Der Klang der Vielstimmigkeit: Die kulturelle Vielfalt der Bukowina zeigt sich insbesondere in ihrer kaum bekannten Musik- und Liedkultur – in der vergangenen wie aktuellen. Zwölf Musikbeiträge geben einen Einblick in die Musikgeschichte einer vielseitigen Landschaft am nordöstlichen Rand der Karpaten.
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Standortbestimmung: Wo und was ist die Bukowina?
Die Bukowina ist eine historische Region im (süd-)östlichen Europa, die ihren Namen gegen Ende des 18. Jahrhunderts erhalten hat. Zuvor Teil des Fürstentums Moldau, wird sie 1775 für fast 150 Jahre Teil der Habsburgermonarchie, ab 1848 als eigenständiges Kronland. In der Bukowina lebten zahlreiche sprachliche, ethnische, kulturelle und religiöse Bevölkerungsgruppen nebeneinander, miteinander, aber auch gegeneinander. Daher wird die Region auch als „Europa im Kleinen“ bezeichnet. Ihren Namen hat sie vom westslawischen Wort für Buche („buk“), weshalb sie auf Deutsch auch als Buchenland bekannt ist. Heute gehört die Region zu zwei Ländern, die innerhalb und außerhalb der Europäischen Union liegen: Die nördliche Bukowina gehört zum ukrainischen Bezirk
Černivci
ron. Cernăuţi, deu. Czernowitz, heb. צֶ׳רנוֹבִיץ, heb. Tschernowitz, yid. טשערנאָװיץ, yid. Tschernowitz, rus. Черновцы, rus. Tschernowzy, ukr. Чернівці, deu. Tschernowitz

Czernowitz (auch Tschernowitz, ukr. Чернівці) ist eine Großstadt in der südwestlichen Ukraine. Die Stadt liegt an der Grenze zu Rumänien und gilt als die Hauptstadt der historischen Landschaft Bukowina. Czernowitz war ein bedeutender Ort der jüdischen Kultur. Im Jahr 2017 hatte Czernowitz etwa 62.000 Einwohner:innen.

Aufgrund des Krieges in der Ukraine ist es möglich, dass diese Informationen nicht mehr dem aktuellen Stand entsprechen.

und wird überwiegend mit der gleichnamigen Hauptstadt (im deutschsprachigen Raum bekannt als Czernowitz) in Verbindung gebracht. Die südliche Bukowina) liegt im rumänischen Kreis
und ist vor allem für ihre orthodoxen Moldauklöster bekannt, die heute zum UNESCO-Weltkulturerbe gehören.
Die (historische) Bukowina gilt heute als multiethnisches Gebiet schlechthin, das im Laufe seiner Geschichte ein reichhaltiges und beeindruckendes kulturelles Erbe hervorbrachte. Das literarische Leben der historischen Region hat mit Rose Ausländer (1901–1988), Paul Celan (1920–1970), Selma Merbaum-Eisinger (1924–1942) oder Gregor von Rezzori (1914–1998) Eingang in die Weltliteratur gefunden. Bislang wenig Beachtung fand dagegen die musikalische Vielfalt der Bukowina. Dies ist durchaus verwunderlich, denn sie brachte zahlreiche ausgezeichnete Musiker:innen hervor, die enge Kontakte zu bedeutenden Musikzentren wie
București
eng. Bucharest, deu. Bukarest

Bukarest ist die Hauptstadt Rumäniens und hat heute über 1,8 Mio. Einwohner. 1659 löste Bukarest Târgoviște als Hauptstadt des Fürstentums Walachei ab. Nach der Vereinigung der Donaufürstentümer (Moldau und Walachei) unter Ion Cuza 1861 wurde Bukarest 1862 zur Hauptstadt Rumäniens. Schon kurze Zeit später war Bukarest die mit Abstand größte Stadt des südosteuropäischen Raums zwischen Budapest und Istanbul. Unter König Carol I. (1866-1914)kam es in Bukarest zu städtebaulichen Veränderungen nach westlichem Vorbild mit Palästen, Boulevards, Parkanlagen, Jugendstilvillen und elektrischer Beleuchtung. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte sich Bukarest außerdem zu einem Industrie- und Finanzzentrum. Im ersten Weltkrieg wurde Bukarest 1916 von den Mittelmächten besetzt, mit denen man 1918 einen Friedensvertrag schloss. Zwischen 1936 und 1940 wurde in Bukarest ein Boulevard nach Pariser Vorbild angelegt, was der Stadt auch die Beinamen „Micul Paris“ („Kleines Paris“) oder „Paris des Ostens“ einbrachte. Im Zweiten Weltkrieg stellte sich Rumänien nach kurzer Neutralität auf die Seite der Deutschen, nachdem General Ion Antonescu und die faschistische „Eiserne Garde“ Rumänien zu einem „nationallegionären Staat“ gemacht hatten. Als Antonescu 1944 von König Mihai verhaftet wurde, hatte dies Luftangriffe der Deutschen auf Bukarest zur Folge, die große Schäden anrichteten. Im Jahr 1977 richtete ein Erdbeben Zerstörung an. Ab 1984 ließ der kommunistische Diktator Nicolae Ceaușescu Teile der historischen Altstadt abreißen, um ein großes sozialistisches Zentrum zu errichten, was jedoch nach seiner Hinrichtung 1989 und dem Sturz des kommunistischen Regimes nicht zu Ende geführt wurde. Bukarest ist heute die siebtgrößte Stadt der EU, in der Rumänien seit 2007 Mitglied ist.

, Wien oder Berlin unterhielten.
Uns ist dies ein Anlass, diese viel zu wenig bekannte Seite der Region mit zwölf Konzertaufnahmen zu würdigen, denen kurze Einführungstexte zu Werk und Künstlern beigestellt sind. Sie ermöglichen eine erste, unmittelbare Annäherung, geben Orientierung und gestatten eine Auseinandersetzung mit der musikalischen Bukowina vom frühen 19. Jahrhundert bis hin zur Gegenwart.
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Die Musikbeiträge zeigen dabei einen Querschnitt, der von der Hochkultur bis zu Volksliedern reicht. Für erstere kann der Chopin-Schüler Karol Mikuli (1819–1897) und die von ihm vertretene pianistische Tradition stehen. Die Volksliedkulturen der Bukowina wiederum sind einerseits für bestimmte Bevölkerungsgruppen identitätsstiftend, andererseits spiegeln sich gerade in ihnen Parallelen und Verbindungen zur musikalischen Tradition und Praxis der unterschiedlichen ethnokulturellen Gruppen der Region.
Übergreifende und verbindende Merkmale und wechselseitige Einflüsse der verschiedenen Musikkulturen werden im Vergleich der Komponist:innen und Autor:innen sichtbar. Hierzu gehören die Kunstlieder von Ciprian Porumbescu (1853–1883), Georg Ritter von Onciul (1904–1982) und Carmen Petra Bascapol (*1926), die in musikalischer beziehungsweise lyrischer Beziehung zur Bukowina stehen. Eine Celan-Vertonung des Engländers Michael Nyman (*1944) demonstriert die Wirkmächtigkeit von Dichter:innen der Bukowina, die auch außerhalb Südosteuropas Inspirationsquelle für musikalische Werke werden.
 
Stellvertretend für die jüdische Erfahrungsgeschichte in der Bukowina wurden zwei einst vom Tenor Joseph Schmidt (1904–1942) interpretierte Lieder ausgewählt, die dessen große Erfolge sowohl im Opernfach als auch mit Filmschlagern in Erinnerung rufen. Nach Schmidt, der als verfolgter Jude in einem Schweizer Internierungslager starb, führt die Auswahl anschließend zu der in einem rumänischen Zwangsarbeitslager in Transnistrien umgekommenen jüdischen Lyrikerin Selma Merbaum-Eisinger (1924–1942). Zwei ihrer Gedichte werden in der Vertonung des deutschen Gegenwartskomponisten Lutz Landwehr von Pragenau (*1963) vorgestellt, dessen Eltern aus der Bukowina stammen. Gemeinsam mit den beiden Liedern bildet eine Klavierkomposition Landwehr von Pragenaus den zeitgenössischen Abschluss einer musikalischen Reise, in der Menschen, Schicksale und Kulturen der Bukowina lebendig gemacht werden.
Die Musikauswahl bietet somit ein beispielhaftes Spektrum zwischen Volks- und Hochkultur der (einst) multiethnischen Region, zwischen klassischer und populärer Musik sowie zwischen verschiedenen Musikgattungen. Dabei werden die Verbindungen zu den bekannten, überregionalen Strömungen in Europa bis ins frühe 20. Jahrhundert, aber auch innerhalb der Bukowina veranschaulicht. Nicht zuletzt unternimmt das Projekt einen ersten Schritt zur Erstellung einer „musikalischen Topographie“ dieser bedeutenden europäischen Kulturregion.
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Die „(Nach-)Klänge der Bukowina“ entstanden in Zusammenarbeit der Kulturreferentin für Siebenbürgen am Siebenbürgischen Museum Gundelsheim, des Bukowina-Instituts an der Universität Augsburg, des Leopold-Mozart-Zentrums der Universität Augsburg und des Jüdischen Museums Augsburg Schwaben. Die Filmaufnahmen entstanden Ende 2020 in der Ehemaligen Synagoge Kriegshaber, die heute zum Jüdischen Museum Augsburg Schwaben gehört.
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