Selbstwehr und Turnvereine

Während der revolutionären Unruhen in Wien im Herbst 1918 organisierten die jüdischen Turner eine Selbstwehr, um die jüdische Bevölkerung vor möglichen Ausschreitungen und Pogromen zu schützen. Ein Teil der Freiwilligen wurde in die Wiener Stadtschutzwache aufgenommen, die Selbstwehrreserve organisierte sich in den Turn- und Sportvereinen, die Wehrübungen in ihr Programm aufnahmen.

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Transkription (Deutsch)

Selbstwehr und Turnvereine
Vorbildliche Organisation in Wien
In unserem österreichischen Bruderorgan, „Hagibor“ „Hagibor“ Dt. der Held , nationaljüdische Zeitschrift für Turnen und Sport, erstattet K u r t J u h n K u r t J u h n Kurt Juhn war ein jüdischer Fußballer. , folgenden interessanten Bericht:
„Als in Wien die ersten Zeichen der Umwälzung sichtbar wurden, als Arbeitermassen und Volkshaufen die Straßen durchzogen, Straßenbahnzüge aufhielten, die Soldaten zumAblegen [sic!] der kaiserl.-königl. Kokarden Kokarden Kokarden waren ein ursprünglich kreisförmiges Abzeichen. zwangen oder diese sich selbst herabrissen, Firmentafeln, die den österreichischen Adler trugen, in Splitter warfen , war es für die Juden in 
Wien
eng. Vienna

Wien ist die Bundeshauptstadt und politisches, kulturelles und wirtschaftliches Zentrum Österreichs. Allein im Stadtgebiet leben rund 1,9 Millionen Einwohner:innen und damit ein Fünftel der Landesbevölkerung, im Großraum insgesamt sogar ein Drittel aller Österreicher:innen. Historisch bedeutend ist Wien insbesondere als Hauptstadt und mit Abstand wichtigste Residenzstadt der ehemaligen Habsburgermonarchie.

Historische Orte
Österreich
  (
eng. Federal State of Austria, eng. Austria, deu. Österreich, deu. Bundesstaat Österreich
)
Österreich
  (
eng. Republic of Austria, eng. Austria, deu. Österreich, deu. Republic of German-Austria, deu. Deutschösterreich, deu. Deutsch-Österreich
)
 die erste Pflicht, Vorkehrungen gegen Ausschreitungen der Pöbelhaufen in der 
Leopoldstadt
eng. Leopoldstadt

Leopoldstadt bildet seit 1850 den 2. Gemeindebezirk von Wien. Der Bezirk war bis zur Shoa der Hauptort des jüdischen Lebens in Wien. Die jüdische Bevölkerung stellte in der ersten Hälfte des 20. Jahhunderts mehr als ein Drittel der Einwohnerschaft von Leopoldstadt aus.

 und 
Brigittenau

Der heutige Bezirk Brigittenau entstand 1850 infolge der Abschaffung der Grundherrschaft in Österreich und und wurde Teil des 2. Wiener Gemeindebezirks, der Leopoldstadt, bis er 1900 davon als 20. Gemeindebezirk abgetrennt wurde.

, ja selbst gegen regelrechte P o g r o m s zu treffen; ein Tun, welches nicht leeren Befürchtungen entsprang, sondern in der Tatsache eine hinreichende Erklärung fand, daß es, wie seit je, so noch heute in Wien Elemente genug gibt, die in der Aufhetzung der Massen gegen die Juden ihr vornehmstes Lebenswerk gefunden zu haben vermeinen.
Die erste dieser Vorkehrungen war die Errichtung einer j ü d i s c h e n  S e l b s t w e h r, deren unglaublich rasch ins Leben gerufene Organisation das unumschränkte Verdienst des Kreisturnwartes Dr. Adolf Taglicht Dr. Adolf Taglicht Dr. Adolf Taglicht war Stellverterter des Kreises Deutsch-Österreich in der Jüdischen Turnerschaft (JT). Vorsitzender war Dr. Heinrich Schiffmann. und Dr. Siegfried Bernfelds war. 40 Stunden genügten und ohne jede besondere Agitation, ohne Publikation, nur durch das von Mund zu Mund weitergegebene Schlagwort der „Selbstwehr“ fanden sich gegen 1000 junge J u d e n  a l l e r  S c h i c h t e n, die sich in den Dienst der Sache stellten.
Aus diesen wurden die Geeigneten ausgewählt, Kompagnien aus ihnen gebildet, ein regelrechter Bereitschaftsdienst eingerichtet und ein ausgebreiteter Patrouillen und Nachrichtendienst verfügt.
Die nächsten Tage brachten die Meldungen von der Auflösung der Fronten, von der Proklamierung der selbständigen Nationalstaaten, von der automatischen Demobilisierung des ehemaligen österreichisch – ungarischen Heeres; nach Ost und Nord fluteten die heimkehrenden Soldaten in ihre frei gewordenen Heimatländer zurück. Der deutsch-österreichische Staat wurde erklärt und die ersten Gerüchte von einem aufzustellenden deutsch-österreichischen Volksheere tauchten auf und verbreiteten unter der großen Zahl jüdischer Soldaten, die in Wien weilten, Unruhe und Sorge. Jahre lang hatten die jüdischen Soldaten als Oesterreicher gekämpft und gestritten |10| an allen Fronten war jüdisches Blut in Strömen geflossen und jetzt, nach der Gründung der einzelnen neuen Staaten, sollten die Juden, getrennt durch die Mauer neuerrichteter Grenzen, hier als Deutsche, dort als Polen oder Tschechen weiterleben und weiter ihr Volkstum verleugnen? Die Erbitterung über eine solche Möglichkeit bemächtigte sich vieler jüdischer Soldaten und war der Anstoß zu der vom jüdischen Nationalrat einberufenen und am 2. November 1918 im „Bayrischen Hof“ abgehaltenen V e r s a m m l u n g  j ü d i s c h e r  S o l d a t e n.
Wer dieser Versammlung beigewohnt hat weiß, welcher Geist die Tausende beseelte, die dicht zusammengepreßt im Saale standen. Die vom Staatsbahnrat Ing. Ing. Ingenieur Stricker Stricker Robert Stricker (1879–1944) war Präsident des zionistischen Landeskomitees in Österreich, Vorstandsmitglied der Wiener Kultusgemeinde, Zionist, Journalist und Politiker sowie Bahningenieur. 1919/20 war er Mitglied der österreichischen Konstituierenden Nationalversammlung. Er wurde nach Theresienstadt deportiert und in Auschwitz 1944 ermordet. geleitete Versammlung tat den über alle Erwartungen hinausgehenden nationalen Geist der jüdischen Soldaten kund und fand ihren Höhepunkt in der begeisterten Annahme der Resolution, in der die A n e r k e n n u n g  d e r  N a t i o n a l i t ä t, Zuerkennung nationaler Minderheitsrechte sowie Schaffung einer öffentlich rechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk in P a l ä s t i n a gefordert wird.
Der von der Versammlung gewählte E x e k u t i v au s s c h u ß  j ü d i s c h e r [sic!]  S o l d a t e n  begann sofort im Einvernehmen mit dem jüdischen Nationalrate, dem sich die jüdischen Soldaten alle bedingungslos unterwarfen, Verhandlungen mit der Regierung über den Eintritt der Juden in das zu bildende deutsch-österreichische Heer als geschlossene Formation, ungefähr als jüdische Bataillone unter den Bedingungen der Resolution vom 2 . November 1918, einzuleiten. Während dieser Verhandlungen hatte indessen die Polizeidirektion Wien die Stadtschutzwache ins Leben gerufen und war bereit, die Jüdische Selbstwehr als einen selbständigen Teil derselben, als „j ü d i s c h e  G r u p p e  d e r  W i e n e r  S t a d t s c h u t z w a c h e“ anzuerkennen und übertrug dieser auch sofort die Ueberwachung des Nordbahnhofes und den Schutz der judenreichsten Wiener Bezirke, der Leopoldstadt und der Brigittenau.
Da eine Organisation der jüdischen Soldaten auf rein militärischer Basis vor der Antwort der Regierung unmöglich war und diese trotz wiederholter mündlich gegebener Zusagen Dr. Matajas und des Staatssekretärs Mayer bis zu der im Plenum der Nationalversammlung zur Beratung gelangenden Ausarbeitung des neuen Wehrgesetzes vertagt wurde, wurde beschlossen, diese Organisation im Rahmen der Selbstwehr durchzuführen und diese solcher Art zu  „militarisieren,“ während die Nichtsoldaten in eine Zivildienstkompagnie übergeleitet werden sollten.
Diese Reform wurde seitens des inzwischen offizell konstituierten jüdischen N a t i o n a l r a t e s den Herren D r.  B e r n f e l d und Kreisturnwart D r. T a g l i c h t einerseits und D r.  R e i k andrerseits anvertraut und raschest in Angriff genommen, wobei dem gewähten [sic!] Exekutivausschuß eine überwachende Rolle zugedacht wurde. Die rein militärische Leitung, die ganz von den Beschlüssen des jüdischen Nationalrates abhängt, wurde Major Löwenstein und die Ausarbeitungen und Einteilung des ärztlichen und Sanitätsdienstes Stabsarzt Dr [sic!] Meyer im Vereine mit Dr. Taglicht und Oberarzt Dr. Wilheim überantwortet. 
Der Abschub der Zivilisten aus der Selbstwehr führte nun zu einer großzügigen von Dr. Taglicht inituierten und vom jüdischen Nationalrat gebilligten Aktion, welche für die gesamte jüdische Turn- und Sportbewegung von ganz kolossaler Bedeutung ist.
|11| Es wurde nämlich vorerst eine Beratung unter den Vertretern der jüdischen Verbindungen, akademischen Vereinigungen und sonstigen jüdisch-nationalen Verbänden und Vertretern der Turn- und Sportvereine abgehalten; in deren Verlauf der militärische Referent im jüdischen Nationalrate, Dr. Reik, den von der Turnerschaft gestellten Antrag vorbrachte, die weitere Organisation der Zivilisten und derjenigen Soldaten, die in der jüdischen Gruppe der Stadtschutzwache, die auch nur bis zu einer gewissen Stärke möglich ist, keinen Platz mehr haben, ganz im Rahmen der jüdischen Turn- und Sportvereine auszubauen. Diesem Antrage, der beim jüdischen Nationalrat warmen Anklang fand, wurde nach genauester Uebelegung [sic!] aller dafür oder dawider sprechenden Gründe begeistert zugestimmt und seine Ausführung so in Vorschlag gebracht, daß sämtliche jüdischnationalen Vereinigungen, akademischen Verbände und andere gleichgesinnte Organisationen ihren Mitgliedern zur o b l i g a t o r i s c h e n  P f l i c h t  zu machen hätten, in einen j ü d i s c h e n  T u r n-  o d e r  S p o r t v e r e i n  einzutreten.
Die T u r n– u n d  S p o r t v e r e i n e andrerseits mußten sich verpflichten, für die auszuarbeitenden Alarmvorschriften, und das Zusammenhaltender so gewonnenen „S e l b s t w e h r – R e s e r v e“ notwendigen Arbeiten zu erledigen, sich bereit erklären, den auf diese Art gewonnenen neuen Mitgliedern eine entsprechende Gebührenermäßigung, eventuelle Befreiung von denselben einzuräumen und diese durch Aufnahme einiger einschlägiger, halbmilitärischer Uebungen in ihr Turn- oder Sportprogramm zu einer kräftigen Selbstwehr fähig zu machen, um so eine große Anzahl von Juden bereitzuhalten, auf deren Gesinnung man unbedingt bauen könne.“
Die Editionsrichtlinien finden Sie hier.

Kommentar

Im ersten Heft des Jahrgangs 1919 brachte die Jüdische Turn- und Sportzeitung einen Bericht aus der österreichischen „Nationaljüdischen Zeitschrift für Turnen und Sport“ Hagibor von Kurt Juhn und überschrieb ihn mit den Worten „Vorbildliche Organisation in Wien“. In dem Artikel beschreibt Juhn, wie angesichts der revolutionären Ereignisse in Österreich im Herbst 1918, dem Kriegsende und der Demobilisierung der Soldaten Befürchtungen von anti-jüdischen Ausschreitungen in Wien die Runde machten. Daraufhin trafen jüdische Sportfunktionäre wie der Stellvertreter des deutsch-österreichischen Kreises der jüdischen Turnerschaft Vorkehrungen und organisierten eine Selbstwehr, um die jüdische Bevölkerung Wiens vor Ausschreitungen zu schützen. In nicht einmal zwei Tagen fanden sich etwa 1.000 junge jüdische Freiwillige, die bereit waren, sich in den Dienst der Selbstwehr zu stellen. Die Selbstwehr organisierte sich rasch in Kompagnien, richtete Bereitschaftsdienste ein und stellte einen „Nachrichtendienst“ auf.
Im November 1918 erklärte sich die Wiener Polizei bereit, die Jüdische Selbstwehr als einen selbstständigen Teil der Wiener Stadtschutzwache anzuerkennen. Als solche sollte die Selbstwehr vor allem die Stadtteile überwachen, in denen der Bevölkerungsanteil von Jüdinnen und Juden besonders hoch war, vor allem das Viertel um den Nordbahnhof, Leopoldstadt und die Brigittenau. Aufgrund der revolutionären Umwälzungen und unklaren Zuständigkeiten, auch weil Teile der Selbstwehr aus Soldaten und andere Teile aus Zivilisten bestanden, blieb die Organisation dieser Gruppe prekär. In dieser Situation zeigte sich, dass die eingeübte Rolle der Jüdischen Turnerschaft als Unterstützerin und Organisatorin der Pogromabwehr in dieser revolutionären Situation eine wichtige Rolle spielte. Bereits angesichts der Pogrome im 
Russländisches Kaiserreich
rus. Российская империя, rus. Rossijskaja imperija, eng. Russian Empire, deu. Russisches Zarenreich, rus. Всероссийская империя, rus. Wserossijskaja imperija, deu. Kaiserreich Russland, deu. Russisches Kaiserreich, deu. Russisches Reich, deu. Russländisches Reich

Das Russländische Kaiserreich (auch Russisches Reich, Russisches Kaiserreich oder Kaiserreich Russland) war ein von 1721 bis 1917 existierender Staat in Osteuropa, Zentralasien und Nordamerika. Das Land war Mitte des 19. Jahrhunderts das größte zusammenhängende Reich der Neuzeit. Es wurde nach der Februarrevolution im Jahr 1917 aufgelöst. Der Staat galt als autokratisch regiert und wurde von ungefähr 181 Millionen Menschen bewohnt.

 von 1903 bis 1905 hatte die deutschsprachige Jüdische Turnerschaft nicht nur voller Bewunderung auf die jüdische Selbstwehr etwa in Homel und Odessa geblickt, sondern auch in der Jüdischen Turnzeitung zur organisatorischen und finanziellen Unterstützung aufgerufen.1 Obwohl es im Russländischen Reich vor allem der sozialistische Bund war, der die Selbstwehr organisierte, sah die bürgerliche zionistische Turnbewegung über die ideologischen Unterschiede hinweg und nahm sich die Wehrhaftigkeit der jüdischen Arbeiterbewegung zum Vorbild. In den revolutionären Ereignissen von 1918 und 1919 in Österreich und Deutschland und angesichts der wachsenden Gewalt gegenüber den Jüdinnen und Juden in der Zwischenkriegszeit wurde die zionistische Turnbewegung und später sogar der deutsch-nationale Schild zur organisatorischen Basis der jüdischen Selbstwehr um die jüdische Bevölkerung vor gewalttätigen Übergriffen der städtischen Unterschichten zu schützen.
Im Herbst 1918 übernahm die Jüdische Turnerschaft in Wien eine wichtige institutionelle Rolle bei der Organisation der Pogromabwehr. Neben der in die Wiener Stadtschutzwache integrierte, vor allem aus demobilisierten jüdischen Soldaten bestehenden jüdischen Selbstwehrgruppe, bildete sich innerhalb der jüdischen Turnvereine eine „Selbstwehrreserve“. Damit verpflichtete sich die österreichische revolutionäre Bewegung die jüdische Selbstwehr auf die Organisation innerhalb der jüdischen Turn- und Sportvereine zu beschränken. Im Gegenzug vertraute sie dieser Bewegung die Organisation der Selbstwehr an, und gestattete die regelmäßige Durchführung von paramilitärischen Übungen, um für den Ernstfall gerüstet zu sein. Die Turn- und Sportvereine gewannen eine große Zahl neuer Mitglieder, die als Freiwillige der Selbstwehren den Vereinen beitraten und verpflichteten sich ihrerseits, diesen mit Gebührenreduzierungen entgegen zu kommen.

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