Wiedersehen mit Schlesien

Schriftliche Aufzeichnungen von Heimatreisen aus der Sammlung HAUS SCHLESIEN
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Seit mehr als sechzig Jahren reisen Vertriebene die „alte Heimat“. Berichte von Schlesiern über ihre Erfahrungen spiegeln wider, wie sie mit dem Heimatverlust und den politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen umgingen.

Sehnsucht nach „daheim“ – vom Reisen in die „alte Heimat“

Unter dramatischen Bedingungen hatten Millionen Schlesier nach dem Zweiten Weltkrieg Haus und Hof verlassen müssen. Darum bemüht, sich umgeben von fremden Menschen in einem nicht vertrauten Umfeld eine neue Existenz aufzubauen, war an Reisen zunächst nicht zu denken – an einen Besuch der „alten Heimat“ schon gar nicht. So plagte viele Vertriebene das Heimweh und eine unbestimmte Sehnsucht nach ihren Wurzeln.
Zwar gab es jene, die nie wieder nach 
Schlesien
ces. Slezsko, eng. Silesia, pol. Śląsk

Schlesien (polnisch Śląsk, tschechisch Slezsko) ist eine historische Landschaft, die heute überwiegend im äußersten Südwesten Polens, in Teilen jedoch auch auf dem Gebiet Deutschlands und Tschechiens liegt. Mit Abstand wichtigster Fluss ist die Oder. Nach Süden wird Schlesien vor allem durch die Gebirgsketten der Sudeten und Beskiden eingegrenzt. In Schlesien leben heutzutage knapp 8 Millionen Menschen. Zu den größten Städten der Region zählen Wrocław (hist. dt. Breslau), Opole (Oppeln) und Katowice (Kattowitz). Vor 1945 gehörte die Region zweihundert Jahre lang großteils zu Preußen, vor den Schlesischen Kriegen (ab 1740) fast ebenso lange Zeit zum Habsburgerreich. Schlesien wird in Ober- und Niederschlesien eingeteilt.

 zurückwollten, doch die Mehrheit strebte danach, ihren Geburts- beziehungsweise Wohnort von einst wiederzusehen. Die ersten vertriebenen Schlesier machten sich schon in den späten 1950er Jahren auf den Weg in die „alte Heimat“, vermehrt dann in den 1970er Jahren. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs nahm die Zahl der „Heimwehtouristen“ nach Schlesien noch einmal deutlich zu. Mit den klassischen Ferienreisen in die Berge oder an die See hatten diese Fahrten jedoch nichts gemein. Sie waren nicht nur mit viel organisatorischem Aufwand und Unsicherheiten verknüpft – für die Reisenden verbanden sich damit vor allem viele Ängste und andere Emotionen, sie erlebten die Fahrten wenig touristisch und kaum als erholsam.
Die Vorbereitungen und der Verlauf der Reise waren dabei von der politischen Lage in Deutschland und 
Volksrepublik Polen
eng. Polish People’s Republic, pol. Polska Rzeczpospolita Ludowa, deu. Republik Polen, eng. Polish Republic, pol. Rzeczpospolita Polska

Die Volksrepublik Polen war ein von 1944 bis 1989 (bis 1952 unter dem Namen Republik Polen) existierender sozialistischer Staat in der sowjetischen Einflusssphäre. Seine Grenzen entsprechen denen des heutigen Polens. Die Legitimation der Staatsform erfolgte auf der Grundlage des Referendums von 1946 und der Wahl von 1947, deren Ergebnisse jedoch gefälscht waren. 1948 wurden die Parteien des sogenannten Demokratischen Blocks in der Sozialistischen Einheitspartei des Ein-Parteien-Staates zwangsvereinigt. Bis zum Ende der Volksrepublik regierte die daraus hervorgegangene kommunistische Polnische Vereinigte Arbeiterpartei (Polska Zjednoczona Partia Robotnicza, PZPR).

 sowie den aktuellen zwischenstaatlichen Beziehungen abhängig. Die Erlebnisse während der Tour, die Wahrnehmung von Land und Leuten und die daraus resultierende individuelle Bewertung waren wiederum stark von persönlichen Erwartungen, Erinnerungen und früheren Erfahrungen geprägt.

Reiseberichte: Individuelle Reiseerinnerungen und historische Dokumente

Über ihre Reisen in die „alte Heimat“ haben viele hinterher mehr oder weniger ausführliche schriftliche Aufzeichnungen verfasst. Das geschah in Form von tagebuchartigen oder erzählenden Reiseberichten, in Briefen oder ausführlich beschrifteten Fotoalben. Dies diente dazu, die eigenen Erfahrungen und Emotionen zu verarbeiten, die Erlebnisse Familienangehörigen und engen Vertrauten zu erzählen, oder den „Landsleuten“, also all jenen, die aus dem gleichen Ort oder der gleichen Region stammten, mitzuteilen, wie es in den jetzt polnischen Orten aussah. Letzteres war der Grund, warum auch in Heimatzeitungen wie der Hohen Eule immer wieder Reiseberichte veröffentlicht worden sind.
Im Archiv von HAUS SCHLESIEN befinden sich mehr als achtzig solcher Reiseberichte, außerdem einige Fotokonvolute beziehungsweise Fotoalben, die eine oder mehrere Schlesienfahrten dokumentieren. Sie sind zum Teil durch Nachlässe in die Sammlung gelangt oder von den Heimatreisenden persönlich abgegeben worden und bilden einen Zeitraum von fast sechzig Jahren ab. Aus den ersten beiden Nachkriegsjahrzehnten ist nur eine Handvoll Bilder und Reiseschilderungen vorhanden, viele stammen aus den 1970er und 1980er Jahren. Den größten Anteil machen Aufzeichnungen aus den 1990er und frühen 2000er Jahren aus.
Die Darstellungen geben subjektive Eindrücke wieder. In Abhängigkeit vom jeweiligen Schreibtalent und den erfüllten oder enttäuschten Erwartungen fielen sie sehr unterschiedlich aus. Dennoch lassen sich verschiedene Phasen unterscheiden und manche Parallelen erkennen.

Erste Heimatreisen und Gruppenfahrten

Mitte der 1950er Jahre, als sich nach dem Tod Josef Stalins die Ost-West-Beziehungen etwas entspannten, ergab sich für die Vertriebenen erstmals die Möglichkeit, wieder in ihre früheren Wohnorte zu reisen. Die nötigen Einreisepapiere und Visa zu beantragen, war jedoch eine hohe bürokratische Hürde. Hinzu kam, dass vielfach das Geld für Reisen fehlte. Auch waren die Erinnerungen an die traumatischen Erlebnisse und der Schmerz über den Verlust der Heimat noch zu gegenwärtig. Nur wenige fuhren nach Schlesien, vermutlich auch deshalb befinden sich kaum Berichte aus dieser Zeit in der Sammlung. Bei deren Lektüre fällt auf, dass der eigentlichen Reisebeschreibung oft eine Erläuterung vorangestellt ist, die die komplizierte Vorbereitung, beispielsweise die Visabeschaffung, und den Grund der Reise schildert.
„Geplant war die Fahrt schon lange. Dank einer Einladung von Bekannten konnte ich 2 Wochen bei ihnen verbringen. […] Mit der formlosen Einladung, die im Brief stand, ging ich zur Polizei, um die Reisegenehmigung zu beantragen. Nach 14 Tagen durfte ich sie gegen Entrichtung von MDN MDN Mark der deutschen Notenbank, Währung der DDR. 5,- abholen.“1
Die in Eigenregie organisierten Fahrten hatten ein konkretes Ziel, nämlich den früheren Wohnort, und meist besuchten die Reisenden verbliebene Verwandte oder andere Bekannte. Touristische Ziele wurden in der Regel nicht angefahren.

Heimwehtourismus im Zeichen der politischen Détente

Mit der  Neuen Ostpolitik
Neue Ostpolitik
Die sozialliberale Koalition unter Willy Brandt verfolgte zu Beginn der 1970er Jahre eine Politik des „Wandels durch Annäherung“ gegenüber den Ländern Osteuropas. Zu den Meilensteinen der Entspannungspolitik zählte 1970 die Unterzeichnung der Ostverträge mit der Sowjetunion (Moskauer Vertrag) und Polen (Warschauer Vertrag), die unter anderem die Oder-Neiße-Linie als unverletzliche Grenze zwischen Deutschland und Polen festschrieben.
 der Bundesrepublik und der damit einhergehenden politischen Entspannung sowie der Visafreiheit für Reisen aus der 
Deutsche Demokratische Republik
eng. GDR, eng. German Democratic Republic, eng. East Germany, deu. DDR, wen. Němska demokratiska republika, wen. NDR, wen. Nimska demokratiska republika

Die Deutsche Demokratische Republik (DDR) war der zweite deutsche Staat nach dem Zweiten Weltkrieg. Er wurde am 7. Oktober 1949 ausgerufen und umfasste den östlichen Teil des heutigen Deutschlands. Die DDR wurde anstelle der Sowjetischen Besatzungszone als Reaktion auf die Gründung der Bundesrepublik Deutschland auf dem Gebiet der Besatzungszonen der Westalliierten am 24. Mai 1949. Seine Hauptstadt war der östliche Teil (sowjetischer Sektor) von Berlin, was im Widerspruch zur Vereinbarung der Alliierten zur gemeinsamen Verwaltung von Berlin stand. Die DDR schottete sich zunehmend insbesondere von den westlichen Staaten ab, was visuell im Bau der Berliner Mauer gipfelte. Trotz des Namens war die DDR bis 1989 ein undemokratisch regierter Marionettenstaat der Sowjetunion. Mit der Vereinigung mit der Bundesrepublik Deutschland („Wiedervereinigung“) am 3. Oktober 1990 endete die Existenz der DDR.

 nach Polen nahmen auch die Reisen nach Schlesien zu. Während bei den früheren Reisen die Fahrt mit der Bahn oder, seltener, mit dem eigenen Auto angetreten wurde, entwickelte sich Mitte der 1970er ein organisierter „Heimwehtourismus“. Vor allem Mitglieder von  Heimatkreisvereinigungen
Heimatortsgemeinschaft
auch:
Heimatgruppe, Heimatgemeinschaft, Heimatkreis, HOG, Heimatkreisvereinigung
Seit den späten 1940er Jahren schlossen sich deutsche Flüchtlinge, Vertriebene oder Aussiedler aus einem Heimatort oder Heimatkreis zu Gruppen zusammen. Das Ziel dieser Zusammenschlüsse war es, den Kontakt zwischen den einstigen Bewohnern aufrecht zu erhalten und die Erinnerung an die Geschichte, die lokalen Traditionen und Mundart zu pflegen. Zu ihren Aktivitäten zähl(t)en u. a. die Veranstaltung von Heimattreffen, die Publikation von Heimatzeitungen und Heimatchroniken, die Organisation von Heimatreisen und die Einrichtung von Heimatstuben.
 und landsmannschaftliche Gruppierungen landsmannschaftliche Gruppierungen Ein Teil der Vertriebenen schloss sich nach der Aufhebung des Koalitionsverbotes in den westlichen Besatzungszonen ab 1948 ihrer Herkunft entsprechend zu Landsmannschaften zusammen. Diese verstehen sich als Interessensvertreter der Heimatvertriebenen und deren Nachgeborenen auf politischer und gesellschaftlicher Ebene. fuhren gemeinsam nach Schlesien, aber auch viele Busunternehmen boten spezielle Heimatreisen an.
Neben einigen touristischen Programmpunkten wie Stadtrundführungen, einem Aufstieg zur 
Schneekoppe
lat. Gigantaeus mons, pol. Śnieżka, ces. Sněžka, eng. Sněžka

Die Schneekoppe ist mit 1.603 m ü. NN der höchste Berg des Riesengebirges. Seit 1945 verläuft die polnisch-tschechische Grenze über ihren Gipfel. Die erste bekannte Besteigung des Gipfels fand im 16. Jahrhundert statt. Die touristische Erschließung des Berges erfolgte im 19. Jahrhundert und heute ist die Schneekoppe ein beliebtes Ausflugsziel in Niederschlesien.

 oder der Besichtigung anderer populärer Ziele war das Wichtigste der Besuch des früheren Wohnortes. In der Regel befand sich das Standquartier in einer größeren Stadt nahe dem einstigen Heimatort. Von dort besuchte man die Dörfer. Die Fahrten der Heimatkreisgemeinschaften waren meist so organisiert, dass alle gemeinsam mit dem Bus in die Ortschaften fuhren. Bei den von Reiseunternehmen angebotenen Fahrten nahmen sich die Reisenden allein oder in Kleingruppen ein Taxi und gelangten damit in den einstigen Wohnort. Taxis waren günstig, und nicht selten war der Fahrer zugleich Dolmetscher und Fremdenführer. Er vermittelte häufig, wie in mehreren Berichten zu lesen ist, den Kontakt zu den aktuell in den Zielorten lebenden Menschen.
Zu Beginn der Berichte wird häufig die Reisegesellschaft thematisiert: Wer reiste mit, wie gut kannte man sich und wie war die Stimmung im Bus? Erwähnung finden immer wieder die Grenzabfertigung und die obligatorische polnische Reiseleitung, die durchaus kritisch gesehen wurde, insbesondere in Bezug auf ihre Erläuterungen zur Geschichte. Auch eher alltägliche Details wie etwa Mahlzeiten erhalten Aufmerksamkeit. Den größten Raum nimmt jedoch die Beschreibung des einstigen Wohnhauses und dessen neuer Bewohner sowie der örtlichen Häuser und Straßenzüge ein, und damit die Frage, was geblieben ist und was sich verändert hat. Oft schildern die Reisenden auch, wie sie altbekannte Wege – beispielsweise den zur Schule – nachgegangen sind und wie sich diese in der Wahrnehmung verändert haben.
In vielen Berichten schwingt Enttäuschung beziehungsweise Melancholie mit: Es wird angemerkt, wie heruntergekommen manche Gebäude seien, wie grau und trist die Dörfer und Städte wirkten. Hier trifft die politisch und wirtschaftlich bedingte Vernachlässigung der Häuser und Infrastruktur auf ein vielfach in der Erinnerung idealisiertes Bild. Die Melancholie rührt aber auch oft daher, dass die Reisenden erkennen, dass ihre einstige Heimat ihnen fremd geworden und nicht mehr ihr Zuhause ist. Heinrich G. schreibt über das Wiedersehen mit seinem alten Wohnort im Jahr 1973:
„Als wir […] durch 
Giebułtów
deu. Gebhardsdorf, deu. Geppersdorf, deu. Gebhardtsdorf, deu. Göppersdorf, eng. Giebułtów

Giebułtów (Bevölkerungszahl 2021: 1.337) ist ein Dorf im Kreis Lwówek Śląski im Südwesten von Polen. Es gehörte ursprünglich zur Lausitz und war ab 1592 Sitz der Herrschaft Gebhardsdorf. Ab 1815 gehörte das Gebiet zu Niederschlesien und war bis 1945 Teil des Kreises Lauban.

 fuhren […], befiel einen ein eigenartiges Gefühl der Wehmut und Traurigkeit, Abschied zu nehmen von der Heimat von zuhause, was unsere Heimat nicht mehr ist.“2
Erzählt wird außerdem von den Menschen vor Ort und der Gastfreundschaft der heutigen Bewohner. Wer die Chance hat, sein einstiges Haus, die frühere Schule oder Arbeitsstelle auch zu betreten und die Räumlichkeiten von innen zu sehen, schildert das dort Vorgefundene oft ebenfalls sehr detailliert. Aus den Zeilen ist herauszulesen, wie sehr diese Begegnungen emotional berührt haben.

Spätes Wiedersehen und familiäre Spurensuche

Nach der Wende von 1989, dem Zusammenbruch der DDR sowie der Unterzeichnung des  Deutsch-Polnischen Grenzvertrags 1990
Deutsch-Polnischer Grenzvertrag
auch:
Vertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Republik Polen über die Bestätigung der zwischen ihnen bestehenden Grenze, Deutsch-polnischer Grenzvertrag, Vertrag über die Bestätigung der deutsch-polnischen Grenze
Der Zwei-plus-Vier-Vertrag über die abschließende Regelung in Bezug auf Deutschland sah vor, dass zwischen dem wiedervereinigten Deutschland und Polen ein bilateraler Vertrag die Grenzfrage regeln sollte. Dieser wurde am 14. November 1990 von dem deutschen und polnischen Außenminister in Warschau unterzeichnet. Darin wurde die bestehende Grenze zwischen beiden Staaten als "unverletzlich" und endgültig festgeschrieben. Polen und Deutschland verpflichteten sich gegenseitig "zur uneingeschränkten Achtung ihrer Souveränität und territorialen Integrität".
 war eine Reise nach Schlesien endlich jedem möglich. Es entfielen Visapflicht, Zwangsumtausch und seit dem Beitritt zum Schengen-Raum sogar die Personenkontrollen an der Grenze. Vermehrt machten sich jetzt auch diejenigen auf den Weg, die eine Fahrt hinter den Eisernen Vorhang zuvor gescheut hatten oder denen sie aus beruflichen Gründen nicht möglich gewesen war. Jürgen R. berichtet über seine Fahrt im Jahr 1992:
„Diese Reise in die Vergangenheit durchzuführen schlummerte schon seit längerer Zeit in mir. […] [D]ie politischen Veränderungen im Osten und Visafreiheit für Polenreisen erleichterten die Durchführung. Bei dieser Fahrt wollte ich nur das ,alte‘ 
Chocianów
deu. Kotzenau, pol. Kocień Mały, deu. Kocznaw, pol. Koczina, pol. Kaczanów, lat. Cosenow

Chocianów (Bevölkerungszahl 2025: 7.206) ist eine Stadt im südwestlichen Polen. Sie liegt im Nordwesten von Niederschlesien. Der seit dem 13. Jahrhundert bekannte Ort erlebte einen wirtschaftlichen Aufschwung durch die Mitte des 19. Jahrhunderts gegründete Eisenhütte. Im Zweiten Weltkrieg wurde in der Stadt ein Arbeitslager als Außenlager des Konzentrationslagers Groß-Rosen eingerichtet. Die Insassen des Lagers wurden in der Flugzeugmotorenfabrik eingesetzt, die auf dem Gelände der Hütte entstand. Seit 1945 gehört die Stadt zu Polen. Die Metallindustrie in Chocianów wurde im 21. Jahrhundert abgewickelt.

 besuchen, das ‚neue‘ Kotzenau wollte ich nur am Rande registrieren.“3 
Immer mehr entschieden sich für eine individuelle Anreise mit dem eigenen PKW, wobei die Landsmannschaften und Reiseunternehmen weiterhin Touren nach Schlesien anboten, die großen Zuspruch erfuhren. Die Reisen waren nun weniger „abenteuerlich“ und konnten einfacher in Eigenregie organisiert werden. Seit Mitte der 1990er Jahre fuhren immer häufiger Familien, oft mehrere Generationen gemeinsam, in die Heimat der Eltern beziehungsweise Großeltern, um sich auf Spurensuche zu begeben. Touristische Ziele rückten mit der Zeit mehr ins Blickfeld: beispielsweise die größeren Städte, 
Wrocław
deu. Breslau, lat. Wratislavia, lat. Vratislavia, ces. Vratislav, deu. Breslaw, deu. Bresslau, deu. Wreczelaw, deu. Wrezlaue, lat. Vuartizlau, lat. Wrotizlaensem, lat. Wortizlava, deu. Brassel

Wrocław (dt. Breslau) ist eine der größten Städte in Polen (Bevölkerungszahl 2025: 672.601). Sie liegt in der Woiwodschaft Niederschlesien im Südwesten des Landes.
Zunächst unter böhmischer, piastischer und zeitweise ungarischer Herrschaft übernahmen 1526 die Habsburger die schlesischen Erblande und damit auch Breslau. Einen weiteren Wendepunkt in der Geschichte der Stadt stellte die Besetzung Breslaus durch die preußischen Truppen 1741 und die anschließende Einverleibung eines Großteil Schlesiens in das Königreich Preußen dar.
Die rapide Bevölkerungszunahme und Industrialisierung führte zur sprunghaften Urbanisierung der Vorstädte und ihrer Eingemeindung, was mit der Schleifung der Stadtmauer Anfang des 19. Jahrhunderts einherging. Bereits 1840 wuchs Breslau mit 100.000 Einwohnern zur Großstadt heran. Am Ende des 19. Jahrhunderts veränderte sich das häufig noch mittelalterlich geprägte Stadtbild hin zur Großstadt wilhelminischer Prägung. Höhepunkt der Stadtentwicklung noch vor dem Ersten Weltkrieg war die Anlage des Ausstellungsparks als neuer Mittelpunkt der gewerblichen Zukunft Breslaus mit der Jahrhunderthalle von 1913, die seit 2006 zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört.
In den 1920er und 30er Jahren erfolgte die Eingemeindung von 36 Ortschaften und der Bau von Wohnsiedlungen am Stadtrand. Um der großen Wohnungsnot nach dem Ersten Weltkrieg zu begegnen, wurden auch Wohngenossenschaften mit Siedlungsbau beauftragt.
Noch 1944 zur Festung erklärt, wurde Breslau während der folgenden Kampfhandlungen in der ersten Hälfte 1945 nahezu vollständig zerstört. Der Wiederaufbau der nun Polnisch gewordenen Stadt dauerte bis in die 1960er Jahre.
Von der etwa 20.000 Personen zählender jüdischen Bevölkerung fanden sich nach dem Zweiten Weltkrieg nur 160 Personen in der Stadt wieder. 1945–1947 wurde die nach dem Kriegsende verbliebene bzw. zurückgekehrte - deutsche - Bevölkerung der Stadt zur Auswanderung größtenteils gezwungen, an ihre Stelle wurden Menschen aus dem Gebiet des polnischen Vorkriegsstaats angesiedelt, darunter aus den an die Sowjetunion verlorenen Gebiete.
Nach dem politischen Umbruch von 1989 erhob sich die Stadt zu neuer, beeindruckender Blüte. Der Transformationsprozess und seine raumwirksamen Folgen sorgten für einen rasanten Aufschwung Breslaus, unterstützt durch den Beitritt Polens zur Europäischen Union im Jahr 2004. Heute ist Breslau eine der am besten prosperierenden Städte Polens.

 oder 
Katowice
deu. Kattowitz, pol. Stalinogród, deu. Katowicze, eng. Katowice

Kattowitz (Bevölkerungszahl 2023: 279.190) ist die größte Stadt Oberschlesiens und die Hauptstadt der Woiwodschaft Schlesien im Süden Polens. Das 1598 erstmals erwähnte Dorf Katowice entwickelte sich an einem Hammerwerk. Grundlage für die Entwicklung des Ortes waren Vorkommen von Eisenerz und Steinkohle, den entscheidenden Aufschwung brachte jedoch die 1846 erstellte Eisenbahnverbindung, die zunächst das Oberschlesische Industrierevier über Kattowitz mit Berlin verband und den Transport auch von Kohle und Stahlprodukten aus der Umgebung zu den entfernten Absatzmärkten ermöglichte. Das rasante Bevölkerungswachstum des Ortes führte 1865 zur Verleihung der Stadtrechte.

Auch aufgrund der Lage in der Nähe der Grenzen Preußens zu Russland und Österreich-Ungarn entwickelte sich Kattowitz schnell zu einem internationalen Verkehrskoten. Nach der Teilung Oberschlesiens zwischen Deutschland und dem wiederhergestellten polnischen Staat stieg Kattowitz 1922 zur Hauptstadt der Woiwodschaft Schlesien auf. Sie galt als ein wichtiges Zentrum der deutschen Kultur im polnischen Ostoberschlesien, und gleichzeitig als Stätte des Aufbaus einer polnischen Kulturtradition mit modernen Tendenzen, die sich auch im Städtebau manifestierten. Nach dem deutschen Überfall 1939 wurde Kattowitz 1941 Hauptstadt des neugegründeten Gaus Oberschlesien. 1945 wurde ein wesentlicher Teil des Stadtzentrums zerstört, hauptsächlich im Zuge der Befreiungsaktion der sowjetischen Truppen. Nach dem Krieg wurden von den polnischen Behörden die meisten Einwohner:innen nach Deutschland vertrieben, die keinen Nachweis über ihre polnische Herkunft erbringen konnten. Kattowitz baute seine Rolle als multifunktionales Zentrum weiter aus, wobei vor allem die 1970er Jahre ausschlaggebend waren.

, die Schlösser des 
Hirschberger Tal
pol. Kotlina Jeleniogórska, eng. Jelenia Góra Valley

Das Hirschberger Tal, eine schlesische Landschaft reich an Schlössern und Baudenkmälern, wurde in der Mitte des 19. Jahrhunderts auch das "Schlesische Elysium" genannt und war bis zum zweiten Weltkrieg ein touristischer Hotspot. Viele seiner Orte gingen auf die Besiedelung mit Deutschen im 13. Jahrhundert zurück. Bereits 1305 waren 24 Dörfer im Hirschberger Tal urkundlich bezeugt, Hirschberg selbst folgte 1355.

 oder die Kurorte des Glatzer Landes (Ziemia Kłodzka). Dennoch blieb der persönliche Bezug zur Region dominant. Gerade jene, die erstmals nach Schlesien reisten, leiteten ihren Bericht oft mit Daten zur eigenen Biografie ein.
Für diese Personengruppe war das Aufschreiben mehr als eine Schilderung des Erlebten: Es diente vielfach der Aufarbeitung der eigenen Lebensgeschichte. Auffallend ist, dass mit dem zeitlichen Abstand zur Vertreibung auch die Schilderung der Situation vor Ort distanzierter ausfällt. Nach wie vor ist das Aufsuchen des früheren Familienwohnsitzes bedeutend und ein emotionales Erlebnis. Aber dadurch, dass viele die besuchten Orte zuletzt als Kinder gesehen haben und seither mehr als ein halbes Jahrhundert vergangen ist, sind die eigenen Erinnerungen weniger intensiv.
Bei den jüngsten Berichten sind es oft bereits die Nachkommen, die auf den Spuren der eigenen Familiengeschichte nach Schlesien gereist sind – allein oder in Begleitung der letzten Zeitzeugen. Sie suchten nach den Orten und Häusern, die sie aus den zahlreichen Erzählungen der Eltern und Großeltern bereits zu kennen schienen, bevor sie persönlich dort waren. In ihren Aufzeichnungen vermischen sich Reiseerlebnisse mit Gedanken zur eigenen Identität, zur Familiengeschichte und den historischen Entwicklungen. Sie nehmen die Region aber auch zunehmend als attraktives Urlaubsziel wahr und kombinieren die familiäre Spurensuche mit Sightseeing.

Fazit

Auch wenn die Auswahl an Reiseberichten eine zufällige und in keiner Weise repräsentative ist, bieten sie doch einige Erkenntnisse. Über die Jahrzehnte sind deutliche Veränderungen sowohl in der Organisation der Reisen, der Zusammensetzung der Reisegesellschaften als auch den angesteuerten Zielen zu beobachten. Aber auch die Berichte selbst verändern sich: Die Darstellung der Orte und Landschaften sowie der Bewohner unterliegt ebenso einer Entwicklung wie die Interessen und Erwartungen und in der Folge die Bewertung der vorgefundenen Situation. In den früheren Jahrzehnten war das Ortsbild oft kaum verändert, aber die Bewohner fremd und der Schmerz über den Verlust der Heimat noch groß. Nach der Wende veränderte sich viel und die Reisenden bewegten eher nostalgische Gefühle und das Bedürfnis, den Nachkommen zu zeigen, wo ihre Wurzeln sind.
Die Reiseberichte sind zum einen ein Spiegel der politischen und gesellschaftlichen Strömungen in Deutschland und in Polen und dem Wandel der deutsch-polnischen Beziehungen. Zum anderen verraten sie viel über den Umgang mit dem Heimatverlust und den erlittenen Traumata der Betroffenen selbst, der Vertriebenenverbände sowie der Gesellschaft insgesamt. 

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