Denkschrift verfaßt zu der am 23. October 1886 erfolgten Gründung der „Viadrina“, freien Verbindung.

Ein Wort an unsere Glaubensgenossen
In Breslau gründeten Studenten im Jahr 1886 die jüdische Verbindung „Viadrina“. Aufgrund des zunehmenden Antisemitismus auch an den Universitäten fühlten Juden sich in den allgemeinen Studentenverbindungen nicht mehr willkommen. Die Politik vieler Verbindungen, die immer weniger gewillt waren, jüdische Mitglieder aufzunehmen, nahmen die jüdischen Studenten in Breslau als Angriff auf ihre Würde war, weil sie dadurch gedrängt wurden, ihr Judentum zu verschweigen und jüdische Freundschaften zu vermeiden, um auf diesem Weg Akzeptanz in christlichen Verbindungen und Vereinen zu erlangen.

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Denkschrift verfaßt zu der am 23. October 1886 erfolgten Gründung der „Viadrina“, freien Verbindung.
Ein Wort an unsere Glaubensgenossen, Oktober 1886
Der Antisemitismus scheint in seinen letzten Zügen zu liegen. Diese Bewegung, die fast ein Decennium hindurch die Leidenschaften der Menge in unerhörter Weise aufgeregt und in ein neues Ferment des Hasses, Neides und der Unzufriedenheit unter die Bevölkerung gestreut hat, ist anscheinend immer schwächer geworden und scheint endlich dem Erlöschen nahe. Die Zeit der hochgehenden Wogen, in der kein Zeitungsblatt erschien, ohne angriffs- oder vertheidigungsweise diese Frage zu berühren, ist vorüber. Die großen Hetzen haben aufgehört. Jener Apostel der Intoleranz hat es aufgegeben, in „Vollversammlungen“ unter dem Beifall des Pöbels den Rassenhaß zu predigen; es wird nicht mehr der schamlose Versuch gemacht, die uns verfassungsmäßig gewährleisteten Rechte auf dem Wege der Gesetzgebung aufzuheben. Die Leiter dieser Bewegung sind verstummt; einer nach dem anderen haben sie sich vom Kampfplatz und vom öffentlichen Leben zurückgezogen, und fast ausnahmslos mit Unehre zurückgezogen. Wenn Verworfenheit und sittlicher Defect der Urheber ein Beweis für die Schlechtigkeit einer Sache ist, so sollte der Antisemitismus gerichtet sein, und nur noch der Geschichte der menschlichen Verirrungen angehören. Und bei oberflächlicher Betrachtung scheint es in der That, als ob die Zeit einer solchen Auffassung nicht mehr fern wäre.
Aber es scheint auch nur so. Jene Hetzer konnten in der That gehen, denn sie hatten ihre Schuldigkeit nur zu gut gethan. Der Same, den sie ausgestreut hatten, ging auf und schlug Wurzel im deutschen Volke – es bedurfte keiner weiteren Pflege mehr. So erklärt sich einfach der Gegensatz zwischen der Beruhigung der Oberfläche und der Gährung in der Tiefe: der geräuschvolle Apparat konnte wegfallen, denn er hatte seinen Zweck erfüllt.
|2| Daß aber wirklich durch jene fanatischen Lehren das ganze Volksleben vergiftet ist, daß Haß und Neid unsre Schritte verfolgen, daß wir Juden in weiten Kreisen der Bevölkerung verachtet, gehaßt, mindestens aber als Fremde und nicht als ebenbürtige Mitbürger betrachtet werden, darüber können wir uns keinem Zweifel hingeben; mit Schmerz aber sehen wir diese Gefühle gerade bei den gebildeten Ständen sich kundgeben.
Und hier wiederum ist es vor allem die akademische Jugend, die berufene Hüterin der Ideale, die jene Lehren mit Begeisterung in sich aufgenommen hat und eifrig bestrebt ist, sie in Thaten umzusetzen. Es dürfte kaum nöthig sein, hierfür Belege beizubringen. In aller Erinnerung lebt das auch in weiteren Kreisen bekannt gewordene Vorgehen und die Tendenz der Vereine deutscher Studenten. Wir, die wir noch inmitten des akademischen Lebens stehen, fühlen täglich, stündlich, welche Kluft uns von denen trennt, die wir unsere Commilitonen nennen. Diese Thatsache ist für uns persönlich bedrückend, beschämend, aber sie erscheint bedenklich und bedrohlich auch für weitere Kreise, wenn wir die Consequenzen dieser Verhältnisse in’s Auge fassen.
Die akademische Jugend wird als die Hoffnung und der Hort, als die künftige Blüthe der Nation betrachtet. Aus ihr ergänzen sich diejenigen Stände, die auf das gesammte geistige Leben des Volkes den verbreitetsten und nachhaltigsten Einfluß ausüben. Die akademischen Bürger sind es besonders, in deren Hände einst die Erziehung der Jugend gelegt sein wird; und wer zweifelt daran, daß die Gegner ihren überwiegenden Einfluß in ihrem Sinne geltend machen werden? Ist dem aber so, dann ist ein Ende dieser Bewegung gar nicht abzusehen. Vermöge der continuirlichen Wechselbeziehungen zwischen der Jugend und ihren Erziehern wird der Rassenhaß traditionell werden und in potenzirter Form von einer Generation auf die andere übergehen. Es wird so in nicht zu langer Zeit eine Summe von Spannung angehäuft werden, die sich einst mit elementarer Gewalt auf unsere Häupter entladen könnte.
Diese Betrachtung läßt aber auch klar den Punkt erkennen, wo eingesetzt werden muß, um jenen verhängnißvollen Kreislauf wirksam zu unterbrechen. Haben die Anschauungen des Studenten eine so große Bedeutung für die Gestaltung des späteren Lebens, so wird gerade eine in Studentenkreisen sich erhebende Reaction gegen die antisemitische Bewegung von tiefergehender und weittragender Bedeutung sein.
Daß eine solche Reaction nicht gerade hier schon längst eingetreten, ist merkwürdig: daß sie – schon im eigenen Interesse des jüdischen Studenten – eine Nothwendigkeit ist, ergiebt sich unwiderleglich aus einer Betrachtung seiner socialen Stellung unter seinen Commilitonen , die – trotz aller im Prinzip anerkannten Gleichberechtigung der akademischen Bürger – von diesem Ideal noch weit entfernt ist.
Was des gesellschaftlichen Lebens Grundlage bildet und im Studentenleben eine so wichtige Rolle spielt, die Vereinigung mit Gleichgesinnten, der Anschluss an ein Ganzes, ist uns entweder völlig versagt oder wird uns in einer Form und unter Bedingungen geboten, die nicht für jeden Geschmack und jeden Charakter annehmbar |3| sind. Ein strenger Abschluß gegen die jüdischen Commilitonen findet sich besonders bei den Vereinen für Pflege der Leibesübungen, die von so hervorragender Wichtigkeit gerade für den Studenten sind. Gelingt es dem einen oder andern, seine Aufnahme zu bewirken, weil er gewisse äußere Anforderungen erfüllt, vielleicht auch seine Abstammung klug zu verbergen weiß, dann sieht er sich gezwungen, um seine Stellung im Verein nicht zu gefährden, den Verkehr mit seinen jüdischen Commilitonen möglichst einzuschränken, und erkauft eine zweifelhafte Freundschaft mit dem Opfer seiner Gesinnung und dem Verlust seiner natürlichen Beziehungen. Eine geringe Anzahl von Vereinen – von den Fachvereinen abgesehen – nimmt allerdings Juden auf und zählt deren vielleicht eine relativ große Zahl zu ihren Mitgliedern; aber hier ergiebt sich in Consequenz der ganzen ungesunden Verhältnisse eine Thatsache, die ebenso unleugbar, als beklagenswerth ist: die jüdischen Mitglieder wehren sich mit der Zeit selbst gegen den Eintritt ihrer Glaubensgenossen, um durch ein „Ueberwuchern“ des jüdischen Elements“ ihren Verein nicht zu comprimittiren.
Wir sind hier an einem Punkte angelangt, der eine eingehendere Erwägung verdient, und wobei wir uns einige bittere Wahrheiten eingestehen müssen. Wenn unter den jüdischen Studenten die einen um die Gunst der Christen buhlen, die andern ihren eigenen Glaubensgenossen abweisend gegenüberstehen, so ist beides ein Beweis, daß diese Elemente sich ihres Judenthums schämen.
Das ist der Grundschaden, der die Lebenskraft des Judenthums untergräbt.
„Hinc omne principum, huc refer exitum.”
Es ist, als ob mit dem selbstbewußten Stolze des Juden auf seine Abstammung der belebende Geist aus jenem Organismus gewichen wäre, der dem wüthenden Anprall der Jahrhunderte stand gehalten hat. Wer sich des Judenthums schämt, der wird es auch nicht vertheidigen, ja er wird es verleugnen, sich von ihm lossagen, und wenn diese Gesinnungen immer allgemeiner werden, dann geht das Judenthum seiner Auflösung entgegen.
Daß aber die oben geschilderten Zustände nur dazu beitragen können, solchen Gesinnungen Vorschub zu leisten, ja sie zu erzeugen, kann keinem Zweifel unterliegen.
Vor allem beklagenswerth ist ihre Wirkung auf den jungen Studenten, der soeben vom Gymnasium kommt und auf der Universität die Verwirklichung seiner Ideale sucht. Gerade er bedurfte eines äußeren Haltes, da sein Geist noch nicht die Erfahrung, sein Charakter noch nicht die Festigkeit besitzt, welche erforderlich ist, um die zahlreichen Versuchungen und Kämpfe erfolgreich zu überstehen.
Schon auf der Universität hat der jüdische Student reichlich Gelegenheit, die ganze Schwere des Hasses und Hohnes zu erfahren, die jeder Jude aus dem öffentlichen Leben an unsern Gegnern kennt. Will er diesen Anfeindungen die Spitze bieten, will er den Kampf aufnehmen, so muß er ihn mit ungleichen Waffen führen.
Vor sich hat er einen organisirten Gegner; eigne Vereine sind gebildet, um den Kampf gegen das Judenthum wirksam zu führen; selbst aus Kreisen, die außer- |4| halb der Universität liegen, erhalten die Gegner moralische und materielle Unterstützung. Angesichts einer solchen erdrückenden Uebermacht muß der jüdische Student nothwendig sein Selbstvertrauen verlieren, und ist es nur begreiflich, wenn er kleinmüthig den Kampf aufgiebt.
Ja noch mehr! Die Verwerflichkeit des Judenthums wird auf jener Seite mit einer Ueberzeugung und einem Feuereifer gepredigt, daß der Jude an der Gerechtigkeit seiner Sache, an der Berechtigung der Existenz des Judenthums selbst irre wird, zumal eine Kenntniß der Principien des Judenthums und seiner unbestreitbaren Verdienste um die alte, sowie die moderne Kultur den meisten fehlt.
So gewöhnt er sich schließlich an die Auffassung, seine Zugehörigkeit zum jüdischen Stamme als ein Unglück zu betrachten, das nicht zu ändern und geduldig zu ertragen ist. Er vergißt völlig, daß er nach den Principien der Vernunft und der Humanität berechtigt und verpflichtet ist, eine Gleichstellung zu verlangen, und verliert mit der Hoffnung auch das Streben nach Besserung der Zustände. So bilden sich jene schwachen Charaktere, die im späteren Leben nur darauf bedacht sind, wie sie selbst mit heiler Haut durchs Leben kommen, und weder den Gemeinsinn pflegen, noch auch für ihre eigensten Rechte mannhaft in die Schranken treten.
Niedergedrückt durch alle diese Zustände, verbittert durch den fanatischen Haß der Gegner und die Gesinnungslosigkeit der Glaubensgenossen ziehen sich auch diejenigen unter uns, die sich noch ein Gefühl für Unabhängigkeit und persönlich Würde bewahrt haben, vom allgemeinen Studentenleben zurück, indem sie in ihrer Vereinzelung an der Besserung der Verhältnisse verzweifeln.
Wohin wir also unseren Blick richten, überall sehen wir unter unseren Glaubensgenossen Zersplitterung, Abschließung, gegenseitige Verleugnung, Mangel an Selbstvertrauen und an Selbstachtung. Das Gefühl der Zusammengehörigkeit, der Einheit unserer Interessen, ist uns verloren gegangen, und so kommt es, daß der jüdische Student ohne Einfluß und ohne Achtung, haltlos und ohnmächtig dasteht.
Kann es nach all dem Gesagten noch zweifelhaft sein, welches das Mittel ist, uns hier Wandel zu schaffen? Wir glauben, nein. Die Thatsachen reden deutlich und laut, die Zergliederung der Ursachen zeigt es klar: es ist die Gründung eines
„Vereins jüdischer Studenten“
welcher das Zeichen des unabhängigen Judenthums aufpflanzt und alle, die unsrer Gesinnung sind, unter sein Banner versammelt!
Dieser Verein wird schon durch sein bloßes Auftreten das fast erlöschende Bewußtsein wieder beleben, daß wir Juden sind, daß wir einem großen Ganzen von culturgeschichtlicher Bedeutung und historischer Berechtigung angehören, und daß diese Zugehörigkeit für die Gegner kein Gegenstand der Mißachtung, für uns kein Grund der Beschämung sein kann.
|5| Der Verein wird vor allem, als sittliches Fundament seiner Wirksamkeit, den Werth des Judenthums seinen Mitgliedern in Erinnerung bringen. Wir sind der festen Ueberzeugung, daß die jüdische Religion, so gut wie nur irgend eine andere, im Stande ist, zu sittlichem Handeln zu erziehen, den Charakter zu bilden und selbst dem philosophischen Denker einen Cultus von reinen Formen und tieferem Gehalt zu bieten.
Die Mitglieder eines solchen Vereins werden unsern Gegnern eine bessere Meinung vom Juden beibringen, indem sie ihre Abstammung offen und muthig bekennen. Wer sich selbst nicht achtet, wer seinen Glauben und seine Herkunft verleugnet, kann sich nicht wundern, wenn er die Achtung selbstbewußter Gegner verliert.
Nur ein Verein jüdischer Studenten, der als solcher mit offenem Visir seinen Feinden gegenübertritt, wird im Stande sein, Männer zu erziehen, die im späteren Leben ihre ganze Persönlichkeit, ihren ganzen Einfluß für die Vertheidigung des Judenthums und seiner Rechte einzusetzen gesonnen sind.
Wir sehen die Einwände, die man unserem Vorschlage machen wird, voraus: „Nicht abschließen dürft ihr euch, nicht die Gegensätze hervorkehren; ihr müßt bestrebt sein, die Gegensätze zu verwischen, euch jenen assimilieren.“
Nun, dieses Mittel ist wahrhaftig nicht unversucht geblieben. Jenes Streben, das oben gekennzeichnet wurde, das Streben, mit christlichen Commilitonen zu verkehren, ihren Umgang dem der Glaubensgenossen vorzuziehen, ist es nicht der unzweideutige Ausdruck des Wunsches, sich jenen zu assimilieren? Aber diese Bemühungen haben hier, wie in anderen Kreisen, nicht den erwünschten Erfolg gehabt. Statt uns ihre Freundschaft zu erwerben, hat die Verleugnung unseres Selbsts nur dazu beigetragen, die Achtung zu zerstören, die ein fester Charakter auch dem Gegner abzwingt.
Wir vertreten aber dabei den Grundsatz, und werden durch unser Verhalten den Beweis dafür liefern, daß wir Juden und zugleich Deutsche im wahren Sinne des Wortes sein können. Wir wollen uns zu Männern erziehen, die alle Anforderungen, die der Staat an seine Bürger stellt, mit Begeisterung und Pflichttreue erfüllen und gemeinschaftlich mit unseren christlichen Mitbürgern an der Lösung der großen Aufgaben der Zeit mitarbeiten. Ein Zusammenschluß der Juden bedeutet keineswegs einen Abschluss nach außen. Wir werden den Verkehr mit unseren christlichen Commilitonen keineswegs abbrechen. Wenden wir uns doch nicht gegen die Christen als solche, sondern nur gegen antisemitische Uebergriffe. Eine solche Haltung ist durchaus nicht ohne Vorbild. Haben sich ja schon andere Kreise, wie die jüdischen Logen zusammengeschlossen, ohne daß deshalb der Verkehr mit den christlichen Mitbürgern Schaden gelitten hätte.
|6| Ein zweiter Einwand wäre der, daß zur Bekämpfung des Antisemitismus am zweckmäßigsten alle tolerant Gesinnten, Juden sowohl wie Christen, vereinigt würden.
Dem ist aber entgegenzuhalten, daß ein solcher Verein doch hauptsächlich Juden zu seinen Mitgliedern zählen würde und demgemäß die oben geschilderten Uebelstände solcher Vereinigungen sich voraussichtlich wiederholen müßten. Uebrigens sind auch confessionell abgeschlossene Vereine an der Universität nicht ohne Beispiel. Wir erinnern hier nur an die hiesigen zwei Katholikenvereine, die sich bekanntlich eines großen Anhanges und weithinreichenden Einflusses rühmen können. – 
Wenn es sich nun um die praktischen Zwecke des Vereins handelt, um die Mittel, mit denen jene Principien und Ziele verwirklicht werden sollen, so sind es vor Allem die Leibesübungen, die seit den Tagen des Alterthums als das mächtigste Moment für eine harmonische Entwickelung des ganzen Menschen, für Ausbildung des Körpers wie des Charakters bewährt sind. Haben wir doch auch in den Freiheitskriegen genugsam die Erfolge von Jahns und Friesens Erziehung gesehen. Bis jetzt aber ist uns die Gelegenheit dazu, wie schon bemerkt, fast vollständig verschlossen. Darum muß unser Verein zunächst eine Pflegestätte sein für jegliche Leibesübung, wie Turnen, Fechten, Rudern, Schwimmen, Wir müssen das Odium der Feigheit und Weichlichkeit, das auf uns lastet, mit aller Energie zurückweisen, indem wir zeigen, daß jedes Mitglied unseres Vereins sich mit jedem christlichen Commilitonen in jeglicher ritterlicher Uebung messen kann. Mit der wirklichen körperlichen Kraft und Gewandtheit wird auch das Selbstvertrauen und diese Selbstachtung wachsen, und niemand wird sich mehr schämen, ein Jude zu sein!
Und für dieses Selbstvertrauen und diese Selbstachtung hoffen wir die sicherste Grundlage zu gewinnen durch das Studium der jüdischen Geschichte, durch eine genauere Kenntniß der Leiden und Thaten unserer Vorfahren.
Gemäß dem zum Ganzen strebenden Charakter unseres Vereins werden wir es uns auch zur Aufgabe machen – im Gegensatz zu der immer weiter um sich greifenden Zersplitterung in Specialfächer – die allgemeinen Grundlagen und den Zusammenhang aller Wissenschaft zu berücksichtigen und zu pflegen.
Solch‘ ernstes Arbeiten an unserer Erziehung wird uns befähigen, die hohen Ziele, die wir uns gesetzt haben, zu erreichen.
Wer je Beschimpfung des jüdischen Elements mit bitterem Schmerz als seine eigene empfunden, wer je durch die schmachvollen Frevel, die jene Bewegung gezeitigt, in seinem Gerechtigkeitsgefühl verletzt worden ist, wessen Blut jemals aufwallte bei den Verleumdungen, mit denen man uns überschüttet, bei dem Haß, den man uns entgegenträgt, der möge bedenken, daß sich hier eine Aussicht auf eine bessere Zukunft bietet, und diejenigen unterstützen, die ihre ganze Energie, ihre ganze Energie, ihre ganze Jugendkraft für dieses Unternehmen einzusetzen entschlossen sind.
Ja, es ist ein Unternehmen, das, wenn es gelingt, eine größere Bedeutung als die einer energischen Selbsthilfe haben wird.
|7| Die Stellung, welche die jüdische Minorität der christlichen Majorität gegenüber einnimmt, ist ein Maßstab für den Gesinnungsadel eines Volkes, und in diesem Sinne scheint es die culturgeschichtliche Mission des Juden zu sein: Dem Volke, dem es angehört, die Achtung vor den Ueberzeugungen Anderer zu lehren.
Unsere Vorfahren haben in den finsteren Zeiten des Mittelalters des Pöbels roher Gewalt, den Scheiterhaufen der Inquisition getrotzt und sind für ihren Glauben – die ersten Vorkämpfer der Gewissensfreiheit – muthig in den Tod gegangen. Sie kämpfen dabei einen hoffnungslosen Kampf gegen den Geist ihres Zeitalters, welcher derjenige der Intoleranz, des Geisteszwanges war. Wir Nachkommen sind in der glücklichen Lage, indem wir für unsere Rechte in die Schranken treten, im Geiste unserer Zeit, im Geiste des Jahrhunderts der Anerkennung der Menschenrechte zu kämpfen.
Dieser Gedanke wird unsere Kraft erhöhen, in diesem Zeichen werden wir siegen. Wir schreiten unentwegt durch Finsterniß zum Licht; der Genius des Jahrhunderts trägt uns die Fackel voran!
{Unterschrift}

Kommentar

Kommentar zur Denkschrift 1886

In 
Wrocław
deu. Breslau, lat. Wratislavia, lat. Vratislavia, ces. Vratislav, deu. Breslaw, deu. Bresslau, deu. Wreczelaw, deu. Wrezlaue, lat. Vuartizlau, lat. Wrotizlaensem, lat. Wortizlava, deu. Brassel

Wrocław (dt. Breslau) ist eine der größten Städte in Polen (Bevölkerungszahl 2022: 674.079). Sie liegt in der Woiwodschaft Niederschlesien im Südwesten des Landes.
Zunächst unter böhmischer, piastischer und zeitweise ungarischer Herrschaft übernahmen 1526 die Habsburger die schlesischen Erblande und damit auch Breslau. Einen weiteren Wendepunkt in der Geschichte der Stadt stellte die Besetzung Breslaus durch die preußischen Truppen 1741 und die anschließende Einverleibung eines Großteil Schlesiens in das Königreich Preußen dar.
Die rapide Bevölkerungszunahme und Industrialisierung führte zur sprunghaften Urbanisierung der Vorstädte und ihrer Eingemeindung, was mit der Schleifung der Stadtmauer Anfang des 19. Jahrhunderts einherging. Bereits 1840 wuchs Breslau mit 100.000 Einwohnern zur Großstadt heran. Am Ende des 19. Jahrhunderts veränderte sich das häufig noch mittelalterlich geprägte Stadtbild hin zur Großstadt wilhelminischer Prägung. Höhepunkt der Stadtentwicklung noch vor dem Ersten Weltkrieg war die Anlage des Ausstellungsparks als neuer Mittelpunkt der gewerblichen Zukunft Breslaus mit der Jahrhunderthalle von 1913, die seit 2006 zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört.
In den 1920er und 30er Jahren erfolgte die Eingemeindung von 36 Ortschaften und der Bau von Wohnsiedlungen am Stadtrand. Um der großen Wohnungsnot nach dem Ersten Weltkrieg zu begegnen, wurden auch Wohngenossenschaften mit Siedlungsbau beauftragt.
Noch 1944 zur Festung erklärt, wurde Breslau während der folgenden Kampfhandlungen in der ersten Hälfte 1945 nahezu vollständig zerstört. Der Wiederaufbau der nun Polnisch gewordenen Stadt dauerte bis in die 1960er Jahre.
Von der etwa 20.000 Personen zählender jüdischen Bevölkerung fanden sich nach dem Zweiten Weltkrieg nur 160 Personen in der Stadt wieder. 1945–1947 wurde die nach dem Kriegsende verbliebene bzw. zurückgekehrte - deutsche - Bevölkerung der Stadt zur Auswanderung größtenteils gezwungen, an ihre Stelle wurden Menschen aus dem Gebiet des polnischen Vorkriegsstaats angesiedelt, darunter aus den an die Sowjetunion verlorenen Gebiete.
Nach dem politischen Umbruch von 1989 erhob sich die Stadt zu neuer, beeindruckender Blüte. Der Transformationsprozess und seine raumwirksamen Folgen sorgten für einen rasanten Aufschwung Breslaus, unterstützt durch den Beitritt Polens zur Europäischen Union im Jahr 2004. Heute ist Breslau eine der am besten prosperierenden Städte Polens.

 gründeten Studenten im Jahr 1886 die jüdische Verbindung „Viadrina“.1  Aufgrund des zunehmenden Antisemitismus auch an den Universitäten fühlten Juden sich in den allgemeinen Studentenverbindungen nicht mehr willkommen. Die Politik vieler Verbindungen, die immer weniger gewillt waren, jüdische Mitglieder aufzunehmen, nahmen die jüdischen Studenten in Breslau als Angriff auf ihre Würde wahr, weil sie dadurch gedrängt wurden, ihr Judentum zu verschweigen und jüdische Freundschaften zu vermeiden, um auf diesem Weg Akzeptanz in christlichen Verbindungen und Vereinen zu erlangen. Ziel der Gründung der jüdischen Verbindung „Viadrina“ war es, zu zeigen, „daß wir Juden und zugleich Deutsche im wahren Sinne des Wortes sein können.“ (S. 5) Als jüdische Studentenverbindung ist die „Viadrina“ in der Forschung bekannt,2  dagegen blieb häufig unbeachtet, dass die Gründung eine sehr frühe organisierte Form von Turnen und Sport darstellt, die sich ausschließlich an Juden richtete. Die Denkschrift verweist avant la lettre bereits Mitte der 1880er Jahre auf das Ideal des „Muskeljudentums“, das seit den späten 1890er Jahren ein fester Bestandteil des zionistischen Diskurses war. Deshalb ist die Gründung der „Viadrina“ im sporthistorischen Kontext hochinteressant.  Leibesübungen galten den Breslauer Studenten als probates Mittel, Bürgersinn und Männlichkeit zu erreichen. Sie stellten sich dabei in die Tradition des unter Deutschnationalen geschätzten Turnvater Ludwig Jahn Ludwig Jahn Friedrich Ludwig Jahn (1778–1852), Pädagoge, nationalistischer Politiker und Autor, der die deutsche Turnerbewegung ins Leben rief, um die Jugend körperlich und geistig auf den Kampf gegen die napoleonische Besatzung vorzubereiten. Die deutsche Turnbewegung und namentlich Ludwig Jahn hatten die deutsch nationalen Studentenverbindungen geprägt. Die Programmschrift der „Viadrina“ ist ein weiterer Beleg für die Rolle, die studentische Verbindungen bei der Verbreiterung turnerischer Ideale spielten.
Auch in den deutschen Turnvereinen waren bereits seit Anfang der Turnbewegung zahlreiche jüdische Bürger aktiv. Diese Begeisterung für nationale Körperpraktiken war aber nicht allein unter den jüdischen Deutschen verbreitet. In Großbritannien etwa galt Sport als Mittel zur Anglisierung der Juden.3  Ideale von körperlich verstandener Männlichkeit und Wehrhaftigkeit lagen zahlreichen Nationalbewegungen zu Grunde, wie etwa die Sokol-Bewegung zeigen kann, die zunächst tschechisch national geprägt war, dann aber auch Verbände innerhalb anderer slavischer Nationen gründete.4 
Die jüdischen Studenten der Universität Breslau repräsentierten den deutschen Nationalismus. Dennoch nahmen sie bereits die Forderung des berühmten zionistischen Politikers Max Nordau nach einem erneuerten „Muskeljudentum“ vorweg, das dieser auf dem Zweiten Zionistischen Kongress im Jahre 1898 in Basel fordern sollte.5 Das Ideal vom „Muskeljuden“ war eine Reaktion auf z.T. internalisierte antisemitische Stereotype, die Juden als verweichlicht und verweiblicht darstellten (ein Beispiel dafür ist Otto Weiningers bis in die 1930er Jahre einflussreiche Schrift „Geschlecht und Charakter“6). Diesem Bilde nach galten Juden als körperlich unzulänglich. Max Nordau führte aus: „Auch für viele, selbst stolze Juden [ist es] eine keines Beweises bedürfende Tatsache, daß der Jude körperlich unbeholfen, kläglich ungeschickt, bejammernswert schwächlich ist, daß er zwei linke Hände hat, fortwährend über die eigenen Beine stolpert, lieber schief und krumm als gerade steht usw.“7  Auch wenn das Ziel der „Viadrina“ nicht der Zionismus, sondern die Integration der Juden in die deutsche Nation war, hatten auch ihre Gründer das Ziel, körperliche Kraft an die Stelle von „Feigheit und Weichlichkeit“ zu setzen: „Darum muß unser Verein zunächst eine Pflegestätte sein für jegliche Leibesübung, wie Turnen, Fechten, Rudern, Schwimmen. Wir müssen das Odium der Feigheit und Weichlichkeit, das auf uns lastet mit aller Energie zurückweisen, indem wir zeigen, daß jedes Mitglied unseres Vereins sich mit jedem christlichen Commilitonen in jeglicher ritterlicher Uebung messen kann.“ (S. 6)
Die jüdischen Studentenverbindungen, die sich seit den 1880er Jahren gründeten, nahmen wöchentliche Turnstunden in ihr Programm auf und auch der Kartell-Convent (KC) der „deutschen Studenten jüdischen Glaubens“ hielt Turnstunden ab.
Eine ähnliche Entwicklung, wie die Gründung der „Viadrina“ aber außerhalb des rein studentischen Milieus, lässt sich auch in Wien beobachten, wo im Jahr 1887 der Deutsch-österreichische Turnverein gegründet wurde.8 
Der erste namentlich jüdische Turnverein entstand schließlich 1895 in Konstantinopel. Seine Gründer waren nicht die Sephardim, welche die Mehrheit der jüdischen Bevölkerung im Osmanischen Reich stellten, sondern eben jene aschkenasischen Juden, die zuvor in der deutschen Turnerschaft aktiv waren und durch den zunehmenden Antisemitismus aus diesen Vereinen herausgedrängt wurden.9  Die Beobachtung, dass Antisemitismus jüdische säkulare Zugehörigkeit befördert, die Jonathan Frankel prominent etwa anhand der Damascus Affäre oder am Beispiel der antijüdischen Pogrome von 1881 im Russischen Reich vertreten hat,10  ließe sich auch hier zumindest zum Teil als Entstehungskontext der jüdischen Turn- und Sportbewegung ausmachen, die mit der Gründung der jüdischen Studentenverbindung „Viadrina“ im Oktober 1886 in Breslau ihren Anfang nahm.

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