Protokoll der Karlsbader Tagung 1921

Auf der Karsbader Tagung wurde am 29. August 1921 der Makkabi-Weltverband gegründet, der seinen Namen von den Turnern aus der Tschechoslowakei bekam. Beteiligt waren Funktionäre aus Tschechoslowakei, Palästina, Polen, Österreich, Jugoslawien, Ägypten und aus der Türkei. Obwohl es vor allem den deutschen Vertretern offensichtlich erschien, dass der Makkabi eine zionistische Grundausrichtung haben sollte, war das vor allem unter den polnischen Vertretern umstritten. Vor allem um diese Frage nach Zugehörigkeit und damit verbunden nach der Wahl der Kommandosprache und der Entrichtung des Schekels wurde erbittert diskutiert. Nach zahlreichen Kompromissen gelang es schließlich trotz der Konflikte eine Institution zu gründen, die bis heute existiert.

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Transkription (Deutsch)

Protokoll der Karlsbader Tagung des Makkabi-Weltverbandes
1. Sitzung.
(Montag, den 29. August, 3 Uhr.)
Anwesend: Heinrich Kuhn (Berlin) Heinrich Kuhn (Berlin) Der Berliner Heinrich Kuhn war der erste Präsident des Makkabi-Weltverbandes. Er amtierte von 1921 bis 1924. , von der provisorischen Turnerschaftsleitung, Julius Hirsch Julius Hirsch Julius Hirsch war Vorsitzender des Bar Kochba Berlin. , vom Deutschen Kreis, Dr. Sonnenfeld Dr. Sonnenfeld Dr. Arthur Sonnenfeld war in Brünn organisiert. , Braun, Breda, vom Kreis Makkabi (Tschechoslowakei), Jekutieli Jekutieli Yosef Yekutieli (1897–1982) war Zionist, Mitglied im Makkabi-Weltverband und Begründer der Makkabiah sowie der palästinensischen Fußballorganisation (nach der Staatsgründung: Israelische Fußballorganisation). vom Kreis Makkabi (Palästina), Dr. Owadia, von der zionistischen Turnerschaft Bulgariens zionistischen Turnerschaft Bulgariens Noch vor der Gründung des Bar Kochba Berlin, wurde in der heutigen Stadt Plowdiw von sephardischen Juden der Verein Makabi Philippopel gegründet, der sich am Vorbild der bulgarischen Sokol-Bewegung orientierte. , Billig und Zimmermann vom Kreis Makkabi (Polen), Laufer und Spiegler Spiegler Gustav Spiegler war von 1924 bis 1928 Vorsitzender des Makkabi-Weltverbands. vom Kreis Oesterreich der jüdischen Turnerschaft Kreis Oesterreich der jüdischen Turnerschaft Sechs jüdische Turnvereine aus Österreich-Ungarn waren 1903 an der Gründung der Jüdischen Turnerschaft (JT) beteiligt. , später Deucht, Kreis Jugoslawien, und Caro (Aegypten) Caro (Aegypten) Im Zuge der Reorganisation des Dachverbandes der Jüdischen Turnerschaft im Jahr 1912 wurden die Tätigkeitsbereiche der JT-Vereine in zwei wesentliche geographische Räume unterteilt: in Westeuropa (Deutsche Kaiserreich, Teile Österreich-Ungarns) sowie Galizien (Galizien, Lodomerien, Bukowina) und der Orient-Kreis (Balkan, Türkei und Palästina). , Abramowitsch aus der Türkei Türkei Im Jahr 1895 wurde in Konstantinopel der erste jüdische Turnverein gegründet. 1909 trat der „Israelitische Turnverein Constantinopel“ der Jüdischen Turnerschaft bei. .
Als Gäste: Markus Markus Dr. Josef Markus war I. Vorsitzender des Jüdischen Turnvereins Breslau. , früherer Vorsitzender des Bezirks Schlesien und Ernst Simon Ernst Simon Dr. Ernst Simon (1899–1988) war ein in Deutschland geborener israelischer Pädagoge und Religionsphilosoph. Als deutscher Patriot meldete er sich freiwillig als Soldat zum Ersten Weltkrieg. Nach antisemitischen Erfahrungen in der Armee wandte er sich dem Zionismus zu. Als Student war er in der zionistisch-jüdischen Studentenbewegung und im Sportbund jüdischer Studenten aktiv. 1928 emigrierte er mit seiner Familie nach Palästina und lehrte an der Hebräischen Universität Jerusalem. , früheres Vorstandsmitglied in Deutschland. Außerdem Weißkopf (Chemnitz) Weißkopf (Chemnitz) Rudolf Weißkopf stand an der Spitze des Jüdischen Turnvereins Bar Kochba Chemnitz. Der Verein wurde 1920 in Jüdischer Turn- und Sportverein Bar Kochba umbenannt. und Zülzer (Leipzig) (Leipzig) Der Jüdische Turn- und Sportverein Bar Kochba Leipzig wurde 1919 unter maßgeblicher Beteiligung von Karl Reinsch gegründet. , Jabotinsky Jabotinsky Vladimir Ze’ev Jabotinsky (auch: Žabotinskij) (1880–1940) wurde in Odessa geboren und gilt als Begründer der revisionistischen Zionisten. Unter Eindruck der Pogrome in Kischinew 1903 wandte er sich dem Zionismus zu. Jabotinsky und Joseph Trumpeldor () sprachen sich vehement für die Gründung einer jüdischen Legion innerhalb der britischen Armee im Zuge des Ersten Weltkriegs und der Besatzung Palästinas durch osmanische Truppen aus. Erst 1917 wurde eine jüdische Legion aufgestellt und Jabotinsky übernahm das Kommando einer Kompanie. In den Folgejahren verwarf sich Jabotinsky mit der Zionistischen Weltorganisation und verließ diese. In den Jahren 1925 und 1935 gründete er eine oppositionelle zionistische Bewegung und forderte eine Staatsgründung Israels in Palästina. Kompromisse mit der arabischen Bevölkerung lehnte er ab. Das zu gründende Israel sollte zudem beide Seiten des Jordans umfassen und mehrheitlich von Jüdinnen und Juden bewohnt werden. Nach der Machtübernahme Adolf Hitlers trat Jabotinsky für einen Boykott NS-Deutschlands ein. Während des Arabischen Aufstands 1936–1939 übernahm er 1937 das Kommando über die Irgun (hebr. Irgun Zwa’i Le’umi, dt. Nationale Militärorganisation), die Attentate auf die arabische Bevölkerung und später gegen die britische Mandatsmacht verübte. 1940 reiste Jabotinsky in die USA um dort für die Errichtung einer jüdischen Armee zu werben wo er im selben Jahr verstarb. In den 1960er Jahren wurden die Überreste seiner Frau sowie seine Überreste nach Israel überführt. von der zionistischen Exekutive, Oberst Patterson Oberst Patterson John Henry Patterson (1867–1947) war ein britischer Soldat, Ingenieur, Jäger und Autor. Obwohl er selbst dem christlichen Glauben angehörte, unterstütze er die zionistische Bewegung. Im Ersten Weltkrieg war er Kommandant des „Zion Mule Corps“ innerhalb der britischen Armee und des 38. Bataillons. 1917 wurde er zum Oberst ernannt und 1920 pensioniert. Nach seiner Pensionierung setzte er sich weiterhin für zionistische Belange ein und sprach sich für eine jüdische Staatsgründung aus. , Herr Mossinson Herr Mossinson Benzion Mossinson (1878–1942) geboren im Russischen Reich, war ein führender Zionist, Erzieher und Rektor an einer Oberschule in Palästina. Anfang des 20. Jahrhunderts schloss er sich dem sozialistischen Zionisten Avraham Menachem Mendel Ussishkin (1963–1941) an, der als „Radikaler“ den Uganda-Plan Theodor Herzls ablehnte und sich für die Gründung landwirtschaftlicher Siedlungen sowie kulturelle Einrichtungen in Palästina einsetzte. Mossinson war als Delegierter auf diversen zionistischen Kongressen anwesend und wurde in das Präsidium der „Allgemeinen Zionisten“ gewählt. Anfang der 1940er Jahre wurde er Direktor des Va’ad Le’umi (Jüdischer Nationalrat, auch Jüdischer Volksrat, 1920–1948). vom Waad Hachinuch in Palästina, sowie zwei Vertreter der Zofimbewegung in 
Republik Polen
eng. Second Polish Republic, deu. Zweite Polnische Republik, pol. II. Rzeczpospolita, pol. II Rzeczpospolita

Zweite Polnische Republik (Polnisch: II. Rzeczpospolita) ist die gängige Bezeichnung für den wiedererrichteten polnischen Staat (Republik Polen), der am 11.11.1918, nach Ende des Ersten Weltkriegs und 123jähriger Teilungszeit, seine Unabhängigkeit wiedererlangte. Seine Ausdehnung vor allem nach Osten war wesentlich kleiner als zur Zeit der sogenannten 1. Republik (Adelsrepublik), die 1795 mit der dritten Teilung Polens zwischen der Habsburgermonarchie, Preußen und Russland zu existieren aufgehört hatte.

Die Grenzen der Zweiten Polnischen Republik zu den Nachbarstaaten wurden erst 1921/22 und infolge bewaffneter Konflikte festgelegt, wobei sie auch im Nachgang (und teils während der gesamten Existenz der Zweiten Polnischen Republik) umstritten bleiben konnten. Dem deutschen Angriff auf Polen am 1.9.1939 und dem sowjetischen Einmarsch in Polen am 17.9.1939 folgte am 28.9.1939 die Kapitulation in Warschau, was dem funktionalen Ende der Zweiten Republik gleichkam. Als ihr formelles Ende wird oft die Rücknahme der Anerkennung der polnischen Exilregierung durch die britischen und US-amerikanischen Regierungen am 5.7.1945 angesehen, allerdings wurden die Organe der späteren Volksrepublik Polen von der Sowjetunion bereits am 24.6.1944 als offizielle Vertretung Polens anerkannt. Der Präsident der polnischen Exilregierung in London, Ryszard Kaczorowski, übergab am 22.12.1990 als letztem, symbolischem Akt der Zweiten Polnischen Republik deren Insignien an den damaligen polnischen Präsidenten in Warschau, Lech Wałęsa.

, sowie eine Anzahl Gäste.
Kuhn (Berlin) eröffnet die Sitzung um 3 Uhr nachmittags, begrüßt die Delegierten und Gäste. Die heutige Tagung, die nach sieben Jahren zum ersten Male Vertreter der jüdischen Turnerschaft aus der ganzen Welt hier zusammenführt, wird die Aufgabe haben, die Weltorganisation, die durch den Krieg stark gelitten hat, wieder zusammenzufügen. Die veränderten Verhältnisse erfordern eine völlige Neuorganisation, insbesondere aber die Wahl einer neuen Leitung und das Einstellen unserer Arbeit auf die durch eine vierjährige Entwicklung neu geschaffenen Bedingungen des jüdischen Volkes. Ich danke Ihnen für Ihr zahlreiches Erscheinen und wünsche, daß unsere Beratungen uns zu dem langersehnten Ziel einer gut organisierten jüdischen Turnerschaft der ganzen Welt führen werden. Insbesondere freue ich mich, einen Vertreter der zionistischen Exekutive, sowie andere
|4| Gäste aus den Reihen der Kongreßdelegierten und Besucher bei uns begrüßen zu können. And I ham [sic!] happy to be able to welcome here Colonel Patterson, the Leader of the Jewish Legion. His coming here is a proof of the great interest which Palestine has for our work. (Beifall.)
Ich habe aber auch noch eine traurige Pflicht zu erfüllen. Meine Freunde! Ich gedenke in dieser Stunde mit Wehmut all der vielen Getreuen, die seit unserer letzten Turntagung von uns gegangen sind. Ich kann all die Namen derer, die wir betrauern, hier nicht aufführen. Insbesondere gedenke ich des Mannes, der noch auf dem XII. Kongreß XII. Kongreß Eigentlich der XI. Zionistenkongress in Wien (2.–9. September). Am 8. und 9. September fand anlässlich des Kongresses ein Turn- und Sportfest in Wien statt. in Wien an meiner Stelle gestanden hat, Willi Greiffenhagen Willi Greiffenhagen Wilhelm Greifenhagen war von 1912 bis 1915 Vorsitzender der Jüdischen Turnerschaft. Er fiel im Ersten Weltkrieg. . Sein und aller Wirken für uns wird uns unvergeßlich bleiben. Wir wollen hoffen, daß es künftighin der jüdischen Jugend erspart bleibt, ihr Leben im Kampfe mit den Waffen zu opfern. Wir werden ihr Andenken am besten dadurch ehren, daß wir die Wege gehen, die sie uns gewiesen haben, und das Werk, das sie begonnen, weiter ausbauen und vollenden. Meine Herren! Die Karlsbader Tagung der jüdischen Turnerschaft ist eröffnet.
Auf Vorschlag werden gewählt:
Zum Präsidenten der Tagung: Dr. Sonnenfeld (
Brno
deu. Brünn

Die im Südosten der Tschechischen Republik gelegene Stadt Brünn (tsch. Brno) ist mit ca. 380.000 Einwohnern nach Prag die zweitgrößte Stadt des Landes. Sie löste 1641 Olmütz (tsch. Olomouc) als Hauptstadt Mährens ab. Heute ist Brünn/Brno Verwaltungssitz der Südmährischen Region (Jihomoravský kraj) und ein wichtiges Industrie-, Handels- und Kulturzentrum. Die Universitätsstadt ist Sitz des Verfassungsgerichts und des Obersten Verwaltungsgerichts Tschechiens.

);
Stellvertreter: Jekutieli (Jerusalem), Hirsch (Berlin);
Schriftführer: Weißkopf (Chemnitz) und Zülzer (Leipzig).
Auf Vorschlag des Präsidiums sollen zunächst Berichte gegeben und dann das Organisations- und Arbeitsreferat von Kuhn abgehalten werden. Kuhn (Berlin) gibt den Bericht der provisorischen Turnerschaftsleitung.
Bei Ausbruch des Krieges im Jahre 1914 übergab das Präsidium der Weltorganisation die Geschäfte der Turnerschaft dem Präsidium des deutschen Kreises. Infolgedessen übernahm die deutsche Kreisleitung bald nach ihrer Rückkehr aus dem Felde, während welcher Zeit die Weltorganisation stark gelitten hatte, den Versuch, wieder eine festere Organisation zu schaffen. Aber erst der neuen deutschen Kreisleitung, die im September 1920 gewählt war, war es möglich, dauernde und engere Beziehungen zu den Kreisen der jüdischen Turnerschaft in den übrigen Teilen der Welt anzuknüpfen. Wir standen in regelmäßiger Verbindung mit der 
Tschechoslowakei
ces. Československo, . Čehoslovakìâ, slk. Česko-Slovensko, eng. Czechoslovakia, rus. Čehoslovakiâ

Die Tschechoslowakei war ein zwischen 1918 und 1992 in wechselnden Grenzen und unter wechselnden Namen und politischen Systemen bestehender Staat, dessen Landesteile in den heutigen Staaten Tschechien, Slowakei und der Ukraine (Karpatenukraine, bereits 1939 ungarisch besetzt, ab 1945 an die Sowjetunion) aufgegangen sind. Nach 1945 stand die Tschechoslowakei zunehmend unter politischem Einfluss der Sowjetunion. Nach der Machtübernahme der Kommunistischen Partei 1948 wurde sie endgültig als Teil des sog. Ostblocks zum Satellitenstaat der Sowjetunion und ab 1955 Mitglied des Warschauer Paktes. Zwischen 1960 und 1990 trug das kommunistische Land offiziell den Namen Tschechoslowakische Sozialistische Republik (abgekürzt ČSSR). Die demokratische politische Wende wurde 1989 mit der Samtenen Revolution eingeleitet und mündete 1992 in die Gründung der unabhängigen Tschechischen bzw. Slowakischen Republiken.

, Oesterreich, Bulgarien, Türkei und 
Mandatsgebiet Palästina
eng. Mandatory Palestine, heb. המנדט הבריטי מטעם חבר הלאומים על פלשתינה, fra. Palestine mandataire

Das Mandatsgebiet Palästina wurde infolge des Ersten Weltkriegs und der in den Nachkriegsjahren vorgenommenen territorialen Neuordnung der östlichen Mittelmeergebiete (Levante) geschaffen, die zuvor zum unterlegenen Osmanischen Reich gehört hatten. Im Kriegsverlauf waren die Gebiete westlich und östlich des Jordan, die historisch auch als Cis- bzw. Transjordanien bezeichnet wurden und den heutigen Staaten Israel, Jordanien sowie dem Westjordanland und dem Gazastreifen entsprechen, unter britische Herrschaft gekommen. Großbritannien hatte ab 1916 die regionale arabische Unabhängigkeitsbewegung in der Arabischen Revolte (1916–1918) entscheidend unterstützt, die militärisch eroberten Gebiete jedoch im Anschluss zwischen sich und Frankreich aufgeteilt. Noch vor Kriegsende hatte Großbritannien zudem nicht nur der arabischen, sondern auch der jüdischen Bevölkerung der Region Unterstützung in der Erlangung politischer Unabhängigkeit bzw. der Schaffung eigener Staaten zugesichert (Balfour-Erklärung, 1917). Die Konferenz von San Remo, die im April 1920 über die Aufteilung des Osmanischen Reiches entschied, bestätigte die britischen Gebietsansprüche. 1922 erteilte auch der Völkerbund Großbritannien offiziell das Mandat über das Gebiet.
Bereits 1923 teilte Großbritannien dieses erste „Mandatsgebiet Palästina“ in zwei Gebiete auf: „Transjordanien“, das 1946 unabhängig wurde und seit 1950 offiziell den Namen Jordanien trägt; sowie das erneut als Mandatsgebiet „Palästina“ bezeichnete Gebiet, das nun das historische Cisjordanien bzw. den westlich des Jordans gelegenen Teil der historischen Region Palästina und die südlich gelegene Negev-Wüste umfasste und nach wie vor einen Zugang zum Golf von Akaba und damit zum Roten Meer besaß.
Die Zeit des Mandats war von anhaltenden Unruhen zwischen den arabischen und jüdischen Bevölkerungsteilen des Mandatsgebietes geprägt, nach Ende des Zweiten Weltkriegs gab Großbritannien das Mandat auf und an die Vereinten Nationen (als Nachfolgeeinrichtung des Völkerbundes) zurück, die daraufhin einen Teilungsplan für die Region entwickelten. Zu dessen Implementierung kam es jedoch nie, da die Spannungen im Mandatsgebiet zum Palästinakrieg (1947–1949) eskalierten, in dessen Verlauf Israel seine Unabhängigkeit ausrufen und erfolgreich durchsetzen konnte.

Das Bild zeigt eine Karte des britischen Mandatsgebiets in Palästina zwischen 1945 und 1947. (Public Domain, via Wikimedia Commons)

Königreich Rumänien
ron. Regatul României, eng. Kingdom of Romania

Das Königreich Rumänien war ein historischer Staat im südöstlichen Europa, der von 1881 bis 1947 bestand. Direkter Vorgänger war das Fürstentum Rumänien, das 1861/62 aus den Teilfürstentümern Moldau und Walachei gebildet worden war, allerdings zunächst noch unter Oberhoheit des Osmanischen Reiches gestanden hatte. Erst infolge des Russisch-Türkischen Krieges von 1877/78 wurde die politische Unabhängigkeit des Fürstentums erreicht, das sich 1881 selbst zum Königreich proklamierte. Erster König war Karl I. (1839–1914), der wie alle seine Nachfolger aus dem Haus Hohenzollern-Sigmaringen stammte.

Vor dem Ersten Weltkrieg (1914–1918) umfasste das Territorium lediglich die historischen Landschaften der Walachei sowie Teile der Moldau und der Dobrudscha. Als Mitglied der Siegermächte des Ersten Weltkriegs konnte das Staatsgebiet nach Kriegsende jedoch massiv ausgebaut und mehr als verdoppelt werden. Unter anderem fielen jetzt auch Bessarabien, die Bukowina, Siebenbürgen oder Teile des Banats an das Königreich. Daher wird das Rumänien der Zwischenkriegszeit auch als „Großrumänien“ bezeichnet; der Zustand vor 1918 als „Altreich“.

Mit dem Aufstieg nationalistischer und faschistischer Gruppierungen in den 1930er Jahren wurde das Land innenpolitisch zunehmend instabil. Bis Mitte 1940 musste Rumänien trotz seines Versuches, sich im Zweiten Weltkrieg neutral zu verhalten, größere Teile der 1918 gewonnenen Gebiete wieder abgeben. Noch im selben Jahr wurde eine Militärdiktatur etabliert, die nun faktisch die Regierungsgewalt ausübte. Wenig später folgte der Kriegseintritt auf Seiten der Achsenmächte und in enger Zusammenarbeit mit dem nationalsozialistischen Deutschland. 1944 kam es zum Staatsstreich König Michaels I. (1921–2017) gegen die eigene Regierung, in dessen Folge sich das Land den Alliierten anschloss und dem Deutschen Reich den Krieg erklärte. Nur rund drei Jahre später, Ende 1947, zwang die mittlerweile regierende kommunistische Partei Rumäniens Michael zur Abdankung und rief die Rumänische Volksrepublik aus.

 und 
Bessarabien
rus. Bessarabiya, rus. Бессарабия, ukr. Bessarabiya, ukr. Бессарабія, ron. Basarabia, eng. Bessarabia

Bessarabien (rum. Basarabia, ukr. Бессарабія) ist eine historische Landschaft im südöstlichen Europa. Sie wird begrenzt durch den Fluss Dnjestr im Osten, Pruth im Westen und das Schwarze Meer im Süden. Heutzutage ist das Gebiet der historischen Landschaft Bessarabien über weite Teile deckungsgleich mit dem Staatsgebiet der Republik Moldau.

, Schweiz, Estland, einigen Turnkreisen in Holland und in Belgien. In letzter Zeit knüpften wir Beziehungen an in Litauen, 
Jugoslawien

Jugoslawien war ein südosteuropäischer Staat, der mit Unterbrechungen und in leicht wechselnden Grenzen von 1918 bis 1992 bzw. 2003 existierte. Hauptstadt und größte Stadt des Landes war Belgrad. Historisch unterscheidet man insbesondere zwischen der Zeit des Königreichs Jugoslawien von 1918 bis 1941 (auch 'Erstes Jugoslawien' genannt) und dem kommunistischen Jugoslawien ab 1945 (das sog. 'Zweite Jugoslawien') unter dem diktatorisch regierenden Staatschef Josip Broz Tito (1892-1980). Der Zerfall Jugoslawiens ab 1991 und die Unabhängigkeitsbestrebungen mehrerer Landesteile mündeten schließlich in die Jugoslawienkriege (auch Balkankriege oder postjugoslawische Kriege genannt). Die Nachfolgestaaten Jugoslawiens sind heute Slowenien, Kroatien, Serbien, Montenegro, Nordmazedonien, der Kosovo und Bosnien und Herzegowina.

 und Persien. Auch unsere Versuche, mit Polen Verbindung zu bekommen, sind, wie das Erscheinen der polnischen Delegierten beweist, nicht vergeblich gewesen. Unmöglich dagegen war es bisher, mit 
Sowjetunion
eng. Soviet Union, deu. Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, rus. Sovetskiy Soyuz, rus. Советский Союз, . Совет Ушем, . Советонь Соткс, rus. Sovetskij Soûz, . Советий Союз, yid. ראַטן־פֿאַרבאַנד, yid. סאוועטן פארבאנד, yid. sovətn farband, yid. sovʿtn-farband, yid. sovətn-farband, . Советтер Союзу, . Совет Союзы, . Советон Цæдис, . Совет Эвилели

Die Sowjetunion (SU oder UdSSR) war ein von 1922 bis 1991 bestehender Staat in Osteuropa, Zentral- und Nordasien. Sie ist aus dem sog. Sowjetrussland hervorgegangen, dem Nachfolgestaat des Russländischen Kaiserreichs. Den Kern der Union und zugleich ihren größten Teil bildete die Russische Sowjetrepublik, hinzu kamen weitere Teilrepubliken. Ihre Zahl variiert über die Zeit hinweg und steht im Zusammenhang mit der Besatzung anderer Länder (Estland, Lettland, Litauen), nur kurzzeitig bestehenden Sowjetrepubliken (Karelo-Finnland) oder mit der Teilung bzw. Zusammenlegung von Sowjetrepubliken. Zusätzlich gab es zahlreiche autonome Republiken oder sonstige Gebietseinheiten mit einem Autonomiestatus, der sich im Wesentlichen auf eine sprachliche Autonomie der Minderheiten beschränkte.

Die UdSSR bestand vor ihrer formellen Auflösung aus 15 Sowjetrepubliken mit einer Bevölkerung von ungefähr 290 Millionen Menschen. Mit ca. 22,4 Millionen km² bildete sie den damals größten Flächenstaat der Welt. Die Sowjetunion war eine sozialistische Räterepublik mit einem Einparteiensystem und einer fehlenden Gewaltenteilung.

 Verbindung zu erhalten, obwohl daselbst, wie wir wissen, wenn auch unter schwierigen Verhältnissen, eine große Makkabi-Organisation besteht. Die Arbeit des provisorischen Ausschusses bestand in der Hauptsache 
|5| darin, die vom deutschen Kreis herausgegebene Turnzeitung zu einem Organ der Weltorganisation umzugestalten, Berichte aus allen Ländern darin zu veröffentlichen, ferner Rat zu erteilen, insbesondere Lehrbücher über Turnen und Sport den einzelnen Ländern zur Verfügung zu stellen und ihnen Anregungen in technischer und organisatorischer Beziehung zu geben. Auch der Versuch, Turnlehrer zu beschaffen, ist gemacht worden, ebenso wie Turn- und Sportlehrer auszubilden. Letzten Endes ist die heutige Tagung die Hauptarbeit des Ausschusses gewesen. Wir werden Ihnen im Laufe dieser Tagung auch noch ein hebräisches Turnkommandobuch vorlegen, das auf Veranlassung der provisorischen Leitung von den Turnbrüdern Jekutieli und Hirsch herausgegeben ist. Die provisorische Turnleitung hat bisher ohne jegliche Geldmittel gearbeitet, da das alte Statut der Turnerschaft keine Grundlage zu einer Kopfsteuerveranlagung der einzelnen Kreise bildet. Schon aus diesem Grunde konnten wir mehr nicht leisten, da alles, was geschaffen worden ist, soweit es Geld erforderte, aus privaten Mitteln stammt.
Jekutieli (Jerusalem): In Palästina existieren einzelne Turnvereine schon seit langer Zeit. Der Verein in Jaffa ist zirka 15 und der in Jerusalem zirka 10 Jahre alt. Im Jahre 1913 wurde aus den Vereinen der Kreis Makkabi der jüdischen Turnerschaft gegründet, der sich dann sofort der Weltorganisation in Berlin anschloß. Bei uns war stets ein Mangel an theoretischen und praktischen Turn- und Sportkräften, und oft tauchte auch die Frage nach dem für uns günstigsten System der Leibesübungen auf. Auch die hebräische Turnbezeichnung und Turnsprache verlangte eine einheitliche Regelung. Im Jahre 1913 wurde ein Turnlehrer angestellt, der die um Jaffa liegenden Kolonien besuchte. Mit Ausbruch des Krieges erlitt die Makkabi-Organisation in Palästina in ihrer Entwicklung eine jähe Unterbrechung. Die noch im Lande befindlichen Mitglieder meldeten sich als Freiwillige zur  jüdischen Legion
Jüdische Legion
Die Jüdische Legion bestand von 1917 bis zum Ende des Ersten Weltkriegs und war der britischen Armee untergeordnet. Fast sämtliche Angehörige der Legion wurden nach Ende des Krieges aus dieser entlassen. 1919 wurde die Legion auf die Größe eines Bataillons zurückgestuft und erhielt den Namen „First Judeans“. Die Legion hatte ein Sonderabzeichen mit einer Menora (siebenarmiger Leuchter) an deren Fuß das hebräische Wort kadima (dt. Vorwärts) prangerte. Das Abzeichen befand sich auf den Schirmmützen.
. Nach dem Kriege begann sich die Organisation unter großen Schwierigkeiten wieder zu rekonstruieren. Wegen Gerätemangels wurden meist Märsche und Freiübungen betrieben. In einigen Orten bildeten sich Sportabteilungen, die am meisten Fußball spielten. Mit Unterstützung des Waad Hachinuch konnte der Makkabi zwei Wanderlehrer anstellen, und zwar einen für Judäa und den anderen für Galiläa und Schomron. Sie besuchten die Kolonien, lehrten das Turnen und bildeten die Vorturner aus. So entwickelte sich die Organisation, so daß wir nach kurzer Zeit etwa 20 Vereine zählten. 1919 wurde eine Makkabi-Tagung einberufen, die Vorturnerkurse beschloß. Auch fand ein Sport- und Turnfest in Jerusalem statt, an dem sich zirka 500 Mitglieder beteiligten. Die Unruhen der letzten Jahre beeinträchtigten die Entwicklung wieder sehr. Die meisten Mitglieder meldeten sich zu den Selbstwehren, die regelmäßige Arbeit ruhte ganz, zumal die Tätigkeit der Wanderturnlehrer aufhörte. Zurzeit wird hauptsächlich in Jerusalem und in Jaffa geturnt. Es wird
|6|  schwedische Gymnastik
Schwedische Gymnastik
Die schwedische Gymnastik ist ein System gymnastischer Übungen, das von dem dichter Pehr Henrik Ling Anfang des 19. Jahrhunderts entwickelt wurde, und in Ostmittel- und Nordeuropa mit der Popularität des Turnens konkurrierte. Aus pragmatischen Gründen betrieben etwa die jüdischen Turner sowohl Turnen, als auch schwedische Gymnastik.
 und Geräteturnen betrieben, ferner Leicht- und Schwerathletik, Fußball- und Wassersport. Die Arbeit stockt wegen Mangel an Turnlehrern und Turn- und Sportanstalten und Geräten. Unsere Hoffnungen auf die Karlsbader Tagung sind, daß sie uns diese Dinge beschaffen wird, daß sie uns ferner zu Fach- und Lehrliteratur verhelfen wird, um unsere notwendige Arbeit in Erez-Israel durchzuführen.
Laufer (Oesterreich): Die Organisation hat durch die politische und wirtschaftliche Lage erheblich gelitten. Der Zusammenhang ist nicht besonders gut. Mangel an Turnhallen und Plätzen macht sich bemerkbar, zumal ein Antagonismus der Behörden gegen die Vereine der jüdischen Turnerschaft festzustellen ist. Der Kreis umfaßt zirka 15 Vereine mit zirka 4000 Mitgliedern, von denen etwa 1000 Jugendliche sind. In jüdischer Beziehung sind die Vereine nicht einheitlich. Sie basieren fast alle auf jüdisch-nationaler Grundlage, doch hängt die Intensität von den einzelnen Führern ab. Geldmangel macht sich stark bemerkbar und hindert die Entwicklung in technischer und jüdischer Beziehung. Zur Zeit der Unruhen beteiligten sich die Mitglieder an der Abwehrorganisation. Wir hoffen, daß mit Unterstützung der Weltorganisation sich unsere Lage wesentlich bessern wird.
Billig (Polen) berichtet, daß vor wenigen Wochen in Polen eine Landesorganisation der jüdischen Turnerschaft gegründet sei. Die Organisation umfaßt etwa 15 000 Vollmitglieder und 8000 Jugendliche. In ihr sind Turn- und Sportvereine zusammen organisiert. Die Verhältnisse in Polen liegen in Bezug auf Finanzen, Turnhallen und Sportplätze immerhin günstiger als in anderen Ländern. Dagegen sei man in Bezug auf die national-jüdische Tendenz nicht auf dem Standpunkt der anderen Kreise. Sämtliche Abstufungen jüdisch-politischer Anschauungen von den radikalen Zionisten bis zu den Bundisten seien in der polnischen Landesorganisation vertreten. Danach richten sich auch die Auffassungen über die sogenannte Kulturarbeit und Erziehung. Die polnische Organisation sei lediglich für die physische Ertüchtigung der Juden geschaffen [sic!] Er sei durch bestimmte Aufträge seiner Wähler instruiert und werde entsprechend in der Debatte, von diesen Aufträgen diktiert, Stellung nehmen.
Abramowitsch (Konstantinopel): Die Lage bei uns ist nicht ganz so schlecht. Es wird in sechs Abteilungen fleißig geturnt und auch der neuen Erziehungsrichtung, dem sogenannten Skout Skout Scout / Scouting. Die jüdische Pfadfinderbewegung wird in den Quellen häufig mit dem Begriff Scouting bezeichnet. , Rechnung getragen. Die Makkabi-Organisation hat im Orient eine besondere Rolle für unsere nationale Bewegung. Sie hat den nationalen Gedanken unter die Masse getragen, sie hat die Menschen für die zionistische Bewegung dienstbar gemacht und das Hebräische gefördert und verbreitet. Durch Erziehung der Jugend schafft sie fortgesetzt Nachwuchs für die große nationale Bewegung. Auch unsere Arbeit könnte bei größeren Mitteln weit mehr Erfolg haben. Wir brauchen Anlagen und Geräte, vor allem aber fehlen Wander- 
|7| instruktoren. Der Zusammenhang mit der Weltorganisation und deren Tätigkeit ist nur möglich, wenn diese ein gut funktionierendes Sekretariat hat, welches wieder eine Frage von Mitteln ist. Wir sind hierhergekommen in der Hoffnung, diese brennendste Frage lösen zu können und versprechen uns Besonderes davon, daß unsere Tagung am Kongreßorte ist.
Julius Hirsch (deutscher Kreis): Der deutsche Kreis umfaßt zirka 20 Vereine mit 2000 Voll- und 1000 Jugendmitgliedern. Der Turn- und Sportbetrieb ist teils gut, teils läßt er zu wünschen übrig. Den finanziellen Verpflichtungen gegen die Kreisleitung kommen nur wenige Vereine vollkommen nach, so daß vorübergehend das Verbandsorgan nicht erscheinen konnte. Dem Mangel an Turn- und Sportwarten bzw. Riegenführern versuchte die Obmänner-Tagung im Dezember 1920 durch Aufstellung von Richtlinien abzuhelfen, nach denen die Vereine Vorturner ausbilden sollten. Diese Richtlinien unterbreiten wir Ihnen im Druck zur Kenntnisnahme. Der Kreisleitung gelang es ferner, beim preußischen Unterrichtsministerium einen Ausbildungslehrgang in der staatlichen Landesturnanstalt zu Spandau zu erwirken. Zu diesem Kursus sind 50 Teilnehmer aus unseren Vereinen gemeldet. Auch an dieser Stelle danken wir dem preußischen Ministerium für sein Entgegenkommen. In jüdischer Beziehung entwickelt sich das Leben bei uns zufriedenstellend. Jüdische Erziehungsarbeit (Geschichte, Literatur, Hebräisch, Bibelkunde) wird in den meisten Vereinen geleistet. Für den Nationalfonds und für den Keren Hajessod Keren Hajessod Keren Hajessod, auch: Keren Hayessod (hebr.) wurde 1920 in London gegründet und ist ein weltweit tätiger Gründungs-Fonds, der Spenden für Erez Israel sammelt. wird fleißig gearbeitet und die Jugend dafür herangezogen. Zur Zeit antisemitischer Unruhen in Deutschland wurden an verschiedenen Orten unter Führung der jüdischen Turnerschaft Abwehrorgane geschaffen. Bei dieser Arbeit fanden wir uns mit den nicht national-jüdischen Jugendorganisationen zusammen.
Dr. Sonnenfeld (Tschechoslowakei): Der Makkabi-Kreis der Tschechoslowakei ist nach dem Zusammenbruch Oesterreichs entstanden aus denjenigen Vereinen des Kreises Westösterreich, die zur Tschechoslowakei gekommen sind, und hat sich durch Neugründungen und Neuaufnahmen im Laufe der Zeit vergrößert, so daß wir einen ungefähren Mitgliederbestand von 4500, darunter 1000 Jugendliche, auf 32 Vereine haben. Der Kreis ist in vier Gaue organisiert, hat im Juli seinen Kreisturntag gehabt, auf dem ein Sekretariat geschaffen wurde, und ein Wander-, Turn- und Sportlehrer angestellt worden ist. Ferner wurde auf diesem Kreisturntag ein Kulturdezernat geschaffen, das sich damit befaßt, die jüdische Erziehung der Mitglieder zu organisieren. Wir leben in der Tschechoslowakei, vom jüdisch-nationalen Standpunkt aus betrachtet, unter außerordentlich günstigen Bedingungen, da wir den Minoritätsschutz genießen. Sämtliche jüdische Turn- und Sportorganisationen sind in einer Behörde ,,Jüdische Sportgemeinde” organisiert, die die Vertreterin des jüdischen Turn- und Sportwesens vor dem Staate ist. Im Lande des Sokol hat man für uns ein
|8| entsprechendes Verständnis und von dem hohen Präsidenten unserer Republik ist das freundliche Entgegenkommen und Verständnis für die jüdische Nation hinreichend bekannt. Ich möchte nicht verfehlen, auch an dieser Stelle für die uns zuteil gewordene Unterstützung bei der Organisierung des Turntages und des Turnfestes dem Herrn Präsidenten der Republik meinen Dank auszusprechen. (Beifall.) Die Kassenverhältnisse liegen auch bei uns nicht überaus günstig, doch hoffen wir, wenigstens einen Teil der Kreissteuer zur Deckung der Unkosten im Laufe dieses Jahres einzubekommen. (Der Präsident macht den Vorschlag, vor den anderen Berichten das Referat des Turnbruders Kuhn anzuhören. Der Vorschlag wird angenommen.)
Organisations- und Arbeitsreferat.
Von Turnbruder Kuhn, Berlin.
Verehrte Anwesende! Meine Freunde! Bevor ich auf den Inhalt meines Referats eingehe, gestatten Sie mir eine kurze persönliche Bemerkung: Das, was ich Ihnen hier vortragen werde, wird zum Teil Ihren starken und lebhaften Widerspruch hervorrufen. Aber doch halte ich es auf Grund sehr langer Erwägungen für die grundlegende Idee all unserer kommenden Arbeit. Diese Idee ist nicht das Produkt einer monumentalen Stimmung, die dem Kongreß und der mit ihm verbundenen Begeisterung Rechnung trägt, sondern sie ist, seit Jahren in unserer Bewegung schlummernd, immer mehr und mehr zutage getreten. 
Die alte jüdische Turnerschaftsorganisation ist durch die Ereignisse innerhalb des jüdischen Volkes und der ganzen Welt überholt worden. Ihre Unzulänglichkeit darf in keiner Weise mehr die kommende Arbeit beeinträchtigen. Als wir daher ohne Auftrag daran gingen, diese Tagung einzuberufen, um eine neue jüdische Turnerschaft aus den Trümmern der alten entstehen zu lassen, da waren für uns zwei Gesichtspunkte maßgebend.
  1. Welche gemeinsamen Aufgaben und Ziele haben wir mit den jüdischen Turnern und Sportlern der ganzen Welt, und
  2. welchen Nutzen bringt uns und allen Beteiligten der Zusammenschluß.
Es waren also zwei organisatorische Möglichkeiten, nämlich 1. einen Zweckverband und 2. eine Interessengemeinschaft zu gründen. Die Interessengemeinschaft liegt auf rein praktischem, d. h. technischem Gebiete. Z. B. könnten wir durch Zusammenschluß den technischen Betrieb verbessern, indem wir geeignete Lehrkräfte ausbilden, gemeinsame Lehrmethoden aufstellen, Materialien beschaffen, Wettkämpfe veranstalten und ähnliches unternehmen. Aber all dasselbe könnten auch die jüdischen Turnvereine erreichen, wenn sie sich den schon bestehenden Verbänden innerhalb ihres Landes anschließen würden. Dagegen gemeinsame Aufgaben, das 
|9| gemeinsame Ziel, das wir mit all den jüdischen Turnvereinen der ganzen Welt haben und das nur den jüdischen Vereinen eigentümlich und für sie notwendig ist, erfordern eine Weltorganisation. Dieses gemeinsame Ziel liegt in Richtung der Entwicklung des jüdischen Volkes. Ohne ein jüdisches Volk gibt es keine jüdische Turnerschaft, und wenn das jüdische Volk keine Zukunft hätte, so hätte auch die jüdische Turnerschaft keine Zukunft. Welches aber ist die Zukunft des jüdischen Volkes? Die Zukunft des jüdischen Volkes ist Erez-Israel. Wenn also das Streben des jüdischen Volkes nach Erez-Israel geht, dann muß auch die jüdische Turnerschaft nach Erez-Israel streben. Meine Freunde, das sind Alltagsweisheiten und doch haben wir nach ihnen nie gehandelt. Nur in einer Feierstunde auf Turntagen und Kongressen sind wir uns des Inhalts dieses Begriffs bewußt geworden. Wir hatten bisher ein Bekenntnis zum Nationaljudentum, und wir erklärten in unseren Satzungen, daß unter Nationaljudentum das Bewußtsein verstanden wird, daß wir Juden gemeinsamer Abstammung sind und eine gemeinsame geschichtliche Vergangenheit haben. Für frühere Zeiten war diese Definition und dieses Bekenntnis leider gut, heute schäme ich mich, daß ich definieren muß, daß ich mit allen Juden der Welt mich gemeinsamer Abstammung fühle und daß ich mir bewußt bin, daß ich eine gemeinsame Geschichte habe. Wer dieses Bekenntnis noch voran schreiben muß, dem scheint die Erkenntnis zu diesem Bekenntnis sehr fern zu liegen. Ueberhaupt war dieses Bekenntnis eine Feststellung, nichts weiter als eine Konstantierung eines tatsächlichen Vorgangs. Es war eine Versteinerung. Wir sagten, wir sind Nationaljuden und wollen es bleiben. Was taten wir, um das Nationaljudentum zu beweisen und um es zu erhalten? Wir haben es nie verstanden, die Theorie der Lehre in die Praxis des Lebens umzusetzen. Jetzt muß es anders werden. Wir wollen uns des Nationalen unseres Volkes nicht nur bewußt sein, sondern wir wollen es betätigen, wir wollen unsere Arbeit einstellen auf den Aufbau und die Erhaltung von jüdischem Land und jüdischem Volk. In Verbindung hiermit schlagen wir Ihnen auch die Zahlung des Schekel für die Vollmitglieder der Turnerschaftsorganisationen vor. Ich gestehe zu, daß die Schekel-Frage gewisse Schwierigkeiten in sich birgt. Aber ich frage mich, durch was und wie soll denn einmal praktisch zum Ausdruck kommen, daß wir uns zu unserem Nationaljudentum bekennen, wenn wir nicht die Minimalsteuer des Volkes einrichten wollen, die unsere Vertreterschaft vor der Welt, den Kongreß legitimiert. Das wäre der erste Teil unserer Aufgabe, daß wir uns klar und deutlich einstellen auf die Zukunftsarbeit im Dienste des Volkes, und dann hat die jüdische Turnerschaft eine zweite große Aufgabe. Sie hat ihre Stellung innerhalb der jüdischen Nation sich zu erkämpfen, zu erhalten und zu festigen. Das ist leider bisher noch nicht der Fall gewesen. Trotz der großen Arbeit, die wir geleistet haben, trotzdem die Makkabi-Organisationen in vielen
|10| Ländern Vortruppen und Grundlagen der Zionistischen Organisation und der national-jüdischen Bewegung gewesen sind, trotzdem aus unserer Reihe Mitarbeiter und Führer auf dem nationalen Marsche hervorgegangen sind, hat man uns doch nie für voll angesehen, und noch vor wenigen Tagen konnten wir hier in Karlsbad feststellen, daß von seiten bestimmter zionistischer Kreise uns gegenüber eine Auffassung vertreten wird, die wir nicht einen einzigen Augenblick länger dulden können und wollen. Aber nicht durch Forderungen, sondern nur durch Arbeit kann man sich eine Stellung erkämpfen. Wie es in den Staaten Zentralämter für Leibesübungen gibt, die aus den Leibesübung betreibenden Körperschaften gebildet sind, so muß innerhalb der jüdischen Nation die jüdische Turnerschaft die Stelle dieser Zentralämter einnehmen, sowohl in Erez-Israel als auch in der Diaspora. Darum müssen wir uns durch Leistungen ein bestimmtes Arbeitsgebiet monopolisieren. Dieses Arbeitsgebiet haben wir Ihnen in § 3 des Vorschlages für die Statuten in folgender Formulierung vorgelegt:
a) Wir betreiben alle Arten von Leibesübungen. D. h. Von den kompliziertesten Gerätübungen bis zur einfachsten Wanderfahrt, vom Wehr- bis zum Wassersport sollen alle Arten von Leibesübungen innerhalb unserer Organisation gepflegt und gefördert werden, damit wir eine große umfassende Organisation werden. Alles, was Leibesübungen im jüdischen Volke betreibt und was den Blick nach Zion gerichtet hat, das gehört in die Reihe unserer Organisation, unbeschadet ihrer eventuellen Sonderzwecke, die sie als Einzelorganisation befolgt. Nur so wird die jüdische Turnerschaft die starke allumfassende Organisation werden, die einst in der Stunde der Not vom jüdischen Volk dringender als jede andere Organisation gebraucht werden wird.
b) § 3b haben wir in die Form gefaßt: ,,Die Organisation fördert die Kenntnis der hebräischen Sprache, der jüdischen Geschichte und Literatur.” Meine Freunde! Wenn wir von einem Menschen ein Bekenntnis verlangen, so muß diesem Bekenntnis eine Erkenntnis vorausgegangen sein. Wenn w i r nicht alles getan haben, um diese Erkenntnis zu ermöglichen, so haben wir keine Berechtigung, ein Bekenntnis zu fordern. Das jüdische Wissen ist aber allein der Vermittler des jüdischen Wesens, der nationalen Kultur. Ohne sie ist die nationale Wesensform, die sich unser Volk in Erez-Israel bauen will, ein leeres Gefäß ohne Inhalt. Man formt nicht erst ein Gefäß und sucht sich dann einen passenden Inhalt dazu, sondern den Eigentümlichkeiten eines Inhalts schafft man entsprechende Formen. Darum wird es keine nationalen Lebensformen geben, ohne einen tief innersten nationalen Inhalt. Die Grundlage dieses nationalen Inhalts ist aber das jüdische Wissen, das jüdische Wesen und das jüdische Leben. Angefangen bei den einzelnen Teilen des jüdischen Volkes, im einzelnen jüdischen Hause, aus deren Summe es zusammengetragen wird zu einer großen starken jüdisch-nationalen Kultur. |11|
c) § 3c lautet: ,,Die jüdische Turnerschaft sorgt für Ausbildung jüdischer Turn- und Sportlehrer.” Das ist im Leben unseres Volkes etwas Neues. Das Volk der Weisen und der Lehrer soll einen neuen Führer- und Lehrerstand erhalten, den Lehrer des Körpers! ,,Lehrer sein”, heißt ,,Führer sein” ,,Führer sein” Beschrieben werden hier die Anforderungen und Prinzipien an einen „Führer“ und Lehrer innerhalb des Makkabi-Weltverbandes. Das Führungssystem der Organisation basiert auf klar definierten Strukturen, in denen Führer für spezifische Aufgaben in klaren Grenzen verantwortlich sind. Die kontinuierliche Ausbildung neuer Führer wird als dabei als vordringliche Aufgabe angesehen. , um Menschen in ein Gebiet des Wissens oder Könnens zu führen. Dazu muß man ihren ganzen Leib und ihre ganze Seele mit dem Wesen eines bestimmten Gebietes voll auszufüllen wissen. Darum ist es nicht so leicht, Lehrer im Sinne unserer Idee und Organisation zu sein. Es genügt nicht ein bestimmtes technisches Wissen. An diesen Lehrern oder Führern, die wir heranbilden wollen, liegt die ganze Kennzeichnung der Erziehung seitens der jüdischen Turnerschaft. Das genaue Maß und kontrollierbare Wissen und Können auf technischem, jüdischem und pädagogischem Gebiete ist die einzige Führerqualifizierung, die wir gelten lassen. Nicht durch irgendwelche nationalen oder politischen Phrasen oder irgendeine gleiche Schwärmerei wird bei uns der Führer berufen. Auf unserem strengen Führersystem beruht unsere gesamte Organisation. Der Führer führt in bestimmten Grenzen zu bestimmten Aufgaben. Ihn groß zu ziehen und ständigen Führernachwuchs heranzubilden, muß unsere dringendste Arbeit sein. Wir haben Ihnen außer dem Organisationsstatut für dieses Gebiet eine entsprechende Anzahl von Anträgen unterbreitet, und hoffen, daß Sie durch die Annahme derselben beweisen, daß Sie mit unseren Anschauungen gemeinsam gehen. Die Durchführung dieser Arbeit ist nicht leicht, dessen sind wir uns bewußt. Wollen wir doch unserer Jugend einen neuen Beruf, den Beruf des Turn- und Sportlehrers eröffnen. Da gilt es, erst eine Atmosphäre für dieses Berufsideal zu schaffen, die notwendig ist, um überhaupt einen Beruf zu ergreifen.
d) In § 3 Abs. d weisen wir unserer Organisation die Förderung aller Arbeiten und Einrichtungen auf turnerischem und sportlichem Gebiete zu. Von der Durchführung dieser Aufgabe hängt in der Hauptsache unsere Stellung im jüdischen Volke ab. Das Volk hat bei seinem Aufbau so dringende, lebenswichtige Aufgaben, daß ihm in seinem schweren Existenzkampfe Sportplätze, Turnhallen, Geräteanschaffungen usw. als Luxus erscheinen müssen. Wir wissen nur allzu gut, daß diese Anschauung falsch ist, aber genug, sie ist da, und darum müssen wir mit dem, was vorhanden ist, rechnen. Wir müssen hier brachliegende Kräfte und Werte sammeln und ausnützen und die Durchführung der Arbeit auf diesem Gebiete ermöglichen. Vor allen Dingen aber müssen wir als Fachleute mit Rat und Tat bei der Anlage von Sportplätzen und Turnhallen usw. dem aufbauenden Volke zur Seite stehen und müssen unsere ganze Organisation als werbende Idee in den Dienst dieser Dinge stellen. Dies sind die peripheren Linien unserer Arbeit. 
Uebersteigen solche Ziele nicht die größten Ausmaße an Kräften? Welche Kräfte brauchen wir? Menschen und Geld. Arbeitende Menschen müssen wir haben, nicht nur Mitglieder. Wir verlangen
|12| aktive Mitarbeit und wollen Hingabe eines jeden einzelnen. Nicht ein Präsidium, sondern jeder einzelne ist mitverantwortlich. Darum schufen wir einen Paragraphen, in dem ein arbeitender Ausschuß, wir nannten ihn Delegation, verpflichtet ist zur aktiven Mitarbeit mit dem Präsidium und mit verantwortlich ist für die Ausführung und Leitung aller Arbeiten in der Organisation. Wir schlugen Ihnen einen Paragraphen vor, in dem wir das passive Wahlrecht zum Turntag-Delegierten und zu einem Amt in der jüdischen Turnerschaft davon abhängig machten, daß der Gewählte eine längere Zeit aktiv in unserer Organisation Mitglied war.
Wir haben darunter gelitten und sind nicht vorwärts gekommen, weil unsere Leitung theoretische Beschlüsse vom grünen Tisch aus losließen. Oft genug erlebten wir es, daß Eintagsführer durch ihre Rhetorik zu Amt und Würden kamen. Ihre Unkenntnis störte die ruhige und sachliche Entwicklung der Organisation und wenn das Unglück geschehen war, verschwanden sie lautlos. Alle diese Fragen haben wir erwogen und versucht, durch dieses Statut zu beantworten: Es muß auch eine bestimmte Disziplin, eine Achtung vor den Kenntnissen und dem Wissen der Führer untereinander gewährleistet sein. Die Turnerschaft ist die Organisation, die aufgebaut ist auf der Führerautorität ; nicht auf dem blinden Gehorsam, sondern auf einer Autorität, die der einzelne durch sein Wissen und durch den Glauben erhält, den die Masse an ihn hat, und den sie durch die Wahl des Betreffenden ausdrückt. Die Turnerschaft ist überhaupt die eigentliche Erziehungsorganisation, denn sie erzieht, das heißt sie zieht oder führt durch Führer zu bestimmten Zielen heran. Sie überläßt das Werden eines Menschen nicht dem spielerischen Wachstum des Werdenden selbst.
Die zweite Frage nach unseren Mitteln ist die finanzielle Frage. Ich stehe auf dem Standpunkt, daß es möglich sein muß, aus unseren eigenen Reihen die Kosten für den Rahmen der Verwaltung aufzubringen. Ich behaupte, daß wir es können. Wenn wir es bisher nicht gekonnt haben, so war es eben ein Versagen unserer Erziehungsmittel; denn die Leistungspflicht des Mitglieds an die Organisation besteht nicht bloß auf dem Turnsaal, sondern auch im Beitrag. Wir haben es bisher nicht vermocht, den Sinn für diese Leistungspflicht zu erwecken. Wenn nur 12 000 Mitglieder täglich der Organisation 10 Pf. geben, so macht das im Jahre eine runde Summe von 360 000 M., die die Verwaltungskosten einer Weltorganisation immerhin decken können. Wir müssen es unseren Mitgliedern klar machen, daß in der gegenwärtigen Lage des jüdischen Volkes keiner ein Recht hat, seinen Reichtum zu seinen persönlichen Lüsten zu verwenden, anstatt ihn dem Volke dienstbar zu machen. Wir legen Ihnen im Statut eine Kopfsteuer und eine Art Umsatzsteuer auf die Veranstaltungen der einzelnen Organisationen vor. Sagen Sie mir nicht, daß es unmöglich ist. Ich habe oft genug bei uns im deutschen Kreise beobachtet, wie wesent-
|13| liche Uberschüsse von kleinen Vereinen aus ihren Veranstaltungen herausgeholt worden sind. Meist aber haben diese Vereine mit diesen Geldern nichts anzufangen vermocht. Sie wurden sehr bald für unsinnige Dinge ausgegeben, ohne daß die Kreis- oder gar die oberste Zentralbehörde auch nur den geringsten Nutzen gehabt hat. Man soll auch mir nicht erzählen, daß man Veranstaltungen mit Unterbilanz macht. Wer so ungeschickt ist, der soll überhaupt keine Veranstaltungen machen. Man soll etwa nicht von Fest zu Fest jagen, sondern zwei große Sachen im Jahr machen, die dann auch entsprechend vorbereitet, einen großen Ueberschuß abwerfen müssen. Dieser Ueberschuß ist teilweise so groß, daß er die lokalen Bedürfnisse der einzelnen Vereine überschreitet. Solchen Ueberschuß der Gesamtorganisation dienstbar zu machen, halte ich für eine Pflicht. Aber wir wollen uns auch ganz klar darüber sein, daß die Arbeit, die wir hier leisten, ein Arbeitsfeld für diejenigen ist, die heute das Recht für sich in Anspruch nehmen, die berufenen Vertreter des jüdischen Volkes zu sein. Wir sind hier zusammengekommen am Orte des Zionistenkongresses. Dieser Kongreß ist die legitime Regierung des jüdischen Volkes. Wie jeder Staat die Pflicht hat, Einrichtungen für Leibesübungen, Körper- und Jugendpflege zu treffen, so hat diese jüdische Regierung auch dieselbe Pflicht für unser Volk. Deshalb stehen wir nicht an zu erklären, daß wir von der Zionistischen Organisation erwarten, daß sie sich der Pflicht bewußt wird, die von uns im Dienste des Volkes geleistete Arbeit zu finanzieren. Wenn man mich fragt, wieviel Geld man dazu braucht, so sage ich, jährlich 1 Million Pfund Sterling. Diese Summe erscheint Ihnen lächerlich groß, und doch ist sie nur gering für uns; denn Sie müssen bedenken, daß das jüdische Volk bisher kaum in seiner Gesamtheit eine Million Mark für diese Arbeit ausgegeben hat. Wenn man sich aber mit mir an einen Tisch setzen wird, um zu beraten, und ich erkläre, daß man sich mit uns an einen Tisch setzen wird, dann werde ich Ihnen verhandlungsfähige Summen nennen. Für uns kommt es nur darauf an, daß wir die jüdischen Massen überzeugen, daß unsere Arbeit eine Notwendigkeit im Volke ist. Ueberzeugen kann man nur durch Leistungen. In unseren Vereinen ist ein neuer Geist eingekehrt, der den Turnboden und den Sportplatz vernachlässigt und sich lieber um den Tisch herumsetzt, um zu diskutieren und Probleme aufzuwerfen. Wir müssen uns davor hüten, das pulsierende Leben in unserer Jugend hinweg zu disputieren. Soweit sind die Möglichkeiten unserer Arbeit im Rahmen eines Statuts zu erörtern. Aber wir müssen noch viel mehr leisten und unsere Ziele viel weiter stecken. Die Turn- und Sportlehrerfrage wird uns täglich zu beschäftigen haben; denn schon für die große Organisation, die wir schaffen, müssen wir eine große Anzahl hauptberufstätiger Führer haben. Wenn wir aber nicht nur zur Ergreifung des Turn- und Sportlehrerberufes anregen, sondern sogar die Erziehung von Turn- und Sportlehrern selbst 
|14| in die Hand nehmen, so sind wir auch verpflichtet, dafür zu sorgen, daß die jungen Menschen, die sich diesem Berufe widmen, ihren Lebensunterhalt und ihre Anstellung finden. Wir werden also bei den entsprechenden Erziehungsinstitutionen wohl hauptsächlich in Erez-Israel erwirken müssen, daß man die von uns ausgestellten Befähigungszeugnisse zum Turn- und Sportlehrerberuf anerkennt und die Inhaber dieser Zeugnisse bei der Anstellung an Schulen und öffentlichen Anstalten berücksichtigt. Wir haben ferner darauf zu achten, daß man in Erez-Israel keine Schulen ohne Turn- und Sportanlagen schafft, und daß der Turn- und Sportunterricht neben den wissenschaftlichen Fächern Eingang in alle Schulen findet.
Meine Freunde! Eine große Aufmerksamkeit haben wir dem Schutze des jüdischen Lebens und Eigentums zuzuwenden. Aus allen Berichten ging ja hervor, daß man fast überall genötigt war, in der Stunde der Gefahr im Falle der Notwehr sich zu organisieren. Sie wissen, daß ich kein unsinniger Militarist bin, und daß ich die friedliche Arbeit an meinen Büchern der aufreibenden Tätigkeit des Stets-gerüstet-seins vorziehe. Aber wenn das jüdische Volk in Not ist, wenn es aufflammt, sei es in Rußland, sei es, daß die Mordbrennerbande der Horthy-Hejas-Offiziere Horthy-Hejas-Offiziere Miklós Horthy (1868–1957) war ein österreich-ungarischer Admiral und ungarischer Staatsmann, der von 1920 bis 1944 de Facto das Amt des Staatsoberhauptes des Königreichs Ungarn innehatte. Nach dem Zusammenbruch der ungarischen Räterepublik 1919 kam es in den Jahren 1919/20 zu zahlreichen Aktionen des sogenannten „Weißen Terrors“ gegen Sozialisten, Kommunisten und Juden. Formal gehörte ein Großteil der Täter zur Nationalarmee. Die Frage, inwieweit Horthy für deren Aktionen direkt verantwortlich war, ist umstritten. Während seiner Regierungszeit war die ungarische Regierung in die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung involviert, insbesondere durch die Einführung antisemitischer Gesetze. Horthy leistete jedoch zunächst Widerstand gegen die von Adolf Hitler geforderten Massendeportationen ungarischer Juden. Erst im Jahr 1944, nach der deutschen Besetzung Ungarns, erfolgte die Deportation von Hunderttausenden ungarischer Jüdinnen und Juden in das Vernichtungslager Auschwitz. Im Verlauf des Zweiten Weltkriegs, als sich das militärische Gleichgewicht zugunsten der Alliierten verschob, unternahm Horthy 1944 den Versuch, Ungarn aus dem Konflikt herauszuführen und einen Waffenstillstand mit den Alliierten auszuhandeln. Infolgedessen wurde er von den deutschen Besatzern abgesetzt, und die faschistische Pfeilkreuzler-Partei übernahm die Macht in Ungarn. Horthy wurde daraufhin in Bayern interniert, bevor er 1945 von der US-Armee befreit wurde. Er verbrachte die letzten Jahre seines Lebens im portugiesischen Exil, wo er 1957 verstarb.   in Ungarn, sei es, daß die verhetzten Araber in Erez-Israel uns an das Leben gehen, dann müssen wir in vorderster Linie stehen; denn wir sind die organisierte physische Kraft des jüdischen Volkes. Sie werden mir sagen, daß das zum Teil unmöglich sein wird. In Ländern wie Deutschland oder Oesterreich wird auf Grund des Versailler Vertrages es niemals möglich sein, daß wir uns für diesen Fall vorbereiten. Sie irren sich! Die Abfasser des Versailler Vertrages wollten nicht die Kompagnongs der Pogromisten sein. Aber selbst wenn sie es wollten, so läßt sich das jüdische Volk sein Recht auf die Notwehr, ein Recht, das jedem Tiere zusteht, nicht nehmen. Und wenn man uns an die Kehle geht, so wehren wir uns. Wir haben kein Vertrauen mehr zu dem Schutze, den uns die Verfassung anderer Völker zwar garantiert, aber nie gewährt hat. Wir haben kein Vertrauen mehr zu den Leuten, die unser Volk vorher entwaffnet haben und nachher die Waffen den Pogromisten ausgeliefert haben. Uns interessiert nicht, ob diese Pogrome gegen unser Volk eine begrenzte politische Seite des einzelnen Staates, in dem sie vorgefallen sind, haben. Wir sehen lediglich eine eindimensionale Entwicklung der Befehdung und Gefährdung unseres Volkes. Wir sehen die Dezimierung unserer Reihen, den Mord und die Verelendung der wertvollsten Teile unseres Volkes, die wir zum Aufbau brauchen. Dagegen wollen wir im Falle der N o t w e h r, aber auch nur dann, protestieren : und nicht nur mit dem Wort. Wir wollen keine Selbstwehr unterhalten. Wir wollen keine Legion. Aber wir wollen im Rahmen von Leibesübungen eine Vorbereitung für die Notwehr und eine Einführung des zweckmäßigen Sportes. Das ist
|15| weder Militarismus, noch ist das Soldatenspielerei. Die Welt hat uns dazu gezwungen. Jetzt muß sie es sich gefallen lassen.
Meine Freunde! Eine Jugend, die zu all diesem, den höchsten Aufgaben für ihr Volk erzogen werden soll, muß sehr sorgfältig erzogen werden. Man hat in unsere Erziehungsprobleme die beiden Gegenpole i n t e n s i v e und e x t e n s i v e  E r z i e h u n g, als Streitfrage hineingetragen. Soweit diese Begriffe ehrlich gemeint sind, wollen wir uns gründlich mit ihnen befassen. Was erfordern denn unsere Aufgaben? Was ich Ihnen hier alles als Aufgabe geschildert habe, sind Dinge, die nicht nur einigen wenigen Auserlesenen vorbehalten bleiben. Es ist kein Monopol für eine ,,Menschheits-Elitegruppe”. Es ist Arbeit, die die Massen zu leisten haben. Aber das eine schließt das andere nicht aus. Quantität ist nicht immer der Gegensatz von Qualität. Wir müssen erst die Masse erfassen und dann die einzeln Erfaßten weiter erziehen. Die Richtlinie gelten für die Gesamtheit, sie sind System. Ihre Anwendung in den Gruppen wird individuell sein. Das ist Methode. Aber wenn wir von einer intensiven Erziehung, von Klubsystemen, von menschlicher Auslese und Gemeinschaft hören, so habe ich oft meine größten Bedenken und betrachte diese Schlagworte als Deckmantel. Wir sehen es in den Jugendbewegungen der anderen Völker. Von der Sexualhysterie über die politische Beeinflussung bis zur Fanatisierung der jungen Menschen verbirgt sich alles hinter diesen Schlagworten. Das tun diejenigen, die es unehrlich meinen. Die Ehrlichen haben bei uns alle Raum. Sie können im Rahmen unserer Verfassung und unserer Aufgaben nach ihrer Ueberzeugung dem Volke dienen; aber ihre Sonderinteressen haben keinen Platz bei uns, die sollen sie in ihren Sonderorganisationen betätigen. Wir sind eine einige Organisation. Wir umfassen die ganze Fülle jugendlicher Kraft und jugendlichen Dranges des jüdischen Volkes, und wo dies nicht geschehen bisher, da wird es von jetzt ab unsere Aufgabe sein. Und diese Jugendkraft in den Dienst der Nation, den Blick nach Zion gewendet, einzusetzen, dafür wollen wir arbeiten, solange noch ein Tropfen Blutes in den Adern eines jungen Makkabäers fließt. (Lebhafter, andauernder Beifall.)
Der Präsident Dr. Sonnenfeld schlägt vor, wegen der vorgeschrittenen Zeit die Diskussion über das Referat auf Dienstag vormittag 9 Uhr anzusetzen.
Es entsteht eine Geschäftsordnungsdebatte über die Geschäftsordnungsgrundsätze bei den Verhandlungen. Teilweise wird beantragt, daß nach Zahl der vertretenen Mitglieder abgestimmt werden soll. Turnbruder Kuhn teilt mit, daß er die Einladung herausgeschickt habe mit dem Wortlaut: ,,zwei bis drei bevollmächtigte Vertreter für jeden Kreis”. Diese Einladung sei also gleichzeitig geschäftsordnungsmäßige Voraussetzung für die Tagung. Dadurch, daß die Herren erschienen seien, bekennen sie sich auch zu diesem Vorschlag. Man hat gar keine Möglichkeit, da bisher Verbandsbeiträge von den Kreisen nicht erhoben sind, die hier
|16| angegebene Mitgliedszahl der Kreise zu kontrollieren, infolgedessen auch nicht zur Grundlage für die Stimmzahl der einzelnen Delegierten zu machen. Nach einer kurzen Debatte einigt man sich dahin, daß jeder Kreis zwei Stimmen, sowie der vorbereitende Verbandsausschuß ebenfalls eine Stimme erhält.
Dr. Owadia (Bulgaien): Bereits im Jahre 1897 wurde in Philippopel ein jüdischer Turnverein gegründet. Kurz darauf entstanden in anderen Städten ebenfalls solche Vereine, die jedoch zunächst nur e i n Ziel verfolgten: Kampf gegen die körperliche Degeneration. Anfang 1904 wurde dann ein Verband aller damals existierenden jüdischen Turnvereine gegründet. Aber dem Verbande fehlte die richtige Basis. Man hat geturnt, um zu turnen, jedoch ohne System und ohne Ziel. Man nahm beim Turnen keine Rücksicht auf Konstitution, Kraft, Fähigkeit, Alter und Geschlecht des Turners. Um anatomisch-physiologische Momente kümmerte man sich nicht. Wenn auch in Bulgarien so manche Turner hingebungsvoll gearbeitet und Jahre hindurch keine Mühe gescheut haben, um als Vereins- und Turnleiter zu wirken, so hat es doch nie geschulte Vorturner gegeben, die irgendwo eine Turnschule oder einen Turnkursus mitgemacht hatten. So bildete man einseitig entwickelte Leute, Akrobaten, aus, betrieb fast ausschließlich Geräteturnen, bereitete sich für die Bühne und die Schaustellung vor und achtete auf das Aeußerliche mehr als auf den Inhalt. Durch den Krieg wurde der Verband fast ruiniert. Im Jahre 1919 kamen Delegierte aus damals bestehenden sieben Makkabi-Vereinen zusammen. Im April 1920 fand dann die ordentliche Makkabi-Konferenz in Philippopel statt. 
Wir jüdischen Turner des kleinen Bulgariens sind stolz darauf, daß wir auf dieser Tagung denselben Gedankengang wie unsere Turnbrüder in Deutschland hatten, indem wir Beschlüsse und Resolutionen annahmen, die den Münchener Thesen gleich lauteten, ohne daß wir dieselben zu jener Zeit schon gekannt hätten. Nach der Konferenz vergrößerte sich die Zahl unserer Vereine auf 19, von denen jedoch nur 15 reguläre Mitglieder des Verbandes sind. Nach dem Verbandsstatut können Mitglieder des Verbandes nur diejenigen Vereine sein, welche zionistisch sind und parallel mit dem Turnen die nationale Erziehung und die Hebung des Nationalbewußtseins ihrer Mitglieder vorsehen und außerdem die Mitglieder über 18 Jahre verpflichten, Schekel zu zahlen. Unser Statut hat einige wesentliche Punkte:
  1. Mitglied des Verbandes kann jeder zionistische Turnverein sein.
  2. Wahlberechtigt sind nur diejenigen Mitglieder, die das 15. Lebensjahr
     
    überschritten
     
    haben.
  3. Unterstützende Mitglieder unter 20 Jahren gibt es nicht. Die überwiegende
Mehrzahl unserer Mitglieder sind Jugendliche, und so hat der ganze Verband ein immerhin jugendliches Aussehen. Da aber auch, sogar in den Ausschüssen, zum Teil an verantwort- 
|17| lichen Stellen, Schüler sitzen, so kann eine großzügige Tätigkeit auf regelrechter und planmäßiger Arbeitsgrundlage nicht durchgeführt werden, weil den einzelnen zu jungen Menschen Uebersicht und Umsicht fehlen, und auch an den leitenden Stellen kein ständiges Element vorhanden ist, da nach Absolvierung des Gymnasiums die Schüler oft zu Studienzwecken ihren Verein verlassen müssen. 
Zwecks technischer Leitung sehen wir uns daher nach der Anstellung eines Turnlehrers um. Wenn es uns gelingen wird, einen solchen Turnlehrer zu finden, der neben seinen Fachkenntnissen auch eine große Dosis Idealismus und nationales Element in sich birgt, dann glauben wir, daß nicht nur unsere bestehende Organisation wesentlich gebessert und gefestigt wird, sondern auch ein weitaus größerer Teil der jüdischen Jugend Bulgariens erfaßt werden kann, als es bisher geschehen ist. Für nationale Erziehung, insbesondere aber auch für den Maasser (Keren Hajessod) wurde eifrig gearbeitet und diese Dinge zum Inhalt unserer Bewegung gemacht. Es bestanden auch in Bulgarien seit dem VI. Zionistenkongreß VI. Zionistenkongreß Der VI. Zionistenkongress fand im Jahr 1903 in Basel statt. sogenannte indifferente Turnvereine, mit denen wir im Kampf standen. Zurzeit existieren solche nicht mehr in Bulgarien.
2. Sitzung
(Dienstag, den 30. August 1921, 9 Uhr vormittags.)
Anwesend: Vertreter der Tschechoslowakei, Palästinas, Deutschlands, Bulgariens, Türkei, Polens, Oesterreichs.
Präsident Dr. Sonnenfeld und Julius Hirsch, Schriftführer: Zülzer und Weißkopf.
Der Präsident eröffnet die Sitzung und liest Begrüßungstelegramme von der jüdischen Sportgemeinde der Tschechoslowakei und vom Makkabi Kowno vor.
Billig (Polen): Wenn ich Stellung nehme zu dem Referat von Turnbruder Kuhn, so schicke ich voraus, daß ich organisierter Zionist bin, spreche aber hier nicht für meine eigene Person, sondern als Vertreter der jüdischen Turnerschaft Polens, die erst vor wenigen Wochen zusammengetreten und ein scharf umrissenes Arbeitsprogramm angenommen hat. Wir sind nicht der Meinung des Turnbruders Kuhn, daß unsere Bewegung eine politische Tendenz habe und eine Kulturaufgabe erfüllen müsse. Wir sprechen in Polen nur von einer physischen Regenerationsarbeit, die die jüdische Turnerschaft zu leisten hat. Man spricht bei uns nicht von Kulturfragen, denn das ist eine Angelegenheit der zionistischen Organisation oder unserer Spezialgruppen, aus denen die Mitglieder zu uns kommen, um nur zu turnen. Das jüdische Leben in Polen unterscheidet sich vom Leben Westeurpas [sic!] ganz wesentlich. Bei uns i s t jüdisches Leben, i s t jüdische Kultur. In unserer Organisation aber befinden sich nicht nur einseitig gerichtete Gruppen in bezug auf die jüdische Kulturanschauung. Vom radikalen Zionisten bis zu Bundisten sind alle Schattierungen
|18| und Abstufungen bei uns vertreten. Darum ist es uns auch nicht möglich, nur einen engen Kreis tüchtiger Turner und Sportler intensiv zu erziehen, sondern wir müssen Massen erfassen, die Wohlfahrt der Leibeserziehung großen Menschenmengen zuteil werden lassen. Bei uns turnen Arbeiter neben Talmudjüngern, Handelsangestellte neben Poale-Zionisten Poale-Zionisten Arbeiterzionisten . Wenn Kuhns Vorschlag angenommen wird, gehen uns diese Massen verloren, nehmen wir uns überhaupt die Möglichkeit, die Idee der körperlichen Wiedergeburt in die großen jüdischen Massen hineinzutragen und zu verwirklichen. Deshalb stimme ich im Namen unserer 15 000 Mitglieder gegen die offene zionistische Firma. Dazu kommt ja noch, daß bei uns in Bezug auf den Zionismus die Verhältnisse anders liegen als in Westeuropa. Wenn man unseren Mitgliedern zur Pflicht machte, Schekel zu zahlen, so würde die Streitfrage entstehen, wohin dieser Schekel abgeführt werden müßte. Bei uns erheben die Parteien in sich ihren Schekel, und wollten wir den Schekel einer bestimmten Partei zuwenden, so legten wir uns fest und würden die Anhänger der anderen Parteien verlieren. Die zionistische Landesorganisation hat bei uns nicht die Stellung, die sie in Deutschland hat. Aber auch andere Fragen unterscheiden uns wesentlich von den jüdischen Turnern der übrigen Länder. Wir haben keine Geldsorgen in Polen, keine Not an Turnhallen und Sportplätzen. Aber das Verhältnis zur Regierung ist das denkbar schlechteste. Unsere Vereine werden überall, wo es nur möglich ist, schikaniert. Streitigkeiten mit den polnischen Sportorganisationen sind an der Tagesordnung. Wenn nun durch eine falsche radikal-zionistische Politik die großen Massen der Nichtzionisten aus den jüdischen Turnvereinen ausgeschlossen werden, so sinken wir zu einem kleinen Häuflein zusammen, das machtlos ist, und verlieren die letzte Berührung und Unterstützung seitens der allgemeinen Sportverbände. Deshalb soll man aus dem Statut die Sprachenfrage und die zionistische Frage ausscheiden. Wir sollen unpolitisch und unparteiisch sein. Ich möchte nun noch auf die Frage des Systems zu sprechen kommen. Ich halte das deutsche Turnen in gesundheitlicher Hinsicht nicht für das richtige System. Mehr scheint das schwedische Turnen geeignet zu sein. Man hat es in Warschau durchgeführt, und niemand darf bis zum 16. Lebensjahre das deutsche Turnen betreiben. Ich möchte ähnliche Bestimmungen in das Statut der Weltorganisation aufgenommen wissen.
Präsident Dr. Sonnenfeld schlägt vor, die Systemfrage in der technischen Sitzung zu besprechen.
Dr. Owadia (Bulgarien): Der Name der Weltorganisation, die wir unbedingt gründen müssen, kann aber nicht anders lauten als zionistisch. Nur dieser Gedanke darf bei uns herrschen, und ich habe mich gefreut, als in so klarer Weise Turnbruder Kuhn in seinem Referat all das ausgesprochen hat, was auf diesen Gedanken hinzielt. Den Blick nach Zion gewandt, nicht anders kann |19| ich mir einen Makkabi vorstellen. Die polnische Ansicht ist ganz und gar verfehlt, so etwas konnte man vor 10 oder 20 Jahren sagen. Wir wollen nicht bloß die Muskeln stärken; sondern müssen wissen, warum wir die Muskeln stärken; um Jude in Polen zu sein, brauche ich nicht die Muskelstärkung von jüdischer Seite aus zu organisieren. Wir müssen unsere Mitglieder zionistisch beeinflussen. Das läßt sich bei den Schülern am ehesten erreichen. Deshalb legen wir solch ungeheuren Wert auf die Jugend. Viel anders werden auch die Verhältnisse in Polen nicht liegen. Nur müssen die Lehrer und die Hauptarbeiter der Organisation zionistisch sein. Das soll auch im Statut zum Ausdruck kommen. Warum soll denn der Name nicht zionistisch sein; die Arbeit wird ja doch geleistet mit dem Auge nach Erez-Israel gerichtet. Wer nicht mittun will, gehört eben nicht in diese jüdische Turnerschaft. Er gehört in eine andere jüdische Turnerschaft. Unser Weg ist der Weg nach Zion. Ich unterschreibe nicht nur jedes Wort, das Turnbruder Kuhn gesagt hat, sondern auch jedes Wort, das er in seinem letzten Artikel in der Turnzeitung geschrieben hat. Diese Worte haben bei uns in Bulgarien einen starken Eindruck gemacht und uns in unseren Anschauungen befestigt.
Zimmermann (
Kraków
deu. Krakau

Krakau ist die zweitgrößte Stadt Polens und liegt in der Woiwodschaft Kleinpolen im Süden des Landes. In der Stadt an der Weichsel wohnen ungefähr 775.000 Menschen. Die Stadt ist bekannt für den Hauptmarkt mit den Tuchhallen und der Wawel-Burg in der Altstadt Krakaus, welche seit 1978 zum UNESO-Welterbe gehört. In Krakau liegt die älteste Universität Polens, die Jagiellonen-Universität.

) setzt noch einmal in längeren Ausführungen den Standpunkt Billigs auseinander: Ich halte den Vorschlag Kuhns für gefährlich für die polnischen und russischen Turnvereine, die hier majorisiert werden sollen. Ein zionistischer Turnverband in Polen ist unmöglich. Ebenso könnte man mit gutem Fug und Recht einen  zeïre-zionistischen
Jugend Zions
auch:
Zeire Zion, Ze'ire-Zion
Ze‘ire Zion auch Tze’irei Zion (hebr.) „Jugend Zions“ (dt.) war eine sozialistisch-zionistische Jugendorganisation, die im ausgehenden 19. Jahrhundert in Osteuropa entstand.
 oder  misrachistischen
Misrachi
Misrachi (auch hebr. Mizrachi, Akronym von merkas ruchani, bedeutet so viel wie geistiger Mittelpunkt / geistiges Zentrum) ist eine orthodoxe, religiös-zionistische Bewegung, die Anfang des 20. Jahrhunderts in Litauen entstand. Zudem bedeutet misrach (hebr.) auch 'Osten' (dt.).
 Turnverband bilden. Denn in diese Gruppen ist das jüdisch-polnische Leben gespalten. Dazu kommen noch die Bundisten. Man darf auf sie nicht verzichten, überhaupt nicht auf diejenigen, die noch nicht zionistisch denken, welche aber beeinflußbar sind. Erst müssen wir die Masse haben, dann können wir sie mehr oder minder erziehen. Ich möchte auch gern sehen, daß im Statut eine Erziehung zur Selbstwehr vorgesehen wird, die am besten durch die Einführung von Jiu-Jitsu und Boxen ermöglicht wird. Wir haben in Polen die Erfahrung gemacht, daß eine gut vorbereitete Jugend im Fall der Notwehr für uns Treffliches leistet. Die jüdische Selbstwehr in Polen hat nicht nur organisatorisch auf dem Papier gestanden, sondern ihre Tätigkeit durch das Blut ihrer Gefallenen und Verwundeten erwiesen. Betreffs der finanziellen Zuschüsse, die Kuhn von der zionistischen Organisation erwartet, bitte ich zu bedenken, daß alles Geld für Palästina gebraucht wird. Daher soll man kein Geld für den Golus Golus Golus (Jidd.) / Galut (Hebr.) bedeutet Diaspora. fordern. Bei allen Erwägungen aber und Beratungen möchte ich euch immer wieder daran erinnern, daß die Annahme eines zionistischen Programms die Arbeit in den polnisch-jüdischen Turnvereinen stört, die jüdischen Sportvereine in Polen aber sogar vollkommen vernichtet. Ein national-jüdisches Bekenntnis dagegen in gemäßigter Form kann uns nichts schaden. Für den Makkabi Krakau aber |20| erkläre ich, daß, falls die hier gefaßten Beschlüsse eine Mitarbeit und einen Anschluß der jüdischen Turnerschaft Polens nicht ermöglichen, der Makkabi Krakau sich doch dem Weltverbande anschließen wird, da er in seiner Erziehung und in seiner Tendenz bereits so weit fortgeschritten ist, daß er dieses kann. 
Spiegler (Wien): Ich warne ebenfalls vor Experimenten, wie sie Turnbruder Kuhn machen will. Man kann Menschen nicht ein Bekenntnis abringen, sondern man muß sie allmählich dazu heranziehen. Ich empfehle eine ähnliche Fassung des Statuts wie bei der Hakoah Hakoah Der Sport Club Hakoah Wien, dessen hebräischer Name Kraft bedeutet, wurde 1909 in Wien als explizit jüdischer Sportverein ins Leben gerufen. Das Emblem der Hakoah ist ein blauer Magen David (Davidstern) auf weißem Hintergrund. : Körperliche Erziehung des jüdischen Volkes und Hebung seines nationalen Bewußtseins. Wenn wir in Oesterreich heuer mit einer Schekelforderung kommen, so würden wir eine große Anzahl Mitglieder verlieren. Wir sind daher viel geschickter gewesen. Wir haben den Schekel in den Beitrag hineinkalkuliert, so daß die Mitglieder ihn von allein zahlen. Ob sie sich dessen alle klar und deutlich bewußt sind, ist eine andere Frage.
Abramowitsch (Konstantinopel): Ich bin erstaunt, daß diese Fragen bei uns immer noch diskutiert werden, die doch längst überwunden sein sollten. Turnen soll uns doch nicht Selbstzweck, sondern Mittel zum Zweck sein. Man will doch die Jugend bilden und beeinflussen. Das müssen doch die Führer klar wissen. Sie müssen aber auch wissen, mit welchen Zielen, in welcher Weise sie zu beeinflussen haben, und vor allen Dingen sich klar und deutlich selbst zu diesen Dingen einstellen. Man kann doch nicht jemanden für die freie glückliche Zukunft des jüdischen Volkes erziehen, wenn man nicht selbst für diese Zukunft ist. Wenn auch vielleicht noch nicht überall der Moment gekommen ist, den zionistischen Namen zu führen, so muß das zionistische Ziel doch Inhalt unserer Arbeit sein. Wir müssen sogar bestrebt sein, recht bald dazu zu kommen, öffentlich Farbe zu bekennen. An einer körperlichen Ertüchtigung von Juden, die doch nur unsere Gegner sind, bestenfalls aber, wenn es sich um die Ueberzeugung zur Zukunft unseres Volkes handelt, neutral bleiben, kann uns doch gar nichts gelegen sein. In allen Dingen muß unser Wille zum Ziele zum Ausdruck kommen. Die 20 Jahre lange Indifferenz hat uns nicht vorwärts geführt. Wir sind ja froh, daß jetzt Turnbrüder gekommen sind, die unsere ganze unklare Bewegung einstellen in die neuen geänderten Lebensbedingungen des jüdischen Volkes. Wir haben die Pflicht, die Mitglieder in unsere Ideen hineinzuführen nicht durch schöne Redensarten, sondern durch Erziehung, durch Sprache, durch Volkslied, durch Literatur, durch die vielen Dinge, die darauf hinweisen, daß wir ein jüdisches Volksleben führen, z. B. auch rein äußerlich hebräische Aufschriften auf unseren Drucksachen, gemeinsame Abzeichen, gemeinsame hebräische Kommandosprache usw. Das Weltstatut soll eine Einigung ermöglichen und keine Spaltung herbeiführen.
Hirsch (Berlin) übernimmt das Präsidium.
|21| Dr. Sonnenfeld (Tschecho-Slowakei): Wir Vertreter der Makkabi-Organisation der Tschechoslowakei haben von unserem Turntag Auftrag und Wunsch mit auf den Weg erhalten: daß der Zusammenschluß herbeigeführt werden sollte. Auch wir sind der Ansicht, daß die jüdische Turnerschaft sich in den Dienst des Aufbaues von Palästina zu stellen habe, allerdings nicht als ein Mitglied der zionistischen Weltorganisation, sondern nur im Anschluß und parallel zu ihr. Wir haben bei unserem Turntag ein sogenanntes Kulturressort begründet, um die national-jüdische Erziehung unserer Mitglieder in die notwendige, erfolgversprechende Bahn zu leiten und somit in Richtung dieses Zieles wirken zu können. Ich glaube auch nicht, daß Turnbruder Kuhn sich auf die angeschnittene Schekelfrage versteifen wird. Ich glaube, daß man hier eine Einigung finden kann. Ich würde Ihnen den § 2 in folgender Fassung vorschlagen: Die jüdische Turnerschaft erstrebt die Erstarkung der physischen und moralischen Kräfte im jüdischen Volke, den Aufbau und die Erhaltung von jüdischem Volk und Land. Ich glaube, daß unsere Freunde aus Polen sich zu stark von den Rücksichten auf die Antizionisten leiten lassen; wenn es aber durchaus nicht anders in Polen geht als die völlige Aufgabe unseres nationalen Zieles und unserer kulturellen Aufgaben, dann wäre freilich in Erwägung zu ziehen, ob es nicht besser ist, vorläufig auf den Anschluß zu verzichten, als eine Verwässerung des Zieles der Weltorganisation durch den Anschluß Polens zu erreichen. Wir werden deshalb zu der jüdischen Turnerschaft Polens keineswegs in eine Kampfstellung geraten; denn so wie wir die polnischen Delegierten hier kennen gelernt haben, sind wir überzeugt, daß sie schon in ihren Kreisen dahin wirken werden, daß noch bald ein näherer Anschluß erfolgt. Wir sind doch nicht hierher gekommen, um uns Gegensätze zu sagen und auf dieser Tagung Gegensätze ein- für allemal festzulegen, sondern im Gegenteil, weil die sachlichen Motive zu einem Zusammenschluß drängen. Ich glaube, daß in den Kommissionen, die wir nachher zu wählen haben werden, in einer etwas freundschaftlicheren Aussprache mancher Gegensatz, der in der Aussprache vor dem großen orum hervortritt, nach genauer Untersuchung verschwinden wird. Jedenfalls kann ich erklären im Namen der tschechoslowakischen jüdischen Turnerschaft, daß wir uns der Weltorganisation, der Grundrichtung der besprochenen Ziele und Auffassungen anschließen werden.
Kuhn (Berlin): Meine Freunde! Die Gegensätze sind lange und scharf erörtert worden. Es hat sich dabei um ein Für und Wider über die Grundsätze gehandelt, welche ich in meinem gestrigen Referat Ihnen vorzulegen die Ehre hatte. Wenn ich alle Sprüche dagegen betrachte, so - verzeihen Sie mir die Kühnheit - habe ich den Eindruck, als könnte ich jede einzelne Opposition in ihre Bestandteile auflösen. Ich möchte daher mit den einzelnen Rednern der Reihe nach mich auseinandersetzen. Die Herren in Polen haben uns gesagt, daß es ihnen lediglich auf die physische Rege- |22| neration des jüdischen Volkes ankommt. Sie wollen den jüdischen Leib stärken, den jüdischen Körper veredeln; aber sie wollen keine Kulturarbeit und keine Tendenz. Darf ich Sie fragen, meine Freunde in Polen, zu welchem Zwecke Sie den jüdischen Leib gesund erziehen wollen? Vielleicht zu dem Zwecke, damit der polnische Staat gesunde Soldaten aus der jüdischen Bevölkerung rekrutiert? Vielleicht zu dem Zwecke, weil Sie sich als eine hygienische Institution der Juden Polens betrachten? Meine Freunde, ich arbeite seit ungefähr zehn Jahren ununterbrochen praktisch in der jüdischen Turnbewegung. Ich habe ein Steckenpferd. Ich leite eine Fechtabteilung in Berlin. Aber glauben Sie mir, in dem Moment, in dem ich das Bewußtsein bekäme, daß die Teilnahme an meiner Abteilung nur dazu da ist, den Juden Berlins eine billige Vermittlungsstelle für den Fechtsport zu sein, weil man 10 M. Eintritt bezahlt für den ganzen Monat, während ein Fechtlehrer in Berlin für die Stunde 20 M. erhält, in dem Moment, meine Freunde, würde ich den Krempel in die Ecke werfen; denn ich habe meine Jugendkraft und meine Begeisterung nicht geopfert, damit ein paar Judenjungen in Berlin Fechtsport betreiben. Für mich ist dieser Fechtsport ein Sammelruf für die, die sich zusammenfinden wollen, und wenn sie sich zusammengefunden haben, dann führt ihr Ruf weiter zu einem anderen Ziel. Es haben uns die Freunde aus Polen mitgeteilt, sie müssen Rücksicht nehmen auf die vielen Nichtzionisten, auf die  Bundisten
Der Bund
auch:
Allgemeiner jüdischer Arbeiterbund in Litauen, Polen und Russland
Der «Allgemeine jüdische Arbeiterbund in Litauen, Polen und Russland» wurde 1897 in Vilnius gegründet und vereinte zahlreiche Sozialisten jüdischer Herkunft. Die Bundisten standen dem Wunsch nach einem jüdischen Staat, wie ihn der Zionismus propagierte, ablehnend entgegen und setzten sich für ausgebaute jüdische Autonomierechte in der Diaspora ein. Während des Zweiten Weltkriegs operierte der polnische Zweig des Bundes im Untergrund weiter und beteiligte sich unter anderem am Warschauer Ghettoaufstand.
 und ähnliche Kreise innerhalb der Organisation. Man kann ja die Rücksicht nehmen; aber wenn diese Rücksicht so weit geht, daß wir unsere eigene Idee verlassen, ist es keine Rücksichtnahme mehr, sondern dann folgen wir der bundistischen und der antizionistischen Tendenz, dann tauschen wir unsere nationale Tendenz mit einer anderen Tendenz. Dafür dürfte bei uns keiner eintreten. Ja, mehr noch: Es haben uns die Freunde aus Polen gesagt, daß sie von der polnischen Regierung schikaniert werden. Wir wissen das. Aber eben deshalb, weil das der Fall ist, müssen wir mitarbeiten an jenem großen Werke, das uns einst die Möglichkeit gibt, als jüdische Nation im Rate der Völker mit angehört zu werden. Müssen wir mitarbeiten, eine Repräsentation des jüdischen Volkes zu schaffen, damit das jüdische Volk vor der Welt und vor dem Völkerbund seine Stimme erheben kann, daß auf Grund dieser Klage der Völkerbund den Polen einmal klar macht, daß sie ein 14-Millionen-Volk, von dem ein integrierender Bestandteil in Polen lebt, nicht ungestraft und ungesühnt länger schikanieren dürfen. Nur das ernste ehrliche Bekennen, nur das zähe Festhalten am nationalen Ziel kann die Lage der Juden der ganzen Welt also auch in Polen bessern, und nicht eine Rücksichtnahme, die mir fast einer antisemitischen Erscheinung ähnlich erscheint. Und mehr noch! Darum forderte ich die Schekelzahlung. Denn irgendwann und wo, muß, wenn wir eine jüdische Erziehungsarbeit leisten, doch einmal das Resultat dieser Erziehung zutage treten. |23| Wir arbeiten seit etwa 20 Jahren in Berlin und immer wieder gehen uns Mitglieder verloren, weil wir an ihnen zehn und mehr Jahre hindurch unsere Erziehungsarbeit und Kraft verschwendet haben, ohne daß einmal ein Resultat dieser Erziehungsarbeit zutage getreten wäre. Woran liegt das? Weil wir nicht einen Prüfstein, weil wir nicht gewissermaßen einen Bekenntnisabschluß verlangt haben, der den Erfolg unserer Arbeit zutage treten ließ. Ein solcher Prüfstein ist für mich die Schekelzahlung. Auf Grund der Schekelzahlung wählt die national bewußte Menge des jüdischen Volkes den Zionistenkongreß. Sie sehen hier in Karlsbad, am Ort des Zionistenongresses, an der Anwesenheit der Vertreter der englischen und tschechoslowakischen Regierung, an der Anwesenheit von so viel ausländischen Journalisten Interessenten und Gästen des Kongresses, daß man diesen Kongreß als die Repräsentation des jüdischen Volkes vor der Welt anerkennt. Nicht aber bloß als Repräsentation des jüdischen Volkes nach außen, sondern als Regierung des jüdischen Volkes nach innen gilt dieser Kongreß. Wir leisten innerhalb des jüdischen Volkes ein ganz bestimmtes Arbeitsgebiet, daß das Volksganze interessiert und unterstellt werden muß der kontrollierenden und begutachtenden, aber auch fördernden Instanz des Volkes, seiner Regierung. Also müssen wir durch unsere Schekel Einfluß auf die Bildung dieser Regierung gewinnen.
Meine Freunde, ich habe Ihnen gesagt und Sie alle waren damit einverstanden, daß es z. B. auch unsere Aufgabe sein wird, das letzte von der jüdischen Jugend zu verlangen, das Leben im Falle der Notwehr. Ohne eine Erziehung, die die klare Erkenntnis für die Notwendigkeit des größten Opfers den einzelnen Menschen verständlich gemacht hat, ist diese Aufgabe nicht zu erfüllen. Die Herren aus Polen haben ja selbst ihre Erfolge auf diesem Gebiet klargelegt. Das war aber doch nur möglich, weil nicht etwa plötzlich die Not im letzten Moment die Leute zusammenriß, sondern weil eine Idee, ein jüdischer Geist, ein jüdisches Leben zu jeder Stunde den Menschen gegenwärtig war. Und ferner hat man gesagt, man soll die kulturelle Erziehung den anderen Organisationen überlassen. Man soll es nicht! Ein geschlossenes Ganzes, einen jüdischen Turnertyp, sagen wir einen Makkabi-Typ wollen wir erziehen, zu einer neuen Lebensrichtung, Lebensauffassung, einheitlich und geschlossen, gleichgesinnt mit den tausenden jüdischen Turnern in anderen Ländern. Damit ist nicht etwa einer Uniformierung das Wort geredet, aber ein bestimmtes Etwas, das z. B. seinen Ausdruck findet in dem Begriff der Kraft, in dem Begriff der Disziplin soll sie umschließen, soll sie miteinander verbinden, soll ihnen den starken Glauben, einen sehenden Gehorsam, eine innige Liebe zu ihren Führern einimpfen. Das ist doch nur möglich, wenn eine gleich gerichtete Erziehung, wenn überhaupt e i n e  E rz i e h u n g  d u r c h  d i e  O r g a n i s a t i o n selbst vor sich geht. Wenn man heute diese Erziehung sozialistischen, misrachistischen,
|24| kommunistischen, bundistischen Elementen überläßt, dann werden wir diesen Einheitstyp diese große geschlossene, ich möchte fast sagen wahrhaft j ü d i s c h e Lebensauffassung innerhalb unserer Organisation niemals groß ziehen können. Ich habe nichts dagegen und halte es für notwendig, daß Differenzierungen einmal im Leben eines Volkes sein müssen, daß jeder seine eigene private, wirtschaftspolitische Auffassung hat, denn für mich sind heute Begriffe wie Sozialismus, Kommunismus zum größten Teil wirtschaftspolitische Begriffe. Aber Lebensauffassungen sind Fragen wie ,,Disziplin, einheitliches Handeln, geschlossene Hingabe und Begeisterung an eine Sache, gemeinsames Aufstehen im Dienste des Volkes, wenn die Nation ruft”. Deshalb soll man eben nicht nur parteipolitische Beeinflußungen, die man so häufig mit Erziehung verwechselt, unserer Jugend angedeihen lassen. Erziehung ist etwas anderes als die Aufnahme von Wirtschaftssystemen mit ein paar politischen Schlagworten gemischt. Erziehung ist das Hineinstellen einer Persönlichkeit in ein Volkssystem, in eine Menschheits- und eine Nationalaufgabe. Erziehung hat gerade Ueberwindung des egoistischen Triebes eines Menschen, unter dem ich auch den wirtschaftlichen Trieb und das Verlangen nach wirtschaftlicher Befriedigung verstehe, zur Aufgabe. Meine Freunde! Das jüdische Volk ist auf dem Marsche nach Erez-Israel. Wenn wir auf diesem Marsch nicht folgen, dann werden wir in der Diaspora eine Anzahl Juden haben, die sich in einer Organisation zusammgeschlossen haben, in der es Muskeln, Gesundheit und Kraft gibt. Aber das jüdische Volk wird nach Erez-Israel gehen, und unsere Jugend mit ihrer Organisation wird nicht nur hier bleiben, sondern keinen Zusammenhang mit dem Volke haben. Gewiß muß jede Arbeit sich den Notwendigkeiten des einzelnen Landes anpassen und mit seinen Möglichkeiten rechnen, aber das Gemeinsame muß da sein. Besser ein Abspalten derjenigen, die uns heute noch nicht folgen können, als daß wir uns mit ihnen belasten. Turnbruder Zimmermann hat uns den Vorwurf gemacht, daß wir die jüdische Turnerschaft in Polen majorisieren wollen. Ich habe den Eindruck, daß das große, 15 000 Mitglieder starke Sammelsurium aus allen möglichen jüdischen Schattierungen in Polen die ganze Weltorganisation majorisieren will. Ich bin mit dem Vorschlag von Dr. Sonnenfeld einverstanden. Ich würde vielleicht an Stelle von ,,moralisch” ein anderes präziseres Wort vorziehen. Ich werde auch über eine entsprechende Fassung in bezug auf den Schekelparagraphen mit mir sprechen lassen. Vielleicht ist die mir schriftlich von der Schweiz formulierte Fassung annehmbar, daß man es den einzelnen Landkreisen unter Befürwortung und Anempfehlung überläßt, Bestimmungen über die Schekelzahlung herauszugeben. Aber die Richtlinien, die ich Ihnen vorgelegt habe, sind nicht etwa die Intuition einer Stunde der Begeisterung, sondern sie sind hervorgegangen aus einem gewissenhaften Studium, nicht nur unserer Organisation, sondern der Nöte und der Möglichkeiten des jüdischen Volkes. Und deshalb glaube |25| ich kaum, daß wir, abgesehen von Ausgleichen, von redaktionellen Aenderungen, prinzipiell abweichen könnten von den Dingen, die ich Ihnen hier vorgetragen habe. Mich treibt nicht etwa ein falscher Urheberehrgeiz, für diese Dinge einzutreten. Ich kann nicht anders. Ich muß diese Arbeit geleistet sehen, weil ich klar und deutlich mit meinen Freunden in Deutschland empfinde, daß ohne diese Wege zu gehen, überhaupt kein Weg unserer Organisation gangbar ist.
Dr. Owadia, Bulgarien: Die verschiedenen Schattierungen innerhalb des Zionismus und seiner Parteien in Polen sind kein Grund für die Ablehnung des Zionsgedanken. Eine jede Partei innerhalb des Zionismus will doch nach Erez-Israel. Warum sträubt man sich also unter dem Vorwand, diese Parteidifferenzierungen berücksichtigen zu müssen, überhaupt gegen ein Einstellen der jüdischen Turnerschaft auf das zionistische Ziel? Die Massen müssen zionisiert werden. Es genügt uns nicht, daß nur die Führer zionistisch sind. Dann werden die nichtzionistischen Massen morgen auch schon nichtzionistische Führer wählen, und alle getane Arbeit ist vergebens. Für uns jüdische Turner in Bulgarien kommt nur ein zionistischer Wettverband in Frage. Ich habe ganz bestimmte Richtlinien erhalten, daß, wenn zionistische Ziele und Schekelzahlung nicht in die Verbandsstatuten aufgenommen werden, ich die Tagung zu verlassen habe, die jüdische Turnerschaft Bulgariens sich nicht anschließen wird.
Billig: Ich muß wieder zur Diskussion stellen, ob die Weltorganisation mit den Massen in Polen rechnen und arbeiten will oder nicht. Für diese ist der Zionismus noch keine Massenbewegung des g e s a m t e n Volkes. Daß auch ohne das starke formale Betonen des Zionistischen, die jüdische Turnerschaft in Polen im Sinne der zionistischen Bewegung arbeitet und arbeiten wird, kann man daraus ersehen, daß ja aus ihr viele zionistische Führer hervorgegangen seien. Wenn die Statuten so angenommen werden, wie sie der Deutsche Kreis vorschlägt, so können sich die jüdischen Turner in Polen der Organisation nicht anschließen. Erst die Masse haben und dann sie in unserem Sinne erziehen, wenn sie organisiert sind, ist unsere Aufgabe.
Julius Hirsch: Ich will nur eine einzige Frage noch stellen, nämlich die: Wenn also die Polen die Massen erfaßt haben und die angegebene Zahl von 15 000 beweist doch, daß dies geschehen ist, wie denkt sie diese nun zu erziehen und in unserem Sinne und für das Volk nutzbar zu machen.
Zimmermann (Krakau): Für uns bedeutet die zionistische Arbeit eine politische Arbeit, welche zusammen mit der kulturellen Arbeit für die Mitglieder unserer Organisationen bereits in anderen Vereinen geleistet wird. Die Gründung eines zionistischen Turnverbandes schließt die Massen aus und schädigt die Ausbreitung des Turn- und Sportgedankens unter den Juden in Polen.
|26| Der Präsident: Nunmehr erteile ich das Wort Herrn Markus, Breslau, Vorsitzenden des Bezirks Schlesien vom Deutschen Kreise und freue mich, ihn hier begrüßen zu können.
Markus (Breslau): Liebe Freunde! Die Beratungen, die ich hier mit angehört habe, sind mir ein Beweis dafür, daß eine Einheit in der jüdischen Weltturnbewegung nicht besteht. Ich schlußfolgere daher, daß es keinen Zweck hat, sich immer wieder in Statuten durch allerhand Zugeständnisse und Kompromisse eine solche Einheit zu konstruieren. Die Einheit wird von allein kommen, wenn die Turnbewegung mehr eine Jugendbewegung sein wird. Darum sollte man sich hier nicht auf Statuten festlegen, sondern zunächst bis zur nächsten Weltkonferenz einen Interessenverband aus den Landkreisen bilden, der erst die Entwicklung in den einzelnen Ländern abwartet. Ich will nur ein paar Fragen stellen : Was hat die jüdische Turnerschaft für den Aufbau von Erez-Israel in der Tat geleistet? Welche Menschen als Führer oder Pioniere hat sie gegeben? Wo bleiben die  Chaluzim
Die Pioniere
auch:
Chaluz
Chaluzim (hebr.) (dt. „Die Pioniere“) bezeichnet die Aktivist:innen für den Aufbau Palästinas. Hechaluz (hebr.) (dt. „Der Pionier“) wurde Anfang des 20. Jahrhunderts zu einer Massenbewegung. Es war der Dachverband zionistischer Jugendorganisationen, welche die Hachschara (hebr.) (dt. „Vorbereitung“) und die Alija (hebr.) (dt. „Aufstieg“, Rückkehr nach Erez Israel) förderten.
? (Lebhafter Widerspruch.) Ihr Widerspruch zeigt mir, daß es also in der allerletzten Zeit schon etwas anders geworden ist. Um so besser! Dann denke ich mir, auf diesem Wege fortzufahren, indem die Turnerschaft neben der  Blau-Weiß-Bewegung
Blau-Weiß
auch:
Jüdischer Wanderbund, Blau-Weiß-Bewegung
Die Blau-Weiß-Bewegung (jüdischer Wanderbund) entstand im Deutschen Kaiserreich und wurde bald zu einem der größten deutsch-jüdischen Jugendverbänden. Die Bewegung orientierte sich am deutschen Wandervogel, inhaltlich verfolgte er ein zionistisches Programm und propagierte die Alija.
 die  Schomer-Bewegung
Der junge Wächter
auch:
Hashomer Hatzair, Haschomer Hazair
Hashomer Hatzair, auch HaShomer HaZa’ir (herbr.) (dt. „Der junge Wächter“), ist ein sozialistisch-zionistischer Jugendbund (Pfadfinder), der 1913 in Galizien gegründet wurde. In den 1930er Jahren gründete sich ein deutscher Landesverband. Hauptziel der Bewegung war die Alija nach Palästina und die Gründung von Kibbuzim.
 setzt, die auf der Grundlage der in der Turnerschaft gepflegten Disziplin und unter Zuhilfenahme der bestehenden Jugendabteilungen der Turnvereine aufgebaut werden muß. Durch eine derartige Bewegung wird die Turnidee eine Angelegenheit der gesamten Jugend sein und ein gutes und brauchbares Werkzeug des jüdischen Volkes werden. 
Kuhn (Berlin): Meine Freunde! Die Diskussion hat so viel ergeben, daß ein Schlußwort fast überflüssig erscheint. Aber bevor ich zu einem kurzen Resumé komme, veranlassen mich die Ausführungen von Markus, Ihnen noch ein paar Gedanken näher auseinanderzusetzen. Ihr Widerspruch bewies, daß die Voraussetzungen von Markus nicht zutreffen. Nicht in der letzten Zeit, sondern schon immer haben wir Chaluzim nach Erez-Israel gesandt, in der letzten Zeit in vermehrter Weise. Nur war unsere Chaluzimerziehung keine einseitig berufliche, d. H. landwirtschaftliche, sondern, da in Erez-Israel ja Menschen aller Berufsklassen gebraucht werden, eine allgemeine Einstellung für das Leben in Palästina. Es sind nicht die schlechtesten, die von uns hinübergegangen sind und noch hinübergehen werden. Man soll nicht den Fehler machen, die Ziffer der Chaluzim als Maßstab für unsere Arbeit zu nehmen. Gegen eine Interessengemeinschaft, wie sie Markus vorgeschlagen hat, bin ich auch. Warum wollen wir immer noch warten und die Entwicklung betrachten? Warum wollen wir nicht selbst einmal aktiv dieser Entwicklung ihre Wege vorschreiben. Die Anregung des Schomer-Gedankens von Markus war erfreulich. Er erleichtert es uns, in einer Spezialdebatte noch einmal darüber
|27| zu sprechen. Zum Teil ist diese Entwicklung schon vor sich gegangen, insbesondere in den Ländern des Ostens, im Orient und in Palästina. Wir werden auf diesem Gebiete weiterarbeiten. Aber alles das kann uns nicht hindern, uns heute ein festgefügtes organisatorisches Gebäude aufzurichten nach den Grundsätzen und Richtlinien, die wir eben diskutiert haben. Nicht zwei Ansichten stehen sich in unserem Kreise gegenüber, sondern zwei Extreme. Auf der einen Seite das Extrem, welches die zionistische Flagge und die kulturelle Arbeit ablehnt, auf der anderen Seite jenes, welches beides fordert. Aber weil es Extreme sind, die nach  der Mitte zu Abstufungen und Differenzierungen haben, und weil wir zusammengekommen sind um den einheitlichen Verband wieder aufzurichten, und weil wir von seiner Notwendigkeit überzeugt sind, darum glaube ich, wird diese Tagung nicht ohne Erfolg auseinandergehen. Für diesen Gedanken haben wir gearbeitet. Mit diesem Gedanken sind wir hergekommen. Mit der Erfüllung dieses Gedankens werden wir von hier scheiden. 
Der Präsident: Ich schlage Ihnen für die Statutenkommission vor die Turnbrüder Kuhn, Dr. Sonnenfeld, Dr. Owadia, Billig und Spiegler. (Die Vorgeschlagenen werden gewählt.) Für die Finanzkommission schlage ich Ihnen vor die Turnbrüder Abramowitsch, Braun, Hirsch, Lauffer. (Die Vorgeschlagenen werden gewählt.)
Ich schlage Ihnen vor, die Kommissionssitzung um 3 Uhr zu beginnen und die Plenarsitzung schon um 5 Uhr zu eröffnen.
Schluß der Vormittagssitzung 1,30 Uhr.
3. Plenarsitzung.
(Dienstag, den 30. August, nachmittags 5 Uhr.)
Turnbruder Kuhn: Die Statutenkommission hat bis jetzt die prinzipiellen Paragraphen des Statuts beraten. Danach lautet der Name des Verbandes ,,Makkabi-Weltverband”. Laut § 2 umfaßt er alle jüdischen Vereine die Leibesübungen betreiben und nach Anerkennung der nachfolgenden Satzungen in den Verband aufgenommen worden sind.
§ 3. Der Verband erstrebt die körperliche und ethische Ertüchtigung der Juden zwecks Aufbau und Erhaltung von jüdischem Land und Volk. § 4. Zur Erreichung dieses Zieles hat der Verband folgende Aufgabe: Förderung von allen Arten von Leibesübungen, von Kenntnissen der hebräischen Sprache, jüdischen Kultur und Geschichte, der Ausbildung tüchtiger Turn- und Sportlehrer, sowie Förderung |28| aller nationaljüdischer Bestrebungen und Institutionen, welche sich mit Leibesübungen befassen.
Es sind einige Minoritätsvoten eingebracht worden, die Ihnen die Vertreter der einzelnen Richtungen selbst vortragen werden. Ich würde, wenn ich gleich etwas persönlich hinzufügen kann, im Namen der Majorität darum bitten, die Debatte der Statuten bis zur völligen Durcharbeitung in der Kommission zu vertagen, einerseits, weil es sich ergeben könnte, daß bei den späteren Paragraphen redaktionelle Aenderungen auch in den prinzipiellen Fassungen vorkommen können und andererseits, weil die Finanzdebatte noch heute zu Ende geführt werden muß.
Billig: Im Namen der Minderheit schlage ich Ihnen vor, statt ,,hebräisch” ,,jüdische Nationalsprache” zu setzen und ferner sich nur auf Förderung der physischen Kraft festzulegen, hingegen jüdische Geschichte und Kulturarbeit zu streichen. Ich beantrage außerdem die sofortige Eröffnung der Debatte über die Statuten.
Dr. Owadia (Bulgarien): Ich habe Ihnen für die Minorität, die ich vertrete, den Vorschlag zu machen, den Verband zionistisch zu nennen, für die Mitglieder die Schekelabgabe zu verlangen. Ein anderes Statut dürfte die Genehmigung des bulgarischen Kreises nicht finden.
Jekutieli: Ich habe zum Punkt 3 die Bitte hinzuzufügen, das Turnen in den Schulen zu fördern.
Der Präsident: Nach Anhörung der Minoritätseinwände stehen zwei Anträge zur Debatte auf Vertagung bzw. auf Weiterführung der Statutendebatte. Die Versammlung beschließt, die Debatte zu vertagen. Der Präsident: Ich bitte nunmehr den Referenten der Finanzkommission, zu berichten:
Hirsch (Berlin): Nach genauer Prüfung aller Umstände und aller Kreisunterlagen hat die Finanzkommission ersehen, daß die überwiegende Majorität unserer Mitglieder aus Jugendlichen und solchen besteht, denen finanzielle Leistungen im größeren Maße für unsere Arbeit nicht auferlegt werden kann. Wir sind auch der Ansicht gewesen, daß man aus Veranstaltungen und Festen nicht das herausholen kann, was zu einer so umfassenden Arbeit, insbesondere für Erez-Israel erforderlich ist. Die notdürftigsten formellen Verwaltungsspesen können zwar aufgebracht werden, wenn der § 16 des Statutenentwurfs über die Finanzen dahin abgeändert wird, daß die Kreise 10% der Kreiskopfsteuer, welche sie selbst erheben, an den Verband abführen. Der Absatz 3 des § 16, der eine Besteuerung sämtlicher Veranstaltungen enthält, ist von der Kommission abgelehnt worden, sowohl aus innerlichen, wie aus formellen Gründen. Dagegen haben wir eine neue Fassung vorgeschlagen: Die Kreise haben 10% Reingewinn der Kreisfeste an den Verband abzuliefern. All das aber wird uns nicht einen Schritt zu den Zielen näherbringen, die mit von der Statutenkommission formuliert worden sind. Dazu gehören gewaltige Summen.
|29| Diese Arbeit betrifft den Aufbau von Land und Volk. Das gesamte Volk hat infolgedessen die Mittel dazu aufzubringen. Die Stellen, welche von dem gesamten Volke Geld vereinnahmen und zu den öffentlichen Ausgaben verwenden, haben also auch uns für diese öffentlichen Ausgaben die Gelder zuzuweisen. Wir werden daher an die Zionistische Organisation, die diese Instanz ist, noch hier in Karlsbad herantreten und wegen der Beteiligung dieser Gelder und ihrer Aufbringung vorstellig werden. Wir haben die Arbeit geteilt in Galuth und Palästina und haben festgesetzt für den Galuth:
Die Kosten für zwei Wanderlehrer und einen Sekretär einschließlich Reisespesen auf zwei Jahre zirka £ 800
Für Erez-Israel:
drei Wanderlehrer für Reise und Schule ,, 2880
hierfür Reisespesen ,, 720
Fachliteratur und Material ,, 400
Bau von Turn- und Sportanlagen ,, 1200
Für die Ausbildung von Instruktoren, Kosten des Unterrichts einschließlich Material ,, 220
Beihilfe für zehn Kursisten ,, 240
Für Verbandsarbeit einschließlich besonderer Arbeitsleistungen, laufende Zuschüsse und Reisen ,, 1000
Neubau und Ergänzung von Anlagen ,, 500 und Herausgabe von Fachliteratur ,, 150

Einen Betrag von £ 8110
für zwei Jahre.
Wir machen Ihnen den Vorschlag, Schritte zu ergreifen, um durch eine Delegation Verbindung mit dem Finanz- und Permanenzausschuß des Kongresses aufzunehmen, damit in diesen beiden Ausschüssen Leute für uns interessiert werden und die Forderungen, die sofort dem Kongreß überreicht werden sollen, bei dem Kongreß unterstützen. (Beifall.) 
Billig (Polen) verlangt eine einmalige Inskriptionsabgabe an den Weltverband. Er ist dagegen, sich an den Kongreß zu wenden. Man soll sich an das Actions-Comité sowie an den  Joint
American Jewish Joint Distribution Committee
Das American Jewish Joint Distribution Committee (kurz: Joint oder (A)JDC) wurde 1914 in den USA gegründet und ist eine unpolitische Hilfsorganisation. Sie setzt sich weltweit für das Wohl jüdischer Menschen ein. Ursprünglich war sie für jüdische Kriegsleidende des Ersten Weltkriegs initiiert worden. Im Jahre 1919 nahm die Organisation ihre Arbeit in Warschau auf. Dort organisierte sie sanitäre und medizinische Hilfestellungen, darunter etwa die Nothilfe für Kinder. Während des Zweiten Weltkriegs und der Besatzung Polens unterstützte JOINT den jüdischen Untergrund finanziell. Durch die Initiative des Direktors der polnischen Joint-Niederlassung, gelangten auch Geldspenden in das Warschauer Ghetto.
 wenden.
Dr. Owadia (Bulgarien): Wir werden vor dem Kongreß nichts ausrichten, denn man wird uns auf das künftige Actions-Comité verweisen und man wird uns ferner fragen, was wir denn für den Zionismus tun. Ich bin auch dagegen, daß man sich an andere jüdische Organisationen wendet. Denn man wird uns nur Geld für Gegenleistungen geben. Organisationen aber, die nicht mit uns im Einklang stehen, werden auch Gegenleistungen fordern, die mit uns nicht im Einklang stehen.
Braun: Turnerische Veranstaltungen schließen in der Regel im besten Falle mit einem ganz geringen Gewinn. Zudem sind |30| durch die letzten Veranstaltungen die meisten Kreise derartig erschöpft, daß sie auf 2 bis 3 Jahre keine Veranstaltungen unternehmen werden. Die Kopfsteuer aus den Ländern mit niedriger Valuta Valuta Wertstellung wird uns kaum die nötigsten Verwaltungsspesen decken.
Lauffer stimmt dem bei.
Kuhn: Inskriptionsabgaben und Veranstaltungen halte ich für Flickwerk. Zwangsveranstaltungen sind aus rein erziehlichen Gründen abzulehnen. Ersten stören die Vorbereitungen zu ihnen die reguläre Arbeit und schröpfen die Kräfte und zweitens ist es nicht gerade moralisch, wenn wir bei dem Aufbau von Land und Volk das physische Moment stärken wollen, die Mittel hierfür nur dadurch zu erlangen, daß wir als bezahlte Akrobaten vor unser Volk hintreten. Die Zionistische Organisation kristallisiert sich immer mehr und mehr zur Regierung des jüdischen Volkes. Sie gibt Geld für Schulwesen und Erziehung aus. Sie gibt das Geld aus dem Keren Hajessod und anderen Zahlungen der Zionisten. Aus den Reihen der jüdischen Turnerschaft nimmt sie ebenfalls das Geld dafür. Sie hat die Verpflichtung, Gelder für Leibespflege und körperliche Erziehung zu bewilligen. Wir werden uns nicht abspeisen lassen; wie man Talmudthoraschulen und anderen Erziehungsinstitute fördert, so muß auch unsere Arbeit gefördert und finanziert werden. Der Leib und die physische Kraft ist die Grundlage zum Aufbau von Erez-Israel. Ohne ihn bleibt jeder Aufbauplan nur Plan, nur Ideal. Und wenn sie es nicht verstehen werden, so werden wir es ihnen klar machen.
Abramowitsch unterstützt die Anschauungen Kuhns. Es wird ein Komitee gewählt, bestehend aus Dr. Sonnenfeld, Abramowitsch und Kuhn, das die Verbindung mit der Zionistischen Organisation und dem Kongreß sofort herstellen soll. Schluß der Sitzung 8.30 Uhr.
4. Sitzung.
(Mittwoch, den 31. August, vormittags.)
Dr. Sonnenfeld eröffnet die SItzung und begrüßt den Vertreter Jugoslawiens, Turnbruder Deucht.
Deucht (Jugoslawien): Das Leben in unseren Vereinen ist noch unentwickelt. Wir haben acht Vereine mit 2000 Mitgliedern, von denen etwa 1000 JUgendliche sind. Von diesen Vereinen sind vier Fußballvereine. Eine Kreisorganisation, wie sie in anderen Ländern besteht, existiert bei uns noch nicht. Wir sind überhaupt in Jugoslawien der Träger des turnsportlichen Gedankens und in einigen Orten müssen wir wohl oder übel nicht-jüdische Turner von Zeit zu Zeit als Gäste an unseren Uebungen teilnehmen lassen, da andere Turnvereine noch nicht existieren. Ansätze zu einer nationalen Intensivierung sind vorhanden. 
Kuhn (Berlin) Ich habe noch gestern in zehnter Stunde das Glück gehabt, von Herrn Jabotinsky empfangen zu werden,
|31| um ihn zu bitten, mir Mittel und Wege zu sagen, wie wir unsere Forderungen dem Kongreß unterbreiten können. Herr Jabotinsky hatte die Freundlichkeit, sich bereit zu erklären, für uns die Forderungen in geeigneter Form den Persönlichkeiten, die in Betracht kommen, zu unterbreiten, wenn wir in einem kurzen Exposé unsere Gedanken klarlegen und unsere Forderungen finanzieller Art genauestens spezialisieren. Herr Jabotinsky ist der Meinung, daß wir dabei eine Form finden müßten, welche die neue Exekutive, die auf dem Kongreß gewählt wird, instand setzt, die Verwendung der Gelder zu überwachen.
Die Versammlung beantragt nunmehr Turnbruder Kuhn und Turnbruder Hirsch in Verbindung mit der gewählten Kommission, das Exposé abzufassen, um es Herrn Jabotinsky übergeben zu können. Kuhn berichtet nun über die Orgonisationsstatuten-Kommission [sic!] und verliest zunächst die von dieser vorgeschlagenen Statuten.
Dr. Owadia (Bulgarien) beantragt, in das Statut noch hineinzunehmen, daß die Vollmitglieder Schekel zu zahlen haben. 
Spiegler (Wien) beantragt, daß eine Instanz bestimmt wird, die die Streitigkeiten zwischen den Vereinen zu regeln hat.
Billig wendet sich gegen den Schekelantrag von Dr. Owadia und hält den § 2 für völlig ausreichend, um den nationalen Charakter der Bewegung darzutun.
Dr. Owadia erklärt, daß er von der Annahme des Schekelparagraphen die weitere Teilnahme an der Tagung und am Weltverband abhängig macht. Auf Antrag Kuhn soll über die nicht strittigen Fragen en bloc abgestimmt werden. Danach werden die §§ 1, 2 und 5 bis 20 angenommen. Der Schekelantrag Dr. Owadias wird mit allen gegen vier Stimmen abgelehnt. Darauf gibt Herr Dr. Owadia folgende Erklärung ab: ,,Nachdem der Name ,,Zionistisch” sowohl im Titelnamen des Makkabi-Weltverbandes, als auch überall in den Statuten desselben ziemlich vorsichtig gemieden ist, nachdem die Verpflichtung eines jeden Vollmitgliedes, den Schekel zu zahlen, ebenfalls vermieden worden ist, welcher Name und Verpflichtung unzweideutig die zionistische Basis und Charakter des Verbandes bestimmen und anzeigen, erkläre ich vor der Karlsbader Tagung laut Weisung seitens des Verbandes der zionistischen Turnvereine Bulgariens, daß letzterer als Mitglied des Makkabi-Weltverbandes sich nicht einschreiben und solches nicht sein kann. Laut weiterer Weisung verlasse ich auch die Konferenz.”
Auf Ersuchen von Dr. Sonnenfeld und Turnbruder Kuhn, sowie der anderen Konferenzteilnehmer verbleibt Dr. Owadia zunächst als Gast bei den Veranstaltungen.
Nunmehr beantragt Abramowitsch (Konstantinopel) an Stelle von jüdischem Land die Aufnahme von Erez-Israel. Der Antrag wird von Jekutieli (Palästina) unterstützt. 
|32| Billig (Polen) hingegen wiederholt sein Minoritätsvotum aus der Nachmittagssitzung vom 30. August, wonach an Stelle hebräischer Sprache ,,jüdische Nationalsprache” gesetzt werden soll.
Kuhn: Meine Freunde! Ich habe diesen Moment vorausgeahnt, diesen Moment, der in seiner Krisenhaftigkeit und Nervosität die erste Belastungsprobe nach unserem Wiederzusammentritt sein wird. Aber ich verlasse mich auf die bindende Kraft des gemeinsamen Wollens. Ich verlasse mich auf die Erkenntnis des gemeinsamen Müssens. Ich verlasse mich letzten Endes auf die große Geschicklichkeit unseres verehrten Präsidenten Dr. Sonnenfeld, der über alle die Klippen dieser Verhandlungen uns mit soviel Geschick hinweggeführt hat und verlasse mich schließlich auf meine eigene Kraft, daß diese Krise überwunden werden wird. Herr Dr. Owadia hat uns seine Deklaration überreicht, an die er durch seine Wählerschaft gebunden ist. Es ist müßig, darüber zu sprechen, daß er mit einer solchen Bindung nicht hätte herkommen sollen. Es ist geschehen und wir haben die Pflicht, eine solche Tatsache als Kalkül in unsere Berechnung einzusetzen. Herr Abramowitsch fordert die Aufnahme des Wortes ,,Erez-Israel” in § 3, ebenso wie Herr Jekutiel, und beide machen davon ihre weitere Mitarbeit abhängig und Turnbruder Billig aus Polen versteift sich auf eine Umschreibung des Ausdrucks ,,hebräische Sprache” in ,,jüdische Nationalsprache” und macht wieder davon die weitere Mitarbeit des polnischen Kreises abhängig. Gestatten SIe mir einen kurzen Rückblick: Bisher gab es eine geschlossene Front, die sich nur durch Differenzierungen spezieller Art unterschied, jetzt gibt es aber einen Kampf um Ausdrücke, nicht um Begriffe.
Mir ist es nicht verständlich, warum man an Stelle von ,,hebräisch” ,,jüdische” Nationalsprache setzen will, wenn man dasselbe darunter versteht. Ich betone: ,,Wenn man ohne Hinterhalt absolut dasselbe darunter versteht und verstanden wissen will” und genauso so geht es mit dem Wort ,,Erez-Israel”. Jüdisches Land ist für mich nur Erez-Israel. Glauben Sie an eine Uganda-Idee unter uns. Dann wären wir nicht nach Karlsbad gegangen. Aber meine Herren, ich muß Ihnen ein Rechenexemplar vorhalten in dieser Stunde. Bisher sind Sie im großen und ganzen meinen Ausführungen mit Zustimmung, und ich darf wohl auch sagen, mit Begeisterung gefolgt. Freudig haben Sie den Gedanken aufgegriffen, daß ich wegen der Arbeit, die wir zu leisten haben, um eine Finanzierung an den Kongreß herangetreten bin. Freudig haben Sie mir heute gedankt, als ich Ihnen erklärte, daß der erste Schritt hierzu mit Aussicht auf Erfolg getan sei. Nun aber entsteht folgende Konstellation: Bulgarien hat wenigstens vorübergehend abgeblasen. Die Türkei erklärt, wenn man ihren Wünschen nicht nachkommt, ebenfalls zurücktreten zu müssen vom Verband. Palästina droht, wenngleich ich glaube, daß dieses Drohen mehr demonstrativer Art ist. Denn die Turner in Erez-Israel können sich von keiner nationaljüdischen Turnerschaft ausschließen. Es ver-
|33| bleiben also demnach in einer Linie Deutschland un die Tschechoslowakei. Die Schweiz kennen wir noch nicht. Ihr Beitritt wird von den heutigen Nachmittagsverhandlungen abhängig sein. Auf der anderen Seite Oesterreich, Jugoslawien und Polen. Oesterreichs Stellung zu einem klaren Nationalismus und Zionismus scheint noch nicht ganz reif. Jugoslawien ist erst im Werden. Polen hat Interesse daran, die pointierte Stellungnahme vorerst abzulehnen, ergibt sich ein Uebergewicht in diesem neuen Gebilde von einer Stimme zu Ungunsten unserer klaren Ziele auf Erez-Israel, zumal Polen der zahlungsmäßig stärkste Kreis ist. Meine Herren, ich muß Ihnen auch eine Erklärung abgeben, eine Erklärung, die mir unendlich weh tut, weil ich mit dieser Erklärung die Arbeit und die volle Hingabe eines ganzen Jahres meines Lebens als unnütz zu betrachten habe und diese Erklärung lautet: Ich fühle mich durch die hier abgegebenen Erklärungen nicht mehr berufen, von der zionistischen Vertreterschaft eine Forderung auf Subvention einer so großen Summe zu verlangen, und ich fühle mich nicht mehr berufen, vor der jüdischen Oeffentlichkeit der Sprecher für die organisierte physische Kraft der jüdischen Nation zu sein. Meine Herren! Dahin kommen wir, wenn wir im letzten Augenblick auf Grund einer gewissen Nervosität in dieser Weise zuneinander Stellung nehmen. Ich glaube, daß diese Dinge aber doch anders sind, als sie sich hier gegenwärtig darstellen. Dazu sind wir nicht hergekommen, dazu haben wir uns nicht tagelang an einen Tisch gesetzt und verhandelt, um nunmehr hier die Unmöglichkeit unserer Arbeit einzusehen. Wo ein Wille ist, ist ein Weg. Wenn morgen irgendein Schreckensschrei aus Erez-Israel zu uns herüberklingt oder wo anders her aus irgendeinem jüdischen Zentrum, und wir wollen aufstehen wie ein Mann und stark sein, wie es unser Volk stets war inderNot [sic!], dann werden wir einsehen, daß wir schwach sind, weil Uneinigkeit, Zwietracht, Unbeholfenheit und Mangel an Organisation uns unserer besten Kraft zu schaffen beraubt hat. Meine Freunde! Für diese Stunde, die wir gegenwärtig durch die angestrengten Verhandlungen vielleicht überreizt und ermüdet nicht recht erkennen, für diese Stunde werden Sie vor dem Zeugnis der Geschichte nicht standhalten können. Für diese Stunde wird Ihnen noch aus künftigen Generationen der schwerste Vorwurf gemacht werden. Aber ich glaube, daß Sie selbst dieses Bewußtsein haben, und ich glaube, daß alle die Erklärungen, die hier gegenseitig gegeben worden sind, sich kombinieren lassen, sich zusammenfassen, sich redigieren lassen in einem uns allen wohlschmeckenden, von uns allen anerkannten Satz, den wir als Erklärung abzugeben haben. ,,Wir wollen und müssen einig sein!”
Julius Hirsch: Ich beantrage Unterbrechung der Sitzung, da es mir notwendig erscheint, daß die einzelnen Vertreter sich persönlich aussprechen. (Der Antrag wird angenommen.)
(Es entsteht nunmehr eine Pause, während welcher sich die Delegierten in kleinen Gruppen zurückziehen und lebhaft diskutieren. |34| Immer wieder werden von Gruppe zu Gruppe neue Vorschläge gemacht und über den Wortlaut derselben verhandelt. Es scheint jedoch eine Einigkeit nicht zu erzielen zu sein. Nach etwa 20 Minuten eröffnet der Präsident die Sitzung.)
Präsident Dr. Sonnenfeld. Meine Herren! Ich eröffne die Sitzung wieder, um einige geschäftsordnungsmäßige Dinge zu erledigen, bitte aber, vor der Mittagspause nicht mehr in die Verhandlungen eintreten zu wollen, da eine Einigung in den Gruppenbesprechungen bisher noch nicht erzielt werden konnte. 
Ich habe zunächst zwei Glückwunschtelegramme vorzulesen, und zwar vom Fußballverband und von der jüdischen Turnerschaft Bulgariens. Das Telegramm Bulgariens beweist, daß trotz der festgelegten Stellung ihres Delegierten, der Wille zur weiteren Mitarbeit doch ein ausgesprochen starker ist, was ich in diesem Augenblick ganz besonders begrüße.
Meine Herren! Ich schlage Ihnen nunmehr vor, die Sitzung bis 3 Uhr zu vertagen und dann neugestärkt in die Verhandlungen zu gehen. (Der Antrag wird angenommen.)
Schluß der Sitzung 1,30 Uhr.
5. Sitzung.
(Mittwoch, den 31. August, nachmittags 3 Uhr.)
Präsident Dr. Sonnenfeld: Meine Herren! Ich eröffne die Sitzung und mache Ihnen den Vorschlag, die Tagesordnung umzustellen.
Wir wollten ursprünglich zunächst über die noch strittige Frage des Statuts verhandeln. Die Frage ist noch nicht ganz geklärt. Nun hängt allerdings von eben diesem Teil des Statuts das Zustandekommen des Verbandes ab. Aber wie ich von allen Parteien hörte, ist der Wille zur Einigkeit so stark und jeder auf dem Wege zu einer gemeinsamen guten Lösung, daß ich bitte, diesen Punkt noch zurückzustellen und zu den Erziehungsreferaten zu kommen. Der Vorschlag des Präsidenten wird angenommen.
Kuhn: Liebe Freunde! Eigentlich kann ich von einem Erziehungsreferat hier nicht sprechen. Wir hatten ursprünglich die Vertreter des palästinensischen Kreises gebeten, das Erziehungsreferat zu übernehmen. Sie hatten jedoch aus begreiflichen Gründen abgelehnt. Zweitens fühle ich mich nicht berufen, meine Beobachtungen und Gedankenreihen, die aus dem jüdischen Milieu Deutschlands stammen, zur Grundlage von Richtlinien für die Erziehung in einer Weltorganisation zu machen. Was ich Ihnen sage, sind also lediglich Beobachtungen und Schlußfolgerungen aus Deutschland. Wir in Deutschland haben zwei Systeme der Erziehung, die am besten gekennzeichnet sind durch die beiden organisationen Blau-Weiß und Turnerschaft. Ich glaube als einer der Mitbegründer und ehemaliger Führer im Blau-Weiß, der nach wie vor diese Be- 
|35| wegung mit großem Interesse und sehr viel liebe verfolgt, nicht ganz fehl zu gehen, wenn ich sage, daß dieses System ebenso viel brauchbares, wie erstaunlich Unbrauchbares hat. Gekennzeichnet ist das Blau-Weiß-System durch zwei besondere charakteristische Züge: Radikalismus - gesagt Unbedingtheit - und Individualismus. Das sind die sprachlichen Formeln, die in der Praxis übersetzt heißen: Aberkennung der Autorität, die nicht auf dem Boden des Blau-Weiss gewachsen ist, Aufsagen einer bedinungslosen Gefolgschaft und mehr Wachsen und Weden nach eigenem Ermessen, als erzogen werden. Mehr Einwandern, vielleicht auch zufällig treffen auf ein Ziel, als geführt werden zu einem bestimmten, klar umrissenen, vorher festgelegten Ziel. Dagegen auf der anderen Seite sehen wir sehr viel, was erfreulich ist. Starker Chaluzdrang. Ganz gleich ob er einer individualistischen Regung entspringt, vielleicht dem Wunsche, die eigene Lage, die hier unerträglich ist, durch Hingabe an ein neues Ziel in der Vorfreude besser zu gestalten und in der Tatsache zu überwinden. Ferner eine glückliche Berufumstellung, ein Punkt, der mit uns starke parallelen und sogar Verbundensein aufweist, ebenso wie der nächste Punkt, die Hebraisierung. Wie weit die Resultate dieser jungen Bewegung auf dem geschlossenen, Disziplin erfordernden Marsche des Volkes zu seiner neuen Zukunft dienlich ist, werden erst einige Jahre ergeben. Jedenfalls stellen wir mit Freuden fest, daß die Chaluzim in Erez-Israel materiell Tüchtiges leisten und daß die Hebraisierung durch den Blau-Weiß unter der jüdischen Jugend einen großen Schritt vorwärts gekommen ist.
Wenn wir das System unserer Erziehung, gewissermaßen der Blau-Weiß-Erziehung gegenüberstellen, so liegt das überhaupt an unserer Auffassung vom Wesen der Erziehung. Erziehung heißt für uns erzogen werden, deutlicher ausgedrückt, von jemandem zu einem Ziele hingezogen werden. Es gehört also unbedingt zu dieser Erziehung durch Erzieher der Begriff Autorität - nicht zu verwechseln mit blindem Knechtsgehorsam - auf der einen Seite, und der Begriff freudiger Gefolgschaft auf der anderen Seite. Die sogenannte Revolutionierung der jungen jüdischen Seele wogt bei uns, weil sie nicht individualistisch in tausend Revolutiönchen ausartet, mehr cohäsionsartig, also ruhiger. Dazu kommt der oberste Grundsatz daß wir uns in bezug auf innerjüdische Parteipolitik absolut neutral verhalten. Jedenfalls lehnen wir es ab, zu mindestens bei einer Jugend vor dem 14. Lebensjahre eine Beeinflussung in Richtung einer Partei vorzunehmen. Dieser unausgegorene Ueberradikalismus, der durch die Schlagworte: Zertrümmerung zwecks Neuaufbau, Radikalisierung, Umwertung, Bruch mit der jüdischen Vergangenheit usw. Charakterisiert ist, wird von uns nicht nur grundsätzlich gemieden, sondern bekämpft. Er verstößt gegen Grundprinzipien unseres Erziehungsgedankens, die doch vor allem harmonie, eine Ordnung und Entwicklung verlangen. Die Basis der Erziehung in geistiger Richtung bei uns ist eine Fortentwicklung der Gedanken,
|36| die in der jüdisch geschichtlichen Vergangenheit aller Zeit zum Ausdruck gekommen sind. Die Kenntnis der jüdischen Geschichte, besonders in der grundlegenden Entwicklung des biblischen Zeitalters, muß meiner Ansicht nach das Primäre bei der geistigen Erweckung zum Judentum sein. Erst wenn durch Kenntnis unserer Geschichte genügend Grundlagen zur kritischen Beurteilung der Entwicklung der Dinge geschaffen sind, kann man an die moderne Problematik herantreten. Mit besonderer Vorsicht sind selbst noch im Alter von 16 bis 18 Jahren die radikalen Gedanken als Erziehungsstoff bei Besprechungen und Unterhaltungen anzuwenden. Hierzu gehört ein reiferes Alter, sonst führt es zu Verwirrung und Abstrazismus. Ein wichtiger Erziehungsstoff ist uns das Hebräische. Ueber die hebräische Sprache werden Sie anläßlich der Besprechung des Ihnen vorgelegten hebräischen Kommandobuches noch mehr erfahren. Unbedingt wichtig für diese Aufgaben ist, wie ich das in meinem Organisations- und Arbeitsreferat ausgedrückt habe, die Erziehung der Führer, der wirklich berufenen; der von seinen eigenen Freunden anerkannte und gewählte Führer in unserer Organisation spielt bei unserer Arbeit die bedeutendste Rolle . Er muß unendlich viel wissen. Seine Führerstelle hat er nicht durch irgendwelche Rhetorik oder durch ein paar aufgefangene und weitergegebene Phrasen sich geschaffen, sondern er ist von Stufe zu Stufe aufwärts geschritten, und man hat ihn vorwärtsschreiten lassen zu höheren Führerstellen auf Grund eines genauen meß- und kontrollierbaren technischen, jüdischen und pädagogischen Wissens, gepaart mit menschlicher Vornehmheit. Einem solchen Menschen bewahrt jeder Disziplin. Von ihm weiß jeder, ohne daß er Rang und Abzeichen sichtbar trägt, beim ersten Umgange schon, daß er Führer ist. Bei aller Erziehung muß man sich ein Ziel stecken. Man muß sich, wenn man so sagen darf, das Produkt seiner Erziehung im Resultate geistig vorstellen. Als Erziehungsresultat stelle ich mir in der vollen Leistung einen jungen Juden vor, mit einem sehr starken Altruismus, der sein eigenes ,,Ich” in die Gemeinschaft einfügt und für deren Wohl seine egoistischen Wünsche zurückstellt. Nicht zu verwechseln hiermit ist das meiner Ansicht nach unausführbare Bestreben nach Vereinheitlichung der vitalen bedingungen aller Menschen. Für die Leibesübungen kann man einheitliche Gesichtspunkte nicht geltend machen, insbesondere nicht ein besonderes System vorschreiben oder verwerfen. Je nach den persönlichen und lokalen Bedingungen kommen demnach in Betracht:
  1. Das mehr auf das Anatomisch-Physische gerichtete schwedische System
  2. das psychisch-physische System des deutschen Turnens,
  3. das Höchstleistungssystem des Sports und
  4. das Kampfsystem des Wehrsports.
Hier dürfte vor allen Dingen ein territorialer Unterschied maßgeblich sein: Westdiaspora, Ostdiaspora, Erez-Israel.
|37| Was die noch so stark unterschiedenen Teile der jüdischen Turnerschaft eint, daß muß außer dem Bewußtsein der gemeinsamen Vergangenheit die gemeinsame Sprache und das gemeinsame Ziel sein. Das gemeinsame Ziel wird nach dem neuen Statut der Organisaiton [sic!] Aufbau von Volk und Land sein. Nicht ein bestimmter: kapitalistischer oder antikapitalistischer, orthodoxer oder areligiöser, sondern gemeinhin ,,Aufbau” mit allen Mitteln, von denen eines Erziehung und Anwendung physischer Kraft und vollinhaltlicher menschlicher Hingabe ist. (Beifall.)
Auf Antrag des Präsidenten Dr. Sonnenfeld verliest Turnbruder Kuhn die vorliegenden Anträge, und zwar sofortige Einrichtung von Turn- und Sportlehrerausbildung mit den Zusätzen, auf diesen Ausbildungsseminaren jüdische Wissensgebiete als Pflichtfächer zu lehren und jeden Turn- und Sportlehrer in allen Gebieten des Wehrsports zu unterweisen, ferner eine Resolution, wonach Turn- und Sportlehrer, die aus den Seminaren der jüdischen Turnerschaft in Anbetracht ihrer Stellung innerhalb des Volkes an den Abwehrmaßnahmen an erster Stelle teilzunehmen haben, sowas die Einführung einer geeigneten Wehrsporterziehung im Rahmen von Leibesübungen zu diesem Zwecke.
Billig (Polen): Ich hätte eigentlich erwartet, daß in dem Referat von Kuhn auch die technischen Probleme berührt worden wären. Denn ich bleibe noch immer dabei, daß unsere Hauptaufgabe die physische Regeneration ist. Von den drei Systemen, dem englischen, dem deutschen und dem schwedischen scheint mir das letztere für unsere Jugend besonders geeignet. Ich werde daher entsprechende Anträge stellen.
Ernst Simon (Deutschland): Bevor ich spreche, möchte ich den Herrn Präsidenten fragen, ob es mir als Gast gestattet ist, zu allen Punkten der Tagesordnung zu sprechen, da ein Turnbruder mich vorher gebeten hat, zum Punkt über den Wehrsport nicht zu sprechen. (Lebhafte Unruhe.)
Der Präsident: Selbstverständlich ist es uns erwünscht, in allen Punkten die Meinung eines früheren Vorstandsmitgliedes aus Deutschland zu hören. Ich freue mich, Ernst Simon das Wort geben zu können.
Ernst Simon: Zunächst einmal die Frage der allgemeinen Erziehung. Ich halte eine Erziehung der Jugend nur für möglich, wenn sie den ganzen Menschen erfaßt und umstellt. Alles Aufnehmen von einzelnen Wissensgebieten nützt nichts, wenn der Mensch nicht in einer ganz bestimmten Gemeinschaft lebt, fühlt, denkt und danach handelt. Aus diesem Grunde, und es scheint ja dieser Fall in unsere Richtung entschieden, bin ich auch gegen die einseitigen Erziehungsanschauungen der Herren aus Polen. Daran |38| hat ja die jüdische Turnerschaft so lange gekrankt daß sie eben immer nur die Erziehung des Leibes sah; aber es darf nicht nur bei begeisterten Resolutionen bleiben, sondern es muß endlich zu Taten und Handlungen kommen. Nun noch ein paar Worte zur Frage des Wehrsports. Gelinde gesagt, finde ich diesen Antrag lächerlich. Ich halte es für höchst gefährlich und falsch, wenn man mit der Faust droht. Es hatte sich in letzter Zeit in unserer nationalen Bewegung eine Partei aufgetan, die Militarismus und Säbelrasseln anderer Völker nachahmt. Wir, Juden, haben unserer ganzen Natur und Bestimmung nach die Aufgabe, mit allen in Frieden zu leben. Wenn man aber sagt, daß wir die organisierte physische Kraft des jüdischen Volkes sind, oder wenn man sogar vermessen behauptet, daß wir ein nicht mehr zu übergehender Faktor im jüdischen Volke oder sogar unter allen Völkern seien, so ist das nicht nur geschmacklos und lächerlich, sondern es liegt darin auch eine ungeheure Gefahr. Es ist das [sic!] der Ausdruck jenen Geistes, der überall die Faust zeigt und mit dieser militärischen Gebärde provoziert. Ich warne Sie davor, einen solchen Antrag anzunehmen, der dem ganzen jüdischen Volke gefährlich werden kann und nichts nützt. Denn werden wir wirklich angegriffen werden, glauben Sie, daß die Organe der jüdischen Turnerschaft uns schützen können?
Abramowitsch (Konstantinopel) spricht für die im Erziehungsreferat von Kuhn vorgeschlagenen Wege. Er legt besonderen Wert auf die Erziehung im kleinen, auf Pflege des hebräischen Liedes, der jüdischen Feier- und Gedenktage.
Hirsch (Berlin) erwidert auf die technischen Einwände der Vertreter Polens, daß das Arbeitsprogramm nicht für alle Länder einheitlich sein kann, da dies von den örtlichen und vitalen Verhältnissen und der Umgebung, in der die jüdischen Turner lebten, abhängig sei.
Kuhn (Berlin): Meine Freunde! Als Sie vorhin von Ernst Simon hörten, daß ihn ein Turnbruder gebeten hatte, zur Frage des Wehrsports nicht zu sprechen, da wurden Sie unruhig. Dieser Turnbruder war ich. (Unruhe) Es hat sich analog dem großen Cäsarworte Cäsarworte „Veni, vidi, vici“ (lat.), „Ich kam, ich sah, ich siegte (dt.). in unserer jüdischen Bewegung ein Brauch herauskristallisiert, der ein Mißbrauch ist, und auf dem Grundsatz basiert: ,,Ich kam, ich meldete mich zum Wort, ich sprach.” Es ist sehr hart, und ich weiß, daß jedes Wort, das ich sprechen werde, weiter scharf sein wird. Aber es ist im Dienste des Volkes und ich werde selbst den Freund nicht schonen. Ernst Simon kämpft gegen den jüdischen Militarismus und gegen das Säbelrasseln. Ernst Simon ist ein gewandter Redner, deshalb konstruiert er mit Worten den Gegner, den er nicht antrifft, da er nicht existiert, den er aber doch unter allen Umständen bekämpfen will. Es ist merkwürdig, daß alle diejenigen immer erst aus unserem selbstverständlichen Wunsche, uns zu verteidigen, durch ihre laute Opposition den Militarismus konstruieren. Oder leugnet vielleicht irgendeiner |39| von Ihnen die Pogrome oder Attentate, die auf uns ausgeführt werden, weil wir Juden sind, und die den berechtigten, ich möchte fast sagen, den animalischen Trieb nach Schutz und Wehr in uns aufkommen lassen. Wenn Sie in diesem Trieb Militarismus sehen und Säbelrasseln, so sage ich Ihnen, daß Sie nicht wissen, was Militarismus ist. Wann wird die Stunde kommen, in der endlich mal jene Problematik von Militarismus und Pazifismus unter uns Juden aufhören wird? Ich sehe keine Gespenster, wenn ich sie mir sogar manchmal wünsche. Es ist kein Wort bei uns so oft mißbraucht worden, wie das Wort Militarismus. Nachdem das jüdische Volk mit fliegenden Fahnen und großem Jauchzen auch noch die letzte Assimilationspose angenommen hat, die Assimilation an die Schlagworte der Revolution, spricht sie von jedem Menschen mit Verachtung, der sein Leben teuer verkaufen will, und gebraucht als schlimmstes Schmähwort ,,Militarist”. Wenn Militarismus der gesunde Geist des Sichwehrens ist, dann bin ich Militarist, weil ich mich nicht totschlagen lassen will. Dann lebe der Militarismus! Wenn man von einem Geist des Provozierens spricht, des Herausforderns, des Kampfes um des Kampfes selbst willen, von einem Kampf um Beuteziele, um Machtvorstellung, dann soll man von einem Imperialismus sprechen. Aber Friedensliebe, genannt ,,Pazifismus”, und Notwehr, beschimpft ,,Militarismus”, sind nie und nimmer Gegensätze. Damit ich Ihnen beweise, wie friedliebend ich bin, erkläre ich folgendes: Wie ich Ernst Simon bereits vorher gesagt hatte, würde jedes Sprechen über diesen Antrag unnötig ein Bild von uns geben, das ein Zerrbild ist. Deshalb betrachteten wir diesen Antrag als einen rein technisch praktischen. Der vorangeschickte Wortlaut war eine Einleitung für die ausführenden Organe. Ich ziehe den ganzen Antrag zurück. Ich ziehe den Antrag deshalb zurück, weil ich weiß, daß die Normaldenkenden, jüdisch Gesundempfindenden unter Ihnen, meine Freunde, von dieser Tagung fortgehen und die Worte, die ich zu Ihnen gesprochen habe, zu unserer Jugend sprechen werden. Dann wird dieser Jugend ein gesunder Geist aufflammen, der sich von keinem ,,Ismus” ,,Ismus” Auf eine bestimmte Art handeln. Wörter mit der Endung -ismus weisen auf eine Tendenz oder Geisteshaltung hin. mehr beeinflussen lassen wird. Der, wenn man vor seinen Augen den greisen Vater erschlägt, oder die Schwester schändet, nicht darüber philosophieren wird, ob das Erschlagen seines Todfeindes Militarismus oder Antipazifismus ist. Er wird ihn erschlagen, und er braucht diesen Geist, den natürlichsten Geist jedes normalen Menschen nicht zu schöpfen aus unserem Antrag, sondern er schöpft ihn aus unseren Büchern und Schriften, die die Sprache des Schwertes ebenso enthalten wie die Worte der Liebe. Ich ziehe meinen Antrag zurück.
Billig (Polen): Ich möchte meinen Antrag noch einmal dahin präzisieren, daß wir nicht eine jüdisch kulturelle Erziehung, sondern eine ethische Beeinflussung der Jugend zu bezwecken haben. Zur Frage des Wehrsports möchte ich nur kurz sagen, daß wir ganz einverstanden sind mit dem Antrag von Kuhn, und daß ich nicht |40| dafür bin, daß er zurückgezogen wird. Wir sind sogar einverstanden mit der Großziehung des Geistes, den Ernst Simon bekämpft. (Zwischenruf Ernst Simon: ,,Das ist wenigstens ehrlich.” Unruhe.)
Der Vorsitzende schreitet nunmehr zur Abstimmung über folgende Anträge, die in nachfolgender Fassung angenommen werden:
  1. Die heute versammelten Vertreter der Kreisleitungen des Makkabi-Weltverbandes beauftragen das Präsidium, schnellstens geeignete Maßnahmen zur ständigen Ausbildung von jüdischen Turn- und Sportlehrern in allen Gebieten der Leibesübungen vorzunehmen.
  1. Die Karlsbader Tagung verpflichtet die Kreisleitungen, schnellstens dem Präsidium in ausführlichen Memoranden ihre Spezialwünsche und Anregungen zu dieser Ausbildung einzureichen und verpflichtet das Präsidium, über diese Ausbildungskurse eine öffentliche Diskussion in der Turnzeitung zu arrangieren.
  1. Bei diesen Ausbildungskursen sollen je zwei jüdische Fächer (und zwar Hebräisch, jüdische Geschichte, Bibelkunde, Palästinakunde) obligatorisch sein.
  1. Die heute versammelten Vertreter des Makkabi-Weltverbandes ersuchen die Leitung der zionistischen Weltorganisation, bei der Instanz für Erziehung und Unterricht in Erez-Israel erwirken zu wollen, daß der Befähigungsnachweis des Makkabi-Weltverbandes zur Ausübung des Turn- und Sportlehrerberufs in Erez-Israel offiziell anerkannt wird.
  1. Sie ersuchen ferner die Leitung der zionistischen Weltorganisation, wie vorerwähnt, erwirken zu wollen, daß Inhaber dieses Befähigungsnachweis bei der Besetzung öffentlicher Turn- und Sportlehrerstellen in Erez-Israel berücksichtigt werden.
Es wird nun nochmals über den Antrag Wehrsport diskutiert. Ernst Simon schlägt eine Formulierung vor, nach der die Ausbildung in allen Arten des Wehrsports vorgesehen wird, ohne irgendwelchen Kommentar.
Kuhn (Berlin) gibt eine Uebersicht über den Wehrsport. Es werden folgende Anträge angenommen:
{6.} Es wird den Kreisleitungen zur Pflicht gemacht, den Wehrsport einzuführen. Die Verbandsleitung erläßt
die nötigen Direktiven und Instruktionen. Die Turn- und Sportlehrer des Makkabi-Weltverbandes sind in allen Zweigen des Wehrsports zu unterweisen.
Folgende Anträge werden angenommen:
Die Karlsbader Tagung des Makkabi-Weltverbandes fordert, daß die Exekutive und alle Instanzen und Organe der zionistischen Organisation auf dem Gebiet der Leibesübungen nichts unternehmen, ohne die entsprechenden Instanzen des Makkabi-Weltverbandes angehört zu haben. Ferner wird ein Zusatz angenommen (Billig, Polen), ein gleiches Ansinnen zu stellen an alle großen jüdischen
|41| Weltorganisationen. Antrag Oesterreich wird angenommen: Zur Stärkung des Makkabi-Gedankens und zu seiner Propaganda wird es allen Vereinen des Verbandes zur Pflicht gemacht, jährlich in der Chanukkahwoche eine Makkabäer-Feier zu veranstalten.
(In diesem Augenblick trifft Dr. Tuch-Berlin Dr. Tuch-Berlin Dr. Ernst Tuch war von 1903 bis 1905 Vorsitzender der Jüdischen Turnerschaft. , von der provisorischen Turnerschaftsleitung, ein, der verhindert war, an den Hauptverhandlungen teilzunehmen.)
Kuhn (Berlin) legt einen schriftlichen Antrag der Schweiz vor, der sich damit befaßt, die jüdischen Gesetze zu respektieren. An der Debatte beteiligen sich Jekutieli, Kuhn, Hirsch, Billig Spiegel. Jekutieli (Jerusalem) bringt zum Ausdruck, daß der Antrag sehr weitgehend und seine Annahme daher besonders für Erez-Israel sehr gefährlich ist, zumal die strenge Orthodoxie daraus jederzeit das Recht herleiten könnte, irgendeine, auch noch so geringfügige Uebertretung eines Gesetzes, z. B. der Sabbatgrenze, dem Verbande zur Last zu legen.
Kuhn (Berlin) hält es für unbedingt notwendig, eine entsprechende Formulierung zu finden, da man unter keinen Umständen an einer so starken Frage, so schwierig sie auch sei, vorbeigehen könne.
{7.} Es wird folgender Antrag angenommen: Die Karlsbader Tagung erinnert alle Organe des Makkabi-Weltverbandes
an die Respektierung der jüdisch-religiösen Vorschriften. Sie verpflichtet alle Instanzen, nichts zu unternehmen, was ein Mitglied zur Uebertretung der religiösen Vorschriften und Gesetze veranlassen kann.
Folgende Anträge werden ferner angenommen: Die Karlsbader Tagung beschließt die Einführung eines Verbandsorganes. Die Arbeit wird dem Präsidium übertragen.
Abramowitsch, Zusatzantrag: Die Verbandsveröffentlichungen sollen in hebräischer Sprache in diesem Verbandsorgan gedruckt werden.
Antrag Jekutieli (Jerusalem): Die Karlsbader Tagung des Makkabi-Weltverbandes ersucht den Waad Hachinuch, dafür Sorge tragen zu wollen, daß bei Schulunterricht den Leibesübungen größte Aufmerksamkeit zugewandt wird; das Minimum zur Pflege der Leibesübungen sind zwei Stunden wöchentlich, sowie ein Spielnachmittag. Der Waad Hachinuch wolle dafür Sorge tragen, daß im Anschluß an die Schulen Turn- und Spielplätze eingerichtet und mit Geräten versehen werden. Bei den Vorbereitungen von Lehrern in den Seminaren ist auf eine geeignete Unterweisung in Turnen, Sport und Spiel zu achten. Der antragstellende Verband erklärt sich bereit, dem Waad Hachinuch mit Rat und Tat bei der Durchführung dieser Arbeiten zu helfen, insbesondere geeignete Lehrkräfte auszubilden.
Der Antrag wird angenommen.
Der Präsident, Dr. Sonnenfeld, beantragt nunmehr die Annahme des Verbandsstatuts in der vorliegenden Form mit der Ein-
|42| schränkung: Dieses Statut ist provisorisch bis zur nächsten Verbandstagung
Dafür erklären sich: Abramowitsch, Billig, Laufer. Kuhn spricht dagegen. Da an und für sich jeder Turntag bzw. jede Verbandstagung statutenmäßig das Recht haben wird, sich eine neue Verfassung zu geben, so ist dieser Zusatz an sich überflüssig. Wenn man ein besseres Statut für den nächsten Turntag haben werde und wünsche, wird man es schon vorlegen. Wenn man aber dieses neue Statut und mithin auch die in diesem Statut genannten Organe des Verbandes von vornherein als provisorische anspricht, so sei das für die ganze Bewegung schädlich. Provisorische Leitungen haben immer das Gefühl geringerer Autorität. Mit diesem Mangel an Autoritätsbewußtsein, mit diesem unverbindlichen Zusatz, der die ganze Verfassung nur als einen legalisierten, aber doch nicht ordnungsmäßigen Zustand bezeichnet, wird eine Leitung, die den Willen und wahrscheinlich auch Kraft und Fähigkeit zur Arbeit hat, nicht arbeiten wollen.
Julius Hirsch (Berlin) übernimmt das Präsidium.
Dr. Sonnenfeld spricht nochmals für seinen Antrag. Er hält die Bedenken Kuhns für nur theoretischer Art, wenngleich er sie in Anbetracht der Stimmung und der Arbeitsüberhäufung begreife. Das Statut wird nunmehr in der von der Kommission vorgelegten Fassung ohne Einschränkung angenommen.
Folgender Antrag wird angenommen:
Das Präsidium wird verpflichtet, binnen drei Monaten den Bericht des Welt-Turntages in einer speziellen Broschüre zu redigieren und den Verbandsvereinen nach Voreinsendung des Gegenwerts zu überreichen.
Schluß der Sitzung 11 Uhr.
Schlußsitzung.
(Donnerstag, den 1. September 1921, nachm. 3 Uhr.)
 Anwesend: Provisorische Leitung: Deutschland, Tschechoslowakei, Polen, Türkei, Palästina, Oesterreich, Jugoslawien, Bulgarien.
Julius Hirsch (Berlin): Das Heft, das wir Ihnen hier vorgelegt haben und welches das hebräische Kommando enthält, ist sehnsüchtig von allen Turnbrüdern und Sportsleuten seit 14 Jahren erwartet worden. Es ist entstanden aus innerer Notwendigkeit und aus äußeren Gründen. Wir sind uns ganz klar darüber. Gemeinsame Arbeit für das jüdische Volk erfordert auch gemeinsame Sprache. Wollen wir die verschiedenen Teile unseres Volkes heute zur gemeinsamen Arbeit zusammenschließen, so muß unsere Sprache einheitlich sein. Wollen wir innerhalb unseres Verbandes nach bestimmten Regeln, Gesetzen und Richtlinien Leibesübungen betreiben, so können wir an den sprachlichen Grenzen nicht halt machen, sondern müssen über diese hinweg die technischen Be-
|43| zeichnungen in unserer Sprache festlegen. Sephardim und Aschkenasim turnen Schulter an Schulter und sind vereint durch gemeinsame Sprache. Treffen sich irgendwo auf der Erde jüdische Turner oder Sportsleute zu gemeinsamer Veranstaltung, so basiert diese ganz selbstverständlich auf dem gemeinsamen, allen gleichverständlich sein müssenden hebräischen Kommando. Weitaus wichtiger ist die innere Notwendigkeit: Sich zu einem Volke bekennen, heißt nicht nur Beitrag oder Steuern zahlen, sondern heißt in erster Linie, die eigene Sprache verstehen, die das klangvolle Ausdrucksmittel der eigenen Kultur ist, und ohne die man in die Gedankenwelt seines eigenen Volkes nicht eindringen kann. Das Hebräische ist uns Makkabim Lebensnotwendigkeit. Es ist die Sprache, die uns herausreißt aus dem Zwiespalt, der durch den Kontrakt verschiedener Kulturen unser Leben erfüllt, und die uns den geraden Weg zur inneren Befreiung führt. Es ist die Sprache, die noch nicht herabgewürdigt wurde zum Ausdruck menschlicher Tiefe, sondern die noch die ganze Kraftfülle aus den Zeiten der Propheten und Väter in sich trägt. Ausgehend von der Selbstverständlichkeit für jeden jüdischen Turner, diese unsere Sprache sich zu eigen zu machen, sind wir bei der Abfassung des Heftchens abgewichen von der bisherigen, unserer Meinung nach falschen Auffassung, die hebräische Sprache erst durch das hebräische Kommando zu vermitteln. Das ist sprachlich und technisch eine Unmöglichkeit. Die Turnsprache muß von einer Eindeutigkeit, von einem bis ins Kleinste durchgeführten Klangbild sein. Man muß schon das Wesen der Sprache verstehen, um die Technik der Zusammenstellung zu begreifen. An Hand feststehender gegebener Sprachbegriffe muß man imstande sein, jede Ableitung und Aenderung sprachlich vorzunehmen. Wir haben unserer Arbeit alle bisher erschienenen Kommandobüchlein zugrunde gelegt, vor allem haben wir aber die in Erez-Israel bereits in Schulen und Vereinen gebräuchlichen Ausdrücke übernommen. Die systematische Einteilung, übrigens nach rein äußerlichen Gesichtspunkten, lehnt sich stark an die neuesten Bücher an, die herausgegeben sind von der Deutschen Turnerschaft. Wir glauben mit Herausgabe dieses Büchleins. das [sic!] sowohl für Schulturnen wie für Vereinsunterricht maßgebend sein soll, dem sehnlichen Verlangen aller jüdischen Turnkreise gerecht geworden zu sein und knüpfen an das Erscheinen die berechtigte Hoffnung, den Gedanken der Gymnastik unter den Juden immer mehr mit ihrem täglichen Leben zu verknüpfen, auf daß ein Geschlecht groß werde, gesund an Leib, stark an Geist und lebensfroh, voll tiefer Liebe zu unserem Volk. (Beifall.)
Billig (Polen) verlangt eine Ergänzung des Buches, insbesondere für die schwedische Gymnastik. Er bemängelt einige Unebenheiten im Kommandobuch. Vor allen Dingen müssen die Kommandos präzis sein.
Jekutieli (Jerusalem), der Mitverfasser des Buches, geht auf die technischen Einzelheiten ein. Vor allen Dingen weist er |44| darauf hin, daß er um Anregung und Mitarbeit bittet. Dann beantragt Jekutieli: Der Verband allein ist befugt, ein einheitliches hebräisches Kommando und hebräische Terminologie herauszugeben.
Der Antrag wird angenommen.
Eine Resolution Billig wird ebenfalls angenommen. Die Redaktion wird ersucht, bei der nächsten Aufgabe zu achten:
  1. auf die technische Schärfe der Kommandosprache
  1. das schwedische System zu berücksichtigen.
    Kuhn (Berlin) verliest nun das dem Kongreß durch Herrn Jabotinsky eingereichte
Memorandum.
Wahl der Verbandsleitung.
Dr. Sonnenfeld schlägt den Deutschen Kreis als Sitz des Verbandes vor.
Julius Hirsch (Berlin) gibt folgende Erklärung ab: Die Frage des Präsidiums ist abhängig von der Frage von Geldmitteln. Da man den Deutschen Kreis zum Sitz des Präsidiums vorgeschlagen hat, erkläre ich, daß wahrscheinlich von unseren deutschen Turnbrüdern sich niemand finden wird, die Arbeit zu leisten wenn nicht die erforderlichen finanziellen Mittel dazu vorhanden sind. Ohne ein tadellos funktionierendes Sekretariat, dessen Erhaltung erhebliche Mittel erfordert, kann in Deutschland diese ungeheure Arbeit nicht mehr geleistet werden.
Kuhn (Berlin): Ich darf in Ergänzung dieser Erklärung wohl folgendes hinzufügen: Nach den ganzen Besprechungen öffentlicher und privater Art dürfte man ja wohl mindestens einen Herrn der Berliner Kreisleitung in das Weltpräsidium wählen. Ich möchte auch die Erklärung abgeben, daß wir nur im Rahmen der uns zur Verfügung gestellten Mittel arbeiten können. Sie haben hier beschlossen, eine Turnzeitung herauszugeben, binnen drei Monaten das Protokoll in einer Broschüre zu veröffentlichen, Kurse einzurichten usw. Ohne Geld wird das nicht möglich sein, und wenn wir die Geldmittel nicht haben, so wird das Präsidium nichts weiter als eine Korrespondenzsammelstelle sein, die nicht mal die Mittel haben wird, ihre eigenen Ideen in den Kreisen zu verbreiten, geschweige denn zu verwirklichen. Dagegen erachte ich es als selbstverständlich, daß die neugewählte Leitung, auch wenn von zionistischer Seite keine Mittel bewilligt werden, doch sofort Schritte ergreift, um sich die erforderlichen Gelder zu verschaffen.
Danach wird vorgeschlagen: Turnbruder Kuhn zum Verbandspräsidenten. Die Wahl wird per Akklamation angenommen. Die Turnbrüder Dr. Tuch und Hirsch, Berlin, sowie Jekutieli, Jerusalem und Rudolf Weißkopf, Chemnitz. Die Vorgeschlagenen werden gewählt. Die Ressortverteilung, sowie die statutengemäße Kooptation wird dem Präsidium überlassen.
|45| Aus der Versammlung wird nun beantragt, die nächste Hauptversammlung 1924 in Warschau abzuhalten.
Der Antrag wird mit der Einschränkung angenommen, daß der polnische Kreis dem Verbande beitritt.
Beitrittserklärungen geben ab: die Vertreter der Tschechoslowakei, Deutschland, Oesterreich, Palästina.
Kuhn (Berlin): Meine Freunde! Im Namen meiner Turnbrüder danke ich euch für das Vertrauen, das Ihr durch unsere Wahl in das Präsidium der neuen jüdischen Turnerschaft ausgedrückt habt. Wir wissen zwar, daß wir der neuen Organisation erstes Präsidium sind, aber wir wissen auch, daß wir nicht ihr bestes Präsidium sein werden. Wir erklären aber, daß wir nicht nur mit Liebe und Begeisterung, sondern mit voller Verantwortung und Opfermut an unsere Arbeit gehen werden und solange ausharren, bis Bessere uns ablösen werden. Die unbedeutende und nebensächliche Rolle, die die jüdische Turnerschaft im Leben unseres Volkes und seines Aufbaus gespielt hat, ist vorüber. Eine notwendige, eine achtungsgebietende, eine starke Verantwortung tragende Organisation bildet sich aus der Vorkriegsturnerschaft. Hoffen wir, daß wir auch an Zahl, ebenso wie an Intensität eine entsprechende Macht werden. Gestatten Sie mir nun, meine Freunde, Ihnen allen den herzlichsten Dank für die geleistete Arbeit, die zu diesem Resultat geführt hat, auszusprechen. Ich danke Ihnen, die Sie vom ersten Augenblick an mit uns auf gleichen Wegen dem gleichen Ziel zugestrebt haben und damit die Kraft unserer Ideen und Anschauungen gestärkt haben, und ich danke den Freunden, die hier die Opposition gebildet haben. Diese Opposition, die wir geschätzt haben - in dieser Stunde ist es keine Opposition mehr - hat uns nicht nur die erforderliche Achtung abgerungen, sondern sie hat auch durch ihren teilweise gegensätzlichen Standpunkt dazu beigetragen, die uns bewegenden Probleme von allen Seiten zu beleuchten; sie hat teilweise, und das ist in meinen Augen ihr größtes Verdienst, uns den Weg gezeigt, den wir gehen mußten, um für unsere Gedanken zu siegen, um unseren Ideen zum Erfolg zu verhelfen. Daß der Erfolg eingetreten ist, beweist, daß es eben in diesem Augenblick keine Opposition mehr gibt, sondern daß wir das sind, wovon ich geträumt habe, eine einige Gemeinde mit gleichem Willen und gleichen Zielen! Dank gebührt vor allen Dingen von ganzem Herzen unserem verehrten Präsidium, insbesondere Herrn Dr. Sonnenfeld. Die Arbeit, die er in diesen Tagen geleistet hat, kann nur derjenige ermessen, der in allen Fragen mit ihm ständig zusammenarbeiten konnte. Letzten Endes verdanken wir all diesen Erfolg und all diese Einheitlichkeit seiner Geschicklichkeit, seiner Unermüdlichkeit, mit der er stets immer wieder von Neuem Ausgleiche, Auswege, Lösungen suchte und fand, der freundlichen und verbindlichen Art, mit der er alle diese Verhandlungen geleitet hat. Zwei Dinge aber besonders - und Sie wissen, ich bin nicht hergekommen, um schöne Reden zu führen - sichern ihm einen bleibenden Verdienst
|46| an dieser Arbeit: Seine absolute Ruhe, die sich durch keine noch so große Leidenschaftlichkeit in der Debatte und keine noch so krisenhafte Stimmung in der Tagung beeinflussen ließ, und sein starker Glaube an das doch günstige Endresultat, selbst in den Momenten, wo wir glaubten, daß alles vergebens gewesen wäre. Diese Sicherheit und dieser Zukunftsglaube hat, glaube ich, auch stark auf uns gewirkt, und dieser Zukunftsglaube ist für mich ein Symbol für die ganze kommende Arbeit unserer Bewegung.
Dr. Tuch: Meine Herren! Ich bin innig erfreut, daß es mir, einem der Gründer der alten Turnerschaft vergönnt ist, bei der Geburt der zweiten Turnerschaft anwesend zu sein. Der alte Verband wird mit Unrecht häufig getadelt, daß er seiner Aufgabe nicht gerecht geworden sei. Ich kann diese Ansicht nicht teilen. Gewiß stellen sich der jetzigen Leitung andere, intensiver national gerichtete Aufgaben, dennoch wäre ihr dieses impulsive Vorwärtsdrängen nicht möglich, wäre nicht in dieser Richtung vom alten Verband kräftig vorgearbeitet worden.
Ich empfinde es als Pflicht, gerade an dieser Stelle, in diesem Augenblick, d e s Mannes zu gedenken, der damals vor zwanzig Jahren, charaktervoll und zielbewußt, der Jüdischen Turnerschaft die nationale Fahne vorantrug, unseres unvergeßlichen Freundes und Führers G e o r g A r n d t G e o r g A r n d t Der Mediziner Georg Arndt (1878–1909) war von 1907 bis 1909 Vorsitzender der Jüdischen Turnerschaft. . Ich erinnere an den ihm zu Ehren errichteten Arndt-Fonds. Wir wollen unsere Besten nie vergessen.
Meine Herren! Ich bin glücklich, daß ich den Kontakt mit der Jugend stets so weit gewahrt habe, um mit der Entwicklung des national-jüdischen Turngedankens mitgehen zu können, und daß ich heute wie vor zwanzig Jahren dem Präsidium anzugehören die Ehre habe. Ich glaube an die große Bedeutung des Makkabi-Weltverbandes für unser jüdisches Volk und wünsche ihm bestes Gedeihen.
Dr. Sonnenfeld: Liebe Freunde! Ich danke auch insbesondere unserem lieben Turnbruder Kuhn für seine Worte, aber auch vor allen Dingen für die unermüdliche Arbeit, die er mit den Berliner Freunden geleistet hat, um diese Tagung nicht nur vorzubereiten, sondern auch mit dem notwendigen sachlichen Material durchzuführen. Ich danke Ihnen alle für die hier unermüdlich geleistete Arbeit und hoffe, daß wir uns bald zu freudiger Gelegenheit wiederfinden.
Ich schließe die Karlsbader Tagung des Makkabi-Weltverbandes. Schluß 8 Uhr.
|47|
Statuten des ,,Makkabi”=Weltverbandes
§ 1.
Der Name der Organisation ist ,,Makkabi”-Weltverband. Der Verband ist apolitisch.
§ 2.
Der Makkabi-Weltverband umfaßt alle jüdischen Vereine, die Leibesübungen betreiben und nach Anerkennung der folgenden Satzungen in den Verband aufgenommen worden sind.
§3.
Der Verband erstrebt die körperliche und ethische Ertüchtigung der Juden zwecks Aufbau und Erhaltung von jüdischem Land und Volk.
§4.
Zur Erreichung dieses Ziels hat der Verband folgende Aufgaben:
  1. Er fördert alle Arten von Leibesübungen.
  2. Er fördert die Kenntnisse der hebräischen Sprache, der jüdischen Kultur und Geschichte.
  3. Er sorgt für Ausbildung jüdischer Turn- und Sportlehrer, sowie für Einführung von Turnunterricht in den Schulen.
  4. Er fördert alle national-jüdischen Bestrebungen und Institutionen, insbesondere solche, welche sich mit Leibesübungen befassen.
§ 5. Organe des Makkabi-Weltverbandes sind:
  1. Die Hauptversammlung,
  2. der Verbandsausschuß,
  3. das Präsidium.
|48|
§6.
Die Hauptversammlung ist die höchste gesetzgebende Instanz des Verbandes. Ihre Tätigkeit ist im einzelnen
  1. Entgegennahme der Berichte und Entlastung von Präsidium und Verbandsausschuß.
  2. Beratung und Beschlußfassung über sämtliche Angelegenheiten des Verbandes,
    soweit sie nicht in die Kompetenz des Verbandsaussschusses resp. Des Päsidiums falen.
  3. Entscheidungen über Berufungen gegen Beschlüsse oder Entscheidungen des
    Verbandsausschusses in zweiter und des Präsidiums in dritter Instanz.
  4. Aenderungen der Satzungen und Auflösung des Verbandes.
  5. Wahl des Präsidiums und der Revisoren.
  6. Bestimmungen über die nächste ordentliche Hauptversammlung.
  7. Erlaß grundsätzlicher Ausführungsbestimmungen.
§ 7.
Zur Hauptversammlung delegieren die Kreise und die diejenigen Vereine, die direkt angeschlossen sind, für je 300 ihrer Vollmitglieder einen Delegierten. Kreise und direkt angeschlossene Vereine mit weniger als 300 Vollmitgliedern wählen je einen Delegierten. Für den Rest wahlberechtigter Mitglieder eines Kreises (oder direkt angeschlossenen Vereins) von mindestens 150 Stimmen wird ein weiterer Delegierter gewählt. Die Mandate werden vom Turntag geprüft. Für jeden Delegierten ist ein Ersatzdelegierter zu wählen. Jeder Delegierte (Ersatzdelegierte) kann bis 3 Mandate aus seinem Kreise auf sich vereinigen. Die Vertretung eines Kreises durch einen anderen ist ausgeschlossen. Die Wahlanordnungen für die Hauptversammlung haben die Kreise selbstständig zu erlassen und zur Genehmigung dem Verbandsausschuß vorzulegen.
§ 8.
Auf der Hauptversammllung sind ferner stimmberechtigt: Die Mitglieder des Präsidiums und die Mitglieder des Verbandsausschusses. Sind sie gleichzeitig Delegierte, so zählen nur die Stimmen ihrer Mandate.
§ 9.
Die ordentliche Hauptversammlung wird alle drei Jahre vom Präsidium im Einvernehmen mit dem Verbandsausschuß einberufen. Ihre Tagesordnung muß wenigstens 4 Monate vorher den Kreisleitungen bekanntgegeben werden. Anträge vom Turntag, insbesondere auf Statutenanträge sind spätestens 6 Wochen vor demselben beim Präsidium schriftlich einzureichen. Dringlichkeitsanträge können mit Zweidrittelmehrheit zur Verhandlung auf der Hauptversammlung zugelassen werden.
|49|
Außerordentliche Hauptversammlungen werden nach Bedarf über Beschluß des Verbandsausschusses oder über Antrag von mindestens der Hälfte der Kreise ausgeschrieben.
§ 10.
Die Hauptversammlung wählt ihren Vorsitzenden, zwei Stellvertreter und zwei Schriftführer aus ihrer Mitte für die Dauer der Tagung. SIe beschließt mit einfacher Stimmenmehrheit. Bei Stimmengleichheit entscheidet das Los. Zur Aenderung der Verbandssatzung sind zwei Drittel, zur Auflösung des Verbandes drei Viertel Majorität erforderlich.
§ 11.
Das aktive Wahlrecht zum Turntag besitzt jedes Mitglied eines Vereins, das nach dem Vereinsstatut wahlberechtigt ist (jedoch nicht unter 18 Jahren). Das passive Wahlrecht zum Turntag besitzt jedes Vollmitglied, das ein Jahr lang Vollmitglied eines Verbandsvereins ist.
§ 12.
Jeder Kreisvorstand und jeder Vorstand eines direkt angeschlossenen Vereins entsendet für die Zeit bis zum nächsten ordentlichen Turntag einen ständigen Delegierten (Stellvertreter) in den Ausschuß. Der Verbandsausschuß (bestehend aus diesen Delegierten und dem Verbandspräsidium) tritt jährlich mindestens einmal zusammen und wird vom Präsidium einberufen. Aus Verlangen von mindestens der Hälfte der Kreise muß der Verbandsausschuß binnen zwei Monaten einberufen werden. Er tritt ferner unmittelbar vor und nach jeder Hauptversammlung zusammen. Der Verbandsausschuß wählt seinen jeweiligen Vorsitzenden und dessen Stellvertreter und zwei Schriftführer aus der Mitte seiner Mitglieder für die Dauer der Tagung. Die Geschäftsführung des Ausschusses besorgt das Präsidium. Den Verbandsauschußtagungen können auch andere Mitglieder von Kreisleitungen beiwohnen, jedoch nur mit beratender Stimme.
§ 13.
Der Wirkungskreis des Verbandsausschusses besteht in:
  1. Der Entgegennahme des Berichts des Präsidiums.
  2. Herstellung und Erhaltung der Verbindung zwischen Präsidium und Kreisen.
  3. Beratung des Arbeitsplans für gemeinsame Aktionen des Verbandes.
  4. Beschlußfassung hinsichtlich der EInberufung der ordentlichen und außerordentlichen Hauptversammlung, sowie Vorbereitung und Klärung von Fragen, die auf der Hauptversammlung verhandelt werden sollen.
|50|
  1. Entscheidungen über Beschwerden gegen das Präsidium bzw. gegen dessen Beschlüsse und Entscheidungen (2. Instanz).
  2. Tätige Unterstützung des Präsidiums bei der Durchführung aller Arbeiten auf Verlangen des Präsidiums.
  3. Ausschluß von Kreisen und direkt angeschlossenen Vereinen.
Sofern technische Fragen auf der Verbandsausschußtagung vorliegen, sind zur Beratung und Beschlußfassung die Fachreferenten des Verbandes, der Kreise und der direkt angeschlossenen Vereine heranzuziehen.
§ 14.
Das Präsidium ist das ausführende Organ der Hauptversammlung und des Verbandsausschusses. Hinsichtlich der ihm zugewiesenen Befugnisse besitzt es ein selbstständiges Beschluß- und Verfügungsrecht. Es besteht aus einem ersten und einem zweiten Vorsitzenden, einem Schriftführer, einem Kassenwart, einem Turnwart, einem Sportwart, einem Beisitzer.
Mitglied des Präsidiums kann nur werden, wer mindestens zwei Jahre in einem verbandsverein aktiv war und noch Mitglied eines Verbandsvereins ist. Die evtl. Ergänzung des Präsidiums nimmt der Verbandsausschuß über Antrag des Präsidius vor. 
§ 15.
Der Wirkungskreis des Präsidiums ist:
  1. Vertretung des Verbandes nach außen.
  2. Geschäftsführung des Ausschusses und Bericht an diesen.
  3. Verwaltung der Kasse.
  4. Aufnahme von Kreisen bzw. Direkt angeschlossenen Vereinen des Verbandes und
    Suspendierung oder Sperrung derselben auf die Dauer bis zur nächsten
    Verbandsausschußtagung.
  5. Führung einer Verbandsstatistik und Herausgabe aller Verbandsveröffentlichungen.
  6. Einsetzung von Kommissionen, soweit sie nicht von der Hauptversammlung gewählt
    sind.
  7. Ausführung und Ueberwachung der Durchführung
    der Hauptversdammlungsbeschlüsse und aller in den Aufgabenkreis des Verbandes
    fallender Arbeiten, sowie Entscheidungen bei Kreisstreitigkeiten.
  8. Förderung und Ueberwachung des Turn- und Sportbetriebes in Verbindung mit den Kreis-, Turn- und Sportwarten.
§ 16.
Zur Bestreitung der Kosten des Verbandes haben die Verbandsvereine durch ihre Kreiskasse für jedes ordentliche Mitglied 10% |51| von der Kreiskopfsteuer in halbjährlichen Raten im voraus an die Hauptkasse zu entrichten.
Einzelnen Kreisen bzw. Vereinen kann vom Präsidium unter Berücksichtigung der besonderen Verhältnisse eine Ermäßigung, Stundung oder Erlaß dieser Verbandsabgabe zugebilligt werden. Kreise und Vereine, die länger als ein Jahr mit der Zahlung der Beiträge im Rückstand sind, können vom Präsidium gesperrt werden.
Das Geschäftsjahr ist das jüdische Kalenderjahr. Zur Finanzierung der im § 4 Abs. 3 und 4 genannten Aufgaben zahlt jeder Kreis oder direkt angeschlossene Verein von den Kreisveranstaltungen 105 des Reingewinns an die Verbandskasse. Die Einziehung der Gelder entscheidet eine Kassenordnung des Verbandes.
§ 17.
Auf die Verfassung der Kreise bzw. der direkt angeschlossenen Vereine findet das vorstehende Statut sinngemäße Anwendung: Insbesondere die Bestimmung über das aktive und passive Wahlrecht zu Kreisturntagen und Aemtern der Kreisleitung.
§ 18.
Die Kreise sind auf territorialer Grundlage geschaffen.
§ 19.
Die Revisoren prüfen die Kassenführung des Präsidiums auf ihre Richtigkeit und erstatten jährlich an den Ausschuß bzw. Dreijährlich an die Hauptversammlung Bericht.
§ 20.
Bei Auflösung des Verbandes entscheidet die auflösende Versammlung über das Verbandsvermögen.
Die Editionsrichtlinien finden Sie hier.

Kommentar

Mit der Karlsbader Tagung fand am 29. August 1921 erstmals nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs wieder eine Tagung der Jüdischen Turnerschaft statt. Mit dem „Großen Krieg“ hatte sich die Lage der Jüdischen Turn- und Sportbewegung grundlegend verändert. Fast das geringere Problem war dabei, dass der Krieg erhebliche Einschränkungen für den Sport und ein Aufflammen antijüdischer Gewalt gegeben hatte.1 Die großen Kontinentalimperien, das Russländische, das Habsburger, das Deutsche und das Osmanische Reich waren in diesem Krieg untergangen und an ihre Stelle waren zumindest zum Teil neue Nationalstaaten getreten. Der Wilsonian Moment2 bedeutete in Ostmitteleuropa, dass anhand des nationalen Prinzips organisierte Staaten das Selbstbestimmungsrecht der Völker gewährleisten sollte. In Palästina war 1920 an die Stelle der Osmanischen Herrschaft das britische Mandat des Völkerbunds getreten. Die jüdische Bevölkerung, die Dan Diner als „imperiale Bevölkerung“3 bezeichnet hat, weil ihre transnationale und transterritoriale Verfasstheit seines Erachtens besser im Rahmen der Imperien zu verwirklichen war, als in den Nationalstaaten der Zwischenkriegszeit, musste sich nun innerhalb dieser neuen Staaten arrangieren. Die Karlsbader Tagung zeigt deutlich, wie divers die Begebenheiten waren, aber auch wie unterschiedlich die Akteure, die alle in der transnationalen Gemeinschaft der Jüdischen Turnerschaft bzw. des Makkabi-Weltverbands miteinander verbunden waren, mit diesen Herausforderungen umgingen. Das Protokoll der Karlsbader Tagung ist deshalb ein faszinierendes Dokument, um die Vielfalt jüdischer Zugehörigkeitsoptionen und -Praktiken in der Zwischenkriegszeit zu studieren.
Durch die Entstehung zahlreicher neuer Staaten vor allem in Ostmitteleuropa entstanden also neue „nationale“ Verbände und Gliederungen. In Karlsbad trafen sich nun alle weltweit bekannten Makkabi-Verbände mit Ausnahme der jüdischen Turner in der Sowjetunion. Vertreter aus Österreich, Polen, Jugoslawien und den anderen europäischen Staaten trafen sich mit Turnern aus Palästina, um die Probleme und Chancen der neuen Zeit zu diskutieren. Während der sieben Tage gründeten die Delegierten den neuen Weltverband und legten sich auf organisatorische, strukturelle und Satzungsfragen fest. Dabei standen Fragen nach Wehrhaftigkeit gegenüber antijüdischer Gewalt, Erziehung und nationale Zugehörigkeit ebenso zur Debatte, wie finanzielle Fragen und eine einheitliche (nationale) Sprache der Bewegung. Zwar gingen die meisten Turner, die Funktionäre waren tatsächlich meist Männer, davon aus, dass der Makkabi-Verband durch eine zionistische Einstellung und den langfristigen Wunsch nach einem jüdischen Staat geprägt war, jedoch gab es schon in dieser grundlegenden Frage durchaus Dissens darüber, was das eigentlich für die gegenwärtige Lage in den verschiedenen Ländern bedeuten solle. Diese grundsätzliche Uneinigkeit materialisierte sich in fast allen Diskussionen, die während der Karlsbader Tagung geführt wurden.
Besonders deutlich lässt sich der Konflikt anhand der deutschen und der polnischen Vertreter der Tagung zeigen. Deren Kontroverse ist besonders interessant, denn der polnische Makkabi sollte sich in der Folge zum mitgliederstärksten Verband in der gesamten Makkabi-Weltbewegung entwickeln. Das lag auch daran, dass in Polen der größte Teil der jüdischen Diaspora vor der Shoah lebte. Dieser numerischen Stärke stand der Anspruch der deutsch-jüdischer Turner entgegen, die zionistische Turn- und Sportbewegung gegründet zu haben. Deswegen reklamieren die deutschen Turner in Fragen der inhaltlichen und organisatorischen Ausrichtung die Deutungshoheit. Die Diskussionen zwischen dem deutschen und dem polnischen Makkabi rührt tief an die verschiedenen Vorstellungen von jüdischer Zugehörigkeit in Deutschland und in Polen in den 1920er Jahren und wird die jüdische Sportbewegung und darüber hinaus die Beziehungen zwischen Jüdinnen und Juden in Deutschland und in Polen in der gesamten Zwischenkriegszeit beschäftigen.
Wenn wir dieses Protokoll als Quelle für diese grundlegenden Meinungsverschiedenheiten nutzen wollen, ist es wichtig den Text quellenkritisch einzuordnen: Zur Veröffentlichung des Protokolls hatten die Delegierten das Präsidium verpflichtet (S. 42). Zum Präsidenten der Makkabi-Weltbewegung wurde der Berliner Turner Heinrich Kuhn gewählt und grundsätzlich waren die deutschen Teilnehmer sehr stark im Präsidium vertreten. D.h. dass die Edition und endgültige Version des Textes in der Hand einer der beiden Konfliktparteien lag, und zwar bei der einflussreichen deutschen Seite.
Im Folgenden wollen wir nun aus der Vielzahl der diskutierten Themen das Verhältnis des Makkabi-Weltverbands zum Zionismus aus der Perspektive der deutschen und der polnischen Mitglieder untersuchen. Dabei soll es nicht um die grundlegende Frage gehen, welche Rolle die ideologische und weltanschauliche Unterweisung innerhalb der Turn- und Sportvereine spielen soll, sondern auch um organisatorische Fragen etwa nach der Erhebung und Verwendung der Mitgliederbeiträge und der in den Vereinen gesprochenen und beim Sport verwendeten Sprache (Kommandosprache).
Die einflussreichen Funktionäre Julius Hirsch und Heinrich Kuhn vertraten einen Standpunkt, der im Folgenden als Deutsche Position wiedergegeben werden soll. Für Hirsch und Kuhn war die Mitgliedschaft im Makkabi gleichbedeutend mit einem Bekenntnis zum Zionismus. Die Turn- und Sportvereine sollten deshalb dem Ziel einer Staatsgründung in Erez-Israel einerseits und der dafür für notwendig erachteten Gegenwartsarbeit in der Diaspora andererseits dienen. Dafür sei eine nationale zionistische Erziehung in den Vereinen, vor allem die Unterweisung in der Hebräischen Sprache und der jüdischen Geschichte notwendig. Deshalb müssten auch zionistische Turn- und Sportlehrer ausgebildet werden, denn nur diese könnten die notwendige Erziehungsarbeit leisten. Um die Basis für den Zionismus zu vergrößern, planten sie zudem eine Erweiterung des sportlichen Programms, um die Beliebtheit des zionistischen Sports zu steigern und dadurch mehr jugendliche Mitglieder für die Vereine zu gewinnen (S. 9–10).
Der im Folgenden als polnische Position wiedergegebene Standpunkt wurde von einem Sportfunktionär namens Billig vertreten. Sein Vorname wird nicht angegeben. Diese Tatsache kann als ein Indiz für die Parteilichkeit des Protokolls gelten, das vor allem aus der Perspektive der deutschen Funktionäre verfasst wurde. Das Protokoll erweckt den Eindruck, dass der polnische Funktionär Billig immer wieder Gegenpositionen zur deutschen Position vertritt, damit aber relativ alleine steht.
Billig vertritt im Gegensatz zur deutschen Position die Auffassung, dass es nicht die Aufgabe des Makkabi-Verbands sei, seine Mitglieder zu erziehen. Die klare Ausrichtung auf den Zionismus werde den Bedingungen der jüdischen Turn- und Sportbewegung in Polen nicht gerecht. Anders als etwa in Deutschland habe der Makkabi in Polen viele Mitglieder, die aus den unterschiedlichsten sozialen Schichten, verschiedenen jüdischen Glaubensgemeinschaften und weltanschaulichen Gruppen stammten (S. 17–18). So seien Arbeiter:innen unter den Makkabim genauso vertreten wie Handelsangestellte, Talmundjunger oder Anhänger der zionistischen Arbeiterpartei  Poale Zion
Po'ale Tsiyon
auch:
Poale-Zion
Po’ale Tsiyon ist eine zionistisch-sozialistische Partei, die sich 1901 in den polnischen, ukrainischen und Litauischen Gebieten des Russländischen Reiches gegründet hatte. Die Gründung war eine Reaktion darauf, dass die sozialdemokratische jüdische Arbeiterpartei Bund sich gegen den Zionismus ausgesprochen hatte. Lokale Gliederungen gründeten sich in zahlreichen Ländern der jüdischen Diaspora. Schließlich wurde sie in Palästina durch die Arbeiterpartei Mapai und noch später Avoda abgelöst.
, die bei einer Engführung des Verbands auf den Zionismus ausgeschlossen würden. Billig befürchtete, dass die Ausrichtung des Makkabi auf den Zionismus zu einer zahlenmäßigen Schwächung des Makkabi in Polen führen würde und dass die numerische Schwäche eines solcherart geschrumpften Verbandes es nicht mehr vermöge, die Interessen der polnischen Makkabi unter den schwierigen Bedingungen in Polen wahrzunehmen. Mit den schwierigen Bedingungen spielte Billig ausdrücklich auf die antisemitische Politik der polnischen Regierung und die feindselige Stimmung innerhalb der Bevölkerung in Polen in der Zwischenkriegszeit an. Die wichtigste Aufgabe, so Billig, sei es, der jüdischen Bevölkerung unabhängig von der Einstellung zum Zionismus eine Heimat in einem säkularen Verein zu geben.
Eng verbunden mit der zionistischen Ausrichtung der Makkabi-Vereine ist die Frage nach der Sprache, die in den Verbänden gebraucht wird. Für die deutschen Funktionäre ist es wichtig, das Hebräische zu einer einheitlichen Kommandosprache zu erklären. Hirsch argumentiert leidenschaftlich: „Treffen sich irgendwo auf der Erde jüdische Turner oder Sportsleute zu gemeinsamer Veranstaltung, so basiert diese ganz selbstverständlich auf dem gemeinsamen, allen gleichverständlich sein müssenden hebräischen Kommando“ (S. 43).
Im Gegensatz dazu schlug der polnische Vertreter Billig vor, dass per Statut die „jüdische Nationalsprache“ (S. 28) in den Vereinen gepflegt werden sollte. Aus den Protokollen geht nicht hervor, womit dieser Einwand begründet wird. Es ist jedoch denkbar, dass Billig davon ausgeht, dass in zahlreichen polnischen Makkabi-Vereinen Jiddisch gesprochen und den Aktivist:innen vor Ort das Hebräische nicht vermittelbar ist.4 Da das Protokoll von der deutschen Seite herausgegeben wurde, ist es denkbar, dass Billigs Argumente hier übergangen wurden. Allerdings macht Billig deutlich, dass einer der Gründe warum er den Makkabi in Polen weit weniger Aufgaben zur nationalen Erziehung der Jüdinnen und Juden zuweist, die tiefe Verwurzelung der polnischen Judenheiten in Sprache und Kultur ist: In Polen bräuchten die Makkabi keinen Unterricht in jüdischer Sprache und Kultur, weil diese kulturelle Zugehörigkeit in Polen noch viel stärker gelebt werde, als im Vergleich dazu in Deutschland. Sprachunterricht in nationalen Sprachen und kulturelle Unterweisungen seien deshalb zumindest in Polen nicht die Aufgabe der Makkabi-Vereine. Die Hauptaufgabe der Vereine bliebe die körperliche Ertüchtigung und Regeneration der Jüdinnen und Juden in Polen – unabhängig von ihrer ideologischen Ausrichtung.
Aufgrund dieser pragmatischen und auf den Sport gerichteten Auffassung von den Aufgaben des Makkabi lehnte Billig auch den Schekel – also die Betragszahlung an die zionistische Bewegung ab. Er bekam dabei Unterstützung aus Österreich. Denn diese finanzielle Belastung wäre den polnischen Makkabi nur anzumuten, wenn sie auch der sportlichen Betätigung zu Gute käme. Ein finanzieller Beitrag an die zionistische Sache sei den Sportlerinnen und Sportlern nicht zuzumuten. Im Gegensatz dazu versteht Kuhn die Schekelzahlung als „Minimalsteuer des Volkes“ und nicht als reinen Mitgliedsbeitrag. Diese Zahlung symbolisiere das Bekenntnis des Makkabi zum Zionismus und sein Selbstverständnis als Teil der zionistischen Weltbewegung. 
In einem wichtigen Punkt sind sich die polnischen und deutschen Vertreter einig, nämlich darin, dass eine vordringliche Aufgabe des Makkabi sei, die jüdische Bevölkerung vor antijüdischer Gewalt zu schützen. Bereits seit Beginn des 20. Jahrhunderts hatten die jüdischen Turn- und Sportvereine diese Aufgabe der Selbstwehr ausgefüllt und Billig sah weitere körperliche Schutz- und Wehraufgaben auf die Jüdinnen und Juden in Polen zukommen. Bei diesem Punkt sahen aber auch die deutschen Vertreter die Notwendigkeit, sich im Falle von Pogromen oder Anfeindungen wehren zu können (S. 39–40). Diese Notwendigkeit wurde durch antisemitischen Pogrome die nach dem Ersten Weltkrieg vor allem im östlichen Europa immer wieder ausbrachen offenbar. 
Am Ende dieser Tagung gelang es dennoch Statuten zu verabschieden. Die Gründung des Makkabi-Weltverbands, der die Jahrzehnte und die Shoah überdauerte und bis heute besteht, kann als Erfolg dieses Bemühens angesehen werden, trotz der so unterschiedlichen Vorstellungen zu allen Fragen der Zugehörigkeit in den sportlichen Verbänden der Länder eine transnationale nationaljüdische Gemeinschaft zur Organisation von Turnen und Sport zu schaffen.

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