Misslungene Mission

Die Reise eines amerikanischen Juden in die Sowjetunion
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1946 reiste Ben Zion Goldberg als Journalist durch die Sowjetunion. Dabei sah er sich auch auf einer persönlichen Mission: Er wollte den während des Krieges neu entstandenen Gesprächsfaden mit jüdischen Organisationen in der Sowjetunion nicht abreißen lassen und damit zu einer friedlicheren Welt beitragen.
Anfang Juni 1946 verfasste Ben Zion Goldberg (1895–1972) kurz vor seiner Abreise aus der 
Sowjetunion
eng. Soviet Union, deu. Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, rus. Sovetskiy Soyuz, rus. Советский Союз, . Совет Ушем, . Советонь Соткс, rus. Sovetskij Soûz, . Советий Союз, yid. ראַטן־פֿאַרבאַנד, yid. סאוועטן פארבאנד, yid. sovətn farband, yid. sovʿtn-farband, yid. sovətn-farband, . Советтер Союзу, . Совет Союзы, . Советон Цæдис, . Совет Эвилели

Die Sowjetunion (SU oder UdSSR) war ein von 1922 bis 1991 bestehender Staat in Osteuropa, Zentral- und Nordasien. Sie ist aus dem sog. Sowjetrussland hervorgegangen, dem Nachfolgestaat des Russländischen Kaiserreichs. Den Kern der Union und zugleich ihren größten Teil bildete die Russische Sowjetrepublik, hinzu kamen weitere Teilrepubliken. Ihre Zahl variiert über die Zeit hinweg und steht im Zusammenhang mit der Besatzung anderer Länder (Estland, Lettland, Litauen), nur kurzzeitig bestehenden Sowjetrepubliken (Karelo-Finnland) oder mit der Teilung bzw. Zusammenlegung von Sowjetrepubliken. Zusätzlich gab es zahlreiche autonome Republiken oder sonstige Gebietseinheiten mit einem Autonomiestatus, der sich im Wesentlichen auf eine sprachliche Autonomie der Minderheiten beschränkte.

Die UdSSR bestand vor ihrer formellen Auflösung aus 15 Sowjetrepubliken mit einer Bevölkerung von ungefähr 290 Millionen Menschen. Mit ca. 22,4 Millionen km² bildete sie den damals größten Flächenstaat der Welt. Die Sowjetunion war eine sozialistische Räterepublik mit einem Einparteiensystem und einer fehlenden Gewaltenteilung.

 in Richtung 
Mandatsgebiet Palästina
eng. Mandatory Palestine, heb. המנדט הבריטי מטעם חבר הלאומים על פלשתינה, fra. Palestine mandataire

Das Mandatsgebiet Palästina wurde infolge des Ersten Weltkriegs und der in den Nachkriegsjahren vorgenommenen territorialen Neuordnung der östlichen Mittelmeergebiete (Levante) geschaffen, die zuvor zum unterlegenen Osmanischen Reich gehört hatten. Im Kriegsverlauf waren die Gebiete westlich und östlich des Jordan, die historisch auch als Cis- bzw. Transjordanien bezeichnet wurden und den heutigen Staaten Israel, Jordanien sowie dem Westjordanland und dem Gazastreifen entsprechen, unter britische Herrschaft gekommen. Großbritannien hatte ab 1916 die regionale arabische Unabhängigkeitsbewegung in der Arabischen Revolte (1916–1918) entscheidend unterstützt, die militärisch eroberten Gebiete jedoch im Anschluss zwischen sich und Frankreich aufgeteilt. Noch vor Kriegsende hatte Großbritannien zudem nicht nur der arabischen, sondern auch der jüdischen Bevölkerung der Region Unterstützung in der Erlangung politischer Unabhängigkeit bzw. der Schaffung eigener Staaten zugesichert (Balfour-Erklärung, 1917). Die Konferenz von San Remo, die im April 1920 über die Aufteilung des Osmanischen Reiches entschied, bestätigte die britischen Gebietsansprüche. 1922 erteilte auch der Völkerbund Großbritannien offiziell das Mandat über das Gebiet.
Bereits 1923 teilte Großbritannien dieses erste „Mandatsgebiet Palästina“ in zwei Gebiete auf: „Transjordanien“, das 1946 unabhängig wurde und seit 1950 offiziell den Namen Jordanien trägt; sowie das erneut als Mandatsgebiet „Palästina“ bezeichnete Gebiet, das nun das historische Cisjordanien bzw. den westlich des Jordans gelegenen Teil der historischen Region Palästina und die südlich gelegene Negev-Wüste umfasste und nach wie vor einen Zugang zum Golf von Akaba und damit zum Roten Meer besaß.
Die Zeit des Mandats war von anhaltenden Unruhen zwischen den arabischen und jüdischen Bevölkerungsteilen des Mandatsgebietes geprägt, nach Ende des Zweiten Weltkriegs gab Großbritannien das Mandat auf und an die Vereinten Nationen (als Nachfolgeeinrichtung des Völkerbundes) zurück, die daraufhin einen Teilungsplan für die Region entwickelten. Zu dessen Implementierung kam es jedoch nie, da die Spannungen im Mandatsgebiet zum Palästinakrieg (1947–1949) eskalierten, in dessen Verlauf Israel seine Unabhängigkeit ausrufen und erfolgreich durchsetzen konnte.

Das Bild zeigt eine Karte des britischen Mandatsgebiets in Palästina zwischen 1945 und 1947. (Public Domain, via Wikimedia Commons)

 einen englischsprachigen Brief an Josef Stalin. Darin sprach er dem sowjetischen Staatsführer große Dankbarkeit im Namen der Kinder und Erben seines Schwiegervaters Sholem Aleichem Sholem Aleichem (Pseudonym für Shalom Rabinowitz; 1859, Perejaslaw bis 1916, New York) Jüdischer Schriftsteller, Humorist und Satiriker aus dem Russländischen Reich. Sholem Aleichem gilt als einer von drei Gründervätern der modernen jiddischen Literatur. Er arbeitete als Zeitungsreporter und schrieb Erzählungen, Romane sowie Theaterstücke. Als sein bekanntestes Werk gilt „Tewje der Milchmann“, das in den 1960er-Jahren am New Yorker Broadway als Musical „Fiddler on the Roof“ aufgeführt wurde und einige Jahre später unter dem Titel „Anatevka“ in Deutschland Verbreitung fand. Im Zuge der Pogrome von 1905 hatte Rabinovitz das Russländische Reich verlassen. Nach einem Aufenthalt in den USA kehrte er 1907 nach Europa zurück. 1914 wanderte er erneut nach New York aus, wo er am 13. Mai 1916 verstarb. Anlässlich seines Begräbnisses versammelten sich zehntausende Jüdinnen und Juden auf den Straßen New Yorks. aus. Es spreche für Stalin, dass sich dieser in der aktuell schwierigen weltpolitischen Lage persönlich um Publikationsfreigaben der Werke dieses jiddischsprachigen Schriftstellers in der Sowjetunion kümmere. „In den Annalen und in den Herzen der Familie Sholem Aleichem ist Ihr Name mit Liebe eingeschrieben.“1
 
Der Brief war Resultat einer ungewöhnlichen Reise. Goldberg hatte sich seit Januar 1946 in der Sowjetunion aufgehalten und zuvor bereits zahlreiche andere Länder Europas besucht. Sein offizielles Anliegen war es, über die Nachkriegsgesellschaften und die Überlebenden des khurbn (aus dem Jiddischen, dt.: Katastrophe), wie der Holocaust damals unter Jüdinnen und Juden genannt wurde, zu berichten. Während seiner Zeit in der Sowjetunion versuchte Goldberg aber zugleich, durch Kommunikation mit sowjetischen Politikern ein Fundament für einen kontinuierlichen Austausch zwischen Jüdinnen und Juden aus Ost und West zu legen. Dieses Unterfangen sollte an der politischen Realität der Zeit krachend scheitern.
Ben Zion Goldberg war einer von mehreren jüdischen Journalist:innen aus Amerika, die wenige Monate nach Kriegsende Europa besuchten.2 Eine Fahrt in die Sowjetunion war allerdings etwas Besonderes. Dass gerade Goldberg die Erlaubnis dazu erhielt, war jedoch kein Zufall. Seine Biografie war mit dem östlichen Europa verbunden und er zeigte zeitlebens großes Interesse an den Entwicklungen in der Sowjetunion.
Goldberg wurde 1895 im damaligen 
Ansiedlungsrayon
rus. Čerta osedlosti, yid. דער תּחום-המושבֿ, rus. Черта оседлости, eng. Pale of Settlement, eng. Settlement area of the Russian Empire, rus. Čerta postojannoj evrejskoj osedlosti, rus. Черта постоянной еврейской оседлости, yid. der tḥum ḣa-mojšev

Der bis ins Revolutionsjahr 1917 bestehende jüdische Ansiedlungsrayon wurde Ende des 18. Jahrhunderts im Zuge der drei Teilungen Polens (1772–1795) gegründet. Später wurde er um weitere von Russland eroberte Gebiete mit einem hohen Anteil jüdischer Bevölkerung im Südwesten erweitert. Er umfasste die Gebiete der heutigen Staaten Litauen, Belarus, Moldau sowie einen Großteil der Ukraine und Polens sowie zeitweise kleinere Teile Lettlands und der Russischen Föderation. Wie bereits vor der Einnahme dieser Gebiete, war es Jüdinnen und Juden bis auf wenige Ausnahmen verboten, sich im (alten) Russländischen Reich anzusiedeln. Die formelle Grundlage für den Ansiedlungsrayon wurde zwischen 1791 und 1804 geschaffen; der Name selbst wurde erst 1835 eingeführt.

 des 
Russländisches Kaiserreich
rus. Российская империя, rus. Rossijskaja imperija, eng. Russian Empire, deu. Russisches Zarenreich, rus. Всероссийская империя, rus. Wserossijskaja imperija, deu. Kaiserreich Russland, deu. Russisches Kaiserreich, deu. Russisches Reich, deu. Russländisches Reich

Das Russländische Kaiserreich (auch Russisches Reich, Russisches Kaiserreich oder Kaiserreich Russland) war ein von 1721 bis 1917 existierender Staat in Osteuropa, Zentralasien und Nordamerika. Das Land war Mitte des 19. Jahrhunderts das größte zusammenhängende Reich der Neuzeit. Es wurde nach der Februarrevolution im Jahr 1917 aufgelöst. Der Staat galt als autokratisch regiert und wurde von ungefähr 181 Millionen Menschen bewohnt.

 unter dem Namen Benjamin Waife geboren. Als Teenager emigrierte er mit seiner Familie in die USA. Während seines Psychologiestudiums an der New Yorker Columbia University lernte er Sholem Aleichem kennen. 1917, ein Jahr nach dem Tod des berühmten Schriftstellers, heiratete er dessen jüngste Tochter Marie.
Beruflich schlug er eine journalistische Laufbahn ein. Als Mitarbeiter der linken jiddischsprachigen Tageszeitung Der tog (dt.: Der Tag; engl.: The Day. The National Jewish Daily) erlangte er in den darauffolgenden Jahrzehnten als B. Z. Goldberg Bekanntheit. Für die Zeitung unternahm er Korrespondentenreisen in zahlreiche Länder. In den unterwegs verfassten Reportagen brachte er den Leser:innen die dortige Politik und Gesellschaft näher. Dabei lag ein Fokus immer auch auf dem jüdischen Leben vor Ort. Ende 1972 verstarb Goldberg unerwartet während eines Aufenthaltes in Israel.
Goldberg reiste erstmals 1934 in die Sowjetunion. Inmitten der Weltwirtschaftskrise und ein Jahr nach der Machtübertragung an Adolf Hitler berichtete er unter anderem aus 
Kiïv
ukr. Kyjiw, eng. Kiev, eng. Kyiv, deu. Kiew, ukr. Київ, pol. Kijów, ukr. KiÌv, ukr. Kyïv

Kiew liegt am Fluss Dnepr und ist seit 1991 Hauptstadt der Ukraine. Nach der ältesten russischen Chronik, der Nestorchronik, wurde Kiew erstmals 862 erwähnt. Es war Hauptsiedlungsort der Kiewer Rus‘, bis es 1362 an das Großfürstentum Litauen fiel, das 1569 Teil der polnisch-litauischen Adelsrepublik wurde. 1667 kam Kiew nach dem Aufstand unter Kosakenführer Bogdan Chmel'nyc'kyj und dem darauf folgenden polnisch-russischen Krieg zu Russland. 1917 wurde Kiew Hauptstadt der Ukrainischen Volksrepublik, 1918 der Ukrainischen Nationalrepublik und 1934 der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik.
Bezeichnet wurde Kiew auch als „Mutter aller russischen Städte“, „Jerusalem des Ostens“, „Hauptstadt der goldenen Kuppeln“ und „Herz der Ukraine“.
Im russisch-ukrainischen Krieg ist Kiew stark umkämpft.

Aufgrund des Krieges in der Ukraine ist es möglich, dass diese Informationen nicht mehr dem aktuellen Stand entsprechen.

 (heute: Kyjiw), einer 1930 von jüdischen Familien aus 
Wolgograd
eng. Tsaritsyn, eng. Stalingrad, eng. Volgograd, rus. Царицын, rus. Сталинград, rus. Волгоград, rus. Zarizyn, rus. Stalingrad

Die Stadt an der Wolga hieß bis 1925 Zarizyn, dann bis 1961 Stalingrad. International bekannt ist sie durch die Schlacht von Stalingrad im 2. Weltkrieg, bei der im Winter 1942/43 die Wehrmacht und ihre Verbündeten von der Roten Armee vernichtend geschlagen wurden, und die als psychologischer Wendepunkt im Kriegsgeschehen gilt. Im Rahmen der Entstalinisierung wurde die Stadt 1961 in Wolgograd umbenannt.

 gegründeten Kolchose namens 
Vakulove
ukr. Фрізендорф, rus. Сталиндорф, rus. Чемеринское, rus. Фризендорф, rus. Stalinskoe, rus. Сталинское, deu. Friesendorf, rus. Schowtnewoje, rus. Жовтневое, ukr. Жовтневе, ukr. Schowtnewe, ukr. Сталінське, ukr. Stalinske, ukr. Сталіндорф, ukr. Чемеринське, ukr. Tschemerynske, ukr. Вакулове, rus. Вакулово, rus. Stalindorf, rus. Wakulowo, rus. Vakulovo, ukr. Wakulowe, ukr. Stalindorf, ukr. Stalìndorf, deu. Salindorf, rus. Čemerinskoe, rus. Žovtnevoe, ukr. Stalìnsʹke, ukr. Čemerinsʹke, ukr. Žovtneve, ukr. Frìzendorf, rus. Frizendorf

Vakulvoe (Bevölkerungszahl 2021: 885) ist ein Dorf in der Oblast Dnipropetrowsk im Osten der Ukraine. Es wurde 1924 durch jüdische Siedler:innen als Čemerinskoe gegründet. 1931 wurde es in Stalindorf umbenannt und zum Hauptort des Stalindorfer Jüdischen Nationalbezirks. Nach mehreren Umbenennungen trägt das Dorf seit 2016 den heutigen Namen.

 und dem im Fernen Osten, in der Autonomen Jüdischen Oblast gelegenen 
Birobidschan
yid. ביראָבידזשאַן, rus. Биробиджан, rus. Тихонькая, rus. Tichonkaja, yid. byrobydžan

Birobidschan (Bevölkerung 2024: 67.212) ist die Hauptstadt der Jüdischen Autonomen Oblast im äußersten Osten der Russischen Föderation und liegt an der Transsibirischen Eisenbahn. Die Stadt wurde 1915 zunächst als Tichonkaja gegründet. Entgegen des ursprünglichen Vorhabens der Sowjetunion ab Ende der 1920er Jahre, in Birobidschan und der Jüdischen Autonomen Oblast ein jüdisches Siedlungsgebiet aufzubauen, gibt es heute nur noch wenige jüdische Einwohner:innen.

. Gut ein Jahrzehnt später sollte er unter völlig anderen Vorzeichen ein weiteres Mal das Land bereisen.
Goldberg verstand seinen zweiten Besuch in der Sowjetunion als doppelten Auftrag. Neben seiner journalistischen Tätigkeit war er als Gast des  Jüdischen Antifaschistischen Komitees (JAK)
Jüdisches Antifaschistisches Komitee
auch:
JAK, JAFK
Staatlicherseits gegründete sowjetisch-jüdische Organisation, die zwischen 1942 und 1948 existierte und Kontakt zu jüdischen Institutionen im Ausland pflegte. Ziel des JAK war es, Jüdinnen und Juden auf der ganzen Welt für den sowjetischen Kampf gegen das nationalsozialistische Deutschland zu gewinnen und Spenden einzusammeln. Zudem war sie einer der ersten Organisationen, die die Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden und den jüdischen Widerstand im Zweiten Weltkrieg dokumentierte. Ihr wichtigstes Publikationsorgan war die jiddischsprachige Zeitung Eynikayt (dt. Einigkeit). Entgegen den Vorstellungen der sowjetischen Machthaber wurde das JAK vielerorts als zentrale Vertretung der sowjetischen Jüdinnen und Juden wahrgenommen. Im November 1948 wurde das JAK von den sowjetischen Behörden aufgelöst. Anschließend wurden zahlreiche Repräsentant:innen der Organisation verhaftet und während der antisemitischen Säuberungen im Spätstalinismus ermordet.
 unterwegs. Drei Jahre zuvor waren mit Solomon Mikhoels Solomon Mikhoels (1890, Dvinsk bis 1948, Minsk) Berühmter jiddischsprachiger Schauspieler aus der Sowjetunion, der besonders durch seine Rollen als Tewje der Milchmann und König Lear der gleichnamigen Theaterstücke Bekanntheit erlangte. Mikhoels war u. a. Leiter des Staatlichen Jüdischen Theaters Moskau (GOSET) sowie Vorsitzender des Jüdischen Antifaschistischen Komitees (JAK). 1943 reiste er zusammen mit Itsik Feffer für mehrere Monate nach Nordamerika und Großbritannien. Mikhoels wurde am 12. Januar 1948 von Agenten des Ministeriums für Staatssicherheit in Minsk ermordet. Staatliche Stellen fingierten seinen Tod als Autounfall. Seine Ermordung stellt einen Wendepunkt in der sowjetisch-jüdischen Geschichte dar. Sie gilt als Übergang zu einer Politik des staatlichen Antisemitismus in der Sowjetunion. und Itsik Feffer Itsik Feffer (1900, Shpola bis 1952, Moskau) Jiddischsprachiger Dichter aus der Sowjetunion und Autor zahlreicher Gedichtbände. Feffer war u. a. Gründungsmitglied der Jüdischen Sektion des Allukrainischen Verbandes proletarischer Schriftsteller (VUSPP), Mitherausgeber der in Kharkiw ansässigen Zeitschriften Prolit (Proletarische Literatur) und Di royte velt (Die rote Welt). Feffer hatte sich 1919 den Bolschewiki angeschlossen und während des Bürgerkrieges für die Rote Armee gekämpft. Fast zeitgleich begann er seine literarische Karriere. Bekanntheit erlangte Feffer durch sein literarisches Konzept der „proste reyd“ (dt.: einfache Sprache). Während des Zweiten Weltkrieges war er Mitglied des Jüdischen Antifaschistischen Komitees (JAK). 1943 reiste er zusammen mit Solomon Mikhoels für mehrere Monate nach Nordamerika und Großbritannien. Gesichert ist, dass er in der Nachkriegszeit dem sowjetischen Geheimdienst zuarbeitete. Dennoch wurde er 1948 verhaftet und am 12. August 1952 zusammen mit anderen JAK-Mitgliedern hingerichtet. zwei Emissäre des Komitees nach Nordamerika geflogen. Die beiden sowjetischen Juden hatten dort inmitten des Krieges zahlreiche Vertreter:innen jüdischer und nichtjüdischer Organisationen getroffen. Darüber hinaus waren sie in eigens dafür gemieteten Stadien vor Tausenden von begeisterten Zuschauer:innen aufgetreten und hatten für jüdische Einigkeit im Kampf gegen den deutschen Faschismus sowie die Ausweitung der militärischen Unterstützung für die Sowjetunion plädiert. Goldberg teilte beide Forderungen uneingeschränkt. Er selbst hatte den Aufenthalt der sowjetischen Emissäre in Nordamerika mit in die Wege geleitet und die Gäste vor Ort eng begleitet.3
1946 erfolgte nun sein Gegenbesuch. Am 11. Januar überquerte er als erster jüdisch-amerikanischer Journalist nach dem Zweiten Weltkrieg die Grenze zur Sowjetunion. In Moskau beobachtete er mit großem Interesse die Arbeit des JAK und anderer jüdischer Organisationen. Daneben besuchte er Stalingrad, 
Sankt-Peterburg
rus. Leningrad, deu. Sankt Petersburg, eng. Saint Petersburg, rus. Санкт-Петербург, rus. Ленинград, rus. Петроград, rus. Petrograd, rus. Sant-Piter-Burh, rus. Sankt-Piter-Burh

Sankt Petersburg ist eine Metropole im Nordosten Russlands. In der Stadt wohnen 5,3 Millionen Menschen, was sie nach Moskau zur zweitgrößten des Landes macht. Sie liegt an der Mündung der Newa (Neva) in die Ostsee im Föderationskreis Nordwestrussland. Sankt Petersburg wurde 1703 von Peter dem Großen gegründet und war von 1712 bis 1918 die Hauptstadt Russlands. Von 1914–1924 trug die Stadt den Namen Petrograd, von 1924–1991 den Namen Leningrad.

Historische Orte
Russländisches Kaiserreich
  (
rus. Российская империя, rus. Rossijskaja imperija, eng. Russian Empire, deu. Russisches Zarenreich, rus. Всероссийская империя, rus. Wserossijskaja imperija, deu. Kaiserreich Russland, deu. Russisches Kaiserreich, deu. Russisches Reich, deu. Russländisches Reich, deu. Russländisches Kaiserreich
)
 sowie die 
Baltikum
eng. Baltics, lat. Balticum, deu. Baltische Staaten, deu. Baltische Provinzen

Das Baltikum ist eine Region im Nordosten Europas und setzt sich aus den drei Staaten Estland, Lettland und Litauen zusammen. Das Baltikum wird von knapp 6 Millionen Menschen bewohnt.

Belarus
bel. Belarus', rus. Белоруссия, deu. Republik Belarus, deu. Weißrussland, bel. Respublika Bielaruś, bel. Беларусь, eng. Republic of Belarus, eng. Belarus

Belarus (auch Weißrussland; Bevölkerungszahl 2024: 9.109.280, Fläche 207.595 km²) ist ein Staat in Osteuropa, der bis 1991 zur Sowjetunion gehörte. Seine Hauptstadt und bevölkerungsreichste Stadt ist Minsk. Belarus grenzt an die Ukraine, Polen, Litauen, Lettland und Russland.
In der weißrussischen Geschichtsschreibung wird das Land im Zusammenhang mit der Entwicklung ostslawischer Fürstentümer, insbesondere Polozk, betrachtet. Ab dem 13./14. Jahrhundert gehörten die Gebiete des heutigen Belarus zum Großfürstentum Litauen. Die damalige Amtssprache (Ruthenisch) betont die Bedeutung der ostslawischen Oberschicht im Großfürstentum. Ab dem 16/17. Jh. wird das frühere Gebiet des Fürstentums Polozk als Weiße Rus‘ bekannt. Ende des 18. Jh.s wurden die belarussischen Gebiete von Russland annektiert. Erst ab 1918 kann man von einer beginnenden belarussischen Staatlichkeit sprechen, als auf dem von Deutschland im Ersten Weltkrieg besetzten Gebiet kurzzeitig die Weißrussische Volksrepublik ausgerufen wurde. Diese wurde 1919 von der in Russland gegründeten Weißrussischen Sozialistischen Sowjetrepublik ersetzt. Nach mehreren Umstrukturierungen wurde diese 1922 Gründungsmitglied der UdSSR. Seit Ende 1991 ist Belarus unabhängig. Die anfänglich eingeführte Demokratie wurde jedoch bereits 1994 durch eine Autokratie ersetzt, die zunehmend von Russland abhängig ist.

 und die 
Ukraine
ukr. Ukrajina, eng. Ukraine, ukr. Україна

Die Ukraine ist ein Staat im östlichen Europa. Kiew ist die Hauptstadt und zugleich größte Stadt des seit 1991 unabhängigen Landes. Seit 2022 wehrt sich das Land gegen einen umfassenden russischen Überfall, der sich insbesondere auch gegen die Zivilbevölkerung und die kritische Infrastruktur des Landes richtet und Teil eines bereits seit 2014 laufenden, von der Russischen Föderation ausgehenden Krieges gegen die Ukraine ist, die 2014 mit der Annexion der ukrainischen Krim ihren Ausgang nahm.

. Auf diesen innersowjetischen Reisen wurde der Journalist immer von Feffer oder einem anderen Vertreter des JAK begleitet.4
Während seiner Reise durch die westlichen Sowjetrepubliken verfasste Goldberg einige englischsprachige Reportagen, die er der New Republic, dem St. Louis Post-Dispatch und dem Toronto Star Weekly anbot. Im Mittelpunkt eines Artikels über Belarus stand eine persönliche Begegnung mit dem Präsidenten der Belarussischen Sozialistischen Republik, Nikifor Natalevich. Außerdem ging Goldberg detailliert auf die belarussische Eigenständigkeit ein: „Sprechen Sie einen Belarussen nicht als Weißen Russen an und erwarten dann von ihm, dass er Ihr Freund wird. […] Wie würde es ein Schotte mögen, wenn Sie diesen Nördlichsten Engländer nennen?“5
Die Reportagen aus der Sowjetunion changieren zwischen einer Analyse der zeitgenössischen örtlichen Gegebenheiten und einem politischen Plädoyer. Die teilweise pro-sowjetische Rhetorik schien selbst Goldbergs Sohn Mitchell nicht geheuer. Als er die Artikel zu lesen bekam, schrieb er seinem Vater, dass „die Tage der Flitterwochen“ zwischen der Sowjetunion und den USA vorbei seien. Viele Zeitungen würden „‚objektive‘ Artikel und keine russischen Handreichungen“ erwarten. „Objektiv bedeutet Beschreibungen mit einer gesunden Dosis Kritik.“6 

Politische Konzepte aus der Vergangenheit

Vater und Sohn repräsentieren hier ein altes und neues geopolitisches Denken nach dem alliierten Sieg über den Nationalsozialismus. Während für B. Z. Goldberg mit Blick auf den Zweiten Weltkrieg und die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung Europas der Kampf gegen das nationalsozialistische Deutschland und den Faschismus oberste Priorität hatte, verwies sein Sohn auf die ideologisch-politischen Unterschiede zwischen den USA und der Sowjetunion. In einer bis 1949 andauernden historischen Phase, die Dan Diner als „Zwischenzeit“ und „Zone des Übergangs“ bezeichnet, mussten die vom Zweiten Weltkrieg betroffenen Gesellschaften diese beiden Zielvorstellungen austarieren. Es galt einerseits einen Umgang mit den unbeschreiblichen Verbrechen der Deutschen und ihren Helfershelfer:innen in der jüngsten Vergangenheit zu finden. Andererseits kündigten rasante politische Veränderungen den Kalten Krieg an.7
Goldberg, der sich zeitlebens für die Belange von Jüdinnen und Juden aus dem östlichen Europa einsetzte, ging es besonders um Ersteres. Er stand für den unbedingten Willen nach Frieden und versuchte dafür die während des Krieges entstandenen Kontakte zu Jüdinnen und Juden in der Sowjetunion zu verstetigen. Dabei hielt er an den Grundgedanken eines Appells aus dem Jahr 1941 fest, in dem sowjetische Jüdinnen und Juden zu weltweiter jüdischer Einigkeit im Kampf gegen Deutschland und seine Verbündeten aufgefordert hatten. Er versuchte, den Aufruf in die Nachkriegszeit zu übertragen. Hierfür blickte er über den stalinistischen Terror hinweg und ignorierte ideologische Grenzen. Exemplarisch kann sein zeitgenössisches politisches Denken an einem weiteren Brief von Juni 1946 aufgezeigt werden.
Vier Tage nach dem in diplomatischer Höflichkeit verfassten Schreiben an Stalin wandte sich Goldberg an Solomon Lozovskij Solomon Lozovskij (1878, Danilowka bis 1952, Moskau) Sowjetischer Politiker, Gewerkschaftsfunktionär und Wissenschaftler. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts war Lozovskij in der revolutionären Bewegung des Russländischen Reiches aktiv. Er hatte in der Sowjetunion u. a. folgende Funktionen inne: Generalsekretär der Roten Gewerkschafts-Internationale, Mitglied des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion und stellvertretender Volkskommissar für Außenbeziehungen. Seit 1941 war er stellvertretender Leiter und nach dem Krieg Leiter des Sowinformbüros (Sowjetisches Informationsbüro), unter dessen Zuständigkeit auch das Jüdische Antifaschistische Komitee (JAK) fiel. Im Januar 1949 wurde Lozovskij verhaftet und am 12. August 1952 zusammen mit JAK-Mitgliedern hingerichtet. . Den sowjetisch-jüdischen Politiker, in dessen Zuständigkeit auch das JAK fiel, hatte Goldberg zwei Mal persönlich getroffen. In einem längeren Brief drückte er nun seine Überzeugung aus, dass die Sowjetunion nach Frieden und Demokratie strebe, dies im Ausland jedoch nicht verstanden werde. Deshalb schlug er vor, das Potenzial der jüdischen Diaspora zu nutzen. Zwar habe die nationalsozialistische Vernichtungspolitik abermals gezeigt, dass Jüdinnen und Juden nicht so übermächtig seien, wie es die antisemitische Propaganda behaupte, da sonst die Judenvernichtung verhindert worden wäre. Dennoch seien sie in vielen Ländern eine wichtig gesellschaftliche Gruppe, die überproportional stark im Bürgertum und unter Intellektuellen vertreten sei. Aus diesem Befund leitete Goldberg eine konkrete Vorstellung für eine jüdische Vertretung in der Sowjetunion ab: Das JAK solle im Land ähnliche Befugnisse bekommen wie das American Jewish Committee in den USA. Zugleich müsse der intensive Kontakt zu jüdischen Gemeinschaften außerhalb der Sowjetunion fortgesetzt werden. Beides zusammen werde unter Jüdinnen und Juden weltweit zu einer positiveren Wahrnehmung der Sowjetunion führen, womit das JAK der Sache des Friedens und des Fortschritts dienen werde. Die internationale jüdische Einigkeit werde der Sowjetunion schließlich auch außenpolitisch zugutekommen.8 
Goldbergs Briefe an die beiden sowjetischen Politiker verdeutlichen, dass er sich auf seiner Reise nicht nur als Journalist, sondern auch als informeller amerikanisch-jüdischer Emissär verstand. Sie zeigen auch, dass er die Sowjetunion primär als das Land verstand, das die wenigen überlebenden Jüdinnen und Juden vor dem Nationalsozialismus gerettet hatte.

Verfolgung sowjetischer Jüdinnen und Juden

Goldbergs Versuch, internationale jüdische Verständigung mit allgemeiner Geopolitik zusammenzudenken, scheiterte auf tragische Art und Weise. Sein Eintreten für das JAK verschärfte dessen vulnerable Stellung im Spätstalinismus. Nur wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg begannen in der Sowjetunion staatlich gelenkte antisemitische Kampagnen. Zahlreiche Jüdinnen und Juden wurden unter dem Deckmantel der Verfolgung sogenannter „Kosmopoliten“ verhaftet und ermordet. Erstes Todesopfer war Goldbergs Freund Solomon Mikhoels, der Anfang 1948 in 
Minsk
rus. Minsk, rus. Минск, bel. Мінск

Minsk ist heute die Hauptstadt der Republik Belarus. Seine Geschichte reicht zurück bis ins Jahr 1067.
Im Laufe der Jahrhunderte gehörte Minsk zum Fürstentum Polock, den Großfürstentümern Kiew und Litauen, zum vereinigten Polen-Litauen, dem Russländischen Reich, der Weißrussischen Volksrepublik (kurzzeitig Litauisch-Weißrussische SSR), zu der zu Sowjetunion gehörigen Belorussischen Sozialistischen Sowjetrepublik und schließlich zu Belarus. Die multikulturelle Stadt, in der neben Juden, Polen, Russen und Belarusen zu jeder Zeit auch weitere Minderheiten lebten, litt immer wieder unter durchziehenden Armeen und Kriegsfolgen, etwa im Russisch-Polnischen Krieg (1654–1667), im Großen Nordischen Krieg (1700–1721), unter Napoleon und im Ersten und Zweiten Weltkrieg. Unter deutscher Besatzung wurde in Minsk 1941 das größte Ghetto in der besetzten Volksrepublik eingerichtet. In der Nähe der Stadt befand sich das Vernichtungslager Maly Trostinez. Zugleich waren die umliegenden Wälder ein Zentrum des Widerstands. Nach dem 2. Weltkrieg wurde die Stadt im sozialistischen Stil wiederaufgebaut und dabei auch Wohnraum für eine aufgrund von Industrialisierung und Urbanisierung rasant ansteigende Bevölkerung geschaffen.

 ums Leben kam. Wenige Monate später wurde das JAK aufgelöst. Es folgten Verhaftungen von Lozovskij, Feffer und weiteren Mitgliedern des Komitees. 13 von ihnen wurden in einem Geheimprozess zum Tode verurteilt und in der Nacht vom 12. auf den 13. August 1952 erschossen. Zwei der zentralen fingierten Anklagepunkte waren Kontakte ins Ausland und angebliche Spionagetätigkeit für die USA. Als vermeintlicher amerikanischer Spion fand auch Goldberg im Verhör eine explizite Erwähnung.9 
Erst 1956, kurz nach Nikita Chruschtschows Abrechnung mit Stalin in dessen sogenannter Geheimrede, sollten erste Informationen über den Prozess öffentlich werden. Diese Berichterstattung rüttelte an Goldbergs Grundüberzeugungen und veränderte seinen Blick auf den sowjetischen Staat und das dortige jüdische Leben nachhaltig.
Drei Jahre später fand Goldbergs dritte und letzte Reise in die Sowjetunion statt. Abermals versuchte er dabei an Informationen über das örtliche jüdische Leben zu gelangen. Da dieses jedoch kaum noch in der Öffentlichkeit sichtbar war, traf Goldberg nun ausschließlich Privatpersonen, mit denen er entweder zufällig, beispielsweise in Synagogen, ins Gespräch kam oder zu denen er bereits auf vorherigen Reisen Kontakte geknüpft hatte.10 Inwieweit ihm 13 Jahre später sein äußerst grotesk anmutendes Schreiben an den „alten Tyrannen“11 Stalin vom Sommer 1946 noch einmal in den Sinn kam, ist nicht bekannt. Das von seiner letzten Reise in die Sowjetunion aber keine Dankesbriefe an Vertreter:innen des sowjetischen Staates überliefert sind, verweist auf Goldbergs nun weit distanzierteres Verhältnis zur dortigen politischen Elite.

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Siehe auch