Von unseren Mitgliedern

Die Rubrik „Von unseren Mitgliedern“ aus der Vereinszeitung von Hakoah-Wien vom Juni 1918 zeigt, wie die Zeitungsseiten zur Kommunikation unter den Mitgliedern genutzt wurde. Nachrichten von der Flucht eines Sportsfreundes aus der Kriegsgefangenschaft fanden ebenso Eingang, wie Beförderungen von Vereinsmitgliedern in höhere Armeeränge. Die Nachrichten waren, so scheint es, für die Soldaten im Feld eine wichtige Möglichkeit, mit ihren Kameraden Kontakt zu halten und boten vor allem in Krisensituationen, wie der Kriegsgefangenschaft, Trost und das Gefühl der Zugehörigkeit.

Transkriptionen

Transkription (Deutsch)

Von unseren Mitgliedern
(Eine Freudenbotschaft haben wir aus 
Bzenec
deu. Bisenz, yid. pizenc, yid. פיזענץ, ces. Bisnice

Bzenec ist eine Kleinstadt (Bevölkerungszahl 2022: 4.565) in der historischen Region Mähren im Südosten Tschechiens. Bis zum 14. Jahrhundert war sie der Hauptort eines Gaus. Ab 1590 gehörte sie zur Herrschaft Bisenz, die mehrfach den Besitzer wechselte. Erst 1848 erhielt sie mit der Ablösung der Standesherrschaft vollwertige Stadtrechte. Die jüdische Gemeinde von Bzenec gehörte im 18. Jahrhundert zu den größten in Mähren. 1782-1919 unterlag die jüdische Gemeinde in Bzenec nicht der Gerichtsbarkeit der Stadt.

 erhalten; Lt. Eugen Eisler Eugen Eisler (geb. 1887) war ein Bankbeamter und Sportfunktionär. Er gehörte zu den Mitbegründern des Sportclubs Hakoah Wien und war Mitglied des Straf- und Meldeausschusses (STRUMA). Mit dem „Anschluss“ Österreichs war Eisler der Judenverfolgung ausgesetzt. Er konnte in die USA emigrieren und förderte dort den Aufbau zionistischer (Sport-)Organisationen. ist aus Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt. Nur kurze Zeit dauert mehr seine Quarantäne, dann werden wir den allzu lang Vermißten bei uns begrüßen können. Obwohl er über 3 Jahre tausende Kilometer von uns entfernt weilte und nur selten eine Nachricht zu ihm gelangte, ist er der Alte geblieben. Seinem ersten ausführlichen Schreiben an die Hakoah wollen wir nun folgendes entnehmen: …… bin im März aus Sibirien entflohen und irrte 3 Monate in Russland herum, bis es mir gelang über die Grenze zu rutschen. Ich bin vollkommen gesund und frisch und freue mich der Hakoah meine Arbeitskraft zur Verfügung stellen zu können. Es ist mir fast unfaßbar, wie das alles so klappt. Die Express zugesandten Hakoahnachrichten haben mir eine ungeheuere Freude bereitet. Alle hängen mit Leib und Seele am Klub, so haben wir doch nicht vergeblich gearbeitet. Vorläufig mache ich Gehversuche, da ich 40 Monate fast ununterbrochen eingepresst und von der Aussenwelt abgeschnitten war………
Egon Pollak Egon Pollak Egon Erwin „Gitschi“ Pollak (auch: Polak oder Pollack) (1898–1984) war ein österreichischer Fußballspieler und Sportjournalist. Nach dem Krieg gehörte er zur Ersten Mannschaft, die 1925 Erster Österreichsicher Meister wurde. 1924 gab Pollak sein einziges Debüt in der österreichischen Nationalmannschaft. Mitte der 1930er Jahre wanderte er nach Palästina aus. Dort betreute er Maccabi Tel Aviv und die Nationalmannschaft Palästina/Erez Israel. Mit der Nationalmannschaft nahm er an der Qualifikation zur Fußball-Weltmeisterschaft 1938 teil. 1948 übernahm Pollak (erneut) den Trainerposten der israelischen Nationalmannschaft und betreute diese in ihrem ersten Spiel nach der Staatsgründung. der brave Spieler unserer ersten und Reservemannschaft ist vor einigen Tagen ins Feld abgegangen.
Otto Grossmann wurde zum Fähnrich ernannt.
Wir gratulieren!!
Jenö Gansl Jenö Gansl (vermutlich 1894–1926) war Stürmer beim SC Hakoah Wien. Er war der älteste von fünf Brüdern (seine Brüder waren Isidor, Moritz „Karl“, Max und Walter). Die Gebrüder Gansl wuchsen in einem streng orthodoxen Elternhaus auf, welches das Fußballspielen missbilligte. Dennoch waren alle Söhne in der Hakoah aktiv. , wurde zum Korporal befördert.
Wir gratulieren!
Fähnrich Fritz Baar Fritz Baar (auch: Barcheles) (1893–1966) war Spieler in der Reservemannschaft des SC Hakoah Wien. Nach dem Ersten Weltkrieg war er vor allem als Sportjournalist in Wien tätig. Mit dem „Anschluss“ Österreichs wurde er in das Konzentrationslager Dachau inhaftiert. Nach seiner Freilassung emigrierte er 1938 nach Palästina. Bereits 1947 kehrte er nach Wien zurück und betätigte sich wieder als Sportjournalist. ist momentan dem 18. Korps-Kmdo.Feld- |5| post 421 zugeteilt.
Er grüßt alle Hakoahaner im Felde.
 
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Unser Bruderverein “Makkabäa”, Pressburg “Makkabäa”, Pressburg Makkabi Pressburg gehörte zum Kreis Westösterreich, dem zweiten Kreis der jüdischen Turnerschaft. , hat wieder sehr schöne Erfolge aufzuweisen. Er spielte gegen “Eto” Raab “Eto” Raab Eto Raab war ein Fußballverein in Österreich-Ungarn. 2 : 2 unentschie#en (Meisterschaft) und siegte in Freundschaftsspielen gegen die Wiener Vereine Bewegung 12:0 und Sturm 1907 4 : 3. Am 23. ds.M ds.M des Monats weilt er bei uns zu Gast.
Auch die “Hasmonea” Lemberg “Hasmonea” Lemberg Der jüdische Sportklub Hasmonea Lemberg gründete sich im Jahr 1908 und war einer der ersten jüdischen Sportvereine in Österreich-Ungarn. Der Sport- und Fußballverein bestand bis zur sowjetischen Besatzung Ostpolens im September 1939 im Rahmen des Hitler-Stalin-Pakts.  weist jetzt einen sehr regen Sportbetrieb auf. Obwohl unsere Gesinnungsgenossen durchwegs auf junge Mitglieder angewiesen sind, halten sie sich sehr stramm. Ihre letzten Resultate waren: Pogon I. 1 : 4. Polonia I. Przemysl. 1 : 6 (1 : 1).
Unsere Schwimmsektion, die unter der tüchtigen Leitung des aus der Gefangenschaft zurückgekehrten Max Berger und Ernst Freyers steht ist im steten Aufschwung begriffen. Die Trainingsabende finden jeden Montag und Freitag im Brünnlbad statt und sind durchschnittlich von 40 Damen und 20 Herren besucht. Weiters finden regelmäßige Schwimmübungen in der Militärschwimmschule statt.

Kommentar

Die „Hakoah-Nachricht“ Mitteilungen für Vereinsmitglieder aus dem Juni 1918 ist im Nachlass des Psychoanalytikers und Reformpädagogen Siegfried Bernfeld (1892 – 1953), der zum engeren Kreis um Sigmund Freud gehörte, überliefert worden. Bernfeld wurde im galizischen 
L'viv
pol. Lwów, ukr. Lwiw, deu. Lemberg, rus. Lwow, rus. Львов, yid. לעמבערג, ukr. Львів

Lwiw (deutsch Lemberg, ukrainisch Львів, polnisch Lwów) ist eine Stadt in der Westukraine in der gleichnamigen Oblast. Mit knapp 730.000 Einwohner:innen (2015) ist Lwiw eine der größten Städte der Ukraine. Die Stadt gehörte lange zu Polen und Österreich-Ungarn.

Aufgrund des Krieges in der Ukraine ist es möglich, dass diese Informationen nicht mehr dem aktuellen Stand entsprechen.

 (damals in Österreich-Ungarn, heute: Lviv/Ukraine) geboren und wuchs in 
Wien
eng. Vienna

Wien ist die Bundeshauptstadt und politisches, kulturelles und wirtschaftliches Zentrum Österreichs. Allein im Stadtgebiet leben rund 1,9 Millionen Einwohner:innen und damit ein Fünftel der Landesbevölkerung, im Großraum insgesamt sogar ein Drittel aller Österreicher:innen. Historisch bedeutend ist Wien insbesondere als Hauptstadt und mit Abstand wichtigste Residenzstadt der ehemaligen Habsburgermonarchie.

Historische Orte
Österreich
  (
eng. Federal State of Austria, eng. Austria, deu. Österreich, deu. Bundesstaat Österreich
)
Österreich
  (
eng. Republic of Austria, eng. Austria, deu. Österreich, deu. Republic of German-Austria, deu. Deutschösterreich, deu. Deutsch-Österreich
)
 auf. In den Jahren von 1914 bis 1921 engagierte er sich in der zionistischen Bewegung. Er leitete das „Kinderheim Baumgarten“ für jüdische Waisenkinder, ein psychoanalytisch-pädagogisches Projekt, das die Kinder reformorientiert erziehen sollte. 1921 musste das Kinderheim jedoch schließen. In den 1930er Jahren emigrierte Bernfeld in die USA und vermachte dem YIVO in 
Vilnius
deu. Wilna, eng. Vilnius, bel. Вільня, pol. Wilno, yid. ווילנע
 (heute: Vilnius/Litauen) einen erheblichen Teil seiner Materialien.1 Die Zeitung ist sehr deutlich per Schreibmaschine mit einfachen Mitteln vervielfältigt worden. Sie ist tatsächlich ein Blatt von Mitgliedern für Mitglieder, das einen freundschaftlich-kameradschaftlichen Ton pflegt und ganz persönliche Nachrichten verbreitet, in denen der Sport nur insofern eine Rolle spielt, in dem er Anlass für die Verbindung der Kameraden untereinander ist.
Die erste Nachricht ist die spektakuläre Fluchtgeschichte des Mitgründers der Hakoah Eugen Eisler (geboren 1887), der an der Ostfront in Kriegsgefangenschaft geraten war. Er war augenscheinlich in einem sibirischen Kriegsgefangenenlager interniert und dort in den Wirren von Revolution und Bürgerkrieg geflohen. Nach drei Monaten gelang es ihm, aus dem Russischen Reich zu fliehen. Zwar hatte die Gefangenschaft seine Spuren bei ihm hinterlassen. Er schreibt, er sei 40 Monate „vollkommen eingepresst und von der Außenwelt abgeschnitten“ gewesen. Aber jetzt versuche er, wieder fit zu werden um möglichst schnell für den Verein tätig werden zu können. Aufrechterhalten hätten ihn die „per Express zugesandten Hakoah-Nachrichten“, die ihm eine „ungeheure Freude bereitet“ hätten. Die Botschaft, die er aus diesen Vereinsnachrichten für sich gezogen hatte, war diese: „Alle hängen mit Leib und Seele am Klub“ (S. 4). Diese Zugehörigkeit stiftende Gemeinschaft war etwas, für das sich das Gesundwerden und die Heimkehr lohnte. Tatsächlich kehrte Eisler nach seiner Genesung zurück zu Hakoah, wo er als Funktionär tätig blieb, bis er aufgrund der antisemitschen Politik in den 1930ern in die USA auswanderte, wo er ebenfalls für zionistische Sportvereine tätig war.2
 Die nächste Nachricht galt dem später berühmten Egon Pollack (1898-1984), der ursprünglich für die Reservemannschaft von Hakoah Wien gespielt hatte und aufgrund der kriegsbedingten Abwesenheit der Stammspieler in die erste Mannschaft aufgerückt war, bis er selbst noch im Frühjahr 1918 eingezogen wurde. Diese Nachricht wurde über die vorliegenden Mitteilungen verbreitet. Nach dem Krieg kehrte er in die erste Mannschaft zurück und gab 1924 sein Debüt in der österreichischen Fußballnationalmannschaft. Nachdem Hakoah 1925 erster Meister der Profi-Fußballliga geworden war, tourten die Spieler durch die USA, wo einige von ihnen Angebote erhielten. Pollack spielte für die New York Giants, bevor er wieder in die Reihen von Hakoah Wien zurückkehrte. Egon Pollack ist also ein Beispiel für eine frühe internationale Fußballerkarriere mit Stationen in verschiedenen Ländern. In den 1930er Jahren wanderte Pollack nach Palästina aus, wo er Maccabi Tel Aviv als Trainer betreute und schließlich mit der israelischen Nationalmannschaft an der Qualifikation für die Fußballweltmeisterschaft des Jahres 1938 in Frankreich teilnahm. Nach der Gründung des Staates Israel übernahm Pollack erneut die Nationalmannschaft und betreute sie in ihrem ersten Spiel nach der Staatsgründung.3
Die kurze Notiz kann also zeigen, dass die jungen Männer, die in den frühen Jahren der Hakoah in ihren Reihen spielten, später einflussreich im internationalen Fußball wurden.
Weitere Nachrichten betreffen Beförderungen, wie die von Otto Grossman zum Fähnerich und von Jenő Gansl (vermutlich 1894–1926) zum Korporal. Gansl war Stürmer beim SC Hakoah Wien. Er war der älteste von fünf Brüdern und wuchs in einem streng orthodoxen Elternhaus auf. Zwar missbilligten die Eltern das Fußballspielen aus religiösen Gründen. Dennoch waren alle Söhne in der Hakoah aktiv.4 Die Familie Gansl ist ein Beleg dafür, dass es durchaus orthodoxe Juden gab, die Sport trieben, auch wenn das häufig zu Generationenkonflikten und anderen Problemen in den Familien führte. Über den späteren Sportjournalisten Fritz Baer gaben die Mitteilungen die Feldostnummer weiter.
Weitere Nachrichten gab es über erfolgreiche Spiele anderer befreundeter Mannschaften, wie Makkabi Pressburg oder Hasmonea Lemberg, der 1908 als erster namentlich jüdischer Sportverein in Österreich-Ungarn gegründet worden war.
Weiterhin berichteten die Mitteilungen auch über andere Sportarten, wie z.B. über Schwimmen. Die Leiter der Schwimmabteilung waren ebenfalls aus der Kriegsgefangenschaft wieder zurückgekehrt.
Der Text zeigt, dass in der Hakoah einige später berühmte Sportler organisiert waren, die alle aktiv am Ersten Weltkrieg teilgenommen haben und z.T. in Gefangenschaft geraten waren. Im Krieg nutzen die Sportler die Netzwerke und die Kommunikationskanäle, die der Verein ihnen zu Verfügung stellte und der in Krieg und Gefangenschaft Zusammenhalt und Zugehörigkeit bedeutete.

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