Die Rumbach-Synagoge Budapest

Architektur und Umnutzung im Kontext urbaner Identitätsbildung
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Die restaurierte Rumbach-Synagoge in Budapest fungiert seit 2021 gleichzeitig als Sakralbau und Museum. Welche Rolle hat die Architektur heute, in einer Zeit, in der die Frage nach Identität(en) in Europa nicht minder wichtig erscheint? Und was macht die Umnutzung mit der Architektur?

Eine jüdische Gemeinde auf der Suche nach ihrer Identität

Der Österreichisch-Ungarische Ausgleich von 1867 markierte nicht nur einen staatsrechtlichen Wendepunkt, sondern eröffnete auch der jüdischen Bevölkerung neue politische und wirtschaftliche Perspektiven. Das im selben Jahr vom ungarischen Parlament verabschiedete XVII. Gesetz erklärte zudem die vollständige Gleichstellung der jüdischen Glaubensgemeinschaft und beseitigte die bisherigen Einschränkungen beispielsweise bei der Beteiligung am öffentlichen Leben und der Niederlassung in Städten.1 Parallel zu dieser rechtlichen Emanzipation und in enger Verbindung mit ihr nahm die Präsenz der jüdischen Bevölkerung in städtischen Räumen sprunghaft zu, insbesondere in 
Budapest

Budapest (Bevölkerungszahl 2023: 1.686.222) ist die Hauptstadt und die größte Stadt Ungarns. Sie liegt im Landeszentrum, an der Donau. Budapest entstand aus dem Zusammenschluss der Städte Buda am linken und Pest am rechten Ufer der Donau. Pest war bereits ab dem Beginn des 11. Jahrhundert die Hauptstadt Ungarns und ab dem 13. Jahrhundert wechselte sich in dieser Funktion oft mit Buda ab. Als während der Revolution in Ungarn 1848 die beiden Städte als Pest-Buda zusammengeschlossen wurden, bildeten sie bereits einen Organismus. Nach der Wiederherstellung der Monarchie (ab 1526 im Rahmen der Habsburgermonarchie) wurde 1849 dieser Zusammenschluss allerdings aufgehoben, und erst 1873 wieder beschlossen. Damit löste die ungarische Bevölkerungsgruppe die deutsche als die Mehrheit in der Stadt ab. Nach dem Zerfall der Habsburgermonarchie 1918 blieb Budapest die Hauptstadt von nun unabhängigem Ungarn. Nach dem Eintritt Ungarns 1941 in den Zweiten Weltkrieg an der Seite des Deutschen Reichs wurden aus Budapest die meisten Juden der Stadt 1944 ghettoisiert und später in die Konzentrationslager abtransportiert oder ermordet. Der Volksaufstand 1956 gegen die sowjetische Bevormundung in Ungarn nahm seinen Beginn in Budapest. Im Zusammenhang mit dem Aufstand und seiner Niederschlagung verlor die Hauptstadt etwa 70.000 Menschen. Heute ist Budapest nicht nur das größte Wirtschafts- und Kulturzentrum des Landes, sondern auch eins der wichtigsten im Ostmitteleuropa.

, das sich mit der Vereinigung von Buda, Pest und Óbuda im Jahr 1873 sowie durch eine rasche wirtschaftliche Entwicklung zu einer bedeutenden Großstadt entwickelte. Die nichtjüdische Budapester Gesellschaft zeigte sich vergleichsweise offen gegenüber assimilierten Jüdinnen und Juden – insbesondere dann, wenn diese sich kulturell, das heißt etwa durch Sprache, Kleidung, Sitten und Bräuche, anpassten und keine soziale oder wirtschaftliche Konkurrenz darstellten.2 Dies bedeutete für die jüdischen Gemeinden eine erhebliche Herausforderung ihrer Identität. Zudem bildeten weder die aufnehmende nichtjüdische Bürgerschaft noch die sich assimilierende jüdische Bevölkerung eine homogene Einheit. Ein bedeutender Teil der nichtjüdischen Stadtgesellschaft stammte selbst aus Einwandererfamilien – hauptsächlich deutsch-, slowakisch- oder rumänischstämmig – und die Aneignung einer modernen ungarischen nationalen Identität verlief oft parallel zu den Assimilationsbestrebungen der jüdischen Bürgerschaft.3 Letztere war ebenfalls durch deutliche Unterschiede geprägt: wirtschaftlich, sprachlich sowie in der religiösen Ausrichtung, die sich nach inneren Konflikten ab 1869 in drei Strömungen zeigte, nämlich reformorientierte neologe Gemeinden, streng traditionelle orthodoxe Gemeinden und Status-quo-ante-Gemeinden, die an der früheren Ordnung festhielten.
Diese Ambivalenzen traten besonders deutlich in der um die Rumbach-Sebestyén-Straße gelegenen Gemeinde zutage. Ein bedeutender Teil von ihnen kam aus Landgemeinden, deren Angehörige religiöse Grundpraktiken wie die Einhaltung des Schabbats und der koscheren Ernährung bewahrten.4 Diese überwiegend klein- bis bürgerlich geprägten Gemeindemitglieder hatten sich erfolgreich in das urbane Wirtschafts- und Kulturleben integriert, übernahmen Ungarisch als Alltagssprache und bildeten eine charakteristische soziale Schicht innerhalb des heterogenen Synagogenpublikums, in dem sich orthodoxe Neuankömmlinge, neologe Städter tschechisch-mährischer Herkunft und traditionsgebundene, aber modern lebende Gläubige überschnitten.5 Der Bau ihrer Synagoge war ein wichtiger erster Meilenstein, um diesem eigenen Selbstverständnis der Gemeinde Ausdruck zu verleihen. Mit der Errichtung der Rumbach-Synagoge zwischen 1869 und 1872 schuf die Gemeinde nicht nur ein religiöses Zentrum, sondern auch ein sichtbares Zeichen ihrer kulturellen und gesellschaftlichen Präsenz.
Den Zuschlag für den Bau der Synagoge erhielt der 26-jährige christliche Wiener Architekt Otto Wagner mit einem orientalisierenden Entwurf. Diese Konstellation erscheint nur auf den ersten Blick widersprüchlich: Vor dem Hintergrund der vielschichtigen Identitätsdilemmata war sie vielmehr Ausdruck eines bewussten Versuchs, eine architektonische Formensprache zu finden, die die Spannungen zwischen religiöser Tradition, moderner städtischer Lebensweise und ungarisch-nationaler Zugehörigkeit auszuhalten vermochte. Die Rumbach-Synagoge wurde so zum Sinnbild jener komplexen Selbstverständnisse, die sich nicht auf eine eindeutige Zugehörigkeit reduzieren ließen, sondern im Zusammenspiel verschiedener kultureller und sozialer Bezugssysteme sichtbar wurden.

Die Ursprünge des Bauwerks im orientalisierenden Synagogenbau des 19. Jahrhunderts

Für die Synagogenarchitektur des 19. Jahrhunderts in Europa war eine orientalisierende Formensprache charakteristisch, was sich exemplarisch an Gottfried Sempers Synagoge in Dresden (1838–1840), dem Leopoldstädter Tempel in Wien (1854–1858) sowie der Großen Synagoge in der Dohány Straße in Budapest (1854–1859), die beide nach Entwürfen Ludwig Försters errichtet wurden, zeigt. Wie viele zeitgenössische Architekten integrierte auch Otto Wagner verschiedene bauliche Elemente jeweils gezielt und zweckorientiert. Bei der Rumbach-Synagoge standen dabei vor allem die Bedürfnisse eines heranwachsenden Kollektivs in einer sich rasant ausdehnenden Stadt sowie ein klares und unangefochtenes Bekenntnis zum verwendeten Baumaterial im Vordergrund.
Zunächst zeigt sich lediglich die Hauptfassade des Baukörpers, der in einer schmalen Gasse steht und sich dem Blick weitgehend entzieht (Abb. 1).6 Die Fassadengliederung wird durch einen Mittelrisalit geprägt, flankiert von zwei minarettartigen Türmen namens Jachin und Boas. Dabei handelt es sich um biblische Bezugnahmen auf die Säulen am Tempel Salomons.7 In der jüdischen Architekturtradition stehen die zwei Motive für göttliche Beständigkeit und Kraft.8 Ihre Rezeption verleiht dem Bau eine symbolisch aufgeladene, identitätsstiftende Dimension. Die Ornamentik zeigt seit den 1850er Jahren bekannte und gern genutzte orientalisierende Elemente wie auch eigene Variationen des Architekten. Die plastischen Teile wurden aus Terrakotta und hellem Sandstein angefertigt. Die Bänder bestehen zum Teil aus Ziegeln, zum Teil wurden sie in Ziegeloptik bemalt. Durch die Fugen entsteht eine helle, vertikale Linienführung und insgesamt eine teppichhafte Musterung. Diese verbindet das Äußere des Gebäudes geschickt mit dem Inneren, wo Wagner mithilfe von dünnen Wänden und schlanken Säulen eine weiträumige Zeltillusion erschuf, die das Gemeinschaftserlebnis der Synagogengemeinde fördern sollte (Abb. 2). Die Raumgestaltung vereint damit Zelt und Tempel als zentrale Orte jüdischer Erinnerung.
Obwohl das Gebäude 1944 schwere Beschädigungen erlitt, wurde es noch bis 1959 als Synagoge genutzt. Nachdem die Gemeinde in den 1960er Jahren das Nutzungsrecht der Synagoge aus finanzieller Not an die Stadt Budapest abgetreten hatte, folgten Jahrzehnte des Verfalls. In jahrelangem Papierkrieg setzte sich das Budapester Denkmalamt dafür ein, den Synagogencharakter zu bewahren und eine Umnutzung als Veranstaltungsraum oder Lagerhalle zu vermeiden. In den 1980er Jahren wurde das Gebäude teilsaniert, die Nutzung blieb jedoch unklar. Erst 2005 gelang es der Gemeinde, das Gebäude durch einen Immobilientausch zurückzuerwerben. Weitere zehn Jahre später ermöglichte eine Regierungsförderung von 3,2 Milliarden Forint eine vollständige Sanierung.9 Die tragende Idee der Neugestaltung war, dass die Vielfalt der Religionen und Nationen für eine Gesellschaft einen hohen Wert darstellt. Die Projektverantwortlichen verstehen den auch als Haus des Zusammenlebens bezeichneten Ort als Repräsentation der jüdischen und nichtjüdischen Beziehungsstruktur in Zeit und Raum.10 Dieses Zusammenleben wird als dynamische Interaktion gedeutet und gefördert. Zum Komplex gehören deshalb ein Museum, ein Café mit der Möglichkeit zur Ausrichtung von Abendveranstaltungen, ein Konferenzraum und Bereiche für Projektarbeiten von Künstlern und Verbänden.

Der zum Museum ausgeweitete Sakralbau – Chancen und Herausforderungen

Die vollständige Restaurierung der Rumbach-Synagoge zwischen 2018 und 2020 gab dem Gebäude seine alte Präsenz zurück. Eine der wichtigsten baulichen Änderungen ist, dass die Frauenempore, die sich nach Otto Wagners Entwurf zwischen dem ersten und zweiten Stockwerk erstreckte, nicht wieder aufgebaut wurde. Stattdessen dient der freigewordene Bereich als Ausstellungsraum für die Geschichte des Baus. Zudem wurde im oberen Areal der ehemaligen Frauenempore, auf Höhe des zweiten Stocks, eine verbindende Brücke eingezogen, über die der rechte und der linke Flügel des Gebäudes erschlossen werden können. Sie stellt architektonisch eine Verbindung zwischen Tradition und Moderne her – sowohl als Ausdruck des gesellschaftlichen Wandels innerhalb der Gemeinde als auch im bautechnischen Sinne (Abb. 3). Von hier aus erhalten Besuchende einen umfassenden Überblick über den vollständig restaurierten Synagogenraum sowie das neu eingerichtete Café. An drei Fensterrahmen wurde zudem das Eisenträgersystem freigelegt, wodurch ein zentrales Element von Otto Wagners fortschrittlicher Bauweise sichtbar wird – die ihrer Zeit voraus war und erst später üblich wurde (Abb. 4). Des Weiteren kommen innovative technische und digitale Lösungen zum Einsatz. Die Bima, das Lesepult, ist mit einer elektronischen Hebe- und Senkfunktion ausgestattet, wodurch der Hauptraum der Synagoge sowohl für sakrale als auch profane Zwecke multifunktional genutzt werden kann (Abb. 5). Museumsgäste erhalten über einen Ausstellungsguide Informationen zu ausgesuchten Objekten, sobald sie sich in deren Nähe befinden.
Der ursprünglich als Wohnhaus errichtete Anbau der Synagoge diente über Jahrzehnte als Unterkunft für Rabbiner und beherbergte unter anderem die Mädchenschule der jüdischen Gemeinde. Er hat sich ebenfalls erheblich verändert. Heute befinden sich hier Räumlichkeiten für den Publikumsverkehr. Diese Umnutzung verleiht dem Gebäudekomplex zusammen mit den Änderungen in der Synagoge selbst einen typischen Museumscharakter. Multifunktionalität ist für die Anlage allerdings per se nichts Neues, denn sie musste schon immer den verschiedenen Bedürfnissen der Benutzer angepasst werden: als Versammlungs-, Gebets- , Lehr- und Wohnraum.
Heute treffen hier mit Museum und Sakralraum zwei Funktionstypen aufeinander, die ganz unterschiedliche Erwartungen zu erfüllen haben. Die Fähigkeit der Synagogenarchitektur, Momente der repräsentativen Außenwirkung und individuellen Ansprache miteinander zu verbinden, kann dabei den Anspruch des Museums, möglichst viele Zielgruppen zu erreichen, gut ergänzen. Die Rumbach-Synagoge bietet – wie viele Museen als Orte des Erinnerns – dem Publikum die Möglichkeit, sich gezielt mit den historischen, kulturellen, sozialen, religiösen und geografischen Dimensionen der eigenen Identität auseinanderzusetzen, die das persönliche wie kollektive Selbstverständnis prägen. Zugleich stehen die Projektmitarbeiter vor der großen Aufgabe, museumstypische Konfliktpotenziale zu berücksichtigen. Objekte zu betrachten, kann für Museumsbesuchende einen inneren Konflikt bedeuten. Dabei geht es um Fragen wie: Beobachte ich ‚richtig‘? Was sollte ich hier erkennen? Was muss ich fühlen? Weiteres Konfliktpotenzial betrifft die Glaubensgemeinde der Rumbach-Synagoge, die kontrovers über die Umnutzung diskutiert: Wird die Atmosphäre zu stark profanisiert? Entspricht sie noch derjenigen des ursprünglichen Baus?
Diese Spannungen sind nicht zwangsläufig negativ zu bewerten. Vielmehr können sie als produktiver Ausgangspunkt für Entwicklungsprozesse wirken, sei es im individuellen Nachdenken über die eigene Identität oder im kollektiven Aushandeln gemeinschaftlicher Erinnerung. Die Frage nach einem zukunftsweisenden Denken und Handeln betrifft die Rumbach-Synagoge doppelt: Als Gebäude ist sie selbst ein zentrales Medium der Vermittlung – zwischen älteren und jüngeren Generationen, zwischen Tradition und zeitgenössischer Lebenswelt, zwischen Vergangenheit und Zukunft. Zugleich ist sie als neu eingerichtetes Museum Teil einer internationalen Museumslandschaft, die sich derzeit in einer längst überfälligen Phase des Um- und Aufbruchs befindet. Dabei gewinnen partizipative Ansätze und der Einsatz digitaler Medien – etwa interaktive Displays, digitale Storytelling-Formate oder mobile Anwendungen – zunehmend an Bedeutung, um das Publikum aktiv in die Gestaltung von Erinnerung und Wissensvermittlung einzubeziehen. Ein Beispiel: Die Projektverantwortlichen haben im Konzeptpapier treffend festgestellt, dass sich die Bedeutung des Begriffs ‚Zusammenleben‘ fortlaufend ändert. Dementsprechend darf auch das Museum kein statischer Ort sein.
Die Neugestaltung der Rumbach-Synagoge und ihre architektonische Gestalt beeinflussen sich wechselseitig – und berühren damit die vielfach diskutierte architekturtheoretische Frage nach dem Verhältnis von Form und Funktion. In einigen Fällen lässt sich diese Beziehung klar benennen: Etwa wenn der Synagogensaal durch die mit Hebe- und Senkfunktion ausgestattete Bima flexibel nutzbar wird oder umgekehrt die räumliche Struktur des Gebäudes direkt in die museale Konzeption einfließt.
Bezieht man die Erwartungen der Gemeinde ein, wird das Verhältnis von Form und Funktion deutlich komplexer, da sich funktionale Anforderungen mit sozialen, religiösen und kulturellen Dimensionen überlagern.
Mit der Restaurierung und Umnutzung der Rumbach-Synagoge kann das Verlorene nicht zurückgegeben und die ursprüngliche Atmosphäre nicht wiederhergestellt werden. Möglich ist jedoch, die Bedürfnisse der Menschen – sei es der Museumsgäste, der ehemaligen Gemeinde, der Mitarbeiter oder der interessierten Öffentlichkeit –, die mit dem Bau als Architektur einerseits und als Raum andererseits in Austausch treten, zu erfassen, zu verstehen und darauf nach Möglichkeit mit angemessenen architektonischen Formen und Funktionen zu antworten. Während die Architektur zur Zeit Otto Wagners einen Raum für die Auseinandersetzung mit den damaligen gesellschaftlichen und religiösen Fragestellungen schuf, gilt es heute, die Chancen zu nutzen, die der Bau für die Herausforderungen und Fragen der Gegenwart und Zukunft bietet – und zwar fortlaufend.

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