Vom Luxusgut zum Nationalgetränk

Eine Geschichte des Teekonsums im Russländischen Reich
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Neben dem Wodka gilt der Tee als das russische Getränk par excellence. Mit Wasser aus dem Samowar verdünnter schwarzer Teesud – häufig aus der Untertasse und mit Gebäck, Konfitüre, Honig und Obst getrunken – ist zum Sinnbild einer vermeintlich urrussischen Alltagspraxis geworden.
Vom ersten Beleg des Tees in russischen Quellen des 17. Jahrhunderts bis zu seiner Etablierung als Nationalgetränk sind über zweihundert Jahre vergangen. Dabei hat das Getränk nicht etwa einfach durch seine intrinsischen Qualitäten den Siegeszug über den Gaumen der Russen gehalten. In dieser Zeit haben viele politische, wirtschaftliche und kulturelle Faktoren dazu beigetragen, dass eine bestimmte Form des Teetrinkens zu einem der zentralen Elemente der russischen Alltagskultur wurde.
Die Geschichte, wie der Tee in Russland eingeführt wurde, erzählt man gewöhnlich so: Im Jahr 1638 habe der Moskauer Gesandte Vasilij Starkov vom mongolischen Fürsten Altan Khan der Khotogoit Tee als Geschenk an den Zarenhof erhalten. Daraufhin habe der russische Staat begonnen, immer mehr Tee aus China zu importieren, bis er schließlich zum wahren Nationalgetränk der Russen geworden sei. Von der allgemeinen Begeisterung für den Tee erfasst, hätten geniale Handwerker Mitte des 18. Jahrhunderts den Samowar erfunden. Dieser habe die bisherigen Wasserwärmgeräte ersetzt und zusammen mit dem Tee selbst in die ärmsten Häuser in ganz Russland Einzug gehalten. 
Doch diese Erzählung verrät nicht, dass sowohl der Tee als auch der Samowar auf eine viel längere und facettenreichere Geschichte in Russland zurückblicken. 

„leute von vermögen […] trincken […] schwartze[n] Thee“ – Die Anfänge des Teekonsums in Russland

Die1 historische Forschung geht davon aus, dass verschiedene Ethnien 
Sibirien
rus. Sibir, rus. Сибирь, eng. Siberia

Sibirien erstreckt sich über eine Fläche von 12,8 Mio. km² zwischen dem Ural, dem Pazifik, dem Nordpolaarmeer, China und der Mongolei. 1581/82 begann die russische Eroberung Sibiriens. Zur Zeit der Aufklärung vor allem Rohstoffquelle und Raum für den Handel mit Asien, gewann Sibirien ab dem 19. Jahrhundert Bedeutung als Ort für Strafkolonien und Verbannte. Mit der Erschließung durch die Transsibirische Eisenbahn und der Dampfschifffahrt am Ende des 19. Jahrhunderts kamen Industrialisierung und damit neue Siedler nach Sibirien. Weitere Industrialisierungsbemühungen unter Stalin wurde vor allem mit der Arbeitskraft von Gulag-Häftlingen und Kriegsgefangenen umgesetzt.

Die Karte zeigt Nordasien, zentral gelegen Sibirien. CIA World Factbook, bearbeitet von Veliath (2006) und Ulamm (2008). CC0 1.0.

 durch ihren Kontakt zu mongolischen Völkern noch vor dem 16. Jahrhundert mit dem Tee in Berührung gekommen waren. Entlang der großen Karawanenstraßen, die von China über Zentralasien nach Europa führten, verwendete man vor allem zu Briketts gepressten Tee aus Blättern von niedriger Qualität. Der Tee wurde zerkrümelt und in Milch aufgekocht. Manchmal gab man dem Getränk noch Fett und Getreide bei. Bei Burjaten Burjaten Eine in Südostsibirien lebende mongolische Ethnie. und  Kalmücken Kalmücken Eine mongolische Ethnie, die vor allem nördlich des Kaspischen Meeres siedelte. war der Tee schon im 18. Jahrhundert zu einem unverzichtbaren Nahrungsmittel geworden – zu einer Zeit, als er im Zentrum des russischen Imperiums selbst unter Eliten noch als Luxusgut galt.
An den Hof des Moskauer Zaren gelangten erste Teeproben vermutlich im Jahr 1616, als der Gesandte Vasilij Tjumenec von seiner Reise zu den Mongolen zurückkehrte. Spätere Gesandtschaften brachten ebenfalls von den Mongolen und aus China Tee mit, so auch der häufig erwähnte Vasilij Starkov im Jahr 1638. Doch ob der Tee tatsächlich getrunken wurde, lässt sich nicht belegen. Sicher ist, dass er zunächst vor allem als Arzneimittel zum Einsatz kam. Man begegnete dem neuartigen Gebräu anfangs mit Skepsis.
Nach den Handelsverträgen zwischen dem 
Zarentum Russland
rus. Russkoje zarstwo, rus. Русское царство, eng. Tsardom of Russia, deu. Zarenreich Russland

Das Zarentum Russland (auch Zarenreich Russland, in der Geschichtswissenschaft auch als Moskauer Reich bezeichnet, im zeitgenössischen Sprachgebrauch auch Moskowien genannt) bestand von 1547 bis 1721 und kennzeichnet eine wichtige Entwicklungsperiode des russischen Staates, die durch intensive Reformen, Zentralisierungsbestrebungen und kriegerische Expansion gekennzeichnet war. Das Zarentum ging aus dem Großfürstentum Moskau (1340–1547) hervor, den Auftakt bildet die Krönung Iwans IV. (1530–1584) zum ersten Zaren im Januar 1547. Der Zarentitel selbst ist deutlich älter und zuvor auch in Südosteuropa verbreitet. Im russischen bzw. altrussischen Sprachraum war der Titel zuvor uneinheitlich und auch im kirchlichen Zusammenhang verwendet worden.

Sein Ende als offizielle Bezeichnung des russischen Staates fand das Zarentum mit seiner Umwandlung und Umbenennung zum Kaiserreich durch Peter den Großen (1672–1725) 1721.

 und China in den Jahren 1689 und 1727 kamen über den Handelspunkt im südsibirischen 
Kjachta
rus. Troickosavsk, rus. Кяхта, fra. Kiakhta, rus. Kyakhta, rus. Kiachta, rus. Kâhta, rus. Троицкосавск, fra. Troïtskossavsk

Die Kleinstadt Kjachta (Bevölkerungszahl 2022: 18.007) wurde vermutlich 1727 gegründet und liegt an der Grenze zwischen der Mongolei und der Russischen Förderation. Kjachta war ein Zentrum des Handels zwischen China und dem Russländischen Reich. Das Russländische Reich exportierte über Kjachta überwiegend Pelzwaren, während es vor allem Tee importierte. Kjachta ist als Historischer Siedlungsort der Russländischen Föderation.

 bis zum späten 18. Jahrhundert nur kleine Mengen Tee nach Russland, die vor allem mit Rauchwaren bezahlt wurden. Im Winter auf Schlitten, im Sommer über die Flüsse Angara, Jenissei und Ob, streckenweise auf Landwegen kam der Tee zu den großen überregionalen Jahrmärkten: ins westsibirische 
Irbit
rus. Ирбит

Die Stadt Irbit (Bevölkerungszahl 2022: 36.587) liegt am Ufer des gleichnamigen Flusses im südlichen Uralgebirge. Die Stadt war lange Zeit ein wichtiger Handelspunkt und Schauplatz überregional bedeutender Jahrmärkte. Durch den Bau der Transsibirischen Eisenbahn - deren Strecke rund 80 Kilometer weiter südlich verläuft - verlor Irbit jedoch innerhalb Russlands an Bedeutung. Heute ist Irbit eine Industriestadt, die unter anderem die Irbiter Motorradwerke und weitere Unternehmen des produzierenden Gewerbes beherbergt.

 oder über 
Perm
rus. Пермь, rus. Molotov

Die Stadt Perm liegt ca. 1150 km nordöstlich von Moskau im Uralvorland. Seit dem 19. Jahrhundert entwickelte sich in der Stadt Schwer- und Rüstungsindustrie, was Perm im 20. Jahrhundert zu einem bedeutenden Industriezentrum machte. In der Industrie wurden auch Lagerinsassen aus Gulag und Kriegsgefangenenlager eingesetzt.

 und 
Moskva
eng. Moscow, deu. Moskau, rus. Москва, rus. Kučkov, rus. Kučkovo, rus. Кучков, rus. Кучково, rus. Moskov, rus. Moskovʺ, rus. Московъ, rus. Москов

Moskau (Bevölkerungszahl 2024: 13.146.907) ist die Hauptstadt der Russländischen Föderation und die bevölkerungsreichste vollständig in Europa gelegene Stadt. Sie liegt im Westen des Landes. Moskau ist zugleich die Hauptstadt des Föderationsbezirks Zentralrussland. Die Verwaltungseinheit "Stadt von föderaler Bedeutung Moskau" umfasst mit einer Bevölkerungszahl von 13.258.262 Personen einige weitere Orte. Die Stadt bildet das mit Abstand wichtigste politische, wirtschaftliche, wissenschaftliche und kulturelle Zentrum des Landes.

Moskau entstand etwa im 11./12. Jahrhundert. Die Entstehung der Wehranlage (Kreml) wird auf den Beginn der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts datiert. Im 13. Jahrhundert wurde Moskau zur Hauptstadt eines Teilfürstentums des Großfürstentums Wladimir. Im 14. Jahrhundert setzten sich die Fürsten von Moskau als die Herrscher der gesamten Rus durch. Diese war jedoch 1247-1480 tributpflichtig gegenüber der Goldenen Horde, welche 1238 Moskau verwüstete. 1571 wurde die fast vollständig aus Holz bestehende Stadt von tatarischen Truppen niedergebrannt. Zu diesem Zeitpunkt war Moskau jedoch bereits das unumstrittene Machtzentrum Russlands. 1687 wurde in der Stadt die erste Hochschule, 1775 die erste Universität eröffnet. Peter der Große verlegte 1712 die Hauptstadt nach Sankt Petersburg. Neben dem Machtverlust geschwächt durch Unruhen und Säuchen blieb ihre Entwicklung hinter jener der neuen Hauptstadt zurück. Einen tiefen Einschnitt in die Entwicklung von Moskau brachte der Einmarsch der napoleonischen Truppen 1812, zu deren Abwehr die Stadtbevölkerung ihre Häuser in Brand steckte. Der rasch begonnene Wiederaufbau verlieh Moskau ein modernes Stadtbild.

Nach der Oktoberrevolution und dem Umzug der Hauptstadt wieder nach Moskau 1918 erlebte die Stadt einen enormen Ausbau der öffentlichen Infrastruktur, auch zahlreiche Vorzeigebauten wurden bis zum Zweiten Weltkrieg errichtet. Der Zubau der Wohnflächen konnte jedoch nie dem Bevölkerungswachstum schritthalten. Dieses konnte auch durch diverse, teilweise bis heute geltende Zuzugseinschränkungen nicht gebremst werden. Allerdings wuchs die Stadt auch durch Eingemeindungen, insbesondere in den Jahren 1960 und 2012.

1980 wurden in Moskau die Olympischen Sommerspiele ausgetragen. In den Folgejahren erfasste jedoch die zunehmende Krise in der Sowjetunion auch die Stadt, die nach den dezentralen Bewegungen in den Republiken und Unruhen in Russland selbst schließlich vom Putschversuch 1991 direkt betroffen war. Nach dem endgültigen Zerfall der Sowjetunion Ende 1991, blieb Moskau die Hauptstadt Russlands. Seitdem wird insbesondere das Stadtzentrum immer stärker von modernen, repräsentativen Bauten geprägt. Weitere Merkmale der Entwicklung der Stadt in der postsowjetischen Ära sind der Wiederaufbau der in der Sowjetzeit zerstörten oder umgewidmeten Kirchen, die Renovierung der Gebäude aus der vorsowjetischen Zeit im Stadtkern sowie der Ausbau der Verkehrsinfrastruktur an den Rändern.

 nach 
Makar'evo
rus. Makaryevo, rus. Макарьево, rus. Makarjewo

Makarevo (Bevölkerungszahl 2010: 178) ist eine Siedlung an der Wolga in der Oblast Nischni Nowgorod. Sie entwickelte sich im 17. Jahrhundert als Handelsplatz in direkter Nachbarschaft zu einem Kloster, an dessen Standort der russisch-orthodoxe Heilige Makarios im 15. Jahrhundert eine Einsiedelei gegründet haben soll. 1641 entstand hier der Makarios Markt, der nach einem Brand 1816 nach Nischni Nowgorod verlegt wurde und als Vorläufer der dortigen Messe gilt. Danach verlor Makarevo zunehmend an Bedeutung, und verlor den Status eines Kreissitzes und schließlich auch seine Stadtrechte.

 an der Wolga, einer kleinen Klostersiedlung, die bis ins 19. Jahrhundert Standort der größten Handelsmesse im Reich war – erst 1816 wurde der als „jarmarka“ bezeichnete Markt infolge eines Brands nach Nischni Nowgorod verlegt. Zwischen 70 und 160 Tagen war der Tee durchschnittlich unterwegs, und der weite Transportweg über große Teile des Reiches hinweg war mit verantwortlich für den hohen Preis des raren Gutes. Doch der Handel mit China war instabil. Während der zahlreichen Unterbrechungen wegen diplomatischer Verstimmungen blühte in Sibirien der Schmuggel auf, mit dem die lokale Bevölkerung ihren Eigenbedarf deckte. Für zahlungskräftige Teetrinker im europäischen Russland wurde verstärkt Tee aus England, Dänemark und den Niederlanden eingeführt – und mit den Teeblättern auch die europäische Teemode.

„In Canterbury […] tranken wir Thee auf englische Art“ – Russlands Eliten und die europäische Teemode

Russländische2 Eliten orientierten sich seit dem 17. Jahrhundert zunehmend an Europa. Die sprichwörtlich gewordene Öffnung Russlands nach Europa brachte eine Adaption von Alltags- und Konsumpraktiken westeuropäischer Oberschichten mit sich. Die tiefgreifende Umgestaltung, die das Russländische Reich seit der Wende zum 18. Jahrhundert auf allerhöchsten Beschluss mit anderen europäischen Imperien konkurrenzfähig machen sollte, betraf nicht nur die wirtschaftlichen, politischen und sozialen Strukturen, sondern schloss auch eine als (Selbst-)Zivilisierung der Russen verstandene Annäherung an westeuropäische kulturelle und soziale Gepflogenheiten mit ein. In Frankreich, Deutschland und auf den Britischen Inseln entwickelte sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ebenfalls eine Art nach innen gerichteter Zivilisierungsmission: Auch hier erhob die Aufklärung den Anspruch, durch eine Verfeinerung der Sitten den Menschen zu verbessern. Maßvoll und sanft sollte er werden, in seinen Handlungen sich von seinem Gewissen, der Stimme Gottes in seinem Herzen, und dem Verstand leiten lassen. In diesem Rahmen wurde auch der Teegenuss als Teil zivilisierter, sittsamer Praxis propagiert: Im Gegensatz zum Alkoholkonsum begünstige nämlich der gemeinsame Teegenuss die gepflegte Konversation sowie einen anstandsvollen Umgang zwischen Männern und Frauen; darüber hinaus stärke er die Familienbande, indem er eine geschlechter- und generationenübergreifende Soziabilität ermögliche.
Mit anderen Anleihen aus dem Gedankengut der sogenannten philosophes übernahmen die Eliten des Russländischen Reiches Russländischen Reiches In der russischen Sprache wird zwischen zwei Adjektiven unterschieden, die im Deutschen üblicherweise beide als „russisch“ wiedergegeben werden. „Russkij“ bezieht sich in erster Linie auf die russische Nation, „rossijskij“ leitet sich vom Ländernamen „Rossija“ (Russland) ab und wird meist in Bezug auf den Staat, seine Strukturen und Attribute verwendet. In der deutschsprachigen Wissenschaft etabliert sich zunehmend die Übersetzung von „rossijskij“ durch den Neologismus „russländisch“. Sie erlaubt eine Unterscheidung zwischen der russischen Nation und deren polyethnischem, vielsprachigem und multikonfessionellem Staat. Übersetzt man die offizielle Staatsbezeichnung „Rossijskaja imperija“ als „Russisches“ statt „Russländisches Reich“, erweckt es den Anschein, man folge dem Duktus russischer Nationalisten und möchte die Herrschaft der Russen über andere Ethnien innerhalb des Imperiums als legitim darstellen. auch die europäische Faszination für China und die damit einhergehende Teemode. Chinoiserien hielten seit der Herrschaft Peters I. Einzug in die Paläste der Aristokraten. Auch die Anglophilie, die in Russland gegen Ende des 18. Jahrhunderts ihren Höhepunkt erreichte, förderte die Verbreitung des Teekonsums. Der afternoon tea etablierte sich als neues strukturierendes Element im Alltag der Oberschichten. Teetische erweiterten das Mobiliar in gut betuchten Haushalten; in reichen Häusern entstanden ganze Teezimmer. Teetassen und -gläser, spezielle Kannen und Teelöffel, Teesiebe und -dosen, Milchkännchen, Zuckerdosen und -zangen wurden zu Prestigeobjekten, die nicht nur vom Wohlstand ihrer Besitzer, sondern auch von deren Zivilisiertheit zeugen sollten.
Wenn der Tee in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts noch als ein Luxusgut galt, so war das Teetrinken in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts zumindest bei den Eliten schon zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Das Fehlen von Tee stand synonym entweder für Armut oder aber für eine bewusste, oft religiös oder moralisch begründete ablehnende Haltung gegenüber neumodischen Konsumgütern. Da das Teetrinken nach europäischer Manier zunächst in den sozial höher stehenden Bevölkerungsteilen Fuß fasste, war auch seine geographische Verbreitung im Imperium lange Zeit ungleich: So wurde bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts etwa die Hälfte des importierten Tees in Moskau konsumiert. Auch die Trinkgewohnheiten unterschieden sich: Während der lose Tee vor allem in Zentralrussland und in sibirischen Großstädten verkauft wurde, war in Zentralasien und in weiteren Teilen Sibiriens in erster Linie gepresster Tee nachgefragt. Die bei den indigenen Ethnien Sibiriens verbreitete Art, Tee zu trinken, fand im westlichen Teil des Imperiums kaum Anklang. Die imperialen Eliten wähnten sich den nomadischen Völkern kulturell überlegen und propagierten die europäische Zivilisation – als deren Träger sie sich verstanden – als Vorbild für das gesamte Reich. Alltagspraktiken von den Nomaden zu übernehmen, hätte einen eklatanten Widerspruch zu diesem grundlegenden imperialen Selbstverständnis bedeutet.

„Ein Russe trinkt Tee bei jeder Gelegenheit“ – Die Verbreitung des Tees

Nachdem3 der Teepreis infolge der Niederlage Chinas im Ersten Opiumkrieg in den 1840er Jahren zu sinken begann, wurde der Tee zunehmend auch für breite Bevölkerungsschichten erschwinglich. Seit den 1860er Jahren wurden im Russländischen Reich Teeimporte per Schiff zugelassen und nahmen im späten 19. Jahrhundert deutlich zu. Russische Teehändler eröffneten im chinesischen Hankou eigene Fabriken und stellten dort gepressten Tee her. Als 1901 die Transsibirische Eisenbahn eröffnet wurde, konnten noch größere Mengen Tee in den europäischen Teil des Imperiums bei verhältnismäßig niedrigen Transportkosten befördert werden.
In der Folge wurde Tee omnipräsent: Lehrlinge und Handlungsgehilfen, Fuhrleute und Markverkäufer versüßten sich damit die Arbeitspausen; Köchinnen und Kindermädchen bekamen von ihren Dienstherren zusätzlich zum Lohn eine festgelegte Menge Tee; in Pensionen und Armenhäusern gehörte er zur alltäglichen Verpflegung; für Militärs war Tee sogar dann vorgesehen, wenn sie unter Arrest kamen. Reisenden in den Kaukasus wurde schon um die Mitte des 19. Jahrhunderts empfohlen, eigenen Tee mitzuführen, um sicherzugehen, das liebgewonnene Getränk stets zur Verfügung zu haben. Selbst die erste sozialistische Kommune, die 1863 in St. Petersburg eingerichtet wurde und viele etablierte Regeln über Bord warf, organisierte den Alltag ihrer Bewohner entlang gemeinsamer Teestunden am Morgen und am Abend.
Einen besonderen Stellenwert im Diskurs nahm der Teekonsum der Kaufleute ein. Ihr vermeintlich exzessives Teetrinken entwickelte sich seit der Mitte des 19. Jahrhunderts zu einem beliebten Topos in – oft ironischen – Beschreibungen dieser Schicht. Kaufmannsfrauen vertrieben sich angeblich die Zeit zu Hause mit opulenten Teegelagen, während ihre Ehemänner in einer Gaststätte am Samowar Geschäfte machten – schweißgebadet, nachdem sie mehrere Samoware geleert hätten. Die Kaufmannschaft, die seit der Wende zum 19. Jahrhundert eine immer stärkere Wirtschaftskraft entwickelte, ahmte in vielen Bereichen den Adel nach und übernahm auch manche kostspieligen Konsumpraktiken. Das Teetrinken eignete sich besonders gut dazu, den eigenen Status gegenüber denjenigen zu demonstrieren, die in der sozialen Hierarchie weiter unten standen. So grenzte man sich durch den öffentlich zur Schau gestellten Teekonsum von den ärmeren Angehörigen des eigenen Standes oder auch von Bauern ab, die sich keine langen Teestunden in Tavernen und Teestuben leisten konnten.

„unser russischer Tee mit Samowar ist viel bequemer, praktischer und […] gemütlicher“ – Die Erfindung der nationalen Tradition

Im4 Zusammenhang mit dem Teekonsum hat in Russland ein Gegenstand eine herausragende Bedeutung erlangt: der Samowar, ein Metallkessel, in dem durch ein innenliegendes Heizrohr Wasser gekocht wird. Die ersten Samoware wurden vermutlich seit der Mitte des 18. Jahrhunderts im Ural hergestellt. Seit den 1770er Jahren mehrten sich die Gründungen von Samowarfabriken und bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts gab es allein in Tula, dem Zentrum der Samowarherstellung, über zwei Dutzend Unternehmen, die urnenförmige metallene Heizkessel produzierten.
Obwohl der Samowar vielen als eine russische Erfindung gilt, ähnelt er anderen Geräten, die lange vor dem 18. Jahrhundert von China bis nach Frankreich in Gebrauch waren. Zu den zahlreichen Einrichtungsgegenständen, die seit dem 18. Jahrhundert aus Frankreich, England und den Niederlanden nach Russland importiert und später auch in Russland hergestellt wurden, gehörte zum Beispiel die sogenannte Bouillotte: ein Teekessel mit Stövchen, in dem das Wasser warmgehalten wurde. In Russland selbst waren vor der Erfindung des Samowars Metallkannen gebräuchlich, in denen Sbiten, ein heißes Kräutergetränk, zubereitet wurde. Während die Bouillotte und die Sbiten-Kanne schon aufgekochtes Wasser warmhalten sollten, war in China ein Feuertopf (Huoguo) verbreitet, in den ein Heizelement eingebaut war. Aus Zentralasien ist die Existenz vergleichbarer Vorrichtungen bereits seit dem 2. Jahrhundert v. Chr. überliefert.
Den Zeitgenossen war die Verwandtschaft des Samowars mit anderen Geräten durchaus bewusst. Dennoch gelang es den Wortführern der russischen Nationalbewegung, den Samowar zu einem wesentlichen Attribut der russischen Lebensweise zu erklären. Schon die Orientierung an politischen und wirtschaftlichen Strukturen sowie an kulturellen Codes westeuropäischer Staaten, die Peter I. im frühen 18. Jahrhundert vorgegeben hatte, brachte zahlreiche Gegner auf den Plan, die die kulturelle Eigenständigkeit und Einzigartigkeit Russlands postulierten. Mit dem Aufkommen von Nationalbewegungen in Europa erstarkten seit der Wende zum 19. Jahrhundert auch die russischen Nationalisten. Schriftsteller und Ethnographen, Maler und Komponisten suchten nach Merkmalen, die die russische Nation angeblich von anderen unterschieden. Genau wie national gesinnte Eliten im übrigen Europa kodierten sie Bräuche und Lieder, Landschaften und Kleidungsstücke, Speisen und Getränke als national typisch – so auch eine bestimmte Art, Tee zu trinken.
Kaum eine Beschreibung des Alltags kam in der Literatur des 19. Jahrhunderts umhin, ein gemeinsames Teetrinken am Samowar zu erwähnen – und das zu einer Zeit, als der Tee noch fast ausschließlich in vermögenden Häusern konsumiert wurde. Eine Vorreiterrolle hat hierbei Aleksandr Puškin gespielt. Auch andere Schriftsteller, deren Texten eine geradezu kanonische Bedeutung beigemessen wird – Fëdor Dostoevskij, Lev Tolstoj, Nikolaj Čechov –, verbanden das häusliche Teetrinken am Samowar mit Darstellungen von Geborgenheit, Geselligkeit, Familienleben und Heimatgefühlen. Darüber geriet die Ähnlichkeit des Samowars mit der Bouillotte und dem Huoguo ebenso in Vergessenheit wie die tiefe Verankerung der als russisch apostrophierten Teekultur in der europäischen Mode und Konsumgeschichte. Der Samowar wurde zu einem untrennbaren Bestandteil einer vermeintlich genuin russischen Teezeremonie.

„von der Hässlichkeit der Teetische in anderen Häusern entsetzt“ – Teetrinken als soziales Distinktionsmittel

Zur5 russischen nationalen Identität gehörte stets eine imperiale Komponente: die Ausweitung des Staatsgebiets von der Ostsee bis zum Pazifik, die Einverleibung zahlreicher nichtrussischer Ethnien ins Imperium und der Glaube an die Überlegenheit der eigenen Kultur gegenüber anderen – innerhalb und außerhalb des Russländischen Reiches. Wenn das Teetrinken am Samowar als die russische Alltagspraxis schlechthin kodiert wurde, so festigten die nationalen Eliten damit auch das Primat des Russischen innerhalb des Imperiums.
Andere Formen des Teetrinkens wurden damit in der öffentlichen Darstellung marginalisiert und als nichtrussisch markiert. „Die rein russische Bevölkerung trinkt Tee ohne jegliche Beimischungen, Tee mit Milch natürlich ausgenommen“,6 hieß es in einer Veröffentlichung zum Teekonsum aus dem Jahr 1893. Der Inhalt der Teetasse eignete sich nicht nur als ein ethnischer Marker. Mit dem zunehmenden Teekonsum wurden auch soziale Grenzen gezogen.
Je weiter sich das Teetrinken verbreitete, desto wichtiger wurden die Attribute seines Konsums, die eine soziale Distinktion im Alltag ermöglichten. Reichte jemand seinen Gästen einen zu schwachen Tee, galt es als Ausdruck des Geizes oder als Hinweis auf bescheidene finanzielle Verhältnisse des Gastgebers. Das Wissen darum, wie ein Teetisch zu decken ist, riss einen Graben zwischen reichen Kaufmannsfamilien und einfacheren Vertretern ihres Standes, die „wunderschöne Tassen von  Popov Popov Der Kaufmann Aleksej Gavrilovič Popov (1760–1860) kaufte im Jahr 1811 eine Porzellanfabrik, die 1804 von einem Kommissionär des Porzellanherstellers Francis Jacob Gardner gegründet worden war. Die Manufaktur stellte hochwertiges Porzellangeschirr und -figuren her, für die sie zahlreiche Auszeichnungen bekam. 1875 wurde die unrentabel gewordene Fabrik geschlossen. oder  Gardner Gardner Der Unternehmer Francis Jacob Gardner (1714–1796) gründete 1754 in der Nähe von Moskau die erste private Porzellanmanufaktur in Russland. Seit den 1770er Jahren belieferte die Fabrik den kaiserlichen Hof. Während der Sowjetzeit produzierte die Fabrik unter dem Namen „Porzellanfabrik Dmitrov“. Seit 1991 existiert die Fabrik als Aktionsgesellschaft weiter. Ihr Name – „Porzellan von Verbilki“ – nimmt auf den Gründungsort Bezug, den die Fabrik nie verlassen hat. zusammen mit billigen Tassen unterschiedlicher Formen und Größen […] mit Aufschriften ‚In Andenken‘, ‚Zum Namenstag‘ oder ‚Wohl bekommt’s!‘“7 auf den Tisch stellten und damit in den Augen ihrer Zeitgenossen schlechten Geschmack bewiesen. Auch der Teegenuss bei jeder Gelegenheit, außerhalb von gesellschaftlich etablierten Zeiten, galt als Zeichen für mangelnde Kultiviertheit und damit Zivilisiertheit. In der Fähigkeit, den Tee nach allen Regeln der Kunst zu trinken, lag für russische Eliten des Zarenreichs der Unterschied zwischen Zivilisation und deren Fehlen. Das Nationalgetränk stiftete nicht nur ein Zusammengehörigkeitsgefühl, sondern grenzte auch aus.

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