Programmschrift
Was wir wollen!
Gesunder Geist wohnt in gesundem Körper!
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Quellenangabe:
Anonymus: Was wir wollen!. Gesunder Geist wohnt in gesundem Körper! (1900). In: Jüdische Turnzeitung. Officielles Organ des Jüdischen Turnvereins „Bar Kochba“ (1), 1. S. 1. Zitiert nach: Copernico. Geschichte und kulturelles Erbe im östlichen Europa. URL: https://www.copernico.eu/de/link/649405d76a6ff9.83166495 (15-01-2026)
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Der Text „Was wir wollen!“ ist das Programm des jüdischen Turnvereins Bar Kochba, der im Oktober 1898 in Berlin gegründet wurde. Er erschien in der Jüdischen Turnzeitung, die sich als „officielles Organ“ des Vereins verstand. Bar Kochba war der erste jüdische Turnverein im deutschen Kaiserreich und der Ausgangspunkt der weltweiten Makkabi-Bewegung.
Transkriptionen
Transkription (Deutsch)
Was wir wollen!
Gesunder Geist wohnt in gesundem Körper!
Dieses alte Latinerwort hat bei uns Juden, obwohl wir seine Wahrheit nie bestritten haben, nicht die gebührende Beachtung gefunden. In der Theorie anerkannt, wurde der Gedanke nicht zur That. Die einseitige Ausbildung des Geistes, die unsere Nervosität und geistige Abspannung hervorgerufen hat, bekämpfen wir!
Wir wollen dem schlaffen jüdischen Leib die verlorene Spannkraft wiedergeben, ihn frisch und kräftig, gewandt und stark machen.
Wir wollen dies aber in einem jüdischen Vereine, damit wir in ihm gleichzeitig das schwindende Gefühl unserer Zusammengehörigkeit stärken und das sinkende Selbstbewusstsein heben können.
Wir wollen die alten jüdischen Ideale, für die unsere Jugend fast ganz das Verständnis verloren zu haben scheint, wieder zur Geltung und zu Ehren bringen.
Wir wollen dem Antisemitismus, der heute seine lärmende Form zwar abgestreift, aber an Intensität gewonnen hat, mutig und mit Energie entgegentreten.
Wir wollen ein edles Nationalgefühl pflegen, das frei von jeder Ueberhebung ist und die Arbeit für die gesamte Menschheit keineswegs ausschließt. Offen vor aller Welt bekennen wir uns zu unserer Nationalität, der wir Treue bewahren, wie wir gewissenhaft und treu unsere staatsbürgerlichen Pflichten erfüllen!
Das sind unsere Ziele!
Die „Jüdische Turnzeitung“
wird diesen Ideen Ausdruck leihen und für ihre Verbreitung sorgen.
wird Nachricht geben von erwähnenswerten Vorgängen in unserem Verein.
Sie wird ferner in populär geschriebenen Aufsätzen über turnerische Angelegenheiten, Hygiene, jüdische Zeitfragen und jüdische Geschichte die Leser zu belehren und anzuregen suchen. Schließlich wird sie für die Errichtung jüdischer Turnvereine aller Orten Propaganda machen und einen Zusammenschluß der schon bestehenden durchzuführen versuchen, denn
„Großes Werk gedeiht nur durch Einigkeit!“ „Großes Werk gedeiht nur durch Einigkeit!“ Letzte Zeile aus dem „Turnerlied“ von A. Heinrich Weissmann aus dem Jahr 1841: „Turner auf zum Streite“.
„Großes Werk gedeiht nur durch Einigkeit!“ „Großes Werk gedeiht nur durch Einigkeit!“ Letzte Zeile aus dem „Turnerlied“ von A. Heinrich Weissmann aus dem Jahr 1841: „Turner auf zum Streite“.
Kommentar
Kommentar zur Programmatik „Was wir wollen“ 1900
Von Anke Hilbrenner
Der Text „Was wir wollen!“ ist die Programmschrift der Jüdischen Turnzeitung, die als „officielles Organ des jüdischen Turnvereins Bar Kochba Berlin“ erschien. Bar Kochba war der erste deutsch-jüdische Turnverein, der im Oktober 1898 in Berlin gegründet wurde. Zuvor turnten Juden in Berlin vor allem am Gymnasium, in der jüdischen Studentenverbindung oder in deutschen Turnvereinen. Aus der Reihe dieser Enthusiasten heraus gründeten 48 junge Leute den Verein, 22 dieser Gründer waren namentlich bekannt, fast alle waren Zionisten.1 Die Jüdische Turnzeitung war zunächst als ein Nachrichtenblatt gedacht, das sich an jene Mitglieder Bar Kochbas richtete, die nicht in Berlin vor Ort waren. Doch bald sendeten die übrigen Turnvereine ihre Nachrichten an die Jüdische Turnzeitung, die sich rasch vergrößerte und zu einer Zeitschrift mit inhaltlichen Beiträgen entwickelte, wie etwa Max Nordaus Artikel über das Muskeljudentum.2 Spätestens ab 1905 ist die Jüdische Turnzeitung offiziell die Verbandszeitung der jüdischen Turnerschaft, die allen Mitgliedern der Verbandsvereine kostenfrei zugeht.3 Der erste Redaktionsausschuss der Jüdischen Turnzeitung bestand aus Hermann Jalowicz, Richard Blum und Max Zirker. Die drei waren um 1900 in ihren frühen Zwanzigern und gehörten zu den Gründungsmitgliedern des Jüdischen Turnvereins. Sie kannten sich aus der gemeinsamen Schulzeit am Sophiengymnasium in Berlin und turnten regelmäßig zusammen. Hermann Jalowicz‘ Vater war erst 1870 aus dem Russischen Reich nach Berlin gekommen und hatte während seiner Flucht Papiere mit diesem Familienamen erworben. Hermann (1877-1941) war eines von zwei Kindern. Er studierte Rechtwissenschaften und eröffnete eine Kanzlei u.a. zusammen mit Max Zirker. Im Ersten Weltkrieg diente er an der Front. Er heiratete Betti Eger, die unter den über hundert weiblichen aktiven Mitgliedern des 1903 etwa 400 Köpfe zählenden jüdischen Turnvereins war. Max Zirker (1876-?) wurde als jüngstes von drei Kindern in Birnbaum an der Warthe geboren und kam kurz darauf mit seiner Familie nach Berlin. Im Jahr 1901 trat er unter anderem mit einem zionistischen Liederbuch hervor. Der später geschiedenen Ehe mit der Hamburger Industriellentochter Lilly Porges entstammten die Töchter Eva, geboren 1909, und Susanne, geboren 1915. Während des Nationalsozialismus weitgehend seiner Erwerbsmöglichkeiten beraubt, emigrierte Zirker im Januar 1936 vermutlich allein nach Palästina. Richard Blum (1878-1964) war Arzt und legte 1902 als erstes Mitglied des Bar Kochba Berlin das staatliche Turnlehrerdiplom ab. Bei einem Aufenthalt in Freiburg um 1903 engagierte er sich im dortigen Jüdischen Turnverein. Im Ersten Weltkrieg wurde er mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet. In seiner Publizistik zeigte er großes Interesse an der sich formierenden Sportmedizin, dem Frauenturnen und lebensreformerischen Ideen. Er wirkte als Historiograph der jüdischen Turn- und Sportbewegung: Vermutlich im Jahr 1935 verfasste er in Berlin das Manuskript einer Geschichte des jüdischen Turnens in Deutschland bis 1938, das 1977 als Buch von Robert Atlasz herausgegeben wurde.4 Um 1936 gelang ihm die Emigration nach Palästina.5 Jalowicz, Zirker und Blum waren nicht nur relativ jung, als sie den ersten Redaktionsausschuss der Jüdischen Turnzeitung bildeten und diesen Text verfassten, sondern sie gehörten nicht zu den wohlhabenden Kreisen des jüdischen Bürgertums, das eher im Westen Berlins ansässig war. Da ihre Vorfahren erst vor kurzem aus dem östlichen Europa eingewandert waren, aber alle drei Zugang zu höherer Schul- und Hochschulbildung hatten, bildeten sie gemeinsam mit anderen eine junge aufstrebende jüdische Bildungsschicht, der materielle Probleme und das Gefühl der nicht-Zugehörigkeit bzw. Ausgrenzung, sowie die Generationenkonflikte mit der stärker religiös und traditionsgebundenen Elterngeneration nicht unbekannt waren. Die Turnbewegung bildete für sie eine Gemeinschaft, die einen gesellschaftlichen Aufstieg in ein bildungsaffines Milieu versprach und darüber hinaus die Zugehörigkeit zur imaginierten Gemeinschaft der modernen säkularen jüdischen Nation ermöglichte. Die Inhalte der Programmschrift erinnern in Teilen an die Denkschrift der Breslauer Studentenverbindung „Viadrina“ von 1886. Der Sinn der jüdischen Turnerschaft war es demnach, dem Antisemitismus und seinen Zumutungen entgegenzutreten, um selbstbewusst und ehrenhaft zusammenkommen zu können. Auch die Berliner jüdischen Turner beziehen sich auf den negativen Topos des vergeistigten „Nervenjuden“, um sich gegen ihn abzugrenzen. Auch wenn Max Nordaus Konstruktion des „Muskeljuden“ keine explizite Erwähnung findet, wird sie doch in dem Wunsch adressiert, man wolle „dem schlaffen jüdischen Leib die verlorene Spannkraft wiedergeben, ihn frisch und kräftig, gewandt und stark machen“. (S. 1)
Der Programmatik voran steht das „Lateinerwort“ vom „gesunden Geist“, der in „gesundem Körper“ wohne. Die verkürzte Übersetzung aus den Satiren des lateinischen Dichters Juvenal aus dem 1. und 2. Jahrhundert ist typisch für die Geschichts- vor allem aber auch die Antike-Begeisterung der Turn- aber auch Sportbewegung. Sie ist zudem ein Element der Nationalbewegungen der Entstehungszeit dieser Quelle. In der zionistischen Bewegung wird sie normalerweise durch die Übernahme biblischer Namen (wie etwa „Bar Kochba“) signalisiert. Anders als die Hebraismen, welche die zionistische Turnbewegung kennzeichnen, ist dieser lateinische Wahlspruch eher Teil einer universellen Tradition. Ebenso auffällig ist das Ende des Textes, der mit der letzten Zeile aus dem „Turnerlied“ von A. Heinrich Weissmann aus dem Jahr 1841 „Turner auf zum Streite“ schließt. Mit diesem Zitat schrieben sich die jüdischen Turner in eine gemeinsame Tradition mit der deutsch-nationalen Turnbewegung ein.
Metadaten
- Haupttitel
- Was wir wollen!
- Untertitel
- Gesunder Geist wohnt in gesundem Körper!
- Datierung
- 1900
- Sprachen
- Deutsch
- Quelle
- Anonymus: Was wir wollen! Gesunder Geist wohnt in gesundem Körper! In: Jüdische Turnzeitung. Officielles Organ des Jüdischen Turnvereins „Bar Kochba“ (1), 1. S. 1.
- Quellentyp
- Programmschrift
- Bestandshaltende Einrichtung
- Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg
- Rechteinformation (Kommentar)
- CC BY-NC-SA 4.0
Informations-Bereich
Fußnoten
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