Off the Beaten Track? Das kommunistische Erbe Ostmitteleuropas als touristische Ressource

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Das Erbe des Staatssozialismus ist eine von vielen Ressourcen, die das östliche Europa im Städtetourismus in Wert setzen kann. Von Trabant-Fahrten bis zu Rundgängen an Originalschauplätzen – in „Communism Tours“ soll die jüngere Geschichte erlebbar werden.
Bereits vor 1989 lockte das östliche Europa westliche Tourist:innen mit dem Versprechen einer Zeitreise: Seien es Pferdefuhrwerke auf Hauptstraßen oder historische Palais, die von ‚normalen‘ Menschen bewohnt werden – was Fortschritt und Kapitalismus anderswo längst zerstört hatten, schien hier live erfahrbar. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs brach diese Suche nach dem Rückständig-Anderen des Staatssozialismus nicht ab. Im Gegenteil avancierten die materiellen Reste des Kommunismus nun selbst zum Kern einer neuen Marktnische – des Communist Heritage Tourism.
Im selben Maße, in dem Monumentalbauten, Denkmäler und propagandistische Losungen demontiert wurden, begannen junge Unternehmer:innen, das nun aus der Zeit gefallene Erbe in Produkte für den internationalen Tourismus zu verwandeln. Was von Berlin ausging und sich rasch gen Osten ausbreitete, ist heute längst kein Nischenmarkt mehr: Neben Attraktionen wie der Berliner Mauer oder dem Memento-Park (ehemals Szoborpark Múzeum) in 
Budapest

Budapest (Bevölkerungszahl 2025: 1.676.000) ist die Hauptstadt und die größte Stadt Ungarns. Sie liegt im Landeszentrum, an der Donau. Budapest entstand aus dem Zusammenschluss der Städte Buda am linken und Pest am rechten Ufer der Donau. Pest war bereits ab dem Beginn des 11. Jahrhundert die Hauptstadt Ungarns und ab dem 13. Jahrhundert wechselte sich in dieser Funktion oft mit Buda ab. Als während der Revolution in Ungarn 1848 die beiden Städte als Pest-Buda zusammengeschlossen wurden, bildeten sie bereits einen Organismus. Nach der Wiederherstellung der Monarchie (ab 1526 im Rahmen der Habsburgermonarchie) wurde 1849 dieser Zusammenschluss allerdings aufgehoben, und erst 1873 wieder beschlossen. Damit löste die ungarische Bevölkerungsgruppe die deutsche als die Mehrheit in der Stadt ab. Nach dem Zerfall der Habsburgermonarchie 1918 blieb Budapest die Hauptstadt von nun unabhängigem Ungarn. Nach dem Eintritt Ungarns 1941 in den Zweiten Weltkrieg an der Seite des Deutschen Reichs wurden aus Budapest die meisten Juden der Stadt 1944 ghettoisiert und später in die Konzentrationslager abtransportiert oder ermordet. Der Volksaufstand 1956 gegen die sowjetische Bevormundung in Ungarn nahm seinen Beginn in Budapest. Im Zusammenhang mit dem Aufstand und seiner Niederschlagung verlor die Hauptstadt etwa 70.000 Menschen. Heute ist Budapest nicht nur das größte Wirtschafts- und Kulturzentrum des Landes, sondern auch eins der wichtigsten im Ostmitteleuropa.

, in dem bereits seit 1993 ausrangierte Statuen aus ganz 
Ungarn
hun. Magyarország, eng. Hungary

Ungarn (Bevölkerung 2025: 9.488.428) ist ein Staat in Mitteleuropa, dessen Hauptstadt Budapest ist. Das Land war für mehrere Jahrhunderte Teil des sogenannten Habsburgerreichs, das ab 1867 bis zum Zerfall im Zusammenhang mit dem Ersten Weltkrieg 1918 als Doppelmonarchie Österreich-Ungarn bekannt war. Ungarn gehört seit dem 01.05.2004 der Europäischen Union an. Der größte Fluss des Landes ist die Donau. Ungarn ist ein der wenigen Flächenländer Europas ohne Zugang zum Meer.

 bestaunt werden können, sind staatliche Museen und private Retro-Ausstellungen getreten, dazu Restaurants und Hotels, die mit ‚Ost-Flair‘ werben. Zum mittlerweile ausdifferenzierten Markt gehören die Berliner Trabi-Safaris ebenso wie app-basierte Escape-Spiele und zahlreiche „Communism Tours“ zu Fuß oder im Auto.1

Die Erfindung der Kommunismustouren: „Crazy Guides“ in Krakau

Die ersten, die solche Touren im größeren Stil auf den Markt brachten, waren die „Crazy Guides“ in 
Kraków
deu. Krakau, eng. Cracow

Krakau (Bevölkerungszahl 2025: 816.614) ist die zweitgrößte Stadt Polens und liegt an der Weichsel, in der Woiwodschaft Kleinpolen im Süden des Landes. Die Stadt wurde vor dem 11. Jahrhundert gegründet und gehörte schon früh zu den herrschaftlichen Hauptsitzen. 1320-1795 war sie formell die Hauptstadt des Landes. Krakau ist einer der wichtigsten Industrie- und Kulturstandorten des Landes. Die Stadt ist bekannt für den Hauptmarkt mit den Tuchhallen und der Wawel-Burg in der Altstadt Krakaus, welche seit 1978 zum UNESCO-Welterbe gehört. In Krakau befindet sich mit der Jagiellonen-Universität die älteste Universität Polens.

. Seit 2004 bringen sie ihre Kund:innen in Originalwagen (etwa Trabant oder Polski Fiat) aus dem Stadtzentrum hinaus ins Viertel 
pol. Nowa Huta

Nowa Huta ist ein Stadtteil im Nordosten von Krakau. Er entstand ab 1949 auf dem Gebiet der Gemeinde Mogiła als Wohnsiedlung für die Arbeitskräfte der gleichzeitig gebauten Lenin-Hütte (heute ArcelorMittal Poland). 1951 wurde das Gebiet der Siedlung und der Hütte in Krakau eingemeindet. Das 1954 in Betrieb genommene Verhüttungskombinat zählte zu den größten Anlagen dieser Art in Europa.

, das Anfang der 1950er Jahre als Wohnsiedlung des dortigen Eisenhütten-Kombinats errichtet wurde. Besichtigt werden neben dem Plac Centralny Plac Centralny Der Plac Centralny (seit 2004 mit dem Namenszusatz im. Ronalda Reagana) bildet das städtebauliche Zentrum von Nowa Huta, dem sozialistischen Planstadtteil von Krakau. Der Platz entstand ab den späten 1940er Jahren als Knotenpunkt eines axialen Straßensystems. Die Bebauung folgt dem Stil des Sozialistischen Realismus. , den bis 1989 eine Lenin-Statue zierte, das Portal des Stahlwerks, ein als Denkmal ausgestellter IS-2-Panzer aus dem Zweiten Weltkrieg oder die 1977 eingeweihte „Kirche der Mutter Gottes, der Königin von Polen“ (poln. Kościół Matki Bożej Królowej Polski) „Kirche der Mutter Gottes, der Königin von Polen“ (poln. Kościół Matki Bożej Królowej Polski) Die römisch-katholische Kirche entstand in den 1960er und 1970er Jahren in Nowa Huta, das als sozialistisches Musterviertel ohne Kirchenbauten und religiöse Symbole geplant worden war. An der Stelle, wo sie heute steht, hatten sich Gläubige der 1952 gegründeten Pfarrgemeinde an einem Holzkreuz getroffen, um zu beten, was zu Auseinandersetzungen mit den Behörden führte.Der Entwurf zur Kiche stammt von Wojciech Pietrzyk, der sich bei der Formensprache an Le Corbusiers Kapelle von Notre Dame du Haut oder Unserer Lieben Frau auf dem Berge in Ronchamp orientierte. , deren Bau Karol Wojtyła, der spätere Papst Johannes Paul II., gegen den Willen der staatlichen Behörden erwirkt haben soll. Teil der Touren ist außerdem ein Besuch im Restaurant Stylowa, das seinen ‚PRL-Charme‘ erhalten hat und selbstbewusst zur Schau stellt.
 
Die heutigen Touren sind das Produkt einer über Jahre erfolgten Optimierung und Standardisierung. Zu Beginn führte etwa der Firmengründer Michał Ostrowski alias „Crazy Mike“ noch selbst – kostümiert als Klischee-Kapitalist der 1990er Jahre mit Anzug und Zigarre – durch Nowa Huta und servierte in einer Privatwohnung saure Gurken mit Wodka. Heute arbeitet er mit einem ganzen Team von Tourguides, die größtenteils erst in den 1980er Jahren oder später geboren sind, zusammen. Die Tour kann in unterschiedlichen Varianten gebucht werden; über das Angebot haben internationale Medien von der BBC über den Spiegel bis zum Lonely Planet berichtet. Als Pioniere im Krakauer Erlebnistourismus haben die „Crazy Guides“ außerdem viel Aufmerksamkeit durch Kulturanthropolog:innen erfahren. Diese interpretieren die Rundfahrten mehrheitlich als ironisch-karnevaleske Auseinandersetzung mit dem ‚schwierigen Erbe‘ des Kommunismus und sehen die „Crazy Guides“ nicht zuletzt als lokale Akteure, die das Image des Stadtteils verbessern wollen.2

Durchs Prager Zentrum auf den Spuren des Kommunismus

Während die „Crazy Guides“ explizit ein Angebot weit weg vom Wawel und den Tuchhallen schaffen wollten, führen Stadtführungen zum Thema Kommunismus in 
Praha
deu. Prag, eng. Prague, lat. Praga, yid. פראג

Prag (Bevölkerungszahl 2025: 1.407.084) ist die Hauptstadt und zugleich die größte Stadt der Tschechischen Republik. Sie liegt im Zentrum des Staatsgebiets am Fluss Moldau. Die erste Prager Burg entstand wohl im 9. Jahrhundert. Im 10./11. Jahrhundert lebten in anfangs noch zwei benachbarten Burgsiedlungen neben der einheimischen Bevölkerung auch zugewanderte Juden. Zu Beginn der 1230er Jahre erhielt zunächst Prag Stadtrechte, 1257 folgten die Kleinseite (Malá Strana), 1320 Hradschin (Hradčany) als Burgstadt und 1348 die Prager Neustadt (Nové Město). Prag war von Anfang an Residenzstadt der böhmischen Herrscher und gehörte spätestens ab dem 12. Jahrhundert zum Heiligen Römischen Reich. Als Kaisersitz entwickelte sich Prag im 14. Jahrhundert zu einem der wichtigsten Zentren des gesamten Reichs. Hier entstand 1348 die erste Universität Mitteleuropas. 1784 wurden die vier Städte auch formal vereinigt. Nach und nach, insbesondere 1920 bzw. nach der 1918 erfolgten Gründung der Tschechoslowakei, wurden weitere Orte eingemeindet. 1938-1945 wurde Prag die Hauptstadt des vom Deutschen Reich abhängigen Protektorats Böhmen und Mähren, nach der Zerschlagung des Reichs 1945 durch die Alliierten war Prag bis 1992 wieder die Hauptstadt der – nun sozialistischen – Tschechoslowakei. Nach dem Zerfall der Tschechoslowakei blieb Prag als Hauptstadt der Tschechischen Republik eine der kulturell, wirtschaftlich und politisch wichtigsten Städten Mitteleuropas.

 meist mitten durch das vom Overtourism geprägte Zentrum. Obwohl gerade in der Alt- beziehungsweise Neustadt kaum Bausubstanz aus der Zeit zwischen 1948 und 1989 besichtigt werden kann, werben die Anbieter auch hier damit, Einblicke in „den Kommunismus“ zu gewähren. Diesen Anspruch versuchen Tourguides durch Perspektivwechsel einzulösen – etwa, indem sie nicht das architektonische Erbe einzelner Orte, sondern deren Qualität als historische Schauplätze thematisieren. So interessieren am Altstädter Ring weder das monumentale Hus-Denkmal Hus-Denkmal Jan Hus war ein böhmischer Theologe des frühen 15. Jahrhunderts, der auf Tschechisch predigte und als Vorläufer der Reformation gilt.Das Hus-Denkmal wurde 1915, anlässlich des 500. Jahrestags seiner Hinrichtung als Ketzer, auf dem Altstädter Ring in Prag eingeweiht. Es stellte einen symbolischen Gegenpol zur dortigen Mariensäule dar und stand für die tschechische Eigenständigkeit innerhalb des Habsburgerreiches. noch die Teynkirche Teynkirche Die gotische Kirche wurde im 15. Jahrhundert zu einem bedeutenden Mittelpunkt für die Hussiten, die Reformbewegung, die sich auf Jan Hus berief und hauptsächlich in Böhmen aktiv war. , sondern vor allem ein Balkon, auf dem Klement Gottwald Klement Gottwald Klement Gottwald (1896–1953) war ein tschechischer kommunistischer Politiker. Er gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei. 1929 wurde er auf dem 5. KSČ-Parteitag zu ihrem Generalsekretär gewählt und setzte einen moskautreuen Kurs der Partei durch. Seit 1929 gehörter er für die KSC dem Parlament der Tschechoslowakei an. Von 1939 bis 1945 war er in der Sowjetunion im Exil. In der Kaschauer Regierung (1945–1946) hatte er das Amt des stellvertretenden Ministerpräsidenten inne. Von 1946 bis 1948 leitete er die Regierung, danach wurde er nach Benešs Rücktritt Staatspräsident der Tschechoslowakei (1948–1953). 1948 gesprochen haben soll. Der Wenzelsplatz wiederum wird in erster Linie als jener Ort vorgestellt, über den 1968 die Panzer rollten, an dem sich 1969 Jan Palach Jan Palach Student an der Karlsuniversität, der sich am 16. Januar 1969 auf dem Wenzelsplatz in Prag selbst anzündete, um gegen das Ende des sog. Prager Frühlings zu demonstrieren. Mit seiner Tat wollte er den aktiven Widerstand gegen den Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts im August 1968 wiederbeleben. Palach erlag seinen schweren Verletzungen am 19. Januar 1969. selbst verbrannte und 1989 die Menschen zur  Samtenen Revolution
Samtene Revolution
Ereignisse im Zusammenhang mit dem politischen Systemwechsel in der Tschechoslowakei vom Realsozialismus zur Demokratie im November und Dezember 1989. Die Samtene Revolution wurde ausgelöst durch eine gewaltsam aufgelöste Studentendemonstration und den nachfolgenden Studentenstreik Mitte November und fand ihren Höhepunkt in landesweiten Demonstrationen und einem kurzzeitigen Generalstreik, an dem sich der Großteil der tschechoslowakischen Bevölkerung beteiligte.
 zusammenströmten. Darüber hinaus bietet auch Prag einige wenige Zeitkapseln des Staatssozialismus – etwa die Kantine Světozor, in der tschechische Küche noch immer per Selbstbedienung erhältlich ist, oder verschiedene Bunker, beispielsweise im Keller des Hotel Jalta Hotel Jalta Das Haus entstand zwischen 1954 und 1958 nach Plänen des Architekten Antonín Tenzer. In dem repräsentativen Hotel wurden insbesondere internationale Gäste untergebracht. unmittelbar am Wenzelsplatz.
Obwohl diese „alternativen“ Pragbesichtigungen nicht zu klassischen touristischen Sehenswürdigkeiten führen beziehungsweise diese aus unüblicher Perspektive kommentieren, überrascht es kaum, dass auch sie mit allerlei Superlativen versehen werden. So preist der Anbieter Prague Special Tours seine „Prague Communism und Nuclear Bunker Tour“ als Abfolge von Highlights an, darunter „stories of terror, propaganda, political prisoners, executions“, „spies & lies, the biggest statue of Stalin ever built in the world“ und „a real nuclear bunker from the 1950’s, hidden 4 floors deep, built for 5000 people to survive a nuclear blast behind a 4-ton heavy door“3.

Ein ‚westlicher Blick‘ auf ‚den Osten‘

Dass sich diese Art der Unterhaltung an ein westliches Publikum richtet, ist nicht nur an der Sprache der Stadtführungen, die in der Regel auf Englisch stattfinden, abzulesen. Die „Crazy Guides“ adressieren explizit „foreign tourists who grew up on the other side of the Iron Curtain“4. Auf ihrer Webseite legen sie freimütig offen, dass nicht nur der Gründungsimpuls, sondern auch das Startkapital von einem US-amerikanischen Paar stamme.5 In Prag arbeiten viele Touranbieter mit Guides zusammen, deren Erstsprache Englisch ist; das dortige „Museum of Communism“ wurde durch den amerikanischen Geschäftsmann Glenn Spicker gegründet und ausgestattet.6
Dieser Logik folgend wird „die kommunistische Geschichte“ von Krakau, Prag und anderen Städten in weiten Teilen entlang von populären Vorstellungen, Erwartungen und Narrativen erzählt, die (auch) jenseits des postsozialistischen Raums verfügbar sind und häufig aus der Zeit des Kalten Krieges stammen. Obwohl die Präsentationen nationale Ausprägungen aufweisen und in den Details variieren, lässt sich im Großen und Ganzen eine universelle Grunderzählung identifizieren, die „den Osten“ en bloc exotisiert: Der Staatssozialismus erscheint als Zeit der Abwesenheit von Kapitalismus und Demokratie, der politische Umbruch 1989 als Sieg des Liberalismus über die Diktatur. Es findet sich also eine übergreifende narrative Modellierung, die sich im Anschluss an Hayden White als „Romanze“ bezeichnen ließe.7
 
Für die tschechische Geschichte hat James Krapfl gezeigt, dass eine solche Deutung der Revolution als „Happy End“ schon in den 1990er Jahren durch alternative Lesarten ergänzt wurde.8 Und auch in der touristischen Präsentation selbst lassen sich gegenläufige Interpretationen finden. Sprechen die Guides über die Ideologisierung des Alltags und die Defizite der Planwirtschaft, dominiert dabei eher der Modus der Satire: Die Zeit des Staatssozialismus wird ironisch kommentiert. Sie gerät zu einer skurrilen Epoche, das tagtägliche Manövrieren der Menschen zum Leben „wie in einer Komödie“. Entsprechend tauchen in den Prager und Krakauer Präsentationen auch Motive aus verschiedenen Filmen auf – darunter Stanisław Barejas Miś (dt. „Teddybär“, 1981), Vít Olmers Bony a Klid (dt. „Der Boss kennt auch den Staatsanwalt“, 1987)9 oder Jan Hřebejks Pelíšky (dt. „Kuschelnester“, 1999), in denen kleine Akte des Widersetzens gegen die Partei-Obrigkeit inszeniert werden.10 Witz und Ironie fungieren hier als Klammer, mit der Nostalgie und Diktaturgedächtnis, Affirmation und Antikommunismus problemlos koexistieren und lokale mit internationalen Erinnerungsdiskursen verbunden werden können.

Geschichte erleben

Ebenso wie in anderen Formen des Kulturerbe-Tourismus lautet das Versprechen der Kommunismustouren, Geschichte an „authentischen“ Orten erlebbar zu machen. Die Echtheit, die diesen Orten zugesprochen wird, kann sich sowohl auf deren Materialität beziehen als auch darauf, dass Besucher:innen dort subjektiv eine direkte Verbindung zur Vergangenheit empfinden können. So führen die Prager Guides ihre Gäste vor allem an Originalschauplätze zentraler Ereignisse und nutzen zeitgenössische Fotos, um das vergangene Geschehen zu imaginieren. Anders ist die Erlebnisqualität in Krakau/Nowa Huta, 
Warszawa
deu. Warschau, eng. Warsaw, yid. Varše, yid. וואַרשע, rus. Варшава, rus. Varšava, fra. Varsovie

Warschau ist die Hauptstadt Polens und zugleich die größte Stadt des Landes (Bevölkerungszahl 2025: 1.866.729). Sie liegt in der Woiwodschaft Masowien an Polens längstem Fluss, der Weichsel. Warschau wurde erstmals Ende des 16. Jahrhunderts Hauptstadt der polnisch-litauischen Adelsrepublik und löste damit Krakau ab, das zuvor polnische Hauptstadt gewesen war. Im Rahmen der Teilungen Polen-Litauens wurde Warschau mehrfach besetzt und schließlich für elf Jahre Teil der preußischen Provinz Südpreußen. Von 1807 bis 1815 war die Stadt Hauptstadt des Herzogtums Warschau, einem kurzlebigen napoleonischen Satellitenstaat; im Anschluss des Königreichs Polen unter russischer Oberherrschaft (dem sog. Kongresspolen). Erst mit Gründung der Zweiten Polnischen Republik nach Ende des Ersten Weltkriegs war Warschau wieder Hauptstadt eines unabhängigen polnischen Staates.

Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde Warschau erst nach intensiven Kämpfen und einer mehrwöchigen Belagerung von der Wehrmacht erobert und besetzt. Schon dabei fand eine fünfstellige Zahl an Einwohnern den Tod und wurden Teile der nicht zuletzt für seine zahlreichen barocken Paläste und Parkanlagen bekannten Stadt bereits schwer beschädigt. Im Rahmen der anschließenden Unterdrückung, Verfolgung und Ermordung der polnischen und jüdischen Bevölkerung wurde mit dem Warschauer Ghetto das mit Abstand größte jüdische Ghetto unter deutscher Besatzung errichtet, das als Sammellager für mehrere hunderttausend Menschen aus Stadt, Umland und selbst dem besetzten Ausland diente und zugleich Ausgangspunkt für die Deportation in Arbeits- und Vernichtungslager war.

Infolge des Aufstandes im Warschauer Ghetto ab dem 18. April 1943 und dessen Niederschlagung Anfang Mai 1943 wurde das Ghettogebiet systematisch zerstört und seine letzten Bewohner verschleppt und ermordet. Im Sommer 1944 folgte der zwei Monate dauernde Warschauer Aufstand gegen die deutsche Besatzung, in dessen Folge fast zweihunderttausend Polen ums Leben kamen und nach dessen Niederschlagung auch das restliche Stadtgebiet Warschaus von deutschen Einheiten weitgehend und planmäßig zerstört wurde.

In der Nachkriegszeit wurden zahlreiche historische Gebäude und Teile der Innenstadt, darunter das Warschauer Königsschloss und die Altstadt, wiederaufgebaut - ein Prozess, der bis heute andauert.

 oder 
București
eng. Bucharest, deu. Bukarest, yid. buqarešṭ, yid. בוקארעשט

Bukarest (Bevölkerungszahl 2004: 1.709.458) ist die Hauptstadt Rumäniens. 1659 löste Bukarest Târgoviște als Hauptstadt des Fürstentums Walachei ab. Nach der Vereinigung der Donaufürstentümer (Moldau und Walachei) unter Ion Cuza 1861 wurde Bukarest 1862 zur Hauptstadt Rumäniens. Schon kurze Zeit später war Bukarest die mit Abstand größte Stadt des südosteuropäischen Raums zwischen Budapest und Istanbul. Unter König Carol I. (1866-1914)kam es in Bukarest zu städtebaulichen Veränderungen nach westlichem Vorbild mit Palästen, Boulevards, Parkanlagen, Jugendstilvillen und elektrischer Beleuchtung. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte sich Bukarest außerdem zu einem Industrie- und Finanzzentrum. Im ersten Weltkrieg wurde Bukarest 1916 von den Mittelmächten besetzt, mit denen man 1918 einen Friedensvertrag schloss. Zwischen 1936 und 1940 wurde in Bukarest ein Boulevard nach Pariser Vorbild angelegt, was der Stadt auch die Beinamen „Micul Paris“ („Kleines Paris“) oder „Paris des Ostens“ einbrachte. Im Zweiten Weltkrieg stellte sich Rumänien nach kurzer Neutralität auf die Seite der Deutschen, nachdem General Ion Antonescu und die faschistische „Eiserne Garde“ Rumänien zu einem „nationallegionären Staat“ gemacht hatten. Als Antonescu 1944 von König Mihai verhaftet wurde, hatte dies Luftangriffe der Deutschen auf Bukarest zur Folge, die große Schäden anrichteten. Im Jahr 1977 richtete ein Erdbeben Zerstörung an. Ab 1984 ließ der kommunistische Diktator Nicolae Ceaușescu Teile der historischen Altstadt abreißen, um ein großes sozialistisches Zentrum zu errichten, was jedoch nach seiner Hinrichtung 1989 und dem Sturz des kommunistischen Regimes nicht zu Ende geführt wurde. Bukarest ist heute die siebtgrößte Stadt der EU, in der Rumänien seit 2007 Mitglied ist.

, wo die Teilnehmer:innen die Raumwirkung sozialistischer Stadtplanung sensorisch stärker nachvollziehen können.
In erlebnisorientierten Angeboten werden die Körper der Tourist:innen darüber hinaus als Werkzeuge eingesetzt, um bestimmte Aspekte des Lebens hinter dem Eisernen Vorhang nachzuvollziehen. So sollen das einfache Essen in einer Kantine, Milchbar oder einem original ausgestatteten Restaurant, die Fahrt im Retro-Auto oder die technischen Geräte in den Amateurmuseen wahlweise proletarische Esskultur, die Reparaturanfälligkeit von Produkten aus sozialistischer Produktion oder die Beschwerlichkeit eines Alltags im analogen Zeitalter erfahrbar machen. Sogar die diktatorische Unfreiheit an sich scheint in einem Bunker am eigenen Leib spürbar. Tonnenschwere Eisentüren, veraltete Belüftungstechnik, simple Dekontaminationsduschen, schmale Feldbetten und Militaria wecken Assoziationen an Gefängnisse oder Lager. Aus den einstigen Schutzräumen werden auf diese Weise klaustrophobische Orte, in denen das Bedrohungsszenario des Kalten Krieges mit Stereotypen eines gefährlichen Ostens verschmilzt.

Sich selbst erleben

Schon Dean MacCannell betonte, dass Tourist:innen sich vor allem nach Ganzheit jenseits der modernen Alltagwelt sehnen – ein Bedürfnis, das sich erst im Blick hinter die eigens für sie inszenierten Attraktionen (in „back regions“) stillen lasse.11 Auch wenn die Tourismusforschung mittlerweile mit einem komplexeren, konstruktivistischen Authentizitätsbegriff arbeitet, gilt das „authentische Selbst“ weiterhin als zentrales Qualitätsmerkmal touristischen Erlebens. Laut Kjell Olsen entsteht das Gefühl einer „existenziellen“ Authentizität insbesondere dann, wenn Reisende die Gelegenheit haben, aus ihrer Rolle herauszutreten.12 Eine Möglichkeit hierfür liegt in der Teilhabe an Aktivitäten, die Tourist:innen normalerweise nicht ausführen, darunter körperliche Arbeiten oder Aufenthalte an wenig angenehmen Orten. Es gehört zu den Paradoxien der Tourismusindustrie, dass sie selbst zunehmend derlei „nichttouristische“ Produkte verkauft.
Auch viele Kommunismustouren greifen dieses Bedürfnis auf, sich von der eigenen Tourist:innenrolle zu distanzieren. Beworben als „Off the Beaten Track“-Erlebnisse, führen die Guides ihre Gäste in enge, kalte oder muffige Bunker und warnen vor entsprechenden psychischen Reaktionen. Sie stellen die „Hässlichkeit“ brutalistischer Bauten und monotoner Wohnarchitektur heraus, wobei die Übergänge zum Elendstourismus fließend sind. Höhepunkte solcher vermeintlich untouristisch-authentischer Angebote stellen Geschehnisse dar, die im Normalfall Grund für Beschwerden wären – zum Beispiel eine Autopanne, die die „Crazy Guides“ in Disclaimern warnend erwähnen. Tritt sie tatsächlich ein, kann das gemeinsame Schieben des kaputten Wagens zur Authentizitätsquelle sui generis werden. Die Art und Weise, wie in solchen Momenten „kommunistisches Erbe“ performt wird, steht in frappierendem Gegensatz zu dem, wie die Heritage- beziehungsweise Tourismusforschung üblicherweise über die Entstehung von „Sehenswürdigkeit“13 nachdenkt. Hier werden die Relikte der Vergangenheit nicht sakralisiert, sondern trivialisiert, belacht und ihr Besuch als Geheimtipp inszeniert.

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