The Central Powers and Ukraine in the Light of their Current Mutual Economic Relations

In his article in the journal “Osteuropäische Zukunft”, the author discusses “reciprocal” economic relations between the Ukrainian state and the German Reich, which are based on the one-sided supremacy of the German Reich.

Transcriptions

Transcription (German)

Die Mittelmächte und die Ukraine im Lichte ihrer gegenwärtigen wechselseitigen Wirtschaftsbeziehungen
Von Hanns Dohrmann, Berlin-Charlottenburg
Die Ukraine […] ist ein ausgesprochener Agrarstaat und wird wohl auch in Zukunft stets ein Agrarstaat bleiben. Die anbaufähige Fläche des Landes, 39 ¼ Deßjatinen, hat einst fast allein das Getreide für den russischen Verbrauch, vor allem aber für den russischen Getreide-Export geliefert. Wird man sich beispielsweise dessen bewußt, daß die Ukraine im Jahre 1913 bei einer Produktion von 1069 Millionen Pud Getreide 469 Millionen Pud nach dem Ausland exportierte, also etwa die Getreidemenge, die in diesem Jahre als Exportmenge Gesamtrußlands verzeichnet stand, so begreift man sehr wohl, daß die Ukraine die Kornkammer des einstigen Zarenreiches gewesen ist. Die engen wirtschaftlichen Beziehungen, die der Frieden von Litauisch-Brest nun zwischen den Mittelmächten und der Ukraine geknüpft hat, machen den jungen Agrarstaat zum Getreidelieferanten des mitteleuropäischen Staatenbundes und geben der Ukraine in Mitteleuropa ein günstiges Absatzgebiet für ihre reiche agrarische Ueberproduktion. In der Ukraine gewinnen die Mittelmächte ihrerseits einen ausgedehnten Markt für ihre Industrieerzeugnisse; denn abgesehen davon, daß die industriearme Ukraine auf fast allen industriellen Gebieten von einer starken Einfuhr abhängig ist, wird das Land auf Jahrzehnte hinaus mit einer umwälzenden Reform seiner Agrarverhältnisse und landwirtschaftlichen Kultur beschäftigt sein und zu diesem Zwecke der Einfuhr großer Mengen landwirtschaftlicher Hilfsmittel und der Erzeugnisse landwirtschaftlicher Industrie der Mittelmächte bedürfen. Zwischen den Mittelmächten und der Ukraine wird sich also nach menschlichem Ermessen auf Jahrzehnte hinaus ein gesundes gegenseitiges Austauschverhältnis anbahnen, in dessen Rahmen sich für beide Teile Ausfuhr und Einfuhr in günstigster Weise zu ergänzen versprechen.
Freilich bestehen zurzeit infolge des Krieges, den Gesamtrußland verloren hat, und noch mehr infolge der revolutionären Zerrüttung des gesamten Ostens Zweifel daran, wie ukrainischerseits Ausfuhr und Einfuhr finanziert bezw. finanziell gewährleistet werden soll. Die Finanzverhältnisse im jungen ukrainischen Staatswesen sind nämlich vollkommen unhaltbar und werden es immer mehr, je länger der maximalistische großrussische Staat die Ukraine in finanzielle Mitleidenschaft zieht. 11 Milliarden kranker russischer Rubel, ein Teil der wahllos und planlos ganz ohne Gewähr und Deckung in Großrußland verkehrenden 40 Milliarden Papierrubel, kursieren als fast völlig entwertete Zahlungsmittel in der Ukraine und schwächen die Kauf- und Tauschkraft des Landes in bedrohlicher Weise. Es ist daher begreiflich, daß die ukrainischen Finanzpolitiker entschlossen sind, sich auch finanziell endgültig von Großrußland zu emanzipieren. Mit Hilfe ausländischen Kredites und einer Absperrung der ukrainisch-großrussischen Grenze, die sich durchführen lassen wird, wenn zwischen diesen beiden Staaten einmal Friede geschlossen ist, kann vielleicht eine Neugestaltung des Bankwesens in der Ukraine durchgeführt werden. Es gibt bereits Anzeichen dafür, daß in dieser Richtung gearbeitet wird: Vertreter aller zurzeit in der Ukraine funktionierenden Banken interessiert die Frage einer Verschmelzung aller Kijiwer Filialen der Petersburger Banken zu einer allukrainischen Bankorganisation auf das lebhafteste.
[…]
Was die Ausfuhrmöglichkeiten der Ukraine nach den Mittelmächten anbetrifft, so kommen selbst verständlich fast ausschließlich agrarische Produkte in Betracht, neben ihnen aber natürlich auch andere Waren, und zwar vornehmlich: Getreide, Mühlenerzeugnisse, Fleisch, Fett, Zucker, Gemüse, Kohle und etwas Erz (speziell für Oesterreich). Als Ausfuhrstraßen kommen, da sich die Landwege und Eisenbahnen im noch wenig erschlossenen Gebiet als unzulänglich erweisen dürften, hauptsächlich die Flußläufe des Landes, allen voran Dnjepr und Dnjestr, das Schwarze Meer und die Donau in Betracht. Die gesamte Ausfuhr wird daher wohl über Odessa gehen, dieses verheißungsvolle „Hamburg der Ukraine“. Es ist noch zu bemerken, daß für verschiedene wichtige Nahrungsmittel, die aus der Ukraine nach Deutschland und Oesterreich ausgeführt werden sollen, so für Fleisch und lebendes Vieh, Syndikate gebildet worden sind, an denen in bezug auf das Deutsche Reich die in Frage kommenden Reichsbehörden, vor allem die Zentral-Einkaufs-Genossenschaft, mit 51 Prozent beteiligt sind, während dem Handel die Uebernahme der verbleibenden 49 Prozent überlassen ist.
Was im besonderen das Getreide als Ausfuhrartikel der Ukraine anbetrifft, so muß zuvor im Auge behalten werden, daß es schwer fällt, die Ausfuhrmengen zu erfassen, daß die Preise unter dem Einfluß der wirren Zeit sehr hoch sind und daß man sich daher keinen übermäßigen Illusionen hingeben darf, selbst im Hinblick darauf, daß die neue Kijiwer Regierung hoffentlich Ordnung im Lande schaffen wird. Dasselbe gilt von den ukrainischen Lieferungen an lebendem Vieh, Schweinen und Eiern. […] Laut Vertrag hat die Ukraine Deutschland im übrigen bis zum Juli dieses Jahres zu liefern: 160 000 Rinder, die an der Grenze geschlachtet werden, Schweine und 400 bis 500 Millionen Eier zum Preise von 40 bis 50 Pfg. pro Stück, von denen Deutschland sechs Zehntel, Oesterreich vier Zehntel erhalten soll.
Ein anderes wesentliches Ausfuhrprodukt der Ukraine ist die Kohle. Nach den Berechnungen Tschernyschews, die sehr gründlich und genau sind, beträgt der Kohlen- und Anthrazit-Vorrat der Ukraine 44,7 Milliarden Tonnen bei einer Förderungsmöglichkeit bis zu 1800 Meter Tiefe. Der Vorrat reicht also für Jahrhunderte […]. Nimmt man nun an, daß deutsche Ingenieure und einer vermehrte Arbeiterzahl, leistungsfähiges Kapital und intensives Arbeiten die Förderungsmöglichkeit in Zukunft bedeutend steigern werden, so ist alles Aussicht vorhanden, daß die Kohle neben dem Getreide ein wesentlicher Exportartikel der Ukraine werden wird, wenn auch nicht ausschließlich nach den Mittelmächten, die ihren Bedarf zum größten Teil zu Hause decken, so doch nach den kohlearmen Rndstaaten im Nordosten, nach Großrußland und nach Polen. Dreiviertel des gesamten russischen Kohlenbedarfs hat bezeichnenderweise die Ukraine geliefert.
An Industrieerzeugnissen ist die Ukraine, wie gesagt, arm; trotzdem wird auch ein ukrainisches Industrieerzeugnis als Ausfuhrartikel in Betracht kommen, und zwar der ukrainische Zucker. Die Zuckerindustrie des Landes, die sich fast ausschließlich in großrussischen, nur zum Teil in polnischen Händen befindet, ist international-moskowitisch orientiert. Bisher machte sie nämlich dank den Petersburger Staatsbestellungen glänzende Geschäfte. Wird einmal der großrussische Maximalismus abgewirtschaftet haben, so werden die großrussischen Sympathien der politisch einflußreichen ukrainischen Zuckerindustriellen fraglos wieder zur Geltung gelangen. Da das in deutschem Interesse selbstverständlich nicht erwünscht ist, wird im Bereich der Mittelmächte ein günstiges Absatzgebiet für den ukrainischen Zucker geschaffen werden müssen, um die in Betracht kommenden Kreise umzustimmen. Hingewiesen sei schließlich noch darauf, daß sich in der Südukraine, besonders in Odessa und im Schwarz-Meer-Gebiet, eine nicht unbedeutende Zementindustrie entwickelt. Dürfte diese in Zukunft auch fast ausschließlich für das Inland produzieren, da die ukrainischen Bauaussichten überaus günstig sind, so ist eine Ausfuhr von Zement doch nicht ganz ausgeschlossen.
Zur Ausfuhr speziell nach Oesterreich hält die Ukraine endlich Eisen- und Manganerze bereit. Es sollen bis zum 31. Juli 1918 37,5 Mllionen Pud solcher Erze nach der Donaumonarchie exportiert werden. Dadurch wird der der österreichischen Hochofenindustrie zur Verfügung stehende Erzvorrat um 20 Prozent vermehrt, und eine entsprechende Mehrproduktion ist gewährleistet. Man muß annehmen, daß das meiste Erz in verarbeitetem Zustand wieder an die Ukraine zurückgehen wird. Bedarf doch Oesterreich, das der Ukraine seine Industrieerzeugnisse hauptsächlich in Gestalt landwirtschaftlicher Hilfsmittel liefern soll, vermehrter Rohprodukte zum Zwecke einer intensiveren Fabrikation.
Es ist also ein ungeheures Warenquantum, das aus der Ukraine nach den Mittelmächten exportiert werden soll. Um einer eventuellen Verschleuderung der Exportwerte vorzubeugen, hat die ukrainische Regierung ein Ausfuhrverbot für Metalle und Gummi, roh oder verarbeitet, erlassen; ferner besteht ein allgemeines Verbot der Ausfuhr nach Rumänien und Beßarabien.
Der Ausfuhr entsprechend, regelt sich die Einfuhr nach der Ukraine. In Betracht kommen natürlich vor allem solche Industrieerzeugnisse der Mittelmächte, die praktische Anwendung in der ukrainischen Landwirtschaft finden; zur Ausfuhr werden demnach, um nur einiges zu nennen, vornehmlich gelangen: landwirtschaftliche Maschinen, Viehketten, Viehkessel, Spaten, Hacken, Schaufeln, Holzäxte, Drahtstifte, Solinger Stahlwaren, Dengelzeuge, Emaille- und Steingutwaren, Remscheider Handwerkszeuge, Gemüsemesser, Haushaltungsgegenstände, Sensen, Nähmaschinen, Papiersäcke, Drogen und Chemikalien. Allein eine Million Sensen ist angefordert. Bemerkenswert ist, daß die deutschen landwirtschaftlichen Maschinen und Geräte schon Jahre vor dem Kriege in der ukrainischen Einfuhr an erster Stelle standen.
Neben der Landwirtschaft und dem Handel bedarf das ukrainische Bauwesen der Einfuhr aus Mitteleuropa in hervorragender Weise. Millionen von Neubauten müssen im Lande vorgenommen werden. Liefert das Inland auch Bausteine, Ziegel und sogar Holz in genügender Menge, so ist die Ukraine doch darauf angewiesen, alles übrige Material für Neubauten an Wohnstätten, Fabriken und Ställen einzuführen; der deutschen Bauindustrie bietet die Ukraine jedenfalls ein großes und reiches Tätigkeitsfeld. Auch Wege und Straßen und Kanäle, die sich zurzeit noch in üblem Zustande befinden, müssen teils ausgebessert und vervollkommnet, teils ganz neu angelegt werden; von Eisenbahnen ganz abgesehen, soll das Land durch ein weitverzweigtes Netz neuer Landstraßen neu erschlossen werden.
Es bieten sich den Mittelmächten also sehr große Absatzmöglichkeiten in der Ukraine. Bisher ist freilich verhältnismäßig wenig Ware in die junge Republik eingeführt worden, was ja der bedauerlichen Tatsache entspricht, daß die Getreidelieferungen der Ukraine auch noch nicht recht vonstatten gehen wollen. Bis zum 15. Mai die deutsche Ausfuhr-Gesellschaft mit bedingter Haftung, der vom Staat möglichst freie Hand gelassen wird, sechs Züge, bestehend aus 170 mit Exportartikeln beladenen Wagen, nach der Ukraine gehen lassen. Weit mehr hat freilich Oesterreich-Ungarn exportiert: im Gesamtwert von 80 Millionen Kronen sind 770 Wagen mit Waren über die österreichisch-ukrainische Grenze nach Kijiw und den anderen Handelszentren des Landes gerollt. An Stelle der Ausfuhrgesellschaft in Deutschland besteht in Oesterreich-Ungarn ein kapitalkräftiges „Syndikat für die Ausfuhr nach der Ukraine“. Die aus Ungarn auszuführenden Waren werden dabei meist auf dem Wasserwege über die Braila an ihren Bestimmungsort geleitet.
Es ist zu hoffen, daß auch der deutsche Handel bald rühriger neben den österreichischen tritt; wir sind zurzeit unseren Bundesgenossen gegenüber bedenklich ins Hintertreffen geraten!

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