Nichts ist mit den Umständen von Flucht und Vertreibung so eng verbunden wie die Erfahrung des Verlustes. Davon zeugen drei berührende Objekte aus den Jahren 1944/1945, die sich heute im Ostpreußischen Landesmuseum mit Deutschbaltischer Abteilung in Lüneburg befinden.
Text
Ein weißes, gestricktes Babyjäckchen aus Wolle gehört zu den vielen Objekten in der Dauerausstellung des Ostpreußischen Landesmuseums, die von den Begebenheiten der Flucht aus 
Ostpreußen
eng. East Prussia, pol. Prusy Wschodnie, lit. Rytų Prūsija, rus. Восто́чная Пру́ссия, rus. Vostóchnaia Prússiia

Ostpreußen ist der Name der ehemaligen, bis 1945 bestehenden östlichsten preußischen Provinz, deren Ausdehnung (ungeachtet historisch leicht wechselnder Grenzverläufe) ungefähr der historischen Landschaft Preußen entspricht. Die Bezeichnung kam erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Gebrauch, als neben dem 1701 zum Königreich erhobenen Herzogtum Preußen mit seiner Hauptstadt Königsberg weitere, zuvor polnische Gebiete im Westen (beispielsweise das sog. Preußen Königlichen Anteils mit dem Ermland und Pommerellen) zu Brandenburg-Preußen kamen und die neue Provinz Westpreußen bildeten.
Heutzutage gehört das Gebiet der ehemaligen preußischen Provinz überwiegend zu Russland (Oblast Kaliningrad) und Polen (Woiwodschaft Ermland-Masuren). Das ehemalige sog. Memelland (auch Memelgebiet, lit. Klaipėdos kraštas) kam erstmals 1920 und erneut ab 1945 zu Litauen.

 im Winter 1945 berichten. Zwei amtliche Dokumente schildern das kurze Leben des Säuglings, der diese Jacke trug. Das erste Blatt ist eine Geburtsurkunde des Standesamtes von Friedland (Ostpreußen), heute „
Pravdinsk
deu. Friedland in Ostpreußen, rus. Правдинск, deu. Prawdinsk

Prawdinsk (russisch Правдинск, deutsch Friedland in Ostpreußen) ist eine Stadt im Süden der russischen Oblast Kaliningrad, ca. 50 km südlich von Kaliningrad (deutsch Königsberg). In Prawdinsk wohnen ungefähr 4300 Menschen.

“ in der russischen
Kaliningradskaja Oblast
deu. Oblast Kaliningrad

Die Oblast Kaliningrad (rus. Калининградская область) liegt zwischen Polen und Litauen an der Ostsee. Die Oblast ist der westlichste Teil Russlands und wird von ungefähr 1 Million Menschen bewohnt. Die Hauptstadt der Oblast ist Kaliningrad (dt. Königsberg).

, das besagt:
Christina Annamarie Güttler ist am 22. Dezember 1944 in Friedland (Ostpr) Gartenvorstadt 50 geboren. Vater: Maschinenschlossergeselle Wilhelm Erich Güttler, wohnhaft in Friedland (Ostpr) Mutter: Klara Anna Marie Güttler geborene Döhring, wohnhaft in Friedland (Ostpr) … den 28. Dezember 1944.
Das zweite Blatt ist eine nachträglich ausgestellte Sterbeurkunde vom Standesamt Berlin I, die auf den 19. September 1946 datiert ist. Darauf steht geschrieben:
Die Christine Annemarie Güttler wohnhaft in Friedland/Ostpreußen, Gartenvorstadt Nr. 50 ist am 28. Januar 1945 um 9 Uhr 00 Minuten auf der Bahnstrecke
Kaliningrad
deu. Königsberg, rus. Калинингра́д

Kaliningrad ist eine Stadt im heutigen Russland. Sie liegt im Oblast Kaliningrad, einer russischen Exklave zwischen Litauen und Polen. Kaliningrad, ehemals Königsberg, gehörte über mehrere Jahrhunderte zu Preußen und war dessen nordöstlichste Großstadt.

 – Pillau verstorben. Die Verstorbene war geboren 22. Dezember 1944 in Friedland/Ostpreußen.
 
In einer etwa 50 Jahre später geschriebenen Schilderung ihrer Arbeit im Provinzial-Erziehungsheim 
Węgorzewo
deu. Angerburg

Angerburg ist eine Stadt im Nordosten Polens in der Woiwodschaft Ermland-Masuren (Warmińsko-Mazurskie). Sie wird von ca. 11.000 Menschen bewohnt und liegt unweit der Grenze Polens zu Russland.

 berichtete die Mutter Klara Güttler von der Ereignisdichte jener Tage:
Inzwischen heiratete ich einen Soldaten des Nachrichtenregiments 601 aus dem Mauerwald. Im Oktober 1944 musste ich meine Arbeit aufgeben, weil ich ein Kind erwartete. (…) Dann kam alles sehr schnell. Mein Mann wollte mich und unser Kind herausholen. Das OKH [Oberkommando des Heeres] war inzwischen in Bad Reichenhall. Wir kamen mit dem Zug nicht mehr durch. Seither ist er verschollen, mein Kind starb einen Monat alt auf der Flucht, mein einziger Bruder (18 Jahre) starb im Lazarett – Gehirnsteckschuss –, und meine Heimat war auch weg und das alles innerhalb einer Woche. Gott sei Dank fand ich meine Eltern wieder und eine zweite Heimat in Hamburg-Bergedorf.
 
Das Babyjäckchen und die Urkunden hatte Klara Güttler stets aufgehoben – ersteres in einer schönen Schmuckschachtel mit romantischem Dekor. Lange nach ihrem Tod im Jahr 2001 fanden diese Dinge schließlich ihren Weg in das Ostpreußische Landesmuseum mit Deutschbaltischer Abteilung.

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