Liselotte Grschebina (1908-1994): Diskuswerferin, Tel Aviv 1937

Transkriptionen

Kommentar

Die Aufnahme der Fotografin Liselotte Grschebina zeigt eine Diskuswerferin, deren Körper im Schwung gedreht und deren Blick konzentriert auf das Ziel gerichtet ist, aufgenommen vor dem Hintergrund einer weißen Fassade eines Tel Aviver Bauhauses, das als Symbol für die Umsetzung des praktischen Zionismus und die neue jüdischen Gesellschaft in Palästina gelesen werden kann. Entsprechend der avantgardistischen Bildsprache des “Neuen Sehens” und der “Neuen Sachlichkeit”, die die Fotografin Liselotte Grschebina im Sinne eines Kunst- und Kulturtransfers bei ihrer Flucht aus Nazi-Deutschland mit nach Palästina brachte, ist die Athletin aus einer extremen Perspektive von links unten aufgenommen und zeigt lediglich einen Ausschnitt ihres Körpers. Die Komposition des sich in einer Drehbewegung befindlichen Körpers wird von Diagonalen bestimmt, die eine ungeheure Dynamik erzeugen, die unterstützt wird von einem Spiel aus Licht und Schatten, das ihren Körper in Szene setzt, sowie der Hell-Dunkel-Kontrast ihrer hellen Kleidung auf dem dunkel erscheinenden Körper.1 Die beschriebene Darstellung folgt sowohl ästhetisch als auch ikonographisch zionistischen Vorstellungen und Konzepten des physisch starken “Neuen Juden”, des sogenannten “Muskeljuden”, der als Gegenkonzept zum Stereotyp des schwachen Diaspora-Juden entstand und ein wichtiges Konzept in der Ideologie der Wiedergeburt der Jüdischen Nation darstellte.2 Die Vorstellungen des physisch starken Juden nahmen weiterhin Bezug auf die jüdische Tradition, in dem Unterfangen, an die glorreiche jüdische Antike und Vergangenheit anzuknüfpen sowie an deren Helden wie Bar Kochba oder die Makkabäer, die zu Vorbildern und Namensgebern jüdischer Sportclubs wurden.3
Diese ideologischen Ansprüche im Kontext des Nation-Building-Prozesses in Palästina werden auch in der visuellen Kultur, insbesondere in der Fotografie, sichtbar, die als wichtiges Instrument zur Bewerbung des zionistischen Aufbauwerks diente. So auch die fotografischen Aufnahmen von Sportevents, wie die Makkabiaden sowie von Sportlerinnen und Sportlern, wie die beschriebenen Fotografie der Diskuswerferin Liselotte Grschebinas, oder auch anderer, insbesondere aus Deutschland immigrierter Fotografinnen und Fotografen, wie Walter Zadek.4
Hinsichtlich der Wahl des Motivs und der Ästhetik, zeigen die Athleten-Darstellungen von Liselotte Grschebina sowie die weiterer Fotografinnen und Fotografen, einen klaren Bezug zu Propagandafotografien anderer nationaler Bewegungen der Zeit, die die Ideologie des “Neuen Menschen” propagierten, wie etwa der des Sozialen Realismus in der Sowjetunion oder Fotografien Leni Riefenstahls von Athletinnen und Athleten, die sie während der Olympischen Spiele 1936 in Nazi-Deutschland aufnahm.5
In Liselotte Greschebinas Fotografie der Diskusswerferin wird besonders deutlich, in welcher Art und Weise sie – sowie auch ihre Kolleginnen und Kollegen, die Nazi-Deutschland in den 30er Jahren verlassen mussten und im Auftrag zionistischer Institutionen arbeiteten, um das zionistische Projekt zu bewerben – das Know-How, das sie in der Weimarer Republik durch Werbefotografie erlangt haben anwandten und es ästhetisch und konzeptuell in die ideologischen Ansprüche ihrer neuen Umgebung in Palästina übersetzten und an diese anpassten.
Liselotte Grschebina studierte Grafik Design und Malerei an der Kunstakademie in Karlsruhe sowie Werbefotografie an der Kunstgewerbeschule in Stuttgart. 1934 floh sie von Deutschland nach Palästina. Dort eröffnete sie zusammen mit ihrer Studienfreundin aus Karlsruhe, der Fotografin Ellen Auerbach, die ebenfalls nach Palästina geflohen war, das Fotostudio Ishon in Tel Aviv. Weiterhin war sie im Auftrag der Women's International Zionist Organization (WIZO) als deren offizielle Fotografintätig.6 Es ist anzunehmen, dass in diesem Kontext die Fotografie der Diskuswerferin im Jahr 1937 entstanden ist.
Während die fotografischen Aufnahmen Liselotte Grschebinas aus ihrer Zeit in Deutschland insbesondere Werbeaufnahmen, Frauenporträts sowie künstlerisch-ästhetische Experiment mit dem fotografischen Medium vorführen, die ihre Teilhabe an den emanzipatorischen und avantgardistischen Bewegungen der Weimarer Republik illustrieren, zeigen ihre in Palästina entstandenen Fotografien, unter Anwendung dieser avantgardistischen ästhetischen Ausdrucksweisen, insbesondere verschiedene Aspekte des Nation-Building-Prozesses. Dabei  fokusieren sie vor allem die weiblichen Räume des zionistischen Aufbauwerks, wie die Bereiche der Hauswirtschaft, der Kinderfürsorge und der Landwirtschaft. Neben diesen explizit weiblich konnotierten Räumen, illustrieren die Fotografien auch Tätigkeiten, denen die Frauen scheinbar gleichberechtigt mit ihren männlichen Kameraden nachgehen, insbesondere in den Bereichen der Landwirtschaft und der Industrie. Formalästhetisch zeigen die Aufnahmen vielfältige Referenzen auf die Bildsprache und Ästhetik der Avantgarde-Fotografie der Weimarer Republik, wie experimentelle Ausdrucksweisen des “Neuen Sehens” oder die technische Präzision der “Neuen Sachlichkeit” sowie gestalterische Elemente der Werbefotografie, der Gebrauchsgraphik und der Fotocollage, die die Fotografin im Sinne eines Kunst- und Kulturtransfers mit nach Palästina brachte und dort an die neuen Gegebenheitenanpasste.7
Dieser Prozess ästhetischer, visueller und konzeptueller Übersetzung und Aneignung zeigt sich auch in Liselotte Grschebinas Fotografien von Athletinnen. Während die Darstellungen von Athletinnen, die in der Weimarer Republik entstanden sind, diese in Landschaften und mit einem spielerischen und experimentellen ästhetischen Charakter vorführen, folgen die Darstellungen in Palästina den ästhetischen und ideologischen Ausdrucksweisen im Dienste des Zionismus. Diese ideologischen Ansprüche werden in der Fotografie der Diskuswerferin besonders deutlich. Die Darstellung der Athletin verweist auf das zionistische Ideal der Gleichberechtigung von Mann und Frau, indem sie eine weibliche Diskuswerferin zeigt, die einem männlichen Sport nachgeht, bekleidet in kurzen Hosen und ihren Körper stärkend um den Nation-Building-Prozess, in dem sie als Frau eine aktive Rolle spielen soll, zu unterstützen.1Dieser Prozess ästhetischer, visueller und konzeptueller Übersetzung und Aneignung zeigt sich auch in Liselotte Grschebinas Fotografien von Athletinnen. Während die Darstellungen von Athletinnen, die in der Weimarer Republik entstanden sind, diese in Landschaften und mit einem spielerischen und experimentellen ästhetischen Charakter vorführen, folgen die Darstellungen in Palästina den ästhetischen und ideologischen Ausdrucksweisen im Dienste des Zionismus. Diese ideologischen Ansprüche werden in der Fotografie der Diskuswerferin besonders deutlich. Die Darstellung der Athletin verweist auf das zionistische Ideal der Gleichberechtigung von Mann und Frau, indem sie eine weibliche Diskuswerferin zeigt, die einem männlichen Sport nachgeht, bekleidet in kurzen Hosen und ihren Körper stärkend um den Nation-Building-Prozess, in dem sie als Frau eine aktive Rolle spielen soll, zu unterstützen.8

Metadaten

Informations-Bereich