Ein deutscher Professor auf der Durchreise - Riga 1810

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Die Rigaer Gesellschaft im Reisebericht – und was wir aus den zeitgenössischen Quellen dazu lernen.
Franz Xaver Bronners Reise von Aarau in der Schweiz nach 
Kazanʹ
rus. Kazan, rus. Kasan, rus. Каза́нь, und. Казан, und. Kazan

Kasan (Bevölkerungszahl 2024: 1.329.825) ist die größte Stadt an der Wolga. Die Stadt liegt in der russischen Republik Tatarstan. Als Hauptstadt der Republik und eine der größten Städte Russlands ist sie auch einer der wichtigsten Industriestandorte Russlands. Die Stadt zeichnet sich durch einen hohen Anteil tatarischer und muslimischer Bevölkerung aus.

 an der Wolga, wo er eine Professur für Physik antreten sollte, im Jahr 1810 wurde hier schon einmal vorgestellt. Sie führte ihn unter anderem über das 
Baltikum
eng. Baltics, lat. Balticum, deu. Baltische Staaten, deu. Baltische Provinzen

Das Baltikum ist eine Region im Nordosten Europas und setzt sich aus den drei Staaten Estland, Lettland und Litauen zusammen. Das Baltikum wird von knapp 6 Millionen Menschen bewohnt.

 und durch 
Sankt-Peterburg
rus. Leningrad, deu. Sankt Petersburg, eng. Saint Petersburg, rus. Санкт-Петербург, rus. Ленинград, rus. Петроград, rus. Petrograd, rus. Sant-Piter-Burh, rus. Sankt-Piter-Burh

Sankt Petersburg (Bevölkerungszahl 2024: 5.645.943, davon 4.732.198 in der Stadt im engeren Sinne) ist eine Metropole im Nordosten Russlands. Nach Moskau ist sie die zweitgrößte Stadt des Landes. Die Stadt wurde 1703 von Peter dem Großen an der Mündung der Newa in die Ostsee gegründet. Von 1712 bis 1918 war sie die Hauptstadt Russlands. Neben Moskau ist St. Petersburg der wichtigste Industrie-, Bildungs-, Kultur- und Handelsstandort sowie einer der wichtigsten Häfen Russlands. Von 1914 bis 1924 trug die Stadt den Namen Petrograd und von 1924 bis 1991 den Namen Leningrad.
Während des Zweiten Weltkriegs wurde die Stadt vom 8. September 1941 bis zum 27. Januar 1944, also 871 Tage lang, von der deutschen Wehrmacht belagert. In der systematisch von jeglicher Versorgung abgeschnittenen Stadt starben über eine Million Zivilisten.

Historische Orte
Russländisches Kaiserreich
  (
rus. Российская империя, rus. Rossijskaja imperija, eng. Russian Empire, deu. Russisches Zarenreich, rus. Всероссийская империя, rus. Wserossijskaja imperija, deu. Kaiserreich Russland, deu. Russisches Kaiserreich, deu. Russisches Reich, deu. Russländisches Reich, deu. Russländisches Kaiserreich
)
. Die Reinschrift des Reiseberichts, die nur bis St. Petersburg reicht, wurde schon mit Blick auf eine Veröffentlichung abgefasst, zu der es aber nicht kam. Sie unterscheidet sich erstaunlich wenig von den täglichen Niederschriften, die Bronner während der Reise machte und die sich ebenfalls im Staatsarchiv Aargau in der Schweiz erhalten haben. Unser Ehrgeiz im DFG-Projekt „Digitale Editionen historischer Reiseberichte“ war, tatsächlich jeden der im Reisebericht erwähnten 57 
Rīga
deu. Riga, lat. Riga, lit. Ryga, dan. Riga, swe. Riga, yid. rygʿ, yid. ryga, yid. ריגע, pol. Ryga, rus. Riga, rus. Рига, est. Riia

Riga ist die Hauptstadt Lettlands (Bevölkerungszahl 2025: 588.911) und zugleich die mit Abstand größte Stadt des Landes. Sie liegt im Südwesten der historischen Landschaft Livland nahe der Mündung des Flusses Düna (lett. Daugava) in den Rigaischen Meerbusen. Riga war eine bedeutende Handels- und Hansestadt mit einer über Jahrhunderte hinweg einer multiethnischen, doch größtenteils deutschsprachigen Bevölkerung, deren politische Oberherrschaft wiederholt wechselte. Waren es bis zum Ende des Mittelalters vor allem geistliche Herrscher (Erzbistum Riga, Deutscher Orden), die Stadt und Umland für sich beanspruchten, kam die Stadt nach kurzer polnisch-litauischer Herrschaft 1621 zu Schweden. Bereits ein Jahrhundert später wurde Riga Teil des Russländischen Reiches und hier zur Hauptstadt des Ostseegouvernements Livland.

1918 wurde Riga Hauptstadt eines unabhängigen lettischen Staates. Nach der deutschen Besetzung im Zweiten Weltkrieg 1941 wurde die jüdische Bevölkerung Rigas (8% der Gesamtbevölkerung) vor allem im Ghetto eingesperrt, in das auch zahlreiche jüdische Menschen aus dem damaligen Gebiet des Deutschen Reichs deportiert wurden. Noch im selben Jahr organisierte die Wehrmacht Massenerschießungen der jüdischen Bevölkerung auf dem Gebiet der heutigen Stadt. Nach dem Zweiten Weltkrieg änderte sich die ethnische Struktur von Riga – die jüdische, deutsche und polnische Bevölkerung verschwand, und an ihre Stelle traten die russische, weißrussische und ukrainische Bevölkerungsgruppen. Die lettische Bevölkerung verlor ihre Mehrheit in der Stadt, und sank bis zum Zerfall der Sowjetunion auf fast ein Drittel. Inzwischen beträgt ihr Anteil 47% der Gesamtbevölkerung.

 Orte auch auf der Karte zu lokalisieren (https://qgiscloud.com/IOS_Regensburg/Bronner_Riga/).
Das Baltikum war im 18. und frühen 19. Jahrhundert für gebildete Deutsche zwar nicht selten ein Reise- und Auswanderungsziel an sich, aber noch häufiger war es wie bei Bronner Durchreiseland auf dem Weg nach 
Russländisches Kaiserreich
rus. Российская империя, rus. Rossijskaja imperija, eng. Russian Empire, deu. Russisches Zarenreich, rus. Всероссийская империя, rus. Wserossijskaja imperija, deu. Kaiserreich Russland, deu. Russisches Kaiserreich, deu. Russisches Reich, deu. Russländisches Reich

Das Russländische Kaiserreich (auch Russisches Reich, Russisches Kaiserreich oder Kaiserreich Russland) war ein von 1721 bis 1917 existierender Staat in Osteuropa, Zentralasien und Nordamerika. Das Land war Mitte des 19. Jahrhunderts das größte zusammenhängende Reich der Neuzeit. Es wurde nach der Februarrevolution im Jahr 1917 aufgelöst. Der Staat galt als autokratisch regiert und wurde von ungefähr 181 Millionen Menschen bewohnt.

. Außerdem standen für Reisende zu jener Zeit nicht ausschließlich die Fremdartigkeit und Exotik eines anderen Landes im Mittelpunkt, sondern diese konkurrierten stark mit dem Wunsch nach Geselligkeit – mit anderen Worten nach Begegnung mit Leuten, die interessant, nützlich und kommunikabel waren.
Wir sehen das sehr schön in zwei Reiseberichten, die Bronner sicher gelesen hat, weil sich zeitgenössische Ausgaben in der Aargauer Kantonsbibliothek erhalten haben, nämlich der Schilderung Johann Bernoullis über seine Reise von Berlin nach St. Petersburg in den Jahren 1777 bis 1778 und in Johann Gottfried Seumes „Mein Sommer 1805“1: Von den örtlichen Bekannten wurde man an deren Bekannte weitergereicht, dem folgten weitere Einladungen; Spaziergänge und Ausflüge zu örtlichen Sehenswürdigkeiten waren Ehrenpflicht der Gastgeber. Seume brachte es in St. Petersburg, wie er behauptet, ohne eigenes Zutun, sogar bis zu einer Audienz bei der Kaiserin-Mutter und zu einer anschließenden Einladung ins kaiserliche Hoftheater.
Bei seinem Aufenthalt in Riga, der vom 28. August bis zum 4. September 1810 dauerte, tauchte Bronner nach der Begegnung mit der befremdlichen Welt der lettischen Leibeigenen wieder in eine vertraute deutschsprachige und akademische Welt ein. Von einem eigenen Besuchsprogramm spricht Bronner nicht – wie überhaupt selten auf seiner Reise; offensichtlich ist es, anders als etwa bei Bernoulli, bescheiden und rein pragmatisch ausgerichtet. Aber davon ausgehend folgten nach dem Schneeballsystem weitere Einladungen. Eine sehr günstige Quellenlage erlaubt uns zu zeigen, dass dies keineswegs ohne Absichten und Hintergedanken geschah.

Buchhändler: Werben um den Kazan’er Professor

Ein offenbar dringendes Anliegen Bronners war, Kontakte mit Buchhändlern zu knüpfen, die ihm später Literatur nach Kazan’ liefern konnten. Das war ein Wunsch auf Gegenseitigkeit. Die sicher bedeutendste und bekannteste Buchhandlung in Riga war diejenige von Carl Johann Gottfried Hartmann (1770–1828), bis 1800 im Besitz von Vater und Sohn Hartknoch. Hartmann setzte auf Angeberei und Aufdringlichkeit, womit er Bronner auf die Nerven ging. Sein Angestellter klärte Bronner darüber auf, dass Zeitschriften nur über die Universität bezogen werden dürften – er musste es wissen, denn sein Prinzipal war zweieinhalb Jahre vorher für drei Monate aus Riga verbannt worden, weil er Zeitschriften illegal eingeführt hatte.
Verbindlicher zeigte sich der etwas jüngere Johann Friedrich Meinshausen (1782–1835), der seine Buchhandlung erst anderthalb Jahre vorher übernommen hatte und sich außerordentlich um Bronner bemühte. Unter anderem lud Meinshausen Bronner bei sich zu Hause zu einem Essen mit dem Stadtbibliothekar Gotthard Tobias Tielemann (1773–1846) ein, ohne Zweifel in der Hoffnung, dass Tielemann ihn als verlässlichen Bücherlieferanten empfehlen würde; bald sollte Meinshausen übrigens auch Tielemanns Verleger werden.
Meinshausen machte Bronner auch mit dem 
Tartu
deu. Dorpat, rus. Дерпт, rus. Derpt, rus. Юрьев, deu. Dörpt, rus. Ûrʹev, lat. Tharbete, lat. Darbete, lat. Tharbatum, lat. Tharbatas, rus. Gurʹev, rus. Гурьев, est. Tarto, est. Tardo, deu. Tarto, deu. Darbt, lat. Tarbato, lat. Tharbatense, rus. Тарту, rus. Tartu, lat. Tarbatu

Tartu (Bevölkerungszahl 2025: 96.506) ist die zweitgrößte Stadt Estlands. Sie liegt im Südosten des Landes und damit im Norden der historischen Landschaft Livland. Tartu liegt nahezu mittig zwischen den beiden größten Seen des Landes, dem Võrtsjärv (Wirzsee) und dem Peipussee, den sich Estland mit der Russischen Föderation teilt.

Tartu ist seit Jahrhunderten ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt und ein traditionsreiches Bildungszentrum. Berühmt ist sie für ihre 1632 und damit noch unter schwedischer Herrschaft gegründete Universität. Sie ist bis heute die größte Universität Estlands und Mitglied der Coimbra-Gruppe, einem Netzwerk besonders traditionsreicher und international herausragender europäischer Universitäten. Gleichzeitig ist Tartu auch Standort zahlreicher Museen, darunter des Estnischen Nationalmuseums und des Estnischen Literaturmuseums.

 Professor Friedrich Eberhard Rambach (1767–1826) bekannt, der gerade zur Schulvisitation nach Riga gekommen war. Visitationen, das heißt regelmäßige Besuche und Überprüfungen durch eine vorgesetzte Instanz nach kirchlichem Vorbild, gehörten damals zu den Aufgaben der Universitäten und ihrer Professoren in den jeweiligen Lehrbezirken. Während Rambach Bronner nur höflich zum gemeinsamen Theaterbesuch aufforderte, hatte Meinshausen ihn schon zu einer Abendveranstaltung mit der Rigaer Bildungselite in der Gesellschaft „Euphonie“ eingeladen, die offenkundig für Rambach organisiert worden war.
Meinshausen hatte im Juni 1810 die Dorpater Universitätsbuchhandlung gekauft und fühlte sich seitdem als Universitätsbuchhändler und Universitätsbürger – etwas voreilig, wie die Gerichtsakten zeigen, denn ein Prozess mit seinem Vorgänger zog sich mindestens bis 1817 hin, und auch danach kam Meinshausens Filiale in Dorpat nicht recht auf die Beine. Dass er nicht wie sein Konkurrent Hartmann wegen offener Bücherrechnungen im Rechtsstreit mit Dorpater Professoren, darunter auch mit Rambach, lag, sprach für seinen weicheren und umgänglicheren Charakter, aber nicht unbedingt für seine Qualitäten als Geschäftsmann, was wohl auch Bronner erkannte. Jedenfalls machte Hartmann später das Rennen um Bronners Bücherbestellungen aus Kazan’, wie wir aus dessen Brief an Bertuch in Weimar aus dem Jahr 1811 erfahren.

Zu Gast bei der Bildungselite

Bronner wurde im Weiteren sicher nicht zu den internen Veranstaltungen der Schulvisitation hinzugezogen, sehr wohl aber zu den Einladungen der Rigaer Bildungselite, die sich bei Rambach – und manchmal auch bei dessen Professorenkollegen Bronner – empfehlen wollte.
Die erste Einladung war die besagte zu einem Abendessen in der Euphonie, einer bürgerlichen Gesellschaft, die 1797 anstelle einer noch von Katharina II. verbotenen Freimaurerloge gegründet worden war. Gastgeber war neben Meinshausen Ernst Schuderoff (1775–1817), der ursprünglich Lehrer gewesen war, aber inzwischen als Jurist arbeitete, nachdem er 1803 mit einer Bewerbung als Direktor des zweiten Rigaer Gymnasiums, des Lyzeums, gescheitert war. Aus erhaltenen Briefauszügen von Johann August Leberecht Albanus, der 1804 livländischer Gouvernements-Schulen-Direktor wurde, geht hervor, dass Schuderoff mit seinem damaligen Taktieren heftigen Widerwillen hervorgerufen hatte und auch für ungeeignet gehalten wurde. Auch Bronner schildert im Reiseberichtsentwurf sein Verhalten nicht ganz schmeichelhaft: „il s’acrochoit à moi, würde ein Franzose gesagt haben“. Offensichtlich hatte Schuderoff die Hoffnung auf eine Schullaufbahn noch nicht aufgegeben – wenn nicht in Riga, dann eben in Kazan’. Er setzte sich ein paar Tage später mit einer großen Einladung in den Garten seines Schwiegervaters noch ein weiteres Mal in Szene. 

Karl Leberecht Albanus, Karl Gottlob Sonntag und die Mädchenschulen

Die nächste Einladung sprach der eben erwähnte Albanus (1765–1839) aus. Bronner schildert ihn als „wohlhabenden Gelehrten“, was auch dem Eindruck seiner Zeitgenossen entsprach, denn Albanus hatte neben seinem Schulamt auch noch mehrere geistliche Ämter inne, die ihm aber zum Ärger seiner Mitbrüder nicht so wichtig zu sein schienen.
Bei Albanus traf Bronner den livländischen General-Superintendenten Karl Gottlob Sonntag (1765–1827). Er hatte damit ein Amt inne, das in den lutheranischen Staatskirchensystemen in etwa das des Bischofs fortsetzte. Der umfangreiche Nachlass dieser herausragenden Persönlichkeit, der in Rigaer und Tartuer Archiven liegt, harrt noch der Aufarbeitung. Er war ein unerschrockener Kämpfer gegen die Leibeigenschaft in 
Livland
est. Liivimaa, lav. Livonija, dan. Lyffland, swe. Livland, eng. Livland, deu. Vidzeme, lat. Livonia, rus. Lifliandiia, rus. Lifljandija, rus. Liflândiâ, rus. Лифляндия, rus. Livonija, rus. Livoniâ, rus. Ливония, rus. Vidzeme, rus. Видземе, pol. Liwlandia, lat. Terra Mariana, rus. Livoniia, rus. Livonya, rus. Liwonija, deu. Eifland, deu. Liefland, dan. Livland, eng. Livonia

Livland (lett. Livonija, estn. Liivimaa) ist eine historische Landschaft im Baltikum. Sie umfasst den südlichen Teil des heutigen Estlands und den nördlich des Flusses Düne gelegenen Teil des heutigen Lettlands. Benannt wurde die Landschaft nach der heute nur noch sehr kleine Bevölkerungsgruppe der Liven (auch: Livonen/Livonier).

Historisch kann sich der Name Livland auf weitere, unterschiedliche Zusammenhänge beziehen. Prägend für das heutige Verständnis der historischen Region ist vor allem das gleichnamige Gouvernement, das eines der drei Ostseegouvernements des Russländischen Reiches war. Es bestand seit Beginn des 18. Jahrhunderts und insgesamt bis 1918. Hauptstadt war das an der Dünamündung gelegene Riga.

Zuvor war Livland namensgebend für weitere Staaten und Staatenverbünde, allen voran für die Livländische Konföderation, die seit dem Hochmittelalter bestand. Zur Konföderation gehörten der livländische Teil des Deutschordensstaates sowie regionale geistliche Staaten. Die Konföderation umfasste dabei auch große weitere Teile der heutigen Staaten Lettland und Estland. Nach Auflösung der Konföderation wie auch des Deutschordensstaates im 16. Jahrhundert wechselte die Oberhoheit mehrfach. Ohne die südlichen und nördlichen Gebiete kam Livland zunächst unter polnisch-litauische Herrschaft, später auch unter schwedische Oberhoheit, bevor es im Zuge des Großen Nordischen Krieges (1700-1721) unter russische Herrschaft kam. Prägend für die soziale Binnenorganisation des ländlichen Raumes war bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts vor allem die zentrale Rolle des landbesitzenden deutschsprachigen Adels.

, was ein 2018 erschienener Aufsatz der Osteuropa-Historikerin Ulrike Plath höchst scharfsinnig beleuchtet.2 1803 hatte er damit sogar Verstimmung bei Alexander I. ausgelöst. Ebenso entschieden verteidigte er die Rechte und Interessen der Kirche, nicht nur gegen russische Beamte in St. Petersburg, sondern auch gegenüber dem Dorpater Physikprofessor Georg Friedrich Parrot (1767–1862), mit dem er auf vielfältige Weise freundschaftlich und auch verwandtschaftlich verbunden war. Parrot war ebenfalls eine machtvolle Persönlichkeit. Er hatte durch seinen Einfluss bei Alexander I. erreicht, dass die Dorpater Universität nicht dem regionalen Adel unterstellt wurde, und er versuchte auch den Einfluss der Geistlichkeit auf die Schulen zu beschneiden. Zu Parrot gibt es jetzt eine vorzügliche und sehr ausführliche estnische Biografie von Epi Tohvri.3
General-Superintendent Sonntag stand 1810 auf dem Höhepunkt seines öffentlichen Wirkens. Er berichtete Bronner von seinem Einsatz für die Gründung von Mädchenschulen und davon, dass eine seiner Konfirmandinnen Geld dafür gesammelt habe. Diese Erzählungen werden durch Pressemeldungen aus dem Jahr 1810 eindrücklich bestätigt, wobei es tatsächlich um Mädchen-Freischulen ging, also um kostenlose Elementarbildung für Mädchen aus ärmeren Bevölkerungsschichten. Auch die Kaiserin spendete bei ihrem Besuch Geld für diesen Zweck. Im Zug der Bildungsdiskussion war es um die Wende zum 19. Jahrhundert europaweit zur Gründung neuer und zur Reformierung alter Schulen gekommen. Die Gründung neuer Universitäten in Russland, u. a. in Dorpat und Kazan’, und die Schaffung von Lehrbezirken unter Aufsicht der Universitäten waren eine Folge davon. Speziell in Riga war schon in den 1790er Jahren eine starke Bewegung für die Mädchenbildung entstanden, die zur Schaffung von Töchterschulen für die höheren Stände und von kostenlosen Elementarschulen für die niederen Stände führten. Diese Schulen waren entweder private Anstalten, die Schulgeld verlangten, oder sie wurden durch „Subskriptionen“ finanziert, wo sich Privatpersonen für eine bestimmte Anzahl von Jahren zur Zahlung einer bestimmten Summe verpflichteten. Wichtige Vorkämpfer waren unter anderem Albanus, Sonntag und Parrot.

Carl August Jacobi und die Taubstummenschulen

Ähnliches gilt für die Taubstummenbildung. Albanus hatte die Gruppe vorher noch zu Carl August Jacobi geführt, der eine private Schule für Taubstumme unterhielt. Albanus hatte selbst, wie Akten im Estnischen Staatsarchiv zeigen, im Jahr 1806 eine Umfrage unter den Schulinspektoren über die Lage der Taubstummen veranlasst. Jacobi wurde am folgenden Tag auch der Kaiserin vorgestellt und erhielt von ihr ebenfalls Geld, das ihm wohl ein Jahr lang weiterhelfen mochte. Aber aus Mangel an Unterstützung und angesichts des Krieges verließ er 1812 Riga und kam im besetzten 
Moskva
eng. Moscow, deu. Moskau, rus. Москва, rus. Kučkov, rus. Kučkovo, rus. Кучков, rus. Кучково, rus. Moskov, rus. Moskovʺ, rus. Московъ, rus. Москов

Moskau (Bevölkerungszahl 2024: 13.146.907) ist die Hauptstadt der Russischen Föderation und die bevölkerungsreichste vollständig in Europa gelegene Stadt. Sie liegt im Westen des Landes. Moskau ist zugleich die Hauptstadt des Föderationsbezirks Zentralrussland. Die Verwaltungseinheit "Stadt von föderaler Bedeutung Moskau" umfasst mit einer Bevölkerungszahl von 13.258.262 Personen einige weitere Orte. Die Stadt bildet das mit Abstand wichtigste politische, wirtschaftliche, wissenschaftliche und kulturelle Zentrum des Landes.

Moskau entstand etwa im 11./12. Jahrhundert. Die Entstehung der Wehranlage (Kreml) wird auf den Beginn der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts datiert. Im 13. Jahrhundert wurde Moskau zur Hauptstadt eines Teilfürstentums des Großfürstentums Wladimir. Im 14. Jahrhundert setzten sich die Fürsten von Moskau als die Herrscher der gesamten Rus durch. Diese war jedoch 1247-1480 tributpflichtig gegenüber der Goldenen Horde, welche 1238 Moskau verwüstete. 1571 wurde die fast vollständig aus Holz bestehende Stadt von tatarischen Truppen niedergebrannt. Zu diesem Zeitpunkt war Moskau jedoch bereits das unumstrittene Machtzentrum Russlands. 1687 wurde in der Stadt die erste Hochschule, 1775 die erste Universität eröffnet. Peter der Große verlegte 1712 die Hauptstadt nach Sankt Petersburg. Neben dem Machtverlust geschwächt durch Unruhen und Seuchen blieb ihre Entwicklung hinter jener der neuen Hauptstadt zurück. Einen tiefen Einschnitt in die Entwicklung von Moskau brachte der Einmarsch der napoleonischen Truppen 1812, zu deren Abwehr die Stadtbevölkerung ihre Häuser in Brand steckte. Der rasch begonnene Wiederaufbau verlieh Moskau ein modernes Stadtbild.

Nach der Oktoberrevolution und dem erneuten Umzug der Hauptstadt nach Moskau 1918 erlebte die Stadt einen enormen Ausbau der öffentlichen Infrastruktur, auch zahlreiche Vorzeigebauten wurden bis zum Zweiten Weltkrieg errichtet. Der Zubau der Wohnflächen konnte jedoch nie dem Bevölkerungswachstum schritthalten. Dieses konnte auch durch diverse, teilweise bis heute geltende Zuzugseinschränkungen nicht gebremst werden. Allerdings wuchs die Stadt auch durch Eingemeindungen, insbesondere in den Jahren 1960 und 2012.

1980 wurden in Moskau die Olympischen Sommerspiele ausgetragen. In den Folgejahren erfasste jedoch die zunehmende Krise in der Sowjetunion auch die Stadt, die nach den dezentralen Bewegungen in den Republiken und Unruhen in Russland selbst schließlich vom Putschversuch 1991 direkt betroffen war. Nach dem endgültigen Zerfall der Sowjetunion Ende 1991 blieb Moskau die Hauptstadt Russlands. Seitdem wird insbesondere das Stadtzentrum immer stärker von modernen, repräsentativen Bauten geprägt. Weitere Merkmale der Entwicklung der Stadt in der postsowjetischen Ära sind der Wiederaufbau der in der Sowjetzeit zerstörten oder umgewidmeten Kirchen, die Renovierung der Gebäude aus der vorsowjetischen Zeit im Stadtkern sowie der Ausbau der Verkehrsinfrastruktur an den Rändern.

 um.

Wilhelm Christian Friebe: Buchmarkt und Heiratsmarkt

Am Tag vor Bronners und Rambachs Abreise, lud noch Wilhelm Christian Friebe (1761–1811) zu sich ein. Er war seit 1801 als Nachfolger des zum Professor berufenen Parrot ständiger Sekretär der Gemeinnützigen livländischen ökonomischen Gesellschaft und seit 1804 auch Schulinspektor des Rigischen Kreises. Er hatte Bronner vor dem gemeinsamen Essen in die Hartmann’sche Buchhandlung „bestellt“ – vermutlich auf Betreiben dieses Konkurrenten Meinshausens, denn Hartmann war Friebes Verleger. Bei Friebe traf Bronner dann „zwey wohlbeleibte Professorsfrauen aus Wilna, Schwarz und Lobenwein“, „eine Mslle Langwitz und vier andere Damen seiner Bekanntschaft“. Die drei Erstgenannten waren am 29. Juni gemeinsam, von dem Badeort Baldon (lett. Baldone), d. h. aus Richtung Wilna kommend, in Riga eingetroffen. Als Wilnaer Professorengattin ist freilich nur Sophia Margarete Lobenwein, eine geborene Langewitz aus Riga, zu identifizieren. Mademoiselle Langewitz war sicher eine jüngere Verwandte von ihr, und Frau Schwarz (tatsächlich: Schwartz) die Gattin des Rigaer Ratsmitglieds Johann George Schwartz, der schon lange mit der Bildungsszene der Stadt verbunden war.
In der Gesellschaft trat auch noch ein Herr „Lorenzi“ auf, der Bronner in einer Schweizer Buchhandlung gesehen haben wollte und der zu dessen Verdruss über die Schweiz zu dozieren begann. Vermutlich handelte es sich um Heinrich Karl Laurenty (1780–1840), der nach dem Abschluss seines Göttinger Jurastudiums 1801 drei Jahre lang als Hauslehrer am Genfer See gelebt hatte. Er war gerade erst kürzlich über 
Kaliningrad
rus. Калинингра́д, deu. Königsberg

Kaliningrad ist eine Großstadt im heutigen Russland mit fast 500.000 Einwohner:innen. Sie liegt in der Oblast Kaliningrad, einer russischen Exklave zwischen Litauen und Polen, die ungefähr dem nördlichen Teil der preußischen Provinz Ostpreußen vor 1945 entspricht (heute litauische Gebiete ausgenommen). Vor 1945 war Königsberg nicht nur Hauptstadt der Provinz und die nordöstlichste Großstadt Preußens, sondern ab 1724 auch Königliche Haupt- und Residenzstadt in Preußen.

 und „
Litauen
eng. Lithuania, lit. Lietuva

Litauen ist ein baltischer Staat im Nordosten Europas und wird von ungefähr 2,8 Millionen Menschen bewohnt. Vilnius ist die Hauptstadt und bevölkerungsreichste Stadt Litauens. Das Land grenzt an die Ostsee, Polen, Weißrussland, Russland und Lettland. Erst im Jahr 1918 erlangte Litauen Unabhängigkeit, die das Land nach mehreren Jahrzehnten der Eingliederung in die Sowjetunion 1990 wiedererlangte.

“ nach Riga gekommen. Vermutlich hatte ihn der Wilnaer Professor Johann Lobenwein an Friebe für den Schuldienst empfohlen. Eine Anstellung erhielt er im kurländischen 
Bauska
pol. Bowsk

Bauska ist eine Stadt im Süden Lettlands, nahe der Grenze zu Litauen. Sie hat knapp 10.000 Einwohner.

 freilich erst Ende 1811 – um so mehr hatte er Grund, einen angehenden Professor im Kazan’er Lehrkreis auf sich aufmerksam zu machen.
Die fünf jungen oder „jüngeren“ Damen wollte Friebe möglicherweise nicht nur mit Laurenty bekanntmachen, sondern auch mit Bronner. Dieser hatte durchaus Interesse – jedoch nicht in diesem Fall. Vor seiner Abreise nach Russland hatte seine langjährige Züricher Angebetete ihm einen Korb gegeben und in Weimar hatte er sich daraufhin vergebens um eine der Töchter Wielands bemüht.

Herr Elsingk und die „Bleibeverhandlungen“

Ein Ort, der immer wieder als Treffpunkt diente, war „bei Herrn Elsing“. Gemeint ist Jacob Bernhard Elsingk (1782–1846), aus Riga gebürtig, ausgebildeter Apotheker, ausgesprochener Protégé Parrots, dessen physikalisches Kabinett er als Gehilfe betreute. Er wohnte vermutlich im Haus seines Schwiegervaters Johann Ulrich Baer am Eck Steegegasse/Scheunenstraße (heutige Adresse: Škūņu iela 6). Er erkundigte sich bei Bronner nach einer möglichen Anstellung in Kazan’; Bronners Eindruck, dass es Elsingk „nur um einen neuen Ruf zu thun wäre, damit er Anlaß fände, eine Vermehrung seiner Besoldung zu erwirken“, war völlig richtig: Der frischgebackene Vater bekam nur einen knappen Monat später vom Universitätsconseil unter Hinweis auf seine Bemühungen um „ein anderweithiges Engagement“ endlich eine Festanstellung, ein besseres Gehalt und eine Dienstwohnung bewilligt.

Was war?

Bronner bewegte sich in Riga, so möchte man am Ende dieses kurzen Berichts sagen, zwar hauptsächlich unter seinesgleichen, aber doch in einem durchaus komplexen sozialen Umfeld. Die Eindrücke, die er mitbekam, die Informationen, die ihm vermittelt wurden, waren durchaus zutreffend. Er war umworben, zumindest von unterversorgten Teilen der Bildungselite der Stadt, sowie vor allem von Buchhändlern, die als Importeure aus Europa mit der neuen Universität Kazan’ ins Geschäft kommen wollten. Und als gute Partie galt er auch. Trotz unzureichender Kenntnis der Hintergründe verstand er offenbar ziemlich genau, wer was von ihm wollte – und wusste sich zu wappnen.

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