Zeitungsartikel „Fussball“

Der vorliegenden Quelle ist vordergründig nicht anzumerken, dass sie der jüdischen Sportgeschichte entstammt und unmittelbar auf die im und durch den Sport ausgetragene Suche nach Gemeinschaft verweist. Sie führt vor Augen, wie sich Fußballbegeisterte im Wien kurz vor 1900 von der Einengung durch eine konservative Auffassung von Turnerdisziplin emanzipierten und zugleich ihre Zugehörigkeitsvorstellungen gegen antisemitische Ausschlussversuche verteidigten.

Transkriptionen

Transkription (Deutsch)

Fussball
Notizen
Notizen
[...]
DIE FUSSBALLRIEGE des Deutsch-österreichischen Turn-Vereines  wurde auf Beschluss des Vorstandes hin aufgelöst. Zurückzuführen soll das darauf sein, dass ein Mitglied der Mannschaft, Sonnenschein, für seine Leistung im Stabhochsprung bei dem jüngsten athletischen Jubiläums-Meeting einen Ehrenpreis, eine goldene Medaille, errang und diese auch entgegennahm, während die turnerischen Satzungen angeblich nur die Annahme eines gewöhnlichen Eichenlaubkranzes gestatten. Für den Sport ging aber die „Turner“ – wie die Fussballriege des Turn-Vereines hiess – nicht verloren, das sie sich unter dem Namen „Spielvereinigung“ als selbstständiger Club constituirten und schön bei dem Jubiläumsturnier als solcher auftraten. […]

Kommentar

Kommentar zum Zeitungsartikel „Fussball“

Der vorliegenden Quelle ist vordergründig nicht anzumerken, dass sie der jüdischen Sportgeschichte entstammt und unmittelbar auf die im und durch den Sport ausgetragene Suche nach Zugehörigkeit verweist. Der Artikel, im Kern nur eine Meldung unter vielen weiteren, ist am 24. September 1898 in der „Allgemeinen Sport-Zeitung“ erschienen, welche von 1880 bis 1927 in Wien in mehreren Ausgaben pro Woche herausgegeben wurde. Dem Untertitel nach verstand sie sich als eine „Wochenschrift für alle Sportzweige“. Zwar war 1898 die auch internationale Fußballberichterstattung bereits fester Bestandteil der Zeitung, wenngleich nicht in jeder einzelnen Ausgabe. Allerdings dominierten im Heft Berichte aus dem Pferdesport, der Leichtathletik und dem Bootssport. Herausgeber der Zeitung war Victor (auch: Viktor) Silberer Victor (auch: Viktor) Silberer Victor Silberer (1846–1924) war (Sport-)Journalist, Sportler, Luftfahrpionier sowie Politiker. , der neben seiner journalistischen Arbeit in zahlreichen Sportarten aktiv war und zum Pionier des österreichischen Luftfahrtsports avancierte. Er trat als Organisator von sportlichen Wettbewerben hervor und trieb die Bildung eines obersten Sportverbandes voran. Zudem betätigte er sich, zunächst auf kommunaler Ebene, politisch. Aus Bewunderung für den als Antisemiten berüchtigten Wiener Bürgermeister  Karl Lueger Karl Lueger Karl Lueger (1844–1910) war Jurist, Politiker und Antisemit. Lueger gründete in den 1890er Jahren die Christlichsoziale Partei und war von 1897 bis 1910 Bürgermeister der Stadt Wien. Aufgrund seines Antisemitismus ist Lueger bis heute umstritten. trat er in dessen Christlichsoziale Partei ein, für die er Mandate im Gemeinderat, im Landtag und schließlich im Reichsrat errang.
Im Vordergrund des Artikels steht die Auflösung der Fußballriege des Deutsch-Österreichischen Turnvereins, die spätestens ab Mai 1896 unter dem Namen „Spielvereinigung im Deutsch-österreichischen Turnverein“ zu Spielen antrat. Diese Selbstbezeichnung zeugt von dem Versuch, trotz fußballerischer Praxis die Statuten der Turnerbewegung nicht zu verletzten. Die Ablehnung des modernen Sports und seines Wettbewerbsgedanken, wofür der Fußball paradigmatisch steht, gehörte im deutschsprachigen Raum zum Selbstverständnis der Turnerbewegung. Dessen ungeachtet war das im Volksmund auch als „Turner“ bekannte Team der drittälteste Wiener Fußballverein und mithin der erste, der ohne das Zutun von Auslandsbriten entstand, die vielerorts in Mitteleuropa zur Verbreitung des Fußballs beitrugen. Durch die Neuformierung unter der verkürzten Teambezeichnung „Spielvereinigung“ wurde zunächst der Ursprung im Deutsch-österreichischen Turnverein sprachlich unkenntlich gemacht. Bereits in der Ausgabe vom 2. Oktober 1898 vermeldete jedoch die Allgemeine Sport-Zeitung mit „Wiener Fußball-Club von 1898“ ein ganz neuen Vereinsnamen, woraus sich die Kurzformen WFC oder 1898er entwickelten. In der kurzen Zeit seines Bestehens bis 1903 nahm der Club an den großen Pokalspielen teil, die in jener Zeit entstanden: dem Challenge Cup als Vorläufer des späteren Mitropa-Cups und dem Tagblatt-Pokal, einem vom Neuen Wiener Tagblatt gestifteten Meisterschaftswettbewerb. Die Farben des Vereins waren blau-weiß. Als Spiel- und Trainingsstätten dienten die Forstwiese im Prater im 2. Wienergemeindebezirk sowie, für die Jugendmannschaft, ein Teilareal des Augartens in der Brigittenau, dem 20. Wiener Gemeindebezirks. Vertreter des Vereins gehörten 1899 zu den Gründungsmitgliedern des Comités zur Veranstaltung von Fußballwettspielen. Aus dieser ersten verbandsähnlichen Struktur des Fußballsports in Österreich ging im Folgejahr die Österreichische Fußball-Union hervor. 
Die Quelle thematisiert die Ablehnung des modernen Sports durch weite Teile der Turnerbewegung, die letztlich als Katalysator bei der Ausbildung eigener – sportlicher und nicht turnerischer – Vereins- und Verbandsstrukturen wirkte. Als Kristallisationspunkt dient im konkreten Fall kurioserweise nicht die fußballerische Praxis als solche, sondern ein vermeintliches Zuwiderhandeln gegen turnerische Prinzipien durch einen Athleten. Zudem verweist das Beispiel auf eine weitere Dimension, die sich erst aus dem – nicht offenkundigen – Kontext der Quelle ergibt. Der Deutsch-österreichische Turnverein selbst war bei seiner Gründung in Wien im Jahr 1887 ein Zusammenschluss von ehemaligen Mitgliedern des Ersten Wiener Turnvereins 1861. Dessen Oberturnwart Franz Xaver Kießling Franz Xaver Kießling Franz Xaver Kießling (1859–1940) betätigte sich als Heimatforscher und völkisch-deutschnationaler Schriftsteller und war als Funktionär in der Deutschen Turnbewegung aktiv. setzte in jenem Jahr die Einführung einer Klausel in der Vereinssatzung durch, die nur vermeintliche „Arier“ als Mitglieder zuließ. Diese pseudowissenschaftliche, mythisch grundierte Konstruktion einer vermeintlich überlegenen Menschengruppe ging unter anderem von der Existenz von Menschenrassen aus und wurde in Europa ab dem späten 19. Jahrhundert primär gegen jüdische Menschen gerichtet. In Folge des neuen Paragraphen wurden von den 1.1100 Mitgliedern 480 jüdische sowie weitere 20 nichtdeutsche Personen aus dem Turnverein ausgeschlossen, welche daraufhin den Deutsch-österreichischer Turnverein gründeten. Der Name unterstrich die Zugehörigkeit der Ausgeschlossenen zur dominanten Nation in der Hauptstadt des Habsburgerreichs. Der neue Verein verstand sich trotz der Mitgliederstruktur nicht als jüdisch und war ebenso den Statuten der Turnerbewegung verbunden, die später die neuerliche Abspaltung der Fußballer begründen sollten. Auf der einen Seite ließ also die Ausdifferenzierung von jüdischer Vergemeinschaftung im Sport das Jüdischsein der Sportler zu Gunsten eines demonstrativen Bekenntnisses zum Deutschen bis in die Unkenntlichkeit in den Hintergrund treten. Auf der anderen Seite führte der Drang der antisemitischen Turner zu einer Spaltung auf der nach rassenideologischen Kriterien vermeintlich deutschen Seite. Denn dem Beispiel der völkischen Initiative Kießlings folgten weitere Vereine in Österreich und führten ebenso „Arierparagraphen“ in ihre Satzungen ein. In der Folge entspann sich die sog. „völkische Turnfehde“ zwischen der Deutschen Turnerschaft (DT) und den österreichischen Antisemiten, die nach heftigen Kontroversen beim Deutschen Turntag 1887 in Coburg im Folgejahr zum Ausschluss des Niederösterreichischen Turngaues aus der DT führte. Als Reaktion darauf konstituierte sich 1889 in Wien der antisemitische Deutsche Turnerbund. Der Deutsch-österreichische Turnverein dagegen überdauerte das Ende der Donaumonarchie und benannte sich 1932 und 1936 um. Er wurde schließlich im Auftrag des „Reichskommissars für die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich“ im April 1939 aufgelöst.

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