Ein verlorenes Schatzhaus des Wissens

Das Ukrainische Wissenschaftliche Institut in Berlin und seine Bibliothek
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Zwischen 1926 und 1945 war das UWI das zentrale Forschungszentrum der ukrainischen Emigration in Deutschland. Seine Bibliothek wuchs zur größten Sammlung ukrainischer Fachliteratur, wurde im Krieg verstreut und zeigt zugleich, wie das NS-Regime Wissenschaftsinstitutionen kontrollierte, um politische Interessen durchzusetzen.
Im Kontext des Ersten Weltkriegs richteten sich die Initiativen ukrainischer Organisationen in Deutschland vor allem an die zahlreichen ukrainischen Kriegsgefangenen in deutschen Lagern. Nach dem Scheitern der erste Periode des ukrainischen Befreiungskampfes (1919–1921) und der Eingliederung der 
Ukrainische Volksrepublik
rus. Украинская Народная Республика, ukr. Українська Народна Республіка, eng. Ukrainian People's Republic, deu. Volksrepublik Ukraine, rus. Ukrainskaâ Narodnaâ Respublika, ukr. Ukraїnsʹka Narodna Respublіka

Die Ukrainische Volksrepublik wurde 1918 gegründet und stand in Opposition zur bolschewistischen UdSSR. Nach der Eroberung durch die UdSSR 1920 wurde die Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik gegründet.

 in die 
Sowjetunion
eng. Soviet Union, deu. Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, rus. Sovetskiy Soyuz, rus. Советский Союз, . Совет Ушем, . Советонь Соткс, rus. Sovetskij Soûz, . Советий Союз, yid. ראַטן־פֿאַרבאַנד, yid. סאוועטן פארבאנד, yid. sovətn farband, yid. sovʿtn-farband, yid. sovətn-farband, . Советтер Союзу, . Совет Союзы, . Советон Цæдис, . Совет Эвилели

Die Sowjetunion (SU oder UdSSR) war ein von 1922 bis 1991 bestehender Staat in Osteuropa, Zentral- und Nordasien. Sie ist aus dem sog. Sowjetrussland hervorgegangen, dem Nachfolgestaat des Russländischen Kaiserreichs. Den Kern der Union und zugleich ihren größten Teil bildete die Russische Sowjetrepublik, hinzu kamen weitere Teilrepubliken. Ihre Zahl variiert über die Zeit hinweg und steht im Zusammenhang mit der Besatzung anderer Länder (Estland, Lettland, Litauen), nur kurzzeitig bestehenden Sowjetrepubliken (Karelo-Finnland) oder mit der Teilung bzw. Zusammenlegung von Sowjetrepubliken. Zusätzlich gab es zahlreiche autonome Republiken oder sonstige Gebietseinheiten mit einem Autonomiestatus, der sich im Wesentlichen auf eine sprachliche Autonomie der Minderheiten beschränkte.

Die UdSSR bestand vor ihrer formellen Auflösung aus 15 Sowjetrepubliken mit einer Bevölkerung von ungefähr 290 Millionen Menschen. Mit ca. 22,4 Millionen km² bildete sie den damals größten Flächenstaat der Welt. Die Sowjetunion war eine sozialistische Räterepublik mit einem Einparteiensystem und einer fehlenden Gewaltenteilung.

 verschob sich der Schwerpunkt jedoch: In der Emigration entstanden nun zahlreiche kulturelle und wissenschaftliche Institutionen, die den Erhalt der ukrainischen Identität sichern sollten. Die wohl bedeutendste dieser Einrichtungen in Deutschland war das Ukrainische Wissenschaftliche Institut (UWI) in Berlin, das sich zu einem zentralen Ort des geistigen Lebens der ukrainischen Diaspora entwickelte.
Fast zwei Jahrzehnte lang – vom Herbst 1926 bis zum Frühjahr 1945 – war das Ukrainische Wissenschaftliche Institut (UWI) eine der wichtigsten Forschungsstätten der ukrainischen Diaspora. Seine Gründung war bemerkenswert, weil sich darin Vertreter sehr unterschiedlicher ukrainischer Strömungen zusammenschlossen, die sich sonst wohl kaum auf gemeinsame Ziele geeinigt hätten. Unter den „Gründervätern“ befanden sich Emigranten aus der sogenannten Groß-Ukraine, einem größeren Stück Land zwischen Charkiw (manchmal auch Don, Woronesch usw.) und der galizischen Grenze, d.h. der „Westukraine“. Zu ihnen zählten Pavlo Skoropadskyj, ein ehemaliger Hetman (eine Art Militär- und Staatsführer in der ukrainischen Tradition), sowie Dmytro Doroschenko, ein Historiker und Politiker und eine Schlüsselfigur der ukrainischen Emigration.
Bald schloss sich auch ein Kreis von Geisteswissenschaftlern aus 
Galizien
yid. גאַליציע‎, yid. Galitsiye, ron. Halici, ron. Galiția, hun. Halics, hun. Gácsország, hun. Kaliz, hun. Galícia, ces. Halič, slk. Halič, eng. Galicia, rus. Галиция, rus. Galizija, ukr. Галичина, ukr. Halytschyna, pol. Galicja

Galizien ist eine historische Landschaft, die sich heute nahezu vollständig auf dem Gebiet Polens und der Ukraine befindet. Der heute südostpolnische Teil wird dabei üblicherweise als Westgalizien, der westukrainische als Ostgalizien bezeichnet. Vor 1772 gehörte Galizien über Jahrhunderte zur polnisch-litauischen Adelsrepublik, im Anschluss und bis 1918 - als Teil des Kronlandes "Königreich Galizien und Lodomerien" - zum Habsburgerreich.

 an, einer Region, die damals noch zu 
Österreich-Ungarn
deu. Donaumonarchie, deu. Doppelmonarchie, deu. Habsburgerreich, deu. Habsburgisches Reich, deu. Habsburgermonarchie, hun. Osztrák-Magyar Birodalom, eng. Austria-Hungary, eng. Austrian-Hungarian Monarchy, eng. Austrian-Hungarian Empire

Österreich-Ungarn (ung. Osztrák-Magyar Monarchia), auch als k. u. k. Monarchie bekannt, war ein historischer Staat in Mittel- und Südosteuropa, der von 1867 bis 1918 bestand.

 gehörte und heute Teil der Westukraine ist. Zu ihnen zählten Ivan Mirtschuk, Zenon Kuzela und Jaroslaw Rudnyckyj. Im Laufe der Jahre kooperierten fast alle namhaften ukrainischen Gelehrten der Geisteswissenschaften mit dem UWI – darunter der Historiker Borys Krupnyckyj, der Geograf Wolodymyr Kubijowytsch sowie Dmytro und Mychajlo Antonowytsch, Nachfahren einer bekannten Kiewer Gelehrtenfamilie.
Wie viele ähnliche ukrainische Organisationen in 
Republik Polen
eng. Second Polish Republic, deu. Zweite Polnische Republik, pol. II. Rzeczpospolita, pol. II Rzeczpospolita

Zweite Polnische Republik (Polnisch: II. Rzeczpospolita) ist die gängige Bezeichnung für den wiedererrichteten polnischen Staat (Republik Polen), der am 11.11.1918, nach Ende des Ersten Weltkriegs und 123jähriger Teilungszeit, seine Unabhängigkeit wiedererlangte. Seine Ausdehnung vor allem nach Osten war wesentlich kleiner als zur Zeit der sogenannten 1. Republik (Adelsrepublik), die 1795 mit der dritten Teilung Polens zwischen der Habsburgermonarchie, Preußen und Russland zu existieren aufgehört hatte.

Die Grenzen der Zweiten Polnischen Republik zu den Nachbarstaaten wurden erst 1921/22 und infolge bewaffneter Konflikte festgelegt, wobei sie auch im Nachgang (und teils während der gesamten Existenz der Zweiten Polnischen Republik) umstritten bleiben konnten. Dem deutschen Angriff auf Polen am 1.9.1939 und dem sowjetischen Einmarsch in Polen am 17.9.1939 folgte am 28.9.1939 die Kapitulation in Warschau, was dem funktionalen Ende der Zweiten Republik gleichkam. Als ihr formelles Ende wird oft die Rücknahme der Anerkennung der polnischen Exilregierung durch die britischen und US-amerikanischen Regierungen am 5.7.1945 angesehen, allerdings wurden die Organe der späteren Volksrepublik Polen von der Sowjetunion bereits am 24.6.1944 als offizielle Vertretung Polens anerkannt. Der Präsident der polnischen Exilregierung in London, Ryszard Kaczorowski, übergab am 22.12.1990 als letztem, symbolischem Akt der Zweiten Polnischen Republik deren Insignien an den damaligen polnischen Präsidenten in Warschau, Lech Wałęsa.

, der 
Tschechoslowakei
ces. Československo, . Čehoslovakìâ, slk. Česko-Slovensko, eng. Czechoslovakia, rus. Čehoslovakiâ

Die Tschechoslowakei war ein zwischen 1918 und 1992 in wechselnden Grenzen und unter wechselnden Namen und politischen Systemen bestehender Staat, dessen Landesteile in den heutigen Staaten Tschechien, Slowakei und der Ukraine (Karpatenukraine, bereits 1939 ungarisch besetzt, ab 1945 an die Sowjetunion) aufgegangen sind. Nach 1945 stand die Tschechoslowakei zunehmend unter politischem Einfluss der Sowjetunion. Nach der Machtübernahme der Kommunistischen Partei 1948 wurde sie endgültig als Teil des sog. Ostblocks zum Satellitenstaat der Sowjetunion und ab 1955 Mitglied des Warschauer Paktes. Zwischen 1960 und 1990 trug das kommunistische Land offiziell den Namen Tschechoslowakische Sozialistische Republik (abgekürzt ČSSR). Die demokratische politische Wende wurde 1989 mit der Samtenen Revolution eingeleitet und mündete 1992 in die Gründung der unabhängigen Tschechischen bzw. Slowakischen Republiken.

, Italien, Frankreich und anderen Ländern verstand sich auch das UWI vor allem als Hüter der ukrainischen Identität. Eine zentrale Aufgabe bestand darin, eine gebildete nationale Intelligenz – also Akademiker, Wissenschaftler und Kulturschaffende – für einen künftigen ukrainischen Staat vorzubereiten. Ursprünglich als eine Art „kleine Akademie der Wissenschaften“ gedacht, entwickelte das Institut im Laufe der Zeit auch politische Initiativen. Neben klassischer Forschungsarbeit betrieb es Informationskampagnen, die in der deutschen und europäischen Öffentlichkeit ein eigenes Bild der Ukraine zeichnen sollten – als Gegenstimme zur sowjetischen Propaganda, die das Land ausschließlich im Rahmen der UdSSR darstellte.

Ein Spielfeld zwischen Forschung und Macht

Dass das UWI dabei auch im Fokus der deutschen Behörden stand, überrascht kaum. Schon früh überwachten Armee und Geheimdienste die Aktivitäten ukrainischer Organisationen in Deutschland. Besonders bemerkenswert: Als erster offizieller Kurator des Instituts fungierte Wilhelm Gröner – ein ehemaliger General der Reichswehr, der nach dem Ersten Weltkrieg sogar kurzzeitig Reichswehrminister gewesen war. Gröner war also keineswegs eine Randfigur, sondern Teil der deutschen Militär- und Machtelite. Seine Rolle verdeutlicht, dass das UWI nicht nur ein Ort wissenschaftlicher Arbeit war, sondern auch in den politischen Interessen Deutschlands eine Rolle spielte.
Der politische Wandel in Deutschland nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten machte auch vor dem UWI nicht Halt. Die systematische Unterdrückung und Kontrolle akademischer Strukturen durch das nationalsozialistische Regime führte dazu, dass das Institut unvermeidlich in die aktuelle ideologische Agenda eingebunden wurde. In der Endphase seines Bestehens war das UWI kaum noch von den regulären deutschen wissenschaftlichen Organisationen zu unterscheiden. Das traditionelle Interesse der Geheimdienste zum UWI äußerte sich auch auf einer symbolischen Ebene: Während des Zweiten Weltkriegs wurde das Institut von Georg Gerullis betreut, einem Professor der Universität Königsberg, der zugleich als Offizier im Abwehrdienst tätig war, dem militärischen Nachrichtendienst des NS-Regimes.
Im Frühjahr 1945 erlitt das UWI dasselbe Schicksal wie viele wissenschaftliche Einrichtungen in Deutschland: Das Personal musste angesichts der alliierten Bombardements und der vorrückenden Roten Armee Berlin verlassen, wodurch das Institut faktisch aufhörte zu existieren. Im Chaos der Kämpfe um die „Reichshauptstadt“ und der Besetzung drohte auch der Verlust der während vieler Jahre angesammelten Sammlungen und Archivbestände. Später stellte sich heraus, dass Teile des Materials wieder auftauchten – allerdings über mehrere Länder verstreut.
 
Ein großer Teil blieb in Deutschland und wurde nach Kriegsende im Archiv der Berliner Humboldt-Universität aufbewahrt. Weitere Bestände fanden sich in der Preußischen Staatsbibliothek und im Landesarchiv Berlin. Ein kleinerer Teil gelangte nach Kyjiv und bildete die Grundlage für den entsprechenden Bestand (Nr. 4158) des Zentralen Staatsarchivs der höchsten Behörden und Verwaltungsorgane der Ukraine – vormals das Archiv der  Oktoberrevolution
Oktoberrevolution
auch:
Rote Revolution, Bolschewikenrevolution, Bolschewistische Revolution, Grosse Sozialistische Oktoberrevolution, Große Sozialistische Revolution, Grosse Sozialistische Revolution, Große Sozialistische Oktoberrevolution, Novemberrevolution
Zweite russische Revolution des Jahres 1917, in dessen Verlauf die kommunistischen Bolschewiki gewaltsam die Macht erlangten und die ‚Provisorische Regierung‘ stürzten, die erst einige Monate zuvor, infolge der Februarrevolution, errichtet worden war. Die Oktoberrevolution bildet zugleich den Auftakt des Russischen Bürgerkriegs, nach dessen Abschluss infolge des Sieges der bolschewistischen Roten Armee die Sowjetunion gegründet wurde (1922). Nach dem julianischen Kalender begann die Oktoberrevolution am 24./25. Oktober, nach dem gregorianischen Kalender, der in Russland Anfang 1918 eingeführt wurde, am 6./7. November 1917.
 und des sozialistischen Aufbaus. Einzelne Dokumente, die einst Teil des 1948 aufgelösten Museums für den Befreiungskampf der Ukraine in 
Praha
deu. Prag, eng. Prague, lat. Praga, yid. פראג

Prag (Bevölkerungszahl 2024: 1.397.880) ist die Hauptstadt und die größte Stadt der Tschechischen Republik. Sie liegt im Zentrum des Staatsgebiets am Fluss Moldau. Die erste Prager Burg entstand wohl im 9. Jahrhundert. Im 10./11. Jahrhundert lebten in anfangs noch zwei benachbarten Burgsiedlungen neben der einheimischen Bevölkerung auch zugewanderte Juden. Zu Beginn der 1230er Jahre erhielt zunächst Prag Stadtrechte, 1257 folgten die Kleinseite (Malá Strana), 1320 Hradschin (Hradčany) als Burgstadt und 1348 die Prager Neustadt (Nové Město). Prag war von Anfang an Residenzstadt der böhmischen Herrscher und gehörte spätestens ab dem 12. Jahrhundert zum Heiligen Römischen Reich. Als Kaisersitz entwickelte sich Prag im 14. Jahrhundert zu einem der wichtigsten Zentren des gesamten Reichs. Hier entstand 1348 die erste Universität Mitteleuropas. 1784 wurden die vier Städte auch formal vereinigt. Nach und nach, insbesondere 1920 bzw. nach der 1918 erfolgten Gründung der Tschechoslowakei, wurden weitere Orte eingemeindet. 1938-1945 wurde Prag die Hauptstadt des vom Deutschen Reich abhängigen Protektorats Böhmen und Mähren, nach der Zerschlagung des Reichs 1945 durch die Alliierten war Prag bis 1992 wieder die Hauptstadt der – nun sozialistischen – Tschechoslowakei. Nach dem Zerfall der Tschechoslowakei blieb Prag als Hauptstadt der Tschechischen Republik eine der kulturell, wirtschaftlich und politisch wichtigsten Städten Mitteleuropas.

 waren, sind heute im Nationalarchiv der Tschechischen Republik erhalten.

Vom Wissensschatz zur Kriegsbeute

Besondere Beachtung verdient eine der wichtigsten Abteilungen des UWI, die oft vernachlässigt wird: seine gut sortierte Fachbibliothek. In Zeiten vor dem Internet war das gedruckte Buch die einzige Quelle für zuverlässige Informationen. Entsprechend hoch war der Stellenwert des Fachschrifttums, und manche Forschungsinstitute verfügten über besonders umfangreiche, manchmal einzigartige Sammlungen. Im offiziellen Tätigkeitsbericht des UWI wurde die Buchsammlung daher als „Zentrale Bibliothek für Ukrainekunde“ bezeichnet. Die Bibliothek war werktags von 9 bis 15 Uhr geöffnet, an Wochenenden und Feiertagen geschlossen, und verzeichnete im Durchschnitt rund 550 Besucher pro Monat – ein Beleg dafür, wie lebendig das wissenschaftliche Leben am Institut war.
Die Funktion des wissenschaftlichen Bibliothekars am UWI hatte Zenon Kuzela inne. Er war die zentrale Schnittstelle zu Autoren, Verlagen und wissenschaftlichen Gesellschaften, beschaffte Literatur und organisierte den Austausch von Büchern zwischen Institutionen. So gelangten etwa die Bestände von Wolodymyr Hnatiuk, einem berühmten ukrainischen Ethnographen, und von Axel Schmidt, Mitbegründer der Deutsch-Ukrainischen Gesellschaft Deutsch-Ukrainischen Gesellschaft Die Deutsch-Ukrainische Gesellschaft ist eine von den deutschbaltischen konservativen Publizisten Paul Rohrbach und Axel Schmidt in Berlin im Jahre 1918 gegründete Institution, deren Zweck „die Herstellung und Pflege freundschaftlicher Beziehungen zwischen dem deutschen und dem ukrainischen Volke auf politischem, wirtschaftlichem und kulturellem Gebiete“ war. Die Gesellschaft druckte eine eigene Fachzeitschrift mit dem Namen „Ukraine“. Das Engagement solcher Enthusiasten hat wesentlich zur Verbreitung der Kenntnisse über die Ukraine in Deutschland beigetragen. in Berlin, in die Bibliothek des UWI. Dank Kuzelas Engagement entwickelte sich die Fachbibliothek zu der „größten Buchsammlung unter den ukrainischen wissenschaftlichen Institutionen in Deutschland“ – ein einzigartiger Wissensschatz der Diaspora.
Bemerkenswert ist, dass Historiker, die sich mit dem Wirken des UWI beschäftigten, die Fachbibliothek meist nur mit einem Satz erwähnten: Sie sei im Chaos des Kriegsendes 1945 zugrunde gegangen. Tatsächlich jedoch überlebten Reste der Sammlung und fanden ihren Weg in einen umfangreichen Bestand an Beuteliteratur, der nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in die Lenin-Staatsbibliothek in Moskau gelangte. Dort wurden sie unter den Büchern des  Osteuropa-Instituts in Breslau (OIB)
Osteuropa-Institut
auch:
OEI, Osteuropa-Institut Breslau, Osteuropa-Institut in Breslau
Das 1918 gegründete und 1945 zerstörte Osteuropa-Institut in Breslau war eine außeruniversitäre wissenschaftliche Einrichtung, die sich in der Zeit der Weimarer Republik zu einem der wichtigsten deutschen Forschungszentren zum östlichen Europa entwickelte. Sie verfügte über eine einzigartige, innerhalb des Deutschen Reiches zugleich über die größte einschlägige Spezialbibliothek. Bereits ab 1933 nahmen die Nationalsozialisten Einfluss auf die Arbeit des Instituts, das schließlich den politischen Zielsetzungen des NS-Regimes zuarbeitete und sich schließlich auch völkischer Ostforschung und der Feindforschung widmete.
 einsortiert, das bereits im April 1918 gegründet worden war und als führendes Forschungszentrum für osteuropäische Studien galt. Eine seiner Hauptaufgaben bestand darin, eine möglichst vollständige Sammlung von Literatur zu sammeln, die die Länder und Regionen zwischen Ostsee und Ägäis abdeckte. Die sorgfältige Untersuchung dieser Sammlung ermöglichte die Wiederentdeckung zahlreicher Werke aus dem ehemaligen Bestand der Bibliothek des UWI.

Akademische Doppelgänger und ideologische Kontrolle

Eine naheliegende Frage ist: Wie und unter welchen Umständen gelangten die Bücher des Berliner UWI nach 
Wrocław
deu. Breslau, lat. Wratislavia, lat. Vratislavia, ces. Vratislav, deu. Breslaw, deu. Bresslau, deu. Wreczelaw, deu. Wrezlaue, lat. Vuartizlau, lat. Wrotizlaensem, lat. Wortizlava, deu. Brassel

Wrocław (dt. Breslau) ist eine der größten Städte in Polen (Bevölkerungszahl 2022: 674.079). Sie liegt in der Woiwodschaft Niederschlesien im Südwesten des Landes.
Zunächst unter böhmischer, piastischer und zeitweise ungarischer Herrschaft übernahmen 1526 die Habsburger die schlesischen Erblande und damit auch Breslau. Einen weiteren Wendepunkt in der Geschichte der Stadt stellte die Besetzung Breslaus durch die preußischen Truppen 1741 und die anschließende Einverleibung eines Großteil Schlesiens in das Königreich Preußen dar.
Die rapide Bevölkerungszunahme und Industrialisierung führte zur sprunghaften Urbanisierung der Vorstädte und ihrer Eingemeindung, was mit der Schleifung der Stadtmauer Anfang des 19. Jahrhunderts einherging. Bereits 1840 wuchs Breslau mit 100.000 Einwohnern zur Großstadt heran. Am Ende des 19. Jahrhunderts veränderte sich das häufig noch mittelalterlich geprägte Stadtbild hin zur Großstadt wilhelminischer Prägung. Höhepunkt der Stadtentwicklung noch vor dem Ersten Weltkrieg war die Anlage des Ausstellungsparks als neuer Mittelpunkt der gewerblichen Zukunft Breslaus mit der Jahrhunderthalle von 1913, die seit 2006 zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört.
In den 1920er und 30er Jahren erfolgte die Eingemeindung von 36 Ortschaften und der Bau von Wohnsiedlungen am Stadtrand. Um der großen Wohnungsnot nach dem Ersten Weltkrieg zu begegnen, wurden auch Wohngenossenschaften mit Siedlungsbau beauftragt.
Noch 1944 zur Festung erklärt, wurde Breslau während der folgenden Kampfhandlungen in der ersten Hälfte 1945 nahezu vollständig zerstört. Der Wiederaufbau der nun Polnisch gewordenen Stadt dauerte bis in die 1960er Jahre.
Von der etwa 20.000 Personen zählender jüdischen Bevölkerung fanden sich nach dem Zweiten Weltkrieg nur 160 Personen in der Stadt wieder. 1945–1947 wurde die nach dem Kriegsende verbliebene bzw. zurückgekehrte - deutsche - Bevölkerung der Stadt zur Auswanderung größtenteils gezwungen, an ihre Stelle wurden Menschen aus dem Gebiet des polnischen Vorkriegsstaats angesiedelt, darunter aus den an die Sowjetunion verlorenen Gebiete.
Nach dem politischen Umbruch von 1989 erhob sich die Stadt zu neuer, beeindruckender Blüte. Der Transformationsprozess und seine raumwirksamen Folgen sorgten für einen rasanten Aufschwung Breslaus, unterstützt durch den Beitritt Polens zur Europäischen Union im Jahr 2004. Heute ist Breslau eine der am besten prosperierenden Städte Polens.

? Die Antwort liegt in der Vorgeschichte des Breslauer Osteuropa-Instituts. Obwohl das Institut ursprünglich vor allem zur Informations- und Analyseversorgung der Machtstrukturen eingerichtet wurde, bemühte es sich, wie viele ähnliche wissenschaftliche Einrichtungen in Deutschland, auch unter dem NS-Regime eine gewisse Neutralität in der Forschung zu wahren. Um diese Situation zu verändern, genehmigte die Nazi-Führung schließlich die Einrichtung eines Netzwerks loyaler „Denkzentren“, die im Laufe der Zeit zu einer Art akademischer „Doppelgänger“ wurden – also Institutionen, die formal wissenschaftlich arbeiteten, aber zugleich die politischen Interessen des Regimes unterstützten.
Gleichzeitig wurden widerspenstige Organisationen ihrer Forschungsgrundlage beraubt oder sogar ganz aufgelöst. Ein Beispiel dafür ist die Deutsche Gesellschaft zum Studium Osteuropas (DGSO) Deutsche Gesellschaft zum Studium Osteuropas (DGSO) Die Deutsche Gesellschaft zum Studium Osteuropas war eine Vereinigung deutscher Wissenschaftler, die sich seit dem Jahr 1913 mit Geschichte, Politik, Landeskunde und anderen Fächern befasste, die mit Osteuropa zu tun hatten. Nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten wurde die Gesellschaft aus politischen Gründen aufgelöst. , die unter der Leitung von Professor Otto Hoetzsch stand – einem führenden Experten auf dem Gebiet, der zugleich politischer Gegner des NS-Regimes war. Die Buchsammlung dieser Gesellschaft wurde anschließend zwischen den „ideologisch relevanten“ Institutionen aufgeteilt. Bemerkenswert ist, dass der ukrainische Teil dieser Sammlung ursprünglich für das UWI bestimmt war. In der Bibliothek des UWI lässt sich tatsächlich mindestens ein Exemplar nachweisen, das zuvor im Besitz der Gesellschaft gewesen war.
In dieser Zeit musste auch das UWI mehrfach die sogenannte „Gleichschaltung“ durchlaufen – also die Anpassung an die Ideologie und Kontrolle durch das NS-Regime. Eine Facette dieses Prozesses war die Entstehung der „Auslandswissenschaft“, einer eigenartigen Mischung aus Landeskunde und politischer Analyse, die aktuelle politische Interessen spiegelte. Zwischen 1935 und 1936 wurde etwa das Seminar für orientalische Sprachen mit der privaten Deutschen Hochschule für Politik (DHfP) verschmolzen, die zu Beginn der Weimarer Republik von deutschen Konservativen gegründet worden war. Aus dieser Fusion entstand eine Art „Auslandshochschule“, die das Studium anderer Länder unter den Vorgaben der NS-Ideologie bündeln sollte.
Um dieselbe Zeit wurde eine weitere Forschungseinrichtung eröffnet: das Russland-Institut. Formal handelte es sich um eine eigenständige Einrichtung, doch tatsächlich entwickelte es sich zu einem pseudowissenschaftlichen „Doppelgänger“, der als eine Art „Fassade“ des  Wannsee-Instituts
Wannsee-Institut
auch:
Institut für Altertumsforschung
Das Wannsee-Institut war eine nationalsozialistische Tarnorganisation, die unter dem Deckmantel eines wissenschaftlichen Instituts für die Nachrichtendienste sowie Partei- und Staatsinstanzen Informationen über Osteuropa sammelte bzw. bearbeitete. Die Ergebnisse wurden in Form von Sonderberichten und Veröffentlichungen „für den Dienstgebrauch“ vermittelt. Nach dem Kriegsbeginn gegen die Sowjetunion betreute das Wannsee-Institut u.a. die Okkupationspolitik im Osten.
 fungierte – einer nichtöffentlichen Analysestelle, die Material für den SD (Sicherheitsdienst der SS) und andere Geheimdienste bereitstellte. Eine Untersuchung der ehemaligen Bibliothek des Russland-Instituts, basierend auf Exemplaren, die nach dem Zweiten Weltkrieg in der Lenin-Staatsbibliothek landeten, zeigte unter anderem, dass Bücher aus der UWI-Sammlung dort enthalten waren. Ob das UWI diese Exemplare freiwillig abgab oder dazu gezwungen wurde, lässt sich heute nicht mehr eindeutig klären. Insgesamt zeigt die Zirkulation derselben Bücher zwischen verschiedenen Bibliotheken anschaulich die Politik der „Gleichschaltung“ akademischer Institutionen in Nazi-Deutschland – also die erzwungene Anpassung an ideologische Vorgaben und die Kontrolle wissenschaftlicher Ressourcen.
Es sollte betont werden, dass die Buchsammlungen des UWI, die 1945 von der Roten Armee beschlagnahmt wurden, nicht in ihrer ursprünglichen Form erhalten blieben. Bereits in der Sowjetunion konnten Bücher willkürlich verteilt, getrennt gelagert oder an andere Bibliotheken weitergegeben werden. Vor diesem Hintergrund eröffnet die Entdeckung von Exemplaren, die ursprünglich zum Berliner UWI gehörten und heute in Moskau gefunden wurden, neue Möglichkeiten für die systematische Erforschung dieser Sammlung und ihres historischen Bestands.

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