Die archäologischen Ortsakten aus dem ehemaligen Ostpreußen bilden einen einzigartigen Quellenbestand zu den Bodendenkmälern der Provinz seit dem 19. Jahrhundert. Durch Transkription und digitale Präsentation sind die handschriftlichen Akten heute nutzbar.
Das am Museum für Vor- und Frühgeschichte (MVF) in Berlin angebundene Projekt „Die archäologischen Ortsakten aus
Kaliningrad ist eine Großstadt im heutigen Russland mit fast 500.000 Einwohner:innen. Sie liegt in der Oblast Kaliningrad, einer russischen Exklave zwischen Litauen und Polen, die ungefähr dem nördlichen Teil der preußischen Provinz Ostpreußen vor 1945 entspricht (heute litauische Gebiete ausgenommen). Vor 1945 war Königsberg nicht nur Hauptstadt der Provinz und die nordöstlichste Großstadt Preußens, sondern ab 1724 auch Königliche Haupt- und Residenzstadt in Preußen.
in Ostpreußen“ befasste sich mit einem wissenschaftlich einzigartigen und besonders wertvollen archivalischen Bestand aus dem ehemaligen Ostpreußen. Das dortige Prussia-Museum besaß eine der wichtigsten ur- und frühgeschichtlichen Sammlungen für den baltischen Raum und darüber hinaus. In Folge des Zweiten Weltkriegs wurde die Sammlung auseinandergerissen. Dokumente und Fundstücke verloren ihre Sachkontexte, wurden beschädigt oder zerstört. Lange ging die Forschung davon aus, dass die einzigartigen Bestände vollständig vernichtet worden waren. Erst mit der politischen Wende der 1990er Jahre stellte sich heraus, dass große Teile in Berlin überdauert hatten. Kleinere Bestände des Prussia-Museums werden auch im polnischen
Das heutige Stadt Allenstein/Olsztyn (Bevölkerungszahl 2022: 168.212) wurde 1353 als „Allensteyn“ an der Allna gegründet. Allenstein ist die größte Stadt Ermlands und der Sitz der Woiwodschaft Ermland-Masuren. Die Stadt ist Mitglied der Europäische Route der Backsteingotik, insbesondere aufgrund seines Altstadtrings und der Burg Allenstein.
Das Bild zeigt eine Stadtansicht von Olsztyn /Allenstein auf einer Postkarte von vor 1945.
, im russischen Kaliningrad und an anderen Orten aufbewahrt. Seit ihrer Wiederentdeckung wird die Sammlung sukzessive rekonstruiert und erschlossen.
Das sogenannte „Ortsarchiv“ umfasst die Dokumentation der archäologischen Denkmäler in Ostpreußen. Es war ein wichtiger Bestandteil der Königsberger Sammlung. Das Archiv wird heute treuhänderisch in Berlin verwahrt. Im Zuge der dort vorgenommenen Sichtung und Rekonstruktion wurden die Papiere zu 2.184 Aktenbänden neu zusammengestellt. Die Akten enthalten Informationen über mehr als 2.000 Fundorte in der gesamten Provinz, alphabetisch geordnet von A bis Z. Jeder Fundort bedeckt ein größeres Areal, in dem jeweils eine oder auch mehrere archäologische Fundstellen liegen können. Die Fundstellen, z.B. Gräberfelder, Burgwälle, Hort- oder Einzelfunde, stammen aus verschiedenen Epochen von der Steinzeit bis in die Neuzeit. Die fachgerechte Transkription der Akten, ihre systematische Erfassung und Verschlagwortung sowie ihre digitale Präsentation war Ziel des Projekts.
Die Dokumente in den Königsberger Ortsakten sind zwischen 1826 und 1943 entstanden und auf Deutsch verfasst. Sie wurden überwiegend mit der Hand, aber auch mit Schreibmaschine geschrieben. Die Autoren sind mehrheitlich Wissenschaftler und andere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in den damaligen staatlichen oder kommunalen Institutionen. Aber auch Grundbesitzer, Lehrer, Pastoren und Beamte, die sich in Vereinigungen wie der Physikalisch-Ökonomischen Gesellschaft und der Altertumsgesellschaft Prussia oder im Ehrenamt als sogenannte „Kreispfleger“ mit dem vorgeschichtlichen Erbe in der Region befassten, treten in den Akten auf, häufig mit Meldungen von archäologischen Funden und Fundstellen.
In ihrer Gesamtheit enthalten die Dokumente ein kaum erschlossenes archäologisches Wissen. Nur wenige der im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entdeckten Fundplätze sind ausführlich publiziert worden. Selbst ein seinerzeit berühmter Fundplatz wie der Wikinger-Friedhof in der Kaup bei Wiskiauten im Samland, heute im Kaliningrader Gebiet gelegen, wurde zwar mehrfach in der Tagespresse beschrieben, blieb jedoch ohne eine größere zeitgenössische wissenschaftliche Bearbeitung. Über die Archäologie hinaus bieten die Unterlagen ein enormes Potenzial an Fakten und Details zum kulturellen Leben seit dem frühen 19. Jahrhundert in der Region. Die auf den verschiedenen Ebenen beteiligten Personen und ihre jeweiligen Motive zur Beschäftigung mit den lokalen Altertümern werden in den Akten lebendig. Auch die sich vollziehende Professionalisierung der Fachdisziplin lässt sich verfolgen, ebenso wie die politische Instrumentalisierung von Archäologie und Regionalgeschichte spätestens ab den 1930er Jahren.
Mehr als zwei Drittel der Dokumente sind in deutscher Kurrentschrift, Sütterlin oder lateinischer Schreibschrift verfasst. Insbesondere Kurrent und Sütterlin sind heute für viele, gerade jüngere Forscherinnen und Forscher nicht mehr ohne weiteres lesbar. Der häufig beschädigte Erhaltungszustand der Papiere und eigenwillige persönliche Handschriften erschweren das Entziffern der Worte zusätzlich. Um diese Dokumente einem breiteren Nutzerkreis zugänglich zu machen, haben ehrenamtlich Mitarbeitende am Berliner Museum für Vor- und Frühgeschichte die Ortsakten transkribiert und in digitalen Textdateien erfasst. Die auf diese Weise entstandenen Roh-Transkripte wurden im Projekt redaktionell vereinheitlicht und fachwissenschaftlich bearbeitet. Sie sind seit 2025 zusammen mit dem digitalisierten Originaldokument in der Datenbank „prussia museum digital“ verfügbar.
Die Ortsakten aus dem Königsberger Prussia-Museum bilden einen Quellenbestand zum deutschen Kulturerbe, dessen Inhalte durch das Projekt für die nationale und internationale Forschung nun unmittelbarer zugänglich sind. Dies ist nicht nur für die moderne Bodendenkmalpflege in den heute auf vormals ostpreußischem Territorium befindlichen Staaten wichtig, sondern auch für die universitäre Forschung und die museale Präsentation der vielfältigen archäologischen Zeugnisse und damit der reichen Geschichte der Region.