunter Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832), Ludwig van Beethoven (1770-1827) und Zar Peter den Großen (1672-1725). Heute prägt der Kur- und Gesundheitstourismus das wirtschaftliche Profil der Stadt, ergänzt durch die Glas- und Porzellanherstellung. Karlsbad zeichnet sich durch seine sehr gut erhaltene Bäderarchitektur, Promenaden und repräsentativen historische Hotelbauten aus. Seit 2021 gehört die Stadt gemeinsam mit anderen europäischen Kurorten zum UNESCO-Welterbe „Great Spa Towns of Europa“.
Tagung 1921, auf der die Jüdische Turnerschaft nach dem Ersten Weltkrieg als MWV neu formiert wurde. Das vollständige Protokoll dieser Tagung zeigt den polnischen Makkabi als eine Einheitsorganisation, deren Mitglieder eine große politische und soziale Vielfalt aufwiesen. Dies stand im deutlichen Gegensatz zu den westlichen, insbesondere deutschen Vereinen, bei denen die Existenz eines jüdischen, noch dazu eines Makkabi-Vereins, fast immer mit einer impliziten oder expliziten zionistischen Ausrichtung verbunden war. Vor diesem Hintergrund stieß die Weigerung der polnischen Sportler:innen, sich ideologisch, organisatorisch und finanziell für den Zionismus zu engagieren, auf Unverständnis.
Quellen wie diese, die auf Spannungen und Konflikte hinweisen, sind es, die den Reichtum und die Lebendigkeit der jüdischen Sportbewegung im Europa der Zwischenkriegszeit belegen und damit erst die These des Booms mit Inhalt füllen.
Jochen Böhler: Civil War in Central Europe, 1918–1921: The Reconstruction of Poland. Oxford 2018, S. 159 f.
2.
Vgl. Jahresbericht für 1938 des Sportverbands, wie Froyen-onteyl in „Morgnshtern“, in: Jahresbericht 1938, S.7. Für eine bibliographische Übersicht zu Zbąszyń und der „Polenaktion“ s. Noam Corb: “From Tears Come Rivers, from Rivers Come Oceans, from Oceans – a Flood”: The Polenaktion, 1938–1939. In: Yad Vashem Studies 48 (2020), S. 21–69, hier: S. 23 f., FN 5.
3.
Zur Ausschlusspraxis (ab) 1933 vgl.: Lorenz Peiffer / Henry Wahlig: Inhaltliche Einführung. In: dies.: „Unser Verein ist judenfrei!“ Ausgrenzung im deutschen Sport: Eine Quellensammlung. Berlin /Boston 2017, S. XLVIII–LXXXIV.
4.
Vgl. hierzu die Selbstdarstellung des 1. FC Nürnberg. URL: https://www.fcn.de/der-club/nachhaltigkeit/projekte/uebersicht/jenoe-konrad-cup/ (09.01.2025).
5.
Vgl. den Eintrag zu Felix Simmernauer auf filmportal.de, URL: https://www.filmportal.de/person/felix-simmenauer_d125914e309549fb8d601dbf277bbb80 (26.03.2025).
6.
Vgl. ähnlich argumentierend, jedoch primär auf idealisierte Kindheitsschilderungen aus der Zwischenkriegszeit in Oral-History-Interviews bezogen: Christopher Browning: Remembering Survival: Inside a Nazi Slave-Labor Camp. New York 2010, S. 6, S. 16 f.
7.
Jack Jacobs: Sport. An overview. In: The YIVO Encyclopedia of Jews in Eastern Europa. URL: https://encyclopedia.yivo.org/article/2181 (06.01.20265).
8.
Ausführlicher zum Morgnshtern: Roni Gechtman: Socialist Mass Politics through Sports: The Bund’s Morgnshtern in Poland, 1926–1939. In: Journal of Sport History 26 (1999), Nr. 2, S. 326–352.
9.
Diethelm Blecking: Po’el, Ha-. In: The YIVO Encyclopedia of Jews in Eastern Europa. URL: https://encyclopedia.yivo.org/article/150 (06.01.2025).
10.
Vgl. Antwort des Users Marecki384 vom 12. Juli 2016 im Thread „II RP: sport, kluby sportowe, zawodnicy..“ des Forums Historycy.org. URL: http://www.historycy.org/index.php?showtopic=89379
Martin Borkowski-Saruhan: Jüdischer Sport in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen. In: Copernico. Geschichte und kulturelles Erbe im östlichen Europa. URL: https://www.copernico.eu/de/link/67877ebb3755b5.71962897 (14-01-2026)
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