Filmstill aus Propagandafilm „Theresienstadt. Ein Dokumentarfilm aus dem jüdischen Siedlungsgebiet.”

Der Filmstill, der Frauen beim Feldhandball im Konzentrationslager „Ghetto Theresienstadt“ zeigt, verweist auf die Rolle, die Sport innerhalb der nationalsozialistischen Propaganda spielte. Allein der Name des Sammel- und Durchgangslagers, das von den Nationalsozialisten als „Altersghetto“ oder „jüdischer Wohnbezirk“ bezeichnet wurde, verschleierte die von Mangel, Krankheit und Not geprägten Lebensumstände im Lager. Für einen Besuch des Internationalen Roten Kreuzes und für einen im Anschluss daran gedrehten Propagandafilm wurde eine Scheinrealität inszeniert, zu der auch Sport gehörte.

Transkriptionen

Transkription (Deutsch)

[Theresienstadt, Tschechoslowakei, Frauen beim Handballspielen]
[Auszug aus dem Nazi-Propagandafilm „Theresienstadt: Ein Dokumentarfilm aus dem jüdischen Siedlungsgebiet“]

Translations

Übersetzung (Deutsch)

[DEPUB] Handballspielende Frauen

Ausschnitt aus dem Nazi-Propagandafilm „Theresienstadt. Ein Dokumentarfilm aus dem jüdischen Siedlungsgebiet“

Kommentar

Das sogenannte „Ghetto Theresienstadt“ war ein Konzentrationslager in der Garnisonsstadt 
Terezín
deu. Theresienstadt

Terezín (dt. Theresienstadt; Bevölkerung 2024: 2.850) ist eine Kleinstadt im nordtschechischen Bezirk Ústí nad Labem. Sie liegt an der Eger (Ohře), unweit ihrer Mündung in die Elbe. Den Kern der Stadt bildet die Festungsanlage, die der österreichische Kaiser Joseph II. 1780 zum Schutz vor Preußen bauen ließ. Bereits 1782 erhielt Terezín die Stadtrechte. Nach der deutschen Annexion der Tschechoslowakei nutzte die Gestapo ab 1940 das Militärgefängnis der Garnisonstadt in der Kleinen Festung, in dem insgesamt 32.000 Menschen inhaftiert wurden. 1941 entstand das Ghetto Theresienstadt, das als Sammel- und Durchgangslager für die jüdische Bevölkerung aus Tschechien diente. Mehr als 40.000 Menschen starben in den beiden Einrichtungen (v.a. im jüdischen Lager) oder wurden vor Ort erschossen. Fast 100.000 wurden in Vernichtungslager deportiert. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden im Gefängnis ca. 3.500 Personen inhaftiert, die nach Deutschland vertrieben werden sollten. Heute gehören große Teile der Stadt mit der Kleinen Festung und dem Ghetto-Gelände zu einem Museumskomplex.

, das die Deutschen bereits Ende 1941 für die jüdische Bevölkerung der besetzten 
Tschechoslowakei
ces. Československo, . Čehoslovakìâ, slk. Česko-Slovensko, eng. Czechoslovakia, rus. Čehoslovakiâ

Die Tschechoslowakei war ein zwischen 1918 und 1992 in wechselnden Grenzen und unter wechselnden Namen und politischen Systemen bestehender Staat, dessen Landesteile in den heutigen Staaten Tschechien, Slowakei und der Ukraine (Karpatenukraine, bereits 1939 ungarisch besetzt, ab 1945 an die Sowjetunion) aufgegangen sind. Nach 1945 stand die Tschechoslowakei zunehmend unter politischem Einfluss der Sowjetunion. Nach der Machtübernahme der Kommunistischen Partei 1948 wurde sie endgültig als Teil des sog. Ostblocks zum Satellitenstaat der Sowjetunion und ab 1955 Mitglied des Warschauer Paktes. Zwischen 1960 und 1990 trug das kommunistische Land offiziell den Namen Tschechoslowakische Sozialistische Republik (abgekürzt ČSSR). Die demokratische politische Wende wurde 1989 mit der Samtenen Revolution eingeleitet und mündete 1992 in die Gründung der unabhängigen Tschechischen bzw. Slowakischen Republiken.

 einrichteten. Die Bezeichnungen „Ghetto“, „Altersghetto“ oder „jüdischer Wohnbezirk“ verschleierten die Realität des Sammel- und Durchgangslagers. Theresienstadt wurde als Propagandainstrument genutzt. Eine Zielgruppe waren Jüdinnen und Juden selbst. Prominente und wohlhabende Jüdinnen und Juden sollten zur Übersiedlung bewegt werden. Auch jüdische Träger von hohen Kriegsauszeichnungen konnten sich „ins Ghetto einkaufen“. Eine andere Zielgruppe war die internationale Öffentlichkeit. Im Juni 1944 empfing die SS eine Delegation des Internationalen Roten Kreuzes (IRK) und präsentierte ihr eine Scheinrealität mit frisch gestrichenen Fassaden, fiktiven Geschäften und einem vermeintlichen Kaffeehaus. Die Delegation ließ sich davon blenden. Im Anschluss ließ die SS sogar im August und September 1944 einen Propaganda-Film drehen: „Theresienstadt. Ein Dokumentarfilm aus dem jüdischen Siedlungsgebiet.“ Der Film zeigte Menschen im Lager bei verschiedenen Arbeiten und Freizeitaktivitäten. Ein Beispiel für diese Freizeitaktivitäten war der Sport. Der Film zeigt Männer beim Fußball und Frauen beim Handball. Bei der hier vorgestellten Bildquelle handelt es sich um einen Still aus diesem Film. Er zeigt Handballerinnen die sich auf einem Sportplatz befinden im Moment des Spiels. Der Platz wird durch auf den Boden gemalte Linien begrenzt. Es handelt sich um einen Feldhandballplatz. Feldhandball war bis in die 1970er Jahre durchaus populär. Das Feld sieht nicht außergewöhnlich improvisiert aus. Auch die Frauen selbst, die kurze Hosen und kurze Oberteile tragen, wirken so, als ob sie regelmäßig Sport treiben würden. Am Rand des Sportplatzes, hinter dem aufgemalten Halbkreis, steht ein Mann. Er trägt eine Kopfbedeckung und dunkle Kleidung. Sein Blick ist auf die sechs Frauen gerichtet. Er könnte sowohl eine Art Trainer, ein Zuschauer oder auch ein Wärter sein. 
Die Lebensumstände im Lager hatten mit der Propagandaerzählung des Films nichts zu tun. In Theresienstadt starben täglich etwa 100 Menschen an fehlender Versorgung. Fast alle, die an dem Film mitgewirkt hatten, wurden anschließend zusammen mit 18.000 weiteren Jüdinnen und Juden nach  Auschwitz
Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz
auch:
KZ Auschwitz
Die Konzentrations- und Vernichtungslager in und bei Auschwitz stellen den größten Lager-Komplex dar, der durch das nationalsozialistische Deutschland errichtet worden ist. Es handelt sich eigentlich um drei große Konzentrations- und Vernichtungslager sowie rund 50 Außenlager, die meist der Zwangsarbeit dienten. Die Lager wurden ab 1940 eingerichtet und am 27. Januar 1945 durch die Rote Armee befreit. Die drei Hauptlager sind: Das ab Frühjahr 1940 eingerichtete sog. ‚Stammlager‘ Auschwitz I; das großflächige Vernichtungslager Birkenau, formal Auschwitz II, bekannt als Auschwitz-Birkenau; und das Konzentrations- und Arbeitslager Auschwitz III im nahen Monowitz, das durch die I. G. Farben AG errichtet worden war und ab 1943 selbst als Stammlager für zahlreiche Außenlager fungierte. Aufgrund der enormen Zahl der hier in industrialisierter Form ermordeten Menschen, der zahllosen weiteren hier verübten Kriegsverbrechen (darunter Menschenversuche) sowie der gewaltigen Größe und organisatorischen Komplexität der Anlagen stehen der Lager-Komplex Auschwitz und vor allem Auschwitz-Birkenau heute vielfach auch symbolisch für den Holocaust bzw. die Shoah insgesamt und die besonders grausame und exzessive Form der Menschen-Vernichtung durch das nationalsozialistische Deutschland. Von den insgesamt mind. rund 1,3 Millionen nach Auschwitz deportierten Personen sind mind. rund 1,1 Millionen in den Lagern ums Leben gekommen, darunter rund 960.000 Jüdinnen und Juden. Die allermeisten von ihnen wurden direkt nach Ankunft in den Gaskammern ermordet. Exakte Opferzahlen konnten jedoch nie ermittelt werden. Kurz vor Ankunft der Roten Armee wurde ein Teil der KZ-Häftlinge noch über Todesmärsche aus den Lagern evakuiert und, sofern nicht bereits auf dem Marsch ermordet, in andere Lager verbracht.
 deportiert. Da der Film erst kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges vollendet wurde, blieb eine Vorstellung vor einem breiten Publikum aus. Dennoch wissen wir, dass Häftlinge in Theresienstadt auch unabhängig von dem Film tatsächlich Sport getrieben haben:
Als Bestandteil des Films dokumentiert die Fotografie jüdischen Sport in nationalsozialistischen Konzentrationslagern als besonders perfide Form von Zwang und Propaganda. Die Rolle, die Sport in Lagern für Propagandazwecke spielte, war zu diesem Zeitpunkt bereits etabliert. Schon im Jahr 1927 hatte ein Propagandafilm über den berüchtigten sowjetischen GULag Solovki Häftlinge beim Musizieren, Theaterspielen, in der Bücherei und eben auch beim Sport gezeigt.1 Sport in NS-Konzentrationslagern konnte aber auch andere Intentionen und Ziele haben. Der Band „Sport Under Unexpected Circumstances. Violence, Discipline, and Leisure in Penal and Internment Camps“ untersucht diese komplexen Phänomene.
Das Cover des Buches zeigt eine Zeichnung von Thomas Geve (1929–2024) Thomas Geve (1929–2024) Thomas Geve (1929–2024) wurde als Stefan Cohn 1929 in der Nähe von Stettin geboren. Er wurde 1943 zusammen mit seiner Mutter nach Auschwitz deportiert, wo seine Mutter ermordet wurde. Er überlebte in den Konzentrationslagern Auschwitz, Groß-Rosen und Buchenwald, wo er die Befreiung erlebte. Zur Erholung in der Schweiz zeichnete er eine Serie von Bildern. Im Herbst 1945 konnte er zu seinem Vater nach England reisen, 1950 emigrierte er nach Israel, wo er 2024 starb. , der 1943 als 13-jähriger Junge deportiert wurde und Auschwitz, Groß-Rosen und Buchenwald überlebt hat. Nach der Befreiung im Alter von 15 Jahren hat er seine Erfahrungen mit 79 Zeichnungen verarbeitet. Darunter befand sich die Zeichnung „Sport (Auschwitz I)“. Sie illustriert die Bedeutung von Sport als Form des gewaltsamen Missbrauchs im Lager. Auf der Zeichnung sind die SS-Männer gegenüber den Häftlingen besonders groß und bedrohlich abgebildet. In den Händen halten sie Knüppel und Peitschen. Die Häftlinge, die auf dem Bild zum „Sport“ gezwungen werden, sind viel kleiner und in unnatürlich verrenkten Positionen abgebildet. Diese verstörende Darstellung einer Alltagsszene wird durch den vermeintlichen Widerspruch „Sport“ und „Auschwitz“ in der Bildüberschrift noch verstärkt. Diese Art des Sports als Folter und Misshandlung beschreiben Veronika Springmann und Kim Wünschmann mit der berüchtigten Praxis des „Judenexerzierens“, mit dem die SS durch stundenlanges Stehen oder anstrengende Schikanen wie Liegestütze oder „Froschhüpfen“ auf dem Appellplatz ihre körperliche und „rassische“ Überlegenheit gegenüber den jüdischen Häftlingen ausagieren wollte.2 Ebenfalls präsent im Alltag nationalsozialistischer Konzentrationslager war aber auch Mannschafts- und sogar Zuschauersport, wie Fußball oder Boxen. Dabei konnten auch SS-Männer als Zuschauer und sogar als Mäzene einzelner Mannschaften auftreten. Aber auch die übrigen Häftlinge kamen als Zuschauer in Frage.
Ab 1942 wurde die Zwangsarbeit in nationalsozialistischen Konzentrationslagern zur kriegswichtigen Ressource. Das änderte den Umgang mit Zwangsarbeiter:innen in den Lagern. Die SS schuf Bonussysteme um produktive Arbeit zu belohnen. Dabei wurden zusätzliche Rationen, Zigaretten, Besuche in den berüchtigten Häftlingsbordellen, aber auch die Möglichkeit, Sport zu treiben, als Anreiz eingesetzt. Die Option, im Rahmen des Bonussystems Sport zu treiben, richtete sich allerdings meist an Männer. Deshalb sind die Handballerinnen aus Theresienstadt auch besonders bemerkenswert. Wegen dieser Änderungen konnten die Häftlinge Sport als Freizeitbeschäftigung in den Lagern ausüben und dadurch manchmal auch ihre Lebenssituation im Lager verbessern, wie das Beispiel von Fußballmannschaften in Mauthausen zeigen kann.3 Je nach Popularität der Sportler und ihrer Mannschaften gelang es den Spielern, weitere talentierte Spieler auf Stellen von Funktionshäftlingen zu befördern, um den Erfolg ihrer Mannschaft zu befördern. Sportliche Aktivitäten boten für den einzelnen Häftling die Möglichkeit, durch ihre Anpassung an die von der SS idealisierten Körperideale ihre Arbeitsfähigkeit und Fitness unter Beweis zu stellen. So wuchsen die Chancen des einzelnen, für eine erfolgreiche Mannschaft rekrutiert zu werden. Die gemeinsame sportliche Praxis führte zu Netzwerken der Sportler untereinander und erschuf eine eigene materielle Kultur (etwa durch Mannschaftskleidung oder improvisierte Sportgeräte). Die Sportler verwandelten Bereiche der Lager als Orte der Gewalt in Spielfelder: Sie eigneten sich so zumindest temporär und räumlich begrenzt das Lager an und unterwarfen es selbstgewählten (Spiel-)Regeln. Auch wenn diese Praktiken unter den Umständen von Mangel, Zwang und Gewalt stattfanden, bieten sie doch ein Feld, auf dem agency von Häftlingen von Konzentrationslagern untersucht werden kann.

Metadaten

Informations-Bereich