Polnische Diaspora goes TikTok

Junge polnische Ethno-Comedy zwischen Selbstexotisierung und postmigrantischer Agency
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Die Ethno-Comedy erlebt auf TikTok und Instagram einen Aufschwung. Figuren wie ‚Polenpapa‘ oder die überempfindliche polnische Mutter gehen viral. Wie lacht TikTok über Klischees der polnischen Diaspora und welche identitätsstiftenden Potentiale hat dieses Lachen?
Comedians und Kabarettist:innen mit Migrationsbiografien sind spätestens seit den 1980er-Jahren in Kabaretts und auf Stand-up-Bühnen im deutschsprachigen Raum präsent. Mit ihrem Programm werfen sie einen kritischen Blick auf deutschsprachige Einwanderungsgesellschaften und stellen zugleich Besonderheiten migrantischer Lebenswelten auf satirische Weise überzeichnet dar.1 Von den Kleinbühnen gelangten jene „Ethno-Comedians“ mit der Zeit in die Massenmedien, wo einige von ihnen wie Kaya Yanar oder Bülent Ceylan eigene Fernsehshows erhielten – eine wichtige Voraussetzung, um auch im analogen Raum immer größere Bühnenräume zu füllen.

Der TikTok-Effekt in der Comedy-Szene

Als im Jahr 2020 im Zuge der Lockdowns während der Covid19-Pandemie Kleinbühnen und Theaterhäuser schließen mussten und sich – unabhängig von der Pandemie – durch den wachsenden Marktanteil von Streaming-Diensten gleichzeitig die Fernsehpraxis in Deutschland zu verändern begann2, hatte dies auch Folgen für die Stand-up- und  Ethno-Comedy
Ethno-Comedy
auch:
Culture-Clash-Comedy
Der Ausdruck 'Ethno-Comedy' bezeichnet Comedy-Formate (meist im Bereich des Stand up), die von migrantischen Comedians entwickelt und performt werden. Hauptthema jener Comedy-Programme ist das Aufeinandertreffen von migrantischen Lebensweisen auf nicht-migrantische Kulturen der Regionen, in denen das Programm aufgeführt wird. Er wird primär im deutschsprachigen Raum verwendet und von den Comedians selbst teils abgelehnt.
. Die videobasierten Social-Media-Anbieter TikTok und Instagram verliehen jungen und alten Stand-up-Comedians durch das ‚Reels‘-Format einen regelrechten Karriere-Schub3 und erwiesen sich als besonders fruchtbar für eine neue Generation von Ethno-Comedians4, die diese Kanäle nicht ‚nur‘ zur Bewerbung ihrer Bühnenprogramme verwendeten. 
Stattdessen nutzten sie mit kurzen Skit-Clips Skit-Clips Ein Skit-Clip im Kontext sozialer Medien ist ein kurzer Videoclip mit satirischem oder parodistischem Inhalt. Meist handelt es sich um einen Sketch oder eine Anekdote, die vom Betreiber eines Social Media-Profils selbst performt oder erzählt wird. die Funktionsmechanismen der Sozialen Medien, um ‚viral zu gehen‘ und damit möglichst viel Sichtbarkeit für ihre im analogen Raum noch nicht etablierten Inhalte zu generieren. Dadurch zeigte sich, dass der Markt der Ethno-Comedy, der vor zehn Jahren bereits als gesättigt bezeichnet worden ist5, im Gegenteil ungeahntes Potenzial besaß. Dies war zweifelsohne den Spezifika von TikTok und Instagram, ihren Möglichkeiten der Communitybildung und ihrer von Natur aus folgenlosen Interaktivität und Vergänglichkeit zu verdanken.6

Polenpapa, Ostblockvater und Co.

Im Zuge des beschriebenen Trends finden wir Comedians, die spezifisch auf den Kontext der polnischen Diaspora zugespitzte Online-Formate entwickeln. TikToker @stach_mat7 beispielsweise persifliert die Erziehungsmethoden in deutsch-polnischen Familien mit seiner Kunstfigur ‚Polenpapa‘, ähnlich wie Richard Ćwiertnia (@richardcwiertnia)8 mit seiner Verkörperung des ‚Ostblockvaters‘, der eine Art Hybrid aus 
Polen
eng. Republic of Poland, eng. Poland, pol. Polska, lit. Lenkijos Respublika, bel. Polʹŝa, bel. Polʹšča, bel. Польшча, . Pòlskô, yid. republyq pyn pojln, yid. republyk pyn pojln, yid. rʿpublyq pyn pojln, yid. pojln, yid. רעפובליק פון פוילן, yid. polin, yid. פוילן

Polen ist ein Staat in Ostmitteleuropa und ein Mitglied der Europäischen Union. Unter dem heutigen Namen ist das Land seit dem 10. Jahrhundert bekannt. Polen liegt an der Ostsee und ist der größte Staat (Bevölkerungszahl 2023: 37.636.508, Fläche: 313.964 km²) Ostmitteleuropas. Der Staatsname leitet sich von den westslawischen Polanen ab, die ab dem 9. Jahrhundert immer mehr Gebiete unter ihre Führung brachten, welche im 10. Jahrhundert als Herzogtum Polen bekannt waren. Unter Mieszko (ca. 960-992) erreichte die Ausdehnung des Landes etwa die heutigen Grenzen. Zumindest für Teile seines Landes war er zeitweise dem deutschen Kaiser tributpflichtig. Wahrscheinlich 966 nahm Polen das Christentum an, ab 1025 war es ein Königreich. 1138-1295 kam es infolge von Erbstreitigkeiten zur Zersplitterung des Landes. Das Aussterben der herrschenden Dynastie der Piasten führte 1370 zu einer polnisch-ungarischen Personalunion, die auf den Druck des polnischen Adels schon 1386 durch eine Polnisch-Litauische Doppelmonarchie ersetzt wurde. Die wachsende Rolle des Adels äußerte sich 1572 in der Etablierung einer Wahlmonarchie. Die Uneinigkeit des Adels führte jedoch zu den drei Teilungen Polens (1772-1795) zwischen Preußen, Russland und der Habsburgermonarchie. Polen wurde erst nach dem Ende des Ersten Weltkriegs 1918 selbstständig und verlor die Unabhängigkeit 1939 nach dem deutschen Überfall zu Beginn des Zweiten Weltkriegs und dem folgenden russischen Einmarsch von Osten. 1945-1989 war Polen ein Satellitenstaat der Sowjetunion. Seit 2004 ist Polen Mitglied der Europäischen Union.

-, 
Russland
rus. Rossijskaja Federazija, eng. Russian Federation, eng. Russia, rus. Российская Федерация, rus. Rossija, rus. Россия, deu. Russländische Föderation, deu. Russische Föderation

Die Russische Föderation ist der größte Flächenstaat der Welt und wird von rund 145 Millionen Menschen bewohnt. Hauptstadt und größte Stadt ist Moskau mit ungefähr 11,5 Millionen Einwohner:innen, gefolgt von Sankt Petersburg mit mehr als 5,3 Millionen Einwohner:innen. Der deutlich überwiegende Teil der Bevölkerung lebt im europäischen Teil Russlands, der dichter besiedelt ist, als der asiatische.

Die Russische Föderation ist seit 1992 Nachfolgestaat der russischen Sowjetrepublik (Russische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik, RSFSR), dem mit Abstand größten Teilstaat der ehemaligen Sowjetunion. Sie ist zugleich Rechtsnachfolger der Sowjetunion im Sinne des Völkerrechts.

- und 
Deutsche Demokratische Republik
eng. GDR, eng. German Democratic Republic, eng. East Germany, deu. DDR, . Němska demokratiska republika, . NDR, . Nimska demokratiska republika

Die Deutsche Demokratische Republik (DDR) war der zweite deutsche Staat nach dem Zweiten Weltkrieg. Er wurde am 7. Oktober 1949 ausgerufen und umfasste den östlichen Teil des heutigen Deutschlands. Die DDR wurde anstelle der Sowjetischen Besatzungszone als Reaktion auf die Gründung der Bundesrepublik Deutschland auf dem Gebiet der Besatzungszonen der Westalliierten am 24. Mai 1949. Seine Hauptstadt war der östliche Teil (sowjetischer Sektor) von Berlin, was im Widerspruch zur Vereinbarung der Alliierten zur gemeinsamen Verwaltung von Berlin stand. Die DDR schottete sich zunehmend insbesondere von den westlichen Staaten ab, was visuell im Bau der Berliner Mauer gipfelte. Trotz des Namens war die DDR bis 1989 ein undemokratisch regierter Marionettenstaat der Sowjetunion. Mit der Vereinigung mit der Bundesrepublik Deutschland („Wiedervereinigung“) am 3. Oktober 1990 endete die Existenz der DDR.

-Papa darstellt. 
In ein Pendant zum Polenvater schlüpft wiederum Laura Wrobel als TikTokerin @the.real.lauri9, deren Kunstfigur der polnischen Mutter einen unprätentiösen Erziehungsstil kultiviert, während sie ihre Tochter bei Elternsprechtagen immer etwas zu sehr in Schutz nimmt. Ein weiteres Beispiel für den Erfolg polnischer Ethno-Comedy in videogestützten Sozialen Medien ist der Comedian Paul (@karlitoz.tv)10, der mit seiner Verkörperung von Lutzek, dem kleptomanischen Handwerker für alles, rasch virale Sichtbarkeit gewann. 
Der Trend zur polnischen Diaspora-Comedy auf TikTok und Instagram ist aber nicht nur im deutschsprachigen Raum zu verzeichnen. Auch in anderen Regionen mit hoher polnischer Einwanderungsrate, wie dem Vereinigten Königreich, erfreut sich polnische Ethno-Comedy großer Popularität, nicht nur, aber immer auch in den Sozialen Medien: So verkörpert bspw. Caroline Koziol aka @karolkashow11 unterschiedliche Typen der polnischen Diaspora im Vereinigten Königreich, darunter den stets fluchenden polnischen Bauarbeiter oder die polnische Flugbegleitung mit dem gefälschten Lebenslauf.
„Polnische Bauarbeiter in UK“ von @karolkashow
Alle oben genannten Comedians verfügen über einen starken polnischen Akzent und greifen auf wohlbekannte Stereotype und Vorurteile über die von ihnen dargestellten Figuren zurück. Der polnische Bauarbeiter hat ein Alkoholproblem und neigt zu exzessivem Fluchen. Lutzek klaut natürlich am liebsten Autos und ist zugleich ein fürsorglicher Gastgeber, der den Gast mit Pierogi, Kuchen, Wodka und Gürkchen geradezu überversorgt.
Der Ostblockvater liebt das Heimwerken, ist schnell genervt von Fragen (seines Sohnes ebenso wie anderer Personen) und würde am liebsten die ganze Zeit nur fernsehen. Polen-Papa isst pausenlos polnische Gürkchen (sprich: Girkchen), trinkt Bier und verliert die Geduld beim Erklären von Mathe-Aufgaben. Und schließlich ist da die fromme polnische Mutter, die von ihren Kindern weder Wehwehchen noch Extrawünsche akzeptiert, ein auch außerhalb der Sozialen Medien nicht unbekanntes Klischee. 
Polnische Mutter beim Lehrergespräch“ von @the.real.lauri.

Neues Medium, alter Humor?

Die verwendeten Themen unterscheiden sich nur wenig von jenen, die ‚klassische‘ Stand-up-Comedians, wie u.a. Marek Fis12, schon vor dem TikTok-Trend nutzten, um Polen in der Diaspora zu persiflieren. Diese Form von Ethno-Comedy war bereits mehrfach Gegenstand wissenschaftlicher Forschung.13 Die meisten Studien kommen zu dem Schluss, dass gerade die ihr innewohnende Ambivalenz aus Stereotyp und Persiflage integratives Potenzial besitzt. Auf der einen Seite bestätigen sie mit ihrer Selbstexotisierung, d.h. der Strategie, sich selbst als fremd oder kulturell anders zu inszenieren, bestimmte Vorstellungen der Mehrheitsgesellschaft von der polnischen Minderheitengruppe. Auf der anderen Seite decken sie genau dadurch jene Vorurteile auf und machen die der Mehrheitsgesellschaft inhärenten Diskriminierungstendenzen sichtbar.
Das Lachen des Publikums ist gleichzeitig ein Lachen-Mit und ein Lachen-Über14 und vereint sowohl migrantische wie nicht-migrantische Lachende zu einem gemeinschaftlichen, „kollektiven Körper“15. Das Lachen über Ethno-Comedy wird zu einer „soziale[n] Geste“16, wie Michail Bachtin gezeigt hat, die das Potenzial besitzt, die Diskrepanzen der sozialen Ordnung, wenn auch nur für einen Moment, auszusetzen. Damit wird sowohl die vorherrschende (diskriminierende) Ordnung offengelegt als auch an ihrer Dekonstruktion gearbeitet. „Gelacht wird nunmehr weniger über „die Andere[n]‚ als vielmehr über das Stereotyp in uns selbst bzw. in unserem Verhalten und unserem Denken.“17
Betreffen jene Beobachtungen Ethno-Comedy im Allgemeinen, lässt sich hinsichtlich der jungen Generation von Ethno-TikTok-Comedians eine weitere spezifische Wirkungsform erkennen. Wie die Slawistin Miranda Jakiša in ihrer Studie zu Ethno-Comedy von Personen aus südslawischen Diaspora-Communitys in Wien feststellt, könne die junge Generation der TikTok-Ethno-Comedy eigentlich gar nicht mehr als Ethno-Comedy verstanden werden, da es ihr weniger um Diskriminierungstendenzen der Mehrheitsgesellschaft ginge, sondern vielmehr um eine „solidarische Vergemeinschaftung jenseits der Erstsprachigkeit auf TikTok und Instagram“.18
Jakiša zufolge weise jener neue Comedy-Trend daher nicht mehr auf Diskrepanzen zwischen Mehrheits- und Minderheitsgesellschaft hin, sondern auf Widersprüche zwischen unterschiedlichen Gruppen  postmigrantischer Gesellschaften
Postmigrantische Gesellschaft
Postmigrantisch (lat. post: ‚hinter‘, ‚nach‘) bezeichnet eine Perspektive, die sich mit den gesellschaftlichen Veränderungen und Identitätsfragen beschäftigt, die nach Migrationsprozessen entstehen. Es geht darum, wie Migration Gesellschaften prägt, Vielfalt normalisiert und Identitätskonzepte hinterfragt, jenseits von klassischen Einwanderungsdiskursen. Eine postmigrantische Forschungsperspektive versteht Wissen als prozesshaft und von Menschen hergestellt, und erforscht beispielsweise die Wissensproduktion über Migrant:innen und Gesellschaft. So wird es auch möglich, globale Verflechtungen in den Blick zu nehmen und nicht nur innerhalb nationaler Container zu denken.
, in denen Einsprachigkeit und Herkunft keine stabilen Kategorien mehr seien.19 Das komische Potenzial entsteht aus den Widersprüchen und Unstimmigkeiten, die nicht länger zwischen dem einsprachigen ‚Einheimischen‘ und dem mehrsprachigen ‚Fremden’ verlaufen, sondern zwischen einsprachigen und mehrsprachigen Personen, unabhängig davon, ob sie ‚von hier‘ oder ‚von dort‘ stammen.
Im Falle der besagten polnischen Diaspora-Comedians auf TikTok und Instagram lässt sich eine ähnliche Transformation affektiver Gemeinschaften affektiver Gemeinschaften Als eine affektive Gemeinschaft wird eine Gruppe von Menschen verstanden, die sich nicht durch normative Eigenschaften (z.B. Staatsbürgerschaft, Ethnie), sondern durch emotionalen Zusammenhalt begründet. Diese Gefühle können bspw. durch das Aufrufen ähnlicher biografischer Erfahrungen entstehen. 20 beobachten, die durch die Komik der Online-Skits produziert und angesprochen werden. Denn viele von ihnen verorten ihre Kunstfiguren nicht mehr in einem Widerspruch zu ihrer ‚Aufnahmegesellschaft‘. Durch die Hervorhebung insbesondere der Elternfiguren weisen sie vielmehr auf die Diskrepanzen zwischen den migrantischen Individuen erster und zweiter Generation und deren unterschiedliche Beziehungen zur Mehrheitsgesellschaft hin.

Neue postmigrantische Allianzen

Polnische Ethno-Comedy rührt so an die gemeinsamen Erfahrungen von zweiten Einwanderergenerationen, unabhängig von der ursprünglichen Nationalität ihrer Eltern. Das Lachen verbindet hier nicht den Einwandernden und den Autochthonen. Vielmehr wird der Umstand, noch immer eine gewisse Differenz zur ‚Mehrheitsgesellschaft‘ wahrzunehmen, zum verbindenden Element und zur Voraussetzung für einen postmigrantischen Humor.
Dieses Phänomen lässt sich besonders aus den Kommentaren zu Skits, in denen Verhaltensmuster von Eltern thematisiert werden, herauslesen. Viele Nutzer:innen identifizieren sich mit der Perspektive des Kindes und bestätigen oder widerlegen die Darstellung etwa des Ostblockvaters, wenn er Besuch bekommt oder vor dem Fernseher einschläft. In jedem Fall empfinden sie einen persönlichen Bezug zur Situation, die ihre Lebensrealität entweder korrekt oder eben nicht korrekt repräsentiert.
Durch soziale Medien entstehen so transregionale postmigrantische Gemeinschaften, die sich weniger an nationalen oder regionalen Unterschieden orientieren als an der gemeinsamen Erfahrung kultureller Differenz. Auch die polnische Diaspora auf TikTok und Instagram hebt sich sowohl vom Herkunftsland als auch von einzelnen Einwanderungsländern ab. Sie versteht sich als Teil übergeordneter Diaspora-Identitäten, die nicht mehr an eine spezifische Herkunft gebunden sind, sondern an die eigenartige Erfahrung des Dazwischenseins in postmigrantischen Kontexten, wodurch ihr, wie zeitgenössischer Diaspora Comedy insgesamt, emanzipatives Potential zukommt.21

Postmigrantisches Mit-Lachen

Betreffen diese Ausführungen das Lachen-Mit, also eine Art integrative Konsolidierung einer postmigrantischen Identität zweiter Generation, so haben TikTok und Instagram als Plattformen für die Entwicklung der Ethno-Comedy eine weitere relevante Dimension, die sich stärker der Dimension des Lachens-Über zuwendet; schließlich gehören nicht alle Zuschauenden und Follower der TikTok-Ethno-Comedians einer zweiten migrantischen Generation an. 
Durch die Flüchtigkeit von Inhalten und die Ermöglichung virtueller Identitäten ermöglichen Soziale Medien eine Distanzierung zur eigenen Rolle etwa als autochthoner Nicht-Migrant.22 Diese wiederum erlaubt es, zumindest für einen Augenblick, ohne schlechtes Gewissen und ohne Risiko, sich ‚politisch inkorrekt‘ zu verhalten, über die Erfahrungen ihrer migrantischen Co-Follower zu lachen. So wird das Lachen-Über zu einem solidarischen Lachen-Mit und die Anonymisierung der digitalen Welt in einer integrativen Form produktiv.23 Zumindest zeitweilig, denn mit einem Swipe ist der Clip wieder verschwunden. 
Es ist nicht unwahrscheinlich, dass in der Anonymität und Unverbindlichkeit von TikTok und Instagram-Inhalten der Grund für den massiven Aufschwung von Ethno-Comedy-Formaten in Sozialen Medien zu suchen ist. Gleichzeitig wird ein Identitäten produzierendes Potenzial offenbar, das Angehörige der polnischen Diaspora (insbesondere den jüngeren Generationen) von Identitätsdiskursen des Einwanderungs- wie des Herkunftslandes loslöst und sie in globalen postmigrantischen Diaspora-Gemeinschaften ansiedelt. 
Es wirkt so, als ginge es den TikToker:innen und Instagrammer:innen nicht nur darum, sichtbar zu sein oder Geld zu verdienen. Sie entwickeln eine „postmigrantische Ethnizität“24, die – wie Gerd Baumann und Thijl Sunier beschreiben – nicht mehr an einem festen, starren Bild von Ethnie festhält. Stattdessen wehren sie sich gegen einfache Gegensätze wie ‚Inländer/Ausländer‘ oder ‚Einheimische/Migrant:innen‘25. So werden sie zu wichtigen Stimmen in emanzipatorischen Prozessen, in denen Diaspora nicht mehr als Gegensatz zur Heimat gesehen wird, sondern selbst zu einem identitätsstiftenden Zuhause wird.

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