Mit der Reichsbahn in den Dschungel

Sorbenbilder im Spreewaldtourismus des frühen 20. Jahrhunderts
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Der Spreewald südöstlich von Berlin galt schon im frühen 20. Jahrhundert als beliebtes Naherholungsgebiet für Großstädter. In seiner touristischen Inszenierung als Naturidyll wurde die sorbische Minderheit zur Projektionsfläche exotischer Sehnsüchte.

„Das ‚Grüne Venedig‘ Deutschlands“

Der deutsche Inlandstourismus boomt. Zu den bekanntesten Urlaubsgebieten in Deutschland gehört seit langem der 
Spreewald
eng. Spreewald

Der Spreewald ist eine historische Kulturlandschaft in der Niederlausitz. Er umfasst das weitläufige Tal der Spree im Südosten Brandenburgs. Dieses von Altarmen und künstlich angelegten Kanälen geprägte Moorgebiet (sein sorbischer Name - Błota - bedeutet "Sümpfe") wird heute als Biosphärenreservat geschützt.

 südöstlich von Berlin. Mit zuletzt rund 9,2 Millionen Gästen (2019) und 2,1 Millionen Übernachtungen (2025) pro Jahr kann dabei kaum von einem Geheimtipp gesprochen werden.1 Dennoch setzt das Tourismusmarketing ganz auf die Sehnsucht der modernen „Beschleunigungsgesellschaft“ (Hartmut Rosa) nach Ruhe, Auszeit und Erholung. Beschreibungen des Spreewalds auf Buchungsportalen und in Reiseführern wiederholen daher oft die gleichen eskapistischen Narrative: unberührte Natur fernab der lauten Großstadt, ein vermeintlich einfaches Leben in alten Blockhäusern, dichte Wälder, ausgedehnte Moore und weite Wiesen, durchzogen von einem Netz malerischer Fließe und Kanäle, auf denen kleine Holzkähne, Kanus und Standup-Paddle-Boards „entschleunigt“ dahingleiten. „Kein Wunder, dass diese Region auch als das ‚Grüne Venedig‘ Deutschlands bekannt ist“2, heißt es dazu beim Tourismusverband Spreewald.

Ethnic tourism

Eine besondere Rolle in dieser touristisch inszenierten Naturidylle spielen die Sorben/Wenden Sorben/Wenden Die Begriffe Sorben und Wenden sind historisch synonym. In Sachsen ist die Bezeichnung Wenden inzwischen weitgehend außer Gebrauch geraten. In Brandenburg werden beide Namen verwendet. , eine in der 
Lausitz
hsb. Łužicy, dsb. Łužycy, pol. Łużyce, lat. Lusatia, eng. Lusatia, ces. Lužice

Die Lausitz ist eine historische Landschaft im Osten Deutschlands. Sie gliedert sich traditionell in die Niederlausitz im Bundesland Brandenburg und die Oberlausitz im Freistaat Sachsen. Geografisch erstreckt sich die Region zwischen dem Spreewald und dem Lausitzer Gebirge, wobei östliche Teile der Lausitz seit 1945 zu Polen gehören.
Die Lausitz ist das historische Siedlungsgebiet der Sorben (auch Wenden), einer in Deutschland anerkannten nationalen Minderheit mit eigener Sprache und Kultur. Das Sorbische gehört zur westslawischen Sprachgruppe und umfasst zwei Schriftsprachen: Obersorbisch und Niedersorbisch.

 beheimatete nationale Minderheit. Dass die sorbische Sprache im touristischen Blick nicht selten vorschnell für Polnisch gehalten wird,3 ist ein kleines, aber aufschlussreiches Missverständnis, das die Region als Übergangszone zwischen Mittel- und Ostmitteleuropa markiert und den Spreewald als ein Stück Fremde im eigenen Land rahmt. Die regionale Tourismusbranche setzt gezielt auf solche kurzen Irritationen und hebt Sprache, Trachten und Traditionen der Wenden bewusst als markenbildende Authentizitätsfaktoren hervor.4
Die Tourismuswissenschaften beschreiben solche Phänomene als ethnic tourism.5 Eine einheitliche Definition dieses Begriffs fehlt bislang. Verstanden werden darunter im weitesten Sinne touristische Angebote, die ‚authentische‘ Begegnungen mit indigenen, ethnischen, autochthonen oder in anderer Weise als fremd oder ‚exotisch‘ betrachteten Gruppen versprechen. Das Erlebnis kultureller Differenz stellt bei dieser Form des Reisens einen zentralen Attraktivitätsfaktor dar und wird etwa über Kleidung, Rituale, Sprache, Erzählungen, Speisen und weitere alltagskulturelle Praktiken hergestellt.
Die Forschung zum ethnic tourism ist vergleichsweise jung und überwiegend gegenwartsbezogen. Historische Perspektiven blieben bislang eher randständig. Dabei ist ethnic tourism keineswegs ein rein modernes Phänomen und beschränkt sich nicht auf Destinationen im Globalen Süden, wie ein Blick in die einschlägige Literatur vermuten lassen könnte.

„Der Spreewald und seine Sommerfrischen“

Der Fremdenverkehr in den Spreewald und die damit verbundene Inszenierung der Wenden als touristische Attraktion setzten bereits um die Mitte des 19. Jahrhunderts ein. Systematische Studien hierzu fehlen bislang.6
Ein frühes und ausgesprochen breitenwirksames Zeugnis der touristischen Exploration des Spreewalds und der Wenden stellen Theodor Fontanes berühmte Wanderungen dar, die schon 1859 zahlreiche der eingangs angeführten Motive aufrufen.7 Neben solcher Art Reiseliteratur im engeren Sinne erschienen ab den 1860er Jahren die ersten Fremdenführer für den Spreewald.8 Es folgten Wanderkarten, Werbematerialien, Prospekte, Bildpostkarten und Souvenirs.
Exemplarisch soll im Folgenden ein Blick in eine besonders anschauliche Quelle geworfen werden. Ende der 1920er Jahre veröffentlichte das Verkehrsamt für den Ober- und Unterspreewald in 
Lübben
dsb. Lubin

Lübben im Spreewald (Bevölkerungszahl 2025: 13.992) ist die Kreisstadt des Landkreises Dahme-Spreewald. Die Stadt liegt in der Niederlausitz im Südosten des Bundeslandes Brandenburg. Lübben erhielt bereits im 13. Jahrhundert Stadtrechte und war im 15. Jahrhundert die Hauptstadt des Markgraftums Niederlausitz. Im Laufe ihrer Geschichte wechselte die Zugehörigkeit von Lübben zwischen der Böhmischen Krone, Sachsen, den Habsburgern und Preußen. Ab 1945 gehörte die Stadt zur Sowjetischen Besatzungszone, aus der 1949 die Deutsche Demokratische Republik hervorging. Seit 1990 ist diese in der Bundesrepublik Deutschland aufgegangen.

 die Broschüre Der Spreewald und seine Sommerfrischen. Schönstes Trachtengebiet Deutschlands.9 Sie erschien zu einem Zeitpunkt, da der Spreewaldtourismus mit bis zu 195.000 Urlaubern sowie einem Umsatz von 1,1 Millionen Reichsmark pro Jahr auf seinen ersten Höhepunkt zusteuerte, bevor die Weltwirtschaftskrise dieses Wachstum jäh unterbrach.10

„Ein einzig großes Sanatorium für nervenüberreizte Großstädter“

Das reich illustrierte Heft umfasst 96 Seiten und richtet sich erkennbar an Ausflügler und Feriengäste, die ihren Aufenthalt im Spreewald planen oder vor Ort verlängern sollen. Neben redaktionellen Texten enthält es zahlreiche Anzeigen von Hotels, Pensionen, Gastwirtschaften, Fotografen, Kahnfahrbetrieben und weiteren touristischen Gewerben. Besonders auffällig ist, wie offensiv dabei volkskundliche und ethnografische Besonderheiten als Attraktionen in Szene gesetzt werden. Die ausgewählte Quelle erlaubt somit aufschlussreiche Einblicke in den frühen ethnic tourism im Spreewald.
Die Zielgruppe der Broschüre lässt sich aus den darin angepriesenen Qualitäten der Region klar ableiten: „Der ganze Spreewald bildet ein einzig großes Sanatorium für nervenüberreizte Großstädter“ (S. 2), heißt es gleich zu Beginn. Zahlreiche Angebote sind auf Tages- und Wochenendausflügler aus Richtung Berlin und 
Dresden
hsb. Drježdźany

Dresden (Bevölkerungszahl 2025: 562.764) ist die zweitgrößte Stadt des Freistaats Sachsen und dessen Landeshauptstadt. Sie liegt im Süden des Bundeslandes an der Elbe. 1206 wurde die Stadt erstmals erwähnt, erhielt jedoch erst 1485 durch die Leipziger Teilung den Status einer Residenzstadt der albertinischen Wettiner. Unter Friedrich August I. (August dem Starken) erfuhr Dresden eine rege Bautätigkeit, durch die die Altstadt ihre bis heute sichtbare architektonische Ausformung erhielt. Im 18. Jahrhundert etablierte sich Dresden als ein wichtiger Industriestandort. Während des Zweiten Weltkriegs befanden sich in der Stadt Außenlager der KZs Auschwitz und Flossenbürg, deren Insassen für die in der Stadt ansässige Rüstungsindustrie arbeiten mussten. Ab 1944 wurde Dresden von den Alliierten bombardiert. Der größten Angriffswelle vom 13. bis 15. Februar 1945 fielen bis zu 25.000 Menschen zum Opfer. Der Großteil der Stadt wurde bei den Luftangriffen schwer zerstört. Die ab 1990 intensiv wiederaufgebaute Altstadt zieht heute viele Touristen an. Neben der Industrie ist Dresden auch ein wichtiger Standort für Kultur und Bildung.

 zugeschnitten. Bereits seit 1866 war die Region an den überregionalen Bahnverkehr angeschlossen. Im Frühling und Sommer bot die Reichsbahn inzwischen regelmäßig Sonderzüge aus 
Sachsen
eng. Saxony

Das Königreich Sachsen ging im Jahr 1806 aus dem Kurfürstentum Sachsen hervor. Das Königreich war von 1806 bis 1815 Mitglied im Rheinbund und trat anschließend 1815 dem Deutschen Bund bei. Ab 1867 war es Bundesstaat im Norddeutschen Bund und 1871-1918 im Deutschen Reich. Seine Hauptstadt war Dresden. Das Königreich Sachsen umfasste 34.994 km² mit einer Bevölkerung von über 2 Mio. Menschen.

 und 
Königreich Preußen
dan. Kongeriget Preussen, pol. Królestwo Prus, eng. Kingdom of Prussia

Das Königreich Preußen bestand von 1701 bis 1918 und wurde von der Dynastie der Hohenzollern regiert. Das Land war von der Gründung bis 1848 eine absolute Monarchie und von 1848 bis zur Auflösung eine konstitutionelle Monarchie. Hauptstadt des Königreiches Preußen war Berlin. Das Land wurde von ungefähr 40 Millionen Menschen bewohnt. Nach der Novemberrevolution 1918 und der Abdankung Wilhelms II. löste sich das Königreich auf und bildete den Freistaat Preußen.

 in den Spreewald an (S. 89). Im regionalen Nahverkehr fungierte ab 1898 die sogenannte Spreewaldbahn mit „Anschluß an die Berliner Frühzüge“ (S. 48) als Zubringer. Auch um motorisierte Individualtouristen warb man in den 1920er Jahren schon gezielt. Angeblich konnte seinerzeit auch „der ganze Spreewald beradelt werden“ (S. 90) – was gewiss eine Übertreibung darstellt, aber die Bedeutung des aufkommenden Radtourismus unterstreicht.

„Der Fremde glaubt sich in den tropischen Urwald versetzt“

Vor Ort erwarte die Besucher die reine, unberührte Natur. Wiederholt ruft die Broschüre arkadische Südseeklischees auf: „Der Fremde glaubt sich in den tropischen Urwald versetzt.“ (S. 11) Dichte Erlenwälder und tausendjährige Eichen, eine reiche Vogel- und Insektenwelt versprechen „Ferienfreuden in den Dschungeln des Spreewaldes“ (S. 70).  Anknüpfend an das Motiv des Urwalds wird auch die einheimische Bevölkerung des Spreewaldes als exotische Attraktion in Szene gesetzt. Mehrfach suggerieren Text und Bilder eine besonders enge Verbindung von Mensch und Natur:
 

Wir sind in der Wendei! Nehmen wir Abschied von dem Walde, eine neue Landschaft offenbart sich unseren Blicken. Bis Burg haben wir nun eine einzig große Parklandschaft, durchzogen vom silbernen Band der hier vielhundertfach verästelten Spree. Wiesen wechseln mit fruchtbaren Aeckern. Überall begegnen wir [den] einsam liegenden wendischen Kaupen11. Pappel-, Erlen-, Eichen-, Weiden- und Obstbäume sind unsere Begleiter. Wasservögel aller Art, Störche in Massen, zeigen sich unseren Blicken. Aus den einfachen Holzhäusern winken uns schöne Mädel mit slawischen Gesichtszügen in ihrer malerischen Tracht den Willkommengruß zu.12

Solche rassifizierenden Zuschreibungen begegnen im Heft mehrfach. Sie stehen in einem zeitgenössischen Kontext, in dem auch das wissenschaftliche Interesse an der „Rassenkunde“ des Spreewalds und der Lausitz zunahm. An anderer Stelle werden Assoziationen zu isolierten Völkern geweckt:

Hier siedelt im Schatten seiner Erlen einsam und weitab vom Nachbar[n] auf seiner spreeumflossenen Kaupe der Wende. Die ringsum sein Volkstum unaufhaltsam aufsaugende Neuzeit hat ihn noch nicht erreicht. Wendische Sprache, Tracht und Sitte, Bauweise und Bodenbearbeitung haben sich hier durch die Jahrhunderte in unsere Zeit herübergerettet.13

Das Bild des abgeschlossenen Naturvolks blendet freilich die jahrhundertelange Verflechtungsgeschichte zwischen Sorben und Deutschen in der Lausitz aus. Für den Touristen wird eine heile, abgeschiedene Welt von gestern gezeichnet, in der noch ein ursprüngliches, an einfachsten Bedürfnissen orientiertes Leben möglich sei: „Wer anspruchslos ist, kann im Spreewald sehr billig leben. Die Gastfreundschaft des Spreewaldwenden ist landesüblich. Strohlager für 25 Pfg. Butter, Milch, Eier, Käse, Speck werden zu Gestehungskosten gern abgegeben.“ (S. 45)
Frauen spielen eine herausgehobene Bedeutung bei der touristischen Inszenierung der Sorben/Wenden. Auf den mehr als einhundert Fotografien in der Broschüre sind Frauen in Tracht überproportional präsent. Der weibliche Körper bildet gleichsam die visuelle Signatur des Spreewalds. Sorbische Männer sind in der Fremdenverkehrswerbung hingegen nahezu abwesend.
Die stets anonym bleibende Trachtenträgerin stellt in der touristischen Praxis kaum mehr als passive Staffage und dekoratives Schauobjekt dar. Junge Mädchen werden als „wendische Schönheiten“ (S. 42) mit „weichen, versonnenen, slawischen Zügen“ (S. 86) beschrieben. Zuweilen kippt der Ton ins suggestiv-erotische, wenn die „schönen Mädel“ zum Tanz locken:

Der Spreewälder tanzt nämlich leidenschaftlich gern. Flotte Walzer erklingen, wer kann da widerstehen? Zum mindesten einmal zuschauen! Und wer noch nie die Spreewälder beim Tanz gesehen hat, der wird nie begreifen, daß ein von der Welt so abgeschlossenes Völkchen so vergnügt sein kann. Schwung, Schwung. Die ungebundene Fröhlichkeit steckt an, aber wir haben noch 2 Stunden Wegs bis Burg und im übrigen gibt es ja Mädels im Spreewald so viele.14

Gesteigert wird die Attraktivität des ethnic tourism im Spreewald zugleich durch die rhetorische Verknappung, indem das Sorbische von Beginn an als eine Welt im Schwinden vorgestellt wird. Die Wenden des Spreewalds seien nurmehr „Reste eines alten slawischen Volksstammes, an die 61.000 Seelen“ (S. 86).

„Spreewaldbesucher lassen sich gern in der kleidsamen Spreewaldtracht photographieren“

Den fortschreitenden Rückgang wendischer Sprachräume blendet die zeitgenössische Fremdenverkehrsreklame weitgehend aus. Ausgerechnet in 
Burg
dsb. Bórkowy

Burg im Spreewald (Bevölkerungszahl 2025: 4.469) ist ein Dorf im Osten des deutschen Bundeslands Brandenburg. Das Dorf liegt im Norden des Oberspreewalds, südöstlich von Cottbus. Es befindet sich im Siedlungsgebiet der Niedersorben.

, dem in der Broschüre als „Zentrale der Wendei“ (S. 46) bezeichneten Ferienort, wurde der wendischsprachige Gottesdienst bereits 1930 eingestellt – fast zeitgleich mit dem Erscheinen des Heftes. Für den Tourismus verlässlich verfügbar blieb hingegen die Spreewälder Tracht, die hier noch weitgehend als wendisch codiert wird. Sie steht im Mittelpunkt der touristischen Kommodifizierung des Sorbischen im frühen 20. Jahrhundert. Ethnizität wird im Spreewaldtourismus der 1920er Jahre somit vor allem als visuelle Attraktion inszeniert. Bereits im Titel der Broschüre wird der Spreewald als „Schönstes Trachtengebiet Deutschlands“ ausgewiesen. Später ist gar von den „schönsten Frauentrachten der Welt“ die Rede (S. 46).
Touristische Begegnungen mit der wendischen Kultur wurden nicht dem Zufall überlassen, sondern professionell organisiert. „Wer die farbenfrohen, malerischen Trachten der Wendinnen sehen will, darf eine eintägige Spreewaldfahrt nie in Lübbenau beginnen“ (S. 46), rät die Broschüre ihren Lesern und wartet mit einer Reihe praktischer Hinweise auf, wo und wann man die wendischen Trachtenträgerinnen am besten beobachten könne. Als Höhepunkt authentischen Volkslebens wird der „weitberühmte Kirchgang der Wendinnen in Burg“ (S. 46) angepriesen. Sonderfahrten der Spreewaldbahn – der sogenannte Kirchgangszug – brachten Sonntagsausflügler pünktlich zum Gottesdienst nach Burg und 
Straupitz
dsb. Tšupc

Straupitz im Spreewald (Bevölkerungszahl 2025: 906) ist ein Dorf im Osten des deutschen Bundeslands Brandenburg. Es liegt im Norden des Spreewalds, nordwestlich von Cottbus. Das Dorf befindet sich im sorbischen Siedlungsgebiet.

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Vor Ort griffen zahlreiche Hotelbetreiber und Gastwirte die Nachfrage nach Folklore und Exotik auf. Ausflugslokale wie das Bukoitza bei Lübben oder das Wotschofska bei Lübbenau setzten gezielt auf slawische Namen. In Burg warben Gasthöfe und Pensionen unter anderem mit „echt wendische[m] Tanz“ (S. 55), „Trachtenschau“ (S. 56), „Bedienung in Spreewaldtracht“ (S. 55) und „wendische[r] Spinnstube mit wendischen Gesängen“ (S. 93).
Neben dem passiven Konsum boten sich Reisenden im Spreewald auch zahlreiche Möglichkeiten der aktiven Teilhabe an regionaler sowie explizit wendisch markierter Kultur. Dazu gehörten neben Tanzveranstaltungen und dem Genuss kulinarischer Spezialitäten der Region, wie „Fisch mit Spreewaldsauce“ (S. 51 u. ö.), auch spezielle Souvenirs wie Trachtenpuppen. Als besondere Form kultureller Aneignung ist die Verkleidung weiblicher Touristinnen in wendischer Tracht hervorzuheben, die von den Spreewälder Fotoateliers als offenbar höchst beliebte touristische Praxis ausdrücklich beworben wurde: „Folg. Photographen stellen kostenlos Spreewaldkostüme zur Verfügung. In Burg, Hafen: Photograph Steffen. In Lübbenau: Photograph Michaelis.“ (S. 26, Hervorhebung im Original).
In einer ganzseitigen Werbeanzeige am Schluss der Broschüre präsentiert sich das Cottbuser Textilkaufhaus Wilhelm Richter stolz als „Erstes und größtes Spezialhaus für Wendische Tracht“ (S. 96). Adressiert werden hier drei Kundenkreise gleichermaßen: Wendinnen, die die Tracht als Alltags- und Festtagskleidung tragen, touristische Gewerbetreibende, für die sie Teil ihrer Arbeitsbekleidung ist, und nicht zuletzt auch Touristinnen, die ein textiles Souvenir mit nach Hause nehmen möchten. Die Annonce spiegelt damit ein Grundmuster des frühen Spreewaldtourismus wider, der das Sorbische in ein touristisch jederzeit verfügbares Konsumgut übersetzte. Der Spreewald war nicht nur Naherholungsgebiet, sondern auch ein Ort, an dem kulturelle Differenz und Fremdheitserfahrung gezielt hergestellt wurden. Gerade darin erweist sich die Region als aufschlussreiches Fallbeispiel für die historische Tourismusforschung in Ostmitteleuropa. An ihm lässt sich zeigen, wie touristische Praktiken kulturelle Differenz nicht nur aufgriffen, sondern in Bildern, Erwartungen und Konsumformen immer wieder neu hervorbrachten.

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