Bericht über die Turnbewegung in Galizien

Der Zeitungsartikel aus der Jüdischen Turnzeitung dokumentiert den Bericht über den Stand der jüdischen Turnbewegung in Galizien. Berichtet wird über die Schwierigkeiten in der Agitationsarbeit für die Turn-Idee sowie über die erschwerten Bedingungen bei der Gründung jüdischer Sportvereine in Galizien.

Transkriptionen

Transkription (Deutsch)

Bericht über die Turnbewegung in Galizien
Gegeben von Dr. Katz – Brody auf dem IV. Jüdischen Turntag zu Berlin
Die Agitation für die Turnidee in Galizien ist keine leichte; zugleich ist sie aber sehr notwendig und dankbar. Mit Rücksicht auf die physische Entwickelung der galizischen Juden ist die Gründung von Turnvereinen in 
Galizien
yid. גאַליציע‎, yid. Galitsiye, ron. Halici, ron. Galiția, hun. Halics, hun. Gácsország, hun. Kaliz, hun. Galícia, ces. Halič, slk. Halič, eng. Galicia, rus. Галиция, rus. Galizija, ukr. Галичина, ukr. Halytschyna, pol. Galicja

Galizien ist eine historische Landschaft, die sich heute nahezu vollständig auf dem Gebiet Polens und der Ukraine befindet. Der heute südostpolnische Teil wird dabei üblicherweise als Westgalizien, der westukrainische als Ostgalizien bezeichnet. Vor 1772 gehörte Galizien über Jahrhunderte zur polnisch-litauischen Adelsrepublik, im Anschluss und bis 1918 - als Teil des Kronlandes "Königreich Galizien und Lodomerien" - zum Habsburgerreich.

 um so dringender und notwendiger, da die Lebensverhältnisse immer schwieriger werden und die Heranbildung von physisch und moralisch kräftigen, widerstandsfähigen, ausdauernden Individuen eine Frage der künftigen Existenz der Juden ist. Die Agitation ist eine dankbare, wenn man den Nutzen berücksichtigt, den dieselbe bringt, so daß bereits jeder, wenn auch scheinbar geringe Erfolg, große Bedeutung hat. Und es gewährt tatsächlich eine gewisse Freude, wenn man bemerken kann, daß hier oder da der eine oder der andere Talmudjünger in den Abendstunden das Buch wegwirft und ein klein wenig für sein leibliches Wohl besorgt ist. Solche Jünglinge sind zwar weiße Raben weiße Raben Hier ist mit diesem Ausdruck eine Seltenheit oder eine seltene Ausnahme gemeint. ; aber der Anfang ist gemacht, zögernd und langsam folgen andere.
Die Schwierigkeiten für die Agitation sind mannigfacher Art.
Grundbedingung für die Entstehung und Verbreitung der Turnvereine ist vor allem das Verständnis für die Sache, für den Inhalt der Turnbewegung. Und da stoßen wir vorerst auf das schwierigste Hindernis. Es handelt sich darum, hierbei der Bevölkerung zum Bewußtsein zu bringen 1. daß die Juden physisch viel schwächer entwickelt sind, als die Nichtjuden, 2. daß manche Krankheiten ausschließlich bei Juden eine ungeheure Verbreitung haben, 3. daß Leibesbewegungen für die Entwickelung des Körpers unbedingt notwendig sind.
Das bisherige Erziehungssystem der galizischen Juden ist geeignet, schon in jungen Jahren bei den Kindern Krankheitskeime und Körpergebrechen hervorzurufen und auszubilden. Mit drei Jahren kommen die Knaben bereits in die hebräische Schule (Cheder), wo sie in Massen im dunklen, schlecht gelüfteten Zimmern zusammengepfercht werden; drei, vier oder fünf bei einem Buche, alle gleichzeitig schreiend; abends nur beim Scheine einer Kerze. Im Winter kommen sie überhaupt nicht an die frische Luft, höchstens auf dem Hin- und Rückwege in die Schule. Im Sommer dagegen treiben sie ihr Spiel in einem kleinen engen Hofe oder auf der Straße, ohne Aufsicht und Leitung. Man betrachtet nicht das Streben der Kinder nach Bewegung, nicht die Richtung, die ihre Instinkte nehmen, um dieselbe in einer für die Kinder günstigen Weise zu leiten.
Besucht das Kind das Cheder nicht, so ist seine Erziehung eine bessere. Es wird der Straße überlassen. Es muß sich selbst sein Spiel wählen, es folgt seinem Triebe, und die Mittel für die Befriedigung desselben sind nicht immer die für die Erziehung günstigsten. Daß nachteilige Wirkungen einer solchen Erziehung zurückbleiben, ist natürlich: Verrohung und Verwilderung.
Kindergärten mit geschulter Aufsicht sind wenige vorhanden. Kommt das Kind in die allgemeine Schule, dann sorgt die Schule nicht in dem Maße für die physische Erziehung, daß den vielfachen Übeln abgeholfen werden kann. Viele Schulen haben überhaupt keine Spielplätze und keine Turnhallen. Das Turnen ist überhaupt in den Schulen nicht obligat. Engbrüstig und kurzsichtig wachsen die Kinder heran und nach Verlassen der Schule und nach dem Übertritte ins praktische Leben verschlimmern sich die Verhältnisse. Es liegt dem ganzen Erziehungssystem die Anschauung zugrunde, daß die Körperbewegungen gar keine Bedeutung haben, daß sie unnötig sind.
|129| Die Erziehung in der Schule und zu Hause ist eine einseitige, und nur für die geistige Ausbildung berechnet, bei vollständiger Vernachlässigung des Physischen. Die Verhältnisse für die Mädchen sind etwas günstiger.
Jedenfalls bessern sich die Verhältnisse von Tag zu Tag. Die alte hebräische Schule, das Cheder, verschwindet langsam. Die Kinder besuchen häufiger die Volksschule und nach Beendigung derselben gehen sie ins Gymnasium über. Hier wird, dank der Berührung mit Kindern aus den intelligenten Kreisen, dank der Fürsorge der Schule, die immerhin noch keine genügende ist, für das leibliche Wohl der Jugend mehr Sorge getragen als vorher. Die Schulen der Baron Hirschʼschen Stiftung Baron Hirschʼschen Stiftung Baron Moritz von Hirsch (Maurice de Hirsch; 1831–1896) war ein deutsch-jüdischer Unternehmer und Philanthrop. Er stammte aus einer geadelten Bankiersfamilie und war unter anderem durch den Bau einer Eisenbahnstrecke ins Osmanische Reich zu beträchtlichem Vermögen gelangt. Sein philanthropisches Engagement konzentrierte sich auf die Juden im Osmanischen Reich, in Russland und im Habsburger Reich. Er engagierte sich für eine Verbesserung ihrer Lebensumstände und unterstützte landwirtschaftliche Ansiedlungen, etwa in Argentinien. Ähnlichen Projekten in Palästina und generell der zionistischen Idee aber stand er kritisch gegenüber. Mit den Mitteln der Hirsch-Stiftung finanzierte er ab 1891 Schulen und Berufsschulen für jüdische junge Männer in Galizien und der Bukowina, die dazu dienen sollten, Juden zu nützlichen Untertanen des Habsburgerreichs zu machen. Zeitgleich finanzierte seine Frau Baronin Clara von Hirsch (Clara de Hirsch; 1833–1899) eine Reihe von Mädchenschulen mit ähnlichen Zielen. Mit den Mitteln der Baron Hirsch-Stiftung wurden demnach Schulen in Galizien und der Bukowina finanziert. Um 1906/1907 gab es 45 Volksschulen in Galizien, davon 21 höhere und 24 niedere Schultypen. Das Lehrpersonal wurde dazu angehalten, den Schulsport zu pflegen. Im Schuljahr 1906/1907 nahmen 6002 Schüler am Turnunterricht und 5637 Schüler an den Jugendspielen teil. Vgl. Anonymus, Die Baron-Hirsch’e Stiftung, in: Neue National-Zeitung. Jüdischpolitische Wochenschrift 10 (1908), H. 23, 5. , die neueren Datums sind, haben bereits Turnhallen und pflegen das Turnen. Seit einigen Jahren hat die Agitation für die Verbreitung und Pflege der Leibesübungen in größerem Maße begonnen.
Die Entstehung von einigen Turnvereinen, von Komitees für die Veranstaltung von Kinderausflügen und Spielen im Freien, haben dazu beigetragen, daß der physischen Erziehung der Jugend immer mehr Aufmerksamkeit zugewendet wird. Die Entstehung von Turnvereinen geht nicht so leicht vor sich, abgesehen davon, das rein jüdische Vereine überhaupt schwer entstehen und sich erhalten können. Mit Ausnahme von Wohltätigkeitsvereinen erhalten sich bei uns Vereine nur sehr kurze Zeit, und wenn sie existieren, dann vegetieren sie nur oder sie verdanken ihre Existenz Programmen, die man eher aus Geselligkeitsvereinen ausmerzen soll. Es besteht bis nun kein einziger jüdischer Radfahrerklub, Fußballklub, mit Ausnahme des jüdischen Turnvereins in Lemberg und einem, der in Brody im Entstehen begriffen ist.
Die Mittel für die Gründung und Erhaltung eines Turnvereins sind sehr schwer aufzubringen. Die materielle Leistungsfähigkeit der Mitglieder ist eine sehr geringe und Subventionen sind nicht zu erwarten. Dazu kommt noch die eigenartige Auffassung, die die Vereinsmitglieder von dem Wesen des Vereins haben, besonders des Turnvereins. Sie sehen in dem Turnverein nicht eine freiwillige Verbindung mehrerer Personen, die zur Erreichung eines gewissen idealen Zweckes sich zusammengefunden haben, die gleiche Pflichten ihrer Idee und ihrem Ideale gegenüber haben, gleiche Reichte einander gegenüber beanspruchen können, daß die Mitglieder in ihrer Zusammensetzung die abstrakte Persönlichkeit „den Verein“ bilden. Der „Verein“ ist den Mitgliedern etwas fremdes, von dem sie nur Benefizien genießen können; daher erfüllen sie ihre Pflichten nur solange, als sie Benefizien genießen. 
Wenn ein Mitglied beispielsweise den Verein eine zeitlang nicht besuchen kann, dann ist er auch überzeugt, daß er auch nicht den Mitgliedsbeitrag zu leisten verpflichtet ist.
Es ist eine Scharfe Scheidung zwischen Rechten und Pflichten, der Verein „in abstracto“ ist den Mitgliedern gegenüber eine Art Privatunternehmen.
Die Leitung, die Erhaltung und Verbreitung des Vereines wird natürlicher Weise eine persönliche Angelegenheit einiger weniger, die freiwillig alle Vereinspflichten auf sich nehmen müssen: Die Existenz des Vereines wird in eine Abhängigkeit gebracht von diesen wenigen. Werden nun die Anforderungen an den Verein größer, wird die Befriedigung dieser Aufgaben schwieriger, dann müssen die leitenden Personen mit der Zeit aus Mangel all wirksamer Unterstützung sich verzweifelt aus ihrer Tätigkeit zurückziehen, wenn die Aufgaben ihre Kräfte übersteigen.
(Fortsetzung folgt) (Fortsetzung folgt) Die Fortsetzung des Berichts folgt in: Josef Katz, Bericht über die Turnbewegung in Galizien (Schluss), in: Jüdische Turnzeitung. Monatsschrift für die körperliche Hebung der Juden 10 (1909), H. 9, 158–160

Kommentar

Kommentar zum Bericht über die jüdische Turnbewegung in Galizien

Dieser Bericht wurde vom Turnleiter Dr. Josef Katz Josef Katz (Lebensdaten nicht ermittelbar) war Obmannstellvertreter und Turnleiter des jüdischen Turnvereins Brody in Galizien. Vgl. Josef Katz: Bericht über die Turnbewegung in Galizien (Schluss). In: Jüdische Turnzeitung10 (1909), H. 9, 158–160, 159. im Jahr 1909 auf dem IV. Jüdischen Turntag zu Berlin gehalten. Dieser zeigt, unter welchen Bedingungen und mit welchen Alltagsproblemen die ersten Enthusiasten des jüdischen Turnens in Galizien zu kämpfen hatten.
Der IV. Jüdische Turntag fand an den Pfingstfeiertagen vom Sonntag, den 30. Mai (Pfingstsonntag) bis Dienstag, den 1. Juni 1909 in Berlin statt. Das Programm gestaltete sich aus dem Schauturnen, turnerischen Darbietungen, einem festlichen Abendball und (freien) Referaten. Neben Katz hielten auch weitere Mitglieder der jüdischen Turnbewegung Vorträge über Themen wie die Arbeit in Palästina oder die Gesundheitsfürsorge der jüdischen Turnerschaft. Das Programm rundeten die gemeinsamen Fahrten nach Potsdam und Rügen ab. Als Veranstalter des Turntages zeichnete sich der Berliner Turn- und Sportverein „Bar Kochba“ verantwortlich, der auf der Tagung auch sein zehnjähriges Bestehen feierte.  Ein erklärtes Ziel dieser Tagung war die Ausweitung der jüdischen Turnerschaft, die durch eine Zusammenarbeit der jüdischen Turnvereine gesichert werden sollte.1 
In diesem Zusammenhang spielte auch die Frage nach der Gründung von Landesverbänden in Galizien und die Aufnahme dieser in die jüdische Turnerschaft eine nicht zu verkennende Rolle.
In seinem Referat berichtet Dr. Josef Katz, Agitator der jüdischen Turn-Idee in Brody, Obmannstellvertreter und Turnleiter, über die Schwierigkeiten bei der Etablierung jüdischer Turnvereine in Galizien. Dabei betont er besonders die Gleichgültigkeit und das Unverständnis der breiten jüdischen Massen Galiziens gegenüber der Turn-Idee, die er in der schulischen Laufbahn jüdischer Kinder begründet sieht. Neben der oftmals unzureichenden oder gar fehlenden physischen Erziehung in den allgemeinen- oder Volksschulen, seien es die Chadarim, die jüdisch-religiös geprägten Elementarschulen, die dem jüdischen Kind, und damit besonders dem jüdischen Jungen, in der physischen Entwicklung schaden:

Das bisherige Erziehungssystem der galizischen Juden ist geeignet, schon in jungen Jahren bei den Kindern Krankheitskeime und Körpergebrechen hervorzurufen und auszubilden. Mit drei Jahren kommen die Knaben bereits in die hebräische Schule (Cheder), wo sie in Massen im dunklen, schlecht gelüfteten Zimmern zusammengepfercht werden […]. Im Winter kommen sie überhaupt nicht an die frische Luft. […]. Im Sommer dagegen treiben sie ihr Spiel in einem kleinen engen Hofe oder auf der Straße, ohne Aufsicht und Leitung. Man betrachtet nicht das Streben der Kinder nach Bewegung […], um dieselbe in einer für die Kinder günstigen Weise zu leiten.“ (S. 128)

Eine ähnlich lautende zeitgenössische Kritik am galizischen Chederwesen weist auch der Reisebericht von Bertha Pappenheim Bertha Pappenheim (1859–1936) war eine Frauenrechtlerin und Autorin. Sie wurde in Wien als Tochter einer wohlhabenden orthodoxen Familie in geboren. Ihr umfassendes sozialpolitisches Engagement begann mit ihrem Umzug nach Frankfurt am Main im Jahr 1888. Sie betätigte sich vor allem auf dem Gebiet der Mädchen- und Frauenfürsorge und veröffentlichte erste sozialpolitische Schriften. 1904 war sie an der Gründung des Jüdischen Frauenbunds beteiligt, dem sie über zwanzig Jahre vorsaß. und Sara Rabinowitsch Sara Rabinowitsch (1880–1918) wurde im Gouvernement Minsk im Russischen Reich geboren. Sie promovierte 1903 in Freiburg im Breisgau mit einer Arbeit über die Organisationen des jüdischen Proletariats in Russland. Nach der Reise mit Pappenheim veröffentlichte Rabinowitsch eine Reihe von Artikeln über die soziale Lage und die Bildungssituation von jüdischen Arbeiter:innen in Russland. Wegen ihrer Aktivitäten in der USPD während des Ersten Weltkrieg kam sie in Haft, wo sie Suizid beging. auf, die im Jahr 1903 die Lage der galizischen Juden untersuchten.2 Ihre Reiseroute führte sie entlang der Baron Hirsch-Schulen-Volksschulen die durch die Baron-Hirsch-Stiftung3  gefördert wurden und vornehmlich jüdischen Jungen eine grundlegende Bildung ermöglichen sollten. Neben säkularen Unterrichtsinhalten wie dem Hebräisch Unterricht stand auch die physische Ausbildung in Form von Turnunterricht auf dem Lehrplan. Auch Katz verweist in seinem Bericht auf die Baron-Hirsch-Schulen und lobt ihren Einsatz in der physischen Erziehung sowie den Besitz von Turnhallen, die in den allermeisten Schulen anderen Typus fehlten (S. 129). Die die überwiegend traditionell religiös orientierte jüdische Bevölkerung Galiziens nahm die Einrichtungen ambivalent auf und lehnte sie zum Teil strikt ab. Gleichwohl stieg die Zahl jüdischer Volksschüler während des Jahrzehnts bis 1900 um mehr als die Hälfte. Neben den Auslassungen über die jüdisch-galizischen Schulen und die prekäre physische Ausbildung jüdischer Jungen nennt Katz einen weiteren Grund für die nur sehr langsam voranschreitende Etablierung und Unterhaltung jüdischer Turnvereine: die finanziellen Mittel. Diese waren Anbetracht der sozialschwachen Lage der Juden Galiziens äußerst gering. So manche Mitglieder sahen es vor, bei längerer Abwesenheit die Beitragszahlungen einzustellen (S. 129). Der Verein als Selbstzeck setzte eine gewisse Liquidität voraus, die für seine Mitglieder oftmals nicht zu gewährleisten war.

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