Auf der Suche nach Heimat

Armenische Diaspora zwischen Zugehörigkeit und Entfremdung
,
Seit dem Genozid an den Armeniern existieren gewissermaßen zwei Armenien: jenes der Diaspora, das im Exil neue Erinnerungen und Identitäten formt(e) – und jenes der Menschen, die ihr Heil in der Republik Armenien such(t)en. Dazwischen liegt eine Geschichte von Rückkehrsehnsucht, Idealbildern und ernüchternden Realitäten.
Die Geschichte der armenischen Gemeinden, die infolge politischer Umbrüche schon seit dem Mittelalter in verschiedenen Ländern entstanden, ist von der Gesamtgeschichte des armenischen Volkes nicht zu trennen. Doch erst der im Schatten des Ersten Weltkriegs verübte Genozid im 
Osmanisches Reich
eng. Ottoman Empire, tur. Osmanlı İmparatorluğu, tur. Devlet-i Aliyye-i Osmâniyye, eng. Turkish Empire, deu. Ottomanisches Reich, deu. Türkisches Reich

Das Osmanische Reich war der Staat der osmanischen Dynastie von ca. 1299 bis 1922. Der Name leitet sich vom Gründer der Dynastie, Osman I., ab. Zur Blütezeit umfasste das Imperium Kleinasien und Teile des Arabiens, den Ägypten und den gesamten Balkan. Darüber hinaus brachte es viele weitere Länder bzw. Gebiete in Osteuropa, Ostasien und Nordafrika in seine Abhängigkeit. Seine Hauptstadt war zuletzt Konstantinopel (heute Istanbul). Der Nachfolgestaat des Osmanischen Reichs ist die Republik Türkei.

 und die massenhaften Vertreibungen brachten eine Diaspora hervor, die fortan als Spjurq Spjurq Abgeleitet vom Verb spjur, was verstreut oder zerstreut bedeutet, bezeichnet das Wort Spjurq die Gesamtheit der von Armeniern bewohnten Orte weltweit außerhalb Armeniens. bezeichnet wurde.
 
Dies war ein qualitativ neuer Begriff, der zuvor im Kontext der armenischen Gemeinden nicht gebräuchlich war. Vom Nahen Osten über Europa bis nach Nord- und Südamerika entstanden neue Gemeinschaften, in denen Identitätsvorstellungen gepflegt wurden, die weniger auf der 
Armenische Sozialistische Sowjetrepublik
deu. Armenische Sowjetrepublik, rus. Socialističeskaâ Sovetskaâ Respublika Armenii, rus. Социалистическая Советская Республика Армении, rus. Socialističeskaâ Sovetskaâ Respublika Armeniâ, rus. Социалистическая Советская Республика Армения, rus. Армянская ССР, hye. Հայկական Խորհրդային Սոցիալիստական Հանրապետություն, hye. Հայկական Սովետական Սոցիալիստական Ռեսպուբլիկա, deu. ArSSR, hye. Հայկական Սովետական Սոցիալիստական Հանրապետություն, rus. Армянская Советская Социалистическая Республика, hye. Հայաստանի Սոցիալիստական Խորհրդային Հանրապետություն, hye. Սոցիալիստական Խորհրդային Հայաստանի Հանրապետություն, rus. Armânskaâ Sovetskaâ Socialističeskaâ Respublika, hye. Haykakan Sovetakan Soc̔ialistakan Hanrapetowt̔yown, hye. Haykakan Sovetakan Soc̔ialistakan Ṙespowblika, hye. Haykakan Xorhrdayin Soc̔ialistakan Hanrapetowt̔yown, hye. Soc̔ialistakan Xorhrdayin Hayastani Hanrapetowt̔yown, hye. Hayastani Soc̔ialistakan Xorhrdayin Hanrapetowt̔yown, eng. Armenian SSR, eng. ArSSR, eng. Socialist Soviet Republic of Armenia, eng. Armenian Soviet Socialist Republic

Das sowjetische Armenien folgte 1920 auf die kurzzeitig unabhängig existierende Demokratische Republik Armenien. Diese wurde durch einen von Sowjetrussland unterstützten Putsch in eine Sozialistische Sowjetrepublik umgewandelt, die bis 1922 de jure unabhängig war. 1922 bildete Armenien gemeinsam mit Aserbaidschan und Georgien als gleichberechtigte Mitgliederstaaten die ebenfalls von Sowjetrussland vollständig kontrollierte Transkaukasische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik (TSFS). Die faktische Abhängigkeit von Russland wurde rechtlich mit der Gründung der Sowjetunion am 30. Dezember 1922 besiegelt, bei der die TSFS als Gründungsmitglied wirkte. Die Auflösung der TSFS 1936 brachte keine wesentlichen Änderungen für Armenien. 1990 erklärte das armenische Parlament die Souveränität des Landes. Die formelle Unabhängigkeit folgte direkt auf den Zerfall der Sowjetunion Ende 1991.

 als auf einer idealisierten Vergangenheit gründeten. Daraus entwickelte sich ein Spannungsverhältnis, das die Beziehungen zwischen Diaspora und Sowjetarmenien prägen sollte.

Diaspora und die Einwanderung: 1920er- und 1930er-Jahre

Der Genozid an den Armeniern und die damit einhergehenden Massendeportationen während des Ersten Weltkriegs führten zur Vertreibung der armenischen Bevölkerung aus 
Kleinasien
eng. Anatolia, deu. Anatolien, eng. Asia Minor, tur. Anadolu Yarımadası, tur. Küçük Asya

Kleinasien ist eine westasiatische Halbinsel, die zwischen dem Schwarzen Meer im Norden und dem Mittelmeer im Süden liegt. Sie wird jedoch üblicherweise mit dem gesamten asiatischen Teil der Türkei assoziiert. Das Gebiet ist von verschiedenen Gebirgszügen geprägt, die bis über 5.000 m ü. NN ragen. In den dazwischenliegenden Flusstälern entwickelten sich fruchtbare Böden, die eine Grundlage für eine sehr frühe Kultivierung der Landschaft boten. Die heute von der Türkei bevorzugte Bezeichnung Anatolien setzte sich für das gesamte Kleinasien erst nach 1923 durch.

 und 
Kilikien
tur. Kilikya, eng. Cilicia

Kilikien ist eine seit der Antike bekannte Kulturregion im Südosten von Anatolien, zwischen dem Taurus-Gebirge und der Mittelmeerküste. Ihr heutiger Name leitet sich vom akkadischen Namen Ḫilakku ab, unter dem der westliche Teil zunächst bekannt war. Das Verständnis des heutigen Kilikien geht auf den historischen Herrschaftsbereich lokaler Dynastien im 6. Jahrhundert v.u.Z. zurück. Er geriet jedoch bald unter persische Abhängigkeit. Es folgten Zeiten der Herrschaft verschiedener griechischer und römischer Reiche. Im 7. Jh. beherrschten arabische Stämme Kilikien. Ab 1080 bauten die armenischen Fürsten ihre Macht in der Region aus. Das spätere Armenische Königreich von Kilikien bestand bis 1398, als Kilikien von muslimischen Turkvölkern erobert wurde. Seit dieser Zeit teilt Kilikien seine Geschichte mit der Türkei.

. Viele Überlebende kehrten nach dem Krieg kurzzeitig zurück, doch setzte bald eine neue Auswanderungswelle ein, die besonders in Länder des Nahen Ostens, nach Europa, in die USA und Lateinamerika führte.
Die erste Phase der Diaspora war von prekären Lebensbedingungen und Diskriminierung geprägt. In dieser Situation wurde die Rückkehr nach Sowjetarmenien zu einem politischen Anliegen. Zwischen 1921 und 1936 kehrten über 40.000 Armenier zurück1, unterstützt von Organisationen wie der Armenian General Benevolent Union (AGBU) Armenian General Benevolent Union (AGBU) Die Armenian General Benevolent Union (AGBU) ist eine weltweit tätige gemeinnützige Organisation, die 1906 in Kairo gegründet wurde. Sie wirkt vor allem innerhalb der armenischen Diaspora, wo sie durch Bildungsprogramme, Kulturinitiativen und humanitäre Projekte die Bewahrung der armenischen Identität und des kulturellen Erbes fördert. Die AGBU unterhält Schulen, kulturelle Einrichtungen und Hilfsprogramme in zahlreichen Ländern und gilt als größte armenische Wohltätigkeitsorganisation weltweit. und dem 1921 gegründeten Hayastani Ognutian Komite (HOK) Hayastani Ognutian Komite (HOK) Das Hayastani Ognutian Komitee (Hilfskomitee für Armenien) wurde im September 1921 in Jerewan gegründet und verfolgte das Ziel, der hungernden Bevölkerung zu helfen und den Wiederaufbau des Landes zu unterstützen, aber auch enge Beziehungen zu den weltweit verstreuten armenischen Diasporagemeinschaften aufzubauen und die Rückkehr ihrer Mitglieder in die Heimat zu organisieren. . Beide mobilisierten Spenden und organisierten Wohnsiedlungen sowie Arbeit für die Rückkehrer.
 
Die AGBU, die als unpolitische gemeinnützige Organisation galt, wurde ein wichtiger Partner der sowjetarmenischen Behörden. Sie finanzierte Transport und Infrastrukturprojekte und ermöglichte die Rückführung Tausender Menschen. Doch ideologische Spannungen zwischen der Sowjetordnung und der im Westen verankerten Diaspora, in der die nationalistische Partei  Daschnakcutiun
Armenische Revolutionäre Föderation
auch:
ARF
Die Daschnakcutiun (Armenische Revolutionäre Föderation) wurde 1890 in Tbilisi als sozialdemokratische Partei gegründet. Als Teil der sozialistischen Bewegung setzte sie sich das Ziel, Armenier:innen aus der osmanischen und russländischen Herrschaft zu befreien. Heute ist die Partei sowohl in Armenien als auch in der Diaspora aktiv.
 großen Einfluss besaß, führten 1937 zur Beendigung der Zusammenarbeit und damit zum Stopp der Rückführungen.

In der Heimat

Obwohl die meisten Rückkehrer aus schwierigen Verhältnissen nach Sowjetarmenien gekommen waren, erwiesen sich die dortigen Wohn- und Arbeitsbedingungen als kaum besser. Soziale Benachteiligung und bürokratische Restriktionen führten zu wachsender Unzufriedenheit unter den Einwanderern und verstärkten das Potenzial gesellschaftlicher Spannungen. Zugleich hegten die sowjetischen Behörden wachsendes Misstrauen gegenüber den Neuankömmlingen, unter denen sie „antisowjetische Elemente“ vermuteten, die angeblich antisozialistische Propaganda betrieben und provokative Gerüchte verbreiteten.
Ab Mitte der 1930er Jahre prägten zwei gegensätzliche Entwicklungen das Leben der Repatriierten: Einerseits wurde 1936 auf Ebene der KPdSU der Beschluss über die „Maßnahmen zur Unterbringung der Einwanderer in der Armenischen SSR“ gefasst, der umfassende Regelungen zur Versorgung der Rückkehrer mit Wohnraum, Arbeitsplätzen und sozialen Leistungen sowie zur Verwaltung der von der armenischen Diaspora bereitgestellten Spenden festlegte.
Gleichzeitig setzte der stalinistischen Terror ein, dem nicht nur hochrangige Funktionäre und Intellektuelle, sondern auch einfache Bürger, darunter viele Einwanderer, die beschuldigt wurden, mit armenischen „antisowjetischen Parteien und Organisationen“ im Ausland in Verbindung zu stehen, zum Opfer fielen. Diese Gewaltwelle verstärkte die ohnehin bestehende Spannung zwischen der politischen Realität der Sowjetordnung und der idealisierten Vision der Diaspora von dem, was die armenische Heimat eigentlich sein sollte.

Repatriierung 1946–47

Die zweite Einwanderungswelle erfolgte nach dem Zweiten Weltkrieg. „Repatriiert“ wurden Menschen, die zuvor nie in Sowjetarmenien gelebt hatten. Nach einem Regierungsbeschluss der UdSSR vom 21. November 1945, die Einwanderung von Diaspora-Armeniern zu gestatten, gründeten sich Einwanderungskomitees in der Diaspora. Eine politische Episode verstärkte die Rückkehrbereitschaft: Der  Katholikos aller Armenier
Katholikos aller Armenier
auch:
Patriarch-Katholikos aller Armenier, Katholikos, Katholikos der Armenischen Apostolischen Kirche, Katholikos von Armenien, Oberster Patriarch und Katholikos aller Armenier, Seine Heiligkeit Oberster Patriarch und Katholikos aller Armenier
Der Katholikos aller Armenier ist der Titel des Patriarchen der Armenischen Apostolischen Kirche, der bis ins 4. Jahrhundert zurückreicht. Der Katholikos gilt auch als geistliches Oberhaupt der weltweiten armenischen Diaspora.
 Georg VI. hatte Josef Stalin um die Wiedervereinigung der Gebiete 
Kars
eng. Kars

Die Provinz Kars (Bevölkerungszahl 2024: 272.300, 10.193 km²) liegt im Nordwesten der Türkei, an der Grenze zu Armenien. Ab 1878 wurde ihr heutiges Gebiet von Russland annektiert. 1918-1920 gehörte es abwechselnd zu Russland, der Türkei und der kurzlebigen Staaten Armenien, Georgien und der Republik Transkaukasien (auch Republik Kars genannt), bis 1920 schließlich die türkische Provinz Kars entstand. Diese änderte mehrfach ihre Grenzen, bis letztlich 1992 zwei neue Provinzen aus dem Gebiet von Kars ausgegliedert wurden: Ardahan und Iğdır. Aufgrund häufiger Zugehörigkeitswechsel wurde das Gebiet der heutigen Provinz in der jüngeren Geschichte von verschiedenen Turkvölkern sowie von kurdischer, griechischer, russischer und armenischer Bevölkerung bewohnt.

 und 
Ardahan
hye. Ardahani maraz, eng. Ardahan

Die Provinz Ardahan (Bevölkerung 2024: 91.354, 4.934 km²) liegt im äußersten Nordosten der Türkei, an der Grenze zu Georgien. Ihre Hauptstadt ist Ardahan. Ab 1878 wurde ihr heutiges Gebiet von Russland annektiert, ab 1918 gehörte es zu Georgien und wurde ab 1921 von der UdSSR okkupiert. Nach der Abtretung an die Türkei 1922, wurde 1924 die Provinz Ardahan aus der Provinz Kars ausgegliedert, was allerdings nach zwei Jahren rückgängig gemacht wurde. 1992 kam es zur erneuten Gründung der Provinz Ardahan. Aufgrund häufiger Zugehörigkeitswechsel wurde das Gebiet der heutigen Provinz in den letzten Jahrhunderten von verschiedenen Turkvölkern sowie von kurdischer, griechischer, russischer, georgischer und armenischer Bevölkerung bewohnt.

 gebeten, was kurzzeitig internationale Aufmerksamkeit erregte. Dies weckte Hoffnungen der Diaspora auf eine Wiedergewinnung der nach dem Genozid verlorenen Heimat.
Bis zur abrupten Beendigung des Programms im Jahr 1949 wurden 89.637 Personen repatriiert, vor allem aus dem Nahen Osten und Griechenland.2 Organisiert wurde dies von der Armenischen Gesellschaft für kulturelle Beziehungen (AOKS) Armenischen Gesellschaft für kulturelle Beziehungen (AOKS) Die Armenische Gesellschaft für kulturelle Beziehungen (AOKS, ab 1958 Armenische Gesellschaft für Freundschaft und kulturelle Beziehungen im Ausland) wurde 1944 in Jerewan gegründet. Sie förderte den Aufbau von Kontakten und die kulturelle Zusammenarbeit zwischen den Bürgern der Armenischen SSR und den Völkern anderer Länder. Zu nationalen Feiertagen und bedeutenden Jahrestagen verschiedener Staaten organisierte sie Veranstaltungen wie Ausstellungen und Filmvorführungen. , der Armenischen Apostolischen Kirche und der AGBU, die Millionen Dollar sammelte. Die finanziellen Mittel waren vor allem für die Organisation der Überfahrt mittelloser Landsleute, aber auch für die Finanzierung von Wohnungs- und Infrastrukturbau bestimmt.

Ankunft und Ernüchterung

Die Repatriierungskampagne wurde in der sowjetischen Presse in denkbar überhöhtem Ton dargestellt: So wurde berichtet, wie die Rückkehrer angenehm überrascht waren zu erfahren, dass an den Hochschulen auf Armenisch gelehrt wurde, in der Oper Armenier sangen und eine armenischsprachige Literatur existierte. All dies, so im Artikel, seien Tatsachen, welche den imperialistischen, lügenumwobenen Nebel der sowjetarmenischen Realität endgültig lichten würden.3
Doch so groß die Begeisterung bei der Rückkehr in die Heimat war, so tief saßen Unsicherheit und Angst bei der Ankunft. Die Versprechen vom sowjetischen Paradies zerbrachen angesichts prekärer Lebensbedingungen und der allgemeinen Gleichgültigkeit der Behörden. Der Verlust des Eigentums vieler Rückkehrer aufgrund von Beschädigungen, Unfällen beim Entladen und sogenannten „ungeklärten“ Verlusten stellte eine existenzielle Bedrohung dar.4 Auf Entschädigungen konnte man nicht hoffen, genauso wenig ließen sich verlorene Gegenstände in einer von chronischem Mangel an Konsumgütern geprägten Wirtschaft ersetzen.5 Hinzu kamen schlechte Wohnverhältnisse, Lebensmittelmangel und soziale Isolation. Selbst das Westarmenische, das die meisten Nachkommen der Opfer des Völkermords sprachen, wurde zu einem zentralen Instrument der Ausgrenzung.6
Der schwerste Einschnitt folgte mit den Nachkriegsdeportationen. Armenier, die der Illoyalität verdächtigt wurden – aufgrund politischer Ansichten, Parteizugehörigkeit oder Herkunft –, wurden verschleppt. Von den geschätzten 80.000 Deportierten in der späten Stalinzeit waren etwa 40.000 Repatriierte.7 Angesichts dieser Umstände entschieden sich viele, das Land nach Stalins Tod zu verlassen, sobald sich die Gelegenheit dazu bot.

Diaspora und DPs: Fallbeispiel Stuttgart

Im Gegensatz zu den nach dem Zweiten Weltkrieg nach Sowjetarmenien repatriierten Diaspora-Armeniern gab es eine andere Gruppe, die unter keinen Umständen im Rahmen der Repatriierungskampagnen zurückgeführt werden wollte: die armenischen DPs. Wie bei vielen anderen Volksgruppen aus der Sowjetunion bildeten sich auch unter den Armeniern nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs an verschiedenen Orten in Deutschland Flüchtlingsgemeinschaften, die sich bald überwiegend in Stuttgart konzentrierten. Für diese Armenier setzten die Diaspora-Armenier – insbesondere diejenigen aus den USA – alle ihnen zur Verfügung stehenden Mittel ein, um die Überführung ihrer heimatlosen Landsleute in sichere Länder zu ermöglichen.
In den letzten Kriegsmonaten gelangten viele Armenier – Kriegsgefangene wie Flüchtlinge aus Ost- und Ostmitteleuropa sowie der Sowjetunion – zunächst nach Wien und Berlin und wurden wegen Wohnungs- und Arbeitsmangel nach Süddeutschland umgesiedelt8, etwa Rottweil, wo sich im April 1945 bereits rund 1.500 armenische Deportierte befanden.9 Nach der Einnahme der Stadt durch französische Truppen wurde die Gefahr einer Rückführung akut, da die französischen Behörden in dieser Angelegenheit mit den sowjetischen kooperierten. Viele flohen daher in die US-Zone und siedelten etwa nach Esslingen über, wo sie ein eigenes Lager errichteten und konnten sich sogar die Unterstützung der  United Nations Relief and Rehabilitation Administration (UNRRA)
United Nations Relief and Rehabilitation Administration
auch:
Nothilfe- und Wiederaufbauverwaltung der Vereinten Nationen, Vereinte Nationen. Relief and Rehabilitation Administration
Die United Nations Relief and Rehabilitation Administration (UNRRA) war eine 1943 gegründete internationale Organisation, die humanitäre Hilfe für die Opfer des Zweiten Weltkriegs leistete. Dazu gehörten die Bereitstellung von Lebensmitteln und Medikamenten, die Unterstützung beim Wiederaufbau der Wirtschaft sowie die Betreuung von Vertriebenen. Nach der Einstellung ihrer Tätigkeit im Jahr 1947 übernahmen die Internationale Flüchtlingsorganisation (IRO) und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die verbleibenden Aufgaben.
 sichern.

Die fünf Jahre in der Funkerkaserne

Im Oktober 1945 konnten die Bewohner des Flüchtlingslagers in die Stuttgarter Funkerkaserne umziehen. Bis 1946 wuchs die Bevölkerung der Kaserne, die in raschem Tempo renoviert und instandgesetzt wurde, auf 2.000 Armenier sowie etwa 150 Ukrainer an.10 Das Lager wurde renoviert, erhielt Schule, Kindergarten, Werkstätten, Kultur- und Sportvereine und eine Theatergruppe. Bald entstanden armenische Zeitungen wie Taragir („Vertriebene“) und Banber („Bote“), die der Bewahrung der nationalen Identität dienten – bewusst in Abgrenzung zu Sowjetarmenien.
Im Lager dominierten Symbole – wie etwa die Flagge im Hof des Lagers – der Ersten Armenischen Republik und die Wände „schmückten“ die Portraits führender Funktionäre der Partei Daschnakcutiun.11 Das Bild Sowjetarmeniens wurde dagegen in düsteren Farben gezeichnet: „Jene, die in den ‚Genuss‘ des sowjetischen Regimes gekommen waren, sehnten sich nicht nach diesem ‚Paradies‘.“12 

Endstation USA

Die Angst vor Repatriierung prägte das Lagerleben. Hoffnung brachte der Besuch des US-Philanthropen George Mardikian 1946, der in seiner Ansprache an die Lagerbewohner versicherte, er habe „an alle Türen geklopft und jeden Stein umgedreht“, um die Umsiedlung der Armenier zu ermöglichen, und werde nicht ruhen, bis „der letzte Armenier an einem sicheren Ort untergebracht sei“.13
Auf seine Initiative entstand American National Committee to Aid Homeless Armenians (ANCHA) American National Committee to Aid Homeless Armenians (ANCHA) Das American National Committee to Aid Homeless Armenians (ANCHA) wurde 1945 in den USA unter anderem auf Initiative von George Mardikian gegründet, mit dem primären Ziel, armenischen Flüchtlingen in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg bei der Umsiedlung zu helfen. ANCHA unterstützte erfolgreich Tausende armenische Vertriebene bei der Übersiedlung in die Vereinigten Staaten und leistete einen entscheidenden Beitrag, ihnen Wohnraum, Arbeit und den Aufbau eines neuen Lebens zu ermöglichen. , das die Überführung der DPs in sichere Länder organisierte. Die Lagerbewohner wurden auf Auswahlverfahren des US-Kongresses vorbereitet, erhielten Ausbildung und Englischunterricht.14
Durch Bemühungen von ANCHA stimmte die US-Regierung der Aufnahme der armenischen DPs zu, sodass zum Oktober 1949 bereits 617 Personen die Funkerkaserne in Richtung USA verlassen konnten. Bis Herbst 1951 war es durch die Vermittlung von ANCHA gelungen, über 3.000 Armenier:innen in die USA sowie nach Brasilien, Frankreich, Venezuela, in den Iran, den Libanon und andere Länder zu übersiedeln.15 

Schluss

Die Einwanderung der Diaspora-Armenier in den 1920er- und 1930er-Jahren, die Repatriierung nach dem Zweiten Weltkrieg sowie das Schicksal der armenischen DPs als Gegenstück zur Rückkehrbewegung prägten die Beziehungen zwischen der armenischen Diaspora und Sowjetarmenien nachhaltig. Während die Einwanderung der Vertriebenen in den 1920er-Jahren vielfach eine buchstäbliche Rettung aus ihren prekären Lebensumständen bedeutete, war die zweite Welle der Repatriierung nach dem Zweiten Weltkrieg von idealisierten und romantisierenden Vorstellungen einer gemeinsamen Heimat geprägt.
 
Dagegen herrschte im DP-Camp in Stuttgart eher die Ernüchterung über die sowjetarmenische Realität. Die Vorstellungen von „Heimat“ wurden in der Diaspora damit durch unterschiedliche historische und politische Kontexte geprägt: durch das Erbe des Völkermords, durch den Verlust der – wie auch immer definierten – historischen Heimat, durch die Erinnerung an die kurzlebige Erste Armenische Republik, aber auch durch tiefes Misstrauen gegenüber der sowjetischen Herrschaft in Armenien.

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