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Zeitungsnotiz über die Gründung des IFFTUS, 17.9.1910
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Quellenangabe:
Anonymus: Berlin. (1913). In: Juedische Rundschau. Allgemeine Jüdische Zeitung 15, 38. S. 455. Zitiert nach: Copernico. Geschichte und kulturelles Erbe im östlichen Europa. URL: https://www.copernico.eu/de/link/6560ad3595c561.00853606 (14-01-2026)
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Die Zeitungsnotiz aus der Jüdischen Rundschau vom 23. September 1910 belegt die Gründung des „Jüdischen Frauenbundes für Turnen und Sport“. Engagierte Turnerinnen, die zuvor im Bar Kochba Berlin organisiert waren, gründeten den Verein, um bei der Entfaltung ihrer turnerischen Aktivitäten weniger eingeschränkt zu sein. Der IFFTUS war aber auch zionistischer als Bar Kochba. Tatsächlich musste der Verein im Jahr 1920 wieder aufgelöst werden, weil alle führenden Mitglieder und Funktionärinnen nach Palästina ausgewandert waren.
Transkriptionen
Transkription (Deutsch)
Berlin
Am Sonnabend, dem 17. September, wurde im Restaurant Tiergartenhof der „Jüdische Frauenbund für Turnen und Sport“ gegründet. Es soll zunächst in einer Frauen- und einer Schülerinnen-Abteilung geturnt werden. Die Gründung einer Nachmittagsabteilung für Erwachsene ist geplant. Die Leitung des Unterrichtes liegt in Händen von staatlich geprüften Turnlehrerinnen, die mit den Forderungen des modernen Frauenturnens vertraut sind und sie in weitesten Maße berücksichtigen werden. — Neben dem Turnen sollen auch andere Sportzweige gepflegt werden. Florettfechten, Schwimmen, Schlittschuhlaufen und Tennisspielen gehören zu dem Programm des Bundes. Turnen und Sport sollen nicht nur um ihrer selbst willen betrieben werden, die Mitglieder sollen auch zu dem Bewußtsein gelangen, daß von der Erstarkung des Einzelnen die Kraft des jüdischen Volkes in Gegenwart und Zukunft abhängig ist. Sie sollen mit der Geschichte ihres Volkes bekannt gemacht und zur Teilnahme am modernen jüdischen Leben angesetzt werden. — Der Vorstand des Jüdischen Frauenbundes für Turnen und Sport ist folgendermaßen zusammengesetzt: Frau Helene Fuchs geb. Paradies. staatl. gepr Turnlehrern, Vorsitzende: Helene Cohn , staatl. gepr. Turnlehrerin, Schriftführerin, W. 62, Kurfürstenstraße 118: Gertrud Levy, Vorsitzende der Propagandakommission. Die Frauenabteilung turnt vom 1. Oktober ab Mittwoch von ½ 9–10 Uhr abends in der Turnhalle, Schleswiger Ufer 10. Die Schülerinnenabteilung beginnt mit dem Turnen am 1. November. Turnhalle und Zeit werden noch bekannt gegeben. — Die Nachmittagsabteilung für Erwachsene wird eröffnet, sobald sich genügend Teilnehmerinnen gemeldet haben.
Kommentar
Kommentar zur Zeitungsnotiz über die Gründung des IFFTUS, 17.9.1910
Von Anke Hilbrenner
Die Zeitungsnotiz aus der Jüdischen Rundschau vom 23. September 1910 dokumentiert die Gründung des „Jüdischen Frauenbund für Turnen und Sport“ (IFFTUS), die am Abend des 17. September 1910 in einem Restaurant in Charlottenburg vollzogen wurde. Der IFFTUS richtete sich sowohl an Schülerinnen, als auch an erwachsene Turnerinnen. Unter den Gründerinnen waren staatlich geprüfte Turnlehrerinnen, die gewährleisten sollten, dass den „Forderungen des modernen Frauenturnens“ entsprochen werde. Der IFFTUS stand dem Sport offen gegenüber, neben Turnen wurden auch „Florettfechten, Schwimmen, Schlittschuhlaufen und Tennisspielen“ angeboten. Die Frauen, von denen die Initiative zur Gründung des IFFTUS ausging und die den Vorstand bildeten, hatten zuvor der II. Frauenabteilung des Bar Kochba angehört. Der Grund für die Gründung eines eigenen Frauenvereins lag darin, dass sie sich vom Bar Kochba in der Entfaltung ihrer turnerischen Aktivitäten eingeschränkt fühlten. Daneben gab es auch politisch-ideologische Gründe für die Unzufriedenheit der Frauen. Während im Bar Kochba im Jahr 1910 noch mit der Frage gerungen wurde, ob der Verein zionistisch oder national-jüdisch sei, waren die Gründerinnen des IFFTUS dezidiert zionistisch eingestellt:1
Die Vorsitzende des IFFTUS war Helene Fuchs, deren Mädchenname Helene Paradies lautete. Sie hatte vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs ihren Abschluss als staatlich geprüfte Turnlehrerin gemacht. Nach 1933 wanderte sie schließlich nach Palästina aus. Dort blieb sie bis zu ihrem Lebensende. Sie war Mutter von zwei Söhnen.
Die Vorsitzende des IFFTUS war Helene Fuchs, deren Mädchenname Helene Paradies lautete. Sie hatte vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs ihren Abschluss als staatlich geprüfte Turnlehrerin gemacht. Nach 1933 wanderte sie schließlich nach Palästina aus. Dort blieb sie bis zu ihrem Lebensende. Sie war Mutter von zwei Söhnen.
Schriftführerin war Helene Cohn. Sie war die älteste von drei Töchtern aus einer zionistisch gesonnen Familie. Ihr Vater war der Autor der zionistischen Denkschrift „Vor dem Sturm“ von 1896 und hatte zu den Gründern der zionistischen Ortsgruppe Berlin gehört. Helene erreichte 1908 die Genehmigung der Königlichen Prüfungskommission zur Erteilung von Turnunterricht an Mädchenschulen. 1921 wanderte sie zusammen mit ihrer Schwester Lotte, welche die letzte Vereinspräsidentin des IFFTUS werden sollte, nach Palästina aus. Als Turnwartin wirkte Johanna Thomaschewsky. Sie hatte sich bereits als Turnlehrerin im Bar Kochba für das Frauenturnen engagiert, und für ein Schauturnen der Frauen argumentiert.2 1920 wanderte sie nach Palästina aus. 1924 heiratete sie und nahm den Namen ihres Mannes Arthur Biram an. Sie hatte zwei Söhne.
Kassiererin war Rosa Lewin, die Schwester von Bianca Lewin, die 1923 nach Palästina auswanderte. Rosa selbst blieb bis nach 1933 in Deutschland, emigrierte aber dann auch nach Palästina.
Die „Propagandakommission“ wurde von Gertrud Levy geleitet. Sie heiratete den Rechtsanwalt Ludwig Zucker und eröffnete nach ihrer Emigration im Jerusalemer Gartenvorort Beth Hakarem die „Pension Zucker“.3
Im Winter des Jahres 1912/13 wuchs die Zahl der Mitglieder von 136 auf 177 mit steigender Tendenz. Schließlich bestand der Verein aus zwei Frauen- und einer Mädchenabteilung. Zunächst führte die Gründung des IFFTUS zu einem „Massenexodus“ weiblicher Mitglieder des Bar Kochba, aber schließlich trat auch der IFFTUS dem Dachverband der Jüdischen Turnerschaft bei und die Verhältnisse normalisierten sich, bis die letzte Vorsitzende Lotte Cohn (1893–1983) den IFFTUS im Jahr 1920 wegen der Auswanderung zahlreicher Leistungsträgerinnen und Funktionärinnen nach Palästina auflöste. Lotte Cohn, die Architektin war, siedelte 1921 selbst nach Palästina über und eröffnete 1930 als erste Frau ein eigenes Architekturbüro in Tel Aviv, das sie bis 1967 betrieb. Als „Baumeisterin Israels“ (Ines Sonder) war sie maßgeblich am Aufbau des jungen Staates beteiligt.
Im Winter des Jahres 1912/13 wuchs die Zahl der Mitglieder von 136 auf 177 mit steigender Tendenz. Schließlich bestand der Verein aus zwei Frauen- und einer Mädchenabteilung. Zunächst führte die Gründung des IFFTUS zu einem „Massenexodus“ weiblicher Mitglieder des Bar Kochba, aber schließlich trat auch der IFFTUS dem Dachverband der Jüdischen Turnerschaft bei und die Verhältnisse normalisierten sich, bis die letzte Vorsitzende Lotte Cohn (1893–1983) den IFFTUS im Jahr 1920 wegen der Auswanderung zahlreicher Leistungsträgerinnen und Funktionärinnen nach Palästina auflöste. Lotte Cohn, die Architektin war, siedelte 1921 selbst nach Palästina über und eröffnete 1930 als erste Frau ein eigenes Architekturbüro in Tel Aviv, das sie bis 1967 betrieb. Als „Baumeisterin Israels“ (Ines Sonder) war sie maßgeblich am Aufbau des jungen Staates beteiligt.
Der IFFTUS wollte Frauen zum Bewusstsein bewegen, „daß von der Erstarkung des Einzelnen die Kraft des jüdischen Volkes in Gegenwart und Zukunft abhängig ist“. Deshalb standen neben Turnen und Sport auch Veranstaltungen zur Geschichte des jüdischen Volkes auf dem Programm. Der Erfolg des zionistischen Programms des IFFTUS trug schließlich zu seinem Scheitern in der Diaspora bei.
Metadaten
- Haupttitel
- Berlin
- Datierung
- Sprachen
- Deutsch
- Quelle
- Anonymus: Berlin. In: Juedische Rundschau. Allgemeine Jüdische Zeitung 15, 38. S. 455.
- Quellentyp
- Zeitungsartikel
- Bestandshaltende Einrichtung
- Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg
- Rechteinformation (Kommentar)
- CC BY-NC-SA 4.0
Informations-Bereich
Fußnoten
1.
Vgl. z.B. Thomaschewsky, Johanna: Turnerschaft und Zionismus, in: Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport. Fünfte Kriegsnummer. In: Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport (1918), S. 11–15, Berlin. Vgl. auch: Ines Sonder: Sonder, Ines: Frauen turnen für Zion. Vor 100 Jahren wurde in Berlin der Jüdische Frauenbund für Turnen und Sport gegründet. Eine biographische Spurensuche, in: DAVID. Jüdische Kulturzeitschrift, 22. Jg., Heft 87 (Dezember 2010), S. 52–54. In: DAVID. Jüdische Kulturzeitschrift (2010), S. S. 52–54.
2.
3.
Einige der Turnerinnen aus dem Umfeld des IFFTUS eröffneten Pensionen in Palästina. Sonder: Sonder, Ines: Frauen turnen für Zion. Vor 100 Jahren wurde in Berlin der Jüdische Frauenbund für Turnen und Sport gegründet. Eine biographische Spurensuche, in: DAVID. Jüdische Kulturzeitschrift, 22. Jg., Heft 87 (Dezember 2010), S. 52–54., S. 53.
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