Jüdische DP-Kinder bei der Ankunft in Frankfurt vor der Emigration nach Palästina / Eretz Israel, 1946. https://collections.ushmm.org/search/catalog/pa1074479 / United States Holocaust Memorial Museum, courtesy of National Archives and Records Administration, College Park,
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Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Deutschland zum Zufluchtsort für fast 300.000 Juden. Sie lebten wie andere sogenannte Displaced Persons (DPs) in jüdischen oder gemischten DP-Lagern und spielten eine bedeutende Rolle für das Wiederaufleben des europäischen Judentums. Ihr Schicksal ist heute jedoch nur wenigen bekannt.
Als am 8. Mai 1945 die Waffen schwiegen, bedeutete dies das Ende von sechs Jahren Krieg in Europa und zwölf Jahren nationalsozialistischer Gewaltherrschaft. In der bundesdeutschen Erinnerungskultur hat sich für diesen weltgeschichtlichen Moment der Begriff der „Stunde Null“ etabliert. Wenngleich dieser Begriff sowohl im wissenschaftlichen als auch im öffentlichen Diskurs umstritten ist, so enthält er doch eine wichtige Wahrheit: Der 8. Mai 1945 markiert das Ende des Völkermords an den europäischen Juden durch die Nationalsozialisten.
Doch während sich die Bundesrepublik zu einem Staat entwickelte, der den Aufbau neuer jüdischer Gemeinden ermöglichte, war der 8. Mai 1945 nicht für alle Opfergruppen des Nationalsozialismus eine „Stunde Null“. Der Paragraph 175 des Strafgesetzbuches, mit dem die Nationalsozialisten homosexuelle Männer verfolgten, wurde in der Bundesrepublik erst in den späten 1960er- und frühen 1970er-Jahren angepasst und 1994 endgültig abgeschafft. Die offizielle Anerkennung des NS-Völkermords an den Sinti und Roma erfolgte erst 1982, die des Massenmords an den „Euthanasie“-Opfern sogar erst im Januar 2025. Die als „Bibelforscher“ verfolgten Zeugen Jehovas sowie die sogenannten „Asozialen“ und „Berufsverbrecher“ sind in der Erinnerungskultur bis heute kaum präsent.
Für viele Juden im östlichen Europa bedeutete der 8. Mai 1945 ebenfalls nicht das Ende von Gewalt und Verfolgung. Den wenigsten ist wohl bewusst, dass mit Kriegsende und in den folgenden Monaten zwischen 250.000 und 300.000 Juden aus Zentral- und Osteuropa Zuflucht in Deutschland suchten. Sie kehrten entweder aus den Lagern nicht wieder in ihre Heimatländer zurück oder flohen vor dem immer noch weit verbreiteten
Antisemitismus
Der Begriff „Antisemitismus“ wurde zunächst als Selbstbezeichnung einer Gruppe von Judenfeinden um Wilhelm Marr im Jahr 1879 genutzt. In dieser Zeit grenzte er sich von religiösen antijüdischen Haltungen ab. Heute wird er häufig als Sammelbegriff für verschiedene Formen antijüdischer Vorstellungen, Symbole und Haltungen genutzt. Das ist insofern schlüssig, weil der moderne Antisemitismus nicht an die Stelle traditioneller Judenfeindschaft trat, sondern traditionelle und moderne Formen häufig zusammen auftreten und sich wechselseitig verstärken.
, der sich in Pogromen, wie 1946 im polnischen Kielce, gewaltsam entlud. Im von den Alliierten besetzten Deutschland erhofften sie sich zumindest vorübergehenden Schutz.
Flucht ins Land der Täter
Warum entschieden sich diese Juden dazu, ausgerechnet in das Land zu flüchten, das sie wenige Monate zuvor noch vernichten wollte? Die Frage lässt sich relativ einfach beantworten: Es war keine Flucht nach Deutschland, sondern zu den Westalliierten. Mit dem „Volk der Täter“ (Lea Rosh) hatten die jüdischen Flüchtlinge nur wenig Kontakt.
Sie kamen in ein Land, das mit Flüchtlingsunterkünften und -lagern übersät war. Die allgemeine Lage im besetzten Deutschland war 1945 äußerst chaotisch, und die alliierten Behörden hatten Mühe, die Millionen von Geflüchteten zu versorgen. Neben den Juden, die den Holocaust überlebt hatten und sich selbst als
Schejres Haplejte
Schejres Haplejte
auch:
Rest der Geretteten, Der Rest der Überlebenden, Sharit Ha-Platah, Überlebender Rest
Der jiddische Begriff „Schejres Haplejte” (שארית הפליטה, deutsch: „der Rest der Geretteten”) stammt ursprünglich aus dem Tanach. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs verwendeten die etwa 250.000 Holocaust-Überlebenden, die in den in Deutschland, Österreich und Italien errichteten Displaced Person-Lagern lebten, den Begriff als Selbstbezeichnung.
(deutsch: „Rest der Geretteten“) bezeichneten, gab es eine große Zahl anderer Geflüchteter, darunter Zwangsarbeiter oder KZ-Häftlinge, aber auch ehemalige Kollaborature der Nationalsozialisten, etwa aus den baltischen Staaten, die sich 1945 auf deutschem Boden befanden. Sie erhielten von den Alliierten den Sammelbegriff
Displaced Persons
Displaced Person
auch:
Displaced Persons
Nach dem Zweiten Weltkrieg nutzen die Alliierten den Begriff „Displaced Person“ (DP) für die rund elf Millionen Zivilpersonen, die sich kriegs- und verfolgungsbedingt außerhalb ihres Heimatstaates aufhielten. Dazu zählten vor allem befreite KZ-Häftlinge, Zwangsarbeiter und Zwangsverschleppte, Kriegsgefangene, Überlebende nationalsozialistischer Verfolgung, insbesondere aus Mittel- und Osteuropa, sowie diejenigen Personen und ihre Familien), die aufgrund ihrer Erfahrungen vor der erneuten sowjetischen Herrschaft im Baltikum nach Westen flohen. Sie litten häufig unter einer schlechten Gesundheit und waren mangelhaft ernährt. Die Alliierten und internationale Hilfsorganisationen bemühten sich, die DPs, die übergangsweise teilweise in ehemaligen Konzentrationslagern untergebracht waren, in ihre Heimatländer zurückzuführen.
(DPs). Juden bildeten dabei zunächst keine eigenständige DP-Gruppe, sondern lebten je nach Herkunft beispielsweise zusammen mit Polen oder Balten.
Dies hatte allerdings zur Folge, dass die Opfer des nationalsozialistischen Terrors teilweise Tür an Tür mit Tätern und Kollaborateuren lebten.1 In der amerikanischen Besatzungszone entstanden daher im Herbst 1945 die ersten dezidiert jüdischen DP-Lager. Besonders der Großraum München entwickelte sich in der unmittelbaren Nachkriegszeit zu einem wahren Zentrum jüdischen Lebens mit größeren Lagern in Föhrenwald, Feldafing und Landsberg am Lech. Hinzu kamen wichtige Orte in München selbst, wie die Gegend um die Möhlstraße in Altbogenhausen oder das Durchgangslager der United Nations Relief and Rehabilitation (UNRRA) auf dem Gelände des Deutschen Museums.
Kontakte zur einheimischen Bevölkerung gab es, wie bereits erwähnt, nur selten: „In den Berichten ehemaliger DPs waren die DP-Lager regelrechte Mikrokosmen, separate Welten – jüdische, polnische oder ukrainische Inseln auf der Landkarte Nachkriegsdeutschlands.“2 Schließlich hatten die Schejres Haplejte nicht vor, in Deutschland zu bleiben.
Demonstration im DP-Lager Bergen-Belsen gegen die Zwangsrückführung der Passagiere des Flüchtlingsschiffes Exodus 1947 nach Europa, 1947. https://collections.ushmm.org/search/catalog/pa1046542 / United States Holocaust Memorial Museum, courtesy of Gedenkstaette Bergen-Belsen,
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Demonstration im DP-Lager Bergen-Belsen gegen die Zwangsrückführung der Passagiere des Flüchtlingsschiffes Exodus 1947 nach Europa, 1947. https://collections.ushmm.org/search/catalog/pa1046542 / United States Holocaust Memorial Museum, courtesy of Gedenkstaette Bergen-Belsen,
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Jüdische DPs essen im Hauptspeisesaal des Landsberger DP-Lagers, 1945. https://collections.ushmm.org/search/catalog/pa18548 / United States Holocaust Memorial Museum, courtesy of Laurie Heymont Weinber,
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Jüdische DPs essen im Hauptspeisesaal des Landsberger DP-Lagers, 1945. https://collections.ushmm.org/search/catalog/pa18548 / United States Holocaust Memorial Museum, courtesy of Laurie Heymont Weinber,
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Ein „Leben im Wartesaal“
Bereits wenige Wochen nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und der Befreiung der Konzentrationslager schlossen sich Überlebende des KZ Buchenwald zusammen und gründeten den
Kibbuz
Kibbuz
auch:
Kibbutz, Kibbuze, Kibbuzim
Ein Kibbuz (hebräisch: קיבוץ, deutsch: „Sammlung“ oder „Gemeinschaft“) ist eine kollektive Siedlung in Israel. Die ersten Kibbuzim wurden Anfang des 20. Jahrhunderts von zionistischen Pionieren gegründet. Sie entstanden im Zuge der jüdischen Einwanderung nach Palästina / Eretz Israel und verbanden sozialistische Ideale mit dem Ziel, das Land durch gemeinsame Arbeit aufzubauen. Kibbuzim spielten eine zentrale Rolle bei der Staatsgründung Israels und der landwirtschaftlichen Entwicklung des Landes.
Buchenwald. Ziel war es, die Schejres Haplejte auf ihr zukünftiges Leben in Palästina / Eretz Israel (so die vor der Staatsgründung Israels übliche Bezeichnung für das „Land Israel“) vorzubereiten.
Damit knüpfte der Kibbuz Buchenwald an die Hachschara-Bewegung der Zwischenkriegszeit an. Die Hachschara sollte die europäischen Juden systematisch auf die Auswanderung nach Palästina / Eretz Israel und das Leben in den Kibbuzim, den landwirtschaftlichen Genossenschaftsbetrieben, vorbereiten. Waren solche zionistischen Pionierprojekte in den 1920er- und 1930er-Jahren noch eine Randerscheinung im europäischen Judentum, so wurden sie nun zu einem zentralen Bestandteil des DP-Lebens.
Die Ausreise nach Palästina / Eretz Israel erwies sich für die meisten europäischen Juden jedoch als äußerst kompliziert. Das Gebiet, das seit dem Zusammenbruch des
Das Osmanische Reich war der Staat der osmanischen Dynastie von ca. 1299 bis 1922. Der Name leitet sich vom Gründer der Dynastie, Osman I., ab. Zur Blütezeit umfasste das Imperium Kleinasien und Teile des Arabiens, den Ägypten und den gesamten Balkan. Darüber hinaus brachte es viele weitere Länder bzw. Gebiete in Osteuropa, Ostasien und Nordafrika in seine Abhängigkeit. Seine Hauptstadt war zuletzt Konstantinopel (heute Istanbul). Der Nachfolgestaat des Osmanischen Reichs ist die Republik Türkei.
Konferenz von San Remo, San-Remo-Konferenz, Sanremo-Konferenz
Die Konferenz von Sanremo fand vom 19. bis zum 26. April 1920 in der gleichnamigen italienischen Stadt statt. Die Siegermächte des Ersten Weltkriegs legten dort die Mandatsverteilung über die ehemaligen osmanischen Gebiete fest. Dabei erhielt Großbritannien das Mandat über Palästina und Mesopotamien (Irak) und Frankreich das über Syrien und Libanon. Außerdem bestätigte die Konferenz die in der Balfour-Deklaration von 1917 formulierte Unterstützung einer „nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina“.
im Jahre 1920 unter britischer Verwaltung stand, war seit langem ein Zankapfel der internationalen Politik. Um die Lage nicht weiter eskalieren zu lassen, versuchte die britische Mandatsverwaltung, die jüdische Einwanderung zu begrenzen. Zwischen 1945 und 1948, dem Jahr der Staatsgründung Israels, saßen die meisten jüdischen DPs daher in Deutschland fest. Es war ein „Leben im Wartesaal“3.
Diese drei Jahre waren aber keineswegs von Untätigkeit geprägt. Im Gegenteil: Neben dem Zentrum im Raum München entstanden in der gesamten
Westzone bezeichnete die Besatzungszonen der westlichen Alliierten in Deutschland und wurde als Pendant zur Ostzone (Sowjetisch Besetzte Zone) verwendet. Zunächst wurde er synonym zum als Bizone bekannten Zusammenschluss der britischen und US-amerikanischen Besatzungszonen zum Vereinigten Wirtschaftsgebiet gebraucht, der am 1. Januar 1947 erfolgte. Mit dem Beitritt der französischen Besatzungszone am 1. August 1948 wurde die Bezeichnung Westzone auf die so entstandene Trizone verwendet.
– in der Sowjetischen Besatzungszone gab es keine DP-Lager für Juden – kleine Inseln jüdischen Lebens. Das kulturelle Schaffen florierte. Theaterstücke wurden aufgeführt, Bildungsangebote organisiert und auch der Sport kam nicht zu kurz. Fußballturniere zwischen den verschiedenen Lagermannschaften waren keine Seltenheit.
Aus heutiger Sicht besonders beeindruckend ist die enorme Produktivität der jüdischen DPs. Sie war in allen Bereichen des künstlerischen, politischen und gesellschaftlichen Schaffens präsent. Ein gutes Beispiel dafür ist die schiere Anzahl von Zeitungen, die in dieser Zeit entstanden. Nicht weniger als 300 Zeitungen erschienen in der Hochphase der DP-Presse.4 Dies ist vor allem vor dem Hintergrund der vergleichsweise sehr kleinen Zielgruppe außergewöhnlich.
Die Zeitungen sind zudem ein wahrer Schatz, um mehr über das Leben der jüdischen DPs zu erfahren. Sie geben Einblicke in den Lageralltag, die Sicht auf die damalige weltweite Lage und die politischen Aktivitäten der Schejres Haplejte. Trotz ihres Flüchtlingsstatus und der damit verbundenen Abhängigkeit von den Alliierten entwickelten die jüdischen DPs ein hohes Maß an politischer Autonomie. So erreichten sie unter anderem, dass sie ihre Lager weitgehend selbst verwalten konnten und übten auch auf internationaler Ebene Druck aus, um ihr großes Ziel zu erreichen: die Auswanderung nach Palästina / Eretz Israel.
Jüdische DPs warten auf den Transport zum Hafen von Neapel, von wo sie ein Schiff nach Palästina / Eretz Israel bringen wird, 1945. https://collections.ushmm.org/search/catalog/pa1074509 / United States Holocaust Memorial Museum, courtesy of National Archives and Records Administration, College Park,
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Jüdische DPs warten auf den Transport zum Hafen von Neapel, von wo sie ein Schiff nach Palästina / Eretz Israel bringen wird, 1945. https://collections.ushmm.org/search/catalog/pa1074509 / United States Holocaust Memorial Museum, courtesy of National Archives and Records Administration, College Park,
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Emigration und Neuanfang
Mit der Staatsgründung Israels am 14. Mai 1948 rückte dieses Ziel für viele jüdische DPs in greifbare Nähe. Die Einreisebeschränkungen wurden abgeschafft, und in den folgenden Monaten wanderten mehr als 100.000 von ihnen in den neu gegründeten jüdischen Staat aus. Das waren etwa zwei Drittel der insgesamt rund 200.000 in Deutschland verbliebenen jüdischen DPs. Die Schejres Haplejte, die als geopolitischer Faktor maßgeblichen Einfluss auf die internationale Anerkennung Israels ausgeübt hatten, konnten nun am Aufbau des Staates mitwirken und eine neue Heimat finden.
Neben der Ausreise nach Israel eröffnete sich im Laufe des Jahres 1948 eine weitere Möglichkeit. Mit dem im Juni desselben Jahres verabschiedeten Displaced Persons Act erlaubten die Vereinigten Staaten die Einreise von 200.000 DPs aus Europa. Bis 1952, als diese Regelung auslief, kamen sogar fast 400.000 DPs aus Europa in die USA. Mehr als 80.000 von ihnen waren Juden. Weitere wichtige Emigrationsziele für jüdische DPs waren Kanada, Australien, Argentinien und Brasilien, wo sie sich zumeist bestehenden jüdischen Gemeinden anschließen konnten.5
Obwohl die Schejres Haplejte, die ab 1948 Deutschland verließen, an anderen Orten Zuflucht fanden, wurden sie nicht immer mit offenen Armen empfangen. In Israel mussten sie sich schnell an die Gegebenheiten vor Ort anpassen, was häufig zum Bruch mit den eigenen Traditionen führte. So war die Muttersprache der meisten Schejres Haplejte, das Jiddische, in Israel unerwünscht. In den USA und anderen Zufluchtsländern war der Anfang ebenfalls nicht leicht. Eine Aufarbeitung des Holocaust fand hier erst ab dem Eichmann-Prozess Anfang der 1960er-Jahre statt. Es dauerte Jahrzehnte, bis das Schicksal der Holocaust-Überlebenden wirklich anerkannt wurde.
DPs verschiedener Nationalitäten, die durch den Displaced Persons Act in die USA einreisen dürfen, säumen die Decks der USS General Black, als diese den Hafen von Bremerhaven verlässt, 1948. https://collections.ushmm.org/search/catalog/pa21861 / United States Holocaust Memorial Museum, courtesy of National Archives and Records Administration, College Park,
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DPs verschiedener Nationalitäten, die durch den Displaced Persons Act in die USA einreisen dürfen, säumen die Decks der USS General Black, als diese den Hafen von Bremerhaven verlässt, 1948. https://collections.ushmm.org/search/catalog/pa21861 / United States Holocaust Memorial Museum, courtesy of National Archives and Records Administration, College Park,
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Eine politische Karikatur, die die Hindernisse bei der Auswanderung von DPs in die USA illustriert, 1946. https://collections.ushmm.org/search/catalog/pa1046580 / United States Holocaust Memorial Museum, courtesy of Norbert Wollheim,
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Eine politische Karikatur, die die Hindernisse bei der Auswanderung von DPs in die USA illustriert, 1946. https://collections.ushmm.org/search/catalog/pa1046580 / United States Holocaust Memorial Museum, courtesy of Norbert Wollheim,
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Verbleib in Deutschland
Doch nicht alle Juden, die nach Deutschland geflohen waren, verließen das Land im Jahr 1948. Ob es sich dabei um eine freiwillige Entscheidung handelte oder um einen Mangel an Perspektiven im Ausland, ist oft schwer zu sagen. Wie in den meisten Fällen von Flucht, Vertreibung und Migration gab es auch hier eine Vielzahl von Beweggründen, die bei der Entscheidung zu gehen oder zu bleiben eine Rolle spielten. In jedem Fall ist die Bedeutung der Schejres Haplejte für den Aufbau der jüdischen Gemeinden im Nachkriegsdeutschland nicht zu unterschätzen.
Beispiele dafür finden sich in ganz Deutschland. So wurden die im DP-Lager Föhrenwald verbliebenen jüdischen Bewohner 1957 auf neun deutsche Städte verteilt. Die meisten der rund 800 DPs kamen nach München, wo sie das jüdische Leben der Stadt maßgeblich prägten. Die Gründerin der auf jüdische Literatur spezialisierten „Literaturhandlung“ etwa, Rachel Salamander, wurde im DP-Lager Deggendorf geboren und wuchs in Föhrenwald auf, bevor sie mit ihrer Familie nach München zog. Aber auch in den anderen Städten haben sie ihre Spuren hinterlassen. So beleuchtete eine Ausstellung der Initiative 9. November e. V. im Jahr 2019 die Biografien der Schejres Haplejte, die aus Föhrenwald nach Frankfurt am Main kamen.
Der Weg der Schejres Haplejte in eine neue Heimat war also ein langer und beschwerlicher. Er war geprägt von Hoffnung und Zuversicht nach dem erlebten Elend, aber auch von vielen Hindernissen und Phasen der Ungewissheit. Das Schicksal der jüdischen DPs ist bis heute in unserer Erinnerungskultur wenig präsent, obwohl sie einen wichtigen Beitrag zum Fortbestehen des europäischen Judentums geleistet haben. Um die Entwicklung jüdischen Lebens in Deutschland und vielen anderen Ländern nach 1945 verstehen zu können, ist eine Auseinandersetzung mit dem Prozess der Heimatsuche der Schejres Haplejte unumgänglich.
Juliane Wetzel, „Jüdische Displaced Persons: Holocaustüberlebende zwischen Flucht und Neubeginn“, Deutschland Archiv, 2017, www.bpb.de/255388.
2.
Katarzyna Person, Jüdische DPs aus Polen in der amerikanischen und der britischen Besatzungszone Deutschlands, 1945-1948, übers. von Anna Labentz, Interdisciplinary Polish Studies 12 (Wiesbaden: Harrassowitz Verlag, 2023), 103.
3.
Angelika Königseder, und Juliane Wetzel, Lebensmut im Wartesaal: Die jüdischen DPs (Displaced Persons) im Nachkriegsdeutschland (Frankfurt am Main: Fischer, 1994).
4.
Hans-Peter Föhrding, und Heinz Verfürth, Als die Juden nach Deutschland flohen: Ein vergessenes Kapitel der Nachkriegsgeschichte (Köln: Kiepenheuer
5.
„Displaced Persons“, United States Holocaust Memorial Museum, Zugriff am 12. März 2025, https://encyclopedia.ushmm.org/content/en/article/displaced-persons.
Benedikt Putz (2025-12-15): Keine „Stunde Null“ nach der Shoah. Jüdische Displaced Persons und der lange Weg zum Neubeginn. In: Copernico. Geschichte und kulturelles Erbe im östlichen Europa. URL: https://www.copernico.eu/de/link/69119f7c34b252.97301315 (15-01-2026)