Zwischen Erinnerung und Zugehörigkeit

Identitätserfahrungen in Chicagos litauischer DP-Community
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Chicago gilt bis heute als wichtiges Zentrum der litauischen Diaspora. Diese ist eng verknüpft mit der Migration im Kontext des Zweiten Weltkriegs. Was verbinden Mitglieder der DP-Community heute mit ihrer Familiengeschichte? Und welche Identitätserfahrungen prägen ihren Alltag?
Wenn wir uns im Stadtviertel Marquette Park im Südwesten von Chicago auf Spurensuche1 begeben, stoßen wir schnell auf die Überreste einer Zeit, in der die litauische Diaspora-Community hier fest verankert war. Vom Denkmal für die berühmten litauisch-amerikanischen Piloten Steponas Darius (1896-1933) und Stasys Girėnas (1893-1933) ist es nicht weit zum Lithuanian Plaza Court, wo die Nativity of the Blessed Virgin Mary-Kirche bis heute Gottesdienste in litauischer Sprache abhält. Das nahegelegene Viertel Brighton Park ist ebenfalls eng mit diesem Kapitel der Stadtgeschichte verknüpft und Gründungsort des Balzekas Museum of Lithuanian Culture. Im Jahr 1966 wurde es von seinem Namensgeber Stanley Balzekas (1924-2020) mit dem Wunsch ins Leben gerufen, der Diaspora ein „home away from the homeland“ zu geben. Mittlerweile hat sich das Zentrum der litauischen Community in die westliche Vorstadt Chicagos verlagert, wo das Lithuanian World Center mit seinen vielseitigen Veranstaltungen eine beliebte Anlaufstelle bietet. All diese Institutionen tragen dazu bei, dass der Großraum Chicago als einer der wichtigsten Knotenpunkte der litauischen Diaspora weltweit gilt.
Die litauische Migration in die USA ist sehr vielseitig und wurde von verschiedenen historischen Erfahrungen geprägt. Es gibt mehrere Gruppierungen, die die lokalen Diaspora-Strukturen stark beeinflusst haben. Dazu gehören Menschen, die Litauen zu Zeiten des 
Russländisches Kaiserreich
rus. Российская империя, rus. Rossijskaja imperija, eng. Russian Empire, deu. Russisches Zarenreich, rus. Всероссийская империя, rus. Wserossijskaja imperija, deu. Kaiserreich Russland, deu. Russisches Kaiserreich, deu. Russisches Reich, deu. Russländisches Reich

Das Russländische Kaiserreich (auch Russisches Reich, Russisches Kaiserreich oder Kaiserreich Russland) war ein von 1721 bis 1917 existierender Staat in Osteuropa, Zentralasien und Nordamerika. Das Land war Mitte des 19. Jahrhunderts das größte zusammenhängende Reich der Neuzeit. Es wurde nach der Februarrevolution im Jahr 1917 aufgelöst. Der Staat galt als autokratisch regiert und wurde von ungefähr 181 Millionen Menschen bewohnt.

 verließen, zu dem 
Litauen
eng. Lithuania, lit. Lietuva

Litauen ist ein baltischer Staat im Nordosten Europas und wird von ungefähr 2,8 Millionen Menschen bewohnt. Vilnius ist die Hauptstadt und bevölkerungsreichste Stadt Litauens. Das Land grenzt an die Ostsee, Polen, Weißrussland, Russland und Lettland. Erst im Jahr 1918 erlangte Litauen Unabhängigkeit, die das Land nach mehreren Jahrzehnten der Eingliederung in die Sowjetunion 1990 wiedererlangte.

 von 1795 bis 1917 gehörte. Die Entscheidung auszuwandern war in diesem Kontext oft mit ökonomischer Not und Hunger oder auch mit der Angst vor Einberufung in die Armee verbunden. Ihre mitunter sehr harschen Lebensrealitäten in Chicago erlangten durch den 1906 erschienenen Roman „Der Dschungel” von Upton Sinclair (1878-1968) große Bekanntheit. Eine weitere wichtige Gruppe erreicht die Stadt seit dem Zerfall der 
Sowjetunion
eng. Soviet Union, deu. Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, rus. Sovetskiy Soyuz, rus. Советский Союз, . Совет Ушем, . Советонь Соткс, rus. Sovetskij Soûz, . Советий Союз, yid. ראַטן־פֿאַרבאַנד, yid. סאוועטן פארבאנד, yid. sovətn farband, yid. sovʿtn-farband, yid. sovətn-farband, . Советтер Союзу, . Совет Союзы, . Советон Цæдис, . Совет Эвилели

Die Sowjetunion (SU oder UdSSR) war ein von 1922 bis 1991 bestehender Staat in Osteuropa, Zentral- und Nordasien. Sie ist aus dem sog. Sowjetrussland hervorgegangen, dem Nachfolgestaat des Russländischen Kaiserreichs. Den Kern der Union und zugleich ihren größten Teil bildete die Russische Sowjetrepublik, hinzu kamen weitere Teilrepubliken. Ihre Zahl variiert über die Zeit hinweg und steht im Zusammenhang mit der Besatzung anderer Länder (Estland, Lettland, Litauen), nur kurzzeitig bestehenden Sowjetrepubliken (Karelo-Finnland) oder mit der Teilung bzw. Zusammenlegung von Sowjetrepubliken. Zusätzlich gab es zahlreiche autonome Republiken oder sonstige Gebietseinheiten mit einem Autonomiestatus, der sich im Wesentlichen auf eine sprachliche Autonomie der Minderheiten beschränkte.

Die UdSSR bestand vor ihrer formellen Auflösung aus 15 Sowjetrepubliken mit einer Bevölkerung von ungefähr 290 Millionen Menschen. Mit ca. 22,4 Millionen km² bildete sie den damals größten Flächenstaat der Welt. Die Sowjetunion war eine sozialistische Räterepublik mit einem Einparteiensystem und einer fehlenden Gewaltenteilung.

. Was ihre Erfahrungen wesentlich von denen anderer Mitglieder:innen der Diaspora unterscheidet, ist das persönlich Erleben der 
Litauische Sozialistische Sowjetrepublik
rus. Литовская Советская Социалистическая Республика, eng. Lithuanian Soviet Socialist Republic, lit. Lietuvos Tarybų Socialistinė Respublika, rus. Litovskaâ Sovetskaâ Socialističeskaâ Respublika

Die Litauische Sozialistische Sowjetrepublik (LiSSR) war erstmals ab 1940 und erneut ab 1944 - nach Ende der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg - eine der Unionsrepubliken der Sowjetunion. Ihre Gründung erfolgte aufgrund von manipulierten Wahlen nach der Besetzung des Landes durch die sowjetischen Truppen, die seit Oktober 1939 in Litauen stationierten. Die ersten Jahre nach der Vertreibung der deutschen Besatzer im Zweiten Weltkrieg und der Wiederherstellung der Sowjetmacht waren von einem Partisanenkrieg und Massendeportationen der litauischen Bevölkerung ins Innere der UdSSR. Insbesondere in den Städten wurde im großen Stil russischsprachige Bevölkerung angesiedelt. Am 1. März 1990 erklärte die Regierung Litauens die Unabhängigkeit des Landes, die erst am 6. September von der UdSSR anerkannt wurde.

. Bis heute kommen Mitglieder:innen dieser Gruppe nach Chicago und andere Städte der litauischen Diaspora in den USA und bringen ihre Erfahrungen und Geschichten in die lokalen Strukturen ein.

No Home To Go To? Das historische Erbe der DP-Community

Wenn heute von der litauischen Diaspora in den USA gesprochen wird, ist häufig von einer weiteren Gruppe der litauischen Community die Rede, die sich selbst als DP-Community bezeichnet. Die Abkürzung DP steht hierbei für  Displaced Person
Displaced Person
auch:
Displaced Persons
Nach dem Zweiten Weltkrieg nutzen die Alliierten den Begriff „Displaced Person“ (DP) für die rund elf Millionen Zivilpersonen, die sich kriegs- und verfolgungsbedingt außerhalb ihres Heimatstaates aufhielten. Dazu zählten vor allem befreite KZ-Häftlinge, Zwangsarbeiter und Zwangsverschleppte, Kriegsgefangene, Überlebende nationalsozialistischer Verfolgung, insbesondere aus Mittel- und Osteuropa, sowie diejenigen Personen und ihre Familien), die aufgrund ihrer Erfahrungen vor der erneuten sowjetischen Herrschaft im Baltikum nach Westen flohen. Sie litten häufig unter einer schlechten Gesundheit und waren mangelhaft ernährt. Die Alliierten und internationale Hilfsorganisationen bemühten sich, die DPs, die übergangsweise teilweise in ehemaligen Konzentrationslagern untergebracht waren, in ihre Heimatländer zurückzuführen.
, und beschreibt Menschen, die im Zuge des Zweiten Weltkriegs aus ihrer Heimat in andere Gebiete flüchteten. Viele Angehörige der litauischen DP-Community in Chicago, die diese Fluchterfahrung teilen, blieben, nachdem sie Litauen verlassen hatten, in sogenannten DP-Camps – also Geflüchteten-Unterkünften – in Deutschland, oft jahrelang. Der  Displaced Persons Act
Displaced Persons Act
Der „Displaced Persons Act“ war ein Gesetz, das unter dem damaligen Präsidenten Harry S. Truman vom US-amerikanischen Kongress verabschiedet wurde. Es regelte die Einwanderung von anfangs bis zu 200.000 Displaced Persons in die Vereinigten Staaten. Das Gesetz sah feste Quoten für Herkunftsregionen und einzelne Berufsgruppen vor, außerdem verlangte es einen vorausgehenden Aufenthalt in den amerikanischen, britischen oder französischen Besatzungszonen des Deutschen Reiches, Österreichs oder in Italien zu festgelegten Stichtagen. 1950 wurde das Gesetz, unter anderem aufgrund der inhärenten Diskriminierung jüdischer Geflüchteter, geändert und die Ausstellung weiterer 200.000 Visa für die USA entschieden.
, den die USA 1948 verabschiedete, bewegte viele zur Weiterreise in Städte wie Chicago, in denen es bereits lebendige litauische Communities gab. Wie prägen ihre Familiengeschichten ihre Identität und ihren Alltag bis heute? Beim Besuch der Ausstellung „No Home To Go To“ des Balzekas Museum of Lithuanian Culture geben uns Mitglieder:innen der litauischen DP-Community aus drei Generationen Antworten auf diese Fragen.
Im Stadtviertel West Lawn, im Südwesten Chicagos, befindet sich das 1966 gegründete Balzekas Museum of Lithuanian Culture. Es liegt ganz in der Nähe einer zentralen Institution der lokalen Diaspora-Community, der Redaktion der Zeitung Draugas, die seit 1909 litauischsprachige Nachrichten in den USA verbreitet. Dort widmet sich die Ausstellung „No home to go to: The story of Baltic Displaced Persons 1944-1952” dem historischen Erbe der DP-Community und ihren Erinnerungen. Gestützt durch zahlreiche Fotografien, Zitate aus Tagebucheinträgen und Interviews sowie gespendete und geliehene Objekte wird hier den Familiengeschichten der DP-Community Raum gegeben. Während eines Forschungsaufenthaltes in Chicago konnte ich die Ausstellung gemeinsam mit Mitglieder:innen der DP-Community besuchen, die in Interviews geteilt haben, was diese Geschichten und die ihrer eigenen Familie für sie bedeuten.

Erste Generation

Wie stark die „No home to go to“-Ausstellung mit den persönlichen Erinnerungen der DP-Community verknüpft ist, wird deutlich, als Antanas2 (87) bei einem gemeinsamen Besuch der Ausstellung plötzlich ausruft: 
“Oh, das ist das Camp, wo ich zur Schule gegangen bin!”
Nachdem er Litauen 1941 als Kind verlassen hatte, lebte er zunächst zehn Jahre lang in Deutschland. Antanas spricht noch immer Deutsch und berichtet stolz davon, dass bis heute viele deutschsprachige Bücher in seiner Bibliothek stehen. Auch seine Frau Zita (79) verließ Litauen bereits als Kind und verbrachte vor ihrer Weiterreise einige Jahre in einem DP-Camp in Deutschland. Beim Lesen einer Geschichte, die den Aufbruch einer Familie aus Litauen beschreibt, wirft sie ein:

Das hier ist fast genau das, was wir durchgemacht haben, und tatsächlich glaube ich, sie zu
>kennen […]. Auch wir mussten weggehen… Alles wurde an ein Pferd gespannt [...] und in
einen Zug umgeladen und dann [...] letztendlich auf das Schiff”

In Erinnerungen an ihre Ankunft in den USA im Jahr 1948 berichtet sie weiter, wie sie durch die Aufnahme in einen Verein für Folklore-Tanz und die Pfadfinder:innen schnell Anschluss an die litauische Diaspora-Community fand. In vielen US-amerikanischen Städten gab es zu dieser Zeit bereits soziale Strukturen und kulturelle Vereine, die im Zuge früherer Migrationsbewegungen entstanden waren. Für die Einreise von DPs in die USA war damals ein Sponsor erforderlich. Oftmals übernahmen Kirchengemeinden diese Rolle, in Zitas Fall ermöglichten bereits in den USA lebende Verwandte die Einreise ihrer Familie.

Zweite Generation

Wenn wir uns auf die drei zentralen Phasen der Migration – aus dem Russischen Kaiserreich, im Zuge des Zweiten Weltkriegs und nach Wiedererlangung der Unabhängigkeit – besinnen, ist bemerkenswert, dass sich oft noch die zweite und sogar die dritte Generation mit den Erfahrungen und Erzählungen identifizieren, die für die jeweilige Phase charakteristisch waren. Dieses Gefühl der Verbundenheit wird von den Interviewpartner:innen immer wieder offengelegt und scheint auch ohne das eigene Erleben dieser Migrationserfahrung mitunter sehr stark empfunden zu werden. So schildert Jonas (62), der selbst in den USA geboren ist, wie seine Eltern beide im Zuge des Zweiten Weltkriegs Litauen verlassen mussten und vor ihrer Weiterreise in die USA in deutschen DP-Camps untergebracht wurden. In Überlegungen, was diese Familienbiografie für ihn bedeutet und wie das heute seinen Alltag prägt, reflektiert er:

[Meine Eltern] wurden vom Krieg fortgerissen [...] Sie waren Bauern [...] und es lief eigentlich ziemlich gut [...] Meine Eltern wussten, dass sie aufgrund ihres wirtschaftlichen Erfolgs als Bauern [...] gehen mussten, weil sie sonst nach Sibirien verschifft worden wären und dort erfroren und gestorben wären. Also sind sie gegangen [...] Sie haben ihre Kuh an den Wagen gebunden [...] und sind von Litauen nach Deutschland gezogen […] Die meisten meiner Freunde sind Litauer [...] Es ist wie eine große erweiterte Familie. Selbst wenn du nicht befreundet bist, hast du plötzlich diese Verbindung [...] Ihre Eltern waren in der gleichen Situation […] Wir teilen also einen ähnlichen Hintergrund, die Erfahrung, wegen eines Krieges aus dem eigenen Land vertrieben zu werden… Ich meine, das ist eine große Katastrophe [...] Es gibt diese genügsame, einfallsreiche, fleißige Mentalität, die all diese Leute haben, die rüberkamen, sich anpassen mussten, um zu überleben, weil sie hierher kamen […], und sie mussten wieder bei Null anfangen, größtenteils mit der Sprache und dem Beruf, damit, sich zu etablieren, ein Haus zu bauen, Freunde zu finden [...] Die meisten von uns sprechen auch darüber, die Art von Werten, die unsere Eltern uns vermittelt haben, weil sie wieder neu anfangen mussten.

Zugleich verweist Jonas auch auf Unterschiede, die er seiner Einschätzung nach beim Vergleich der DP-Community zu anderen Gruppierungen der litauischen Diaspora wahrnimmt und zeigt damit auf, wie sich innerhalb der Diaspora voneinander abgegrenzt wird:

Sie kamen aus verschiedenen Gründen… Die Generation meiner Eltern kam wegen des Krieges […], davor kamen viele aus wirtschaftlichen Gründen. Viele kamen hierher, um einen Job zu finden [...] Die Gruppe, die nach der Unabhängigkeit hierher kam, die meisten kamen aus wirtschaftlichen Gründen [...] Diese Gruppe aus dem Zweiten Weltkrieg, sie hatten den Eindruck, dass sie nur vorübergehend hier sind [...] Mein Vater [...] dachte […], der Krieg wird vorbei sein […], wir gehen zurück [...] Deshalb haben sie die Sprache so sehr gepflegt, während die vorherige Generation [...] sich einfach anpassen wollten, sie wollten nicht zurückgehen. Es sind alles Litauer, aber oft wird darüber geredet, […], wie unterschiedlich sie sind, weil sie aus unterschiedlichen Gründen gekommen sind, sie haben unterschiedliche Prioritäten.

Dritte Generation

Dass Bewahrung und Weitergabe von Vorstellungen litauischer Kultur zum Teil auch noch für die Enkel:innengeneration eine wichtige Rolle spielt, zeigen die Schilderungen von Emilija (23):

Während ich aufwuchs, war wirklich jeden Tag der Woche irgendeine litauische Aktivität […]. Wir gingen zur litauischen Kirche, dann gab es die Jugendgruppe, [...] die litauische Tanzgruppe, den Chor, die Samstagsschule, den litauischer Basketball-Club[.]

Auch Emilijas Großeltern haben Litauen im Zuge des Zweiten Weltkriegs verlassen und vor ihrer Weiterreise in die USA in deutschen DP-Camps gelebt. Bei ihrem Besuch der „No home to go to“-Ausstellung erkennt sie die Geschichte ihrer eigenen Großeltern in den geschilderten Familienbiografien wieder. Sie erzählt, wie eindrücklich die Erfahrungen dieser Generation für sie sind. Insbesondere das Erlebnis, ihre Heimat verlassen zu müssen, und der starke Wunsch, die Traditionen und Kultur am Leben zu halten, sind in ihren Augen Bestandteile ihrer Geschichte, die von großer Relevanz sind.
Die Erinnerungen der DP-Community beziehen sich häufig auf die sogenannte Zwischenkriegszeit – also die kurze Phase zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg. Diese erinnerten Bilder von Litauen, die durch Erzählungen bewahrt und von Generation zu Generation weitergegeben werden, stehen oft in Kontrast zum heutigen Land. Das Aufeinanderprallen dieser Vorstellungen schildert Emilija in Erinnerungen an ihre erste Reise nach Litauen:

In vielerlei Hinsicht war es genau, was ich mir vorgestellt hatte, und in anderen Punkten war es überhaupt nicht, was ich mir vorgestellt hatte. Es war das erste Mal […], dass ich mich vor allem amerikanisch gefühlt habe […]. Außerdem habe ich zum ersten Mal realisiert, dass es sozusagen verschiedene Typen von Litauer:innen gibt […]. Weißt du, ich habe mein ganzes Leben damit verbracht, hier aufzuwachsen und von meinen Eltern und Großeltern erzählt zu bekommen: Oh, wir sind 100% litauisch! [...] Und dann gehst du dorthin und denkst: Warte mal, diese Leute sind völlig anders als ich […]. Ich bin zwar immer noch litauisch, aber es ist auf jeden Fall anders als die modernen Litauer:innen, die dort leben.

Vielfalt und Wandel

Wenn wir nochmal zum Beginn unserer Spurensuche in der litauischen Diaspora-Community von Chicago zurückkehren, so tragen nicht nur die unterschiedlichen historischen Migrationsphasen zu unterschiedlichen Alltagserfahrungen im Kontext von Familiengeschichte und Identität bei. Die Stimmen der DP-Community zeigen zugleich, wie vielfältig das Erleben sowohl innerhalb der Community als auch innerhalb der Generationen ist. 
Mit seinen etablierten Institutionen und einer Vielzahl an Menschen, die sich vor Ort für ihren Erhalt engagieren, wird der Großraum Chicago sicher auch in Zukunft ein lebendiger Ort der litauischen Diaspora in den USA bleiben. Und so wie vorherige Phasen der Migration die Gemeinschaft mit ihren unterschiedlichen Erinnerungen geprägt und verändert haben, werden sich auch neue Migrationsgeschichten in den Alltag der litauischen Community einschreiben. So wird in den kommenden Jahren zunehmend zu sehen sein, wie eine neue junge Generation aus Litauen, die die sowjetische Zeit nicht mehr selbst erlebt hat, neue Spuren in der Chicagoer Diaspora-Community hinterlassen wird.

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