Frauenanteil in „Morgnshtern“

Der vorliegende Bericht behandelt zwei zentrale Themen: Zum einen wird die Rolle der Frauen im Warschauer Morgnshtern beleuchtet. Dabei werden sowohl die Funktionen der Athletinnen als aktive Sportlerinnen wie auch ihre Rolle als Organisatorinnen berücksichtigt. In diesem Zusammenhang wird ihre zentrale Bedeutung für die Entwicklung und Förderung des jüdischen Sports in Warschau hervorgehoben. Zum anderen thematisiert der Bericht eine bedeutende humanitäre Aktion: die Hilfsinitiative für jüdische Flüchtlinge, die im Herbst 1938 im Zuge der „Polenaktion“ aus dem Deutschen Reich in die polnisch-deutsche Grenzstadt Zbąszyń zwangsausgewiesen wurden.

Transkriptionen

Transkription (Jiddisch)

פרױען-אָנטײל אין „מאָרגנשטערן׳׳
אין אונטערשיד צו אַנדערע ספּאָרט־קלובּן‚ װו עס עקזיסטירן ספּעציעלע
קאָמיסיעס אָדער סעקציעס פאַר ספּאָרט־אַרבּעט צװישן פרױען איז בּײ אונז אַזאַ
מין סעקציע אָדער קאָמיסיע נישט נױטיק. די פרױען פאַרנעמען אן אונזער אַרבּעט
אַן אָנזעעװדיקן אָרט. אין דר גימנאַסטיק־סעקציע זענען בּערך אַ העלפט
מיטגל[י]דערינס‚ אַזױ אױך אין האַנטבּאָל און דאַן ריטמיק – װעלכע איז מיטן
אױסנאַם פון די קינדער־גרופּן‚ אַן אױסשליסלעכע פרױען־סעקציע.
און דער אַקטיװער אָנטײל פון די פרוען איז נישט נאָר צװישן די „ספּאָרט־
קאָנסומענטן׳׳ ד. ה. צװישן די מיטגלידער‚ נאָר אױך צװישן די „פּראָדוצענטן׳׳
ד. ה. צװײשן די אינסטרוקטאָרן‚ פאָרטונערן און אַקטיװע מיטאַרבּעטער פון דער
געזעלשאַפט.
אױף דער װענדונג פון אַרבּעטער־הילפס־קאָמיטעט פאַר די פּליטים פון 
דײטשלאַנד האָט די פאַרװאַלטונג בּאַשלאָסן אַװעקגעבּן אױף אַ קורצער צײט דעם
גאַנצן לאָקאַל צו דער דיספּאָזיציע פון די פּליטים‚ װעלכע האָבּן געזאָלט קומען
פון פּליטים־לאַגער אין זבּאָנשין. דאָס אַװעקגעבּן דעם לאָקאַל האָט בּאַדײט 
אָפּצושעלן אױף אַ צײט די גאַנצע מאָרגנשטערן־אַרבּעט. די ערנסטקײט פ‎‏[ו]ן דער
זאַך‚ האָט געצװונגען אָננעמען אַזאַ בּאַשלוס.
די פאַרװאַלטונג האָט צוגעגרײט אַ געהעריקן אױפנאַם־אַפּאַראַט מיט װירטשאַפטלעכע‚ 
סאַניטארע און ענלעכע פונקציעס.
לײדער איז פון דעם דערװאַרטעטן טראַנספּאָרט זבּאָנשינער קײנער נישט
געקומען. 
Die Editionsrichtlinien finden Sie hier.

Translations

Übersetzung (Deutsch)

Frauenanteil im „Morgnshtern“

Im Unterschied zu anderen Sportvereinen, in denen spezielle Ausschüsse oder Abteilungen für Sportarbeit unter Frauen existierten, ist bei uns so eine Abteilung oder ein Ausschuss nicht notwendig. Die Frauen beanspruchen ohne unser Dazutun einen bemerkenswerten Raum. Die Gymnastikabteilung besteht ungefähr zur Hälfte aus weiblichen Mitgliedern, so auch im Handball und Rhythmik, wobei letztere – mit Ausnahme der Kindergruppen – ein ausschließliches Frauenabteil ist.
Und der aktive Anteil der Frauen ist nicht nur unter den "Sportkonsumenten", d.h. unter den Mitgliedern, sondern auch unter den "Produzenten", d.h. unter den Ausbildern, Vorturnern und aktiven Mitarbeitern des Vereins [zu finden].
Auf Bitte des Arbeiterhilfskomitees für die Flüchtlinge aus Deutschland hatte die Verwaltung beschlossen, für kurze Zeit die gesamte Räumlichkeit [der Sportraum] den Geflüchteten zur Verfügung zu stellen, die aus dem Flüchtlingslager Zbąszyń kommen sollten. Das Anbieten der Räumlichkeit bedeutete, eine Zeit lang die Morgnshtern-Arbeit vollständig zu unterbrechen. Die Ernsthaftigkeit dieser Angelegenheit zwang [uns], eine solche Entscheidung zu treffen. Die Verwaltung stimmte einem angemessenen Empfangsapparat mit wirtschaftlichen, sanitären und ähnlichen Funktionen zu.
Leider ist von dem erwarteten Transport aus Zbąszyń Transport aus Zbąszyń Hier eigtl. wörtl.: Transport Zbąszyńer. Bei dem Transport handelte es sich um Jüdinnen und Juden, die aus dem Deutschen Reich im Rahmen der sogenannten "Polenaktion" abgeschoben worden waren. keiner gekommen.
Die Editionsrichtlinien finden Sie hier.

Kommentar

Die hier präsentierte Quelle entstammt dem Tätigkeitsbericht des Jahres 1938 der Warschauer Abteilung des Morgnshterns Morgnshterns Für die Sportorganisation existiert auch die poln. Bezeichnung Jutrznia. , der im Januar 1939 veröffentlicht wurde. Neben dem Bericht über den Frauenanteil finden sich weitere Ausführungen über die Mitgliederstärke, dem Finanzhaushalt sowie über die Arbeit und Erfolge einzelner Sportabteilungen wie Handball, Fußball oder Gymnastik.
Der Morgnshtern war eine Sportorganisation des Bundes und die größte jüdisch-sozialistische Sportorganisationen im Polen der Zwischenkriegszeit. Seit 1919 konnte der Bund erstmals als legale Partei agieren und wurde bald zur stärksten jüdisch-sozialistischen Partei des Landes. Besonders in den Großstädten wie 
Warszawa
deu. Warschau, eng. Warsaw, yid. Varše, yid. וואַרשע, rus. Варшава, rus. Varšava, fra. Vaarsovie

Warschau ist die Hauptstadt Polens und zugleich die größte Stadt des Landes (Bevölkerungszahl 2024: 1.863.845). Sie liegt in der Woiwodschaft Masowien an Polens längstem Fluss, der Weichsel. Warschau wurde erstmals Ende des 16. Jahrhunderts Hauptstadt der polnisch-litauischen Adelsrepublik und löste damit Krakau ab, das zuvor polnische Hauptstadt gewesen war. Im Rahmen der Teilungen Polen-Litauens wurde Warschau mehrfach besetzt und schließlich für elf Jahre Teil der preußischen Provinz Südpreußen. Von 1807 bis 1815 war die Stadt Hauptstadt des Herzogtums Warschau, einem kurzlebigen napoleonischen Satellitenstaat; im Anschluss des Königreichs Polen unter russischer Oberherrschaft (dem sog. Kongresspolen). Erst mit Gründung der Zweiten Polnischen Republik nach Ende des Ersten Weltkriegs war Warschau wieder Hauptstadt eines unabhängigen polnischen Staates.

Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde Warschau erst nach intensiven Kämpfen und einer mehrwöchigen Belagerung von der Wehrmacht erobert und besetzt. Schon dabei fand eine fünfstellige Zahl an Einwohnern den Tod und wurden Teile der nicht zuletzt für seine zahlreichen barocken Paläste und Parkanlagen bekannten Stadt bereits schwer beschädigt. Im Rahmen der anschließenden Unterdrückung, Verfolgung und Ermordung der polnischen und jüdischen Bevölkerung wurde mit dem Warschauer Ghetto das mit Abstand größte jüdische Ghetto unter deutscher Besatzung errichtet, das als Sammellager für mehrere hunderttausend Menschen aus Stadt, Umland und selbst dem besetzten Ausland diente und zugleich Ausgangspunkt für die Deportation in Arbeits- und Vernichtungslager war.

Infolge des Aufstandes im Warschauer Ghetto ab dem 18. April 1943 und dessen Niederschlagung Anfang Mai 1943 wurde das Ghettogebiet systematisch zerstört und seine letzten Bewohner verschleppt und ermordet. Im Sommer 1944 folgte der zwei Monate dauernde Warschauer Aufstand gegen die deutsche Besatzung, in dessen Folge fast zweihunderttausend Polen ums Leben kamen und nach dessen Niederschlagung auch das restliche Stadtgebiet Warschaus von deutschen Einheiten weitgehend und planmäßig zerstört wurde.

In der Nachkriegszeit wurden zahlreiche historische Gebäude und Teile der Innenstadt, darunter das Warschauer Königsschloss und die Altstadt, wiederaufgebaut - ein Prozess, der bis heute andauert.

 und 
Łódź
deu. Lodz, deu. Litzmannstadt, deu. Lodsch, yid. Lodž, yid. לאָדזש, pol. Łodzia, deu. Lodsch

Die kreisfreie Stadt Łódź (Bevölkerung 2024: 645.693) liegt in der gleichnamigen Woiwodschaft im Zentrum Polens. Die bis in die 1820er Jahre unbedeutende Kleinstadt erfuhr einen enormen Aufschwung nach dem Ausbau zum führenden Industriezentrum im autonomen Königreich Polen und wurde zu einem der wichtigsten Industriezentren im gesamten Zarenreich. Wegen der dominierenden Textilindustrie, erhielt die Stadt den Beinamen "Manchester Polens". Allerdings hielt der Wohnungsbau und der Ausbau der Infrastruktur dem Ausbau der Industrie nicht Schritt, sodass in der Stadt neben prunkvollen Palästen breite Teile der Stadtbevölkerung in prekären Verhältnissen, oft ohne Kanalisation und ohne Zugang zu Bildung, lebten.

Nach Ende des Ersten Weltkriegs gehörte Łódź zum wiederhergestellten polnischen Staat. Neben dem Wiederaufbau der kriegszerstörten Industrie wurde auch verstärkt in die Verbesserung der Lebensbedingungen der Stadtbevölkerung investiert. Nach dem Deutschen Überfall auf Polen im September 1939 wurde die Stadt ins Deutsche Reich eingegliedert und ihr offizieller Name zunächst in Lodsch, dann in Litzmannstadt geändert. 1940-1944 existierte in der Stadt eins der größten Ghettos im Reichsgebiet, in dem neben der beinahe gesamten örtlichen jüdischen Bevölkerung (mit ca. 220.000 etwa ein Drittel der Stadteinwohnerschaft) auch jüdische Bevölkerungsteile aus anderen Gebieten Polens und des Auslands sowie Sinti und Roma auf kleinstem Raum interniert waren. Nur wenige Menschen haben das Ghetto bzw. den Ort der anschließenden Verschleppung überlebt.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 stellte Łódź eine intakte Stadt dar. Als die zu diesem Zeitpunkt größte Stadt Polens und wegen ihrer Nähe zur formellen, aber fast komplett zerstörten Hauptstadt Warschau, fungierte sie für drei Jahre als Regierungssitz.
Die Krise der Textilindustrie begann in den 1980er Jahren, um kurz nach Beginn der politischen Transformation Anfang der 1990er Jahre zusammenzubrechen. Die Stadt stürzte in eine tiefe Krise, in deren Folge ihre Bevölkerung zwischen 1989 und 2022 um 200.000 Einwohner sank. Vom zweiten Platz im Ranking der größten Städte des Landes ist Łódź an die vierte Stelle nach Krakau und Breslau zurückgefallen. Die Investitionen in die Sanierung, den Ausbau der Verkehrsinfrastruktur und den Kultursektor trugen im 21. Jahrhundert zu einem deutlich besseren Image der Stadt bei, die heute als einer der wichtigsten Standorte für Bildung, Kultur, die Designbranche und Filmindustrie in Polen gilt.

 entstanden bundistische Zentren, in denen der Bund in der Kommunalpolitik agierte.1 Mitte der 1930er zählte der Bund etwa 20.000 Mitglieder2, nach Gertrud Pickhan lag der Frauenanteil bei 20% und entsprach damit etwa dem Frauenanteil in den nichtjüdischen sozialistischen Parteien.3 In Folge der rechtlichen Stellung des Bundes, konnte sich dieser reorganisieren und nahm zunehmend Einfluss auf das Alltagsleben der polnischen Jüdinnen und Juden. Dies manifestierte sich insbesondere in der Beteiligung an verschiedenen kulturellen und sozialen Projekten, darunter im Bildungsbereich, im Bibliothekswesen, in Jugendorganisationen und im Sportbereich.4 Bundistinnen selbst waren im Polen der Zwischenkriegszeit besonders in diesen Unterorganisationen aktiv. Sie agierten als Lehrerinnen und Erzieherinnen im säkularen jiddischen Bildungsnetzwerk  Tsentrale Yidishe Shul-Organizatsye
Tsentrale Yidishe Shul-Organizatsye
auch:
Zentrale Jiddische Schulorganisation
Die Tsentrale Yidishe Shul-Organizatsye (dt. Zentrale jüdische Schulorganisation, poln. Abkürzung CISZO) war ein Dachverband säkular-jiddischer Schulen in Polen. Das 1921 in Warschau gegründete Netzwerk sollte den bis dahin vollständig isoliert wirkenden jiddischsprachigen Schulen einen Rahmen und Austauschmöglichkeiten bieten. Die CISZO erstellte Lehrpläne, wählte Lehrbücher aus und entwickelte Fachvokabular für den Unterricht. Der Lehrplan umfasste neben Fächern in polnischer Sprache auch Jiddisch, jüdische Geschichte und Kultur. Die Verwaltung der von sozialistischen Vereinigungen (Bund und linke Po'ale Tsiyon) dominierten CISZO befand sich in Warschau und Wilna. Die Organisation unterhielt auch Kinderheime sowie Kindergärten und engagierte sich im Kulturleben.
5, oder waren auf unterschiedlichen Ebenen Mitarbeiterinnen im Sotsyalistisher Kinder Farband Sotsyalistisher Kinder Farband Der Sotsyalistisher Kinder Farband (kurz: SKIF) (dt. Sozialistischer Kinderverband) wurde 1926 gegründet und von der Jugendorganisation des Bundes Tsukunft geleitet. Kinder zwischen 10 und 15 Jahren waren im SKIF organisiert. 6, im Yugnt-Bund Tsukunft Yugnt-Bund Tsukunft Der Yugnt-Bund Tskukunft (häufig auch nur Tsukunft) wurde 1913 gegründet und war während der Zwischenkriegszeit die Haupt-Jugendorganisation des Bundes in Polen. In den 1930er Jahren gründete Tsukunft als Reaktion auf den zunehmenden Antisemitismus die paramilitärische Miliz Tsukunft-Shturem (zukünftiger Sturm). Diese Organisation sollte bundistische Orte sowie Aktivitäten vor antisemitischen Angriffen schützen und verteidigte sich bei Pogromen. Viele Mitglieder spielten später eine wichtige Rolle im Widerstand gegen die deutschen Besatzer, darunter Marek Edelman im Warschauer Ghetto. 7 und im Morgnshtern.8 In der oftmals von Bundistinnen kritisierten Frauenorganisation des Bundes Yidishe Arbeter Froy Yidishe Arbeter Froy Die Yidishe Arbeter Froy (auch: Yidishe Arbeter-froyen Organizatsye, kurz: YAF) (dt. Jüdische Arbeiterfrau) wurde 1925 gegründet und fokussierte sich auf Themen wie Kindererziehung, Haushaltsführung und Familienplanung. In den 1930er Jahren eröffnete die YAF ein Netz von Kindertagesstätten. Anstelle der früheren revolutionären Beteiligung konzentrierten sich die führenden YAF-Aktivistinnen auf die klassische Frauenarbeit sowie Bildungs- und Kulturprogramme für junge Frauen. waren in Warschau im Jahr 1939 zwischen 500 und 600 Frauen organisiert, von denen lediglich etwa 10% in die Partei selbst eintraten.9 Innerhalb des Morgnshterns wurde die Einrichtung eines Frauenausschusses abgelehnt. Begründet wurde diese Entscheidung mit der bereits herausragenden Rolle von Frauen, die sie innerhalb der Organisation spielen würden, sodass die Etablierung einer weiteren Instanz obsolet erschien:
„Im Unterschied zu anderen Sportvereinen, in denen spezielle Ausschüsse oder Abteilungen für Sportarbeit unter Frauen existieren, ist bei uns so eine Abteilung oder Ausschuss nicht notwendig. Die Frauen beanspruchen ohne unser Dazutun einen bemerkenswerten Raum. […] Und der aktive Anteil der Frauen ist nicht nur unter den ‚Sportkonsumenten‘, d.h. unter den Mitgliedern, sondern auch unter den ‚Produzenten‘, d.h. unter den Ausbildern, Vorturnern und aktiven Mitarbeitern des Vereins“ (S. 7).
Demnach war Morgnshtern in der Zwischenkriegszeit nicht nur ein Zentrum für die körperliche Ertüchtigung und die Förderung sozialistischer Ideale, sondern auch ein Ort für die Beteiligung von Frauen im Sport und in der Vereinsarbeit. Während seiner Existenz zählte der Morgnshtern rund 5.000 Mitglieder und 170 lokale Vereine.10 Aus dem Jahresbericht lässt sich entnehmen, dass allein in Warschau 1095 aktive Sportler:innen organsiert waren. Mit den Inaktiven zählte der Warschauer Verein Anfang 1939 1775 Mitglieder (S. 2). Frauen machten etwa die Hälfte der sportlich Aktiven in der Gymnastikabteilung und im Handball aus (S. 7). Auch auf der Führungsebene waren Frauen aktiv. Die Bund-Chronik Doyres Bundistn Doyres Bundistn dt. Generationen von Bundisten, Die Doyres Bundistn erschienen in drei Bänden zwischen den Jahren 1956 und 1968. Vorausgegangen waren der Zweite Weltkrieg und die Shoa, welche die jüdische Lebenswelt in Osteuropa zerstörten und einer Mehrheit der Bundist:innen den Tod brachten. Ein beträchtlicher Anteil von ihnen wurde jedoch auch Opfer des Stalinismus. In diesem Sinne sind die Publikationen auch als Gedenkbücher zu verstehen und müssen – als subjektive Quellen – einer kritischen Betrachtung unterzogen werden. Die Doyres Bundistn bieten jedoch einen guten Einblick in die Mentalität des Bundes sowie in die Sprache seiner Mitglieder – das Jiddische. nennt z.B. Lole Zhezhinsky-Levin Lole Zhezhinsky-Levin Lole Zhezhinsky-Levin (1904–1962) stammte aus armen Verhältnissen. Im Alter von 17 Jahren trat sie in ihrer Geburtsstadt Lodz dem Jugendbund Tsukunft bei, danach war sie in einer Leitungsposition im Lodzer und seit den 1933er Jahren im Warschauer Morgnshtern vertreten. Ihre Geschwister waren ebenfalls in bundistischen Unterorganisationen aktiv. 1936 besuchte sie ihren Bruder in Brasilien und lernte ihren späteren Mann Adolfo Levin kennen, mit dem sie zwei Kinder bekam. Sie blieben in Brasilien und überlebten so die Shoa. Nach längerer Krankheit starb Lole 1962 in Sao Paulo. 11, die in der Leitungsebene des Lodzer Morgnshterns agierte und später auch in Warschau eine solche Position bekleidete.12
Die Integration von Frauen auf allen Ebenen des Vereins – von den „Sportkonsumenten“ bis zu den „Produzenten“ – lässt auf eine progressive Haltung der Organisation in Bezug auf die Geschlechtergleichheit schließen. Dies war im damaligen Kontext der polnischen Gesellschaft keineswegs selbstverständlich, stellt jedoch aber kein reines Morgnshtern Phänomen dar. In politisch links orientierten und progressiven Sportklubs, ebenso wie in zionistischen Vereinen, spielten weibliche Athletinnen eine wichtige Rolle.13 Die politischen Sportabteilungen sind insbesondere in Polen vor dem Hintergrund der zahlreichen organisierten jüdischen und sozialistischen Jugendorganisationen zu betrachten. Jüdischen Jugendlichen, die häufig aus prekären Lebensverhältnissen stammten, wurde nicht nur Zugang zu politischer und allgemeiner Bildung sowie Freizeitaktivitäten gewährt, sondern auch die Gelegenheit geboten, ihren eigenen Körper und ihre Sexualität zu entdecken.14
Ein weiterer Aspekt, der in der Quelle deutlich wird, ist die soziale Verantwortung des Sportklubs Morgnshtern. Auf Bitten des Arbeiterhilfskomitees für Flüchtlinge aus dem Deutschen Reich, die aufgrund der  „Polenaktion“
Polenaktion 1938
auch:
Polenaktion
Im Zuge dieser „Aktion“ erfolgte die kurzfristige Verhaftung von 15.000 bis 17.000 ins Reich eingewanderten polnischen Jüdinnen und Juden sowie ihre Nachfahren, die im Deutschen Reich geboren und sozialisiert waren und teilweise keine Verbindung nach Polen pflegten. In der Zeit unmittelbar nach dem Münchner Abkommen vom 30. September 1938 verschlechterten sich die Beziehungen zwischen dem Deutschen Reich und Polen erheblich. Das NS-Regime begann, die Eingliederung der Freien Stadt Danzig in das Deutsche Reich anzustreben, was in Polen die Befürchtung auslöste, die in Danzig lebenden polnischen Juden könnten ausgewiesen werden. Um diesem Szenario zuvorzukommen, erließ das polnische Innenministerium eine Verordnung, die darauf abzielte, polnischen Jüdinnen und Juden im Ausland die Staatsangehörigkeit zu entziehen. Diese Maßnahme war Teil einer breiteren Strategie, die es Polen ermöglichen sollte, sich völkerrechtlich der Verantwortung zu entziehen, diese Menschen wieder aufzunehmen. Konkret wurden alle polnischen Staatsbürger:innen im Ausland aufgefordert, ihre Pässe bis zum 29. Oktober 1938 in den polnischen Konsulaten zur Überprüfung vorzulegen. Nur mit einem entsprechenden Vermerk behielten die Inhaber:innen ihre polnische Staatsbürgerschaft, andernfalls drohte ihnen die Staatenlosigkeit.
 nach 
Zbąszyń
pol. Zbąszyn, pol. Dzbanszyn, deu. Sbaschyn, lat. Sbansin, lat. Dzbansin, lat. Dzbansszin, lat. Zbansim, pol. Bąszyń

Zbąszyń (Bevölkerungszahl 2024: 7.006) ist eine Kleinstadt in der Woiwodschaft Großpolen im Westen Polens. Mit der zweiten Teilung Polens 1793 ging Zbąszyń an Preußen. Nach der Verabschiedung des Versailler Vertrags kam die Stadt an Russland. 1920 wurde sie wieder polnisch.

 gebracht worden waren, wurde seitens der Verbandsverwaltung beschlossen, dessen Räumlichkeit vorübergehend für den aus dem Flüchtlingslager Zbąszyń erwarteten Transport zur Verfügung zu stellen. Dies verdeutlicht die enge Verknüpfung von sportlicher, kultureller und sozialer Aktivität im Rahmen des Bundes und hebt die besondere Rolle hervor, die Morgnshtern innerhalb der jüdischen Gemeinschaft und der jüdischen Arbeiterbewegung in Polen spielte. Obwohl der erwartete Transport von Geflüchteten letztlich nicht eintraf (S. 7), zeigt diese Episode die Bereitschaft von Morgnshtern, sich über den reinen Sportbetrieb hinaus gesellschaftlich zu engagieren. Doch nicht allein das Arbeiterkomitee, auch das  American Jewish Joint Distribution Committee (Joint)
American Jewish Joint Distribution Committee
Das American Jewish Joint Distribution Committee (kurz: Joint oder (A)JDC) wurde 1914 in den USA gegründet und ist eine unpolitische Hilfsorganisation. Sie setzt sich weltweit für das Wohl jüdischer Menschen ein. Ursprünglich war sie für jüdische Kriegsleidende des Ersten Weltkriegs initiiert worden. Im Jahre 1919 nahm die Organisation ihre Arbeit in Warschau auf. Dort organisierte sie sanitäre und medizinische Hilfestellungen, darunter etwa die Nothilfe für Kinder. Während des Zweiten Weltkriegs und der Besatzung Polens unterstützte JOINT den jüdischen Untergrund finanziell. Durch die Initiative des Direktors der polnischen Joint-Niederlassung, gelangten auch Geldspenden in das Warschauer Ghetto.
 leistete vor Ort humanitäre Hilfe für die ausgewiesenen, staatenlosen Jüdinnen und Juden. Einer dieser Joint-Aktivisten war der junge polnisch-jüdische Historiker und Politiker (linke Poale Tsiyon) Emanuel Ringelblum Emanuel Ringelblum Emanuel Ringelblum (1900–1944) wurde im ostgalizischen Buczacz geboren. Nach Beginn des Ersten Weltkriegs floh die Familie Ringelblum nach Nowy Sącz (Westgalizien), wo er Kindheit und Jugend in prekären Verhältnissen verbrachte. Schon in seiner Jugend war er in der linken Po'ale Tsiyon aktiv. Nach dem Gymnasialabschluss studierte er in Warschau Geschichte, war im YIVO aktiv und machte 1927 seinen Doktor. Er arbeitete als Lehrer an einer jüdischen Mädchenschule in Warschau und engagierte sich sozial (Joint). Mit seiner Frau Yehudis (Judyta) hatte er den Sohn Uri. Die Familie blieb auch nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und der Besatzung Polens in Warschau, hierfür hatte sich Ringelblum bewusst entschieden, und musste seit November 1940 im Warschauer Ghetto leben. Seit Beginn des Krieges führte Ringelblum Tagebuch sowie Aufzeichnungen über das tägliche Geschehen in Warschau. Im Ghetto war Ringelblum in der Jüdisch Sozialen Selbsthilfe aktiv. 1940 entschied er sich seiner Dokumentation einen (wissenschaftlichen) Rahmen zu geben und bezog Freunde, Bekannte und weitere im Ghetto befindliche Personen in die Arbeit ein. Der engste Gruppenkern gründete am 22. November 1940 Oyneg-Shabes (dt. Freude am Schabbat). Oyneg-Shabes sammelte Gegenstände des alltäglichen Lebens, dokumentierten den Ghettoalltag und sammelten Augenzeugenberichte über den Beginn des Massenmordes. Ringelblum und seine Familie hielten sich mit anderen jüdischen Personen nach der Flucht aus dem Warschauer Ghetto seit Anfang 1943 in einem Bunker („Krysia“) versteckt. Zwischenzeitlich hatte Ringelblum den Bunker verlassen, wurde entdeckt und in das Lager Trawniki gebracht. Dort konnte er mit Hilfe fliehen und kehrte in den Bunker zurück. Am 7. März 1944 wurde der Bunker entdeckt. Alle Personen wurden in das Pawiak-Gefängnis überführt und vermutlich am 10. März 1944 in den Ruinen des Ghettos ermordet. 15, der nur wenige Jahre später das Oyneg-Shabes-Archiv Oyneg-Shabes-Archiv Heute ist das Archiv vor allem durch seinen Begründer Emanuel Ringelblum bekannt (daher auch: Ringelblum-Archiv). Ringelblum gründete am 22. November 1940 gemeinsam mit engen Vertrauten die Gruppe Oyneg-Shabes (dt. Freude am Schabbat). Sie untersuchten das alltägliche Leben im Ghetto anhand wissenschaftlicher Methoden, die das YIVO entwickelt hatte. Außerdem sammelten sie sämtliche Materialien, des Ghettoalltags. Zwischen dem Sommer 1942 und dem Frühjahr 1943 wurde das Oyneg-ShabesArchiv im Ghetto vergraben. Die drei einzigen überlebenden Gruppenmitglieder, Hersh und Bluma Vaser sowie die Schriftstellerin Rokhl Oyerbakh konnten in der frühen Nachkriegszeit eine Suche nach dem Archiv erwirken. Am 18. September 1946 sowie am 1. Dezember 1950 wurden insgesamt zehn Blechkisten und zwei Milchkannen geborgen, deren Bestand heute als Ringelblum-Archiv im Żydowski Instytut Historyczny in Warschau aufbewahrt wird. Das ŻIH-Gebäude war Sitz der judaistischen Hauptbibliothek gewesen und lag von 1940 bis 1943 im Warschauer Ghetto. im Warschauer Ghetto initiierte.16
Die Notwendigkeit den eigenen Sportraum zur Verfügung zu stellen, ergab sich aus der sogenannten „Polenaktion“ im Jahr 1938. Diese Verordnung spiegelt die komplexen und angespannten Beziehungen zwischen den beiden Ländern ein Jahr vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wider und zeigt, wie diplomatische Spannungen und ethnische Fragen die politischen Entscheidungen dieser Zeit beeinflussten.
Auf Anweisung Himmlers und mit dem Auswärtigen Amt abgestimmt, wurde die „Polenaktion“ Ende Oktober 1938 durchgeführt. Die Betroffenen wurden an die polnisch-deutsche Grenzstadt Zbąszyń deportiert. Als die polnischen Behörden jedoch die Tragweite der Ereignisse erkannten, veranlassten sie die Sperrung der Grenze. In der Folge strandeten tausende Deportierte im sogenannten Niemandsland, bis ihnen schließlich die Einreise nach Polen gestattet wurde. Die Abschiebung, die für zahlreiche Familien völlig überraschend erfolgte, war zudem geprägt von Unsicherheit und Gewalt.17 In einem zeitgenössischen Text heißt es:
„Die Mehrzahl der Opfer hatte eine halbe Stunde Zeit, um sich anzuziehen und persönliche Dinge zu erledigen […]. Dramatische Szenen begleiten diesen Exodus, wenn Kinder von ihren Eltern getrennt werden, Männer von ihren Frauen. Es kommt zu Ohnmachten aus Hunger. Durst und psychischer Erschütterung wegen der Vertreibung, im Allgemeinen ohne einen Groschen in der Tasche, an ein unbekanntes Ziel.“18
Auch die Eltern Eltern Sendel und Ryfka Grynszpan stammten aus dem Russischen Reich und waren aufgrund der Pogromwellen von dort geflohen. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs besaßen sie die polnische Staatsbürgerschaft und lebten mit ihren Kindern in Hannover. Gemeinsam hatten sie sechs Kinder, drei starben jedoch bereits im Kleinkindalter. Das Ehepaar Grynszpan, ihr Sohn Marcus und die Tochter Berta wurden im Zuge der „Polenaktion“ nach Zbąszyń deportiert und flohen von dort in die Sowjetunion, wo sie die Shoa überlebten. Ihr Sohn Marcus diente in der Roten Armee. Im Jahr 1940 erhielten sie ein letztes Lebenszeichen von ihrem Sohn Herschel, den sie nach dem Krieg erfolglos suchten. Sendel Grynszpan sagte 1961 im Eichmannprozess aus und schilderte seine Erlebnisse im Zuge der „Polenaktion“. Die Familie Grynszpan forderte zudem eine Wiedergutmachungszahlung von der Bonner Regierung, die 1963 erfolgte. 19 Herschel Grynszpans Herschel Grynszpans Herschel Grynszpan (1921–1942?) wurde als Sohn polnischer Juden in Hannover geboren. Mitte der 1930er Jahre verließ er aufgrund mangelnder Perspektiven das Deutsche Reich und emigrierte als mittelloser Jugendlicher zu seinem Onkel nach Paris. Wohl aus Verzweiflung um seine Familie, die Opfer der sogenannten „Polenaktion“ geworden war, schoss Grynszpan auf den Botschaftsmitarbeiter Ernst Eduard vom Rath, der wenig später seinen Verletzungen erlag. Nachdem Grynszpan fast zwei Jahre in Frankreich inhaftiert war, übergab man ihn nach der Einnahme Frankreichs an die deutschen Besatzer. Über Berlin wurde er in das KZ Sachsenhausen deportiert und war anschließend im Zuchthaus Magdeburg inhaftiert. Zu Grynszpans Tod gibt es diverse Theorien, wahrscheinlich ist aber, dass er zwischen 1942 und 1945 ermordet wurde. 20 waren unter den Ausgewiesenen. Am 7. November 1938 verübte der verzweifelte minderjährige Grynszpan in Paris einen Anschlag auf den deutschen Botschaftsmitarbeiter Ernst Eduard vom Rath Ernst Eduard vom Rath Ernst Eduard vom Rath (1909–1938) war ein deutscher Diplomat und Sekretär der Botschaft in Paris. 1932 war er in die NSDAP und im April 1933 in die SA eingetreten. Zwischen 1936 und 1938 war vom Rath am deutschen Generalkonsulat in Kalkutta (Indien) tätig. Aufgrund eines schweren Darmleidens musste er Indien jedoch verlassen und wurde im Frühjahr 1938 an die deutsche Botschaft in Paris versetzt. Am 7. November 1938 wurde vom Rath dort von Herschel Grynszpan angeschossen, der damit vermutlich gegen die Deportation seiner Eltern und anderer Juden aus Deutschland protestieren wollte. Vom Rath erlitt dabei schwere Verletzungen und wurde unter strenger Geheimhaltung in einem Pariser Krankenhaus behandelt. Adolf Hitler entsandte eigens Ärzte nach Paris, um seine Versorgung sicherzustellen, und beförderte vom Rath am 8. November zum Botschaftssekretär I. Klasse. Einen Tag später, am 9. November, erlag vom Rath seinen Verletzungen. Die Nationalsozialisten nutzten seinen Tod propagandistisch, stilisierten ihn zum „Märtyrer“ und missbrauchten das Attentat als Vorwand für die Pogrome vom 9. und 10. November 1938. Am 14./15. November wurde seine Leiche unter großer öffentlicher Anteilnahme ins Deutsche Reich überführt. Das Staatsbegräbnis fand am 17. November in Berlin unter Anwesenheit Hitlers und der NS-Führung statt. Die Beisetzung erfolgte am 18. November in Düsseldorf. . Infolge des Attentats verstarb vom Rath zwei Tage später, am 9. November. Der Hergang der Tat konnte bis heute nicht vollständig rekonstruiert werden. Die Motive Grynszpans sind ebenfalls Gegenstand kontroverser Diskussionen. In der Nachkriegszeit erfolgte die Einordnung der Tat zunächst vorwiegend unter Rückgriff auf NS-Materialien. In der Folge des Attentats wurden in Frankreich die Vorbereitungen für ein Gerichtsverfahren gegen Grynszpan getroffen. Grynszpan wurde dann aber an das Deutsche Reich ausgeliefert, obwohl dies gegen den Waffenstillstandsvertrag und gegen das Völkerrecht verstieß. Der geplante Schauprozess wurde letztlich durch Hitler selbst im Juli 1942 abgesetzt, da Grynszpan drohte, im Prozess die vermeintliche Homosexualität vom Rath zu thematisieren. Im Verlauf seiner Verhöre gab Grynszpan selbst verschiedene Erklärungen zu seinen Beweggründen ab, die zum Teil widersprüchlich waren. Auch die vermeintliche homosexuelle Beziehung zwischen Grynszpan und vom Rath wurden durch den Angeklagten thematisiert. Die wohl bekannteste These besagt, dass es sich um eine Verzweiflungstat handelte, die aufgrund der Verfolgung seiner Familie durch das NS-Regime ausgelöst wurde.21
Unabhängig vom Tathergang wurde dieses Ereignis seitens des nationalsozialistischen Regimes als Vorwand für die beispiellose Gewaltaktion gegen Jüdinnen und Juden im Deutschen Reich zwischen dem 9. und 10. November missbraucht. Bei dem vom NS-Regime organisierten überaus gewaltvollen, antisemitischen Pogromen wurden jüdische Geschäfte, Synagogen und Häuser geplündert und zerstört. Zudem wurden tausende jüdische Männer verhaftet und in die Konzentrationslager Dachau, Buchenwald und Sachsenhausen deportiert. Allein im Rheinland und in Westfalen-Lippe wurden aufgrund der Pogrome 131 Personen ermordet oder in den Suizid getrieben.22

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