„Die Diaspora ist mit uns!“

Auslandsmoldauer:innen, ihr Herkunftsland und das Ringen um Zugehörigkeit
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Eine einheitliche moldauische Diaspora existiert kaum, die Erfahrungen im Ausland sind sehr unterschiedlich. Dennoch spielt der Begriff in Moldaus politischem Diskurs eine zentrale Rolle – von den Befürworter:innen wie den Gegner:innen ihrer Beteiligung. Er weist auf ein grundlegendes Ringen um Zugehörigkeit im Migrationskontext hin.
Am 21. Mai 2023 versammelten sich rund 80.000 Menschen im Zentrum von 
Chișinău
rus. Кишинёв, rus. Kišinëv, deu. Kischinau, yid. qešenev, yid. קעשענעוו, pol. Kiszyniów, ron. Kišinèu, ron. Кишинэу

Chișinău (Bevölkerungszahl 2024: 567.038) ist die Hauptstadt der Republik Moldau. Sie liegt in der Mitte des Landes am Fluss Bâc. Im 13. Jahrhundert gehörte die Stadt zum Fürstentum Moldau, das zunächst von Polen, dann vom Osmanischen Reich abhängig war. Einen Aufschwung erlebte Chișinău erst nachdem es 1818 russisch wurde. 1918-1940 gehörte Chișinău zu Rumänien, bis die Stadt mit Bessarabien von der UdSSR annektiert wurde. Heute ist Chișinău baulich von der Entwicklung während der sowjetischen Zeit nach dem Ende der deutsch-rumänischen Besetzung (1941-1944) geprägt. Seit 1991 bzw. 1992 ist Chișinău die Hauptstadt der unabhängigen Republik Moldau.

, der Hauptstadt der Republik 
Republik Moldau
eng. Republic of Moldova, eng. Moldova, ron. Republica Moldova, deu. Moldau

Moldawien, auch als Republik Moldau bezeichnet, ist ein im südöstlichen Europa gelegener Binnenstaat. Das Land grenzt an die Ukraine und Rumänien. Moldawien wird von knapp 3,5 Millionen Menschen bewohnt, die größtenteils Rumänisch, Russisch und Ukrainisch sprechen. Der größte Fluss des Landes ist der Pruth.

. Sie hielten Schilder hoch mit Aufschriften wie „Die Diaspora unterstützt eine europäische Republik Moldau“ oder „Die Diaspora ist mit uns“ („Diaspora e cu noi“). Eingeladen hatte die Regierung zur „Adunarea Națională Moldova Europeană“ – zur „Nationalversammlung Europäische Moldau". Die Teilnehmer:innen hörten Reden von Präsidentin Maia Sandu, von der EU-Parlamentspräsidentin Roberta Metsola und anderen Akteur:innen, die den Weg Moldaus gen Europa begrüßen. Trotz mancher Kritik im Vorfeld war die Botschaft der Veranstaltung hier eindeutig: Moldau will sich an der Europäischen Union orientieren. Neben moldauischen und europäischen Fahnen wurden auch ukrainische Flaggen geschwenkt – als Zeichen der Solidarität mit dem kriegsgeplagten Nachbarland, dessen EU-Orientierung ebenfalls zur Debatte steht.
Die Erwähnung der Diaspora im politischen Leben der Republik Moldau hat einen guten Grund: Etwa ein Drittel der moldauischen Bevölkerung lebt im Ausland, insgesamt rund eine Million Menschen.1 Sie sind außerhalb des Landes, aber dennoch präsent; ihre u.a. finanzielle Unterstützung für die Familien im Herkunftsland – die sogenannten Remittances Remittances Remittances oder Rücküberweisungen bezeichnen die Sendungen, die migrierte Personen an zumeist ihre Verwandten im Herkunftsland schicken. Dabei kann es sich um materielle Güter und Geld, aber auch um ideelle Remittances (Ideen, Vorstellungen, Werte) handeln. 2 – ist für viele zentraler Bestandteil ihres Haushaltseinkommens und hilft, die Schwächen des moldauischen Sozialstaats abzufedern. Auslandsmoldauer:innen drücken so Verbundenheit aus; aus ihrer Teilhabe erwächst jedoch auch ein Anspruch auf Mitsprache. Politisch und gesellschaftlich ist dieser Einfluss ‚von außen‘ umstritten. Gerade bei Großveranstaltungen wie im Mai 2023, bei Wahlen wie im Herbst 2024 und nun auch im Herbst 2025 wird diese Spannung deutlich sichtbar. Dahinter steckt eine größere Frage: Wie verändert Migration unser Verständnis von Zugehörigkeit und Staatsbürgerschaft?
Der Sozialwissenschaftler Robin Cohen greift für seine Analyse auf eine Metapher des Philosophen Ludwig Wittgenstein zurück: Diaspora lässt sich wie ein Seil vorstellen, das aus vielen einzelnen, miteinander verbundenen Fasern besteht. Erst im Zusammenspiel entfaltet es seine Kraft – die Fähigkeit, „das Schiff am Kai zu halten“ oder, übertragen, die Diaspora mit ihrem Herkunftsland zu verbinden.3

Der Weg zur Diaspora? Moldau und die Migration

Seit der Unabhängigkeit in den 1990er-Jahren spielt Migration für die Republik Moldau eine zentrale Rolle. Nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Systems verloren viele Menschen ihre Arbeit – für zahlreiche Familien war die Auswanderung daher eine naheliegende Folge. In dieser frühen „Discovery-Phase“4 suchten viele Moldauer:innen zunächst in Russland und anderen Nachfolgestaaten der 
Sowjetunion
eng. Soviet Union, deu. Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, rus. Sovetskiy Soyuz, rus. Советский Союз, . Совет Ушем, . Советонь Соткс, rus. Sovetskij Soûz, . Советий Союз, yid. ראַטן־פֿאַרבאַנד, yid. סאוועטן פארבאנד, yid. sovətn farband, yid. sovʿtn-farband, yid. sovətn-farband, . Советтер Союзу, . Совет Союзы, . Советон Цæдис, . Совет Эвилели

Die Sowjetunion (SU oder UdSSR) war ein von 1922 bis 1991 bestehender Staat in Osteuropa, Zentral- und Nordasien. Sie ist aus dem sog. Sowjetrussland hervorgegangen, dem Nachfolgestaat des Russländischen Kaiserreichs. Den Kern der Union und zugleich ihren größten Teil bildete die Russische Sowjetrepublik, hinzu kamen weitere Teilrepubliken. Ihre Zahl variiert über die Zeit hinweg und steht im Zusammenhang mit der Besatzung anderer Länder (Estland, Lettland, Litauen), nur kurzzeitig bestehenden Sowjetrepubliken (Karelo-Finnland) oder mit der Teilung bzw. Zusammenlegung von Sowjetrepubliken. Zusätzlich gab es zahlreiche autonome Republiken oder sonstige Gebietseinheiten mit einem Autonomiestatus, der sich im Wesentlichen auf eine sprachliche Autonomie der Minderheiten beschränkte.

Die UdSSR bestand vor ihrer formellen Auflösung aus 15 Sowjetrepubliken mit einer Bevölkerung von ungefähr 290 Millionen Menschen. Mit ca. 22,4 Millionen km² bildete sie den damals größten Flächenstaat der Welt. Die Sowjetunion war eine sozialistische Räterepublik mit einem Einparteiensystem und einer fehlenden Gewaltenteilung.

neue Perspektiven. Später zog es immer mehr auch nach Südeuropa, vor allem nach Italien und Spanien, sowie nach Zentraleuropa, etwa nach Deutschland.
Um die Jahrtausendwende waren die ersten Wege gebahnt, und es setzte eine ‚Kettenmigration‘ ein: Immer mehr Menschen folgten den Pioniermigrant:innen. Viele arbeiteten in prekären Jobs in Pflege, Landwirtschaft oder auf Baustellen. Ein entscheidender, die Migrationsoptionen grundlegend verändernder Schritt war der EU-Beitritt 
Rumänien
ron. România, eng. Romania

Rumänien ist ein von knapp 20 Millionen Menschen bewohntes Land in Südosteuropa. Die Hauptstadt des Landes ist Bukarest. Der Staat liegt direkt am Schwarzen Meer, den Karpaten und grenzt an Bulgarien, Serbien, Ungarn, die Ukraine und Moldau. Rumänien entstand 1859 aus dem Zusammenschluss der Moldau und der Walachei. In Rumänien liegt das für die dortige deutsche Minderheit zentrale Gebiet Siebenbürgen.

im Jahr 2007: Viele Moldauer:innen besitzen zusätzlich die rumänische Staatsbürgerschaft und konnten nun leichter und weniger häufig illegalisiert in der EU leben und arbeiten.
Krisen wie die Corona-Pandemie und der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine russische Angriffskrieg gegen die Ukraine Im Februar 2022 überfiel Russland die Ukraine und ließ damit die seit 2014 durch die Annexion der Krim angespannte Lage eskalieren. Neben erheblicher Zerstörung und Kriegstoten setzte durch den Angriffskrieg eine starke Migration ein. Die Republik Moldau war in diesem Kontext Transitland dieser Fluchtbewegung, hat aber ebenfalls ukrainische Geflüchtete aufgenommen. haben die Bewegungsfreiheit in den letzten Jahren erneut eingeschränkt. Die Auswanderung bleibt dennoch ein Massenphänomen: Fast jede moldauische Familie hat ein Mitglied im Ausland. Manche pendeln regelmäßig, andere sind dauerhaft fortgezogen. Gemeinsam ist ihnen, dass sie den Kontakt zueinander aufrechterhalten – viele kehren in den Sommermonaten „acasă“, also nach Hause, zurück und bleiben über soziale Medien eng miteinander verbunden. „Das Leben spielt sich an mehreren Orten ab […] – und es bleibt doch ein und dasselbe Leben.“5
Dieser Balanceakt prägt den Alltag und das Selbstverständnis vieler mobiler Moldauer:innen. Die Migrationsforschung versucht, dieses Phänomen abzubilden: Seit den 1990er-Jahren betrachtet sie Migration zunehmend aus einer transnationalen Perspektive.6 Dabei werden Herkunfts- und Aufnahmeländer als eng miteinander verflochten verstanden – sie beeinflussen sich gegenseitig und formen soziale Netzwerke sowohl im Herkunftsland als auch im Ausland. In diesem Sinne entsteht durch die Mobilität der Moldauer:innen ein gemeinsamer Handlungsraum, der verschiedene geografische Orte miteinander verbindet. Von außen werden sie meist als Migrant:innen wahrgenommen, doch viele bemühen sich, trotz der räumlichen Distanz ein dauerhaftes Zugehörigkeitsgefühl zu bewahren. Sie interessieren sich aktiv für das Wohlergehen ihrer Familien in Moldau und bleiben daher in engem Kontakt. Aber erfüllen sie damit schon die Merkmale einer Diaspora – so, wie es die moldauische Politik gern darstellt?

Gefährliche Verstreutheit oder chancenreiche Diaspora?

Etwa eine Million Moldauer:innen lebt heute im Ausland, jedes Jahr kommen rund 40.000 weitere hinzu.7 Besonders die ländlichen Regionen spüren den Bevölkerungsrückgang; Perspektivlosigkeit lässt Moldau altern und schrumpfen. Wohin ziehen die Menschen? Vor den letzten Präsidentschaftswahlen zeigte sich: Die größten Gruppen leben in Italien, Großbritannien, Deutschland, Russland, Rumänien, Irland und den USA.8
Als politisch brisant sollte sich erweisen, dass ausländische Wähler:innen nicht nur zur Präsidentschaftswahl zugelassen wurden, sondern gleichzeitig auch über das  Referendum
Referendum
auch:
Volksabstimmung, Volksentscheide, Volksabstimmungen, Volksentscheid, Referenden
Unter einem Referendum versteht man eine Volksabstimmung zu einer bestimmten Frage mit dem Ziel einer direkten und demokratischen Entscheidungsfindung.
 zum pro-europäischen Kurs der moldauischen Regierung abstimmen sollten. Kritiker:innen stellten die Legitimität der Stimmen aus der Diaspora infrage, da diese als überwiegend pro-europäisch gelten. Zwar fiel das Ergebnis des Referendums nur knapp zugunsten des EU-Kurses aus, doch unter den wählenden Moldauer:innen im Ausland stimmten ganze 83 % für Maia Sandu.
Ihr Votum war damit ausschlaggebend – sowohl für den Ausgang der Präsidentschaftswahl als auch für das Referendum. Für die einen war das ein Zeichen des Zusammenhalts – „Diaspora e cu noi“ – für andere eine Provokation: Wie gerecht ist es, wenn Menschen, die nicht im Land leben, trotzdem mitbestimmen? Bereits 2020 hatte die Diaspora den Wahlsieg von Maia Sandu ermöglicht – ihr Gegenkandidat Igor Dodon sprach damals abfällig von einer „Parallelwählerschaft“.9 Auch heute steht Sandu unter Druck: Sie muss zeigen, dass sie nicht nur die ‚Präsidentin der Diaspora‘ ist.
Die Frage der Legitimität dieser Wahlen verdeutlicht auch die Unterschiede innerhalb der Auslandsmoldauer:innen. Sie lassen sich kaum als einheitliche Gemeinschaft begreifen, auch wenn viele von ihnen nach wie vor die moldauische Staatsbürgerschaft besitzen. Wer sich bereits im Ausland etabliert hat und die nötigen Ressourcen besitzt, kann sich registrieren, lokale Wahllokale mitorganisieren oder selbst anreisen, um zu wählen. Für andere – etwa Saisonarbeiter:innen oder Pflegekräfte – ist das oft nicht möglich. Ihr Alltag ist häufig von prekären Arbeits- und Lebensbedingungen geprägt, und für viele stehen andere Dinge im Vordergrund; die Distanz zum Wahllokal Wahllokal Das Wahllokal ist der Ort, an dem Menschen am Wahltag ihre Stimme abgeben können. Wahllokale werden zu diesem Zweck an öffentlichen Orten, bspw. in Schulen, Ämtern o.ä. eingerichtet. Es ist auch der Ort, an dem später die jeweiligen Stimmen ausgezählt werden. , lange Arbeitszeiten oder fehlende Informationen über das Wahlrecht machen eine Teilnahme für sie schwierig.
Trotz dieser Unterschiede definiert die moldauische Regierung die Diaspora sehr weit – nicht danach, wer dabei ist, sondern danach, wer dabei sein könnte: Alle, „die sich als aus Moldau stammend verstehen und sich vorübergehend oder dauerhaft im Ausland aufhalten, einschließlich ihrer Nachkommen und der von ihnen gebildeten Gemeinschaften“10 zählen dazu.
Warum diese breite Definition? Migration ist für Moldau eine der größten Herausforderungen – ein demografisches Desaster mit sozialen und wirtschaftlichen Folgen. Kurzfristig lässt sie sich kaum stoppen. Deshalb versucht die Regierung, die Verbindung der Ausgewanderten zum Herkunftsland zu stärken. Wer sich zu Moldau zugehörig fühlt, bleibt Teil des Landes – auch wenn er (oder sie) weit weg ist. Die Hoffnung lautet, dem „Phänomen der Entwurzelung“ 11 durch diese Zugehörigkeitskonstruktion entgegenzuwirken; die Moldauer:innen gleich dem Schiff in der oben zitierten Metapher mit ihrem Herkunftsland zu verbinden. Die Abwanderung ist so weniger endgültig; das Verhältnis zwischen Hier und Dort bleibt vorerst bestehen.

Staatliche Ansprache trifft soziale Realität

Die Ansprache der Moldauer:innen im Ausland folgt einer klaren Strategie: Viele von ihnen engagieren sich vor allem innerhalb ihrer Familien und persönlichen Netzwerke. Durch den gezielten Gebrauch des Begriffs „Diaspora“ versucht der Staat, sie umfassender einzubeziehen und stärker in die Verantwortung zu nehmen. Diese Form der Mobilisierung, die gezielt vom Biroul Relații cu Diaspora Biroul Relații cu Diaspora Das BRD ist an der moldauischen Staatskanzler angesiedelt und fungiert als Schnittstelle zwischen dem moldauischen Staat und der moldauischen Diaspora - also den Moldauer:innen im Ausland. Es koordiniert die moldauische Politik im Hinblick auf die Bürger:innen außerhalb des Landes. Daneben informiert und unterstützt es etwa bei der Organisation von Veranstaltungen im In- und Ausland, veranstaltet Kongresse und bietet Rückkehrprogramme für Moldauer:innen an, die sich wieder in ihrem Herkunftsland ansiedeln wollen. (in etwa: „Amt für Diasporabeziehungen“) vorangetrieben wird, hat eine Reichweite, wie sie andere Konzepte kaum erfassen können.
Es ist wohl vor allem ihre geteilte Lebensrealität, die die Mitglieder der moldauischen Diaspora potenziell miteinander verbindet: So machte die erste Generation von Auswander:innen ähnliche Erfahrungen wie Menschen, die regelmäßig zwischen Moldau und dem Ausland pendeln. Vergleichbare Muster finden sich auch bei jenen, die noch die sozialistische Vergangenheit der Sowjetunion erlebt haben – eine Zeit, die Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen förderte und informelle Netzwerke wichtiger machte – sowie bei Menschen, die durch Migration soziale Verluste hinnehmen mussten. Dennoch bilden sie keine einheitliche Gruppe. Eine solche Gemeinschaft kann nur entstehen, wenn gemeinsame kulturelle Bezugspunkte, ähnliche Erfahrungen in derselben Zeit und vergleichbare Lebensrealitäten vorhanden sind.12
Moldauer:innen im Ausland lassen sich eher als eine „imaginierte Gemeinschaft“13 verstehen: Gemeinsame historische und aktuelle Erfahrungen verbinden sie, doch ihre Perspektiven auf die Welt sind sehr unterschiedlich. Die verschiedenen Bezeichnungen – Auslandsmoldauer:innen, moldoveni în Italia/Germania/…, Diaspora – spiegeln ansatzweise ihre Vielfalt wider, geben aber kaum Auskunft über die dahinterstehenden Individuen und ihre Biografien. Zugehörigkeit lässt sich insofern nicht einfach zuordnen oder überstülpen, sie muss immer wieder neu hergestellt werden und ihren Platz zwischen kollektiven Ansprüchen und individuellen Bedürfnissen finden.

(K)Eine Diaspora? Konfliktherd mit Potenzial

Sowohl die letzten Wahlen als auch die pro-europäischen Bekundungen im Frühjahr 2023 haben eindrücklich gezeigt, wie Zugehörigkeit durch Teilhabe entsteht: Moldauer:innen im Ausland bleiben auf sehr unterschiedliche Weise mit ihrem Herkunftsland verbunden. Manche beteiligen sich aktiv an Wahlen und Veranstaltungen, andere beschränken ihr Engagement auf den eigenen Nahraum. Trotz der unterschiedlichen Reichweite offenbaren all diese Formen ihre emotionale Bindung an die Gesellschaft in Moldau.
Kurz gesagt: Moldauer:innen im Ausland zeigen viele der Merkmale, die Cohen für diasporische Gemeinschaften beschreibt, doch mit dem Begriff selbst können sie wenig anfangen. Sie nehmen nicht aktiv an einem „Tauziehen“ teil, dennoch stellt sich die Frage, in welche Richtung an diesem Seil gezogen wird und wohin es die Menschen führen soll, deren transnationale Aktivitäten für Moldau so zentral sind. Wie verhandeln moldauische Staatsbürger:innen im Ausland ihre umstrittene Zugehörigkeit im Spannungsfeld der Diaspora-Diskurse? Welche Anliegen vertreten sie gegenüber ihrem Herkunftsland? Wo entstehen Konfliktpotenziale mit der Bevölkerung, die vor Ort geblieben ist – und wie beeinflusst dies letztlich das Selbstverständnis des Landes und seiner Bevölkerung?
Diese Fragen bleiben für Moldau und seine Bürger:innen, hier wie im Ausland, hochaktuell. Viele fühlen sich längst als Teil der EU, andere sehen darin erneut eine Form von Hegemonie oder blicken nostalgisch auf die sowjetische Vergangenheit zurück. Die Richtung, die das Land einschlägt und dessen Auswirkungen auf seine politisch oft entfremdeten Bürger:innen lassen sich also nicht allein durch Wahlen beantworten. Die Geschichte Moldaus als Grenzland und Zankapfel muss weiter erzählt werden; und hoffentlich bleibt die Diaspora dabei wirklich „mit uns“ – genauso wie Moldau mit ihr.

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