Antisemitismus im Fußballsport

Der Sportjournalist Felix Daniel Pinczower berichtet im Sommer 1932 über die Entlassung des erfolgreichen jüdisch-ungarischen Trainers Jenő Konrád. Weil Konráds 1. FC Nürnberg (FCN) im Halbfinale der Deutschen Meisterschaft gegen Bayern München ausgeschieden war, trat die antisemitische Zeitung „Der Stürmer“ eine Hetzkampagne gegen den Trainer los. Daraufhin trennten sich Konrád und der FCN. Diese Quelle legt nah, dass es der Verein war, der diese Entscheidung getroffen hat.

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Antisemitismus im Fußballsport
In Nr. 31 des „Israelitischen Familienblattes“ wurde über einen Vorfall in Leipzig berichtet, wo man bei der Verpflichtung eines Fußballtrainers erst nach seiner Konfession und dann nach seinem Können fragte. Dieser Vorfall steht leider nicht vereinzelt da. Wie die „Fußballwoche“ meldet, musste der erfolgreiche jüdische Trainer des 1. FC. Nürnberg, Jenő Konrád Jenő Konrád Jeno Konrád (1894–1978) war ein erfolgreicher ungarischer Fußballspieler und -trainer, der vor allem in Ungarn, Österreich und Deutschland Erfolge feierte. Mit seinem zwei Jahre jüngeren Bruder Kálmán wurde er als die „Konrad-Zwillinge“ bekannt. Wegen seiner jüdischen Herkunft floh er 1940 aus Europa in die USA. , seinen Posten plötzlich verlassen.
In einer lokalen antisemitischen Wochenzeitung stand ein Pamphlet mit der Ueberschrift „Der 1. FC. Nürnberg geht am Juden zugrunde.“ Dort wurde ausgeführt, nur der „Jude“ sei daran schuld, dass der 1. FC. Nürnberg in den letzten Jahren nicht die Meisterschaft errungen habe. Schon einige Tage nach Erscheinen dieses Artikels löste darauf der Verein den Vertrag mit seinem Trainer Konrad. Der 1. FC. Nürnberg erklärt zwar, der Vertrag mit Konrad sei im September abgelaufen und die Finanzen des Vereins würde eine Erneuerung des Vertrages nicht gestatten. Aber diese Gründe sind so fadenscheinig, dass sie über den wahren Sachverhalt nicht hinwegtäuschen können.
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Kommentar

Am Donnerstag, den 25. August 1932, berichtete der Sportjournalist Felix Daniel Pinczower Felix Daniel Pinczower Felix Daniel Pinczower (1901–1992) war ein deutsch-jüdischer Journalist und Sportler. Er war für Hakoah Berlin aktiv. 1935 berichtete er von Maccabiah in Tel Aviv, 1936 von den Olympischen Spielen in Berlin. Im November 1939 wurde er im Zuge der Pogromnacht verhaftet und verließ Deutschland, nach fünf Wochen Haft in Richtung Palästina. im Israelitischen Familienblatt von der Entlassung des jüdischen Fußballtrainers Jenő Konrád Jenő Konrád Jeno Konrád (1894–1978) war ein erfolgreicher ungarischer Fußballspieler und -trainer, der vor allem in Ungarn, Österreich und Deutschland Erfolge feierte. Mit seinem zwei Jahre jüngeren Bruder Kálmán wurde er als die „Konrad-Zwillinge“ bekannt. Wegen seiner jüdischen Herkunft floh er 1940 aus Europa in die USA. 1, kurz nachdem dieser in einer antisemitischen Wochenzeitung für die jüngsten Misserfolge des 1. FC Nürnberg (FCN) verantwortlich gemacht worden war. Das in ganz Deutschland verbreitete Israelitische Familienblatt wurde 1898 von Max Lessmann gegründet,2 ihr Herausgeber war Moses Deutschländer Moses Deutschländer Moses Deutschländer (auch Max) (1852–1934) stammte aus Ungarn und war in Hamburg als Lehrer, Redakteur und Vereinsfunktionär aktiv. 3, der in der zionistischen Bewegung in Hamburg aktiv war. Der Artikel weist damit die Verantwortung für die Trennung von Konrád dem Verein zu und widerspricht damit der im Verein gepflegten Erinnerung.
Im Artikel wird der Vergleich zwischen Konráds Fall und einem weiteren gezogen, der in einer früheren Ausgabe des Israelitischen Familienblatts bereits thematisiert wurde. Dabei handelt es sich um Gyula Kertész, ebenfalls ein ungarischer Fußballer mit jüdischen Wurzeln, der als Anwärter auf die Trainerposition beim VfB Leipzig galt. Nachdem Kertész in die engere Auswahl genommen wurde, habe der Verein sich in Budapest zunächst danach erkundigt, ob Kertész jüdisch ist, statt nach seinem Können zu fragen. Kertész hatte zu diesem Zeitpunkt bereits eine erfolgreiche Karriere als Spieler und Trainer hinter sich. Bis zum Ersten Weltkrieg spielte er bei MTK Budapest. Wegen einer Kriegsverletzung musste er seine aktive Karriere beenden und kam nach Deutschland, wo er als einer der ersten bezahlten Trainer zunächst für Union 03 Altona und Victoria Hamburg tätig war. Zwischen 1928 und 1930 trainierte er den FC Basel ehe er 1931 als Trainer für den Hamburger SV aktiv war. Im Sommer 1932 wechselte er zum VfB Leipzig, wenn auch nur für kurze Zeit, denn am 15. Mai 1933 wurde er wieder entlassen. Offiziell gab der VfB Leipzig unzureichende finanzielle Mittel an. Aufgrund der nationalsozialistischen Machtergreifung im Januar 1933 hatten jedoch 14 süddeutsche Fußballvereine 14 süddeutsche Fußballvereine Bei den 14 Vereinen handelte es sich um: Stuttgarter Kickers, Karlsruher FV, Phönix Karlsruhe, Union Böckingen, FSV Frankfurt, Eintracht Frankfurt, 1. FC Nürnberg, SpVgg Fürth, SV Waldhof, Phönix Ludwigshafen, Bayern München, 1860 München, 1. FC Kaiserslautern, FK Pirmasens. (einschließlich dem FC Bayern München und dem FC Nürnberg) bereits am 9. April 1933 in der „Stuttgarter Erklärung“ in vorauseilendem Gehorsam angegeben, alle Juden aus ihren Reihen ausschließen zu wollen. Die übrigen Vereine beeilten sich, es ihnen nachzutun. Deshalb war dem VfB Leipzig nicht daran gelegen, einen so prominenten jüdischen Fußballtrainer, wie Kertész es war, weiter zu beschäftigen. Diese Entlassung beendete Kertész' Karriere als Fußballtrainer und 1938 wanderte er schließlich mit seiner Familie in die USA aus. Er verbrachte dort rund vierzig Jahre und arbeitete in der Schallplattenindustrie, bis er im hohen Alter von 94 Jahren 1982 in New York City starb. Nach Europa kehrte er nie zurück.4
Jenő Konráds Fußballkarriere gleicht der von Kertész nicht nur in ihrem abrupten Ende. Ebenfalls aus Ungarn spielte Konrád in seiner Jugend auch für MTK Budapest, bevor er 1919 zum Wiener Amateur SV wechselte, mit dem er 1924 die österreichische Meisterschaft gewann. Nachdem er als Spieler 1925 aufgrund einer Meniskusverletzung aufhören musste, übernahm er als Trainer den Verein Vienna Wien und führte ihn 1926 zur Meisterschaft; 1930 wechselte er zum damaligen Rekordmeister, dem 1. FC Nürnberg, der sich in einer Umbruchphase befand. Im Sommer 1932 schied der Club im Halbfinale der Deutschen Meisterschaft gegen Bayern München aus. Die Bayern wurden in diesem Jahr das erste Mal Deutscher Meister. Das Endspiel fand in Nürnberg statt und wurde dort als Demütigung empfunden. Daraufhin trat der berüchtigte „Stürmer“, der von Julius Streicher, dem NSDAP-Gauleiter für Niederfranken, als antisemitisches und politpornographisches Hetzblatt herausgegeben wurde, eine Kampagne gegen Konrád los, die seine jüdische Herkunft für die Niederlage verantwortlich machte. Die Schlagzeile des Artikels lautete „Der 1. Fußballclub Nürnberg geht am Juden zugrunde“ und im Text hieß es: „Ein Jude ist ja auch als wahrer Sportsmann nicht denkbar. […] Klub! Gib Deinem Trainer eine Fahrkarte nach Jerusalem.“ Nur wenige Tage nach Erscheinen des Artikels verließ Konrád Deutschland in Richtung Wien. In der Geschichte des 1. FC Nürnberg von Bernd Siegler und anderen heißt es, dass Konrád „die Zeichen der Zeit erkannt“ und sich aufgrund dessen zur Ausreise entschieden habe, während die Vereinsspitze ihn zum Bleiben überreden wollte und seine Abreise bedauert habe.5 Das Israelitische Familienblatt berichtet demgegenüber aus zeitgenössischer Perspektive, dass der Verein seinen Vertrag mit Konrád aufgelöst und als Argument finanzielle Schwierigkeiten geltend gemacht habe. Felix Daniel Pinczower bezeichnete diese Argumentation als „fadenscheinig“ und legte nahe, dass es vielmehr die antisemitische Stimmung in Nürnberg war, die dafür sorgte, dass der 1. FC Nürnberg kein weiteres Interesse an der Zusammenarbeit erkennen ließ. Diese Version der Ereignisse wirft zumindest Fragen an die offiziellen Erinnerungspolitik des 1. FC Nürnberg auf.
Nach weiteren Stationen in Rumänien, Italien, Frankreich und Portugal, gelang Konrád mit seiner Frau und seiner Tochter 1940 letztendlich die Flucht in die USA. Ebenso wie Kertész, so führte auch Konrád seine Trainerkarriere im Exil nicht weiter fort, sondern arbeitete stattdessen zunächst in einer Nähmaschinenfabrik und eröffnete später zwei Gardinengeschäfte. Als Fan blieb er aber dem 1. FC Nürnberg treu, begleitete in den Jahren 1953 und 1955 die Touren des Clubs durch die USA und besuchte die Spieler seines alten Vereins im Hotel. Jenő Konrád starb mit 83 Jahren in New York.

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