Erster jüdischer Sportklub in Kutno

Der vorliegende Aufsatz entstammt dem Yizkor-Buch der Stadt Kutno und gibt die Erinnerungen des Shoah-Überlebenden Menakhem Kohn über den ersten jüdischen Sportverein Makkabi in seiner Heimatstadt wieder. Der Aufsatz erscheint in dieser digitalen Edition erstmals in deutscher Übersetzung.

Transkriptionen

Transkription (Jiddisch)

ערשטער יידישער ספארט־קלוב אין קוטנע
(אַ דערינערונג)
איך בין געבױרן אין קוטנע אין יאָר 1893 – און אין פראַנקרייך געפין איך זיך זינט 1929. אַז ס׳איז באַוווסט געוואָרן וועגן די צוגרייטונג אַרויסצוגעבן אַ יזכור־בוך, האָב איך באַשלאָסן אַרויסברענגען אויפן פּאַפּיר אַ דערינערונג פון "מכבי".
אין דער ערשטער וועלט־קריג איז קוטנע געווען אָקופּירט דורך די דייטשן. אין יענער תקופה איז געווען אַ מעגלעכקייט צו אַנטוויקלן אַ געוויסע געזעלשאַפטלעכע טעטיקייט – און דו יידישע יוגנט, וועלכע האָט געזוכט וועגן און אידעאַלן, האָט אווסגענוצט די דאָזיקע מעגלעכקייטן. אין יאָר 1915 האָבן אַ גרופּע יוגנטלעכע געגרינדעט דעם ערשטן יידישן ספּורט־קלוב – "מכבי". אָנגעפירט מיטן קלוב האָב אַ... דייטשער אונטעראָפיציר, מאזיק, וועלכער איז שפּעטער דערטרונגען געוואָרן בעתן באָדן זיך. באַזונדערס אַקטיוו פאַרן קלוב איז געווען בערנאַרד האָלצמאַן.
ביים קלוב איז אויך געווען אַן אָרקעסטער, מיטן דיריגענט בירענצווייג בראש. אין יאָר 1916 (אָדער 1917) האָבן מיר באַשלאָסן איינצואָרדענען אַ ספּאָרט־פעסטיוואַל מיטן אָנטייל פון די קלובן פון די אַרומיקע און ווייטערדיקע ערטער׃ וואַרשע, לאָדזש, וולאָצלאַוועק און פּלאָצק. אויך פיל יוגנטלעכע פון די נאָענטע שטעטלעך זענע געקומען צום פעסטיוואַל.
אין אַ שיינעם זומער־טאָג, האָבן צענדליקער יידישע ספורטלער, באַגלייט פון אַן אייגענעם, יידישן אָרקעסטער, אַדורכמאַרשירן די גאַסן פון קוטנע. דאָס געפיל איז געווען, גלייך מיר וואָלטן זיך געפונעם אין אַן אייגן לאַנד... די בלוי־ווייסע ספּאָרט־מונדירלעך, די יידישע מעלאָדיעס, וועלכע דער |217| אָרקעסטער האָט כסדר געשפּילט און דער ראַטמאַן אַליעזר עלבערג, וועלכער האָט געשפּאַנט בראש פון פאַראַד...דעם זעלבן
יאָר איז פאַרעפנטלעכט געווראָן די באַלפור־דעקלאַראַציע. מיר האָבן געוואָלט זען אַ שיכת צווישן אַונדזער ספּאָרט־פעסטיוואַל אין קוטנע און דער פּאָליטישער דעקלאַראַציע פאַר יידישע רעכט אין ארץ־ישראל, וואָס איז אַרויסגעגעבן געוואָרן אין לאָנדאָן. ליידער, ניט אַלע דעמאָלטיקע אין שפּעטערדיקע ענטוזיאַסטן פון "מכבי" האָבן זוכה געווען צו דער פאַרווורקלעכונג פון זייער טרוים – די אַנטשטייאונג פון אַ יידישער מדינה...

Translations

Übersetzung (Deutsch)

Erster jüdischer Sportklub in Kutno

(Eine Erinnerung)

Ich wurde im Jahr 1893 in
Kutno
rus. Kutno, rus. Кутно

Kutno (Bevölkerungszahl 2023: 40.723) ist eine Kreisstadt in der zentralpolnischen Woiwodschaft Łódź. Ab 1386 bis in die zweite Hälfte des 14. Jahrhunderts sowie im 16. und 17. Jahrhundert war Kutno eine Privatstadt. Vollständige Stadtrechte erhielt Kutno erst 1766. Der Anschluss an das Eisenbahnnetz 1862 führte zum industriellen Aufbau der Stadt. Die in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts ausgebaute Elektrotechnik spielt bis heute eine wesentliche Rolle. Ab dem 18. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg stellte die jüdische Bevölkerung die Mehrheit in Kutno dar. Das jüdische Charakter der Stadt ging erst nach dem Holokaust verloren. 1942 wurde das Ghetto in Kutno aufgelöst, und die jüdische Bevölkerung ins Vernichtungslager Kulmhof abtransportiert oder vor Ort umgebracht.

geboren – und seit 1929 befinde ich mich in Frankreich. Als die Vorbereitungen zur Veröffentlichung eines Gedenkbuches bekannt wurden, beschloss ich, eine Erinnerung an „Makkabi“ auf Papier zu bringen.
Während des Ersten Weltkriegs wurde Kutno von den Deutschen besetzt. In dieser Epoche gab es die Möglichkeit, eine gewisse soziale Aktivität zu entwickeln – und die jüdische Jugend, die nach Wegen und Idealen suchte, nutzte diese Möglichkeiten. Im Jahr 1915 gründete eine Gruppe Jugendlicher den ersten jüdischen Sportklub „Makkabi“ ersten jüdischen Sportklub „Makkabi“ Der Makkabi-Verein Kutno bestand bis 1920. 1930 wurde ein neuer Verein Makkabi gegründet, der seinen Namen in Ż.T.G.S (Żydowskie Towarzystwo Gimnastyczno-Sportowe, Jüdischer Turn- und Sportverein) wechselte. In diesem Verein sollen jüdische Jugendliche aus allen Kreisen der Gesellschaft aktiv gewesen sein. In den 1930er Jahren nannte sich der Verein wieder in Makkabi um. . Der Klub wurde von einem … deutschen Unteroffizier, Mazik Unteroffizier, Mazik (Lebensdaten nicht ermittelbar) war ein deutscher Unteroffizier, der im Zuge des Ersten Weltkriegs nach Kutno kam und der erste Trainer des Makkabi wurde. , geleitet, der später beim Baden ertrank. Bernard Holtsman Bernard Holtsman (Lebensdaten nicht ermittelbar) war Mitglied im Makkabi Kutno und dessen Vorsitzender. Außerdem gehörte er dem 1924 gegründeten Ż.T.G.S. an, in dem sowohl Bundisten als auch Zionisten sowie gewöhnliche Juden organisiert waren. In Jugendjahren war er in einer jüdischen Selbstwehr organisiert, die angesichts des Pogroms in Lwów (heute: Lviv) gegründet wurde. Das von polnischen Soldaten und Zivilisten gegen die jüdische Bevölkerung verübte Pogrom ereignete sich am 21. und 23. November 1918 während des polnisch-ukrainischen Krieges. In Kutno kam es zu keinem weiteren Pogrom. Während der nationalsozialistischen Okkupation war Holtsman als Vorsitzender des Judenrats eingesetzt worden. Als er sich weigerte, der SS junge Mädchen zur Zwangsarbeit auszuliefern, wurde er ermordet. Dieses Ereignis wird in dem Gedenkbuch durch Überlebende unterschiedlich wiedergegeben. Mal waren es 50 Mädchen, die der SS ausgeliefert werden sollten, und mal waren es um die 100 Mädchen. Auch von der Ermordung Holtsmans wird unterschiedlich berichtet. Nachdem er sich der Okkupationsmacht widersetzte, wurde er entweder gewaltsam auf den Jüdischen Friedhof gebracht und dort erschossen oder aber auf eine Straße geführt, wo er gezwungen wurde sich sein eigenes Grab zu schaufeln, um anschließend lebendig begraben zu werden. Fest steht allerdings, dass er in der Shoah ermordet wurde. war besonders für den Klub aktiv. 
Der Klub wies auch ein Orchester auf, welches vom Dirigenten Birentsvayg geleitet wurde. Im Jahr 1916 (oder 1917) beschlossen wir, ein Sportfest unter Beteiligung der Klubs aus der Umgebung und weiteren Orten –
Warszawa
deu. Warschau, eng. Warsaw, yid. Varše, yid. וואַרשע, rus. Варшава, rus. Varšava, fra. Vaarsovie

Warschau ist die Hauptstadt Polens und zugleich die größte Stadt des Landes (Bevölkerungszahl 2024: 1.863.845). Sie liegt in der Woiwodschaft Masowien an Polens längstem Fluss, der Weichsel. Warschau wurde erstmals Ende des 16. Jahrhunderts Hauptstadt der polnisch-litauischen Adelsrepublik und löste damit Krakau ab, das zuvor polnische Hauptstadt gewesen war. Im Rahmen der Teilungen Polen-Litauens wurde Warschau mehrfach besetzt und schließlich für elf Jahre Teil der preußischen Provinz Südpreußen. Von 1807 bis 1815 war die Stadt Hauptstadt des Herzogtums Warschau, einem kurzlebigen napoleonischen Satellitenstaat; im Anschluss des Königreichs Polen unter russischer Oberherrschaft (dem sog. Kongresspolen). Erst mit Gründung der Zweiten Polnischen Republik nach Ende des Ersten Weltkriegs war Warschau wieder Hauptstadt eines unabhängigen polnischen Staates.

Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde Warschau erst nach intensiven Kämpfen und einer mehrwöchigen Belagerung von der Wehrmacht erobert und besetzt. Schon dabei fand eine fünfstellige Zahl an Einwohnern den Tod und wurden Teile der nicht zuletzt für seine zahlreichen barocken Paläste und Parkanlagen bekannten Stadt bereits schwer beschädigt. Im Rahmen der anschließenden Unterdrückung, Verfolgung und Ermordung der polnischen und jüdischen Bevölkerung wurde mit dem Warschauer Ghetto das mit Abstand größte jüdische Ghetto unter deutscher Besatzung errichtet, das als Sammellager für mehrere hunderttausend Menschen aus Stadt, Umland und selbst dem besetzten Ausland diente und zugleich Ausgangspunkt für die Deportation in Arbeits- und Vernichtungslager war.

Infolge des Aufstandes im Warschauer Ghetto ab dem 18. April 1943 und dessen Niederschlagung Anfang Mai 1943 wurde das Ghettogebiet systematisch zerstört und seine letzten Bewohner verschleppt und ermordet. Im Sommer 1944 folgte der zwei Monate dauernde Warschauer Aufstand gegen die deutsche Besatzung, in dessen Folge fast zweihunderttausend Polen ums Leben kamen und nach dessen Niederschlagung auch das restliche Stadtgebiet Warschaus von deutschen Einheiten weitgehend und planmäßig zerstört wurde.

In der Nachkriegszeit wurden zahlreiche historische Gebäude und Teile der Innenstadt, darunter das Warschauer Königsschloss und die Altstadt, wiederaufgebaut - ein Prozess, der bis heute andauert.

Łódź
deu. Lodz, deu. Litzmannstadt, deu. Lodsch, yid. Lodž, yid. לאָדזש, pol. Łodzia, deu. Lodsch

Die kreisfreie Stadt Łódź (Bevölkerung 2024: 645.693) liegt in der gleichnamigen Woiwodschaft im Zentrum Polens. Die bis in die 1820er Jahre unbedeutende Kleinstadt erfuhr einen enormen Aufschwung nach dem Ausbau zum führenden Industriezentrum im autonomen Königreich Polen und wurde zu einem der wichtigsten Industriezentren im gesamten Zarenreich. Wegen der dominierenden Textilindustrie, erhielt die Stadt den Beinamen "Manchester Polens". Allerdings hielt der Wohnungsbau und der Ausbau der Infrastruktur dem Ausbau der Industrie nicht Schritt, sodass in der Stadt neben prunkvollen Palästen breite Teile der Stadtbevölkerung in prekären Verhältnissen, oft ohne Kanalisation und ohne Zugang zu Bildung, lebten.

Nach Ende des Ersten Weltkriegs gehörte Łódź zum wiederhergestellten polnischen Staat. Neben dem Wiederaufbau der kriegszerstörten Industrie wurde auch verstärkt in die Verbesserung der Lebensbedingungen der Stadtbevölkerung investiert. Nach dem Deutschen Überfall auf Polen im September 1939 wurde die Stadt ins Deutsche Reich eingegliedert und ihr offizieller Name zunächst in Lodsch, dann in Litzmannstadt geändert. 1940-1944 existierte in der Stadt eins der größten Ghettos im Reichsgebiet, in dem neben der beinahe gesamten örtlichen jüdischen Bevölkerung (mit ca. 220.000 etwa ein Drittel der Stadteinwohnerschaft) auch jüdische Bevölkerungsteile aus anderen Gebieten Polens und des Auslands sowie Sinti und Roma auf kleinstem Raum interniert waren. Nur wenige Menschen haben das Ghetto bzw. den Ort der anschließenden Verschleppung überlebt.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 stellte Łódź eine intakte Stadt dar. Als die zu diesem Zeitpunkt größte Stadt Polens und wegen ihrer Nähe zur formellen, aber fast komplett zerstörten Hauptstadt Warschau, fungierte sie für drei Jahre als Regierungssitz.
Die Krise der Textilindustrie begann in den 1980er Jahren, um kurz nach Beginn der politischen Transformation Anfang der 1990er Jahre zusammenzubrechen. Die Stadt stürzte in eine tiefe Krise, in deren Folge ihre Bevölkerung zwischen 1989 und 2022 um 200.000 Einwohner sank. Vom zweiten Platz im Ranking der größten Städte des Landes ist Łódź an die vierte Stelle nach Krakau und Breslau zurückgefallen. Die Investitionen in die Sanierung, den Ausbau der Verkehrsinfrastruktur und den Kultursektor trugen im 21. Jahrhundert zu einem deutlich besseren Image der Stadt bei, die heute als einer der wichtigsten Standorte für Bildung, Kultur, die Designbranche und Filmindustrie in Polen gilt.

Włocławek
deu. Leslau, rus. Vloclavsk, rus. Vloclavskʺ, rus. Vloclavok, rus. Влоцлавок, rus. Влоцлавск, rus. Влоцлавскъ

Włocławek (Bevölkerungszahl 2022: 102.102) liegt in der Woiwodschaft Kujawien-Pommern etwa 50 km südöstlich von Thorn (Toruń) an der Weichsel und gehört zu den ältesten polnischen Städten. Im 10. Jahrhundert war Włocławek das administrative Zentrum der historischen Landschaft Kujawien. Im 13. Jahrhundert verlor die Stadt diese Funktion, vermutlich auch wegen der zahlreichen Angriffe der Deutschen Ordensritter, die bis ins 15. Jahrhundert die Stadt bedrohten. Noch im 15. Jahrhundert etablierte sich Włocławek als ein wichtiger Ort für den Getreidehandel über die Weichsel nach Danzig.
Im Zuge der Teilungen Polen-Litauens gehörte Włocławek zunächst ab 1793 zu Preußen und ab 1807 nach dem Frieden von Tilsit zum Herzogtum Warschau. Ab 1815 war die Stadt bis zur Gründung der Republik Polen 1918 Teil des Russland zugehörigen Kongresspolens. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Stadt zu einem bedeutenden Industriestandort.
Im Zweiten Weltkrieg gehörte Włocławek bzw. dt. Leslau zum Reichsgau Wartheland. Die Stadt erlitt starke Zerstörungen. Ihre Entwicklung in der Nachkriegszeit konnte nicht an die frühere Bedeutung anschließen, auch wenn sie weiterhin zu den wichtigsten Städten der Region gehört.

 und 
Plock

Płock ist eine Stadt in Zentralpolen mit etwa 100.000 Einwohnern. Ihre Geschichte reicht bis ins 10. Jahrhundert zurück, als sie als Festung angelegt wurde. Die an der Weichsel gelegene Stadt diente mehr als einmal als polnische Königsresidenz und regionale Hauptstadt. Zu den wichtigsten Denkmälern der Stadt gehören das Schloss Płock aus dem vierzehnten Jahrhundert und die Kathedrale von Płock aus dem zwölften Jahrhundert.

 – zu organisieren. Auch aus den umliegenden Städten kamen viele junge Leute zu dem Festival.
An einem schönen Sommertag marschierten dutzende jüdische Athleten, begleitet von ihrem eigenen jüdischen Orchester, durch die Straßen von Kutno. Es fühlte sich an, als befänden wir uns bereits in einem eigenen Land... Die blauweißen Sportuniformen, die jüdischen Melodien, die |217| das Orchester ununterbrochen spielte und der Gemeinderat Eliezer Elberg Eliezer Elberg (Lebensdaten nicht feststellbar) war ein kaufmännischer Angestellter. 1919 wurde er für seine Partei Poale Zion (Arbeiter Zions) in den Stadtrat gewählt. , der sich freute, an der Spitze der Parade zu stehen...
Im selben Jahr wurde die  Balfour-Deklaration
Balfour-Deklaration
Die Balfour-Deklaration wurde am 2. November 1917 vom damaligen britischen Außenminister Arthur Balfour verfasst und von der britischen Regierung veröffentlicht. Die zionistische Bewegung verstand die Deklaration als Garantie für die britische Unterstützung bei der Bemühung um die Gründung eines jüdischen Staates in Palästina. Gleichzeitig beinhaltet sie den Schutz der Rechte der dort ansässigen Völker.
 veröffentlicht. Wir wollten eine Verbindung zwischen unserem Sportfest in Kutno und der in London veröffentlichten politischen Erklärung für die Rechte der Juden im Land Israel sehen. Leider hatten nicht alle damaligen und künftigen „Makkabi“-Enthusiasten Anspruch auf die Verwirklichung ihres Traums – die Gründung eines jüdischen Staates.

Kommentar

Der vorliegende Aufsatz entstammt dem Yizkor-Buch der Stadt 
Kutno
rus. Kutno, rus. Кутно

Kutno (Bevölkerungszahl 2023: 40.723) ist eine Kreisstadt in der zentralpolnischen Woiwodschaft Łódź. Ab 1386 bis in die zweite Hälfte des 14. Jahrhunderts sowie im 16. und 17. Jahrhundert war Kutno eine Privatstadt. Vollständige Stadtrechte erhielt Kutno erst 1766. Der Anschluss an das Eisenbahnnetz 1862 führte zum industriellen Aufbau der Stadt. Die in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts ausgebaute Elektrotechnik spielt bis heute eine wesentliche Rolle. Ab dem 18. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg stellte die jüdische Bevölkerung die Mehrheit in Kutno dar. Das jüdische Charakter der Stadt ging erst nach dem Holokaust verloren. 1942 wurde das Ghetto in Kutno aufgelöst, und die jüdische Bevölkerung ins Vernichtungslager Kulmhof abtransportiert oder vor Ort umgebracht.

 und gibt die Erinnerungen des Shoah-Überlebenden Menakhem Kohn über den ersten jüdischen Sportverein Makkabi in seiner Heimatstadt wieder. Der Aufsatz erscheint in dieser digitalen Edition erstmals in deutscher Übersetzung.
Das Yizkor-Buch erschien 1968 in Tel Aviv und erinnert an das vielfältige Leben der jüdischen Gemeinde von Kutno. Kutno ist bis heute vor allem als Geburtsort des jiddischsprachigen Schriftstellers Sholem Asch (1880–1957) bekannt, der die jiddische Literatur in den europäischen und amerikanischen Mainstream brachte.1 Die Spuren jüdischen Lebens reichen bis in das 15. Jahrhundert zurück. Am Vorabend des Zweiten Weltkriegs waren dort etwa 6.700 Jüdinnen und Juden ansässig – damit machten sie einen Bevölkerungsanteil von ca. 25 % der Gesamtbevölkerung aus (insgesamt ca. 26.000 Einwohner). Die Mehrheit der jüdischen Bewohner betätigte sich in der Bekleidungs- und Lebensmittelindustrie oder verdiente sich im Kleinhandel. Am 15. September 1939 besetzten deutsche Truppen die Stadt und zerstörten die Synagoge. Die jüdische Bevölkerung war seit Beginn der nationalsozialistischen Fremdherrschaft Repressalien ausgesetzt. Im Sommer 1940 wurde ein Ghetto in Kutno errichtet, in das die Juden innerhalb eines Tages zu ziehen hatten. Die Lebensumstände waren prekär, die Ghettoinsassen litten unter der unzureichenden Ernährung sowie an einer Typhus-Epidemie. Doch trotz dieser Umstände gab es ein kulturelles Leben im Ghetto2 über welches auch von Shoah-Überlebenden im Yizkor-Buch berichtet wird.3 Das Ghetto wurde im Frühjahr 1940 aufgelöst – die Angehörigen des Judenrats sowie der Ghettopolizei wurden auf dem Friedhof erschossen, die restlichen Ghettoinsassen nach Chełmno deportiert. Etwa 200 Personen überlebten die Shoah4, viele dieser Überlebenden wanderten nach Israel aus.
Der Autor Menakhem Kon überlebte die Shoah in Frankreich. Bereits 1929 war die Familie Kohn dorthin ausgewandert. Der Vater Reb Shimen Kohn verstarb im Jahr 1935. Viele der Familienangehörigen wurden über das Durchgangslager Drancy in die Vernichtungslager deportiert. Die Mutter Mindel Mori Kohn und Menakhem überlebten die Shoah.5 
Menakhem berichtet in seinem kurzen Erinnerungstext vom ersten jüdischen Sportverein in Kutno, der von jugendlichen Sportenthusiasten unter deutscher Besatzung im Jahr 1915 gegründet worden war (S. 216). Der Einmarsch deutscher Truppen in das Königreich Polen bedeutete vielerorts für die jüdische Turn- und Sportbewegung einen enormen Aufschwung. Jüdinnen und Juden erlangten neue Rechte, und daher auch das Recht, Turn- und Sportvereine zu gründen.6 Die Sportler:innen des Makkabi Kutno wurden bis zu seinem tragischen Tod von einem deutschen Unteroffizier trainiert (S. 216). So kamen auch jüdisch-deutsche Sportler als Soldaten mit den jüdischen Sportenthusiast:innen  Osteuropas in Kontakt.
Die zionistische Prägung des Autors kommt im Text besonders zur Geltung, hebt er doch den von jüdischer Musik begleiteten Aufmarsch jüdischer Makkabi-Athlet:innen in ihren blauweißen Sportanzügen im Rahmen eines jüdischen Sportfests in Kutno hervor. Für Menakhem war es, als befänden sie sich bereits in einem eigenen Land (S. 216f.). Außerdem berichtet er von seinen Hoffnungen auf die Umsetzung der Balfour-Deklaration (S. 217). Die 67 Seiten umfassende Balfour-Deklaration wurde am 2. November 1917 veröffentlicht. In dieser Erklärung versicherte der britische Außenminister Lord Arthur Balfour den britischen Zionisten die Unterstützung der Krone sowie der Regierung beim Aufbau einer nationalen Heimstätte in Palästina. Die Balfour-Deklaration legte den Grundstein für den bis heute andauernden Konflikt zwischen Juden und Arabern.

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