Lehrmodul
Ukrainer im Polen der Zwischenkriegszeit
Unterdrückung, Experimente in der Nationalitätenpolitik und die gewaltsame Suche nach Selbstbestimmung
Chronologie
1. November 1918 – Ausrufung der Westukrainischen Volksrepublik
1.–21. November 1918 – Schlacht um L’viv/Lwów/Lemberg bis zum Rückzug der ukrainischen Truppen; insgesamt versuchen sie vier weitere Male, die Stadt einzunehmen.
November 1918 – die Westukrainische Volksrepublik erlässt ein Mobilisierungsgesetz und stellt die Galizische Armee (ab Februar 1919: Ukrainische Galizische Armee) als reguläre Armee auf.
21.–24. November 1918 – Antijüdisches Pogrom in L’viv/Lwów/Lemberg
18. Januar 1919 – 21. Januar 1920 – Pariser Friedenskonferenz
22. Januar 1919 – Vereinigung der Westukrainischen Volksrepublik mit der Ukrainischen Volksrepublik („Akt Zluky“)
10. Februar 1919 – Verabschiedung der „Kleinen Verfassung“ Polens
25. Februar 1919 – Die polnischen Territorialforderungen werden der zuständigen Kommission für polnische Angelegenheiten auf der Pariser Friedenskonferenz vorgelegt.
7.–28. Juni 1919 – Čortkiv-Offensive der Ukrainischen Galizischen Armee – nach anfänglichen Erfolgen wird die Ukrainische Galizische Armee zurückgeschlagen und erleidet Verluste.
Juni 1919 - Entscheidung des Allierten Rates der Außenminister über den politischen Status Galiziens; infolgedessen durfte die polnische Armee bis zum Fluss Zbruč Operationen gegen die Ukrainische Galizische Armee führen.
28. Juni 1919 – Polen unterzeichnet den „Vertrag über die Anerkennung der Unabhängigkeit Polens und über den Schutz der Minderheiten“ (auch: „Minderheitenschutzvertrag“).
Mitte Juli 1919 – Die Ukrainische Galizische Armee überquert den Zbruč; obgleich sie ihre eigene Struktur beibehält, operiert sie im engen Einklang mit der Armee der Ukrainischen Volksrepublik im ukrainisch-sowjetischen Krieg.
1. September 1919 – Waffenstillstandsabkommen zwischen Polen und der UNR.
8. Dezember 1919 – Festlegung der Curzon-Line und damit auch die vorläufige Definition der polnischen Ostgrenze.
12. Februar 1920 – Einheiten der Ukrainischen Galizien Armee auf dem Territorium der UNR wurden von der Roten Armee als „Rote Ukrainische Galizische Armee“ zwangsrekrutiert und beim sowjetischen Angriff auf Polen eingesetzt.
Mitte April 1920 – Polnische Strafexpedition in der Huzulenregion
21. April 1920 – Vertrag von Warschau – Anerkennung der UNR und ihrer Grenzen durch Polen; Symon Petljura verpflichtet sich im Abkommen mit Józef Piłsudski, Polen Militärhilfe im polnisch-sowjetischen Krieg zu leisten.
30. Juli 1920 - Gründung der Ukrainischen Militärischen Organisation unter der Führung von Jevhen Konovalec' in Prag
15. August 1920 – Die Rote Armee wird von der polnischen Armee unter ukrainischer Beteiligung vor Warschau bezwungen und in der Folge entscheidend zurückgedrängt.
18. März 1921 – Der Friedensvertrag von Riga beendete den polnisch-sowjetischen Krieg, verstetigte die polnische Annexion von Teilen Wolhyniens; Polen erkannte die Ukrainische Sowjetische Sozialistische Republik sowie die Belarussische Sowjetische Sozialistische Republik in den vereinbarten Grenzen an.
26. September 1921 - Versuchtes Attentat auf Józef Piłsudski und den Wojewoden der Wojewodschaft Lwów, O. Grabowski, ausgeführt von Stepan Fedak (junior)
30. Januar 1922 - Polnische Orthodoxe Kirche wird autokephal.
15. März 1923 – Mit Beschluss der Pariser Botschafterkonferenz in Versailles wird Ostgalizien formell Polen zugesprochen.
31. Juli 1924 – Beginn der Polonisierung der Minderheitenschulen in den sog. kresy
1926 – Dmytro Doncov veröffentlichte sein Buch Nacionalizm (Nationalismus); seine dort vorgelegte Theorie des integralen Nationalismus
12. Mai 1926 – Putsch durch Józef Piłsudski, Beginn des sog. Maiumsturzes, der schrittweise in die Etablierung des Sanacja („Gesundung“)-Regimes führte.
18. Mai 1926 – Diskussion über die zukünftige Minderheitenpolitik des Sanacja-Regimes
9. Juli 1928 – Berufung Henryk Józewskis zum Wojewoden Wolhyniens (mit Unterbrechung vom 29. Dezember 1929 bis 4. Juni 1930 – durchgehend bis zum April 1938)
2./3. Februar 1929 - Gründungskongress der Organisation Ukrainischer Nationalisten in Wien
1929–1930 – Serie zahlreicher Sabotageakte der UVO und OUN
September – November 1930 – „Pazifikation des östlichen Kleinpolens“ – gewaltsame Strafaktionen gegen die ukrainische Bevölkerung Ostgaliziens, durchgeführt unter Bronisław Pieracki
29. August 1931 - Attentat der OUN auf den polnischen Politiker Tadeusz Hołówko
26. Januar 1934 - Deutsch-polnischer Nichtangriffspakt
15. Juni 1934 - Attentat der OUN am polnischen Innenminister Bronisław Pieracki
13. September 1934 – Aufkündigung des Minderheitenschutzvertrags durch Polen
12. Mai 1935 – Tod Józef Piłsudskis, daraufhin beginnende Umgestaltung des politischen Systems
1935–1938 – Politik der „Normalisierung“ in den polnisch-ukrainischen Beziehungen, ausgehend von der UNDO
Dezember 1938 – Vasyl‘ Mudryj (UNDO) erklärt die Politik der Normalisierung für gescheitert.
23. August 1939 - Deutsch-sowjetischer Nichtangriffspakt (auch "Hitler-Stalin-Pakt" oder "Molotow-Ribbentrop-Pakt") mit geheimem Zusatzprotokoll
1. September 1939 – NS-Deutscher Überfall auf Polen und damit Beginn des Zweiten Weltkrieges
1. September 1939 – NS-Deutscher Überfall auf Polen und damit Beginn des Zweiten Weltkrieges
Informations-Bereich
Fußnoten
1.
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4.
Hannes Leidinger, Zeit der Wirren. Revolutionäre Umwälzungen und bewaffnete Auseinandersetzungen im ehemaligen Zarenreich 1917–22, in: Wolfram Dornik et al. (Hg.), Die Ukraine zwischen Selbstbestimmung und Fremdherrschaft 1917–1922. Graz 2011, S. 29–60; Georgiy Kasianov, Die Ukraine zwischen Revolution, Selbstständigkeit und Fremdherrschaft, in: Wolfram Dornik et al. (Hg.), Die Ukraine zwischen Selbstbestimmung und Fremdherrschaft 1917–1922. Graz 2011, S. 131-179; Wolfram Dornik, Der Krieg in Osteuropa 1914–19, in: ebd., 61–90; Bogdan Musial, Die Ukrainepolitik des bolschewikischen Russlands, 1917–22, in: ebd., 367–390.
5.
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7.
Cornelia Schenke, Nationalstaat und nationale Frage. Polen und die Ukrainer in Wolhynien 1921–1939, Hamburg, München 2004; Anstelle von Erinnerungen, in: Herder-Institut (Hrsg.): Dokumente und Materialien zur ostmitteleuropäischen Geschichte. Themenmodul "Zweite Polnische Republik", bearb. von Heidi Hein-Kircher. URL: https://www.herder-institut.de//digitale-angebote/dokumente-und-materialien/themenmodule/quelle/1144/details.html.
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10.
11.
12.
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14.
Maciej Górny, Science Embattled. Eastern European Intellectuals and the Great War, Paderborn 2019; Jagoda Wierzejska, Polish and Ukrainian Propaganda of Violence During and Shortly After the War for Eastern Galicia (1918–1919), in: Tomasz Pudłocki, Kamil Ruszała (Hg.): Postwar Continuity and New Challenges in Central Europe, 1918-1923: The War That Never Ended, Routledge 2022, 175-198. https://doi.org/10.4324/9781003185017-12 Zu Propaganda in der ukrainischen Revolution im Allgemeinen vgl. Stephen Velychenko, Propaganda in Revolutionary Ukraine: Leaflets, Pamphlets, and Cartoons, 1917-1922, University of Toronto Press 2020.
15.
16.
Klassisch und noch immer relevant: Alexander J. Motyl: The Turn to the Right: The Ideological Origins and Development of Ukrainian Nationalism, 1919–1929. New York 1980. Zur Reorientierung des vormals sowjetophilen Lagers vgl. Christopher Gilley: The ‚Change of Signposts‘ in the Ukrainian Emigration. A Contribution to the History of Sovietophilism in the 1920s. With a Foreword by Frank Golczewski. Stuttgart: ibidem-Verlag, 2009.Die Kriegsgefangenschaft und das Lagerleben, das sowohl die Ukrainische Galizische Armee (in der Tschechoslowakei und in Polen) sowie auch die Truppen der UNR (vor allem in Polen) betraf, stellt einen wichtigen Hintergrund für die Formierung national orientierter Gruppen dar. Er kann hier nur am Rande mitbehandelt werden. Zu den ostgalizischen Kriegsgefangenen in Polen sei die Dissertation von Wiktor Węglewicz (Jeńcy i internowani ukraińscy z Galicji Wschodniej w polskich obozach w latach 1918–1921, PhD. Diss. Kraków 2020) wärmstens empfohlen.
17.
18.
19.
20.
Erlacher 2021; Motyl, The Turn to the right. Zu den internationalen Verbindungen der OUN vgl. Magdalena Gibiec, Organisation of Ukrainian Nationalists on Emigration Its Formation and Transnational Connections in 1929–1934, Routledge 2024; Frank Golczewski: Deutsche und Ukrainer 1914-1939. Paderborn u.a. 2010.
21.
Stephan, Stach, Nationalitätenpolitik aus der zweiten Reihe. Konzepte und Praktiken zur Einbindung nationaler Minderheiten in Piłsudskis Polen (1926–1939), Göttingen 2024; Olgierd Grott, Instytut Badań Spraw Narodowościowych i Komisja Naukowych Badań Ziem Wschodnich w planowaniu polityki II Rzeczypospolitej Polskiej na Kresach Wschodnich, Kraków 2013.
22.
24.
Franziska Bruder, „Den ukrainischen Staat erkämpfen oder sterben!“ Die Organisation ukrainischer Nationalisten (OUN) 1929–1948, Berlin 2007, 47.Agnieszka Pufelska, Die "Judäo-Kommune" - Ein Feindbild in Polen. Das polnische Selbstverständnis im Schatten des Antisemitismus 1939-1948, Paderborn 2007; Johannes Rogalla von Bieberstein: „Jüdischer Bolschewismus“. Mythos
25.
Bruder 2007; Grzegorz Rossoliński-Liebe, Stepan Bandera. Leben und Kult, Göttingen 2025; Marko Carynnyk, Foes of our rebirth. Ukrainian nationalist discussions about Jews, 1929-1947, in: Nationalities Papers 39 (2011), H. 3, 315-352. doi:10.1080/00905992.2011.570327; Myroslav Shkandrij, Ukrainian Nationalism. Politics, Ideology, and Literature, 1929-1956. New Haven, Conn. 2015; Kai Struve, Deutsche Herrschaft, ukrainischer Nationalismus, antijüdische Gewalt. Der Sommer 1941 in der Westukraine, Berlin 2015.
26.
Gerade zu den Texten Doncovs vgl. Erlacher 2021; zu den Texten von Rudnyc’kyj vgl. Rohde, Nationale Wissenschaft, 2022; Martin Rohde, Ukrainian “National Science” in a Spatial Perspective, or How the Hutsul Lands Were Mapped, in: Kritika: Explorations in Russian and Eurasian History 23 (2022), H. 4, S. 771–798.

