Programm des Schauturnens des Jüdischen Turnvereins in Tomaszów 1913

Der Jüdische Turnverein in Tomaszów Mazowiecki war zur Zeit seiner Gründung im Jahr 1911 der erste jüdische Sportverein, der von den Behörden im Russischen Reich genehmigt wurde. Das hier vorliegende Programm des Schauturnens von 1913 wirft ein Schlaglicht auf das Vereinsleben und seine Wirkung in der Stadtöffentlichkeit. Es hält zudem einen kurzen historischen Moment fest, als noch vor dem Ersten Weltkrieg immer mehr Vereine in der Gegend von Łódź zugelassen wurden und hier das Zentrum jüdischen Sports in (Russisch-) Polen lag.

Transkriptionen

Transkription (Russisch)

Гимнастическое ТОРЖЕСТВО
Томаш. Евр. Гимнаст. Общество
въ Воскресенье 9 Iюня 1913 г.
Учит. гимн. А. СТЕМПЕЛЬ
Программа.
I часть.
Маршировка всѣхъ гимнастовъ.
  1. Волныя (Липскія) движенія дѣйствительныхъ гимнастовъ и воспитанниковъ
  2. Вольныя движенія дамскaго отдѣленія(салонныя)
  3. Фигуральныя упражненія активныхъ гимнастовъ
  4. Вольныя упражненія дамской секціи съ палочками
II частъ.
  1. Упражненія дамскaго отдѣленія на снарядахъ
  2. Школьныя упражненія дѣйствительныхъ гимнастовъ и воспитанниковъ
  3. Показныя упражненія дѣйствительныхъ гимнастовъ и воспитанниковъ
     
    Антрактъ 1 частъ.

III частъ.
  1. Пирамиды дамскaго отдѣленія
  2. Пирамиды дѣйствительныхъ гимнастовъ и воспитанниковъ
(при цвѣтномъ освѣщеніи) 
Печатать разр. г. Томашова 2 Iюня 1913 г.
Штабсъ-Капитанъ РАНЕТА
Типография
В. Гандвергера, въ Томашовѣ

Transkription (Polnisch)

Popis Gimnastyczny
Tomasz. Żyd. Tow. Gimnastyczne
w Niedzielę 22 Czerwca 1913 r.
Naucz. Gimn. A. STEMPEL
PROGRAM.
I część.
Ogólny wymarsz.
  1. Wolne ćwiczenia (t. zw. Lipskie) czynnych członków i wychowańców
  2. Wolne ćwiczenia damskiej sekcyi (Salonowe)
  3. Figurowe ćwiczenia czynnych członków
  4. Wolne ćwiczenia damskiej sekcyi z pałkami
II część.
  1. Ćwiczenia damskiej sekcyi na przyrządach
  2. Ćwiczenia szkolne członków czynnych i wychowańców
  3. Ćwiczenia popisowe członków czynnych i wychowańców
Pauza 1 godzina.
III część.
  1. Piramidy sekcyi damskiej
  2. Piramidy członków czynnych i wychowańców (przy sztucznych ogniach)

Translations

Übersetzung (Deutsch)

Tomaszower Jüdischer Turnverein

Tomaszower Jüdischer Turnverein 1 
Sonntag, den 22. Juni 1913
Schauturnen2 
Turnlehrer A. Stempel3
Erster Teil.
Allgemeiner Aufmarsch
  1. Freiübungen4 (sog. Leipziger5 Übungen) der aktiven Mitglieder und Zöglinge
  2. Freiübungen der Frauensektion (Gesellschaftsübungen6 )
  3. Akrobatische Übungen der aktiven Mitglieder
  4. Stabübungen der Damensektion
Zweiter Teil.
  1. Geräteübungen der Damensektion
  2. Pflichtübungen der aktiven Mitglieder und Zöglinge
  3. Kürübungen der aktiven Mitglieder und Zöglinge  Pause 1 Stunde.
Dritter Teil.
  1. Pyramidenaufstellung der Damensektion
  2. Pyramidenaufstellung der aktiven Mitglieder und Zöglinge
    (mit bengalischem Feuer)
[|3|]7 
[|4|] 
 
Gedruckt mit Genehmigung der Stadt Tomaszów vom 15. Juni 1913
Stabshauptmann RANETA
Druckerei von W. Handwerg in Tomaszów

Fußnoten

1.
Die Initiative zur Vereinsgründung ging von dem Tomaszower Textilfabrikanten und Philanthropen Samuel Steinman (Lebensdaten nicht feststellbar) aus, der über seine Söhne eine Gruppe von sportinteressierten Jugendlichen zusammenstellen ließ. Nachdem diese seine Vereinspläne begeistert aufgenommen hatten, überzeugte Steinman den Vorsitzenden der Gemeinde, den Textilfabrikanten Aleksander Landsberg, von dem Vorhaben. Im Jahr 1911 erfolgte die Gründung des Clubs, sein Name lautete Żydowskie Towarzystwo Gimnastyczno-Sportowe (kurz: Ż.T.G.S., deutsch Jüdischer Turn- und Sportverein). Bald darauf erfolgte die Legalisierung bei der Piotrkower Gouvernementregierung, im offiziellen russischen Namen fehlte der Hinweis auf Sport. Steinman wurde der erste Vorsitzende des Vereins, stiftete das Grundkapital von 15 Rubeln und ließ auf eigene Kosten eine Turnhalle errichten. Vor allem Jugendliche nahmen das Sortangebot sehr rege an und in kürzester Zeit entstanden Sektionen für die Disziplinen: Turnen (Erwachsene und Jugendliche), Leichtathletik, Fußball, Radsport und Schwimmen. Auch ein Blasorchester bestand. Der Verein finanzierte sich über die Beiträge der aktiven und nichtaktiven Mitglieder, deren Zahl von dem letzten Vorsitzende bis 1939 mit ca. 300 angegeben wurde. Vgl. Józek Śpiewak (Yuzek Spievak), Yidisher turn un sport-fareyn, in: M. Wajsberg (Hg.), Sefer zikaron le-kehilat Tomaszow Mazowiecki, Tel Aviv 1969, S. 191 f.
2.
Die Turn- und die Leichtathletiksektionen des Vereins organisierten von Anfang an Auftritte und Turnfeste, zu welchen sehr viele sowohl jüdische als auch nichtjüdische Zuschauende gekommen sein soll. Diese Sektionen nahmen auch an Sportveranstaltungen in anderen Städten (Krakau, Lodz, Tschenstochau, Warschau, Piotrków Trybunalski) teil. Śpiewak, Yidisher turn un sport-fareyn.
3.
Zu dieser Person konnten keine biographischen Daten ermittelt werden. Ein Bericht aus dem Jahr 1914 enthält eine abweichende Namensnennung: Alfons Hempel. Vgl. Berichte. Russland. Lodz. Erstes Jüdisches Turnfest. In: Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport 15 (1914), 2, S. 48.
4.
Freiübungen sind eine turnerische Disziplin ohne Geräte, die von Adolf Spieß begründet wurde. Er beschrieb sie 1840 wie folgt: „Die Freiübungen machen eine in sich abgeschlossene Art von Turnübungen aus, welche in den Zuständen des Stehens, Gehens, Hüpfens, Springens, Laufens und Drehens dargestellt werden, wobei jede mögliche Tätigkeit aller Leibesteile während derselben geübt wird.“ Adolf Spieß, Das Turnen in den Freiübungen für beide Geschlechter [= Die Lehre der Turnkunst. Erster Teil. Die Freiübungen], Basel 1840, S.4. Der Name, in der polnische Übersetzung „freie Übungen“, deutet die Offenheit zur freien Variation an. Sie wurden oft als Massenübungen praktiziert, mit der Weiterentwicklung zum Bodenturnen und dessen Anerkennung als Wettkampfdisziplin 1930 wurde die Einzelausführung zur Norm.
5.
Die Bezugnahme auf die Stadt Leipzig ist unklar. Leipzig spielte in der deutschen Turnbewegung eine zentrale Rolle, war 1863 Austragungsort des 3. Allgemeinen Deutschen Turnfests und ebenso Publikationsort zahlreicher einschlägiger Veröffentlichungen.
6.
Es konnte nicht ermittelt werden, welche Übungen mit dem Begriff bezeichnet wurden. Eine mögliche Deutung bezieht sich auf einfache Übungen ohne Aufwand an Raum und Gerät, die ohne weiteres im heimischen Salon durchgeführt werden können.
7.
Die Übersetzung der polnischsprachigen Seite 3 der Quelle entfällt, weil sie inhaltsgleich mit der russischspachigen Seite 2 ist.

Kommentar

Kommentar zum Programm Turnfest Tomaszów 1913

Bei der hier vorliegenden Quelle handelt es sich um das vierseitige, gedruckte Programmheft für das Schauturnen des Jüdischen Turnvereins in 
Tomaszów Mazowiecki
yid. Temešov, yid. טאָמעשעוו, deu. Tomaschow an der Piliza, rus. Kuznice Tomašovske, rus. Кузнице Томашовске, pol. Kuźnice Tomaszowskie, rus. Tomašuv-Mazoweckij, rus. Tомашув-Mазовецкий, rus. Tomašuv-Mazowecki, rus. Tomašov-Mazoweckij, pol. Tomaszów Piotrkowski, pol. Tomaszów Rawski

Tomaszów Mazowiecki (Bevölkerung 2022: 58.089) ist eine Industriestadt in der zentralpolnischen Woiwodschaft Łódź. Sie liegt im Grenzgebiet zweier historischer Landschaften: Während der Großteil der Stadt in Masowien liegt, gehören seine östlichen Stadtteile rechts des Flusses Pilica zu Kleinpolen. Die heutige Stadt geht auf ein Hammerwerk zurück, an dem 1788 die Siedlung Kuźnice Tomaszowskie entstand. 1830 erhielt der Ort Stadtrechte und den heutigen Namen. Neben der Eisengewinnung und -verarbeitung etablierte sich Tomaszów Mazowiecki auch als bedeutender Standort der Textilindustrie, für deren Entwicklung Siedler unter anderem aus Görlitz angeworben worden waren.

 am 22. Juni 1913, das, ähnlich wie die „Satzung der jüdischen Turngesellschaft von Włocławek“ und der Beitrag „Der Turn- und Sportverein Hakoah“ aus dem Yizkor-Buch Pinkes Bendin, Zeugnis ablegt über die Bedingungen, unter denen sich jüdische Vergemeinschaftung im Sport am Vorabend des Ersten Weltkriegs in Polen entwickelte. Sie dokumentiert die Aktivitäten des ersten offiziell zugelassenen jüdischen Sportvereins im 
Russländisches Kaiserreich
rus. Российская империя, rus. Rossijskaja imperija, eng. Russian Empire, deu. Russisches Zarenreich, rus. Всероссийская империя, rus. Wserossijskaja imperija, deu. Kaiserreich Russland, deu. Russisches Kaiserreich, deu. Russisches Reich, deu. Russländisches Reich

Das Russländische Kaiserreich (auch Russisches Reich, Russisches Kaiserreich oder Kaiserreich Russland) war ein von 1721 bis 1917 existierender Staat in Osteuropa, Zentralasien und Nordamerika. Das Land war Mitte des 19. Jahrhunderts das größte zusammenhängende Reich der Neuzeit. Es wurde nach der Februarrevolution im Jahr 1917 aufgelöst. Der Staat galt als autokratisch regiert und wurde von ungefähr 181 Millionen Menschen bewohnt.

 in den ersten Jahren seines Bestehens. Zum Entstehungszeitpunkt der Quelle im Jahr 1913 gab es bereits weitere vier Vereine und der Club in 
Włocławek
deu. Leslau, rus. Vloclavsk, rus. Vloclavskʺ, rus. Vloclavok, rus. Влоцлавок, rus. Влоцлавск, rus. Влоцлавскъ

Włocławek (Bevölkerungszahl 2022: 102.102) liegt in der Woiwodschaft Kujawien-Pommern etwa 50 km südöstlich von Thorn (Toruń) an der Weichsel und gehört zu den ältesten polnischen Städten. Im 10. Jahrhundert war Włocławek das administrative Zentrum der historischen Landschaft Kujawien. Im 13. Jahrhundert verlor die Stadt diese Funktion, vermutlich auch wegen der zahlreichen Angriffe der Deutschen Ordensritter, die bis ins 15. Jahrhundert die Stadt bedrohten. Noch im 15. Jahrhundert etablierte sich Włocławek als ein wichtiger Ort für den Getreidehandel über die Weichsel nach Danzig.
Im Zuge der Teilungen Polen-Litauens gehörte Włocławek zunächst ab 1793 zu Preußen und ab 1807 nach dem Frieden von Tilsit zum Herzogtum Warschau. Ab 1815 war die Stadt bis zur Gründung der Republik Polen 1918 Teil des Russland zugehörigen Kongresspolens. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Stadt zu einem bedeutenden Industriestandort.
Im Zweiten Weltkrieg gehörte Włocławek bzw. dt. Leslau zum Reichsgau Wartheland. Die Stadt erlitt starke Zerstörungen. Ihre Entwicklung in der Nachkriegszeit konnte nicht an die frühere Bedeutung anschließen, auch wenn sie weiterhin zu den wichtigsten Städten der Region gehört.

 hatte nachweislich das Recht, öffentliche Wettbewerbe und Turnfeste abzuhalten.1 Doch stellt das Programmheft den frühesten Dokumentenbeleg für ein tatsächlich stattgefundenes Schauturnen eines jüdischen Vereins dar. 
Tomaszów Mazowiecki
yid. Temešov, yid. טאָמעשעוו, deu. Tomaschow an der Piliza, rus. Kuznice Tomašovske, rus. Кузнице Томашовске, pol. Kuźnice Tomaszowskie, rus. Tomašuv-Mazoweckij, rus. Tомашув-Mазовецкий, rus. Tomašuv-Mazowecki, rus. Tomašov-Mazoweckij, pol. Tomaszów Piotrkowski, pol. Tomaszów Rawski

Tomaszów Mazowiecki (Bevölkerung 2022: 58.089) ist eine Industriestadt in der zentralpolnischen Woiwodschaft Łódź. Sie liegt im Grenzgebiet zweier historischer Landschaften: Während der Großteil der Stadt in Masowien liegt, gehören seine östlichen Stadtteile rechts des Flusses Pilica zu Kleinpolen. Die heutige Stadt geht auf ein Hammerwerk zurück, an dem 1788 die Siedlung Kuźnice Tomaszowskie entstand. 1830 erhielt der Ort Stadtrechte und den heutigen Namen. Neben der Eisengewinnung und -verarbeitung etablierte sich Tomaszów Mazowiecki auch als bedeutender Standort der Textilindustrie, für deren Entwicklung Siedler unter anderem aus Görlitz angeworben worden waren.

 war eine verhältnismäßige junge Stadt im Gouvernement Piotrków bzw. Petrokow in 
Kongresspolen
eng. Kingdom of Poland, eng. Congress Poland, deu. Königreich Polen, pol. Królestwo Polskie

Kongresspolen ist die Bezeichnung für das von 1815 bis 1916 unter russischer Oberherrschaft stehende Königreich Polen. Nach den drei Teilungen und der endgültigen Auflösung der alten Adelsrepublik Polen-Litauen (1772, 1793, 1795) hatte zunächst kein polnischer Staat mehr existiert, bis 1807-1815 der napoleonische Satellitenstaat des Herzogtums Warschau eingerichtet wurde. Im Rahmen des Wiener Kongresses (1815) wurde zwar wieder ein polnisches Königreich errichtet. Polnischer König war allerdings in Personalunion der russische Zar und Kaiser.

In der Folge kam es mehrfach zu erfolglosen Aufständen der polnischen Bevölkerung und Elite gegen die russische Oberherrschaft (u. a. Novemberaufstand 1830/1831, Januaraufstand 1863/1864), die allerdings nur zu wachsender Repression, massiven Auswanderungs- und Fluchtwellen (Große Emigration/Wielka Emigracja) und schließlich der auch administrativen Eingliederung in den russischen Staat führten.

Das Bild zeigt eine Karte eines 1871 in Braunschweig publizierten Schulatlas. Hervorgehoben sind die preußische Provinz Preußen sowie (blassrot) Kongresspolen (CC 1.0).

, deren Gründung auf Eisenerzfunde auf den Besitzungen des Grafen Antoni Jan Ostrowski (1782–1845) Ende des 18. Jahrhunderts zurückging. Im Laufe des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die zunächst private, 1830 mit Stadtrechten versehene Siedlung begünstigt durch den Zuzug jüdischer Weber und Unternehmer zu einem bedeutenden Standort v. a. der Textilindustrie. Im Jahr 1911 waren 72 der 109 lokalen Textilunternehmer jüdisch. Eine jüdische Gemeinde bestand faktisch seit 1831, doch erfolgte ihre Anerkennung durch die zarischen Behörden erst 1904.2 Die jüdische Bevölkerung wuchs bis 1897 auf 9.320 Personen an, während sich ihr Anteil an der Stadtbevölkerung bis auf 47 % erhöhte. Bauten wie die Synagoge und das Krankenhaus waren sichtbarer Ausdruck der Prosperität der jüdischen Gemeinde und zu Beginn des 20. Jahrhunderts ermöglichten die Spenden lokaler Philanthropen die Schaffung neuer Kultur- und Bildungseinrichtungen.3 
Die hier skizzierte Entwicklung des jüdischen Tomaszów spiegelt sich auch in der Entstehungsgeschichte des Turnvereins, wie sie Józek Śpiewak in seinem Beitrag zum 1969 erschienenen Yizkor-Buch der Gemeinde schildert.[^5315] Demzufolge soll die Initiative zur Vereinsgründung von dem örtlichen Textilfabrikanten und Philanthropen Samuel (auch: Szmul) Steinman (1869–1933)4 ausgegangen sein, welchen die Begeisterung der Jugend für Sport aufgefallen war. Über seine Söhne5 ließ er recherchieren, ob sich unter den sportbegeisterten Jugendlichen ausreichend Interessenten für ein Verein fänden. Diese Pläne fanden begeisterte Aufnahme, sodass Steinman dem Vorsitzenden der Gemeinde, dem Textilfabrikanten Aleksander Landsberg, eine lange Namensliste präsentieren und ihn schließlich von dem Vorhaben überzeugen konnte. Im Jahr 1911 erfolgte die Gründung unter dem Namen „Żydowskie Towarzystwo Gimnastyczno-Sportowe“ (kurz: Ż.T.G.S., deutsch Jüdischer Turn- und Sportverein). Bei der Übersetzung ins Russische zu Zwecken der anschließenden Legalisierung bei der Piotrkower Gouvernementregierung fehlte dann offenkundig der Hinweis auf Sport. Samuel Steinman wurde der erste Vorsitzende des Vereins, stiftete das Grundkapital und ließ auf eigene Kosten eine Turnhalle errichten.
Möglicherweise ließ die retrospektive Betrachtung Śpiewak die Rolle Steinmans, der allerdings auch andernorts als „Vater des jüdischen Sports in Polen“ gewürdigt wird,6 ein wenig zu stark betonen, denn die Meldung des Vorstands des frisch gegründeten Vereins in der Jüdischen Turnzeitung vom Dezember 1911 fiel differenzierter aus: Die Gründung sei eine Gemeinschaftsaufgabe mehrerer Akteure gewesen und die Finanzierung des geplanten Hallenbaus auch noch keineswegs endgültig gesichert.7 Tatsächlich muss vor allem das erfolgreiche Antichambrieren der Initiatoren bei der Gouvernementverwaltung hervorgehoben werden, denn noch im Vorjahr hatte die Jüdische Turnzeitung allen Hoffnungen auf eine Lockerung der Restriktionen im Russischen Reich in absehbarer Zeit eine deutliche Absage erteilt.8 
Unklar ist, ob und inwiefern das Projekt des Turnvereins auch durch antisemitische Ausschlusserfahrungen motiviert war. Die Gegend von 
Łódź
deu. Lodz, deu. Litzmannstadt, deu. Lodsch, yid. Lodž, yid. לאָדזש, pol. Łodzia, deu. Lodsch

Die kreisfreie Stadt Łódź (Bevölkerung 2024: 645.693) liegt in der gleichnamigen Woiwodschaft im Zentrum Polens. Die bis in die 1820er Jahre unbedeutende Kleinstadt erfuhr einen enormen Aufschwung nach dem Ausbau zum führenden Industriezentrum im autonomen Königreich Polen und wurde zu einem der wichtigsten Industriezentren im gesamten Zarenreich. Wegen der dominierenden Textilindustrie, erhielt die Stadt den Beinamen "Manchester Polens". Allerdings hielt der Wohnungsbau und der Ausbau der Infrastruktur dem Ausbau der Industrie nicht Schritt, sodass in der Stadt neben prunkvollen Palästen breite Teile der Stadtbevölkerung in prekären Verhältnissen, oft ohne Kanalisation und ohne Zugang zu Bildung, lebten.

Nach Ende des Ersten Weltkriegs gehörte Łódź zum wiederhergestellten polnischen Staat. Neben dem Wiederaufbau der kriegszerstörten Industrie wurde auch verstärkt in die Verbesserung der Lebensbedingungen der Stadtbevölkerung investiert. Nach dem Deutschen Überfall auf Polen im September 1939 wurde die Stadt ins Deutsche Reich eingegliedert und ihr offizieller Name zunächst in Lodsch, dann in Litzmannstadt geändert. 1940-1944 existierte in der Stadt eins der größten Ghettos im Reichsgebiet, in dem neben der beinahe gesamten örtlichen jüdischen Bevölkerung (mit ca. 220.000 etwa ein Drittel der Stadteinwohnerschaft) auch jüdische Bevölkerungsteile aus anderen Gebieten Polens und des Auslands sowie Sinti und Roma auf kleinstem Raum interniert waren. Nur wenige Menschen haben das Ghetto bzw. den Ort der anschließenden Verschleppung überlebt.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 stellte Łódź eine intakte Stadt dar. Als die zu diesem Zeitpunkt größte Stadt Polens und wegen ihrer Nähe zur formellen, aber fast komplett zerstörten Hauptstadt Warschau, fungierte sie für drei Jahre als Regierungssitz.
Die Krise der Textilindustrie begann in den 1980er Jahren, um kurz nach Beginn der politischen Transformation Anfang der 1990er Jahre zusammenzubrechen. Die Stadt stürzte in eine tiefe Krise, in deren Folge ihre Bevölkerung zwischen 1989 und 2022 um 200.000 Einwohner sank. Vom zweiten Platz im Ranking der größten Städte des Landes ist Łódź an die vierte Stelle nach Krakau und Breslau zurückgefallen. Die Investitionen in die Sanierung, den Ausbau der Verkehrsinfrastruktur und den Kultursektor trugen im 21. Jahrhundert zu einem deutlich besseren Image der Stadt bei, die heute als einer der wichtigsten Standorte für Bildung, Kultur, die Designbranche und Filmindustrie in Polen gilt.

, in der Tomaszów Mazowiecki liegt, entwickelte sich innerhalb der kurzen Zeit bis zum Ersten Weltkrieg zum Schwerpunkt der jüdischen Vereinsgründungen im Russischen Reich.9 Dort lebten neben nichtjüdischen Pol:innen auch viele Deutsche und beide – in Tomaszów etwa gleich starken – Bevölkerungsgruppen verfügten über eigene Turn- und Sportvereine, die sich in einem ethnischen Sinne national definierten und in der Regel keine jüdischen Mitglieder aufnahmen. Somit gab es in der Praxis zur Gründung jüdischer Vereine keine Alternative, um organisiert Sport treiben zu können. Aus Tomaszów sind zwar keine expliziten Aussagen zur Exklusion im Sport belegt, doch legt Śpiewaks Bericht aus dem Yizkor-Buch nahe, dass Samuel Steinman mit Recht davon ausgehen durfte, bei der jüdischen Jugend auf ein unbefriedigtes Bedürfnis nach Sport zu stoßen. Daher scheint ein Rückschluss auf Antisemitismus als Ursache zumindest nicht abwegig. 
Demgegenüber könnte positiv gewendet auch das Vorbild nicht-jüdischer Sportvereine den Wunsch nach einer eigenen Gründung begünstigt oder verstärkt haben, denn als Konfliktgeschichte wurde die jüdische Sportgeschichte Tomaszóws nicht erzählt. So erinnerte sich Henryk Piasecki Henryk Piasecki (auch: Chaim Izrael Pesses, 1905–2003) ist in Tomaszów Mazowiecki geboren und aufgewachsen. Er war kommunistischer Funktionär und hochrangiger Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes in der Volksrepublik Polen. Als Journalist und Historiker arbeitete er zudem über die Geschichte der Arbeiterbewegung in Polen. Vgl. auch Witczak: Słownik biograficzny Żydów tomaszowskich, S. 180–184. , der als kaum Siebenjähriger den Besuch des Zaren Nikolaus II. in Tomaszów im Jahr 1912 miterlebte, dass der deutsche und der jüdische Turnverein nebeneinanderher die Parade zu Ehren des Regenten abschritten.10 Zudem sollen, so berichtete es Śpiewak, die Veranstaltungen des jüdischen Turnvereins auch bei der nicht-jüdischen Bevölkerung großen Anklang gefunden haben.
Für diese Gruppe war das Programmheft immerhin leicht verständlich, denn neben der russischen Verwaltungs- und Zensursprache ist es in weiten Teilen auf Polnisch verfasst. Allein der Vereinsname ist zusätzlich in jiddischer Sprache angegeben. Von Samuel Steinman ist bekannt, dass er aus einer weitgehend polonisierten Familie stammte.11 Allerdings dürfte das Vereinsleben durch Mehrsprachigkeit geprägt gewesen sein, allein schon aus dem Grund, dass es sich um den einzigen jüdischen Verein am Ort handelte.
Der Blick auf die Abfolge des Schauturnens zeigt, dass der Verein seine bei der Gründung verkündeten Prioritäten weitgehend umsetzen konnte; neben einer Frauenabteilung trat auch die Jugend auf.12 Auf das hier zentrale Turnen folgten vor allem wegen des starken Zuspruchs bei den Jugendlichen bald auch weitere Disziplinen, darunter Fußball, Leichtathletik und Schwimmen.13 Einmal mehr zeigt sich dabei, dass die im Westen so vehement zur Schau gestellte Gegnerschaft der Turner gegenüber dem modernen „englischen Sport“ in den jüdischen Vereinen des östlichen Europas keine Wirkung entfaltete. Gemeinhin trug dazu entscheidend auch ein gravierender materieller Mangel bei, der den Tomaszower Club allerdings nicht plagte. Eine hohe Zahl passiver Mitglieder und ein auskömmliches Spendenaufkommen sorgten u.a. für die Finanzierung einer Turnhalle und eines Sportplatzes.14 Das nächste Turnfest mit Beteiligung des Tomaszower Jüdischen Turnvereins ist für den 1. Februar 1914 belegt, als in Łódź bereits aus fünf Städten die jüdischen Clubs zu einem Schauturnen mit anschließendem, bis in die Morgenstunden andauernden Bankett zusammenkamen, das mit den Orchesterklängen der „Hatikvah“ – der zionistischen und späteren israelischen Hymne – endete.15  Die Feierlichkeiten markierten einen vorläufigen Meilenstein, bevor im Gefolge des Ersten Weltkriegs und der deutschen Besatzung ein regelrechter Boom von Vereinsgründungen einsetzte und das Zentrum jüdischen Sports gen Warschau verlagerte. Bestrebungen zur Bildung eines gemeinsamen Verbands wurden durch eine politische und ideologische Ausdifferenzierung jenseits des Nationaljüdischen unterlaufen, die das von einer Vielzahl von Spaltungen gezeichnete jüdische Sportleben in der Zweiten Polnischen Republik prägen würde.16

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