Autobiographie von Lea Kac-Lewin, Seite 24, 1939. YIVO Archives, RG 4/3535/131692–131740 / From the Archives of the YIVO Institute for Jewish Research, New York,
UND 1.0
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Quellenangabe:
Kac-Lewin, Lea: [״לאה״ פון ביאליסטאק]. (1939). In: Yugfor, 576. S. 131692-191740 (1-50). YIVO Institute for Jewish Research, YIVO Archives RG 4/3535/131692-131740. Zitiert nach: Copernico. Geschichte und kulturelles Erbe im östlichen Europa. URL: https://www.copernico.eu/de/link/67ac4b661e6369.07054328 (15-01-2026)
Die vorliegende Autobiographie gibt Einblicke in das Innenleben der jungen Makkabi-Läuferin Lea Kac-Lewin (auch: Leja Kacówna) aus Białystok, die sich mit persönlichen, sozialen und gesellschaftlichen Herausforderungen auseinandersetzt. In der vorliegenden Autobiografie thematisiert die Autorin ihre Jugend und den Prozess des Erwachsenwerdens. Die Autorin legt den Fokus auf die Konflikte und den Druck, denen sie als junger Mensch ausgesetzt war. Im Vordergrund steht dabei die sportliche Karriere, die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Erwartungen und die persönliche Entwicklung im Spannungsverhältnis zu familiären und gesellschaftlichen Normen.
[Es folgt die Übersetzung der Seiten 28–50 (Paginierung: 131718–131740) der Originalquelle.]
[Auslassung der ersten halben Seite von S. 28] Der Teufel hatte aber sein Netz schon weiter über mich ausgebreitet. Warum lässt du mich nicht in Ruhe? Womit habe ich mich bloß so bei dir versündigt? An
Shavuot
Shavuot
auch:
Schawuot
Shavuot (auch: Schawuot) ist das jüdische Wochenfest und wird jedes Jahr am 6. Siwan gefeiert, sieben Wochen nach Pessach. Das Fest fällt somit auf die Monate Mai oder Juni. In Israel dauert das Fest einen Tag, in der Diaspora wird es zwei Tage begangen.
ging ich noch kurz zu meiner Freundin, um mich auf die Klassenarbeit am nächsten Tag vorzubereiten, in meinem Kopf ein großes Durcheinander aus X mal Y, ich gucke schon keinen Menschen mehr an, da taucht plötzlich wie |29| aus heiterem Himmel ein Junge vor mir auf, der mich vom
„Shtral“
„Shtral“
Shtral war eine Jugend-Organisation in der Zweiten Polnischen Republik.
her kennt. Er hält mich an und fragt mich, ob ich in einen Sportklub eintreten möchte. Da setzt mir fast das Herz aus, ich weiß nicht, ob vor Freude oder vor Schreck, eher wegen des Zweiten. Ich spürte, wie plötzlich eine ganz neue Gefahr über mir aufzog. Auch verstand ich gar nicht, warum er sich plötzlich für mich interessierte. Das fand ich gleich auffällig. Ich habe ihm ungern geantwortet, ich würde zwar einem Sportklub angehören wollen, wenn ich denn einen passenden hätte. Bei der Frage, ob ich dem
Makkabi
Makkabi
Im polnischen erfolgt die Schreibweise mit einem „k“. Im Sinne der Konsistenz wird an dieser Stelle die in dieser Edition übliche Schreibweise mit zwei „kk” verwendet. Erste Bestrebungen zur Etablierung des Makkabi in Białystok gehen auf das Jahr 1918 zurück. Mitte der 1930er fusionierte Makkabi mit dem Verein ŻKS Białystok zu ŻKS Makkabi Białystok. Während der sowjetischen Besatzung trieben die jüdischen Sportler in den Vereinen ihrer Arbeitsplätze Sport.
beitreten wolle, schauderte es mich einfach. „Makkabi? Schämst du dich nicht, mir das vorzuschlagen? Machst du dich über mich lustig?“ Da machte er aber das seine und zerrte mich einfach mit Gewalt zu einem Platz mit einem riesigen Menschenauflauf, alles neue, unbekannte Gesichter für mich, solch |30| abstoßende, dass ich Angst hatte, mich ihnen zu nähern. Sie spielten Ball, Mädchen in kurzen Hosen liefen und sprangen. Ich war neidisch auf sie, dass sie zu so etwas die Möglichkeit hatten, aber ich wollte ganz sicher nicht eine von ihnen werden. Da wurde ich plötzlich von Leuten umzingelt und in Sportsachen gesteckt. Ich habe protestiert, aber es war ihnen vollkommen egal. Keine Minute später war ich schon Teil der scheußlichen, ekelhaften Masse und ich unterschied mich keinen Deut von den anderen. Die Hosen gleich, die Bluse gleich. Ich war total perplex. Da kam ein Junge auf mich zugelaufen und bedeutete mir, ihm hinterherzulaufen. Nur kam es dann andersherum, denn er musste mir hinterherrennen. Die erste Probe verlief, zu meinem Pech, erfolgreich. Man forderte mich auf, in einer Stunde zum Bahnhof zu kommen, denn ich sollte nach
Hrodna ist eine Großstadt im Westen des Landes Belarus. Sie wird von 370.000 Einwohner:innen bewohnt und liegt unmittelbar an der Grenze zu Polen. Sie liegt an der Memel und gilt als Verwaltungssitz der Woblasz Hrodna. Seit 1991 zählt die Stadt zu Belarus und ist bis heute von einer großen polnischsprachigen Minderheit geprägt. Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten in der Stadt viele Polen und Juden.
fahren. Was? Wohin? Ich verstand nur Bahnhof und wusste mir nicht |31| zu helfen. Fahren oder nicht fahren? Ich hatte schon große Lust zu fahren, weil es meine erste Reise mit der Eisenbahn sein würde. Aber warum sollte ich mich bloß in die Gesellschaft solcher (meiner Meinung nach) mieser Typen begeben? Auch hatte ich Sorgen vor den Reaktionen meiner Freunde, wenn sie davon erfahren würden. Deshalb rannte ich Hals über Kopf zum Bahnhof, als die Stunde gekommen war. Es fuhren ganz, ganz viele Leute zusammen. Ich habe mich unter ihnen sehr unwohl1 gefühlt. Es war nicht ein einziges vertrautes Gesicht dabei. Aber was gingen sie mich eigentlich an? Ich machte einen Ausflug nach Grodno und gut. Mehr würde ich mit ihnen nicht gemein haben. Außerdem hatte ich gerade an jenem Tag ein neues Kleid und einen neuen Mantel an. Warum sollte Grodno das nicht wissen? # Nach Grodno reiste eine ganz hübsche Anzahl von Teilnehmern. Keiner machte mir Platz. Man |32| lachte sich über mich ins Fäustchen. Ich sollte eine ernstzunehmende Läuferin sein! Ein etwas kleines, dürres Mädchen. Aber wie groß und bedeutend wurde ich plötzlich für alle, als ich vollkommen unerwartet als Erste das Ziel erreichte und das viel früher als alle übrigen „Asse“. Ich habe danach fast immer den ersten Platz belegt.2 Tausende Hände applaudierten und jeder drängte sich vor, um wenigstens einen Blick auf mich zu erhaschen. Man schüttelte mir die EHand und überreichte mir Blumen. Genauso wie in einem schönen Traum. Auf dem Rückweg scharten sich dann schon alle um mich. Man wusste gar nicht, wohin mit mir. Ich wurde die Attraktion. Derie Białystoker Zeitungen schrieben in großen Lettern „Ein Riesentalent entdeckt!“, man führte Interviews mit mir und druckte Fotos von mir ab. Es ist schon komisch, wer nicht alles ein großes Trara daraus machte. Ich wurde zu einer bekannten „Persönlichkeit“ in
Białystok (Bevölkerungszahl 2024: 290.386) ist eine Stadt im Nordosten Polens und Sitz des gleichnamigen katholischen Erzbistums. Der Ort wurde etwa 1440 gegründet. Bis 1569 wechselte seine Zugehörigkeit zwischen dem Großherzogtum Litauen und dem Königreich Polen. Spätestens 1692 erhielt er das Stadtrecht. Ab 1795 gehörte Białystok zu Preußen und ab dem Frieden von Tilsit 1807 zum Russländischen Reich. Nach dem Ersten Weltkrieg gehörte die Stadt zur Polnischen Republik bis sie nach abwechselnder Okkupation durch deutsche und russische Truppen ab September 1939 schließlich am 29. November in die Sowjetunion eingegliedert wurde. 1941 wurde die Stadt an das Deutsche Reich angegliedert. Bis dahin stellten Juden oft die Bevölkerungsmehrheit in Białystok. 1944 wurde die Stadt von der Roten Armee eingenommen. Die offizielle Rückgabe an Polen erfolgte jedoch erst 1946. Heute ist sie die Hauptstadt der Woiwodschaft Podlachien und ein Zentrum der Elektro-, Metall- und Bierindustrie mit etlichen Hochschulen.
und der ganzen polnischen |33| Sportwelt. Alle zeigten ständig mit dem Finger auf mich: „Da geht die Läuferin!“ Daran hat mir aber gar nichts gefallen. Die Unannehmlichkeiten waren viel größer als die Freude. Was für eine EEnttäuschung! „Du im Makkabi? Was ist mit deinen Wurzeln? So einen Sprung kann nur eine Sportlerin3 wie du machen!“ Tausende Vorwürfe, Tausende Fragen, Vorhaltungen, Beschimpfungen. Da nützte mir auch meine Antwort überhaupt gar nichts, dass mich nichts mit „Makkabi“ verband und dass ich einfach keinen anderen Sportklub hatte, wo ich mein Talent weiterentwickeln konnte. Und Talent hatte ich doch, warum sollte ich es dann nicht nutzen? Ganz im Gegenteil, gebt mir einen Arbeitersportklub und ich verzichte sofort auf den Makkabi! Und Überhaupt gar keine Antwort konnte sie befriedigen. Ich fiel wieder in einen moralischen Abgrund zurück und verlor meine Würde vollkommen. Nach meiner Rückkehr verloren alle das Vertrauen zu mir und die Schule fing an, für mich zur Hölle zu werden. |34| Auch das Verhältnis der Lehrer zu mir änderte sich sehr. Alle wandten sich von mir ab. Ich hatte niemanden mehr, mit dem ich ein Wörtchen wechseln konnte. Die einzige, die zufrieden war, war meine Mutter. Endlich musste sie sich keine Sorgen mehr um mich machen. Mein einziger Freund war damals der Sportplatz. Meine ganze Energie und meinen ganzen Zorn habe ich an ihm ausgelassen. Man setzte große Hoffnungen in mich und ich enttäuschte sie nicht. Ich machte kontinuierlich Fortschritte, so dass ich nach einigen Wochen Klubzugehörigkeit schon zur Meisterin des Białystoker Kreises und zu einer der Besten in ganz Polen wurde. Man schickte mich zu Wettkämpfen in fast allen großen Städten Polens und ich brachte laufend Siege heim. Ich wurde sogar für das polnische Team für die Makkabiade in Palästina nominiert, ich fuhr nur deshalb nicht, weil ich noch zu jung dazu war. Das alles |35| passte meinen Freundinnen so gar nicht in den Kram, denn nach jedem meiner Siege entstanden „Gerüchte“ über mich. Da wollte man mich mit einem Jungen gesehen haben und so dachten sie sich schon, dass ich mit dem Küssen angefangen hätte. Und dabei hatte ich nicht einmal etwas verbrochen. Ich wollte doch so sehr glücklich sein und war so unglücklich wie nie zuvor. Ich hätte so gerne einen Seelenverwandten haben wollen. Mit den Mädchen hatte ich schon abgeschlossen, ich werde mich einfach nie mit ihnen verständigen können. Ich brauchte so sehr einen Jungen, der mich versteht, bei dem ich mich ausweinen kann und der mich tröstet. Bisher hatte diese Funktion mein Kissen übernommen, es nahm alles an und schwieg. Auch wollte ich unbedingt einen Menschen finden, der mir sagt: „Du hast Recht!“ Und einen Jungen ### unter Gewalt bekommen, genauso wie jene Helden aus den Büchern. Und wahrscheinlich deshalb bekam ich plötzlich einen gefährlichen Hang zur Schönheit. |36| Ich begann damit, dem Spiegel sehr viel Zeit zu widmen. Ich fing an, mich Stück für Stück zu verschötn verschönern. Hier glänzte mir die Nase zu sehr, dort waren meine Lippen zu blass – und ich war ja überhaupt zu blass. Da lebte ich schon so viele Jahre und hatte darauf gar nicht achtgegeben, aber jetzt machte ich mich daran, alle meine Makel zu verbessern (und auch mein Gesicht…). Ich machte einfach alles, doch hatte ich große Angst davor, dass mein Vater etwas davon mitbekommen könnte. Nur einmal hat er mich auf frischer Tat ertappt. Schäumend vor Wut zerstörte er meine primitiven Kosmetika. Da gab es ja aber auch nicht viel zu zerstören. Ein Stückchen einfaches rotes Papier. Zur Strafe versteckte er den Spiegel. Und Mehr als einen kleinen Spiegel gab es bei uns nicht. Es half auch nichts, dass die Mutter sagte: „Sie ist doch noch ein Mädchen!“ Er ging darauf nicht ein und beendete die Diskussion. Es hatte mir bis dahin an allem gefehlt, aber nicht an einem Spiegel.4 Jetzt ging ich5 wirklich zu Streit über, nur konnte ich mich nicht durchsetzen. |37| Doch ich fand wie immer eine Lösung. Ich ging oft zu einer Nachbarin und k##laute dort etwas. Es versteht sich, dass das einen großen Widerhall in der Schule hatte. Schön, ich war also jetzt die Allerschlimmste. Das war einfach ein so großer Drang, dass ich damit auf keinen Fall aufhören konnte, obwohl ich dafür die strengsten Vorwürfe und die größten Beleidigungen aushalten musste. Ich sehe doch trotz alledem, dass ich schöner werde, und welches Mädchen will das nicht. Obwohl ich schon seit einem Jahr im „Makkabi“ war, waren mir die Leute dort noch sehr fremd. Ich hatte kaum von jemandem Notiz genommen. Auch stimmte nicht, was man gesagt hatte, dass ich mich schnell einleben würde in dieser Umgebung und alle Unterschiede zwischen mir und ihnen langsam verschwinden würden. Sie blieben mir so lange fremd, bis es zur Integration eines weiteren Sportklubs in den „Makkabi“ kam. Zu diesem Sportklub |38| gehörte die breite Masse, gewöhnliche Leute, einfache Arbeiter. Ich kannte zwar bisher keinen von ihnen, doch spürte ich sofort eine große Nähe zu ihnen. Man erzählte mir, dass es dort einen guten Boxer gab, noch dazu ein hübscher junger Mann, er wäre genau der Richtige für mich. Er #atte die besten Fäuste und ich die besten Füße. Das war so ein Witz. Und dieser Witz fand gleich einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen und ich beschloss, dass dieser unbekannte Junge mir gehören müsse. Und zum ersten Mal spürte ich, wie sich in meinem Herzen ein ganz neues Gefühl regte, dass bisher tief geschlummert hatte. Ich hatte jetzt nur ein Verlangen: meinen Auserwähl[t]en kennenzulernen. Da fingen die langen, schlaflosen Nächte an. Tausende Pläne jagten mir durch den Kopf. Einige Zeit ging dahin, bis ich das Objekt meiner Unruhe endlich zu Gesicht bekam. Äußerlich machte er sich ganz gut. Groß gewachsen |39| und breite Schultern, was für Mädchen heißt: ein ganzer Kerl. Ich war der große Kontrast zu ihm. Klein, dünn und drei Jahre jünger als er. Ich habe mich davon nicht entmutigen lassen und mich ihm vorgestellt. Wir kannten uns nun und so fingen meine ständigen Sorgen an. Er war ein hohler, sorgloser Junge. Sport – das war das einzige, was ihn interessierte. Obwohl er nicht gerade gut situiert war, hat ihn das überhaupt nicht gekümmert. Machte sich über überhaupt gar nichts Sorgen, außer über eine Niederlage im Sport. Er war noch mit keinem Mädchen gegangen und hatte auch kein Bedürfnis danach. Ein mustergültiger Freund, der bereit war, alles zu tun, um seine Freunde zufriedenzustellen. So hat es mein Schicksal gewollt, also sollte ich mich erst recht in ihn verlieben und ihn immer mehr lieben. Ich habe ihn einfach |40| vergöttert. Von Anfang an gefiel ich ihm, als gute Sportlerin. Später dann hat er sich richtig in mich verliebt, ich habe ihn einfach dazu gezwungen. Sogar ein Stein hätte da z dazu fähig werden können, wenn man nur so viel Mühe in ihn investiert hätte. Er konnte seine Liebe zu mir nicht richtig zum Ausdruck bringen. Dazu fehlte ihm auch der Wagemut. Doch ich konnte ihm in dieser Hinsicht helfen, denn ich redete einfach immer und er musste nur noch zustimmen. Ich liebte ihn von Tag zu Tag mehr und das tat mir gut. Zuerst trafen wir uns einige Male pro Woche. Dabei wurde mein Hang zur Schönheit und zum Herausputzen von Tag zu Tag stärker. Wenn ich mich zum Beispiel um neun Uhr abends mit ihm treffen sollte, fing ich schon um fünf an, mich fertigzumachen. Wie lang mir immer die letzten Stunden wurden und wie lang {stark} mein Herz zu schlagen anfing, als ich ihn endlich erblickte. Ich kehrte immer spät heim und schlich mich ganz still herein, damit mein #Vater nicht aufwachte. Meine Mutter hielt mir dann immer eine Standpauke: „Es ist so spät! Wo bist du den ganzen Abend über gewesen?“ Nur wen haben |41| all die Vorwürfe überhaupt gekümmert? Mir ging es sehr gut, ich war glücklich. Oft kam ich vollkommen verschlafen in die Schule und mein Kopf war gar nicht bereit zum Lernen. Alle haben das gewusst und wer weiß, ob sie nicht neidisch auf mich waren. Alles, was ich tat, war nur auf eines hin ausgerichtet: ihm noch mehr zu gefallen. Errang ich einen Sieg auf dem Sportplatz – dann war es für ihn. Nähte ich mir ein neues Kleid – dann wusste ich, dass er mich heute noch mehr lieben würde. Am meisten hatte ich Angst davor, dass er herausfinden finden könnte, in was für einer Wohnung wir lebten, denn das hätte ihm überhaupt nicht gefallen. Wir haben überhaupt nicht gut zusammengepasst und deshalb herrschte bei uns auch keine Harmonie6.
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]Die Eifersucht der Autorin auf vermeintliche Konkurrentinnen wird in diesem Kontext ausgeblendet. Dies führte zu einem Bruch mit einer langjährigen guten Freundin, einer Unzufriedenheit mit der Beziehung, die sich aus einer mangelnden Aufmerksamkeit des Freundes speiste, zu Trennungsgedanken und einer gezielten Provokation der Eifersucht des Freundes durch Rendezvous der Autorin mit anderen Jungen. Dies mündete in einer Trennung, die jedoch nach einer Drohung des Freundes mit einem erweiterten Suizid wieder rückgängig gemacht wurde.
Zu dieser Zeit hörte ich auch mit dem Gymnasium auf, denn damals gab es bei uns nicht mehr als sieben Klassen. Obwohl ich meine Schule mochte, und mehr noch das Lernen an sich, atmete ich doch erleichtert auf, weil endlich die Hölle endete. Bei uns zu Hause hatte sich die materielle Lage etwas verbessert und man |44| dachte über eine andere Wohnung nach. Was kann es Schöneres geben, als eine Wohnung wie alle anderen sie haben? Wir haben mit Glück eine Wohnung gefunden, drei Zimmer mit Küche. Wer kam mir jetzt gleich? Achtzehn Jahre hatte ich auf diesen Moment gewartet. Endlich hatte mein Warten ein Ende! Wir kauften einige neue Möbel und richteten uns damit die Wohnung schön ein. Erst jetzt würde ich meinen Freund nach Hause mitbringen können. Es war gerade Frühling und ausgerechnet dann, wenn alles zu wachsen anfängt, schläft bei meinem Freund die Liebe zu mir ein. Das Fahrrad und der Fluss ersetzten mich. Er wurde wieder „kindisch“. Er pfiff auf alle Pflichten mir gegenüber und hatte noch Zeit, bis er sich den Kopf mit einem Mädchen beschweren würde. Mehr als einen Abend in der Woche konnte er ihm nicht widmen. Ich musste mich darauf einlassen, denn einmal pro Woche war immerhin besser als gar nicht. Es fing schon an, an meiner Würde zu kratzen, bis wir uns schließlich still und ohne Vorwürfe trennten. Mein Leid lässt sich schwer beschreiben. Ich habe mich einen ganzen Monat lang zu Hause eingeschlossen, ich schrie wie eine Verrückte und meine Eltern haben Tag und |45| Nacht auf mich aufgepasst, damit ich mir nichts antat. Und wer weiß, ob ich heute diese Zeilen schreiben würde, ohne meine Freundin, auch ein Mädchen aus dem „Makkabi“, etwas älter als ich, welche vielleicht auch gar nicht meine Freundin ist, sondern vielmehr meine Helferin aus schwerer Not. Sie hat mich wieder auf den richtigen Weg gebracht. Sie kennt alle meine Geheimnisse, zu ihr habe ich grenzenloses Vertrauen. Mit ihrem klaren und gesunden Verstand hat sie mir geholfen, mich aus dem Labyrinth zu befreien. Dank ihr konnte ich damit beginnen, meinen Freund zu vergessen. Sie ist das einzige Mädchen, dem ich alles Gute gönne, ich freue mich, wenn es ihr gut geht, und ihr Leid fühle ich mit. Allerliebste Gitele! Meine Dankbarkeit zu dir kennt keine Grenzen. Dank dir habe ich erkannt, dass es nicht ### [das Ende] der Welt bedeutete. Du hast mich raus auf die Straße geführt und mich wieder unter Menschen gebracht. So traf ich dann zufällig einen der Jungen, die mir als Werkzeug gedient hatten, um meinen Freund eifersüchtig zu machen.
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]Die Auslassung betrifft eine neue Beziehung zu einem attraktiven und tugendhaften jungen Mann. Die Autorin empfindet Langeweile ob der Ruhe und Gleichförmigkeit innerhalb der Beziehung sowie der Güte des neuen Partners. Die Aufrechterhaltung der Partnerschaft erfolgt lediglich auf Druck der Freundin Gitele, die für den gegenteiligen Fall mit der Aufkündigung der Freundschaft droht.
|47| Ein halbes Jahr lang hatte ich meinen „Ehemaligen“ nicht gesehen. Als ich ihn dann zufällig traf, blieb mir fast das Herz stehen, ein Hitzeschwall lief mir durch den ganzen Körper, und ich lief schnell vorbei. Kurz danach fuhr ich in ein Sportlager in den Bergen und er fuhr auch dorthin, besser gesagt fuhr ich eigentlich nur deswegen hin, weil ich wusste, dass er hinfährt. Mein Freund |48| war damit natürlich nicht glücklich, aber ich fuhr dennoch. Also bitte! Und wie sind wohl zwei Menschen, weit weg von Zuhause, die sich noch immer lieben? Distanziert etwa? Wir haben uns versöhnt und die paar Wochen zusammen verbracht. Und da fing mein mieses Doppelleben an. Ich begann, mich heimlich mit ihm in der Stadt zu treffen. Ich betrog meinen so guten Freund. Er hätte auf mich spucken müssen und mich verlassen, und er hat von allem gewusst. Er wusste, dass ich von allein zur Vernunft kommen muss. Wie edel er handelt, selbst dann, wenn es ihn kränkt. Ich kam tatsächlich zur Vernunft und das zu einem großen Teil wegen meines bewährten Einflusses. Der „Ehemalige“ verlor allmählich seine Anziehungskraft auf mich, bis ich schließlich ganz aufhörte, mich mit ihm zu treffen. Und mit jedem Tag wurde mir mein Freund immer lieber, bis ich ihn schließlich ganz außergewöhnlich stark liebte. Und heute sind es schon 2,5 Jahre, die ich mit ihm gehe, und ich kann mir gar nicht vorstellen, dass ich so einen lieben |49| Freund einmal gar nicht leiden konnte. Im Gegensatz dazu schäme ich mich, wenn ich dem anderen über den Weg laufe. Ich kann gar nicht glauben, dass ich so einem meine besten, meine edelsten Jahre geschenkt habe. Mir geht es heute sehr gut! Mir fehlt es an nichts. Ich brauche keine Freundinnen, obwohl ich mich ganz, ganz oft mit meiner Freundin treffe. Auch der Sport wurde mir schon bald langweilig. Das einzige, was ich jetzt bräuchte, ist eine Stelle, um mein eigenes Geld zu verdienen, weil ich nach dem Gymnasium Buchhalterei gelernt und anschließend keine Stelle bekommen habe. Also kümmere ich mich um den Haushalt. Ich arbeite überhaupt nicht wenig, aber wenn mir mal ein Kleid genäht werden muss, sagt mein Papa, dass ich ja schließlich kein Geld verdiene und deshalb kein neues Kleid haben dürfe. Ich würde so gerne mein Leben ändern! Ich kann die ständige Anspannung zu Hause schon nicht mehr ertragen, die andauernden Sorgen. Ich wäre so gerne nur noch zu Gast bei den Eltern! Egal, was ich dafür |50| tun müsste, Hauptsache mein Leben von Grund auf ändern. Und da stellt sich die große Frage: Woher soll ich bloß das Geld nehmen? Wenn ich Geld hätte, könnte ich meinen Lebensunterhalt bestreiten und da# wäre ich zufrieden, da bin ich mir sicher. Ich habe große Angst davor, dass sich weiterhin ein Schatten in mein Leben schleicht und meine Glück zerstört! Nein, der Schatten verschwindet nicht von allein, man treibt ihn mit Geschrei aus, aber ist man so still wie ich jetzt, kann es sich gar nicht ändern. Ich will ja schon überhaupt keine Veränderungen mehr! Ich habe schon zur Genüge in meinem Leben erfahren, wie gut es ist, mit jedem klar zu kommen und allen gleich in die Augen sehen zu können. Wenn ich jetzt bloß wieder dreizehn Jahre alt sein könnte! Ich würde ganz, ganz viel Ärger und Gemeinheiten vermeiden.
Hier im Original Streichung eines angefangenen Wortes: געוט.
2.
Im Original ist in diesem Satz ein Buchstabe durchgestrichen, der in der Übersetzung nur als Transkription wiedergegeben werden könnte und somit nicht in die Übersetzung eingebunden wird. Es handelt sich dabei um: צ.
3.
Hier müsste es im Original richtig heißen: ספּאָרטסמענקע.
4.
Im Original sind in diesem Satz durchgestrichene Buchstaben vorhanden, welche in der Übersetzung nur als Transkription des Jiddischen dargestellt werden könnten und somit nicht in die Übersetzung eingebunden werden. Es handelt sich dabei um: אפמ.
5.
Im Original ist hier ein Buchstabe im Wort "ich"durchgestrichen, der in der Übersetzung nur als Transkription wiedergegeben werden könnte und somit nicht in die Übersetzung eingebunden wird. Es handelt sich dabei um: צ.
6.
Im Original sind hier Buchstaben durchgestrichen, die in der Übersetzung nur als Transkription wiedergegeben werden könnten und somit nicht in die Übersetzung eingebunden werden. Es handelt sich dabei um die begonnene fehlerhafte Schreibweise des Wortes sholem der Autorin Lea Kac-Lewin: שול.
Lea Kac-Lewins
Lea Kac-Lewins
Es kann vermutet werden, dass es sich bei Lea um Luba Lewin geb. Kac (auch: Liube Lewin) handelt, die für diesen Wettbewerb ein Pseudonym gebrauchte. Luba war mit Zalmen Lewin verheiratet, das Paar hatte ein gemeinsames Kind. Die Familie Kac-Lewin verstarb im Ghetto Białystok.
1 Autobiographie war ein Beitrag zum Aufsatzwettbewerb der Abteilung „Yugntforshung” des YIVO2 im Jahr 1939. Bereits in den Jahren 1932 und 1934 wurden vom Institut Wettbewerbe dieser Art durchgeführt.3 Diese richteten sich an junge Heranwachsende zwischen 16 und 22 Jahren in ganz Polen, die aus unterschiedlichen sozialen und kulturellen Milieus stammten. Die Texte, verfasst in Jiddisch, Polnisch oder Hebräisch, behandeln das Leben in den jeweiligen Heimatorten, Großstädten oder den jeweiligen Shtetl in der Zweiten Polnischen Republik. Die Texte sind geprägt von der Auseinandersetzung mit dem sozialen Umfeld, wobei insbesondere die Familie, Freunde, das Verhältnis zur Religion, Bildung, die Gefühlswelt und die Entdeckung des eigenen Körpers behandelt werden. Die unmittelbaren Zeugnisse erlauben somit die Rekonstruktion politischer, kultureller und sozioökonomischer Veränderungen in den Lebenswelten jüdischer Jugendlicher. Ein weiterer Aspekt, der häufig in den Aufsätzen thematisiert wird, ist der Sport, der für junge Menschen eine wichtige Freizeitaktivität und Ablenkung vom Alltag darstellte. Insbesondere im Bereich des Freizeitsports lässt sich eine signifikante Präsenz jüdischer Jugendlicher feststellen.
Diese Autobiographien sind demnach eine wertvolle Quelle, die eine Erfahrungsgeschichte des Sports ermöglichen. Allerdings wurde bislang lediglich eine geringe Anzahl dieser persönlichen und individuellen Erfahrungen ediert.4 Leas Text ist eine von drei Autobiographien (bei den anderen Biographien handelt es sich um die Autobiographien von Henryk Szerman und Robert Adler), die in dieser Edition erstmals in deutscher Übersetzung kommentiert vorliegen.
Der Ort der Autobiographie: Die Stadt Białystok und ihre wechselvolle Geschichte
Białystok (Bevölkerungszahl 2024: 290.386) ist eine Stadt im Nordosten Polens und Sitz des gleichnamigen katholischen Erzbistums. Der Ort wurde etwa 1440 gegründet. Bis 1569 wechselte seine Zugehörigkeit zwischen dem Großherzogtum Litauen und dem Königreich Polen. Spätestens 1692 erhielt er das Stadtrecht. Ab 1795 gehörte Białystok zu Preußen und ab dem Frieden von Tilsit 1807 zum Russländischen Reich. Nach dem Ersten Weltkrieg gehörte die Stadt zur Polnischen Republik bis sie nach abwechselnder Okkupation durch deutsche und russische Truppen ab September 1939 schließlich am 29. November in die Sowjetunion eingegliedert wurde. 1941 wurde die Stadt an das Deutsche Reich angegliedert. Bis dahin stellten Juden oft die Bevölkerungsmehrheit in Białystok. 1944 wurde die Stadt von der Roten Armee eingenommen. Die offizielle Rückgabe an Polen erfolgte jedoch erst 1946. Heute ist sie die Hauptstadt der Woiwodschaft Podlachien und ein Zentrum der Elektro-, Metall- und Bierindustrie mit etlichen Hochschulen.
ansässigen Arbeiterfamilie. Die Stadt blickt – wie die gesamte Region – auf eine wechselvolle Geschichte zurück: Die jüdische Besiedlung der polnischen Region Białystok reicht bis ins 15. Jahrhundert zurück, als sich eine kleine Gruppe von Jüdinnen und Juden in
Bielsk Podlaski (Bevölkerungszahl 2024: 23.558) ist eine Kreisstadt in der Woiwodschaft Podlachien im Nordosten Polens. Der Ort wurde 1252 im Gebiet des wechselnden Einflussbereichs der ruthenischen und litauischen Machthaber erstmals erwähnt. Nach 1430 wurden hier polnische und deutsche Kolonisten angesiedelt. 1495 erhielt Bielsk das Magdeburger Stadtrecht. Nach der dritten Teilung Polen-Litauens 1795 kam die Stadt an Preußen, 1807 an Russland. Die ab dem 15. Jahrhundert hier anwesende jüdische Bevölkerung stellte im 19. Jahrhundert die Mehrheit. Im Ersten Weltkrieg wurde von der russischen Armee die orthodoxe Bevölkerung ins Landesinnere zwangsumgesiedelt. Ab 1919 gehörte Bielsk, nun mit dem offiziellen Zusatz Podlaski, wieder zu Polen. Während der abwechselnden deutschen und russischen Besatzung im Zweiten Weltkrieg wurde die jüdische Bevölkerung von den Deutschen und die polnische Bevölkerung von beiden Besatzungsmächten verfolgt. Dabei wurde die jüdische Bevölkerung fast vollständig ausgelöscht und die polnische Bildungsschicht weitgehend vernichtet.
niederließ. Einen entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung der jüdischen Ansiedlung in Białystok hatte zu Beginn des 18. Jahrhunderts der Ausbau der Stadt durch die
Familie Branicki
Familie Branicki
Branicki war ein bedeutsames polnisches Adelsgeschlecht.
und deren Bestreben, der Siedlung einen städtischen Charakter zu verleihen. Nach den Teilungen Polens wurden Restriktionen gegen die jüdische Bevölkerung verhängt, die darauf abzielten, Jüdinnen und Juden ihren wirtschaftlichen Status zu nehmen und sie zur Assimilation mit der übrigen Bevölkerung zu zwingen. Unter russischer Herrschaft verbreiteten sich die Ideen der Haskala, während gleichzeitig chassidische Strömungen und später zionistische und (zionistisch-)sozialistische Bewegungen in Białystok Fuß fassten. Die Stadt entwickelte sich zu einem wichtigen Handels- und Industriezentrum im Westen des Reiches. Im 19. Jahrhundert erlebte die jüdische Gemeinde einen wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung, mit starkem Engagement in der Textilproduktion und internationalen Handelsbeziehungen. Die Bevölkerung wuchs schnell – am Ende des Jahrhunderts stellten Jüdinnen und Juden etwa 70% der Einwohner Białystoks. Sie entwickelten eine facettenreiche Gesellschaft mit Bildungs-, Wohlfahrts- und religiösen Einrichtungen, die auch die politische und soziale Vielfalt widerspiegelte, einschließlich zionistischer und (zionistisch-)sozialistischer Bewegungen.
Im Kontext der Russischen Revolution von 1905 kam es in Białystok zu zwei Pogromen gegen die jüdische Bevölkerung. Diese wurden von der zaristischen Armee sowie den lokalen Behörden initiiert und unterstützt. Diese Ausschreitungen, an denen sich auch christliche Stadtbewohner:innen beteiligten, führten zu einer Verstärkung der nationalistischen Spannungen und resultierten in einer signifikanten Auswanderungswelle jüdischer Bürger:innen. Dennoch ließen sich jüdische Siedler, darunter auch Geschäftsleute und Arbeiter:innen, weiterhin im Stadtzentrum nieder.
Die Ereignisse des Ersten Weltkriegs sowie die damit einhergehenden politischen Umwälzungen führten zu einer erheblichen Belastung der jüdischen Gemeinde. Während des Ersten Weltkrieges kam es zu einer Reduktion der jüdischen Bevölkerung, bedingt durch Auswanderung und Mortalität. In der Zweiten Polnischen Republik erfuhr die Gemeinde einen kurzen wirtschaftlichen Aufschwung, jedoch führten Rezession und wirtschaftlicher Niedergang erneut zu einer Auswanderungswelle. Bis Mitte der 1930er Jahre verringerte sich der jüdische Bevölkerungsanteil auf etwa 43%.
In der Folge der Besetzung der Stadt Białystok durch deutsche Truppen Mitte September 1939 erfolgte eine Übergabe an sowjetische Truppen im Zuge des Hitler-Stalin-Paktes bereits eine Woche später. Im Zuge des im Juni 1941 begonnenen deutschen Angriffs auf die Sowjetunion wurde Białystok erneut von der Wehrmacht besetzt. Unter deutscher Besatzung wurde ein Ghetto errichtet, in dem ca. 40.000 bis 60.000 Jüdinnen und Juden unter prekären Lebensbedingungen leben mussten. Im August 1943 erhob sich der jüdische Widerstand, der jedoch mit Gewalt beendet wurde. Die meisten Jüdinnen und Juden wurden in die Vernichtungslager Treblinka und Auschwitz deportiert und dort ermordet.5
Zur Quelle
Ein wesentlicher Aspekt in dem hier vorliegenden Auszug aus Leas Autobiographie ist die Thematik des Sports, der u.a. als Befreiungsinstrument aus den Zwängen des Alltags fungiert. Der Erfolg im Sport brachte Lea Anerkennung, der jedoch von Missverständnissen, Gerüchten und sozialen Spannungen begleitet wurde. Besonders ihre Mitgliedschaft im Sportverein Makkabi, ein vermeintlich bürgerlicher und zudem zionistischer Verein, schien in ihrem Umfeld auf Ablehnung zu stoßen. Auch Lea, die aus einer Familie der jüdischen Arbeiterschaft stammte, haderte zunächst mit ihrer Mitgliedschaft im Makkabi:
Die Unannehmlichkeiten waren viel größer als die Freude. Was für eine Enttäuschung! „Du im Makkabi? Was ist mit deinen Wurzeln? So einen Sprung kann nur eine Sportlerin wie du machen!“ Tausende Vorwürfe, Tausende Fragen, Vorhaltungen, Beschimpfungen. Da nützte mir auch meine Antwort überhaupt gar nichts, dass mich nichts mit „Makkabi“ verband und dass ich einfach keinen anderen Sportklub hatte, wo ich mein Talent weiterentwickeln konnte. Und Talent hatte ich doch, warum sollte ich es dann nicht nutzen? Ganz im Gegenteil, gebt mir einen Arbeitersportklub und ich verzichte sofort auf den Makkabi! Überhaupt gar keine Antwort konnte sie befriedigen. Ich fiel wieder in einen moralischen Abgrund zurück und verlor meine Würde vollkommen. Nach meiner Rückkehr verloren alle das Vertrauen zu mir und die Schule fing an, für mich zur Hölle zu werden.“ (S. 33).
Viele polnische Jüdinnen und Juden wie Lea waren nicht primär zionistisch orientiert und wiesen eine andere Form der säkularen Zugehörigkeit auf. Ihre Suche nach Gemeinschaft war daher nicht zwingend mit der zionistischen Bewegung verknüpft, die eine politische und nationale Wiederbelebung des jüdischen Volkes in Palästina anstrebte. Dennoch war die Makkabi-Bewegung, die sich für die Förderung des Sports und der jüdischen Jugendkultur einsetzte, unter vielen polnischen Jüdinnen und Juden beliebt, ohne dass sie selbst die zionistischen Ideale der nationalen Selbstbestimmung und der Staatsgründung vertraten. Für jüdische Jugendliche bot der Sport vor allem ein Ausgleich zum alltäglichen Leben, für Lea eine Ablenkung von ihrem Elternhaus und den prekären Wohnverhältnissen. Als sie von ihren Freundinnen aufgrund ihrer Mitgliedschaft im Makkabi abgelehnt wurde, war es der Sportplatz, der ihr Trost und Halt spendete (S. 34). Doch erst als Makkabi mit einem Verein für „die breite Masse, gewöhnliche Leute, einfache Arbeiter“ (S.36) fusionierte, fühlte sich Lea allmählich dem Makkabi zugehörig. Wie der Verein Makkabi Vilne scheint auch dieser Makkabi-Verein überparteilich gewesen zu sein. Vor und insbesondere nach der Fusion mit dem Verein ŻKS Białystok zu
ŻKS Makkabi Białystok
ŻKS Makkabi Białystok
Im Polnischen erfolgt die Schreibweise mit einem „k“. Im Sinne der Konsistenz wird an dieser Stelle die in dieser Edition übliche Schreibweise mit zwei „kk“ verwendet.
bot er sowohl Jugendlichen aus dem bürgerlichen Milieu als auch solchen aus dem Arbeitermilieu eine sportliche Heimat.6
Neben der allmählich gefundenen sportlichen Heimat im Makkabi, befasst sich die Autorin in längeren Passagen mit der Entdeckung des eigenen Körpers. In diesen beschreibt sie u.a. die Veränderungen ihrer äußeren Erscheinung durch den Einsatz "primitiver Kosmetika". Darüber hinaus folgen Darstellungen über ihre romantischen Beziehungen, die durch ihre Makkabi-Mitgliedschaft ermöglicht wurden (S. 39, S. 47–49).
Von besonderer Relevanz ist jedoch der Bezug zur persönlichen Emanzipation, welcher sich im Bedürfnis der Autorin manifestierte, sich von familiären und gesellschaftlichen Zwängen zu lösen. Das Streben nach finanzieller Unabhängigkeit sowie die Ablösung von den elterlichen Erwartungen, welche zunehmend als belastend empfunden wurden, können dabei als wesentliche Aspekte identifiziert werden (S. 49f.).
Es kann vermutet werden, dass es sich bei Lea um Luba Lewin geb. Kac (auch: Liube Lewin) handelt, die für diesen Contest ein Pseudonym gebrauchte. Luba war mit Zalmen Lewin verheiratet, das Paar hatte ein gemeinsames Kind. Die Familie Kac-Lewin verstarb im Ghetto Białystok.
2.
Vgl. u.a. Kuznitz, Cecile Esther: The origins of Yiddish scholarship and the YIVO Institute for Jewish Research, Ann Arbor 2000.
3.
Autobiographies of Jewish Youth in Poland / Guide to the YIVO Archives, URL
4.
Siehe: Shandler, Jeffrey (Hg.): Awakening Lives. Autobiographies of Jewish Youth in Poland before the Holocaust, New Haven, Ct. [u.a.] 2002.
5.
Vgl. Bialystok. Geschichte, in: Polin. Virtuelles Schtetl, URL https://sztetl.org.pl/de/stadte/b/397-bialystok/99-geschichte/137067-geschichte-der-gemeinde (29.10.2024). Siehe außerdem: Bender, Sara: The Jews of Bialystok during World War II and the Holocaust, Waltham, Mass. 2008.
6.
Zu Makkabi Vilne siehe: Hilbrenner, Anke: Die Wurzeln des jüdischen Sports in Polen. Die Gründung jüdischer Turnvereine in Galizien und im russischen Teilungsgebiet vor dem Ersten Weltkrieg, in: Dittmar Dahlmann / Anke Hilbrenner (Hg.): „Dieser Vergleich ist unvergleichbar“. Zur Geschichte des Sports im 20. Jahrhundert, Essen 2014, S. 79–96, hier S. 84f.; Dies. Sport und die jüdische Suche nach Gemeinschaft in (ost-)europäischen Metropolen der Zwischenkriegszeit, in: Aschkenas 2017; 27 (1), S. 71–91, hier S. 84–91; Dies. Fußball in der jüdischen Autobiographik. Erwachsenwerden in Wilna in der Zwischenkriegszeit, in: Dittmar Dahlmann / Anke Hilbrenner / Britta Lenz (Hg.): Überall ist der Ball rund. Zur Geschichte und Gegenwart des Fußballs in Ost- und Südosteuropa – Nachkriegszeit, Essen 2011, S. 229–248.Weitere Informationen zu (ZKS) Makkabi Bialystok siehe: Ginzburg: Di sport-organizatsyes bey idn [Die jüdischen Sportorganisationen], in: The Bialystoker Memorial Book, S. 64–67 [Jidd.].
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Kac-Lewin, Lea: [״לאה״ פון ביאליסטאק]. (1939). In: Yugfor, 576. S. 131692-191740 (1-50). YIVO Institute for Jewish Research, YIVO Archives RG 4/3535/131692-131740. Zitiert nach: Copernico. Geschichte und kulturelles Erbe im östlichen Europa. URL: https://www.copernico.eu/de/link/67ac4b661e6369.07054328 (15-01-2026)
Kac-Lewin, Lea: Autobiographie von Lea Kac-Lewin. (1939). Übers. von Martin Borkowski-Saruhan: In: Copernico. Geschichte und kulturelles Erbe im östlichen Europa. URL: https://www.copernico.eu/de/link/67ac4b661e6369.07054328 (15-01-2026)
Lisa Reich: Kommentar zu: Kac-Lewin, Lea: [״לאה״ פון ביאליסטאק]. (1939). In: Yugfor, 576. S. 131692-191740 (1-50). YIVO Institute for Jewish Research, YIVO Archives RG 4/3535/131692-131740. In: Copernico. Geschichte und kulturelles Erbe im östlichen Europa. URL: https://www.copernico.eu/de/link/67ac4b661e6369.07054328 (15-01-2026)