Gerade im 20. Jahrhundert lösten Krieg, Verfolgung und Zwangsarbeit vielschichtige Fluchtbewegungen aus. Viele Betroffene lebten jahrelang als Displaced Persons ohne sichere Zukunft. Zehn Autor:innen analysieren diasporische Lebenswelten – von individuellen Biografien über Generationenerfahrungen bis zu Bezügen zur Herkunftsregion.
Kriege und Revolutionen haben im 20. Jahrhundert zu Migrationsbewegungen gewaltigen Ausmaßes geführt. Millionen Menschen mussten ihre Herkunftsregionen für immer verlassen. Gerade die Region des östlichen Europas bis in den Kaukasus hinein war aufgrund der dort auftretenden neuen politischen Verhältnisse von Flucht und Vertreibung in besonderem Maße betroffen. So wurden zum Beispiel die in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen unabhängigen baltischen Staaten von der 
Sowjetunion
eng. Soviet Union, deu. Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, rus. Sovetskiy Soyuz, rus. Советский Союз, . Совет Ушем, . Советонь Соткс, rus. Sovetskij Soûz, . Советий Союз, yid. ראַטן־פֿאַרבאַנד, yid. סאוועטן פארבאנד, yid. sovətn farband, yid. sovʿtn-farband, yid. sovətn-farband, . Советтер Союзу, . Совет Союзы, . Советон Цæдис, . Совет Эвилели

Die Sowjetunion (SU oder UdSSR) war ein von 1922 bis 1991 bestehender Staat in Osteuropa, Zentral- und Nordasien. Sie ist aus dem sog. Sowjetrussland hervorgegangen, dem Nachfolgestaat des Russländischen Kaiserreichs. Den Kern der Union und zugleich ihren größten Teil bildete die Russische Sowjetrepublik, hinzu kamen weitere Teilrepubliken. Ihre Zahl variiert über die Zeit hinweg und steht im Zusammenhang mit der Besatzung anderer Länder (Estland, Lettland, Litauen), nur kurzzeitig bestehenden Sowjetrepubliken (Karelo-Finnland) oder mit der Teilung bzw. Zusammenlegung von Sowjetrepubliken. Zusätzlich gab es zahlreiche autonome Republiken oder sonstige Gebietseinheiten mit einem Autonomiestatus, der sich im Wesentlichen auf eine sprachliche Autonomie der Minderheiten beschränkte.

Die UdSSR bestand vor ihrer formellen Auflösung aus 15 Sowjetrepubliken mit einer Bevölkerung von ungefähr 290 Millionen Menschen. Mit ca. 22,4 Millionen km² bildete sie den damals größten Flächenstaat der Welt. Die Sowjetunion war eine sozialistische Räterepublik mit einem Einparteiensystem und einer fehlenden Gewaltenteilung.

 besetzt und zu Sowjetrepubliken umgewandelt. Die Staaten des Warschauer Pakts wie 
Volksrepublik Polen
eng. Polish People’s Republic, pol. Polska Rzeczpospolita Ludowa

Die Volksrepublik Polen war ein von 1944 bis 1989 (bis 1952 unter dem Namen Republik Polen) existierender sozialistischer Staat in der sowjetischen Einflusssphäre. Seine Grenzen entsprechen denen des heutigen Polens. Die Legitimation der Staatsform erfolgte auf der Grundlage des Referendums von 1946 und der Wahl von 1947, deren Ergebnisse jedoch gefälscht wurden. 1948 wurden die Parteien des sogenannten Demokratischen Blocks in der Sozialistischen Einheitspartei des Ein-Parteien-Staates zwangsvereinigt. Bis zum Ende der Volksrepublik regierte die daraus hervorgegangene kommunistische Polnische Vereinigte Arbeiterpartei (Polska Zjednoczona Partia Robotnicza, PZPR).

, die 
Tschechoslowakei
ces. Československo, . Čehoslovakìâ, slk. Česko-Slovensko, eng. Czechoslovakia, rus. Čehoslovakiâ

Die Tschechoslowakei war ein zwischen 1918 und 1992 in wechselnden Grenzen und unter wechselnden Namen und politischen Systemen bestehender Staat, dessen Landesteile in den heutigen Staaten Tschechien, Slowakei und der Ukraine (Karpatenukraine, bereits 1939 ungarisch besetzt, ab 1945 an die Sowjetunion) aufgegangen sind. Nach 1945 stand die Tschechoslowakei zunehmend unter politischem Einfluss der Sowjetunion. Nach der Machtübernahme der Kommunistischen Partei 1948 wurde sie endgültig als Teil des sog. Ostblocks zum Satellitenstaat der Sowjetunion und ab 1955 Mitglied des Warschauer Paktes. Zwischen 1960 und 1990 trug das kommunistische Land offiziell den Namen Tschechoslowakische Sozialistische Republik (abgekürzt ČSSR). Die demokratische politische Wende wurde 1989 mit der Samtenen Revolution eingeleitet und mündete 1992 in die Gründung der unabhängigen Tschechischen bzw. Slowakischen Republiken.

 und 
Volksrepublik Ungarn
eng. Hungarian People's Republic, hun. Magyar Népköztársaság, deu. Ungarische Volksrepublik

Die Volksrepublik Ungarn war ein sozialistischer Staat in Ostmitteleuropa, der von 1949 bis 1989 bestand. 1944 begann die Okkupation Ungarns durch die Deutsche Wehrmacht, und anschließend durch die Rote Armee, die 1945 das ganze Land besetzte. Nach Kriegsende scheiterten die Versuche, eine Demokratie aufzubauen, und das politische System wurde unter kommunistischer Führung sukzessive zu einem Einparteiensystem umgebaut.

Die Volksrepublik Ungarn war Mitglied des Warschauer Paktes und stand unter starkem politischem Einfluss der Sowjetunion, die 1956 mit Hilfe der Staaten des Warschauer Paktes (außer Rumänien) den Ungarischen Volksaufstand gewaltsam niederschlug. Zur Besänftigung der Bevölkerung nach der Welle von Repressalien gegen die Teilnehmer:innen des Volksaufstands, wurden bereits in den 1960er Jahren wirtschaftliche und politische Reformen eingeleitet, die über die sonst üblichen Einschränkungen im Ostblock hinausgingen. Im Zusammenhang mit der wirtschaftlichen Krise der ausgehenden 1980er Jahre wurden allmählich weitere wirtschaftliche Reformen und eine weitgehende politische Liberalisierung sowie Öffnung nach Westen eingeführt, die auch das Ende sozialistischen Volksrepublik einläutete. 1989 wurde schließlich die heutige Republik Ungarn ausgerufen.

 standen bis zur politischen Wende Ende der 1980er-Jahre unter starkem sowjetischen Einfluss.
Um dieser drohenden sowjetischen Einflussnahme zu entfliehen, setzten im Zuge des Zweiten Weltkrieges große Fluchtbewegungen ein. Und während sich deutsche Geflüchtete und Vertriebene in den Besatzungszonen der späteren Bundesrepublik und der Deutschen Demokratischen Republik niederlassen konnten, war das weitere Schicksal anderer Gruppen ungewiss. Dazu gehörten Geflüchtete aus dem Baltikum ebenso wie ehemalige Zwangsarbeiter aus Polen, vom stalinistischen Terror bedrohte Armenier und die aus den nationalsozialistischen Konzentrationslagern Befreiten. Aus ihnen wurden auf zahlreiche Camps verteilte Displaced Persons (DPs), für die Aufnahmeländer gesucht wurden. Vor allem die USA, Kanada oder Australien waren ersehnte Ziele. 
Der Weg zu diesen fernen Zielen war von Bürokratie und Ausleseprozessen geprägt und dauerte zum Teil mehr als zehn Jahre. Für junge Menschen wurden dadurch Einrichtungen wie die Baltische Universität in Hamburg, später in Pinneberg zu wichtigen Zwischenstationen. Viele DPs schafften den Weg nach Übersee letztlich nicht und blieben z. B. in der Bundesrepublik. Für diejenigen, die sich den Schritt nach Nord- und Südamerika oder Australien erkämpfen konnten, begann nach Jahren der Ungewissheit in den Aufnahmeländern ein neues Leben. Die zunächst noch fremde Umgebung stellte die Neuankömmlinge vor große Herausforderungen, bot jedoch auch viele Chancen. Anpassung war unerlässlich, doch das Bedürfnis, die mitgebrachte Kultur und Identität zu bewahren, blieb ebenso bestehen. Diasporagemeinschaften waren und sind häufig politisch aktiv und lebhaft daran interessiert, was in der alten Heimat geschieht; nicht selten möchten sie dazu beitragen, die dortigen Begebenheiten zum Besseren zu verändern. 
Ziel dieses Copernico-Schwerpunktes ist es, die Vielfalt der Erfahrungen von Geflüchteten aus dem östlichen Europa in der Diaspora einzufangen. Die hier versammelten Beiträge bieten ein breites Spektrum an Aspekten und Fragestellungen: Einzelpersonen, Familien und Gruppen, deren Netzwerke und Institutionen; die Pflege von Sprache und Kultur und damit Bewahrung von Identität; die Erfahrungen mit dem Aufnahmeland und seiner Gesellschaft; die Identität und Selbstwahrnehmung der zweiten und dritten Generation in Bezug auf die Herkunftsregion ihrer Vorfahren; die Hoffnung auf Rückkehr nach einer politischen Wende und die Verständigung mit den Gesellschaften im (befreiten) Herkunftsland.
Konkret befassen sich die Beiträge mit diesen Themen:
In „Ein lettischer Valiant: Porträt einer widerstandsfähigen Exilgeneration, lesbar in Rost und verblasster Farbe“ berichtet Marianna Auliciema am Beispiel der Geschichte eines Autos der Marke Plymouth Valiant über Erfahrungen lettischer Exilkultur in Nordamerika, von Protest, Patriotismus und der kreativen Ausdruckskraft der zweiten Generation im Ausland.
Igor Barinov bringt uns in „Ein verlorenes Schatzhaus des Wissens: Das Ukrainische Wissenschaftliche Institut in Berlin und seine Bibliothek“ das Ukrainische Wissenschaftliche Institut in Berlin und seine Bibliothek als eine der größten Forschungseinrichtungen der ukrainischen Diaspora näher, die von 1926 bis 1945 in Berlin existierte. Das Institut diente dem Erhalt der ukrainischen Identität und der Vorbereitung der Eliten für die Zeit einer unabhängigen Ukraine.
Lea Garcia beschreibt in ihrem Text „Zwischen Erinnerung und Zugehörigkeit: Identitätserfahrungen in Chicagos litauischer DP-Community“ Aushandlungen kultureller Identität in der litauischen Diaspora in Chicago und die sich über drei Generationen mit unterschiedlichen Motivationen und Sichtweisen erstreckende Verbundenheit mit der Kultur des Herkunftslandes Litauen. Im Zentrum ihres Beitrags steht das Balzekas-Museum in Chicago.
Mittels eines Fotoalbums zeigt uns Sarah Grandke in ihrem Beitrag „‚Inmitten von Freunden‘ im Land der Täter:innen?: Was Fotos vom Leben polnischer Displaced Persons erzählen – und was nicht“ die verschiedenen Etappen einer polnischen Displaced Person von den DP-Camps in Bayern über die Alpen und den Äquator bis nach Australien. Eugeniusz Hejka war Kommandant eines DP-Lagers in der Nähe von Regensburg und konnte 1948 mit seiner Frau Kazimiera nach Australien auswandern. Die Autorin interessiert sich aber nicht nur für das Abgebildete, sondern auch für die Leerstellen, für das, was nicht abgebildet wurde. 
Mit „Diaspora des Übergangs. Schachspieler im DP-Lager Meerbeck 1946“ entführt uns Bernd-Peter Lange zu einem internationalen Schachturnier, das 1946 14 Spitzenspieler im DP-Camp Meerbeck zusammenbringt. Das Turnier ist ein Spiegelbild für die politischen Spannungen der Zeit, aber auch der Hoffnungen und der nicht einfachen Begegnungen von Bewohner:innen des Camps und der Dorfbevölkerung.
In den Jahren 1915/1916 kam es zu einem Genozid an den Armeniern, sodass seitdem gewissermaßen zwei Armenien existieren: jenes der Diaspora, das im Exil neue Erinnerungen und Identitäten formt(e) – und jenes der Menschen, die ihr Heil in der Republik Armenien such(t)en. Arpine Maniero erzählt uns in ihrem Beitrag „Auf der Suche nach Heimat: Armenische Diaspora zwischen Zugehörigkeit und Entfremdung“ die dazwischenliegende Geschichte von Rückkehrsehnsucht, Idealbildern und ernüchternden Realitäten.
Unter vier verschiedenen Blickwinkeln charakterisiert Triin Metsla die „Kunst im Zwischenraum: Estnische Künstler:innen im Exil zwischen Heimat, Verlust und Neubeginn“ und das lebhafte Kunstschaffen von Exilesten in DP-Camps. Diese sind: die kollektive nationalen Identität, der Umgang mit der neuen Umgebung, die Verarbeitung der Flucht und die Aufgeschlossenheit gegenüber der Kunst der Moderne. 
Benedikt Putz beleuchtet in seinem Beitrag „Keine ‚Stunde Null‘ nach der Shoah: Jüdische Displaced Persons und der lange Weg zum Neubeginn“ das Schicksal jüdischer Holocaustüberlebender in den Jahren 1945-1948, die die Kriegs- und die Nachkriegsereignisse in das Land der Täter:innen verschlug. Sie saßen zumeist über mehrere Jahre in den DP-Camps fest, bis sie entweder endlich ausreisen konnten oder aber in der neuen Bundesrepublik blieben. 
Anna Seidel zeigt in ihrem Text „Polnische Diaspora goes TikTok: Junge polnische Ethno-Comedy zwischen Selbstexotisierung und postmigrantischer Agency“ auf, wie die polnische Diaspora teils klischeehaft in der mutigen Form von Comedy in Social media präsentiert wird. Dabei stellt sie sich die Frage, ob in der Anonymität und Kurzlebigkeit von TikTok und Instagram-Inhalten der Grund für den massiven Aufschwung von Ethno-Comedy-Formaten auf TikTok zu suchen ist? Gleichzeitig sieht sie das Potential dieser Formate, die Diaspora selbst als identitätsstiftendes Zuhause zu definieren.
Die spannungsreichen Beziehungen zwischen der jüngsten moldauischen Diaspora und dem Staat Moldau in der Gegenwart, in denen die Zugehörigkeit von Auslandsmoldauer:innen zu ihrer Heimat teils in Frage gestellt wird, thematisiert Jana Stöxen in „‚Die Diaspora ist mit uns!’: Auslandsmoldauer:innen, ihr Herkunftsland und das Ringen um Zugehörigkeit“.

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