Ein lettischer Valiant

Porträt einer widerstandsfähigen Exilgeneration, lesbar in Rost und verblasster Farbe
,
2018 schenkte Juris Bļodnieks dem Museum „Latvians Abroad“ einen 1971er Plymouth Valiant – besprüht, fahruntüchtig und zwei Jahrzehnte unter einer Plane geparkt. Das Auto erzählt von lettischer Exilkultur in Nordamerika, von Protest, Patriotismus und der kreativen Ausdruckskraft der zweiten Generation im Ausland.
Die Geschichte des Autos beginnt Jahrzehnte zuvor, mit der Welle von Letten, die während des Zweiten Weltkriegs vor dem Vormarsch der 
Sowjetunion
eng. Soviet Union, deu. Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, rus. Sovetskiy Soyuz, rus. Советский Союз, . Совет Ушем, . Советонь Соткс, rus. Sovetskij Soûz, . Советий Союз, yid. ראַטן־פֿאַרבאַנד, yid. סאוועטן פארבאנד, yid. sovətn farband, yid. sovʿtn-farband, yid. sovətn-farband, . Советтер Союзу, . Совет Союзы, . Советон Цæдис, . Совет Эвилели

Die Sowjetunion (SU oder UdSSR) war ein von 1922 bis 1991 bestehender Staat in Osteuropa, Zentral- und Nordasien. Sie ist aus dem sog. Sowjetrussland hervorgegangen, dem Nachfolgestaat des Russländischen Kaiserreichs. Den Kern der Union und zugleich ihren größten Teil bildete die Russische Sowjetrepublik, hinzu kamen weitere Teilrepubliken. Ihre Zahl variiert über die Zeit hinweg und steht im Zusammenhang mit der Besatzung anderer Länder (Estland, Lettland, Litauen), nur kurzzeitig bestehenden Sowjetrepubliken (Karelo-Finnland) oder mit der Teilung bzw. Zusammenlegung von Sowjetrepubliken. Zusätzlich gab es zahlreiche autonome Republiken oder sonstige Gebietseinheiten mit einem Autonomiestatus, der sich im Wesentlichen auf eine sprachliche Autonomie der Minderheiten beschränkte.

Die UdSSR bestand vor ihrer formellen Auflösung aus 15 Sowjetrepubliken mit einer Bevölkerung von ungefähr 290 Millionen Menschen. Mit ca. 22,4 Millionen km² bildete sie den damals größten Flächenstaat der Welt. Die Sowjetunion war eine sozialistische Räterepublik mit einem Einparteiensystem und einer fehlenden Gewaltenteilung.

 nach Westen flohen. Rund 180.000 Letten landeten in DP-Camps in ganz Europa. Die meisten glaubten zunächst, dass ihr Exil nur von kurzer Dauer sein würde, und hofften auf ein freies 
Lettland
eng. Latvia

Die Republik Lettland erklärte am 18. November 1918 ihre Unabhängigkeit, die sie erst infolge des Lettischen Unabhängigkeitskrieges 1918-1920 und des Friedens von Riga (1920) wirklich erlangte. Zuvor existierte auf dem Gebiet Lettlands zudem noch die kurzlebige lettische Sozialistische Sowjetrepublik (1918/1919).
Die Verfassung des unabhängigen Lettlands wurde durch den Staatstreich am 15. Mai 1934 teilweise außer Kraft gesetzt. Ab 1940 wurde Lettland durch die Sowjetunion besetzt und als lettische Sozialistische Sowjetrepublik Unionsrepublik der UdSSR. Zwischen 1941 und 1944 wurde Lettland auch von den Nationalsozialisten besetzt.

. In diesen Flüchtlingsgemeinschaften bauten die Letten ein neues kulturelles Leben auf – sie organisierten provisorische Schulen, Handwerkswerkstätten, Verlage, Wandertheaterensembles und sogar nationale Liederfeste.
Politisches Engagement war ein wichtiger Teil dieses kulturellen Lebens. 1947 veröffentlichte der Zentralrat Lettlands im DP-Lager Meerbeck eine „ Charta für Letten im Exil Charta für Letten im Exil Die Charta für Letten im Exil, die auf der außerordentlichen Sitzung des Lettischen Zentralrats im April 1947 in Meerbeck, Deutschland, verabschiedet wurde, gilt als inoffizielle Verfassung der lettischen Exilgemeinde und als Grundlage für deren Identität und Aktivitäten. Die endgültige Fassung der Charta wurde später in der Grafikwerkstatt des lettischen DP-Lagers Fischbach angefertigt, wobei Jānis Šternbergs den dekorativen Rahmen schuf und Edmunds Lācis die Kalligraphie beisteuerte. ” . Mehr als ein politisches Dokument war es ein poetischer Aufruf zum Handeln:

Meine erste Pflicht im Exil ist es, für die Freiheit des lettischen Volkes und die Zukunft Lettlands zu kämpfen, wo und wie auch immer ich noch dazu in der Lage bin, im vollen Bewusstsein meiner Verantwortung gegenüber den unzähligen vergangenen und zukünftigen Generationen.

Švābe, Arveds. Latvieša stāja svešumā. 1947. Latvians Abroad - Museum and Research Centre collection, Rīga.

... Damit ich nach langen Wochen des Leidens eines Tages die Wiederauferstehung Lettlands miterleben und als Pilger zurückkehren kann, unberührt von fremdem Staub und Illusionen, muss ich die Klarheit des lettischen Geistes, die Tugend der Selbstaufopferung und die moralische Stärke bewahren.

Švābe, Arveds. Latvieša stāja svešumā. 1947. Latvians Abroad - Museum and Research Centre collection, Rīga.
Die Charta wurde von lettischen Künstlern illustriert, gedruckt und unter Flüchtlingen verteilt. Viele nahmen sie mit, als sie in die USA, nach Kanada, Australien und Südamerika auswanderten. Sie drückte eine Erwartung aus: dass die Letten im Exil nicht einfach nur im Ausland überleben, sondern dort weiterhin als Letten leben würden, bis zu ihrer triumphalen Rückkehr ins Mutterland:
Die Grundsätze der Charta wurden von vielen, die sich in ihren Aufnahmeländern ein neues Leben aufbauten, aktiv gepflegt. Nach Ablauf ihrer obligatorischen Arbeitsverträge in abgelegenen Gebieten versammelten sich die Letten in größeren Zentren, wo lettische Gemeinden gegründet, Gemeinschaftseigentum erworben und regelmäßige gesellschaftliche und gemeinschaftliche Veranstaltungen zu einem Teil des wöchentlichen Lebens im Exil wurden.

Die nächste Generation

Viele der Kinder der Vertriebenen wurden von dieser Mission geprägt. Zu Hause sprachen sie Lettisch. An den Wochenenden gingen sie zur lettischen Schule anstatt mit Gleichaltrigen Sport zu treiben. Dort lernten sie lettische Geschichte, Folklore und Geografie – über ein Land, das sie oft noch nie besucht hatten. Obwohl sie in demokratischen Ländern lebten, wurde ihre Identität von politischer Ungerechtigkeit und kultureller Verpflichtung geprägt.
Die Kinder wurden schon in jungen Jahren zu politischen Demonstrationen mitgenommen – die neue Generation wuchs unter dem Einfluss der politischen Haltung und Zielstrebigkeit ihrer Eltern auf. Sarma Muižniece, geboren 1960, erinnert sich daran, wie sie sich 1975 in ihrem lettischen Sommercamp auf einen politischen Protest vorbereitete, der für sie wie ein Übergangsritus war:

Pēteris Graube kam zur Kursa-Sommerhochschule und bereitete uns vor. Er setzte uns hin und sagte uns, dass wir uns über die Farbverhältnisse von Flaggen im Klaren sein müssten, da wir vorhatten, die sowjetische Flagge zu verbrennen. Er sagte uns, dass wir keine synthetischen Materialien verwenden sollten, die entweder schmelzen oder nicht brennen würden. Er erklärte uns, wie wir mit Menschen umgehen sollten, die aggressiv auf unsere Demonstration reagieren könnten. Er erklärte uns all diese Demonstrationstaktiken auf eine erwachsene Art und Weise. Und natürlich sind wir in diesem Moment erwachsen geworden. Wir waren nicht länger Kinder, die mitgeschleppt wurden, weil unsere Eltern demonstrieren wollten.

Muižniece Liepiņa, Sarma. Nyet, Nyet Soviet. Stāsti par latviešu politiskajām demonstrācijām trimdā, eds. Marianna Auliciema, Kristīne Beķere, Maija Hinkle, Arta Savdona, Brigita Tamuža, Ieva Vītola, Juris Zalāns, Lilita Zaļkalne, Latvieši pasaulē - muzejs un pētniecības centrs, 2018, 86
Obwohl in Diasporagemeinschaften das kulturelle Engagement in der Regel mit jeder Generation abnimmt, blieben viele Letten der zweiten Generation stark engagiert. Sie trafen sich regelmäßig in Sommerlagern, auf Jugendkongressen und Liederfesten und nahmen dafür weite Reisen auf sich. Einige besuchten sogar das Lettische Gymnasium Münster, Deutschland, das eine vollständige Gymnasialausbildung in lettischer Sprache anbot – viele Nordamerikaner besuchten es nur für ein einziges Abschlussjahr (das 13. Schuljahr). Ihre Eltern unterstützten dieses engmaschige soziale Netzwerk, unter anderem durch die Finanzierung von Reisen und die Teilnahme an lettischen Veranstaltungen an weit entfernten Orten – oft in der Hoffnung, dass ihre Kinder innerhalb der Gemeinschaft heiraten und die dritte Generation lettischer Exilanten großziehen würden.

Vom „Hochzeitsmobil“ zum Protestfahrzeug

Eine solche Gemeinschaftsfeier war eine Hochzeit in den frühen 1980er Jahren, die Juris Bļodnieks dazu inspirierte, sein Auto zu bemalen. Beeinflusst von der Komödie „Animal House“ aus dem Jahr 1978, in der ein umgebautes „Deathmobile“ zu sehen war, verwandelten Juris und seine Freunde seinen gebrauchten  Plymouth Valiant
Plymouth Valiant
Der Plymouth Valiant war ein zwischen 1959 und 1976 produziertes Automodell (bzw. eine Modellreihe) der Fahrzeugmarke Plymouth, die zum US-amerikanischen Chrysler-Konzern gehörte. Auf dem nordamerikanischen Markt wurde er als Sedan der Mittel- bzw. Kompaktklasse vertrieben und gehörte wegen seiner Zuverlässigkeit, einfache Technik und Langlebigkeit zum beliebten Alltagsfahrzeug. In Europa galt er als Großwagen. Der Wagen wurde auch in Argentinien, Kanada, Mexiko, Australien, Neuseeland, Südafrika, Schweden und der Schweiz sowie den Niederlanden produziert bzw. montiert. Die lokalen Ausführungen unterschieden sich oft von den Modellen für den US-Markt. Bis 1960 wurde er in den USA, später in v.a. in anderen amerikanischen Ländern als Eigenmarke Valiant, in Australien, Neuseeland und Südafrika als Chrysler verkauft.
 in ein „Hochzeitsmobil“. Bemalt mit Texten lettischer Volkslieder, humorvollen Slogans und einem riesigen Herzen mit den Namen des Paares, wurde es zu einer von der amerikanischen Popkultur inspirierten Hommage an die lettische Liebe im Exil.
Als sich der Kalte Krieg hinzog und die Erinnerung an die Unabhängigkeit Lettlands aus dem globalen Bewusstsein verschwand, wurde die Mission schwieriger. Vita Tērauda, eine lettisch-amerikanische Aktivistin, erinnert sich an die Frustration, mit amerikanischen Freunden über die Besetzung Lettlands zu sprechen:

Sie wussten nicht nur nichts über Lettland, sondern gingen auch davon aus, dass alle Menschen in der Sowjetunion Russen seien. Eine einfache Annahme, dass es nur eine Nationalität und eine Sprache gibt – dass sich alle assimiliert haben.

Pelecis, Mara, director. Valiant! A Car, a Cause, and the Cold War. Latvians Abroad - Museum and Research Centre, 2022
Lettisch-amerikanische Jugendliche begannen, immer mutigere Aktionen zu starten, um auf die Notlage eines Landes aufmerksam zu machen, das nur wenige auf einer Landkarte finden konnten. 1980, während der Madrider Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa Madrider Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa Die Madrider Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (1980–1983) war eine Folgekonferenz zu den Helsinki-Abkommen von 1975, bei der europäische Staaten, die USA, Kanada und die Sowjetunion zusammenkamen, um die Einhaltung von Menschenrechts- und Sicherheitsverpflichtungen zu überprüfen. Die Lage der besetzten baltischen Staaten wurde von den westlichen Delegationen auf der Madrider Konferenz als Beweis für Menschenrechtsverletzungen durch die Sowjetunion und den ungelösten Status ihrer erzwungenen Eingliederung angesprochen. , drang eine Gruppe junger Letten in das  Bernabéu-Stadion
Santiago-Bernabéu-Stadion
auch:
Bernabéu-Stadion, Bernabéu
Von 1944 bis 1947 errichtetes und seitdem mehrfach erweitertes Fußballstadion im Norden der spanischen Hauptstadt Madrid. Das Stadion fasst über 78.000 Sitzplätze, ist Heimspielort des Vereins Real Madrid und eines der bekanntesten Fußballstadien der Welt.
 ein, um ein Bettlaken mit der Aufschrift LIBRE = LETTONIE gegenüber dem Konferenzgebäude aufzuhängen. Sie wurden verhaftet und für die Dauer der Veranstaltung inhaftiert. Die aufmerksamkeitsstärkste Protestaktion wurde von Reverend Māris Ķirsons aus Philadelphia inszeniert. Er stand allein vor dem Eingang zur Halle, entfernte die Stopfen von den Kathetern, die in seine Arme eingeführt waren, und blutete auf eine sowjetische Flagge. Über diese dramatische Aktion berichteten weltweit Medien, darunter auch das Time Magazine.

Politische Graffiti auf Rädern

Inspiriert von solchen Aktionen verwandelte Juris Ende der 1980er Jahre seinen Valiant in ein Protestauto. Hochzeitsdekorationen wurden mit politischen Slogans übermalt. Auf der Motorhaube prangte ein Porträt von Gorbatschow mit der Aufschrift „GO(rbachev) TO HELL” (Gorbatschow, fahr zur Hölle). Auf der Tür erschien ein durchgestrichener sowjetischer Hammer und Sichel. Der lettische Abendstern,  Auseklis
Auseklis-Stern
auch:
Auseklis, Auseklisstern
Achteckiger Stern (Oktagram) als lettisches Symbol für den Morgenstern bzw. den lettischen Gott Auseklis als Personifikation des Morgensterns in der lettischen Mythologie; zugleich als Glückssymbol verwendet.
, Symbol der pro-unabhängigen Volksfront, zierte das Dach, während auf dem Kofferraum der Text „RUSSIA GET OUT OF ESTONIA LATVIA LITHUANIA!” (Russland, verschwinde aus Estland, Lettland und Litauen!) zu lesen war. 
Juris fuhr mit dem Auto zu Demonstrationen in New York und New Jersey, nutzte es aber auch für seine täglichen Besorgungen. Er lacht:

Die Polizei hat mich fast jede Woche angehalten! Sie hielten mich an, wir unterhielten uns. Zumindest wussten sie [danach] über die Situation in Lettland Bescheid, aber vielleicht wussten sie nicht, wo das liegt!

Bļodnieks, Juris. Nyet, Nyet Soviet. Stāsti par latviešu politiskajām demonstrācijām trimdā, eds. Marianna Auliciema, Kristīne Beķere, Maija Hinkle, Arta Savdona, Brigita Tamuža, Ieva Vītola, Juris Zalāns, Lilita Zaļkalne, Latvieši pasaulē - muzejs un pētniecības centrs, 2018, 262
Der Valiant wurde zu einem festen Bestandteil politischer Proteste, lettischer Liederfeste und anderer Jugendtreffen in Nordamerika. Er festigte die politische Überzeugung der Gruppe junger Menschen, die sich um ihn herum und in ihm versammelten. Das Auto war auch ein aufregendes Fahrerlebnis! Ilga Bērzkalns, aktiv in der American Latvian Youth Association American Latvian Youth Association Die American Latvian Youth Association (Amerikas Latviešu Jaunatnes Apvienība – ALJA) wurde 1952 gegründet und ist eine Organisation, die lettisch-amerikanische Jugendliche zusammenbringt, um die lettische Kultur, Sprache und das Gemeinschaftsleben in den Vereinigten Staaten zu fördern. Sie organisiert kulturelle Veranstaltungen, Führungsprogramme und internationale Austauschprogramme, um die Beziehungen zwischen lettischen Jugendlichen in den USA und Lettland zu stärken. , erinnert sich:

Juris war ein schneller Fahrer – und mit ihm im Auto zu fahren, machte immer großen Spaß. ... Als wir über die George-Washington-Brücke in New York fuhren, wehte der Wind durch die offenen Fenster, und nicht nur ein, sondern mehrere Motorradfahrer hupten uns an! Und wir waren so stolz auf unsere politische Überzeugung, dass wir für etwas eingetreten waren – für Demokratie, für Freiheit, für etwas, das nicht die Sowjetunion war!

Pelecis, Mara, director. Valiant! A Car, a Cause, and the Cold War. Latvians Abroad - Museum and Research Centre, 2022

Ein Cabrio-Finale

Nachdem Lettland 1991 seine Unabhängigkeit wiedererlangt hatte, kehrte das Auto schließlich zu seiner früheren Rolle zurück: Es wurde rot lackiert und für eine lettisch-amerikanische Hochzeit in den Catskills im Bundesstaat New York umfunktioniert – diesmal als Cabrio. Juris und seine Freunde hatten das Dach mit einer Kettensäge abgesägt. Das neue „Open-Air“-Design war aufregend, aber instabil. Die Insassen wurden aufgefordert, Helme zu tragen. 
Es war nur eine Frage der Zeit, bis der Valiant endgültig hinter dem Haus von Juris' Eltern in den Ruhestand ging und mit einer Plane abgedeckt wurde. Das Auto wurde zu einem Regal für Tomatenpflanzen und zu einem Unterschlupf für streunende Katzen.

Die Wiederauferstehung des Valiant

2013 bot Juris an, den Valiant an die Organisation „Latvians Abroad” zu spenden. Als das Museumsteam 2016 zu Besuch kam, befand sich das Auto in einem erbärmlichen Zustand: verrosteter Boden, kaputter Motor, verblasste Spuren von Protesten und Feierlichkeiten, die sich wie Palimpseste vermischten. 
Trotz seines Zustands erkannte das Museum das Potenzial des Autos als kulturelles Artefakt, das die Geschichte des Exilaktivismus auf einzigartige visuelle und eindringliche Weise erzählte. Es wurden Vorkehrungen getroffen, um das Auto in das Museum in 
Rīga
deu. Riga, lat. Riga, lit. Ryga, dan. Riga, swe. Riga, yid. rygʿ, yid. ryga, yid. ריגע, pol. Ryga, rus. Riga, rus. Рига, est. Riia

Riga ist die Hauptstadt Lettlands (Bevölkerungszahl 2023: 605.273) und zugleich die mit Abstand größte Stadt des Landes. Sie liegt im Südwesten der historischen Landschaft Livland nahe der Mündung des Flusses Düna (lett. Daugava) in den Rigaischen Meerbusen. Riga war eine bedeutende Handels- und Hansestadt mit einer über Jahrhunderte hinweg einer multiethnischen, doch größtenteils deutschsprachigen Bevölkerung, deren politische Oberherrschaft wiederholt wechselte. Waren es bis zum Ende des Mittelalters vor allem geistliche Herrscher (Erzbistum Riga, Deutscher Orden), die Stadt und Umland für sich beanspruchten, kam die Stadt nach kurzer polnisch-litauischer Herrschaft 1621 zu Schweden. Bereits ein Jahrhundert später wurde Riga Teil des Russländischen Reiches und hier zur Hauptstadt des Ostseegouvernements Livland.

1918 wurde Riga Hauptstadt eines unabhängigen lettischen Staates. Nach der deutschen Besetzung im Zweiten Weltkrieg 1941 wurde die jüdische Bevölkerung Rigas (8% der Gesamtbevölkerung) vor allem im Ghetto eingesperrt, in das auch zahlreiche jüdische Menschen aus dem damaligen Gebiet des Deutschen Reichs deportiert wurden. Noch im selben Jahr organisierte die Wehrmacht Massenerschießungen der jüdischen Bevölkerung auf dem Gebiet der heutigen Stadt. Nach dem Zweiten Weltkrieg änderte sich die ethnische Struktur von Riga – die jüdische, deutsche und polnische Bevölkerung verschwand, und an ihre Stelle traten die russische, weißrussische und ukrainische Bevölkerungsgruppen. Die lettische Bevölkerung verlor ihre Mehrheit in der Stadt, und sank bis zum Zerfall der Sowjetunion auf fast ein Drittel. Inzwischen beträgt ihr Anteil 47% der Gesamtbevölkerung.

, Lettland, zu überführen. Juris war entschlossen, es wieder fahrbereit zu machen, und seine Reparaturbemühungen – mal ernsthaft, mal komisch – wurden in einem vom Museum produzierten Film dokumentiert: Valiant! A Car, a Cause, and the Cold War (2022) unter der Regie der lettisch-amerikanischen Filmemacherin Māra Pelēcis.
Nach seiner Überführung nach Lettland wurde das Auto teilweise restauriert, wobei Kfz-Spezialisten den Lack und die Struktur stabilisierten. Es wurde erstmals öffentlich in der vom Museum „Latvians Abroad“ kuratierten Ausstellung „Nyet Nyet Soviet! Politische Proteste und Demonstrationen außerhalb Lettlands 1945–1991“ in der Ausstellungshalle des Lettischen Eisenbahnmuseums im Jahr 2022 gezeigt. Die Ausstellung wurde nur wenige Monate nach dem vollständigen Einmarsch Russlands in die Ukraine eröffnet – eine beunruhigende Erinnerung daran, dass die Bedrohungen, gegen die einst die lettischen Exilanten protestierten, nicht verschwunden sind. 
Was ursprünglich als historisches Symbol der sowjetischen Besatzung aufgenommen worden war, gewann plötzlich neue Relevanz. Der Valiant stand nicht nur als Relikt des Aktivismus der Ära des Kalten Krieges, sondern auch als eindrucksvolles Zeugnis für die anhaltende Rolle der Diaspora-Gemeinschaften bei der Verteidigung von Freiheit und demokratischen Werten auf der Weltbühne.1
Deutsche Übersetzung: Nicolas Flessa

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