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Anonymus: PALESTINE MAKING PROGRESS IN SPORT. (20. September 1936). In: New York Times. Zitiert nach: Copernico. Geschichte und kulturelles Erbe im östlichen Europa. URL: https://www.copernico.eu/de/link/67a092d2a4d101.89309651 (15-01-2026)
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Im Jahr 1940 wurde seitens Palästinas erstmals die Teilnahme an den Olympischen Spielen mit einer eigenen Mannschaft angestrebt. Diese Absicht wurde jedoch aufgrund des Boykotts durch die Jewish Agency gegenüber einer Teilnahme im nationalsozialistischen Deutschland im Jahr 1936 verworfen. Eine Fußball-Auswahlmannschaft des palästinensischen Makkabi trat zu einer monatelangen Promotiontour durch die USA an, um für das ambitionierte Vorhaben Finanzmittel zu gewinnen.
Certain to Be in the Next Olympics as Separate Entity for First Time.
SOCCER TEAM WILL TOUR
Maccabee Eleven to Play Initial U.S. Game at the Yankee Stadium Next Sunday.
An ambitious sports program with participation in the Olympic Games in Japan in 1940 as its objective is now under way in Palestine. The ancient homeland of the Jews is rapidly becoming sports conscious, and interest in athletics there is so abounding that it is certain that Palestine, for the first time in history, will have representation in the Olympics as a separate entity.
Dr. Alexander Rosenfeld, vice president of the Maccabee Sports Organization, the governing body in Palestine, made these facts known yesterday while outlining the program of the champion Maccabee soccer team, recently arrived here for a tour of the United States.
Will Make U.S. Début
The Jewish soccer aggregation will make its first American appearance next Sunday at the Yankee Stadium against an all-star eleven picked from among outstanding players of the New York area. The game will be played for the benefit of the Jews of Poland, and will be sponsored by the Federation of Polish Jews in America, an organization of which Benjamin Winter is president.
Dr. Rosenfeld explained that the present trip of the Maccabee players is a natural step in the movement to gain representation for Palestine in the Olympics. The squad now in this country, he pointed out, already has met and defeated teams in Egypt, Syria, Lebanon, Hungary and Rumania, and has gained the championship of the Near East.
Training Facilities Poor
The appearance of the Jewish team in this country will serve greatly to show American sports followers the advances that have been made in athletics in Palestine, even in the face of inadequate training facilities and financial hardships. In addition to excellence in soccer, the natives of Palestine have shown considerable aptitude for other sports, particularly water polo, track and field, fencing and gymnastics.
The itinerary of the Maccabees here will include games in Philadelphia, Pittsburgh, Boston, Detroit and Chicago, as well as the one in New York.
Dr. Alexander Rosenfeld, der Vize-Präsident des Makkabi-Weltverbandes (MWV), wollte womöglich Aufmerksamkeit generieren, als er vor der versammelten US-Presse die Teilnahme einer palästinensischen Mannschaft an den Olympischen Spielen 1940 in Aussicht stellte. Den eigentlichen Anlass für die Pressekonferenz im September 1936 bildete der Auftakt einer Benefiz- und Promotiontour der Makkabi-Auswahlfußballmannschaft aus dem Mandatsgebiet Palästina durch Nordamerika.
Allerdings waren erst wenige Wochen zuvor die Olympischen Spiele von Berlin zu Ende gegangen, welche im Vorfeld gerade in den Vereinigten Staaten vor dem Hintergrund der antisemitischen Diskriminierung in Deutschland hitzige Debatten ausgelöst hatten. Der Streit war um die Möglichkeit beziehungsweise um die Notwendigkeit eines Olympia-Boykotts gekreist. Die entscheidende Abstimmung hatte dabei in der American Athletic Union stattgefunden, welcher die Aufgabe zufiel, mit der Bestätigung des Amateurstatus de facto die Olympia-Freigabe für das designierte US-Team zu erteilen. Die Entscheidung war – wenn auch nur mit einem knappen Vorsprung von drei Stimmen – zugunsten der Teilnahme gefallen, was den Verbandspräsidenten, den irisch-katholischen Richter Jeremiah T. Mahoney (1878–1970), zum sofortigen Rücktritt bewogen hatte.1
Die Kontroverse hatte es seinerzeit auf die nationalen Titelseiten geschafft.2 Jetzt aber trat Mahoney als Ehrenvorsitzender des Tourkomitees der Palästina-Auswahl in Erscheinung, und indem Rosenfeld zudem den Olympia-Bezug herstellte, machte er die Makkabi-Reise auch über jüdische Kreise hinaus für ein allgemeines US-Publikum interessant. Allein in der New York Times erschienen zwischen August und Dezember 1936 mindestens 29 Beiträge, die auf die Reise des Makkabi-Fußballer Bezug nahmen. Auch für Mahoney brachen bald bessere Zeiten an: Im Dezember ließ er sich auf den AAU-Vorsitz zurückwählen und trat dann 1937 als demokratischer Herausforderer gegen den republikanischen Amtsinhaber Fiorello H. LaGuardia (1882–1947) bei den New Yorker Bürgermeisterwahlen an.3
Es war nicht das erste Mal, dass palästinensische Makkabi-Sportler in die USA reisten. Bereits im Sommer 1927 waren sie zwei Monate lang durch die jüdischen Zentren des Landes, v. a. an der Ostküste, getourt. Das große Interesse daran hatte seinerzeit zu einer engmaschigen Berichterstattung von Zeitungen wie der New York Times über die einzelnen Stationen und Termine geführt, die Spiele bereits jeweils 15.000 oder sogar 25.000 Menschen angezogen.4 Die Hälfte der Erlöse waren an den Jüdischen Nationalfonds geflossen, der damit weitere Landankäufe im Mandatsgebiet finanzierte und so das zionistische Projekt legal vorantrieb.5
Just während der Makkabi-Tour durch die Vereinigten Staaten 1927 erschien in der örtlichen Presse ein Artikel, der die Häufung von USA-Reisen seitens der weltweit führenden Fußballmannschaften zum Thema machte. Der Text, der angesichts der peripheren Bedeutung dieses Sports in Amerika im Ton der Verwunderung gehalten war, nahm zentral auch auf die Touren des vormaligen österreichischen Meisters Hakoah Wien 1926 und 1927 Bezug.6 Hierbei ging es zwar primär darum, eine zusätzliche Einnahmequelle zu erschließen, was gleich in doppelter Hinsicht misslang: Auf der ersten Reise wurden so viele Spieler von US-Teams abgeworben, dass in der Folgesaison der sportliche Erfolg ausblieb, während die zweite Reise mit einem weiteren Verlust von Spielern einherging und in einem finanziellen Debakel endete, der den Club an den Rand der Existenz brachte und den Vorstand zum Rücktritt zwang.7
Allerdings unterstreichen die Promo-Touren von Hakoah Wien, die sowohl in Ostmitteleuropa und besonders Polen als auch in den USA zu regelrechten
Publikumsmagneten
Publikumsmagneten
Das Spiel der Wiener von 1926 im New Yorker Stadion Polo Grounds stellte mit 48.000 Menschen einen Besucherrekord für ein Fußballspiel in der Stadt auf, der erst 1947 anlässlich des Spiels einer Hapoel-Auswahlmannschaft aus Palästina übertroffen wurde.
avancierten, die Transterritorialität jüdischer Gemeinschafts- und Sinnstiftung im Sport.8 Beiderseits des Atlantiks fühlten sich jeweils Zehntausende einander zugehörig und in ihrer durch den Club repräsentierten Jüdischkeit bestärkt. So materialisierte sich im regen Zustrom zu den Spielen das erkennbare Bedürfnis nach einer positiven Repräsentation des explizit Jüdischen, die dann auf den individuellen Fan und seine Gemeinschaft zurückwirkte. Davon zeugt auch der enorme Widerhall der Hakoah-Reisen in der jüdischen Welt, der noch heute quellenmäßig ohne größeren Aufwand nachvollzogen werden kann.
Die Transterritorialität als eine der zentralen jüdischen Erfahrungen verkörperte auch die in diesem Artikel namentlich Genannten. Der Immobilienentwickler und Philanthrop Benjamin Winter (1881–1944) war aus Łódź nach New York ausgewandert, wo er nun als Präsident der karitativen Nichtregierungsorganisation American Federation for Polish Jews die soziale Bindung zwischen neuer und alter Heimat aufrechterhielt. Dass zudem ein palästinensisch-jüdisches Team ein Spiel in New York bestritt, dessen Einnahmen wiederum den notleidenden „Juden Polens“ und nicht der Beförderung des zionistischen Projekts zugutekamen, unterstreicht den Befund.
Der prominent erwähnte Hebraist Alexander Rosenfeld war dagegen Zionist, hatte nach Stationen in Berlin und
Kaunas ist eine Stadt in Litauen, ca. 100 km westlich der Hauptstadt Vilnius, und mit knapp 304.000 Einwohnern zweitgrößte Stadt des Landes. Von 1920 bis 1940 war Kaunas selbst litauische Hauptstadt. Vor 1918 - dem Gründungsjahr der Litauischen Republik - gehörte Kaunas zum Russischen Kaiserreich, vor 1795 über lange Zeit fast durchgehend zu Polen-Litauen.
schließlich Alijah gemacht und sich in Tel Aviv niedergelassen. Dem Präsidium des MWV gehörte er seit dem Ende des vergangenen Jahrzehnts an, schrieb regelmäßig für „Der Makkabi“ und war 1929 in
Mährisch Ostrau ist heute ein Stadtteil von Ostrava. Der Ort wurde 1269 als Städtchen ersterwähnt, und bildet heute den Stadtkern von Ostrava. Während der deutschen Besatzung wurden 1941 Schlesisch Ostrau und weitere Orte eingemeindet. 1947 wurde die Stadt, die nun in zwei historischen Regionen lag, in Ostrava umbenannt. Die historische Zugehörigkeit spiegelt sich im Namen des Mährisch-Schlesischen Bezirks wider, in dem Ostrava heute liegt.
als Übersetzer des Referats von Yosef Yekutieli in Erscheinung getreten, das den Anstoß zur Institutionalisierung der Makkabiade gab.9 Das kulturelle und ideelle Aufbauwerk verband Rosenfeld mit dem Handfest-Materiellen: Im Vorfeld der ersten Makkabiah 1932 sammelte er bei Förderern in New York eine substanzielle Summe ein, um überhaupt erst das für die Spiele notwendige Stadion in Tel Aviv errichten zu können.10
So zögerlich die britische Mandatsmacht auch dem zionistischen Projekt im Ganzen entgegentrat und beispielsweise auf antijüdische Gewaltausbrüche von arabischer Seite eher mit Immigrationsbeschränkungen für Jüdinnen und Juden reagierte denn mit einer konsequenten Bestrafung der Täter und Urheber, so sehr erwiesen sich die sportlichen Bestrebungen im
Jischuw
Jischuw
auch:
Jischuv
Der Begriff Jischuw (hebr. für Siedlung, bewohntes Land) bezeichnet die Gesamtheit der jüdischen Siedlungen und Einwohner Palästinas vom Beginn der zionistisch motivierten Einwanderung (Alijah) um das Jahr 1882 bis zur Gründung des Staates Israel im Jahr 1948. Der sogenannte „alte“ Jischuw hingegen umfasst die vorherige jüdische Besiedlung Palästinas, die sich seit dem Mittelalter aus religiösen Gründen dort niederließ.
als eine Sphäre, die die Basis für eine punktuelle Verständigung und sogar explizite Förderung bot. Beispielsweise stellten die Briten das Grundstück für das bereits erwähnte, mit Rosenfelds Einsatz gebaute Makkabiah-Stadion kostenfrei zur Verfügung, und der seit 1931 amtierende britische Hochkommissar Arthur Wauchope übernahm die Schirmherrschaft über die Spiele.11
Auch für die olympischen Ambitionen war nicht zuletzt deshalb mit Wohlwollen zu rechnen, weil dem 1933 eingerichteten Olympischen Komitee der frühere Chef der Jewish Agency und vormalige britische Colonel Frederick Hermann Kisch (1888–1943) vorstand, der 1939 im Alter von 52 Jahren freiwillig erneut in den aktiven Dienst eintrat. 1943 fiel er in Nordafrika, ohne jedoch die Olympia Teilnahme eines Teams aus Palästina erlebt zu haben.12
Nach der Bestätigung durch das IOC 1934 wurde das Palästinensische Komitee zwar bereits wie alle anderen vom deutschen Organisationskomitee zur Teilnahme an den Berliner Spielen 1936 eingeladen, doch drängten vor allem Kreise aus der Jewish Agency auf einen Boykott der Nationalsozialisten, was Kisch zu einer Absage mit Verweis auf die kurze Vorbereitungszeit zwang.13 Gerade bei den jüdischen Sportvereinen in Deutschland löste das große Enttäuschung aus, da ihnen als vielfältig diffamierter und sukzessive diskriminierter Gemeinschaft an einer wirkungsvollen öffentlichen Repräsentation jüdischer Körperkraft gelegen war, die die Verleumdung offenbar machen würde.14
Ab 1936 sorgten neue Reibungen im Palästinensischen Olympischen Komitee, vornehmlich zwischen Kisch und Yekutieli, dafür, dass die strukturellen Voraussetzungen für eine Teilnahme an den Olympischen Spielen 1940 zunehmend wegbrachen, auch wenn diese stattgefunden hätten.15 Es kam bekanntermaßen anders: Millionen Juden wurden in Europa ermordet und viele der Überlenden verließen den Kontinent, auch nach Palästina, wo im Mai 1948 der Staat Israel völkerrechtliche Realität wurde. Rivalitäten innerhalb Israels (zwischen Makkabi und Hapoel) als auch mit der arabischen Welt führten dazu, dass jüdische Athletinnen und Athleten aus Palästina erst 1952 bei Olympischen Spielen antraten, in Helsinki.16
John A. Lucas: Judge Jeremiah T. Mahoney, the Amateur Athletic Union, and the Olympic Games. In: Journal of Sport History 35 (2008), H.3, S. 503-508, hier: S. 505.
2.
Vgl. beispielhaft New York Times (NYT) vom 9. Dezember 1935, S. 1.
3.
LaGuardia empfing die Fußballmannschaft aus Palästina übrigens im New Yorker Rathaus, S. NYT vom 16.09.1936, S. 32.
4.
Vgl. NYT vom 13. Juni 1927, S. 26, und NYT vom 27. Juni 1927, S. 15.
5.
NYT vom 3. Juni 1927, S. 18.
6.
NYT vom 20. Juli 1927, S. 18.
7.
NYT vom 30. Juli 1927, S. 11.
8.
Vgl. NYT vom 11.04.1947, S. 23. Zu den früheren Reise in das Mandatsgebiet Palästina: Haggai Harif: Israeli Sport in the Transition from a Mandatory Community to a Sovereign State: Trends of Continuity and Change. In: Yair Galily / Amir Ben-Porat (Hg.): Sport, Politics and Society in the Land of Israel: Past and Present. London 2013, S. 22–46, hier: S. 29.
9.
Der Makkabi 30 (1929), H. 7/8, S. 9. Für den Abdruck des Referats s.: ebd, S. 6 f.
10.
Nina S. Spiegel: Constructing the City of Tel Aviv: Urban Space, Physical Culture and the Natural and Built Environment. In: Rethinking History 16 (2012). H. 4, S. 497–516, hier: S. 507 ff., S. 513. DOI: https://doi.org/10.1080/13642529.2012.697279.
11.
Nina S. Spiegel: Constructing the City of Tel Aviv: Urban Space, Physical Culture and the Natural and Built Environment. In: Rethinking History 16 (2012). H. 4, S. 497–516, hier: S. 509, S. 513. DOI: https://doi.org/10.1080/13642529.2012.697279
12.
Harif, Israeli Sport, S. 26. Vgl. das kurze Biogramm ohne Erwähnung des Amtes im Olympischen Komitees bei: Arno Lustiger: Zum Kampf auf Leben und Tod! Das Buch vom Widerstand der Juden 1933–1945. Köln 1994, S. 572 f.
13.
Amichai Alperovich/Robin Streppelhoff: A Short History of (Eretz) Israel’s Way into the International Olympic Movement. In: Stadion 46 (2022), H. 2, S. 173–194, hier: S. 181. Zu den Hintergründen der verzögerten Anerkennung durch das IOC s. auch S. 179 f.
14.
Hans Friedenthal: Makkabiah und Olympiade. In: Der Makkabi 26 (1934), H. 6, S. 3.
15.
Alperovich/Streppelhoff, Israel’s Way, S. 182. Zum Verhältnis zwischen Kisch und Yekutieli vgl. auch: San Charles Haddad: Maccabi Soldiers: Yosef Yekutieli, Frederick Kisch, and Mandate Palestine’s Connections to the 1936 Berlin Olympic Games. In: Jounal of Olympic History 28 (2020), H. 1, S. 35–51.
16.
Zu den Details: Alperovich/Streppelhoff, Israel’s Way, S. 183 ff.
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Anonymus: PALESTINE MAKING PROGRESS IN SPORT. (20. September 1936). In: New York Times. Zitiert nach: Copernico. Geschichte und kulturelles Erbe im östlichen Europa. URL: https://www.copernico.eu/de/link/67a092d2a4d101.89309651 (15-01-2026)
Martin Borkowski-Saruhan: Kommentar zu: Anonymus: PALESTINE MAKING PROGRESS IN SPORT. (20. September 1936). In: New York Times. In: Copernico. Geschichte und kulturelles Erbe im östlichen Europa. URL: https://www.copernico.eu/de/link/67a092d2a4d101.89309651 (15-01-2026)