Filmstill aus Propagandafilm „Theresienstadt. Ein Dokumentarfilm aus dem jüdischen Siedlungsgebiet.”
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[DEPUB] Handballspielende Frauen
Kommentar
Terezín (dt. Theresienstadt; Bevölkerung 2024: 2.850) ist eine Kleinstadt im nordtschechischen Bezirk Ústí nad Labem. Sie liegt an der Eger (Ohře), unweit ihrer Mündung in die Elbe. Den Kern der Stadt bildet die Festungsanlage, die der österreichische Kaiser Joseph II. 1780 zum Schutz vor Preußen bauen ließ. Bereits 1782 erhielt Terezín die Stadtrechte. Nach der deutschen Annexion der Tschechoslowakei nutzte die Gestapo ab 1940 das Militärgefängnis der Garnisonstadt in der Kleinen Festung, in dem insgesamt 32.000 Menschen inhaftiert wurden. 1941 entstand das Ghetto Theresienstadt, das als Sammel- und Durchgangslager für die jüdische Bevölkerung aus Tschechien diente. Mehr als 40.000 Menschen starben in den beiden Einrichtungen (v.a. im jüdischen Lager) oder wurden vor Ort erschossen. Fast 100.000 wurden in Vernichtungslager deportiert. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden im Gefängnis ca. 3.500 Personen inhaftiert, die nach Deutschland vertrieben werden sollten. Heute gehören große Teile der Stadt mit der Kleinen Festung und dem Ghetto-Gelände zu einem Museumskomplex.
Die Tschechoslowakei war ein zwischen 1918 und 1992 in wechselnden Grenzen und unter wechselnden Namen und politischen Systemen bestehender Staat, dessen Landesteile in den heutigen Staaten Tschechien, Slowakei und der Ukraine (Karpatenukraine, bereits 1939 ungarisch besetzt, ab 1945 an die Sowjetunion) aufgegangen sind. Nach 1945 stand die Tschechoslowakei zunehmend unter politischem Einfluss der Sowjetunion. Nach der Machtübernahme der Kommunistischen Partei 1948 wurde sie endgültig als Teil des sog. Ostblocks zum Satellitenstaat der Sowjetunion und ab 1955 Mitglied des Warschauer Paktes. Zwischen 1960 und 1990 trug das kommunistische Land offiziell den Namen Tschechoslowakische Sozialistische Republik (abgekürzt ČSSR). Die demokratische politische Wende wurde 1989 mit der Samtenen Revolution eingeleitet und mündete 1992 in die Gründung der unabhängigen Tschechischen bzw. Slowakischen Republiken.
Die Lebensumstände im Lager hatten mit der Propagandaerzählung des Films nichts zu tun. In Theresienstadt starben täglich etwa 100 Menschen an fehlender Versorgung. Fast alle, die an dem Film mitgewirkt hatten, wurden anschließend zusammen mit 18.000 weiteren Jüdinnen und Juden nach Auschwitz
Als Bestandteil des Films dokumentiert die Fotografie jüdischen Sport in nationalsozialistischen Konzentrationslagern als besonders perfide Form von Zwang und Propaganda. Die Rolle, die Sport in Lagern für Propagandazwecke spielte, war zu diesem Zeitpunkt bereits etabliert. Schon im Jahr 1927 hatte ein Propagandafilm über den berüchtigten sowjetischen GULag Solovki Häftlinge beim Musizieren, Theaterspielen, in der Bücherei und eben auch beim Sport gezeigt.1 Sport in NS-Konzentrationslagern konnte aber auch andere Intentionen und Ziele haben. Der Band „Sport Under Unexpected Circumstances. Violence, Discipline, and Leisure in Penal and Internment Camps“ untersucht diese komplexen Phänomene.
Ab 1942 wurde die Zwangsarbeit in nationalsozialistischen Konzentrationslagern zur kriegswichtigen Ressource. Das änderte den Umgang mit Zwangsarbeiter:innen in den Lagern. Die SS schuf Bonussysteme um produktive Arbeit zu belohnen. Dabei wurden zusätzliche Rationen, Zigaretten, Besuche in den berüchtigten Häftlingsbordellen, aber auch die Möglichkeit, Sport zu treiben, als Anreiz eingesetzt. Die Option, im Rahmen des Bonussystems Sport zu treiben, richtete sich allerdings meist an Männer. Deshalb sind die Handballerinnen aus Theresienstadt auch besonders bemerkenswert. Wegen dieser Änderungen konnten die Häftlinge Sport als Freizeitbeschäftigung in den Lagern ausüben und dadurch manchmal auch ihre Lebenssituation im Lager verbessern, wie das Beispiel von Fußballmannschaften in Mauthausen zeigen kann.3 Je nach Popularität der Sportler und ihrer Mannschaften gelang es den Spielern, weitere talentierte Spieler auf Stellen von Funktionshäftlingen zu befördern, um den Erfolg ihrer Mannschaft zu befördern. Sportliche Aktivitäten boten für den einzelnen Häftling die Möglichkeit, durch ihre Anpassung an die von der SS idealisierten Körperideale ihre Arbeitsfähigkeit und Fitness unter Beweis zu stellen. So wuchsen die Chancen des einzelnen, für eine erfolgreiche Mannschaft rekrutiert zu werden. Die gemeinsame sportliche Praxis führte zu Netzwerken der Sportler untereinander und erschuf eine eigene materielle Kultur (etwa durch Mannschaftskleidung oder improvisierte Sportgeräte). Die Sportler verwandelten Bereiche der Lager als Orte der Gewalt in Spielfelder: Sie eigneten sich so zumindest temporär und räumlich begrenzt das Lager an und unterwarfen es selbstgewählten (Spiel-)Regeln. Auch wenn diese Praktiken unter den Umständen von Mangel, Zwang und Gewalt stattfanden, bieten sie doch ein Feld, auf dem agency von Häftlingen von Konzentrationslagern untersucht werden kann.
Metadaten
- Haupttitel
- [Theresienstadt, Tschechoslowakei, Frauen beim Handballspielen]
- Untertitel
- [Auszug aus dem Nazi-Propagandafilm „Theresienstadt: Ein Dokumentarfilm aus dem jüdischen Siedlungsgebiet“]
- Datierung
- 1944
- Sprachen
- Deutsch
- Quellentyp
- Fotografie
- Bestandshaltende Einrichtung
- Yad Vashem
- Link
- Rechteinformation (historische Quelle)
- Rechte vorbehalten - Freier Zugang
- Rechteinformation (Kommentar)
- CC BY-NC-SA 4.0
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