Die Hakoah-Schwimmerin Hedy Bienenfeld-Wertheimer (1906-1976)

Die Fotografien, die sich in den Teilnachlässen Hedy Bienenfeld-Wertheimers erhalten haben, gewähren Einblicke in den Lebensalltag der Schwimmerin, vermitteln große Freude und Freiheit sowie das Gruppen- und Zusammengehörigkeitsgefühl der Sportlerinnen und Sportler des S.C. Hakoah Wien. Weiterhin eröffnen sie vergessene weibliche Perspektiven auf die Lebens- und bedeutenden Erfolgsgeschichten der Frauen für den jüdischen Sportverein Hakoah Wien, für Österreich sowie die Geschichte des Sports, die größtenteils von männlichen Sport-, Helden- und Erinnerungsgeschichten dominiert ist.

Transkriptionen

Transkription (Deutsch)

Der Raucher. Österreichische Raucherzeitung

Kommentar

Die Fotografie zeigt die Hakoah-Profischwimmerin Hedy Bienenfeld-Wertheimer als junge Frau im Badeanzug über den sie eine vorne geöffnete kurze Jacke trägt. Die modische Kurzhaarfrisur, ein Bubikopf, wird von einer keck aufgesetzten Badekappe geziert. Die junge Frau blickt mit schräg gehaltenem Kopf verschmitzt lächelnd in die Kamera. Während die linke Hand locker in die Hüfte gelegt ist, hält sie in der rechten Hand eine Zigarette. Die beschriebene Fotografie zierte im August 1931 das Cover der österreichischen Zeitschrift „Der Raucher“. Fotografiert wurde sie von Kitty Hoffmann Kitty Hoffmann Katy Sarah (Kitty) Hoffmann (1900-1968) war eine österreichische Fotografin. Im Anschluss an ihr Studium war sie als Assistentin an der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt in Wien tätig. Im Jahr 1927 eröffnete sie ein eigenes Fotoatelier und fertigte vor allem Mode- aber auch Geschäftsfotografien an. . Die Profischwimmerin Hedy Bienenfeld-Wertheimer, die auch als Fotomodell arbeitete, gehörte zu diesem Zeitpunkt bereits zu den erfolgreichsten Schwimmerinnen des jüdischen Sport Clubs Hakoah Wien. Das Abzeichen des Sport Clubs, ein Magen David, den sie mit Stolz und Selbstbewusstsein trägt, prangt deutlich sichtbar auf ihrem Badeanzug auf ihrer Brust. Die Attribute und Erkennungsmerkmale des Bubikopfs und der Zigarette weisen ihr weiterhin einen Platz als „Neue Frau“ innerhalb der emanzipatorischen Bewegungen der 1920er und frühen 1930er Jahre zu.
In der Fotografie aus dem Jahr 1931 wird Hedy Bienenfeld-Wertheimer als „jüdische Neue Frau“ und Sportlerin inszeniert, auf dem Zenit ihrer Schwimmkarriere, als Aushängeschild des österreichischen Sports, der ihre Erfolge feierte und sich mit diesen schmückte. Schon kurz nach Entstehen der Fotografie sollte sich das Blatt sowohl für Hedy Bienefeld-Wertheimer als auch für die Sportlerinnen und Sportler des jüdischen Wiener Sport Clubs Hakoah wenden.
Hedy Bienenfeld-Wertheimer wurde 1906 in Wien geboren. Im Jahr 1922, dreizehnjährig, trat sie gemeinsam mit ihrer Schwester Elsa dem Schwimmteam des S.C. Hakoah bei. Schnell erzielte sie große Erfolge. So wurde sie u.a. 1925 Strommeisterin von Wien mit einem neuen Rekord, den sie über 100m Brustschwimmen im Rahmen des Wettkampfs „Quer durch Wien“ aufstellte. 1926 wurde sie in der Disziplin über 100m Brustschwimmen zur Meisterin von Österreich gekürt.1
Eine Fotografie, die in den Anfangsjahren ihrer Schwimmkarriere beim S.C. Hakoah Wien entstanden ist, zeigt sie aufgereiht als Dritte von rechts zwischen ihren Schwimmkolleginnen, -freundinnen und -konkurentinnen, wie u.a. die damals 14-jährige Fritzi Löwy, erste von links, mit der sie ihr Leben lang verbunden bleiben sollte.
Beide Schwimmerinnen gehörten zu den erfolgreichsten der Frauenmannschaft des S.C. Hakoah. Über viele Jahre hinweg brachen sie sämtliche Rekorde, gewannen Wettbewerbe im In- und Ausland 2 und gehörten zeitweise sogar zu den zehn besten Schwimmerinnen weltweit. Die fotografische Aufnahme zeigt die Schwimmerinnen der Größe nach in lockerer Pose aufgereiht in ihren Schwimmanzügen, Fritzi Löwy trägt ein Stirnband mit dem Emblem des Sport Clubs. Die jungen Frauen blicken freudig lachend in die Kamera. Dieses Motiv der Inszenierung der nach Größe aufgereihten Schwimmerinnen findet sich in den fotografischen Aufnahmen der Schwimmerinnen zu der Zeit immer wieder und visualisiert das Zusammengehörigkeitsgefühl und die Einheit des Schwimmteams. Auf der Rückseite der Fotografie ist die Jahreszahl 1925 angebracht, so dass davon auszugehen ist, dass sie während des Damenländerkampfs zwischen Österreich und Ungarn in Budapest 1925 entstanden ist, an dem das Damenschwimmteam des S.C. Hakoah Wien teilnahm.3
Der Sport Club Hakoah Wien, dessen hebräischer Name Kraft bedeutet, wurde 1909 in Wien als explizit jüdischer Sportverein ins Leben gerufen. Das Emblem der Hakoah ist ein blauer Magen David auf weißem Hintergrund. Die Gründung des jüdischen Sportvereins war auch eine Reaktion auf die Diskriminierung jüdischer Sportlerinnen und Sportler, die sich in nichtjüdischen Sport Clubs vermehrt antisemitischen Ressentiments ausgesetzt sahen. Dabei war es auch das Ziel, antisemitischen Stereotypen vom vermeintlich körperlich schwachen Juden zu konterkarieren und umzukehren mit dem von Max Nordau geprägten zionistischen Bild und Ideal des „Muskeljuden“, der seinen Körper durch Sport und Fitness stärkt. Weiterhin sollte mit der Gründung des Vereins das jüdische nationale Selbstbewusstsein gestärkt werden. Sport wurde zu einem bedeutenden und integrativen Bestandteil der zionistischen Bewegung.4 Der S.C. Hakoah Wien wurde in den Zwischenkriegsjahren zum wichtigsten jüdischen Sportverein in Österreich sowie zu einem der bedeutendsten Sportvereine in Europa. Neben den Disziplinen Fußball, Ringen und Wasserball zählte das Schwimmen zu den erfolgreichsten Sektionen des Vereins. Das Zentrum der Hakoah befand sich seit den 1920er Jahren im Herzen der Stadt im Wiener Prater und wurde auch für viele Wiener Jüdinnen und Juden zum Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens.5
Aus den autobiographischen Aufzeichnungen Fritzi Löwys geht hervor, dass insbesondere die Sportwettkämpfe in Österreich Schauplätze antisemitischer Übergriffe und Anfeindungen darstellten, auch auf die Schwimmteams, die sich bis zum Jahr 1938 zuspitzten sollten.6
Im März 1938 erfolgte „Anschluss“ Österreichs an Nazi-Deutschland. Dies hatte zur Folge, dass die Vereinsstätte der Hakoah beschlagnahmt wurde, der Verein aus dem Vereinsregister gelöscht wurde und die Mitglieder sowie Sportlerinnen und Sportler systematisch verfolgt wurden.7
Die Hakoah Wien hatte für ihre Mitglieder sowie Sportlerinnen und Sportler eine wichtige soziale und gesellschaftliche Funktion inne. Diese kam insbesondere ab 1938 auf tragische Art und Weise zum Tragen. Dank der internationalen Kontakte der Vereinsmitglieder war es möglich, die Flucht der Sportlerinnen und Sportler und deren Familien ins sichere Ausland zu ermöglichen. Für die Ausreise und Flucht der Mitglieder der Schwimmsektion waren insbesondere Valentin Rosenfeld und Zsigo Wertheimer, der Trainer des Damen-Schwimmteams, die in ihrem Exil in London eine Exilorganisation begründet hatten, um weiteren Hakoah-Mitgliedern bei der Flucht zu unterstützen.8 Auch Hedy Bienenfeld-Wertheimer floh 1938 mit ihrem Mann und Schwimmtrainer Zsigo Wertheimer nach England9 und von dort weiter in die USA. Nach Kriegsende riefen einige überlebende und nach Wien zurückgekehrte Mitglieder die Hakoah als fixen Bestandteil des sportlichen Lebens der Stadt wieder ins Leben.10 Auch Hedy Bienenfeld-Wertheimer kehrte mit ihrem Ehemann Zsigo Wertheimer nach dem Krieg in den 1960er Jahren zurück nach Wien sowie auch ihre Freundin Fritzy Löwy.11 1976 verstarb Hedy Bienenfeld-Wertheimer in Wien.12
Das Leben und die bedeutenden sportlichen Leistungen Hedy Bienenfeld-Wertheimers gerieten mit ihrer Flucht und ihrem Exil während der NS-Zeit und schließlich mit ihrem Tod weitestgehend in Vergessenheit.
Die Fotografien und Dokumente, die sich heute in ihren Teilnachlässen im Jüdischen Museum Wien, im Maccabi World Union Archive in Tel Aviv sowie auch im Teilnachlass ihrer Mannschaftskollegin und Freundin Fritzi Löwy befinden, gewährend fragmentierte Einblicke in ihr Leben und ihre erfolgreiche Laufbahn als Schwimmerin: Eines der wichtigsten Sportereignisse in der Schwimmkarriere von Hedy Bienenfeld-Wertheimer, an dem sie gemeinsam mit ihrem Team teilnahm, waren die beiden ersten Makkabiaden, die in den Jahren 1932 und 1935 im britischen Mandatsgebiet Palästina stattfanden. Im Jahr 1932 fanden die Wettkämpfe der Schwimmerinnen in einem Becken in der Nähe des Hafens von Haifa statt. Hedy Bienenfeld-Wertheimer konnte u.a. 200 Meter Brustschwimmen für sich entscheiden, Fritzi Löwy wurde Zweite. Auch an der zweiten Makkabiade 1935 nahm das Frauenschwimmteam des SC Hakoah teil, das inzwischen auf 19 Schwimmerinnen angestiegen war. Auch während dieser Spiele waren es insbesondere Hedy Bienenfeld-Wertheimer und Fritzi Löwy, die mit ihren Siegen und Rekorden, das Frauenschwimmteam des S.C. Hakoah Wien zu einem der erfolgreichsten Teams der Makkabiade werden ließ. Mit dem Aufwind der erfolgreichen Makkabiaden kehrten die Schwimmerinnen nach Wien zurück und konnten im Sommer 1935 auch in den Wettbewerben ihrer Stadt Wien, die in der Donau stattfinden, sämtliche neue Rekorde aufstellen.13 
Ein Fotoalbum Hedy Bienenfeld-Wertheimers, das im Jüdischen Museum Wien aufbewahrt wird und im Anschluss an die erste Makkabiade im Sommer 1932 entstanden ist, gewährt private Einblicke in den Lebensalltag der Schwimmerin. Die Fotografien des Albums entstanden in Pörtschach am Wörthersee, wo das Trainingslager der Schwimmmannschaft des S.C. Hakoah vom 1. Juni bis 30. Juli 1932 stattfand. Die Aufnahmen zeigen Hedy Bienenfeld-Wertheimer im Kreise ihrer Kolleginnen und Kollegen bei verschiedenen Freizeitaktivitäten, wie dem Wassersport, aber auch Bilder des Trainings der verschiedenen Wassersportarten und nicht zuletzt Hedy Bienenfeld-Wertheimer beim Schwimmtraining. So etwa eine Aufnahme, die Hedy Bienenfeld-Wertheimer auf dem Sprungblock mit der Nummer 1 am Beckenrand stehend zeigt. Sie trägt einen Badeanzug und ihre Schwimmkappe und blickt den Betrachtenden freudig strahlend an. Ihr Oberkörper ist nach vorne gebeugt, die Hände zum Schwung holen nach hinten gerichtet, bereit zum Absprung ins Wasser.
Die Fotografien, die sich in den Teilnachlässen Hedy Bienenfeld-Wertheimers erhalten haben, gewähren Einblicke in den Lebensalltag der Schwimmerin, vermitteln große Freude und Freiheit sowie das Gruppen- und Zusammengehörigkeitsgefühl der Sportlerinnen und Sportler des S.C. Hakoah Wien. Weiterhin eröffnen sie vergessene weibliche Perspektiven auf die Lebens- und bedeutenden Erfolgsgeschichten der Frauen für den jüdischen Sportverein Hakoah Wien, für Österreich sowie die Geschichte des Sports, die größtenteils von männlichen Sport-, Helden- und Erinnerungsgeschichten dominiert ist.14 

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