Zwei passionierte Segler, aufgewachsen in Giżycko, nicht weit von Sztynort. Marek Makowski (Jg.1984) und Piotr Wagner (Jg.1986) gingen in jungen Jahren fort, nutzten die Chancen des vereinten Europas und kehrten später in ihre heimatliche Galaxie zurück. Marek, Unternehmer, Besitzer einer Segelschule, Piotr, selbstständiger Dolmetscher, Reiseleiter und Kulturschaffender, haben für Sztynort eine handfeste Vision.
Zwei Europäer am richtigen Platz
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Manchmal sind sie selbst erstaunt, wie ähnlich ihre Lebensläufe sind.1 Eine behütete Kindheit in der Provinz, der Kindergarten noch von der kommunistischen Ära geprägt, derweil die Eltern sich in den Wirren der Transformation neu orientieren mussten. Marek und Piotr lernten früh, frei und offen zu reden, auch über ihre Familiengeschichte. In der Ahnenreihe der Makowskis und Wagners kreuzen sich die Wege von Polen, Ukrainern und Deutschen. Typisch für die Region, ihre Multikulturalität wurde in den 1990er Jahren endlich zum Thema.
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Wie vielerorts hatte sich in
Giżycko
deu. Lötzen

Giżycko ist eine Stadt in der polnischen Woiwodschaft Ermland-Masuren. Sie wurde 1340 zum ersten Mal als „Letzenburg“ und „Lezcen“ urkundlich erwähnt. Giżycko liegt auf einer Landenge zwischen dem Jezioro Niegocin (Löwentinsee) und dem Jezioro Kisajno (Kissainsee), einem Becken des Jezioro Mamry (Mauersee).
2016 hatte Giżycko 29.642 Einwohner:innen.

Das Bild zeigt eine Stadtansicht von Giżycko /Lötzen auf einer Postkarte von vor 1945.

1989 eine „Masurische Gesellschaft“  gegründet, wo sich die deutsche Minderheit traf. Ein Nachname wie Wagner war kein Makel mehr. Dem kleinen Piotr gefiel, dass sein verstorbener Großvater Jan Wagner in
Wydminy
deu. Widminnen

Wydminy ist ein Dorf in Polen und liegt 18 Kilometer südöstlich von Giżycko (Lötzen) am Jezioro Wydmińskie (Widminner See). Die erste schriftliche Erwähnung von Widminnen stammt aus dem Jahr 1480. Im Jahr 2012 lebten 2.300 Menschen in Wydminy.

Die Abbildung zeigt eine Postkarte der Uferpromenade von Wydminy/
Widminnen vor 1945.

geboren war und „ostpreußisch“ sprechen konnte. In Mareks masowischer Linie fand sich eine deutsche Urgroßmutter.
 
Was ist Masury? Was war Masuren früher, vor 1945? Mit diesen Fragen beschäftigten sich nun viele. Denkmäler aus deutscher Zeit wurden renoviert und gepflegt. Marek und sein älterer Bruder putzten mit den Eltern einen Findling, der an Friedrich Dewischeit erinnert, den deutschen Dichter und Verfasser des Masurenliedes: „Wild flutet der See, drauf schaukelt den Fischer der schwankende Kahn.“
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In den Schulen wurde eine neue Art Heimatkunde gelehrt. Unter anderem standen Ausflüge zum Lehndorffschen Schloss auf dem Programm. Vom mutigen Widerstand Heinrich von Lehndorffs (Querverweis zu Kapitel Antje Vollmer) gegen Hitler war die Rede, von der Vertreibung der Grafenfamilie und dem Treck der Dorfbewohner nach Westen. Die kommunistische Version vom Gutsherrn als Ausbeuter machte einer differenzierten Sicht Platz.
 
Lang unterdrückte Geschichten kamen zum Vorschein. Eine alte Dame in Mareks Haus erzählte, die Russen hätten 1945 die Schlossbibliothek verheizt. Auf den Segelcamps redete man darüber, wie es früher im Schloss ausgesehen haben soll. Tatsachen, vermischt mit Gerüchten, so lebendig und farbig, „ich dachte, ich wäre dabei gewesen“.
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Man sprach jetzt über
Sibirien
rus. Sibir, rus. Сиби́рь, eng. Siberia

Sibirien erstreckt sich über eine Fläche von 12,8 Mio. Quadratkilometern zwischen dem Ural, dem Pazifik, dem Nordpolaarmeer, China und der Mongolei.1581/82 begann die russische Eroberung Sibiriens. Zur Zeit der Aufklärung vor allem Rohstoffquelle und Raum für den Handel mit Asien, gewann Sibirien ab dem 19. Jahrhundert Bedeutung als Ort für Strafkolonien und Verbannte. Mit der Erschließung durch die transsibirische Eisenbahn und der Dampfsschifffahrt am Ende des 19. Jahrhunderts kamen Industrialisierung und damit neue Siedler nach Sibirien. Weitere Industrialisierung unter Stalin wurde vor allem mit der Arbeitskraft von Gulag-Häftlingen und Kriegsgefangenen umgesetzt.

Die Karte zeigt Nordasien, zentral gelegen Sibirien. CIA World Factbook, bearbeitet von Veliath (2006) und Ulamm (2008). CC0 1.0.

, die Deportationen der 1940er und 1950er Jahre. Piotr zum Beispiel erfuhr, dass seine Großeltern Zenobia und Jan sich in der Verbannung kennengelernt haben, in einer Kolchose bei
Krasnojarsk
rus. Красноярск

Krasnojarsk ist heute die drittgrößte Stadt Sibiriens. 1628 als militärischer Vorposten gegründet, profitierte die Stadt in ihrer Entwicklung ab 1895 von der Verbindung mit der Transsibirischen Eisenbahn. Im Zweiten Weltkrieg war die Region von Krasnojarsk Ziel sowohl für Evakuierungen aus dem Kriegsgebiet im Westen als auch für Verbannungen zur Zwangsarbeit.

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Mit dreizehn, vierzehn verfielen Piotr und Marek dem Jazz. Und weil sich der Jazzclub im selben Gebäude befand wie die Masurische Gesellschaft, ging eins ins andere über. Dort haben sich ihre Wege gekreuzt. Wer sich in Giżycko für Musik und Geschichte interessierte, „der musste sich einfach kennen.“
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Nach dem Abitur zog es sie aus der Kleinstadt fort. Obwohl Englisch in Mode war, schrieb sich Piotr in
Olsztyn
deu. Allenstein, lat. Holstin, lat. Allenstenium

Das heutige Stadt Allenstein/Olsztyn (Bevölkerungszahl 2022: 168.212) wurde 1353 als „Allensteyn“ an der Allna gegründet. Allenstein ist die größte Stadt Ermlands und der Sitz der Woiwodschaft Ermland-Masuren. Die Stadt ist Mitglied der Europäische Route der Backsteingotik, insbesondere aufgrund seines Altstadtrings und der Burg Allenstein.

Das Bild zeigt eine Stadtansicht von Olsztyn /Allenstein auf einer Postkarte von vor 1945.

für Germanistik ein, studierte die Sprache seines Großvaters, später in Bremen Internationale Beziehungen. Seine Bachelor-Arbeit schrieb er über den „Bund der Vertriebenen“. Zwei Jahre im polnischen Konsulat in Hamburg, dann
Warszawa
deu. Warschau, eng. Warsaw, deu. Warszowa, deu. Warszewa, yid. Varše, yid. וואַרשע, rus. Варшава, rus. Varšava

Warschau ist die Hauptstadt Polens und zugleich die größte Stadt des Landes (Bevölkerungszahl 2022: 1.861.975). Sie liegt in der Woiwodschaft Masowien an Polens längstem Fluss, der Weichsel. Warschau wurde erstmals Ende des 16. Jahrhunderts Hauptstadt der polnisch-litauischen Adelsrepublik und löste damit Krakau ab, das zuvor polnische Hauptstadt gewesen war. Im Rahmen der Teilungen Polen-Litauens wurde Warschau mehrfach besetzt und schließlich für elf Jahre Teil der preußischen Provinz Südpreußen. Von 1807 bis 1815 war die Stadt Hauptstadt des Herzogtums Warschau, einem kurzlebigen napoleonischen Satellitenstaat; im Anschluss des Königreichs Polen unter russischer Oberherrschaft (dem sog. Kongresspolen). Erst mit Gründung der Zweiten Polnischen Republik nach Ende des Ersten Weltkriegs war Warschau wieder Hauptstadt eines unabhängigen polnischen Staates.

Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde Warschau erst nach intensiven Kämpfen und einer mehrwöchigen Belagerung von der Wehrmacht erobert und besetzt. Schon dabei fand eine fünfstellige Zahl an Einwohnern den Tod und wurden Teile der nicht zuletzt für seine zahlreichen barocken Paläste und Parkanlagen bekannten Stadt bereits schwer beschädigt. Im Rahmen der anschließenden Unterdrückung, Verfolgung und Ermordung der polnischen und jüdischen Bevölkerung wurde mit dem Warschauer Ghetto das mit Abstand größte jüdische Ghetto unter deutscher Besatzung errichtet, das als Sammellager für mehrere hunderttausend Menschen aus Stadt, Umland und selbst dem besetzten Ausland diente und zugleich Ausgangspunkt für die Deportation in Arbeits- und Vernichtungslager war.

Infolge des Aufstandes im Warschauer Ghetto ab dem 18. April 1943 und dessen Niederschlagung Anfang Mai 1943 wurde das Ghettogebiet systematisch zerstört und seine letzten Bewohner verschleppt und ermordet. Im Sommer 1944 folgte der zwei Monate dauernde Warschauer Aufstand gegen die deutsche Besatzung, in dessen Folge fast zweihunderttausend Polen ums Leben kamen und nach dessen Niederschlagung auch das restliche Stadtgebiet Warschaus von deutschen Einheiten weitgehend und planmäßig zerstört wurde.

In der Nachkriegszeit wurden zahlreiche historische Gebäude und Teile der Innenstadt, darunter das Warschauer Königsschloss und die Altstadt, wiederaufgebaut - ein Prozess, der bis heute andauert.

, wo er Arbeit bei einer Bank fand. Marek entschied sich für
Wrocław
deu. Breslau, lat. Wratislavia, lat. Vratislavia, ces. Vratislav, deu. Breslaw, deu. Bresslau, deu. Wreczelaw, deu. Wrezlaue, lat. Vuartizlau, lat. Wrotizlaensem, lat. Wortizlava, deu. Brassel

Wrocław (dt. Breslau) ist eine der größten Städte in Polen (Bevölkerungszahl 2022: 674.079). Sie liegt in der Woiwodschaft Niederschlesien im Südwesten des Landes.
Zunächst unter böhmischer, piastischer und zeitweise ungarischer Herrschaft übernahmen 1526 die Habsburger die schlesischen Erblande und damit auch Breslau. Einen weiteren Wendepunkt in der Geschichte der Stadt stellte die Besetzung Breslaus durch die preußischen Truppen 1741 und die anschließende Einverleibung eines Großteil Schlesiens in das Königreich Preußen dar.
Die rapide Bevölkerungszunahme und Industrialisierung führte zur sprunghaften Urbanisierung der Vorstädte und ihrer Eingemeindung, was mit der Schleifung der Stadtmauer Anfang des 19. Jahrhunderts einherging. Bereits 1840 wuchs Breslau mit 100.000 Einwohnern zur Großstadt heran. Am Ende des 19. Jahrhunderts veränderte sich das häufig noch mittelalterlich geprägte Stadtbild hin zur Großstadt wilhelminischer Prägung. Höhepunkt der Stadtentwicklung noch vor dem Ersten Weltkrieg war die Anlage des Ausstellungsparks als neuer Mittelpunkt der gewerblichen Zukunft Breslaus mit der Jahrhunderthalle von 1913, die seit 2006 zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört.
In den 1920er und 30er Jahren erfolgte die Eingemeindung von 36 Ortschaften und der Bau von Wohnsiedlungen am Stadtrand. Um der großen Wohnungsnot nach dem Ersten Weltkrieg zu begegnen, wurden auch Wohngenossenschaften mit Siedlungsbau beauftragt.
Noch 1944 zur Festung erklärt, wurde Breslau während der folgenden Kampfhandlungen in der ersten Hälfte 1945 nahezu vollständig zerstört. Der Wiederaufbau der nun Polnisch gewordenen Stadt dauerte bis in die 1960er Jahre.
Von der etwa 20.000 Personen zählender jüdischen Bevölkerung fanden sich nach dem Zweiten Weltkrieg nur 160 Personen in der Stadt wieder. 1945–1947 wurde die nach dem Kriegsende verbliebene bzw. zurückgekehrte - deutsche - Bevölkerung der Stadt zur Auswanderung größtenteils gezwungen, an ihre Stelle wurden Menschen aus dem Gebiet des polnischen Vorkriegsstaats angesiedelt, darunter aus den an die Sowjetunion verlorenen Gebiete.
Nach dem politischen Umbruch von 1989 erhob sich die Stadt zu neuer, beeindruckender Blüte. Der Transformationsprozess und seine raumwirksamen Folgen sorgten für einen rasanten Aufschwung Breslaus, unterstützt durch den Beitritt Polens zur Europäischen Union im Jahr 2004. Heute ist Breslau eine der am besten prosperierenden Städte Polens.

, eine liberale, quirlige, ehemals deutsche Stadt, und studierte dort Ökonomie.
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Marek war der erste, der heimkehrte. Eines Tages rief ihn ein Freund an, er suche einen Steuermann für ein Segelboot. „Plötzlich wurde mir klar, ich hatte Sehnsucht nach Masuren.“ 2005 gründete er eine Segelschule, die er „Gertis“ nannte, altpreußisch „Wind“. Marek Makowski war in seinem Element.
 
2010 erreichte Piotr Wagner in Warschau ein Anruf der Polnisch-deutschen Stiftung für Kulturpflege und Denkmalschutz. Sie hatte gerade den verfallenden Lehndorffschen Herrensitz gekauft und brauchte dringend einen Dolmetscher. Das reizte ihn. Bald gehörte er zum engeren Kreis der Idealisten, die das Schloss retten und wiederbeleben wollten. In seiner Freizeit machte er sich mit dem Dorf bekannt, kaufte für alte Leute ein, fuhr sie zum Arzt, schloss Freundschaften.
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Immer mehr Radler-Gruppen und Reisebusse machten jetzt Station in Sztynort. Im Sommer arbeitete Piotr als Fremdenführer. „Ich las alles über den Ort“, erzählt er, „am wichtigsten für mich war das Buch ‚Doppelleben‘ von Antje Vollmer“. 2013 kehrte er, des Pendelns müde, Warschau den Rücken – zurück nach Giżycko. Seine Sprachkenntnisse wurden auch im Zuge der Notsicherung des Schlosses gebraucht. An der Seite deutscher und polnischer Ingenieure und Handwerker lernte er alle Stockwerke und Räume kennen. Ihr erbärmlicher Zustand ging ihm zu Herzen.
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In seiner Kindheit war er – wie auch sein Freund Marek – Zeuge des Niedergangs gewesen. Seit das Schloss leer stand, waren Räuber von nah und fern darüber hergefallen. In den 1990er Jahren verschwanden Öfen, Kacheln, Holzbohlen, Dachpfannen, Metallgitter. Die Tage der Gutsgebäude, so schien es, waren gezählt.
 
Auch das Lehndorffsche Familienmausoleum und die Gräber der früheren Steinorter Dorfbewohner wurden geplündert, „Knochen lagen überall herum,“ erinnert sich Marek Makowski. Andere Menschen wiederum hätten Kerzen aufgestellt.
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Gier und alter Hass tobten sich aus, nicht nur hier. Piotr beteiligte sich damals an einer Aktion der Olsztyner Kulturgesellschaft und Stiftung „Borussia“, einen Friedhof der Altgläubigen in der
Johannisburger Heide
pol. Puszcza Piska, eng. Puszcza Piska Forest, eng. Pisz Forest

Die in Masuren gelegene Puszcza Piska ist mit über 1.000 km² das größte Waldgebiet Polens. Bis 1945 war sie der größte Forst im Deutschen Reich.

Das Foto zeigt eine Waldlichtung mit See in der Puszcza Piska /Johannisburger Heide vor 1935.

in Ordnung zu bringen.  Das Manifest der„Borussia“, das die multikulturelle Geschichte der Region auf ihre Fahnen schrieb und die Verbundenheit mit Europa, wurde für viele junge Leute wie Piotr und Marek zu einem Leitbild.
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Nach ihrer Rückkehr wurde das heruntergekommene Lehndorffsche Schloss Teil ihres Lebens. Es war Piotrs Arbeitsplatz. Marek, der Segellehrer, sah es vom Hafen aus liegen. Sie sorgten sich: Offenbar hatten die verschiedenen Investoren nur Interesse an der Marina, ließen das historische Baudenkmal links liegen oder ordneten es ihren kommerziellen Plänen unter. „Einer wollte ans Schloss ein Sheraton anbauen.“ Für Marek undiskutabel. „Es gab Pläne für ein Klein-Venedig, mit Kanälen und Gondeln.“
Zwei Freunde bauen an der Zukunft
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Seit vielen Jahren trennte ein Tor aus Metall Schloss und Dorf - passieren verboten . Das darf nicht sein, so die Meinung der Freunde. „Schloss und Dorf und der Hafen gehören zusammen. Die ganze Region muss in die Zukunftspläne einbezogen sein.“
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Von Berufs wegen hatte Marek Makowski Kontakt zu Gästen aus ganz Polen und dem Ausland: klugen, einflussreichen Leuten aus Wirtschaft und Kunst, Universitäten und Kliniken. Seglerinnen und Segler, eine besondere Spezies – auf den Booten und abends beim Bier wurde so allerhand ausgeheckt.
 
Marek kam ins Gespräch mit einem Segler aus Warschau, Vorstandsmitglied der „King Cross Group.“ Ein italienisches Unternehmen, das Shoppingcenter in Osteuropa baut, mit Sinn für örtliche Sehenswürdigkeiten. „Den Italienern sind Kultur und Geschichte wichtig.“ Aus der Segler-Connection wurde ein Neuanfang für Sztynort. 2018 kaufte die King Cross die Marina und das Gelände rund ums Schloss. Die Verantwortlichen kooperieren eng mit der polnisch-deutschen Stiftung, die das Schloss in ihrer Obhut hat.
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„Man muss Geld verdienen,“ sagt Marek Makowski, „sonst geht es nicht.“ Inzwischen ist er Koordinator eines Projekts mit dem Namen „Novy Sztynort“, das mit 50 Millionen Zloty von der EU gefördert wird. Im Lehndorffschen Speicher sollen ein Restaurant entstehen, Co-Working-Spaces, ein Museum für Ökologie und eines zur Geschichte des Segelns. Es wird schnell gehen, parallel dazu der Park neugestaltet. Bis 2022 werden die Lücken in der alten Eichenallee durch junge Bäume geschlossen. Eine Bio-Gärtnerei ist geplant, ein Naturkundepfad und ein Grillplatz.
 
Sein Freund Piotr Wagner wird weiterhin für die Zukunft des Schlosses arbeiten. Er wird die Bauleute unterstützen und das jährliche Kultur-Festival (Querverweis zu Kapitel Hannah Wadle), den mühevollen Kampf der deutsch-polnischen Stiftung um öffentliche Gelder . Wo immer möglich wird er mitdenken und mitreden, wie der Riesenbau sinnvoll genutzt werden könnte .
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Jedenfalls werden die Geschichten der Sztynorter und der früheren Steinorter im Prozess der Wiedergeburt des Schlosses  eine Rolle spielen. Variationen des großen Themas Flucht, Vertreibung und Neubeginn, damit kennt Piotr Wagner sich aus, nicht zuletzt durch Erzählungen aus der eigenen Familie.
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Oft kommt ihm seine Großmutter Zenobia in den Sinn, die als junge Frau Anfang der 1950er Jahre mit ihren Eltern aus einem Dorf bei
Vilnius
deu. Wilna, rus. Вильнюс, rus. Wilnjus, yid. ווילנע, yid. Wilne, bel. Вільня, bel. Wilnja, pol. Wilno

Vilnius ist die Hauptstadt und bevölkerungsreichste Stadt Litauens. Sie liegt im südöstlichen Teil des Landes an der Mündung der namengebenden Vilnia (auch Vilnelė) in die Neris. Wahrscheinlich bereits in der Steinzeit besiedelt, datiert die erste schriftliche Erwähnung auf 1323; Magdeburger Stadtrecht erhielt Vilnius 1387. Von 1569 bis 1795 war Vilnius Hauptstadt des litauischen Großfürstentums in der polnisch-litauischen Adelsrepublik. Mit der dritten Teilung von Polen-Litauen verlor sie im Russischen Zarenreich diese Funktion. Erst durch die Gründung der Ersten Litauischen Republik 1918 wurde Vilnius kurzzeitig erneut Hauptstadt. Zwischen 1922 und 1940 gehörte Vilnius zur Republik Polen, weshalb Kaunas zur Hauptstadt Litauens ausgebaut wurde. Nach dem zweiten Weltkrieg war Vilnius bis zur Wiedererlangung der Unabhängigkeit Litauens 1990 Hauptstadt der Litauischen Sozialistischen Sowjetrepublik.

Bereits im Mittelalter galt Vilnius als Zentrum der Toleranz. Insbesondere Juden fanden in Vilnius Zuflucht vor Verfolgung, so dass sich Vilnius bald als "Jerusalem des Nordens" einen Namen machte. Nicht zuletzt mit dem Goan von Wilna, Elijah Ben Salomon Salman (1720-1797), war Vilnius eines der bedeutendsten Zentren jüdischer Bildung und Kultur. Bis zur Jahrhundertwende war die größte Bevölkerungsgruppe die jüdische, während laut der ersten Volkszählung im russischen Zarenreich 1897 lediglich 2% der litauischen Bevölkerungsgruppe angehörten. Ab dem 16. Jahrhundert entstanden zahlreiche barocke Kirchen, die der Stadt auch den Beinamen "Rom des Ostens" eintrugen und die bis heute das Stadtbild prägen, während die zahlreichen Synagogen der Stadt im Zweiten Weltkrieg zerstört wurden. Zwischen 1941 und 1944 unterstand die Stadt dem sog. Reichskommissariat Ostland. In dieser Zeit wurde fast die gesamte jüdische Bevölkerung ermordet, nur wenige konnten fliehen.

Auch heute noch zeugt die Stadt von einer "phantastische[n] Verschmelzung von Sprachen, Religionen und nationalen Traditionen" (Tomas Venclova) und pflegt ihre vielkulturelle Geschichte und Gegenwart.

nach
Sibirien
rus. Sibir, rus. Сиби́рь, eng. Siberia

Sibirien erstreckt sich über eine Fläche von 12,8 Mio. Quadratkilometern zwischen dem Ural, dem Pazifik, dem Nordpolaarmeer, China und der Mongolei.1581/82 begann die russische Eroberung Sibiriens. Zur Zeit der Aufklärung vor allem Rohstoffquelle und Raum für den Handel mit Asien, gewann Sibirien ab dem 19. Jahrhundert Bedeutung als Ort für Strafkolonien und Verbannte. Mit der Erschließung durch die transsibirische Eisenbahn und der Dampfsschifffahrt am Ende des 19. Jahrhunderts kamen Industrialisierung und damit neue Siedler nach Sibirien. Weitere Industrialisierung unter Stalin wurde vor allem mit der Arbeitskraft von Gulag-Häftlingen und Kriegsgefangenen umgesetzt.

Die Karte zeigt Nordasien, zentral gelegen Sibirien. CIA World Factbook, bearbeitet von Veliath (2006) und Ulamm (2008). CC0 1.0.

verschleppt wurde. Hunger, Sklavenarbeit auf den Feldern, zur Winterzeit im Wald, bei vierzig Grad minus. Dort, im Dorf Tatarskoe unweit von Krasnojarsk, lernte sie den Deutschen Jan Wagner kennen, der 1945 aus seinem masurischen Heimatdorf Widminnen deportiert worden war. 
 
1955 heirateten sie, bald war das erste Kind da. 1957 erst kamen sie frei, wussten nicht wohin. Als sie mit dem Zug Masuren durchquerten und ein leerstehendes Haus sahen, stiegen sie aus – kurz vor Giżycko.
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Ein nicht seltenes Schicksal hierzulande, die „Sibirjaken“, wie sie sich nannten, ihre Odyssee gehört zur masurischen Geschichte.
 
Charakteristisch für Masuren, meint Piotr Wagner, ist der Wunsch der Menschen, zur Ruhe zu kommen. Nach 1945 wie auch früher, zu deutscher Zeit, „leider kam meistens die Politik dazwischen.“
 
Diesmal könnte es gut ausgehen. Im Dorf Sztynort ist die Stimmung inzwischen verhalten optimistisch. 70 gemeldete Einwohner, etwa 40 leben ganzjährig hier, vor 1989 waren es mehr als doppelt so viel. Manch altes Haus wurde kürzlich renoviert, ihre Besitzer lassen städtische Kaufinteressenten abblitzen. Vielleicht kommt demnächst die Tochter oder der Sohn zurück?
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So wie Ela Serkis, die nach dem Tod der Eltern in das alte Insthaus mit dem Apfelspalier zog und „Sołtys“, Bürgermeisterin von Sztynort, wurde.
  
Am Ende der Dorfstraße werden neue Häuser im traditionellen Stil errichtet, dreißig sollen es werden, Bauherr ist die King Cross. In eines von ihnen einzuziehen, wäre durchaus attraktiv, findet Marek Makowski. Piotr Wagner, seit fünf Jahren Vater, ebenso. Mit Kindern lebe es sich gut hier, „Steinort hat mich gefunden“, sagt er.