Turnerschaft und Zionismus

Kurz vor dem zweiten Kriegsturntag am 6. Oktober 1918 ergriff Johanna Thomaschewsky im Ringen um die zukünftige Position der Jüdischen Turnerschaft (JT) zum Zionismus mit einem programmatischen Beitrag Position und forderte, ein entschiedenes Bekenntnis zum Zionismus in den Statuten zu verankern und zukünftig Vorstandsmitglieder und Vorturner darauf zu verpflichten. Als Fernziel entwarf sie die Vision einer geeinten nationaljüdischen Jugendbewegung in einer einzelnen, zentralisierten Dachorganisation als Ergebnis einer gemeinsamen, auf das zionistische Projekt ausgerichteten Ausbildung der Vereine.

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Transkription (Deutsch)

Turnerschaft und Zionismus
Von Johanna Thomaschewsky.
 Auf dem letzten Kreisturntag im November 1916 habe ich in einem Referat in großen Zügen dargelegt, wie ich mir die Stellung der Turnerschaft zum Zionismus denke, wenn ihr eine gedeihliche Entwicklung gesichert sein soll. Ich weiß, daß diese Frage schon bei früheren Gelegenheiten zur Besprechung gekommen ist, aber immer bisher haben die Debatten darüber nur dem einen oder andern Anlaß zum Nachdenken gegeben, von nachhaltiger Wirkung, von entscheidender Bedeutung sind sie nicht gewesen. In den letzten Monaten ist die Frage dringender geworden, wenigstens soweit ich die Sachlage übersehe. Die nationaljüdische Jugend arbeitet immer zielbewußter; sie will Klarheit um jeden Preis, für sich selbst und nach außen hin. Zweideutigkeiten irgendwelcher Art will sie nicht mehr dulden. Und nun wird auch die Turnerschaft zur Entscheidung gedrängt werden. Jetzt muß es sich herausstellen, ob sie zur Zusammenarbeit mit den anderen gewillt ist, oder ob es in Zukunft heißen soll: hie zionistische Jugendbewegung, hie Turnerschaft. Darum wird es nun nötig sein, sich in Turnerkreisen ernstlich darüber auszusprechen und Klärung zu schaffen. Der nationaljüdische Jugendtag steht nahe bevor, und wir müssen uns rüsten in der Vorhalle, ehe wir eintreten in den Saal. Aus dem Grunde will ich auch hier die wesentlichsten Gedanken meines vorhin erwähnten Referates noch einmal zusammenfassen und zur Diskussion stellen. In einigen Tatsachen ist es bereits überholt. Darauf werde ich an geeigneter Stelle noch hinweisen.
Der national-jüdische Gedanke ist die Basis der Turnerschaft. Unsere jüdischen Turnvereine tragen keinen konfessionellen Charakter, sie sind auch nicht gegründet worden, um die Turnfreudigen vor kleinlichen antisemitischen Anfeindungen zu bewahren; sie haben ihr Vorbild in den deutschen Turnvereinen, die durch die Ertüchtigung der deutschen Jugend den deutschen Volksmut, die deutsche Volkskraft zu fördern gewiß sind. Als das Vaterland in höchster nationaler Not war, da führte Jahn die Jungen hinaus, um ihnen durch Turnen und Sport zu den körperlichen und geistigen Kräften zu verhelfen, die zur Rettung nötig waren. Als die Degeneration, die Verweichlichung unter uns Juden immer gefahrdrohender wurde, da taten sich Männer, in denen das jüdische Nationalgefühl lebendig war, zusammen zur Gründung national-jüdischer Turnvereine, und wahrlich, sie haben Gutes erreicht. Der Turner, der sich zuerst nur mühte, seinen persönlichen Ehrgeiz zu befriedigen; der sich in etwas späterer Epoche schon bewußt wurde, durch seine Leistungen auch seinem Verein Ehre zu verschaffen, der kam bald zu dem stolzen Empfinden, daß er seinem jüdischen Volksnamen zu größerer Achtung verhelfe, wenn er im Wettkampf mit den andern besteht oder gar den Sieg davonträgt. So kamen viele, die vorher ganz abseits gelebt hatten, dem Judentum, wie wir es verstehen, immer näher und ganz nahe. Auf mancher Seite geht man zwar über die Erfolge der Turnerschaft mit Achselzucken hinweg. Sehr begreiflich! Was noch vor fünfzehn, noch vor zehn Jahren etwas Erstaunliches war, es ist inzwischen zu etwas Selbstverständlichem geworden, das nicht mehr geschätzt wird. Aber mit diesem Bewußtsein sollen und dürfen wir uns nicht zufrieden geben. Wer sich auf den Lorbeeren einer vergangenen Zeit ausruht, ist in |12| Gefahr, seine eigene nicht mehr zu verstehen und ist leicht dem Untergang preisgegeben. Wir müssen vorwärts, Schritt halten mit den ganz Jungen, die kräftig ausschreiten.
Man ist immer mehr zu der Erkenntnis gekommen, daß Nationaljudentum nichts Ganzes, nichts Abgeschlossenes bedeutet. Es ist nur der Anfang einer Gedankenreihe. Wo nationales Leben zu voller Entfaltung kommen soll, da müssen auch alle Vorbedingungen erfüllt sein; da kann auf die wesentliche Grundlage, auf den nationalen heimatlichen Boden nicht verzichtet werden. Nationaljudentum ist nur die Vorstufe zum Zionismus. Es hat ohne diese Vollendung keinen rechten Sinn. Mit Halbheit als Mittel kann man nie etwas Ganzes erreichen. Wenn man bei der Jugend Begeisterung wecken will, darf man das strahlende Ziel nicht verdunkeln, nur weil es schwer zu erreichen ist. Man muß es spielen lassen in allen seinen Farbentönen. Das wird am besten die Kraft anspornen, ihm schließlich doch nahe zu kommen. Dem Gedanken darf sich auch unsere Bewegung nicht verschließen. Sie muß, wie andere es bereits getan haben, ihr Programm erweitern. Die Erziehung der turnenden jüdischen Jugend zum Zionismus, muß sie als ihre letzte Aufgabe offen anerkennen. Im Grunde genommen hat sie schon immer danach gehandelt. Turnerschaft und Zionismus haben von jeher in engster Beziehung zu einander gestanden. Die Turnerschaft trat zum ersten Mal an die Oeffentlichkeit aus Anlaß eines Zionistenkongresses in Basel. Nachher ist wohl kaum noch ein Kongreß vorübergegangen, ohne daß die Turner als solche sich dabei gezeigt hätten. Und denen, die zuletzt in Wien mit dabei gewesen sind, leuchten noch heute die Augen, wenn sie davon erzählen. Es war vielleicht das schönste, eindrucksvollste Erlebnis in ihrer Turnerzeit. — — —Im Frühjahr 1913 wurde die national-jüdische Jugend zu einer Palästinafahrt zusammengerufen. Da waren es wieder die Turner, die die Hauptzahl dazu stellten. War es ihnen doch gerade, als wenn alle Wanderungen hier im Lande nur die Bedeutung der Vorbereitung für diese eine langersehnte Fahrt in das gelobte und geliebte Land gehabt hätten. So könnten noch eine Reihe von Beispielen erbracht werden für die vorhergegangene Behauptung. Sie alle beweisen, daß das offene Bekenntnis zum Zionismus in der Tat keine innere Umwälzung für die Turnbewegung bedeutet. Es ist nur eine gradlinige Vorwärtsbewegung auf dem schon eingeschlagenen Weg, und dieser Schritt vorwärts muß gemacht werden. Auf das „Wie“ aber kommt es an.
Es wäre sicher das Fehlerhafteste, wenn man nun ganz radikal vorginge und sagte: Nur Zionisten dürfen in unsern Vereinen aufgenommen werden. Wie bisher muß jedem unbescholtenen Juden, jeder unbescholtenen Jüdin der Eintritt möglich sein. Sie zu Nationaldenkenden und weiter zu Zionisten zu erziehen, ist unsere Aufgabe. Die muß auch in unseren Statuten klar zum Ausdruck kommen, und sollten sich noch so viele dagegen wehren. Die Befürchtung, daß wir dann aufhörten, eine Vereinigung der Massen zu sein, ist unbegründet. Wen der Begriff Nationaljudentum nicht stört, der wird auch vor dem Inhalt des Wortes Zionismus nicht zurückschrecken. Und sollte es dennoch der Fall sein: Sehen wir doch klar! Die laxen Mitläufer haben unseren Bestrebungen bisher immer mehr geschadet als genützt. Eine andere, viel schlimmere Befürchtung liegt vor, wenn wir es verweigern, die alten Grenzen zu überschreiten. Ich bin sicher, unsere Besten gehen uns verloren. Sie werden anderswo Gelegenheit suchen und finden, um Turnvereine in ihrem Sinne zu gründen, und sie werden |13| als die Fortgeschritteneren auch die Erfolgreicheren sein. Das ist eine Entwicklung, vor der wir sehr auf der Hut sein müssen.
Die eine Erweiterung des Statuts würde notwendig eine zweite zur Folge haben, die gewissermaßen schon als stillschweigendes Uebereinkommen gilt, ohne als solches den Anspruch auf strikte Durchführung zu haben. Diejenigen, die den zu Erziehenden als Führer und Vorbild vorangestellt werden, müssen in erster Linie auf sicherem Boden stehen; an ihrer jüdischen Gesinnung darf kein Zweifel sein. Alle Glieder des Vorstandes und der Vorturnerschaft müssen sich als Zionisten bekennen.
Es wird nicht immer leicht sein, diese Forderung zu erfüllen. Der beste Vorturner ist noch lange nicht der beste Zionist. Und man gibt sich noch gar zu leicht mit dem Vorhandensein der ersten Eigenschaft zufrieden, ohne die zweite zu berücksichtigen. Um das zu vermeiden, muß durch Festlegung in den Statuten ein ernster Zwang ausgeübt werden. Der Vorturner muß für seine Abteilung ein Musterbild sein in jeder Beziehung. Die technische Ueberlegenheit allein darf nicht genügen. Er muß auch als Mensch Qualitäten besitzen, denen die anderen ihre Achtung nicht versagen und denen sie gern nacheifern. Dann wird für ihn zu allererst die Möglichkeit bestehen, sie auch zum Nachdenken über seine Lebensauffassung zu bringen und diese letzten Endes auch zu der ihren zu machen. Nicht vieler Worte wird es dabei bedürfen, die vorbildliche Persönlichkeit, der sich die andern nicht entziehen können, wird den Ausschlag geben. So allein ist der Anfang zu machen. Aber wie ist die Weiterführung zu denken, die doch mindestens von gleicher Wichtigkeit ist? Nachdem die Anfügung gegeben, muß sie auch genährt und gepflegt werden. Soll das auch das Werk des Vorturners bleiben? Ein entschiedenes Nein muß die Antwort sein. Denn der Vorturner, der im Berufsleben steht, hat gewöhnlich nicht die rechte Zeit und Muße dazu, und — auch das braucht man sich nicht zu verhehlen, — oft auch nicht das rechte Geschick. Da müssen andere, geeignetere Kräfte einsetzen. Sie brauchen nicht mehr im Rahmen der Turnerschaft zu stehen. Man hat es wohl in den meisten Falten so gehandhabt, daß man, jeder kleine Verein für sich, Kurse und Vortragsabende veranstaltete, durch die man die Mitglieder jüdisch zu belehren versuchte. Der Erfolg war nirgends der rechte. Man konnte nicht die geeigneten Lehrer und Redner finden. Sie wurden von allen Seiten begehrt, und waren darum für keinen in der gewünschten Weise zu haben. Wenn dann und wann einmal einer von den Könnenden zugesagt hatte, und auch wirklich erschien, so war das gewiß eine Attraktion, aber was für einen Dauerwert soll solch ein einmaliges Aufleuchten haben? Die Wirkung ist gleich Null. So kann es nicht weiter getrieben werden. In meinem Referat 1916 hatte ich gewünscht, daß hier die Zusammenarbeit mit der Zionistischen Organisation entsetzte, und auf dem Standpunkt stehe ich noch heute. Die Zionistische Ortsgruppe soll Belehrungskurse in Form von Geschichtsunterricht, hebräischen Stunden, Unterweisung in der Palästinakunde usw. einrichten, und alle nationaljüdischen Jugendvereine sollen daran teilhaben. Die Vorteile sind klar ersichtlich. Besteht nur eine solche Veranstaltung, so kann man für sie den jeweilig besten Leiter bekommen. Und er wird sich für ein solches Unternehmen auch mit viel größerer Bereitwilligkeit zur Verfügung stellen, weil er ja viel größere Erfolge zu erwarten hat. Und auch für die Hörer lassen sich darin noch Vorteile verschiedenster Art entdecken. Sie werden über |14| die kleine Gruppe, der sie angehören, hinausgehoben; sie finden dadurch noch viele Gleichgesinnte, von denen sie vorher nicht gewußt, und das ist von Wert. Die Ueberzeugung, daß wir nicht allein gehen, sondern mit vielen gemeinsamen Weg haben, gibt uns das Vertrauen, daß dieser Weg der richtige ist. Außerdem werden durch die größere Gemeinschaft auch neue persönliche Beziehungen geschaffen; es entstehen neue Freundschaften, die durch die Treue zur Person auch die Treue zur Sache festigen. — Diese Kurse in der rechten Weise zu gliedern, daß Anfänger und Fortgeschrittene gleichmäßig zu ihrem Recht kommen, wird keine großen Schwierigkeiten bieten. Damit der Hauptzweck nicht verfehlt wird, müssen für alle, vor allem für die Neulinge, einige obligatorische Unterrichtsstunden eingesetzt werden. Dafür kommt vornehmlich der Geschichtsunterricht in Betracht. Lust und Liebe zum Hebräischen soll allmählich durch die anderen Fächer wachgerufen, die Teilnahme dazu nicht erzwungen werden. Und bei allem darf eins nicht vergessen sein: große Unkosten dürfen sich für den Teilnehmer daraus nicht ergeben. Die größte Opferfreudigkeit müssen die Erzieher an den Tag legen, nicht die zu Erziehenden.
In mancher Beziehung haben sich diese Wünsche schon zu verwirklichen begonnen. Auch von anderer Seite wurden gleiche und ähnliche Gedanken ausgesprochen, und so kam Anfang 1917 mit Hilfe der Zionistischen Organisation ein Ausschuß zustande, der die oben genannte Aufgabe als einen Hauptpunkt mit in sein Programm aufnahm. Ich meine den „Ausschuß für nationaljüdische Jugendarbeit“ in Berlin. Er hat bald für kleinere Städte vorbildlich gewirkt und wird voraussichtlich in kürzester Zeit zu einem Gesamtausschuß für das Deutsche Reich werden. Man kann nicht verlangen, daß eine solche Institution gleich im ersten Jahre ideale Arbeit leistet. Aber ihre Existenz allein ist schon von Bedeutung. Und soll ihr Werk gelingen, so müssen alle Vereine ihr Teil dazu beitragen. Das ist auch jetzt eine der Hauptpflichten unserer Turnerschaft. Arbeitet dieser Ausschuß in der rechten Weise, und das kann er nur mit der allseitigen Unterstützung, so werden die ihm angeschlossenen Vereine größten Nutzen daraus ziehen. In einer Hinsicht ist das schon deutlich genug ausgeführt worden. In bezug auf das Menschenmaterial ist weiter eine Hebung dadurch zu erwarten an Qualität sowohl wie an Quantität. Eine solche Organisation wird durch Ihren größeren Umfang viel weitere Beziehungen haben; sie hat viel eher die Möglichkeit, an neue Kreise heranzutreten, und aller Wahrscheinlichkeit auch viel eher die Mittel, eine weitgehende Propaganda durchzuführen. Einer solchen Organisation ferner, die alle Vereine umfaßt und durch richtige Zusammensetzung auch alle übersieht, muß es gelingen, jeder Einzelgruppe die für sie in Betracht kommenden Glieder zuzuweisen. Es wird ein Austausch zwischen den einzelnen Vereinen stattfinden können, wie er bisher nicht zu erreichen war. Die leidige Konkurrenz, die jeder Arbeit hinderlich ist, wird aufhören. Man wird auf diesem Wege endlich dazu kommen, sich als ein Ganzes, dem gleichen Ziele Zustrebendes zu fühlen und danach zu handeln. Und bei diesem Gedanken stellt sich mir ein Bild dar, das gewiß heute und morgen noch nicht Wirklichkeitscharakter annehmen wird, das aber doch in nicht allzu ferner Zukunft lebendige Gestaltung erfahren dürfte. So sehe ich es: Die Zusammenfassung der Vereine müßte schließlich eine ganz innige werden, so daß sie nur noch weiter beständen als eine einzige große Institution. Der Turner, der Wanderer, der |15| Ruderer, sie dürften nicht mehr sagen: Ich bin Mitglied in dem und dem Verein. „Ich gehöre der Nationaljüdischen Jugendorganisation an, der Turnergruppe in Posen, der Wanderergruppe in Hamburg, der Ruderabteilung in Berlin“, so müßte sein Bekenntnis lauten. Das erst gäbe eine Einigkeit, wie ach sie mir schöner und förderlicher nicht denken kann. So kann es aber nur sein, wenn wir alle von gleicher nationaler Grundlage aus aufbauen. Und daß wir Turner da uns mühen, mit den andern zusammenzukommen, das ist mein größter Wunsch, meine Hoffnung für unsere Turnbewegung.

Kommentar

Kurz vor dem zweiten Kriegsturntag am 6. Oktober 1918 ergriff Johanna Thomaschewsky  im Ringen um die zukünftige Position der Jüdischen Turnerschaft (JT) zum Zionismus mit einem programmatischen Beitrag Position und forderte, ein entschiedenes Bekenntnis zum Zionismus in den Statuten zu verankern und zukünftig Vorstandsmitglieder und Vorturner darauf zu verpflichten. Als Fernziel entwarf sie die Vision einer geeinten nationaljüdischen Jugendbewegung in einer einzelnen, zentralisierten Dachorganisation als Ergebnis einer gemeinsamen, auf das zionistische Projekt ausgerichteten Ausbildung der Vereine.
Johanna Thomaschewsky (1882–1968) Johanna Thomaschewsky (1882–1968) wurde Anfang der 1880er Jahre in Königsberg geboren. Sie war die jüngste der drei Tomaschewsky-Schwestern, die eine wichtige Rolle in der zionistischen Bewegung und unter den frühen Siedlerinnen in Palästina spielten. Ab 1920 lebte sie in Palästina und nahm dort ab ihrer Heirat 1924 den Namen Hanna Biram an. war der Leserschaft der Jüdischen Monatshefte für Turnen und Sport bzw. des Vorgängerblattes Jüdische Turnzeitung seit langem wohlbekannt, u. a. als Autorin von Beiträgen zum Frauenturnen. Die gebürtige Ostpreußin war mit ihren Eltern und zwei Schwestern nach Berlin gekommen und unterrichtete dort an der Jüdischen Mädchenschule. Sie erwarb auch die Qualifikation als staatlich geprüfte Turnlehrerin, ihre Vereinslaufbahn begann im Bar Kochba Berlin, wo sie der II. Frauenabteilung angehörte. Im Jahr 1910 gründete sie mit gleichgesinnten Turnschwestern den Jüdischen Frauenbund für Turnen und Sport (IFFTUS) und bekleidete im Vorstand das Amt der Turnwartin. Der neue Verein galt gleich in mehrfacher Hinsicht als ebenso progressiv wie kontrovers. Zum einen zeugten sein Name und Programm von einer selbstverständlichen Gleichrangigkeit des Turnens und des Sports, während andere Turnkreise den Sport und den darin priorisierten Leistungsgedanken noch immer heftig ablehnten. Wenige Jahre später setzte sich die zunehmende Öffnung für den Sport schließlich auch im Titel des Verbandsorgans durch und führte 1913 zur Umbenennung der Jüdischen Turnzeitung. Zum anderen galt die Gründung eines eigenen Vereins für Frauen als Affront, zumal die Gründerinnen ihren Schritt u.a. mit dem Vorwurf begründeten, im Bar Kochba – immerhin dem bedeutendsten Verein in der JT – an der vollen Entfaltung des Frauenturnens gehindert worden zu sein. Der IFFTUS erlebte einen raschen Mitgliederzuwachs und in der Wintersaison 1912/13 gehörten ihm bereits 176 Frauen und Mädchen, darunter viele ehemalige Angehörige des Bar Kochba, an. Das Ende seiner konfliktträchtigen Entstehungszeit besiegelte schließlich der Beitritt des IFFTUS zur JT.
Allerdings verstanden sich die Gründerinnen des IFFTUS als Zionistinnen und betätigten sich aktiv in diesem Sinne. Damit verschob sich im Verband das Gewicht weiter in Richtung derer, die dazu bereit waren, den bisherigen Konsens über dessen politische Neutralität aufzugeben. Im Falle Johanna Thomaschewskys prägte das zionistische Engagement sogar noch das Privatleben. Sie war eine von drei Schwestern, die allesamt bekannte Zionisten heirateten. Theodor Zlocisti (1874–1943), der beispielsweise für die Palästinafahrt 1913 die Beteiligung der JT mobilisieren konnte, war der Mann ihrer Schwester Hulda (1869–1941), während Emma (1876–1933) mit Davis Trietsch (1870–1935) eine Ehe führte.1 Johanna würde 1924, bereits nach ihrer 1920 erfolgten Auswanderung nach Palästina, den Philiosophen und Pädagogen Arthur Biram heiraten, welcher an der von ihm gegründeten Reali-Schule in Haifa im Gefolge der arabisch-jüdischen Unruhen ab 1929 ein koedukatives, paramilitärisches Sportprogramm initiierte, das die Basis für die Rekrutierung von Frauen in die Haganah, die bewaffnete Untergrundorganisation der Jewish Agency im Mandatsgebiet Palästina, und den späteren Armeedienst im Staat Israel legte.
Zu den Mitstreiterinnen Johanna Thomaschewskys zählten auch die drei Cohn-Schwestern. Ihr Vater war der Arzt Dr. Bernhard Cohn (1841–1901), der in Folge einer gegen ihn gerichteten, antisemitischen Verleumdung im Zusammenhang mit dem Tod eines Neugeborenen einen individuellen Zugang zum Zionismus gefunden hatte. Mit Theodor Herzl, der kurz zuvor Der Judenstaat veröffentlicht hatte, geriet er im Frühjahr 1896 über seine eigene Schrift Vor dem Sturm in einen knappen Austausch, 1898 wiederum gehörte er zu den Mitgründern der Berliner Ortgruppe der Zionistischen Vereinigung.2 Trotz des frühen Todes des Vaters setzten die Kinder – zuvorderst die drei Töchter – diesen Weg fort. Die größte Bekanntheit würde die Tochter Lotte (1893–1983) als erste und bedeutendste Architektin Israels erlangen, die kurz vor ihrer eigenen Alija 1921 den IFFTUS als dessen letzte Vorsitzende abwickelte.3 Bei der Gründung war ihre Schwester Helene (Lene) Cohn (1882–1966), wie Thomaschewsky examinierte Turnlehrerin, die Schriftführerin des Vereins. Unter den personellen Auswirkungen des Ersten Weltkrieges, rückten an die Spitze der JT auch Frauen vor: Dem sogar paritätisch besetzten Kriegsausschuss, des Vorstand des Deutschen Kreises der JT, gehörte neben Elsbeth Alterthum auch Helene Cohn an. Als Postadresse des Gremiums nannte das Impressum die Schwester Rosa Cohn (1890-1951), mit der Anschrift der Wohnung der Schwestern in der Charlottenburger Kurfürstenstraße 118. Sie gehörte zu den drei Cohn-Schwestern, die aus einem zionistisch geprägten Elternhaus stammten. Zusammen mit eben dieser Rosa Cohn würde Johanna Thomaschewsky Ende 1920 in Triest das Schiff Lloyd Triestino nach Haifa besteigen.
Angesichts dieses engen zionistischen Netzwerks um Johanna Thomaschewsky können die Positionen, die sie in ihrem programmatischen Entwurf für die ideologische Positionierung der JT vertrat, nicht überraschen. Anlass für ihren Appell war der bevorstehende deutsche Kreisturntrag am 6. Oktober 1918 im Berliner Café Austria, der unmittelbar vor dem Jugendtag der nationaljüdischen Jugendorganisationen Deutschlands an den beiden darauffolgenden Tagen stattfand. Thomaschewsky rekurrierte nun auf das „in einigen Tatsachen […] überholte“ Referat, das sie anlässlich des ersten Kriegs-Vertretertages der Vereine im deutschen Kreis der Jüdischen Turnerschaft am 5. November 1916 gehalten hatte.4 Die Tagung hatte sich mit den praktischen Fragen der Fortführung der Verbandsarbeit unter den Bedingungen des Krieges befasst und richtungsweisende Entscheidungen mit Blick auf die zweifelhafte Legitimation der Gremien für die Kriegsdauer zurückgestellt. Auch Thomaschewsky hatte diese Position mitgetragen und nicht auf programmatische Änderungen gedrängt, sondern lediglich eine Zusammenarbeit mit den Zionist:innen in Form einer Entsendung einer JT-Vertretung in das Aktionskomitee der Zionistischen Vereinigung für Deutschland (ZVfD) qua Amt vorgeschlagen, was der JT die Einflussnahme auf die Ausrichtung der zionistischen Jugendarbeit hätte ermöglichen können.
Im Herbst 1918, ein knappes Jahr nach in der  Balfour-Deklaration
Balfour-Deklaration
Die Balfour-Deklaration wurde am 2. November 1917 vom damaligen britischen Außenminister Arthur Balfour verfasst und von der britischen Regierung veröffentlicht. Die zionistische Bewegung verstand die Deklaration als Garantie für die britische Unterstützung bei der Bemühung um die Gründung eines jüdischen Staates in Palästina. Gleichzeitig beinhaltet sie den Schutz der Rechte der dort ansässigen Völker.
 in Aussicht gestellten britischen Unterstützung für die „Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina“, stand die JT nun jedoch unter ungleich größerem Druck, endlich Farbe zu bekennen, und einen einheitlichen nationaljüdischen Jugendverband, den die ZVfD Ende 1917 per Beschluss auf den Weg gebracht hatte und der auf eine breite Unterstützung der jüdischen Vereine stieß, mitzutragen.5 Dass sich die JT damit schwer tat, sich zum Zionismus zu bekennen, war ein wiederkehrendes Lamento seitens des ZVfD; allerdings hatte sich zumindest die Führung der JT spätestens ab 1912 als Teil der zionistischen Bewegung verstanden.6 Auch dem Ausschuss für nationaljüdische Jugendarbeit in Berlin, der sich im März 1917 konstituiert hatte und auf welchen Thomaschewsky Bezug nahm, gehörte die JT an und arbeitete dort bewusst systematisch und eng bei der Koordination der gemeinsamen Jugendarbeit mit zionistischen Jugendorganisationen zusammen.7 Und doch: Auf dem Turntag 1918 hielt die JT abermals an ihren Vorbehalten gegenüber einem klaren Bekenntnis fest, ihr Gründungsvorsitzende Dr. Ernst Tuch (1872–1922) unterstrich den Willen, für breite Kreise anschlussfähig zu bleiben und an der offen formulierten nationaljüdischen Ausrichtung festzuhalten. Das zionistische Programm galt als potentiell exkludierend und radikal, und so würden der Passus über die politische Neutralität bis 1933 unangerührt in den Statuten der JT verbleiben.8 Der Nationaljüdische Jugendtag ging infolgedessen ergebnislos zu Ende und das Projekt der einheitlichen Dachorganisation, deren Gestalt Johanna Thomaschewsky in dieser Quelle so lebhaft zeichnete, war vertagt.9   Bald nach dem Weltkrieg ließen sie die Zionistinnen aus dem IFFTUS die theoretischen Debatten in Deutschland hinter sich und wanderten in das Land Israel, in das entstehende britische Mandatsgebiet Palästina aus.

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