Diaspora des Übergangs

Schachspieler im DP-Lager Meerbeck 1946
,
Im Frühjahr 1946 wird das kleine Dorf Meerbeck im Schaumburger Land zum Schauplatz eines besonderen Kapitels europäischer Nachkriegsgeschichte: Vierzehn Spitzenspieler treffen sich in einem DP Camp zu einem „internationalen“ Schachturnier. Ihr Wettbewerb spiegelt die politischen Spannungen der Zeit, die Hoffnungen einer entwurzelten Elite und die komplizierten Begegnungen zwischen den Geflüchteten und der deutschen Dorfbevölkerung.
Schon vor dem Ende des nationalsozialistischen Vernichtungskrieges war den Vereinten Nationen der Krieg als Ursache gewaltiger Migrationsbewegungen bewusst. Die 1943 gegründete United Nations Relief and Rehabilitation Administration (UNRRA) sollte nach der Befreiung Europas für die Rückführung von geschätzten 11 Millionen Opfern von Konzentrationslagern, Zwangsarbeitereinsätzen und Deportationen sorgen, vor allem für ihre schnelle Repatriierung. Ihre Nachfolgeorganisation, die Internationale Flüchtlingsorganisation (IRO) befasste sich seit 1947 mit der „letzten Million“ der nicht repatriierungswilligen Flüchtlinge vor allem Osteuropas.1
Als Beispiel für diese vorübergehend in Deutschland angesiedelten  Displaced Persons
Displaced Person
auch:
Displaced Persons
Nach dem Zweiten Weltkrieg nutzen die Alliierten den Begriff „Displaced Person“ (DP) für die rund elf Millionen Zivilpersonen, die sich kriegs- und verfolgungsbedingt außerhalb ihres Heimatstaates aufhielten. Dazu zählten vor allem befreite KZ-Häftlinge, Zwangsarbeiter und Zwangsverschleppte, Kriegsgefangene, Überlebende nationalsozialistischer Verfolgung, insbesondere aus Mittel- und Osteuropa, sowie diejenigen Personen und ihre Familien), die aufgrund ihrer Erfahrungen vor der erneuten sowjetischen Herrschaft im Baltikum nach Westen flohen. Sie litten häufig unter einer schlechten Gesundheit und waren mangelhaft ernährt. Die Alliierten und internationale Hilfsorganisationen bemühten sich, die DPs, die übergangsweise teilweise in ehemaligen Konzentrationslagern untergebracht waren, in ihre Heimatländer zurückzuführen.
 kann eine Gruppe von Schachspielern betrachtet werden, die im März 1946 zu einem Schachturnier im kleinen Dorf Meerbeck im Schaumburger Land eingeladen wurden. Die vierzehn hochqualifizierten, vor allem baltischen, Spitzenspieler, die sich in Meerbeck zu dem „international“ genannten Wettbewerb trafen, waren eine in verschiedener Hinsicht besondere Gruppe meist jüngerer Männer. Die Aufzeichnungen ihrer Partien waren lange Zeit kaum bekannt. Sie sind jetzt in einer umfangreichen Sammlung zur litauischen Schachgeschichte in vielen Sprachen dokumentiert.2
In fast allen Displaced Persons Lagern gab es neben anderen Sportgemeinschaften auch Schachgruppen. So auch in Meerbeck, wo die UNRRA-Verwaltung für die Beschaffung von Spielmaterialien sorgte. Die Besonderheit des Schachturniers von 1946 lag in seinem lagerübergreifenden Charakter. Nur zwei der vierzehn Teilnehmer am Turnier – sechs 
Lettland
eng. Latvian Republic, eng. Latvia, lav. Latvija

Lettland ist ein baltischer Staat im Nordosten Europas und wird von ungefähr 1,9 Millionen Einwohner:innen bewohnt. Hauptstadt des Landes ist Riga. Der Staat grenzt im Westen an die Ostsee und an die Staaten Litauen, Estland, Russland und Weißrussland. Lettland ist seit dem 01.05.2004 Mitglied der EU und erlangte erst im 19. Jahrhundert Unabhängigkeit.

, vier 
Litauen
eng. Lithuania, lit. Lietuva

Litauen ist ein baltischer Staat im Nordosten Europas und wird von ungefähr 2,8 Millionen Menschen bewohnt. Vilnius ist die Hauptstadt und bevölkerungsreichste Stadt Litauens. Das Land grenzt an die Ostsee, Polen, Weißrussland, Russland und Lettland. Erst im Jahr 1918 erlangte Litauen Unabhängigkeit, die das Land nach mehreren Jahrzehnten der Eingliederung in die Sowjetunion 1990 wiedererlangte.

, zwei 
Estland
eng. Republic of Estonia, eng. Estonia, est. Eesti Vabariik, est. Eesti, deu. Republik Estland

Estland ist ein Land in Nordosteuropas. Es wird von ungefähr 1,3 Millionen Menschen bewohnt und grenzt an Lettland, Russland und die Ostsee. Die bevölkerungsreichste Stadt und Hauptstadt zugleich ist Tallinn.

Der heutige estnische Staat erlangte seine politische Unabhängigkeit erst 1991 wieder, infolge der sog. „Singenden Revolution“ in den baltischen Staaten und vor dem Hintergrund des Zusammenbruchs der Sowjetunion. Erstmals war 1918 die Unabhängigkeit Estlands ausgerufen und durch den „Estnischen Freiheitskrieg“ (1918-1920) durchgesetzt worden. Bereits 1940 wurde dieser erste estnische Staat abgelöst durch die unter sowjetischer Besatzung gegründete „Estnische Sozialistische Sowjetrepublik“. Sie war, mit Unterbrechung durch die deutsche Besatzung im Zweiten Weltkrieg (1941–1944) und mit leicht abweichendem Grenzverlauf, bis 1991 eine Teilrepublik der Sowjetunion. Vor 1918 wiederum war das Gebiet des heutigen Estlands Teil des Russländischen Kaiserreiches, wobei sein nördlicher Teil das Ostseegouvernement Estland, sein südlicher Teil die nördliche Hälfte des Ostseegouvernements Livland bildete. Im Hoch- und Spätmittelalter und zu Beginn der Frühen Neuzeit hatten Teile des heutigen Landes auch unter schwedischer, dänischer und polnischer Herrschaft gestanden, der livländische Teil bis 1561 auch unter Hoheit des Deutschen Ordens.

Seit 2004 ist Estland Teil der Europäischen Union und der NATO.

 und zwei als von „unbestimmter Nationalität“ deklarierte Russen bzw. Ukrainer – waren vom für Meerbeck zuständigen Team der UNRRA registriert. Neben dem Russen Evgeni Sadowski war dies der Göttinger Jura-Doktorand Repecka, der das Turnier organisierte. Die zwölf waren eigens aus anderen Lagern der britischen und amerikanischen Zone angereist. Erstmals vorgesehen waren auch zwei deutsche (unbelastete und international angesehene) Meisterspieler, Friedrich Sämisch und Ludwig Rellstab. Ihnen wurde jedoch von der Lagerverwaltung die Teilnahme untersagt, weil die Verköstigung und Unterbringung von Deutschen im Lager nicht den Vorschriften entsprach.
Nicht nur im Hinblick auf die zur Sportausübung von den alliierten Behörden zugelassene Mobilität der Schachspieler war das Meerbecker Turnier bedeutsam. Das vorangegangene Turnier, das mit der Hälfte der Meerbecker Teilnehmer in Blomberg im gleichen britischen Verwaltungsbereich Westfalen stattgefunden hatte, wies sich selbst noch als „
Baltikum
eng. Baltics, lat. Balticum, deu. Baltische Staaten, deu. Baltische Provinzen

Das Baltikum ist eine Region im Nordosten Europas und setzt sich aus den drei Staaten Estland, Lettland und Litauen zusammen. Das Baltikum wird von knapp 6 Millionen Menschen bewohnt.

 Meisterschaft“ aus. Das Folgeturnier in Meerbeck machte mit seinem Anspruch auf Internationalität noch einen deutlicheren politischen Punkt. Denn für die baltischen Spieler bekräftigte dieser die Forderung nach einer Autonomie der baltischen Länder gegenüber der 
Sowjetunion
eng. Soviet Union, deu. Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, rus. Sovetskiy Soyuz, rus. Советский Союз, . Совет Ушем, . Советонь Соткс, rus. Sovetskij Soûz, . Советий Союз, yid. ראַטן־פֿאַרבאַנד, yid. סאוועטן פארבאנד, yid. sovətn farband, yid. sovʿtn-farband, yid. sovətn-farband, . Советтер Союзу, . Совет Союзы, . Советон Цæдис, . Совет Эвилели

Die Sowjetunion (SU oder UdSSR) war ein von 1922 bis 1991 bestehender Staat in Osteuropa, Zentral- und Nordasien. Sie ist aus dem sog. Sowjetrussland hervorgegangen, dem Nachfolgestaat des Russländischen Kaiserreichs. Den Kern der Union und zugleich ihren größten Teil bildete die Russische Sowjetrepublik, hinzu kamen weitere Teilrepubliken. Ihre Zahl variiert über die Zeit hinweg und steht im Zusammenhang mit der Besatzung anderer Länder (Estland, Lettland, Litauen), nur kurzzeitig bestehenden Sowjetrepubliken (Karelo-Finnland) oder mit der Teilung bzw. Zusammenlegung von Sowjetrepubliken. Zusätzlich gab es zahlreiche autonome Republiken oder sonstige Gebietseinheiten mit einem Autonomiestatus, der sich im Wesentlichen auf eine sprachliche Autonomie der Minderheiten beschränkte.

Die UdSSR bestand vor ihrer formellen Auflösung aus 15 Sowjetrepubliken mit einer Bevölkerung von ungefähr 290 Millionen Menschen. Mit ca. 22,4 Millionen km² bildete sie den damals größten Flächenstaat der Welt. Die Sowjetunion war eine sozialistische Räterepublik mit einem Einparteiensystem und einer fehlenden Gewaltenteilung.

. Dies war auch ein Motiv bei der Registrierung vieler baltischen Spieler in ihren Lagern. Sie optierten mehrheitlich für eine Entlassung entweder in ihre von sowjetischer Herrschaft befreite Heimat oder in Länder außerhalb Deutschlands. Nur einer von ihnen, Artūrs Dārznieks, stimmte seiner Repatriierung nach Lettland zu und setzte dort seine Schachlaufbahn fort.

Die Spieler und ihr Lager

In welchen Verhältnis stand die Teilnehmergruppe des Meerbecker Schachturniers zu den baltischen Einwohnern des dortigen und ähnlicher vergleichbarer Lager? Auffällig ist zunächst die Beschränkung auf männliche Schachspieler. Hier bestand nicht nur ein Kontrast zu anderen Sportarten wie Tischtennis und Gymnastik, sondern auch zum großen Anteil von Frauen an der baltischen Bevölkerung Meerbecks, der nur geringfügig unter dem der Männer lag.3 Daneben fällt die Mehrheit von Spielern mit bürgerlicher Herkunft und gehobener Berufsausbildung auf. So gab es unter ihnen Juristen, Politologen, Naturwissenschaftler, Architekten, Literaturwissenschaftler und Künstler sowie einen Medizinprofessor, den späteren Turniersieger Fedor Bohatirtchuk. 
Professionelle Schachspieler waren nicht unter ihnen, obwohl etliche von ihnen schon vor dem Krieg in internationalen Wettbewerben und selbst Schacholympiaden Schacholympiaden Schacholympiaden gab es seit den 1930er-Jahren, meist von der FIDE (Weltschachorganisation) organisiert. Die für die Balten in Meerbeck relevanten waren die 1936 in München veranstaltete inoffizielle Olympiade (Mannschaftsturnier) und 1939 in Buenos Aires, bei der die baltischen Länder repräsentiert waren. ihre Länder vertreten hatten. In der Zeit vor der Wiederbelebung des internationalen Schachbetriebs nach 1948 konnten nur die besten unter ihnen mit Simultanauftritten ein Zubrot zur Lagerversorgung verdienen. Selbst die Siegerpreise für Turniere waren bescheiden. In Meerbeck erhielt Bohatirtchuk für seinen Sieg ein Dutzend Fleischkonserven.4
Finanziell nicht messbar blieb der hohe soziale Anspruch der baltischen Schachspitzenspieler. Sie bildete eine kulturelle Elite, wenn auch keine ortsfeste wie die große Zahl der in Meerbeck konzentrierten Ensemblemitglieder des Rigaer Lettischen Nationaltheaters, der lettischen und litauischen Chöre und Tanzgruppen. So bewarb sich trotz der sicheren Emigration nach Großbritannien niemand von ihnen auf einen der im Rahmen der  Aktion „Westward Ho“
Aktion "Westward Ho!"
auch:
Westward Ho!, Westward-Ho!, Westward Ho
Die Aktion „Westward Ho“ war eine britische Werbekampagne zur Gewinnung von Facharbeitern (wie Fabrikarbeitern, Haushaltsangestellten, Kindergartenpersonal usw.) in den Displaced Persons-Lagern im britischen Einflussbereich. Die Kampagne diente zur Behebung des Arbeitskräftemangels nach dem Krieg. Als Ausdruck des nationalen britischen Eigeninteresses war sie bei der United Nations Relief and Rehabilitation Administration (UNRRA) umstritten.
 in Aussicht gestellten einfachen Fabrik- und Haushaltsarbeitsplätze.5 Diese hatte in Meerbeck durchaus Erfolg. Als urban sozialisierte Männer verzichteten die Schachspieler fast gänzlich auf jede Eigenwerbung mit Betonung einer ländlichen, für Handarbeit förderlichen Herkunft, wie es in baltischen Publikationen zum Hinweis auf bescheidene Ansprüche in Aufnahmeländern durchaus geschah.

Das Lager und sein Umfeld

Ungleich größer als das erkennbare soziale Gefälle innerhalb der baltischen Gemeinschaften in Meerbeck war die kulturelle Kluft zwischen den zwangsgeräumten deutschen Dorfbewohnern und den sie für drei Jahre ablösenden Balten. Das Dorf mit Ausnahme der bewirtschafteten Felder wurde ihnen von den britischen Militärbehörden als Unterkunft zugeteilt, nachdem die deutsche Dorfbevölkerung schon am Endes des Zweiten Weltkriegs zur kurzfristigen Räumung gezwungen worden war.6 Die ursprüngliche Bevölkerung Meerbecks bestand überwiegend aus einer kleinbäuerlichen Landarbeiterschaft, die den Ertrag der meist kleinen Agrarflächen traditionell mit auswärtiger Lohnarbeit etwa in der Heringsfischerei ergänzen musste.7 Auf ihren Anwesen hatten vor Ankunft der Displaced Persons bereits Evakuierte aus dem bombenkriegsbetroffenen Ruhrgebiet eine Zuflucht gefunden. 
Ihnen stand auf Seite der Balten eine bürgerlich-nationalistisch geprägte Gemeinschaft gegenüber. Die Letten und Litauer versuchten mit Erfolg, in Religion, Verwaltung und kommunalen Infrastrukturen ein Abbild ihrer früher autonomen Staatsgebilde zu formieren. Schnell errichteten sie ein Bildungssystem vom Kindergarten über Volksschulen bis zu Gymnasien und voruniversitären Kursen. Ihrem konservativen baltischen Nationalismus stand eine zumindest kulturell ebenso konservative ostwestfälische Landkultur gegenüber. Selbst ihre von beiden Gemeinschaften geteilte Formen der kulturellen Selbstbehauptung etwa in Chor- und Gesangstraditionen standen beziehungslos nebeneinander. 
Trotz der übergreifenden Gemeinsamkeit der baltischen Neubevölkerung im Verhältnis zur einheimischen bäuerlichen Bevölkerung bestanden auch zwischen den nationalen Gruppen der Balten einige Unterschiede. Selbst in der Besiedlung der Dorfbereiche gab es verschiedene Schwerpunkte. Im Dorfzentrum um die Kirche, die Schule und das Pfarrhaus wohnte vor Beginn des Turniers (9.3.1946) vor allem die lettische Mehrheit der 1479 Erwachsenen und Kinder. Im Süden dagegen vor allem die 680 Litauer, im Norden die 369 Esten. Ein unterschiedliches Verhalten im Alltag unter diesen Gruppen nahm der evangelische Ortspfarrer wahr. Er war einer der wenigen Deutschen außer Lieferanten und Schwarzhändlern des Umfeldes, der regelmäßigen Kontakt mit den Fremden unterhielt. Er bemängelte das „herrenmäßige“ Auftreten der Letten, die ihren Status ständig mit ihrer „kultūra“ begründeten.8 Mit den katholischen Litauern hingegen war für ihn leichter eine Verständigung möglich, trotz des konfessionellen Gegensatzes. 
Um viele der DP-Lager in Deutschland, die nicht wie viele jüdische Lager von ihrer Umwelt weitgehend abgeschottet waren, bildeten sich einander feindselig gegenüberstehende Parallelgesellschaften. Dies betraf auf Zwangsräumungen begründete DP-Camps wie Meerbeck in besonderem Maße. Dort allerdings verdrehten sich die Rollen von Opfern und Tätern auf geradezu erstaunliche Weise. Bei der Forderung nach Rückgabe ihrer Grundstücke und Häuser beriefen sich die Meerbecker auf ihre sozialdemokratische Vergangenheit vor 1933.9 Den Balten in ihrem Dorf hingegen unterstellten sie, etwa durch kolportierte Grußformeln wie „Heil Hitler“, eine grundsätzliche Nähe zum Nationalsozialismus. Sind auch Zweifel über die kommunikative Funktion solcher Äußerungen in Hörweite von Deutschen angebracht, fällt doch ein besonderer Umstand ins Auge: Die erhaltenen Hinweise auf eine zunächst verbotene, heimlich ermöglichte Unterbringung von baltischen Angehörigen der SS und Wehrmacht in Meerbeck stammen sämtlich aus lettischen Erinnerungen.10
Als im Februar 1946 die britischen Militärbehörden baltische Wehrmachtsangehörige als Displaced Persons anerkannten, konnte die lettische Lagerzeitung Latviskais Vārds (Das lettische Wort) in ihrer Meerbecker Ortschronik für den ersten Tag des Schachturniers außer dem „Internationalen Schachturnier“ auch vermelden: „Unsere Soldaten kehren aus den Gefangenenlagern in Belgien zurück“11. An der Vergangenheit der eigenen Soldaten bestand kein Zweifel. Nur vier Tage später folgt in der Chronik das Lob der Meerbecker Lagerleitung des „musterhaften“ Kulturlebens im Dorf. Doch es griffe zu kurz, daraus auf ein militaristisches Gepräge der Teilnehmer am Schachturnier zu schließen. Von ihnen war nur ein junger estnischer Spieler, Herbert Valdsaar, als Luftwaffenhelfer für die deutsche Wehrmacht im kurzfristigen Einsatz. Die beiden eindeutig mit den deutschen Truppen zumindest propagandistisch kollaborierenden russischen Staatsbürger, Sadowski und Bohatirtchuk, hatten keine Verbindung zum Baltikum.

Transmissionsriemen zu einem besseren Leben

Die baltischen Spitzenspieler teilten, mit einer möglichen Ausnahme, den unter ihnen verbreiteten Antikommunismus. Im Krieg waren sie jedoch weder politisch noch militärisch hervorgetreten. Ihre Motivation in den DP Camps war meist auf die Knüpfung schachsportlicher Kontakte ausgerichtet. Ihre Flucht vor der Roten Armee war häufig auf eine Mischung zurückzuführen, die die Hoffnung auf ein besseres Leben im Westen mit der Erfassung von einer regionalen Massenfluchtpanik miteinander verband. Beispielhaft sei an den litauischen Meisterspieler Povilas Tautvaisas erinnert. Sein im September 1945 im Displaced Persons-Camp Dillingen ausgefülltes Registrierungsformular gibt Aufschluss über seine Verortung in Vergangenheit und Gegenwart, auch über seine Projektion einer familiären und persönlichen Zukunft. 
Tautvaisas versteht seinen vorübergehenden Lageraufenthalt als Transmissionsriemen zu einem besseren Leben in Übersee. Dabei berücksichtigt das Formular baltische Vorbehalte gegen eine sowjetische Staatsbürgerschaft. Tautvaisas beantwortet die Frage nach der „beanspruchten Nationalität“ wie die drei anderen litauischen Turnierteilnehmer mit „litauisch“. Der Zwiespalt im Hinblick auf die Heimat prägt die Antwort auf das von Tautvaisas gewünschte Ziel nach dem Verlassen des Lagers. Er nennt als für seine Familie erhofftes Ziel Boston, relativiert dies jedoch in einer Fußnote mit der Option für eine mögliche Rückkehr nach Litauen unter der politischen Voraussetzung einer Befreiung des Landes von sowjetischer Herrschaft.
Seine abenteuerliche Flucht zwischen den nahen Frontlinien mit seiner Frau und seinem im Juni 1944 geborenen Sohn über die kurische Nehrung endete schließlich im Camp Dillingen in der amerikanischen Besatzungszone. Von dort begannen schnell seine ausgedehnten Reisen zu Schachturnieren in den britischen und amerikanischen Besatzungszonen, meist in Begleitung seines Freundes und litauischen Schachkonkurrenten Romanas Arlauskas. Diese sportliche Mobilität wurde nicht von den schwierigen Verkehrsproblemen der Nachkriegszeit verhindert. Ebenso wenig Hindernisse bereiteten Tautvaisas und fast allen anderen Meerbecker Turnierteilnehmern später die screenings der alliierten Behörden vor der Emigration. 
Tautvaisas gelangte zunächst in ein familiäres Netzwerk in Boston und bald darauf nach Chicago, wo er wie schon in Boston, eine vor allem regionale, schachsportliche Rolle spielte. Für ihn wie für fast alle baltischen Spitzenspieler des Meerbecker Turniers war der mehrjährige Aufenthalt im deutschen Displaced Persons Lager eine Zwischenstufe auf der Suche nach einer Wahlheimat. Für ihn wie für die Emigranten in die USA (Sadowski,  Zemītis, Rankis, Skema, Valdsaar, Repecka, Liepnieks), nach Kanada (Jurševskis, Bohatirtchuk), Australien (Arlauskas, Endzelīns) und Neuseland (Sepp) erfüllte das Leben in der Diaspora den Wunsch nach individueller Selbstbestimmung in einer bürgerlichen Existenz in einer westlichen Gesellschaft.

Informations-Bereich

Siehe auch