Mit dem Rennrad in die Vergangenheit

Schtetl-Reisen junger jüdischer Intellektueller in den 1980er Jahren
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Wie konnten junge Jüdinnen und Juden in der späten Sowjetunion ihre jüdische Identität entdecken und leben? Ein Leningrader Freundesnetz erkundete die nach dem Holocaust verlassenen früheren jüdischen Orte in der Ukraine und Belarus.

Melancholischer Rückblick: „Die Reise geht noch weiter“.

Auf YouTube findet sich ein knapp einstündiger Film, der unter dem Titel Reise nach Medschibosch Videoaufnahmen einer Fahrt zeigt, die eine Gruppe jüdischer Freund:innen aus 
Sankt-Peterburg
rus. Leningrad, deu. Sankt Petersburg, eng. Saint Petersburg, rus. Санкт-Петербург, rus. Ленинград, rus. Петроград, rus. Petrograd, rus. Sant-Piter-Burh, rus. Sankt-Piter-Burh

Sankt Petersburg (Bevölkerungszahl 2024: 5.645.943, davon 4.732.198 in der Stadt im engeren Sinne) ist eine Metropole im Nordosten Russlands. Nach Moskau ist sie die zweitgrößte Stadt des Landes. Die Stadt wurde 1703 von Peter dem Großen an der Mündung der Newa in die Ostsee gegründet. Von 1712 bis 1918 war sie die Hauptstadt Russlands. Neben Moskau ist St. Petersburg der wichtigste Industrie-, Bildungs-, Kultur- und Handelsstandort sowie einer der wichtigsten Häfen Russlands. Von 1914 bis 1924 trug die Stadt den Namen Petrograd und von 1924 bis 1991 den Namen Leningrad.
Während des Zweiten Weltkriegs wurde die Stadt vom 8. September 1941 bis zum 27. Januar 1944, also 871 Tage lang, von der deutschen Wehrmacht belagert. In der systematisch von jeglicher Versorgung abgeschnittenen Stadt starben über eine Million Zivilisten.

Historische Orte
Russländisches Kaiserreich
  (
rus. Российская империя, rus. Rossijskaja imperija, eng. Russian Empire, deu. Russisches Zarenreich, rus. Всероссийская империя, rus. Wserossijskaja imperija, deu. Kaiserreich Russland, deu. Russisches Kaiserreich, deu. Russisches Reich, deu. Russländisches Reich, deu. Russländisches Kaiserreich
)
 und 
Moskva
eng. Moscow, deu. Moskau, rus. Москва, rus. Kučkov, rus. Kučkovo, rus. Кучков, rus. Кучково, rus. Moskov, rus. Moskovʺ, rus. Московъ, rus. Москов

Moskau (Bevölkerungszahl 2024: 13.146.907) ist die Hauptstadt der Russischen Föderation und die bevölkerungsreichste vollständig in Europa gelegene Stadt. Sie liegt im Westen des Landes. Moskau ist zugleich die Hauptstadt des Föderationsbezirks Zentralrussland. Die Verwaltungseinheit "Stadt von föderaler Bedeutung Moskau" umfasst mit einer Bevölkerungszahl von 13.258.262 Personen einige weitere Orte. Die Stadt bildet das mit Abstand wichtigste politische, wirtschaftliche, wissenschaftliche und kulturelle Zentrum des Landes.

Moskau entstand etwa im 11./12. Jahrhundert. Die Entstehung der Wehranlage (Kreml) wird auf den Beginn der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts datiert. Im 13. Jahrhundert wurde Moskau zur Hauptstadt eines Teilfürstentums des Großfürstentums Wladimir. Im 14. Jahrhundert setzten sich die Fürsten von Moskau als die Herrscher der gesamten Rus durch. Diese war jedoch 1247-1480 tributpflichtig gegenüber der Goldenen Horde, welche 1238 Moskau verwüstete. 1571 wurde die fast vollständig aus Holz bestehende Stadt von tatarischen Truppen niedergebrannt. Zu diesem Zeitpunkt war Moskau jedoch bereits das unumstrittene Machtzentrum Russlands. 1687 wurde in der Stadt die erste Hochschule, 1775 die erste Universität eröffnet. Peter der Große verlegte 1712 die Hauptstadt nach Sankt Petersburg. Neben dem Machtverlust geschwächt durch Unruhen und Seuchen blieb ihre Entwicklung hinter jener der neuen Hauptstadt zurück. Einen tiefen Einschnitt in die Entwicklung von Moskau brachte der Einmarsch der napoleonischen Truppen 1812, zu deren Abwehr die Stadtbevölkerung ihre Häuser in Brand steckte. Der rasch begonnene Wiederaufbau verlieh Moskau ein modernes Stadtbild.

Nach der Oktoberrevolution und dem erneuten Umzug der Hauptstadt nach Moskau 1918 erlebte die Stadt einen enormen Ausbau der öffentlichen Infrastruktur, auch zahlreiche Vorzeigebauten wurden bis zum Zweiten Weltkrieg errichtet. Der Zubau der Wohnflächen konnte jedoch nie dem Bevölkerungswachstum schritthalten. Dieses konnte auch durch diverse, teilweise bis heute geltende Zuzugseinschränkungen nicht gebremst werden. Allerdings wuchs die Stadt auch durch Eingemeindungen, insbesondere in den Jahren 1960 und 2012.

1980 wurden in Moskau die Olympischen Sommerspiele ausgetragen. In den Folgejahren erfasste jedoch die zunehmende Krise in der Sowjetunion auch die Stadt, die nach den dezentralen Bewegungen in den Republiken und Unruhen in Russland selbst schließlich vom Putschversuch 1991 direkt betroffen war. Nach dem endgültigen Zerfall der Sowjetunion Ende 1991 blieb Moskau die Hauptstadt Russlands. Seitdem wird insbesondere das Stadtzentrum immer stärker von modernen, repräsentativen Bauten geprägt. Weitere Merkmale der Entwicklung der Stadt in der postsowjetischen Ära sind der Wiederaufbau der in der Sowjetzeit zerstörten oder umgewidmeten Kirchen, die Renovierung der Gebäude aus der vorsowjetischen Zeit im Stadtkern sowie der Ausbau der Verkehrsinfrastruktur an den Rändern.

 im Jahr 1988 ins ukrainische 
Medžibìž
pol. Międzybóż, ukr. Меджибіж, yid. Mežibiž, yid. מעזשביזש, pol. Międzybuż, pol. Międzyboż

Medschybisch (Bevölkerungszahl 2021: 1.237) liegt in der westukrainischen Oblast Chmelnyzkyi. Schon kurz nach der Verleihung der Stadtrechte 1593 etablierte sich Medschybisch als eine der wichtigsten Handelsstädte im östlichen Teil von Polen-Litauen, wobei sie von der Lage nah der Grenzen zu Russland und dem Osmanischen Reich profitierte. Die geografische Nähe zog allerdings auch zahlreiche Konflikte mit sich, die in einer Phase osmanischer Herrschaft gipfelten. 1772 wurde Medschybisch in der ersten Teilung Polens von Russland annektiert.
Von seiner multikulturellen und -ethnischen Bevölkerung (Polen, Juden, Ukrainern, Armeniern, Griechen, Deutschen, Tataren) waren es vor allem die Chassiden, die den Ort nachhaltig prägten. Der Begründer dieser mystischen Strömung im Judaismus Israel ben Elieser und einige seiner Schüler sowie später Rabbi Nachman von Brazlaw wirkten hier.
Der sich bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts abzeichnende Niedergang führte schließlich nach 1924 zur Degradierung des Orts zu einer Siedlung städtischen Typs.

unternahm.1  Bereits seit Anfang der 1980er Jahren erkundeten Freund:innen in kleinen Gruppen den früheren jüdischen Ansiedlungsrayon, aus dem meist schon die Generation ihrer Großeltern einst nach Leningrad und Moskau gekommen waren. Seit der Shoa allerdings lebten kaum noch Jüdinnen und Juden in den früheren „Schtetln“.
Hinterlegt mit einem melancholischen Lied zeigt der Film zunächst schnell an einem Zugfenster vorbeigleitende sommerliche Landschaften, schließlich Straßenszenen einer beschaulichen Kleinstadt. Eine russischsprachige Sprecherstimme erläutert: „Wir fahren in die 
Ukraine
ukr. Ukrajina, eng. Ukraine, ukr. Україна

Die Ukraine ist ein Staat im östlichen Europa. Kiew ist die Hauptstadt und zugleich größte Stadt des seit 1991 unabhängigen Landes. Seit 2022 wehrt sich das Land gegen einen umfassenden russischen Überfall, der sich insbesondere auch gegen die Zivilbevölkerung und die kritische Infrastruktur des Landes richtet und Teil eines bereits seit 2014 laufenden, von der Russischen Föderation ausgehenden Krieges gegen die Ukraine ist, die 2014 mit der Annexion der ukrainischen Krim ihren Ausgang nahm.

.“ Das jiddischsprachige Lied ist mit russischen Untertiteln unterlegt und eingeführt als „Lied der Braut, die sich nach ihrem Elternhaus sehnt“. Bilder, Sprache und Musik setzen einen Ton der Spannung von Sehnsucht und Gefühlen von Fremdheit und Zugehörigkeit. Das Kameratempo wird schließlich langsamer und eine Kuh kommt ins Bild, die gemütlich auf dem breiten Sandstreifen neben einer asphaltierten Straße durch einen Ort getrieben wird, der halb Städtchen, halb Dorf ist. „Uns nähert sich ein Wasserkutscher“, erläutert die Stimme weiter. „Aber vielleicht ist das auch Israel Baal Schem Tow.“ Gemeint ist der als Begründer des Chassidismus geltende Rabbiner Israel Ben Elieser Israel Ben Elieser Israel ben Eliezer (geboren um 1700 in Okup, gestorben um 1760 in Medschybisch). Besser bekannt unter dem Namen Baal Shem Tov (mit dem Akronym Besht) – d. h. „Meister des guten Namens“, eine ältere Bezeichnung zunächst für religiöse Wunderheiler, die mit der magischen Kraft des Gottesnamens arbeiten. Israel ben Eliezer gilt als der charismatische Gründer des Chassidismus, einer mystischen, von der Kabbala ausgehenden Frömmigkeitsbewegung im Osteuropa des 18. und 19. Jahrhunderts. Sein Grabstein auf dem alten jüdischen Friedhof von Medschybisch wurde zum Wallfahrtsort. ,  der „Meister des guten Namens“ (Baal Schem Tow), der in Medschybisch lebte und beerdigt ist.  Die Kamera schwenkt hin zu einem älteren Mann, der auf einem von zwei Pferden gezogenen altertümlichen Holzgefährt zerbeulte Blechkannen transportiert. Ein weiterer Kameraschwenk zieht von dem aus dem Bild fahrenden alten Mann zu einer jungen Frau, eine der Reisenden, die mehr hüpfend als laufend einen ramponierten grünen Kleinbus ansteuert. „Auf dem Bus“, so erklärt eine getragene Sprecherstimme auf Russisch, „stand: Museumsbus. Wir fuhren damit durch die Ukraine“, ohne dabei selbst genau zu wissen, „ob als Erforscher der Überreste des jüdischen Lebens oder als seine letzten Exponate“. Den Bus stellte die Museumsleitung der Festung von Medschybisch der Reisegruppe für ihre Erkundungen der Schtetl in der Umgebung zur Verfügung.
So ist in wenigen Worten ein breites Panorama einer langen Suchbewegung aufgemacht, die die reisenden Freunde antrieb: Wie konnten sie ihre jüdische Identität entfalten, welche Impulse ließen sich dafür aus der Vergangenheit finden?
Die nächste Szene gibt abrupt Einblick in die Realitäten der sowjetischen Mangelwirtschaft: Das Benzin ist alle. Warten; im Hintergrund die Stimme des wichtigsten Organisatoren dieser Reise, Ilja Dvorkin, der nach „Varianten“ sucht, um die notwendigen Bezugsscheine für die Tankstelle aufzutreiben. Es gelingt, und mit einem asthmatischen Geräusch setzt sich der Kleinbus vor einer Tankstelle wieder in Bewegung, die Fahrt geht weiter. Die Mannschaft im Bus kommt ins Bild, neben Ilja Dvorkin und der jungen Frau auch die Familie von Veniamin Lukin mit seiner Frau und den halbwüchsigen Kindern. Die Kamera führte Vladimir Gorenshtein, geboren in Leningrad, der zu diesem Zeitpunkt in Moskau Filmregie studierte. Sie alle gehörten in Leningrad und Moskau zur jüdischen Szene und wanderten später nach Israel aus. Fertiggestellt wurde der Film erst dort, 20 Jahre später. Aber es geht nicht nur um den melancholischen Rückblick. „Unsere Reise geht noch weiter,“ kommentiert die Sprecherstimme im Jahr 2008. Die Suche nach ihrer jüdischen Identität zwischen der Vergangenheit in den Schtetln, sowjetischen Realitäten und dem neuen Leben in Israel ist nicht abgeschlossen.

Vielfache Aufbrüche in der Sowjetunion: „Von Reisen zu Expeditionen“

Die eindrücklichen Videoaufnahmen markieren einen Wendepunkt. 1983 hatte eine kleine Freundesgruppe aus Leningrad die Reisen noch mit Fahrrad und Zelt unternommen. Nun, 1988, waren sie zu „Expeditionen“ mit größeren Gruppen angewachsen, zu denen weitere Interessierte und Studierende eingeladen waren. Ilja Dvorkin unterschied rückblickend zwischen „Reisen“, die das Ziel hatten, „Eindrücke und Gefühle zu sammeln“, und stärker wissenschaftlich orientierten „Expeditionen“, bei denen es darum ging, Material zu sammeln.2
Im Herbst 1989 bildeten diese Expeditionen in die Ukraine sowie nach 
Belarus
bel. Belarus', rus. Белоруссия, deu. Republik Belarus, deu. Weißrussland, bel. Respublika Bielaruś, bel. Беларусь, eng. Republic of Belarus, eng. Belarus

Belarus (auch Weißrussland; Bevölkerungszahl 2024: 9.109.280, Fläche 207.595 km²) ist ein Staat in Osteuropa, der bis 1991 zur Sowjetunion gehörte. Seine Hauptstadt und bevölkerungsreichste Stadt ist Minsk. Belarus grenzt an die Ukraine, Polen, Litauen, Lettland und Russland.
In der weißrussischen Geschichtsschreibung wird das Land im Zusammenhang mit der Entwicklung ostslawischer Fürstentümer, insbesondere Polozk, betrachtet. Ab dem 13./14. Jahrhundert gehörten die Gebiete des heutigen Belarus zum Großfürstentum Litauen. Die damalige Amtssprache (Ruthenisch) betont die Bedeutung der ostslawischen Oberschicht im Großfürstentum. Ab dem 16/17. Jh. wird das frühere Gebiet des Fürstentums Polozk als Weiße Rus‘ bekannt. Ende des 18. Jh.s wurden die belarussischen Gebiete von Russland annektiert. Erst ab 1918 kann man von einer beginnenden belarussischen Staatlichkeit sprechen, als auf dem von Deutschland im Ersten Weltkrieg besetzten Gebiet kurzzeitig die Weißrussische Volksrepublik ausgerufen wurde. Diese wurde 1919 von der in Russland gegründeten Weißrussischen Sozialistischen Sowjetrepublik ersetzt. Nach mehreren Umstrukturierungen wurde diese 1922 Gründungsmitglied der UdSSR. Seit Ende 1991 ist Belarus unabhängig. Die anfänglich eingeführte Demokratie wurde jedoch bereits 1994 durch eine Autokratie ersetzt, die zunehmend von Russland abhängig ist.

 den Ausgangspunkt für die Gründung einer eigenen Jüdischen (Volks-)Universität in Leningrad, zunächst in Abendkursen, schließlich mit einem festen Kursprogramm. In diesen wenigen Jahren vollzog sich eine rasante Entwicklung: Die Reisen begannen in den „schwarzen Jahren“ der jüdischen Kultur- und Ausreisebewegung, als der Kalte Krieg nach dem sowjetischen Einmarsch in Afghanistan 1989 und dem NATO-Doppelbeschluss 1982 auf seinem Höhepunkt war und die sowjetische Führung die Ausreisemöglichkeiten nach Israel fast vollständig unterband. Die „Expeditionen“ fielen in die Aufbruchszeit der sowjetischen Gesellschaft nach der Ernennung Michail Gorbatschows zum Generalsekretär der KPdSU 1985 und dem Beginn von Perestroika und Glasnost.
Die Jüdische Universität in St. Petersburg war auch in den 1990er Jahren weniger auf akademische Gelehrsamkeit ausgerichtet als darauf, ihren Studierenden Wissen und Zugang zu ihrer eigenen jüdischen Herkunft und Identität zu vermitteln. Die Exkursionen in den früheren jüdischen 
Ansiedlungsrayon
rus. Čerta osedlosti, yid. דער תּחום-המושבֿ, rus. Черта оседлости, eng. Pale of Settlement, eng. Settlement area of the Russian Empire, rus. Čerta postojannoj evrejskoj osedlosti, rus. Черта постоянной еврейской оседлости, yid. der tḥum ḣa-mojšev

Der bis ins Revolutionsjahr 1917 bestehende jüdische Ansiedlungsrayon wurde Ende des 18. Jahrhunderts im Zuge der drei Teilungen Polens (1772–1795) gegründet. Später wurde er um weitere von Russland eroberte Gebiete mit einem hohen Anteil jüdischer Bevölkerung im Südwesten erweitert. Er umfasste die Gebiete der heutigen Staaten Litauen, Belarus, Moldau sowie einen Großteil der Ukraine und Polens sowie zeitweise kleinere Teile Lettlands und der Russischen Föderation. Wie bereits vor der Einnahme dieser Gebiete, war es Jüdinnen und Juden bis auf wenige Ausnahmen verboten, sich im (alten) Russländischen Reich anzusiedeln. Die formelle Grundlage für den Ansiedlungsrayon wurde zwischen 1791 und 1804 geschaffen; der Name selbst wurde erst 1835 eingeführt.

 des Russländischen Reiches blieben daher ein wichtiger Bestandteil des Kursprogramms.
Bis zum Ende des Zarenreiches war der Großteil der jüdischen Bevölkerung aufgrund der Restriktionen der Freizügigkeit gezwungen, im Ansiedlungsrayon zu leben. Nach 1918 nutzte gerade die junge Generation die neuen Möglichkeiten, verließ die enge Welt der Schtetl, oft mit Ziel Leningrad oder Moskau, und versuchte, die sowjetische Gleichheits- und Aufstiegsverheißungen für sich nutzbar zu machen – meist um den Preis der Assimilation. Bei ihnen handelte es sich um genau die Großeltern-Generation jener jungen Freund:innen, die in den 1980er Jahren die früheren Schtetl erkundeten und damit den Migrationsrouten ihrer Großeltern in umgekehrter Richtung folgten, um mehr über die Herkunft ihrer Familien zu erfahren.

Religiöse Sinnsuche: Orte des Chassidismus in sowjetischer Gestalt

Die Beschäftigung mit der eigenen Familiengeschichte war ein wichtiger Ausgangspunkt der Schtetl-Reisen. Seine erste Fahrt führte Ilja Dvorkin 1982 nach 
Vìcebsk
yid. vyṭebsk, eng. Vitebsk, yid. װיטעבסק, yid. vyṭebsq, pol. Witebsk, rus. Vitebsk, rus. Витебск, bel. Віцебск, rus. Witebsk, deu. Witebsk, deu. Wizebsk

Wizebsk (Bevölkerungszahl 2025: 357.899) ist eine Stadt im Norden Weißrusslands, unweit der Grenze zu Russland. Sie zählt zu den ältesten Städten des Landes. Wizebsk wurde im 10. Jahrhundert an der Düna gegründet. Im 13. und 14. Jahrhundert war die Stadt Sitz des gleichnamigen Fürstentums, welches anschließend von Litauen annektiert wurde. Mit der Ersten Teilung Polens gelangte Wizebsk an Russland. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Stadt zu einem wichtigen Industrie- und Kulturstandort. Über die Hälfte seiner Einwohnerschaft war jüdisch. Während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg wurde die jüdische Bevölkerung der Stadt und ihre Kultur vernichtet. Während der Wiedereroberungskämpfe wurde die Stadt zum großen Teil zerstört. Seit 1991 ist Wizebsk eine der wichtigsten Städte des unabhängigen Belarus.

 in Belarus, dem Herkunftsort seiner Großmutter.
 
Am Anfang der Reisen in die Ukraine stand außerdem ein Buch aus der Feder des aus 
Rumänien
ron. România, eng. Romania

Rumänien (Bevölkerungszahl 2024: 19.043.151) ist ein Land in Südosteuropa mit einer Fläche von 238,397 km². Die Hauptstadt des Landes ist Bukarest. Der Staat liegt direkt am Schwarzen Meer, den Karpaten und grenzt an Bulgarien, Serbien, Ungarn, die Ukraine und Moldau. Rumänien entstand 1859 aus dem Zusammenschluss der Moldau und der Walachei. In Rumänien liegt das für die dortige deutsche Minderheit zentrale Gebiet Siebenbürgen.

 stammenden Holocaust-Überlebenden Elie Wiesel, das 1972 in New York unter dem Titel Souls on Fire. Portraits and Legends of Hasidic masters erschienen war. Wiesel zeichnet hier, verflochten mit seinen Erinnerungen an die Glaubenswelt seiner Großeltern, die Geschichten der wichtigen chassidischen Rabbiner und Gelehrten nach.3
Das Buch kursierte in russischer Übersetzung in der Leningrader jüdischen Szene. Ilja Dvorkin erinnert, dass er sich zunächst überhaupt nicht habe vorstellen können, dass die Orte, in denen die von Wiesel Porträtierten wirkten, eine Entsprechung in der sowjetischen Realität haben könnten. Mit ein Grund war, dass die jiddischen Ortsnamen in der Übersetzung aus dem Englischen ins Russische kaum erkennbar waren. Dennoch versuchte Dvorkin es:

Ich nahm den Weltatlas, fand Medschibosch, obwohl ich überzeugt war, dass es in Polen liegen würde. Ich nahm das Fahrrad, fuhr im Zug [in die Ukraine] nach Chmelnizki, setzte mich dort auf das Fahrrad und kam nach Medschibosch. Natürlich hat mich erschüttert, was ich dort […] sehen konnte. Dort waren noch Juden. Alles war dort ganz anders.4

Dvorkins Verblüffung, Medschibosch im „Weltatlas“ als Ort auf dem Gebiet der 
Sowjetunion
eng. Soviet Union, deu. Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, rus. Sovetskiy Soyuz, rus. Советский Союз, und. Совет Ушем, und. Советонь Соткс, rus. Sovetskij Soûz, und. Советий Союз, yid. ראַטן־פֿאַרבאַנד, yid. סאוועטן פארבאנד, yid. sovətn farband, yid. sovʿtn-farband, yid. sovətn-farband, und. Советтер Союзу, und. Совет Союзы, und. Советон Цæдис, und. Совет Эвилели

Die Sowjetunion (SU oder UdSSR) war ein von 1922 bis 1991 bestehender Staat in Osteuropa, Zentral- und Nordasien. Sie ist aus dem sog. Sowjetrussland hervorgegangen, dem Nachfolgestaat des Russländischen Kaiserreichs. Den Kern der Union und zugleich ihren größten Teil bildete die Russische Sowjetrepublik, hinzu kamen weitere Teilrepubliken. Ihre Zahl variiert über die Zeit hinweg und steht im Zusammenhang mit der Besatzung anderer Länder (Estland, Lettland, Litauen), nur kurzzeitig bestehenden Sowjetrepubliken (Karelo-Finnland) oder mit der Teilung bzw. Zusammenlegung von Sowjetrepubliken. Zusätzlich gab es zahlreiche autonome Republiken oder sonstige Gebietseinheiten mit einem Autonomiestatus, der sich im Wesentlichen auf eine sprachliche Autonomie der Minderheiten beschränkte.

Die UdSSR bestand vor ihrer formellen Auflösung aus 15 Sowjetrepubliken mit einer Bevölkerung von ungefähr 290 Millionen Menschen. Mit ca. 22,4 Millionen km² bildete sie den damals größten Flächenstaat der Welt. Die Sowjetunion war eine sozialistische Räterepublik mit einem Einparteiensystem und einer fehlenden Gewaltenteilung.

 zu entdecken, sagt viel über sein Selbstverständnis als großstädtischer Intellektueller und seinen Blick auf die „sowjetische Peripherie“ aus. Hier wichtige Schauplätze jüdischer Religion und Kultur verorten zu können, war Schock und Chance in einem.
Während dieser ersten Fahrten 1982 nach Belarus und 1983 in die Ukraine machten Dvorkin und seine Reisegefährt:innen bewusst keine Fotos, wie sich Dvorkin später erinnerte:
„Dies war unsere erste Reise in die Ukraine. Der Hauptzweck war ZU SEHEN.“5
 
Rückblickend bedauerte er dies, doch auf der Fahrt selbst hatte er befürchtet, dass das Fotografieren die Eindrücke der Reisenden „verdunkeln“ und ihr Bemühen beeinträchtigen würde, „ihre eigene Verbindung mit der Geschichte wiederherzustellen“ und „zu fühlen, zu sehen, irgendwie etwas Wichtiges für sich selbst zu erfahren“.6
Von dieser ersten Reise nach Medschybisch im Sommer 1983 gibt es daher keine Fotografien. Aber auch die Aufnahmen von der nächsten Reise nach Medschybisch im Sommer 1986 lassen erahnen, welche Erschütterung ihre Erlebnisse bei den Leningrader:innen hervorgerufen haben: über die Relikte jüdischen Lebens, aber auch über das ländliche Leben, das ihnen zugleich einen Eindruck des Alltags vor der Schoah vermittelte.
Und noch 1987, als Dvorkin bereits viele Male durch den früheren jüdischen Ansiedlungsrayon gereist war, lässt sich in den Fotografien aus seinem Fototagebuch „Reise nach Woloschin“ ein anhaltendes Erstaunen ausmachen: dass das belarusische Städtchen 
Voložyn
bel. Waloschyn, rus. Воложин, yid. וואָלאָזשין, bel. Volozhin, pol. Wołożyn, lit. Valažinas, bel. Валожын, bel. Valožyn, yid. Voložyn

Waloschyn (Bevölkerungszahl 2025: 10.064) ist eine Kleinstadt im belarussischen Gebiet Mínsk. Im 15. Jahrhudenrt befand sich der Ort im Großherzogtum Litauen. Nach der dritten Teilung Polen-Litauens 1795 fiel Waloschyn an Russland und entwickelte sich zu einem Schtetl mit großer jüdischer Gemeinde. 1919 wurde es von polnischen Truppen erobert, 1939 von der Sowjetunion annektiert. Seitdem gehört die Stadt zu Belarus, das seit 1991 unabhängig ist. Während der deutschen Besatzung 1941-1944 wurde die jüdische Bevölkerung von Waloschyn fast vollständig umgebracht.

, wo sich einst eine wichtige Talmudhochschule befunden hatte, wirklich existierte. Sicherlich nicht zufällig zeigen die ersten beiden Fotos des Albums das sowjetische (russischsprachige) Ortseingangsschild von „Woloschin“ und betonen auf diese Weise, dass Waloschyn auch als „Provinzstadt“ in der „sowjetischen Peripherie“ fortbestand. Fast scheint es, als halte Ilja Dvorkin sich an dem Ortseingangsschild von „Woloschin“ regelrecht fest und könne damit eine physische Verbindung des Leningrader Intellektuellen mit dem realen Ort in seiner gegenwärtigen sowjetischen Gestalt herstellen.

Die Schtetl-Reisen in die Ukraine als Drehkreuz in die Welt

Diese Reisen, die aus einem losen Freundesnetzwerk der Leningrader jüdischen Kultur- und Ausreiseszene begannen und auch von Abenteuerlust geprägt waren, leisteten vieles: Sie waren eine Form, Neues auszuprobieren, die Aktivitäten der jüdischen Szene zu weiten und damit Öffentlichkeit für jüdische Themen zu herzustellen. Sie schufen auch eine Verbindung zwischen den neuen und alten Zentren jüdischen Lebens, zwischen Leningrad/St. Petersburg und Moskau als wichtigen Orten der jüdischen Kultur- und Dissidentenszene in der Sowjetunion und den früheren, sehr verschiedenen religiösen Zentren des Zarenreichs. Die Schtetl-Reisenden wurden damit Mittler:innen zwischen den wenigen Überlebenden der Schoah in Belarus und der Ukraine und jener jungen Generation in Leningrad und Moskau, die von ihren Großeltern nur wenig über jüdische Kultur und Geschichte oder gar Religion erfahren konnte.
Bei ihren Reisen kamen die Freund:innen zudem mit Historiker:innen und Mitarbeiter:innen der staatlichen Heimatmuseen und Regionalarchiven zusammen, die ihnen zu ihrer Überraschung oft mit großem Interesse begegneten. Dank der Kontakte in die jüdische Ausreiseszene und damit auch zu Intellektuellen in Israel, Europa und den USA konnten sie so Brücken bauen. Sie übernahmen eine wichtige Rolle als Vermittler:innen und – im doppelten Sinn – Übersetzer:innen zwischen den westlichen Unterstützer:innen und den lokalen Aktivist:innen, Historiker:innen oder den meist betagten jüdischen Gemeindemitgliedern. Die Schtetl-Reisenden trugen damit sowohl zu einem innersowjetischen als auch transnationalen Wissenstransfer bei. 
Mit einem wachsenden professionellen Anspruch dokumentierten und erforschten die Leningrader Geschichte und materielles Erbe der vormaligen Schtetl und leisteten damit wichtige Impulse für die Wiederentstehung Jüdischer Studien als Wissenschaftsdisziplin am Ende der Sowjetunion. Das Erlernen zunächst der hebräischen, schließlich auch der jiddischen Sprache und die Aneignung eines fundierten Wissens über das jüdische Erbe dienten somit keinesfalls nur der Vorbereitung auf die Auswanderung nach Israel. Vielmehr schuf diese Beschäftigung für die jungen Intellektuellen zugleich Orte, an denen sie sich unter den Bedingungen der späten Sowjetunion „als Juden fühlen“ konnten.

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